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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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XVI

Wir brechen hier die Zitate aus Friedrichs Tagebuch ab. Seine Eintragungen werden nämlich von nun an immer seltener. Sein Tagebuch enthält nur mehr Nachrichten allgemeiner Natur, die inzwischen einen historischen Wert bekommen haben mögen, aber uns in diesem Zusammenhang nicht interessieren. Wir wissen, daß seine oben zitierte Befürchtung, der Krieg würde nicht aufhören, falsch gewesen ist. Es bleibt uns übrig, mitzuteilen, daß er an einem Tag jenes denkwürdigen Vorfrühlings des Jahres 1917 die Schweiz verließ, in dem die Welt anfing, ihr altes Angesicht wieder einmal zu verändern. Es war in der Zeit, in der die rebellische Duma in kurzen zwei Tagen die Verhaftung des Zaren beschloß. Die intellektuellen Revolutionäre und die Arbeiter demonstrierten am Newskij-Prospekt. Die ersten 83 Toten der russischen Revolution lagen auf den nassen Steinen und rollten in die schmelzenden Schneehaufen, der Zar nimmt zum letztenmal Abschied von seinen weinenden Offizieren. Rodzianko, Goutschkoff, Kerenski und Schipow übernahmen die Macht, Skoropadski stellt sich dem deutschen Kaiser zur Verfügung. Der russische General Lukomski diktiert im Großen Hauptquartier die Abdikationsurkunde, der General Alekrejeff teilt es der ganzen russischen Front mit, daß Rußland aufgehört hatte, ein Zarenreich zu sein, und der historisch gewordene Eisenbahnzug führt die Führer der endgültigen russischen Revolution durch Deutschland nach Petrograd. Der Zar ist in Pskow. Er erhält alle Telegramme, in denen seine Armeeführer ihr Einverständnis mit seiner Abdankung erklären. Und während Rußland anfängt, sich in eine demokratische Republik zu verwandeln, wohnt im Petrograder Hotel Kschesinska schon der Mann, der die Sowjetrepublik vorbereitet. Der Frühling ist launenhaft wie immer, der Schnee schmilzt, zerrinnt und gefriert wieder. Friedrich und Berzejew arbeiten in Moskau. Sie haben Zugang zu einem Waffenarsenal und fahren jede Nacht, nur von dem bestochenen Posten gesehn, eine Anzahl Gewehre und Munition in Stroh verdeckt auf kleinen, flinken Wagen in die Fabriken.

Zum zweitenmal – und wie damals, als er mit Kapturak und den Deserteuren durch den Grenzwald ging, glaubt er, den Schrei eines ganzen Volkes zu hören. Er erinnert sich an die fünf Deserteure. Sie waren im ersten Morgengrauen auf einmal und wie auf ein Kommando stehngeblieben, um Abschied von der Heimat zu nehmen. Wo mochten sie jetzt sein? Krüppel auf dem harten Asphalt amerikanischer Städte, gemordet in den Gefängnissen der Welt, von Seuchen in Konzentrationslagern zu Schatten gedörrt, verfolgt von Polizisten oder längst verfault in Gräbern. Er erinnert sich an graue Polizeistuben, engstirnige Schreiber, harte, steinerne Fäuste von Wachtmeistern und weiche, schleimige Hände von Spitzeln, vierkantige Bajonette, die Pyramide der bürgerlichen Welt, und Staatsanwälte unter Kaiserbildern, die Magier der herrschenden Gesellschaftsklasse. Er hört den rasselnden Klang der Ketten und das schmetternde Blech der Marschkompaniekapellen. Er sieht die Offiziere, die wie die Halbweltlerinnen des Kriegs geschnürt durch die Etappen gingen, und die Maler in phantastischen Uniformen, die Heiligenbilder von Kriegskommandanten malten, die Journalisten, die Wahrsager des modernen Bürgertums, und die Majore mit den jüdischen Witzen, die Hebammen und die patriotisch gewordenen Grünhuts, die Ausspeisung der Bettler und die Gesellschaft der Literaten bei Hilde.

»Wir zerstören diese Welt!« sagte er zu Berzejew. Sie rollen durch die finstern Straßen der Vorstädte, als Bauern verkleidet, die aus ihren Dörfern kommen, um morgen auf den Märkten Grünzeug zu verkaufen. Die sauber verpackten Gewehre liegen lautlos im Stroh. Man sieht die Sterne fern und kalt glänzen wie immer, und man fühlt den Frühling, der anrückt wie immer, und den Wind, der ihn aus Südwesten heranweht wie jedes Jahr. Auf den holprigen Kopfsteinen der Straße schlagen die Hufe der Pferde ein unaufhörliches Feuerwerk aus kurzen Funken, die aus dem Nichts erglühn und ins Nichts verlöschen.

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