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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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II

Dank der außergewöhnlichen Größe der Zeit, in der sich der Krieg abgespielt hatte, waren manche Briefe so lange auf der Post liegengeblieben, daß sie ihre Bestimmungsstation erst nach Jahren erreichten. Der Brief, den Friedrich im Winter des Jahres 1915 an Hilde geschrieben hatte, kam ihr im Frühling des Jahres 1919 in die Hände, zu einer Zeit, in der sie längst nicht mehr Fräulein Hilde von Maerker war, sondern die Frau des Herrn Leopold Derschatta oder von Derschatta, wie er nach der österreichischen Revolution zu heißen nicht mehr das Recht hatte. Man nannte ihn immerhin Herr Generaldirektor, weil man in den mitteleuropäischen Ländern niemanden gerne eines Ranges beraubt und sich durch den Titel, den man aussprechen darf, ebenso geehrt fühlt wie durch einen, den man selbst trägt.

Der Herr von Derschatta war tatsächlich Generaldirektor während der letzten zwei Kriegsjahre gewesen, nachdem er als Oberleutnant in der Reserve mit einem leichten Steckschuß im Ellenbogen, den er dem Feind über die Deckung hinaus überflüssigerweise entgegengehalten hatte, aus dem Feld zurückgekehrt war. Seine Feinde – denn ein Generaldirektor hat immer Feinde – behaupteten, er hätte sich schließlich mit Recht aus der Affäre gezogen. Aber hören wir nicht auf seine Feinde! Ihre Verleumdungen haben keine Bedeutung. Selbst wenn wir annehmen, der Steckschuß wäre kein Zufall gewesen – wie vielen half schon ein Steckschuß? Wen rettete ein Steckschuß vor der Rückkehr ins Feld? Nein, der Herr von Derschatta, der bei Kriegsausbruch wie Hildes Vater Bahnhofkommandant geworden war, obwohl er seinem Alter nach nicht im Hinterland hätte bleiben sollen, und der nur infolge eines Versehens ins Feld ging, eines Versehens, für das ein Major im Kriegsministerium noch später büßen sollte – dieser Herr von Derschatta bedurfte keiner Steckschüsse. Er hatte Protektion. Seine Familie, die aus Mähren stammte, hatte seit Generationen Staatsbeamte geliefert, Ministerialräte, Offiziere, und nur ein einziger Derschatta hatte Begabung gezeigt und war Schauspieler geworden – und der trug einen anderen Namen. Beziehungen zu einer der ältesten Familien des Landes leiteten sich vom Urgroßvater Derschatta her, der ein simpler Verwalter gräflicher Güter gewesen war. Welch ein Glück für den Urenkel! Denn der Nachfahre jener Grafen war heute ein mächtiger Mann im Staate, und wer sein Freund hieß, brauchte den Krieg nicht zu scheuen. Herr von Derschatta war entschlossen, die Front nicht mehr aufzusuchen, als er mit dem endgültig geheilten Arm das Spital verließ. Er begab sich, den Arm des Effektes wegen immer noch in der schwarzen Binde, in jenes Amt, wo sein Freund regierte. Er schritt unaufhaltsam – gewissermaßen sein eigenes Schicksal – durch lange, leere, hallende Gänge und andere, enge Korridore, in denen ganze Haufen von Zivilpack auf Pässe, Bewilligungen und Legitimationen warteten, er salutierte nachlässig, sooft ein Amtsdiener aufsprang, der dank einem beruflichen Ahnungsvermögen sofort erriet, daß hier ein Oberleutnant mit Beziehungen wanderte, und erreichte nach einigen Auskünften die Tür seines Freundes. Er blieb genau zehn Minuten in freundschaftlichem Gespräch: »Exzellenz«, sagte er, »habe mir erlaubt –«

»Weiß schon«, erwiderte die Exzellenz, »habe den Brief vom Herrn Papa erhalten. Was gibt's Neues? Was macht die Fini?«

»Exzellenz sind sehr liebenswürdig«, sagte Herr von Derschatta.

