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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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Drittes Buch

I

Der Zug brauchte mehr als achtzehn Stunden, um die kurze Strecke zwischen Kursk und Woronesch zurückzulegen. Es war ein kalter und klarer Wintertag. Ein paar karge Stunden schien die Sonne so kräftig von einem dunkelblauen, fast südlichen Himmel, daß die Männer an jeder der häufigen Haltestellen aus den kalten und finsteren Waggons hinaussprangen, die Röcke ablegten wie bei einer schweren Arbeit im heißen Sommer, sich mit dem knirschenden Schnee wuschen und von der Luft und der Sonne trocknen ließen. Im Verlauf dieses kleinen Tages hatten sie alle gebräunte Gesichter bekommen wie die Leute im Winter auf den sportlichen Höhen der Schweiz. Aber die Dämmerung kam plötzlich, und ein scharfer, kristallener, gleichmäßiger, singender Wind verschärfte die finstere Kälte der langen Nacht und schien den Frost unaufhörlich zu schleifen, damit er noch schneidender und spitzer werde. Den Fenstern der Waggons fehlten die Scheiben. An ihre Stelle hatte man Bretter angebracht, Zeitungspapiere und Stoffetzen. Hier und dort flackerte verloren ein kleines Kerzenstümpfchen, festgeklebt auf irgendeinem zufälligen, metallenen Vorsprung an einer Wand oder an einer Tür, dessen Zweck niemand mehr hätte erklären können, und der, so armselig er auch aussah, nur dank seiner Zwecklosigkeit an den längst verschwundenen Luxus der Züge und des Reisens erinnerte. Es waren Wagen erster und dritter Klasse, wie es sich gerade traf, zusammengekoppelt worden, aber alle Passagiere froren. Jedesmal stand ein anderer auf, streifte die Stiefel ab, hauchte hinein, rieb mit den Händen die Füße und zog wieder sorgfältig die Stiefel an, als würde er im Laufe dieser Nacht es nie mehr nötig haben, sie auszuziehen. Andere hielten es für besser, sich alle paar Minuten auf die Zehenspitzen zu stellen und hüpfende Bewegungen zu machen. Einer beneidete den andern. Jeder glaubte, der Nachbar hätte es besser, und man hörte im ganzen Zug nur Gespräche über die vermutliche Güte und Wärme dieses Mantels und jener Pelzmütze. Unter den Ärmeln eines Soldaten hatte ein Kamerad graue und rotgestreifte Pulswärmer entdeckt, deren Herkunft sich der Besitzer selbst nicht erklären konnte. Er schwor, daß sie gar nichts nützten. Einer, ein Mann in den Vierzigern mit einem wild gewachsenen, roten Bart, der an einen Henker, einen Waldgeist und einen Schmied zugleich erinnerte, aber noch vor zwei Jahren einen friedlichen Handel mit Nahrungsmitteln betrieben hatte, wollte unbedingt die Pulswärmer sehen. Seit der Revolution, in der er alles verloren hatte, war er von einer Armee zur anderen gewandert, bis er endgültig bei den Roten blieb. Er spielte die Rolle eines vielerfahrenen Mannes und eines Propheten, der alles voraussehen konnte. Manches erriet er. Bei aller Harmlosigkeit des Herzens konnte er kaum eine Stunde leben, ohne einen Streit anzufangen. Es sah aus, als langweilte ihn sein so abwechslungsreiches Leben. Der Besitzer der Pulswärmer war ein schüchterner Bauernjunge aus der Gegend von Tambow, der sie aus Scham nicht hergeben wollte. Er mußte sie sich schließlich von seinem Nachbarn abstreifen lassen, der ein Matrose war, ein Allerweltskerl, ein Taschenspieler, ein Koch und ein Schneider, mit dem Gesicht eines Provinzschauspielers. Der Matrose kannte derlei Gegenstände und erklärte, die Engländer hätten die Pulswärmer erfunden und das ganze menschliche Leben steckte eigentlich in den Pulsen. Daher brauchte man nur sie zu schützen, um sich einen Pelz zu ersparen. Einer nach dem andern zog die wollenen Stückchen an und erklärte, sie heizten wirklich wie Öfen. Der Matrose glaubte zu wissen, das Mädchen, das diese Pulswärmer dem Jungen aus der Tambower Gegend geschenkt hatte, wärme noch besser, und alle fragten, ob es wahr sei.

Die Männer, die sich eben über die Wärme unterhielten, kamen von der sibirischen Front, wo sie die tschechischen Legionäre zurückgeschlagen und wo sie gehofft hatten, längere Zeit zu bleiben und sich von einem Sieg, der in ihren Augen ein entscheidender war, in Wirklichkeit aber nur einen provisorischen Erfolg bedeutete, ein paar Wochen zu erholen. Statt dessen mußten sie in die Ukraine, wo ihnen die Kälte grausamer erschien als in Sibirien, obwohl ihnen ihr Kommandant, der Genosse Berzejew, jeden Tag mit einem Thermometer in der Hand bewies, daß sie mehr als fünfundzwanzig Minusgrade nicht erreichte. Der Rotbärtige sagte, es gäbe nichts, das weniger sicher wäre als Quecksilber. Er selbst hätte einmal Fieber gehabt und vom Doktor ein Thermometer in den Mund gesteckt bekommen. Als er es herauszog, zeigte es nicht mehr als sechsunddreißig Grad, also ebensoviel wie zum Beispiel ein Fisch. Indessen hätte der Doktor gesagt, der Puls wäre zu schnell für so wenig Wärmegrade, und so sei es auch schließlich mit dem Frost. Warum hätte man auch zwei oder gar drei Arten von Wärme- und Kältegraden? Weil sich eben selbst die Männer der Wissenschaft nicht einig wären, ob Celsius oder Reaumur.

In der Tat froren die Truppen mehr, weil sie langsamer vordrangen, wieder zurückweichen mußten und weil sie es im Süden mit besser organisierten und zahlreicheren feindlichen Kräften zu tun hatten. Auch waren sie immer noch erschöpft von der langen Fahrt, nach der sie sofort wieder in den Kampf geraten waren. Der kleine Bewegungskrieg war ihnen so selbstverständlich geworden, wie es einmal der große Weltkrieg gewesen war, und ebenso, wie sie geduldig monatelang vor der Festung Przemysl und in den Karpaten gelegen waren, ebenso natürlich wurden ihnen jetzt die kurzen Eilmärsche, die schleppenden Eisenbahnfahrten, das hastige Ausgraben des Bodens, der Sturmangriff auf ein Dorf und der Kampf um einen Bahnhof, das Handgemenge in der Kirche und das plötzliche Schießen in den Gassen, gedrückt in den Schatten eines Torbogens. Sie wußten, was morgen kommen sollte, sobald sie die Eisenbahn verließen, aber sie dachten nicht an den Kampf, sondern an Thermometer und Pulswärmer, an allgemeine Dinge und Alltäglichkeiten, an die Politik und an die Revolution. Ja, an die Revolution, von der sie so sprachen, als hätten sie selbst nur wenig mit ihr zu tun und als verliefe sie irgendwo außerhalb ihrer Reihen, und als wären sie nicht eben im Begriff, Blut für sie zu vergießen. Nur manchmal, wenn zu ihnen eines der Flugblätter und eine der schnellen Zeitungen kamen, wurden sie sich bewußt, daß eben sie selbst Revolution waren. Es gab in diesem Eisenbahnzug nur einen, der keinen Augenblick vergaß, wozu und in wessen Namen er kämpfte, und der es den Soldaten immer wieder sagte: Es war Friedrich.