»Wie immer, wie immer!« meinte die Exzellenz, »ein prachtvolles Mädel!«

Und als der Oberleutnant aufstand, ließ der Graf wie von ungefähr die Worte fallen, als dächte er etwas laut, was seinen Gast gar nichts anging:

»Wird morgen schon erledigt.«

Damit meinte der Graf nichts anderes als die Kartoffelzentrale, deren Aufgabe es war, den freien Handel mit Erdäpfeln einzudämmen und Wucherpreise zu verhüten. Die Kartoffelzentrale leitete damals noch ein Fachmann, einer der reichsten Landwirte, der trotz seiner Felddiensttauglichkeit schon dreimal als unentbehrlich bezeichnet worden war und der zu seinem Unglück seit einem halben Jahr nicht mehr seinen Gönner im Ernährungsministerium aufgesucht hatte. Aus den Augen, aus dem Sinn! Als das Militär neuerdings den Gemüsehändler anforderte, wurde er zur Überraschung selbst des Militärs nicht mehr für unentbehrlich gehalten. Unentbehrlich war vielmehr der Herr von Derschatta geworden. Und mit der einleuchtenden Begründung, daß eine Kartoffelzentrale in so ernsten Zeiten dem Kriegsminister ebenso unterstehen muß wie dem Ernährungsminister, wurde der Oberleutnant als Angehöriger der Armee bestimmt, zwischen dem Kriegsminister und den Früchten des Bodens einen dauernden Zusammenhang herzustellen.

Herr von Derschatta hieß also nunmehr Generaldirektor, wobei es nicht ausdrücklich bekanntgemacht wurde, daß dies sein Titel sei. Aber hätte man ihn etwa Herr Oberleutnant nennen sollen, in einer so ernsten Zeit, in der jeder zweite Rechtsanwalt ein Oberleutnant war? Irgend jemand hatte den Titel Generaldirektor aufgebracht. Und von nun an hieß es: »Generaldirektor Derschatta«. Zwar erschien einige Wochen später jener Landwirt wieder, der hier einmal unentbehrlich geherrscht hatte. Aber in welch einem Jammerzustand! Er hatte vier Wochen lang exerzieren müssen. So lange dauerte es, bis seine Familie die entscheidende Protektion gefunden hatte. Schließlich war er wieder zu seinen Erdäpfeln eingerückt, aber nicht mehr als Souverän, sondern als sachverständiger Berater Derschattas, und er mußte sich mit dem Titel Direktor begnügen.

Derschatta, der ein vorsichtiger Mann von Natur war, sah den Landwirt nicht gerne in seiner Nähe. Zwei kriegstaugliche Männer nebeneinander taten nicht gut. Er brauchte übrigens dringend einen Sekretär und fürchtete, gleich drei Männer dem Schützengraben zu entziehen. Er versuchte also, zuerst den Landwirt loszuwerden. Aber der saß jetzt fest. Hierauf verzichtete er auf den Sekretär und entschloß sich, nach einer Sekretärin Ausschau zu halten.

Hilde, die schon längst der Krankenpflege müde geworden war und die sich auch einbildete, eine Tätigkeit beim Roten Kreuz entspräche mehr ihrem gütigen Herzen als ihrem Intellekt, suchte schon seit Monaten nach einer Stellung im öffentlichen Dienst und sozusagen als rechte Hand eines bedeutenden Mannes. Frau G., ihre Freundin, die Herrn Derschatta kannte, machte Hilde auf ihn aufmerksam. Herr von Derschatta schätzte weibliche Anmut. Und da es in jener ernsten Zeit nicht mehr ungewöhnlich war, Töchter aus guten Häusern an Schreibmaschinen zu setzen, die sowohl dem Vaterland als auch der Emanzipation dienten, lernte Hilde schnell stenographieren und wurde Sekretärin.

Sie war nach der Sitte ihrer Zeit stolz darauf, ihr »Brot zu verdienen«. Ihr Vater war müde geworden, zermürbt von den Mahnungen seiner Haushälterin, die er immer noch nicht geheiratet hatte, und von der Opposition seiner Tochter; er war seines Dienstes am Bahnhof schon müde, der Krieg dauerte ihm zu lange, er sehnte sich schon wieder nach seinem stillen Büro, dem friedlichen Kasino, einem mürben Mohnkipfel, sein Magen vertrug das Maismehl so schlecht, und kurz und gut: Er ließ seine Tochter ohne Widerspruch Sekretärin werden.