Nach drei langen Monaten, die ihm wie Jahre erschienen waren, kam er in Kursk wieder mit Berzejew zusammen. »Sooft ich dich wiedersehe«, sagte Berzejew, »erscheinst du mir anders! Das war schon damals so, als wir uns auf der Flucht immer wieder trennen mußten. Man könnte sagen, du veränderst dein Gesicht noch schneller als deinen Namen.« Seit seiner Rückkehr nach Rußland trug Friedrich jenes Pseudonym, unter dem er Artikel in den Zeitungen veröffentlicht hatte. Er gestand es nicht einmal Berzejew, daß er im stillen seinen neuen Namen liebte wie eine Art von Rang, den man sich selbst verleiht. Er liebte ihn als den Ausdruck seiner neuen Existenz. Er liebte die Kleidung, die er jetzt trug, die Wendungen, die in seinem Gehirn und auf seiner Zunge lagen und die er unermüdlich hersagte und niederschrieb; denn er fand eine Wollust gerade in der Wiederholung. Hundertmal schon hatte er vor den Soldaten dasselbe gesagt. Hundertmal schon hatte er in Flugblättern das gleiche geschrieben. Und jedesmal erfuhr er, daß es bestimmte Worte gab, die sich niemals abnutzten und etwa den Glocken glichen, die immer den alten Klang erzeugten, aber auch immer einen neuen Schauder, weil sie so hoch und unerreichbar über den Köpfen der Menschen hängen. Es gab Laute, die nicht von menschlichen Zungen geformt, sondern mitten unter die Tausende von Worten der irdischen Sprache von unbekannten Winden getragen, verweht worden waren aus überweltlichen Sphären. Es gab das Wort »Freiheit«! Ein Wort, so unermeßlich wie der Himmel, so unerreichbar einer menschlichen Hand wie ein Gestirn. Dennoch geschaffen von der Sehnsucht der Menschen, die immer wieder nach ihm griff, und getränkt von dem roten Blut Millionen Toter. Wie viele Male hatte er schon die Phrase »Wir wollen eine neue Welt!« wiederholt. Und immer war die Wendung ebenso neu wie das, was sie ausdrückte. Und immer wieder fiel sie wie ein plötzliches Licht über ein fernes Land. Es gab das Wort »Volk«. Sprach er es vor den Soldaten aus, vor diesen Matrosen und Bauern und Tagelöhnern und Arbeitern, die er für Volk hielt, so war es ihm, als hielte er einem Licht einen Spiegel entgegen, der es verstärkte. Wie hatte er sich damals, als er noch kluge Vorträge vor den jungen Arbeitern hielt, um neue und deutlichere Worte bemüht, und wie wenig gab es eigentlich zu sagen. Wie viele nutzlose Worte zählte die Sprache, solange die wenigen einfachen noch nicht ihr Recht, ihr Maß und ihre Wirklichkeit hatten. Brot war nicht Brot, solange es nicht alle aßen und solange sein Klang von dem des Hungers begleitet wurde wie ein Körper vom Schatten. Man kam mit wenigen Gedanken, ein paar Worten und einer Leidenschaft aus, die keinen Namen hatte. Sie war Haß und Liebe zugleich. Er glaubte, sie in seiner Hand zu halten wie ein Licht, mit dem man leuchtet und mit dem man ein Feuer anzündet. Vertraut war ihm der Mord geworden wie Trinken und Essen. Es gab keine andere Art des Hassens. Vernichten, vernichten! Was die Augen tot sahen, das allein war verschwunden. Erst die Leiche des Feindes war nicht mehr Feind. In verbrannten Kirchen konnte man nicht mehr beten. Es schien, daß alle seine Kräfte sich in dieser einen Leidenschaft versammelt hatten wie Regimenter auf dem Schlachtfeld. In ihr war der Ehrgeiz seiner Jugendtage, der Haß gegen den Onkel seiner Mutter und die Vorgesetzten im Büro, der Neid gegen die Kinder der reichen Häuser, die Sehnsucht nach der Welt, die törichte Erwartung der Frau, die wunderbare Seligkeit, mit der man in ihr versank, die Bitterkeit seiner einsamen Stunden, seine angeborene Tücke, sein geübter Verstand, die Schärfe seines Auges und selbst noch seine Feigheit und seine Neigung zur Furcht. Ja, auch mit Hilfe der Angst gewann er Schlachten. Und mit jener blitzschnellen Klugheit, von der man nur in Sekunden der Lebensgefahr begnadet ist, begriff er die fremden Gesetze der militärischen Strategie. Er übersetzte ins Taktisch-Militärische, was ihm seine angeborene Tücke seit seiner frühesten Jugend diktiert hatte. Er wurde ein Meister in der Kunst, den Feind zu belauschen. In vielen Verkleidungen ging er in die Dörfer und Städte des Gegners. Dem mutwilligen Spiel seiner Phantasie, den romantischen Neigungen seiner Natur, den gefährlichen Ausflügen, die ihm seine private Neugier diktierte, waren keine Grenzen gesetzt. Weder konnte ihn in der Verwirrung dieses Bürgerkrieges ein vorgesetztes Kommando überwachen, noch war der Feind gut genug organisiert, um eine nüchterne Unternehmung nach den nüchternen Regeln des modernen Krieges anzufangen. Man überschätzt die Gefahr, wenn man sie nicht kennt, dachte Friedrich. In Wirklichkeit ist sie ein Zustand, an den man sich gewöhnt wie an ein bürgerliches Leben mit geregelten Mittagsstunden. Man kann geradezu von einem Spießertum der Gefahr sprechen. – Die alte Frage Parthageners: »Haben Sie es nötig gehabt?« hörte er lächelnd in seinen Ohren klingen, und lächelnd antwortete er: »Ja!« Er hatte es nötig gehabt! Man kommt nicht wehrlos, heimatlos und geächtet auf eine feindliche Welt und läßt ihr ihren Lauf. Man hat seinen Verstand nicht, um ihn in den Dienst der Dummheit zu stellen, und die Augen nicht, um Blinde zu führen. »Ich hätte Minister werden können!« sagte er zu Berzejew nicht ohne einen kleinen Stolz. »Trotz allem. – Wir ziehen es vor, die Minister aufzuhängen.«