Er hätte es trotz seiner Müdigkeit nicht getan, wenn er Herrn von Derschatta genauer gekannt hätte – und allerdings auch seine Tochter. Denn Hilde, die von der Lächerlichkeit der alten Moral ebenso überzeugt war, wie von ihrer Selbständigkeit, von der Entdeckung, welche die Mädchen der bürgerlichen Stände während des Krieges gemacht hatten, daß eine Frau über ihren Körper verfügen könne, wie sie wolle, entzückt war, setzte schon der Theorie zuliebe den Forderungen, die Herr Derschatta an eine Sekretärin stellte, keinerlei Widerstand entgegen. Es war eine Zeit, in der die Frauen, während sie mißbraucht wurden, sich der Einbildung hingaben, sie seien verpflichtet, etwas zu tun, wodurch sie sich von ihren Müttern unterschieden. Während die Konservativen die bekannte Lockerung der Bande beklagten, wurde die Jungfernschaft von den Männern als ein seltenes Phänomen bezeichnet und von den Backfischen als eine Last empfunden. Manche Frauen kamen gar nicht zum Genuß, weil sie den Geschlechtsverkehr als eine Verpflichtung ausübten und weil der Stolz, daß sie lieben durften wie die Männer, sie mehr befriedigte als die Liebe. Der Herr von Derschatta hatte es nicht nötig, Liebe zu heucheln. Hildes Ehrgeiz, die Männer nur nach ihren körperlichen Fähigkeiten in der gleichen Weise beurteilen zu können, wie die Männer ihrer Ansicht nach die Frauen beurteilten, schaltete von vornherein alle Bemühungen Derschattas aus. Ohne eine Spur von Leidenschaft oder Lust, einfach aus prinzipiellen Gründen, ließ sich Hilde mit dem Herrn Generaldirektor ein, in den Dienststunden selbstverständlich, weil sie da gleichzeitig das Bewußtsein behalten durfte, die »rechte Hand« eines wichtigen Funktionärs zu sein. Wenn sie an diesem Abenteuer überhaupt etwas reizte, so war es die Neugier. Aber selbst noch in die Neugier mischte sich eine Art naturwissenschaftlicher Forschungseifer. Und die Liebesstunden verliefen wie die Bürostunden, von denen man sie ja nur gewissermaßen subtrahierte, in einer kühlen Lüsternheit, die sich ähnlich anfühlte wie das braune Leder des Bürodiwans, auf dem sie sich vollzogen. Der gelbe Bleistift und das Stenographieheft lagen indessen auf dem Teppich und warteten, bis sie in Funktion traten, denn der Herr Generaldirektor liebte es nicht, die Zeit zu vergeuden, und er begann zu diktieren, noch während er an der Wasserleitung den Forderungen der Hygiene zu genügen beflissen war. Es war, könnte man sagen, ein Liebesidyll nach Gabelsberger System, und es entsprach vollkommen dem Ernst der Zeit und der Gefahr, in der sich das Vaterland befand.

Es wäre gewiß ohne Folgen geblieben, wenn nicht das Schicksal einen Bürodiener namens Wawrka eingemischt hätte. Wawrka war bis zur Ankunft Derschattas unentbehrlich gewesen, und er hatte sich daran gewöhnt, den Krieg als einen Vorgang zu betrachten, der sein Leben nicht gefährdete. Der Herr Generaldirektor aber, dem daran gelegen war, möglichst wenig gesunde Männer in seiner Nähe zu haben, hob die Unentbehrlichkeit Wawrkas auf. Dieser bat in einer langen Audienz den Herrn Generaldirektor um Nachsicht. Der arme Mann fiel vor dem großen Herrn Derschatta in die Knie. Er berief sich auf seine zahlreiche Familie, auf sechs Kinder – er hatte in der Not zwei hinzuerfunden –, auf seine kranke Frau, die allerdings in Wirklichkeit gesund war. Aber des Herrn Generaldirektors Angst um das eigene Leben machte ihn noch härter, als er von Natur war: Es blieb dabei, Wawrka sollte einrücken.

Der arme Mann beschloß, Rache zu nehmen. Er wußte, wer Hildes Vater war, und mit seinem simplen Gehirn, das die Weltanschauung eines emanzipierten Mädchens nicht verstand, nahm er an, daß die Vorgänge auf dem Sofa, die er belauschte, die Folgen einer Verführung nach gutem altem Muster seien. Bei den Herrschaften, dachte er in seiner Einfalt, gibt es eine Ehre, die man verliert, schützt, durch ein Duell rächt oder durch einen Pistolenschuß. Er sah den Generaldirektor schon tot im Büro, mit einem Schuß in der Schläfe, den alten Herrn von Maerker gebrochen und dennoch stolz und schweigsam daneben und – was das wichtigste war – sich selbst wieder unentbehrlich und gerettet. Und er ging zu Herrn von Maerker und erzählte ihm, was er erspäht und erlauscht hatte. Der Herr von Maerker dachte im Grunde nicht anders als Wawrka. Einen Ministerialrat und Rittmeister zwangen die Gebote der gesellschaftlichen Ehre, den Verführer der Tochter zur Rede zu stellen. Und mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der von seiner Tochter keine Ahnung hat, aber die Traditionen einer alten Ritterlichkeit im Blut, begab sich Herr von Maerker, eine Reitpeitsche in der Hand, zum Herrn Generaldirektor.

Herr von Derschatta war um jeden Preis entschlossen, nicht zu sterben, weder an der Front noch im Hinterland. Um sein Leben zu retten, spielte er den geständigen Sünder, aber auch den qualvoll Verliebten, und er bat den Herrn von Maerker um die Hand seiner Tochter. Hilde hätte gerne ihre Geschlechtsfreiheit fortgesetzt, sah aber ein, daß sie eine Katastrophe verhüten müsse. Sie brachte den Vorurteilen ein Opfer, heiratete und tröstete sich mit der Aussicht auf eine freie, moderne Ehe, in der beide Teile machen konnten, was sie wollten.

Aber sie hatte sich geirrt. Denn ihr Mann, der früher ihre Ansichten über die Geschlechtsfreiheit der Frau geteilt hatte, betrachtete auf einmal die Ehe als eine heilige Institution und war entschlossen, wie er sagte, die »Ehre seines Hauses« zu wahren. Ja, er wurde sogar eifersüchtig. Er ließ seine Frau überwachen. Er engagierte eine neue Sekretärin und setzte mit ihr seinen gewohnten Dienst fort. Wawrka ging an die Front und dürfte inzwischen gefallen sein. Hilde aber bekam ein Kind. Es war nur eine Vorsichtsmaßregel ihres Mannes gewesen. Sie empfand es als einen Beweis ihrer Demütigung. So hatte er ihr mit Hilfe der Natur bewiesen, daß es des Weibes Schicksal war, unfrei zu sein und ein Gefäß für Nachkommen. Sie haßte das Kind, einen Jungen, der seinem Vater mit tückischer Absicht ähnlich sah. Nun war sie von zwei Derschattas umgeben. Wenn der eine ins Büro ging, schrie der andere in der Wiege. Oft schliefen sie beide in ihrem Bett. Sie hatte niemanden in der Welt. Mit ihrem Vater konnte sie nicht sprechen, er verstand nicht, was sie sagte. Ihre einzige Freundin, Frau G., gab ihr billige Ratschläge. Sie solle ihren Mann betrügen. Das wäre die einzige Rache. Aber Herr von Derschatta war mißtrauisch und vorsichtig und ein Haustyrann nach altem Muster. Und weit und breit gab es keinen Mann, mit dem es sich gelohnt hätte, die Ehe zu brechen. Denn Hilde war kritischer geworden. Das Unglück macht wählerisch.

Es kam der Umsturz. Herr von Derschatta verlor seine Beziehungen, seinen Rang und seinen Adel. Einen Beruf hatte er nie gehabt. Man schränkte sich ein. Man entließ das Kindermädchen und nahm eine billige Köchin. Man gab keine Abende und besuchte keine Gesellschaften. Herr von Derschatta verlor seine Sekretärinnen und konzentrierte seine ganze Männlichkeit auf seine Frau. Er wurde noch eifersüchtiger. Ein zweites Kind kam, ein Sohn, dem Vater ebenso ähnlich wie der erste und von Hilde ebenso gehaßt. Herr von Derschatta stürzte sich in den Handel. Er knüpfte Beziehungen mit Angehörigen der verhaßten, aber klugen Rasse der Börsenjuden an. Im Auftrag eines von ihnen übersiedelte er nach Berlin, um an den Börsen deutscher Städte seinen Auftraggeber zu vertreten. Man hatte kein Vertrauen in seine Kenntnisse. Aber er war nach den Begriffen reicher und häßlicher Menschen eine »vornehme Erscheinung« und in Deutschland »repräsentativ«. Kein Tropfen jüdischen Blutes konnte ihm nachgewiesen werden. Und er war ein Adeliger.