»Ich hätte dich für klüger gehalten«, antwortete Berzejew, »du warst so gescheit unentschlossen, so angenehm richtungslos, so privat, ohne öffentliche Leidenschaft ...«

Friedrich fiel ihm ins Wort: »Es ist nicht meine Welt, in die ich zufällig durch die Geburt gefallen bin. Ich hatte nichts in ihr zu tun. Ich habe jetzt etwas zu tun. Ich lebte immer in dem Gefühl, meine Zeit versäumt zu haben. Ich wußte nicht, daß ich sie noch erleben würde.«

Er führte seinen eigenen Krieg. Er hatte persönlich mit der Welt abzurechnen. Er hatte seine eigene Taktik. Berzejew nannte sie eine »antimilitärische«. »Es ist eine unbürgerliche«, erwiderte Friedrich. »Die des bürgerlichen Generals ist eine wortlose, also eine geistlose. Der bürgerliche Kommandant kämpft mit Hilfe des Befehls, wir kämpfen mit Hilfe der Rede.« Und er versammelte noch einmal – zum drittenmal in dieser Woche – seine Kameraden und sagte noch einmal die alten neuen Worte »Freiheit« und »neue Welt«.

»Eure Offiziere im Großen Krieg haben euch ›Stillgestanden!‹ kommandiert. Wir, eure Genossen Kommandanten, rufen euch das Gegenteil zu: ›Vorwärts!‹ Eure Offiziere haben euch befohlen, das Maul zu halten. Wir fordern euch auf, ›Es lebe die Revolution!‹ zu rufen. Eure Offiziere haben euch befohlen zu gehorchen. Wir bitten euch zu verstehen. Dort hat man euch gesagt: ›Sterbt für den Zaren!‹ Und wir sagen euch: ›Lebt!‹ Aber wenn ihr sterben sollt, dann für euch selbst!« Ein Jubel erhob sich. »Es lebe die Revolution!« schrien die Leute. Und schüchtern flüsterte Berzejew: »Du bist ein Demagoge.«

»Ich glaube an jedes Wort, das ich sage«, erwiderte Friedrich.