Er lebte von Luftgeschäften, die er kaum begriff. Er verkehrte mit dicken Leuten, die er verachtete und die er gleichzeitig respektierte und fürchtete. Er versuchte, ihnen ihre »Tricks« abzuhorchen. Denn er glaubte, es wären Tricks. Er wußte nicht, daß Generationen Gemarterter und Pogromierter, im Getto eingesperrter und zu Wechselgeschäften gezwungener Ahnen dazu gehörten, um gute Geschäfte zu machen. Er wurde einer jener furchtsamen Antisemiten, die aus Respekt zu hassen beginnen und die sich tausendmal im Tag sagen, sooft ihnen ein Geschäft mißlingt und sooft sie glauben, der andere hätte sie überlistet: Wenn ich noch einmal zur Welt komme, werde ich ein Jude. Ein gutes Teil seiner schlechten Laune kam daher, daß es so schwierig war, noch einmal geboren zu werden. Und weil er mit seinen Geschäftsfreunden und Bekannten nicht von seinem privaten Leiden sprechen konnte, schüttete er sein Herz vor Hilde aus. Sie ließ ihn reden, sie tröstete ihn nicht, sie freute sich eigentlich über sein Pech. Sie war hochmütig und gehässig. Der Generaldirektor, der mit der Fixigkeit eines Schwächlings die Grundsätze der neuen Welt guthieß und die der alten verachtete, was er eine »Umstellung« nannte, gab zu erkennen, daß seine Heirat eine übereilte Sache gewesen war und die Folge einer reaktionären Weltanschauung. Er dachte über seine Ehe wie über seinen Patriotismus und seine Kriegsauszeichnung und seine monarchistische Gesinnung. Von der ganzen alten Welt, die so schnell zusammengebrochen war, hatte er nichts übrigbehalten als diese dumme Ehe, deren Voraussetzung ein dummes Ehrenprinzip gewesen war. Heute? Heute würde sich kein vernünftiger Mensch mit einem alten, trotteligen Ministerialrat über die Ehe seiner Tochter in ein Gespräch einlassen. Pistole, Reitpeitsche, Duell, Zeremonien! Welch ein Theater! Hätte ich Hilde nicht geheiratet, dachte er bitter, ich bekäme jetzt die Tochter eines reichen Juden. Blonde Arier sind stark gefragt. Manchmal geriet er in Zorn. Er hatte keine Uniform und keinen Titel mehr und keine Standesehre. Weit und breit keine Vorschrift, die ihn zwingen konnte, Haltung zu bewahren. Er ließ sich gehen. Eine Tür krachte, ein Stuhl fiel um, seine Faust fiel auf die Tischplatte, die Hängelampe begann, leise zu zittern. Hilde riß die Augen weit auf. Der Schmerz schnürte ihr schon die Kehle zu, die Tränen begannen schon, in den Augenwinkeln zu brennen. Nur nicht weinen, dachte sie, nur nicht vor ihm weinen! Ich werde lieber versuchen, mich zu wundern, mich nur zu wundern. Welch ein Tier. Ein Metzger. Sein Nacken rötete sich zuerst, von rückwärts stieg das Blut in sein Gesicht. Auf seinen breiten Handrücken sträubten sich die Härchen. Sie mußte schnell an jemanden denken können, schon das Denken war ein Trost. Und sie dachte an ihren Vater, der sich hundertmal im Tag überwand, der doppelt höflich war, wenn er in stummen Zorn geriet, der das Haus verließ, wenn er etwas Unangenehmes zu sagen hatte. Der Vater! Aber er war alt und töricht und hatte sie nie verstanden. Selbst wenn er jetzt da wäre, er würde sich höchstens mit ihrem Mann schießen.

Sie erinnerte sich an Friedrich. Sie sah ihn nicht mehr deutlich. Sie erinnerte sich seiner, aber nicht wie eines lebendigen Menschen, sondern eher wie an eine Art »interessanter Erscheinung«. Ein junger Idealist, ein Revolutionär. Und nicht einmal konsequent. Er war schließlich wie die andern. Er ist eingerückt und wahrscheinlich gefallen, dachte sie.

Sie hörte auch nicht auf, an Friedrich zu denken, als es dem Generaldirektor gelang, nach der überwundenen Inflation wieder zu einer ansehnlichen und repräsentativen Stellung zu gelangen, der Leiter eines Stahlkonzernbüros in Berlin zu werden und den Umständen entsprechend in eine bessere Laune zu geraten.