Sobald sie in einen eroberten Ort einrückten, ließ er die verhafteten Bürger vorführen. Sie standen in einer Reihe vor ihm, er studierte ihre Gesichter. Ein stiller Wahn beherrschte ihn. Er fand Ähnlichkeiten zwischen den Fremden und den Gesichtern bekannter Bürger. Er haßte die ganze Klasse, wie man eine bestimmte Art von Tieren haßt. Der eine sah aus wie der Schriftsteller, den er bei Hilde getroffen hatte, der andere wie der Dr. Süßkind, der sich überhaupt häufig wiederholte, der dritte wie der preußische Oberst, der vierte wie der sozialdemokratische Parteiführer. Er ließ sie alle wieder gehen. Einmal geriet ihm ein harmloser Bankdirektor in die Hände, dessen Gesicht ihm bekannt vorkam. Er wußte sich nur nicht genau zu erinnern. »Wie heißt du?« fragte er. »Kargan«, flüsterte der Mann. »Bist du ein Bruder Kargans aus Triest?« »Ein Vetter!« »Wenn du ihm schreibst«, sagte Friedrich, »grüße ihn von mir.« Der Mann fürchtete eine Falle. »Ich schreibe ihm nie!« sagte er. »Wie groß ist dein Vermögen?« fragte Friedrich. »Alles verloren!« stammelte der Mann. »Ich hatte ein blühendes Geschäft!« erzählte er weiter. »Fünfzig Angestellte in der Bank! Und eine kleine Fabrik!« »Das Bild eines Herrschers!« sagte Friedrich zu Berzejew, »in feudalen Zeiten war ein Herr über fünfzig Angestellte ein Herr. Der da ist eine Schnecke, der Vetter des Onkels meiner Mutter.« Er sah zu, wie die großen Tränen über das Gesicht des Direktors rannen.

Einmal begegnete er auf der Straße einem Mann, der noch ein paar Überreste einer alten Eleganz behalten hatte. Friedrich blieb stehn. »Laß ihn laufen, komm!« sagte Berzejew. »Ich kann nicht«, meinte Friedrich. »Ich muß mich erinnern, wem er ähnlich sieht.« Der Mann fing an zu rennen. Sie verfolgten ihn, hielten ihn fest. Friedrich sah ihn genau an. »Ich weiß schon!« rief er und ließ den Fremden los. »Er sieht dem Operettenkomponisten L. ähnlich. Erinnerst du dich an die Photographie in den illustrierten Blättern? Er hat so eine Walzercourage im Gesicht.« Und zufrieden begann er zu singen. »Es gibt Dinge, die muß man vergessen, sie sind zu schön, um wirklich zu sein ...«

Er wußte allerdings nicht, daß er allmählich selbst anfing, ein Objekt illustrierter und nichtillustrierter Zeitungen der bürgerlichen Welt zu werden, deren größter Teil noch lange nicht vernichtet war. Er wußte nicht, daß die Berichterstatter von zehn großen Blättern seinen Namen hinaustelegraphierten, sooft sie nichts anderes mitzuteilen wußten, und daß sich die gewaltige Maschinerie der öffentlichen Meinung seiner bemächtigte, jener Mechanismus, der die Sensationen erzeugt, das Rohmaterial der Weltgeschichte. Er las keine Zeitungen. Er wußte nicht, daß er jeden dritten Tag in der Reihe der Männer figurierte, die unter dem Titel »Die blutigen Henker« eine ständige Rubrik in der Presse bildeten, neben der Rubrik über Boxer, Operettenkomponisten, Dauerläufer, Wunderkinder und Aviatiker. Er unterschätzte – wie alle einsichtigeren seiner Genossen auch – die geheimnisvolle Technik der defensiven Methode der Gesellschaft, die darin bestand, das Außergewöhnliche durch Übertreibung wie durch Detaillierung gewöhnlich zu machen und durch tausend »wohlinformierte Quellen« bestätigen zu lassen, daß die Rätsel der Zeitgeschichte aus authentischen Vorgängen bestehen. Er wußte nicht, daß diese Welt zu alt geworden war für Räusche und daß die Technik sich der legendären Stoffe bemächtigen konnte, um ewige Wahrheiten in aktuelle zu verwandeln. Er vergaß, daß die Grammophone da waren, um die Donner der Geschichte wiederzugeben, und der Film, um die Blutbäder wie die Pferderennen aufzunehmen.

Er war naiv, denn er war ein Revolutionär.

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