Eines Tages brachte ihr das Dienstmädchen einen Brief. Der Umschlag war von vielen Stempeln übersät. Anmerkungen von mehreren Postämtern kreuzten sich an den Rändern. Die runden Stempel lagen da wie Orden auf einer Brust. Der Brief erinnerte an einen Krieger, der aus einem heißen Gefecht kommt. Er trug ihre alte Adresse, ihren Mädchennamen, nach dem sie sich so sehnte, und sie betrachtete den Brief mit jener Zärtlichkeit, mit der sie sich manchmal an ihre Mädchenzeit erinnerte. Es war auf jeden Fall ein lieber Brief, er hatte sie aufgesucht, nach langen Mühen und Irrfahrten, es war ein treuer, anhänglicher Brief. Er kommt von einem, der längst tot ist, dachte sie, und dieser Einfall verdoppelte ihre Zärtlichkeit. Sie schnitt ihn sorgfältig auf. Es war der letzte Brief Friedrichs.

Er war ihr sofort nahe, nach dem ersten Wort. Sie erinnerte sich an seinen Gang, seinen Gruß, seine Bewegungen, seine Stimme, seine Schweigsamkeit, seine Hand. Sein Angesicht sah sie nicht mehr deutlich. Sie fühlte an ihrem Arm seine zagen Berührungen, sie roch die Luft des abendlichen Regens, durch den sie zusammen gegangen waren, und sah die Dämmerung in dem kleinen Kaffeehaus. Ein plötzlicher Schmerz hemmte ihre Erinnerungen. Er war tot. Er war in der Wirrnis der Zeit untergegangen. In einem Gefängnis gestorben, verhungert, hingerichtet. Ich müßte Trauer anlegen, dachte sie, Trauer anlegen. Er war der einzige Mensch, dem ich je begegnet bin. Und wie habe ich ihn behandelt!

Aber als ihr Mann das Zimmer betrat, war ihre Trauer verschwunden oder in den Hintergrund verdrängt oder von einem hellen Triumph überzogen. Der Herr Generaldirektor wunderte sich über die gute Laune seiner Frau. Sie ärgerte ihn, er wußte nicht, warum. Welch einen Grund hat sie, so fröhlich zu sein? Ich habe heute schon wieder Ärger gehabt. Ich werde ihr die Laune verderben. Und laut: »Warum bist du so ausgelassen?« Sie sah ihn an und erwiderte nicht. Sie fühlte keinen Schmerz in der Kehle, und sie war sicher, daß sie nicht weinen würde. Der Brief lag in der Schublade und strahlte geheime Kräfte aus. Derschattas Söhne kamen vom täglichen Spaziergang. Sie hatten gesunde, rote, leere Gesichter und stritten sich ewig. Sie schickte die Kinder mit dem Mädchen weg. Sie aß nicht. Zum erstenmal sah sie genau, wie sich ihr Mann am Tisch benahm. Er hatte doch schon als Kind gelernt, wie man Messer und Gabel hielt, und dennoch aß er wie ein Wilder. Sein Blick irrte über die schmalen Kolonnen der entfalteten Zeitung, und sein Löffel hob sich tastend, wie ein Blinder, zum Mund. Obwohl ihn irgendeine Nachricht zu beschäftigen schien, verminderte sie doch nicht seine behagliche Freude am Essen. Welch ein Appetit! dachte Hilde, als wäre Appetit eine degradierende Eigenschaft. Wie merkwürdig sich manche Leute benehmen. Es war ihr, als wäre ihr Mann ein Fremder, den sie im Restaurant getroffen hätte. Er ging sie gar nichts an. Sie war frei.

Auf welche Weise konnte sie etwas über Friedrichs Schicksal erfahren? Wenn sie mutiger wäre, könnte sie in die Welt gehn, nach Rußland fahren, ihn suchen. Sie verwarf diesen romanhaften Einfall. Dennoch schien es ihr, daß man nichts romanhaft empfinden könnte, wenn man liebte. Was war noch merkwürdiger als das, was sie bis jetzt erlebt hatte? Ihre ersten Begegnungen, seine Abfahrt, seine Gefangenschaft in Sibirien, seine Rückkehr, sein Verschwinden und schließlich dieser Brief! Kam er nicht wie vom Himmel zu ihr geleitet? War er vielleicht ein Hilferuf, den sie zu spät vernahm? Es war alles wunderbar, kein Zweifel, und sie durfte sich vor einer unwahrscheinlichen Tat nicht fürchten.

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