Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Roth >

Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
Schließen

Navigation:

II

Achtundvierzig Stunden später kam er in der kleinen Grenzstadt an, wo die Familie Parthagener die Filiale der Schiffsgesellschaft leitete. Der alte Parthagener besaß seit mehr als vierzig Jahren die Herberge »Zur Kugel am Bein«. Sie war das erste Haus auf der breiten Straße, die von der Grenze zur Stadt führte. Hier kehrten die Flüchtlinge und Deserteure ein und begegneten der reinen und stillen Heiterkeit des Alten mit dem silbernen Bart, der ein Beweis für den blinden Willen der Natur zu sein schien, alle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Sünden oder Verdienste schließlich mit der weißen Farbe der Würde zu bekleiden. Eine blaue Brille trug der Herr Parthagener über seinen schwachen und sonnenscheuen Augen. Sie vertieften nur noch die Stille seines Angesichts und erinnerten an einen dunklen Vorhang über dem Fenster einer hellen und klaren Häuserfront. Die aufgeregten Flüchtlinge faßten zum Alten sofort Vertrauen und ließen ihm einen guten Teil ihrer mitgebrachten Habe.

Die drei Söhne Parthageners hatten dank ihrer weißen Marinemützen und meerblauen Armbinden einen amtlichen und seemännischen Charakter. Sie verteilten unter die Emigranten illustrierte Prospekte, in denen man dunkelgrüne Weiden, gescheckte Kühe, Hütten mit aufsteigendem blauem Rauch, grenzenlose Tabak- und Reisfelder betrachten konnte. Aus den Prospekten wehte ein satter und fetter Frieden. Die Flüchtlinge bekamen Heimweh nach Südamerika, und die Parthageners verkauften Schiffskarten.

Nicht alle Emigranten besaßen die notwendigen Papiere. Also wurden sie bei ihrer Ankunft in den fremden Ländern zurückgewiesen. Sie blieben in Massenbaracken liegen, erlitten eine Desinfizierung nach der anderen und traten endlich eine lange Wanderung durch die Polizeigefängnisse einiger Staaten an. Für jene aber, die zahlen konnten, gab es an der Grenze Legitimationsfabriken. Die Wohlhabenden und Vorsichtigen versorgte ein Mann namens Kapturak mit falschen Dokumenten.

Wer war Kapturak? Ein winziger Mann von grüngrauer Gesichtsfarbe, dürren Knochen, hurtigen Bewegungen, Bader und Winkelschreiber von Beruf, als Schmuggler berühmt und mit den Grenzbehörden vertraut. Sein Warenschmuggel war nur ein Vorwand für seinen Menschenhandel. Die mannigfachen Freiheitsstrafen, die er in verschiedenen Kerkern des Landes verbüßte, waren seine freiwilligen Konzessionen an das Gesetz. Jedes Jahr im Frühling tauchte er an der Grenze auf wie ein Zugvogel. Er kommt aus einem der vielen Gefängnisse im Innern des Landes. Der Schnee schmilzt. Es regnet warm und duftend in den verhängten Nächten. Und die Grenze schläft. Man kann sie lautlos und unsichtbar überschreiten.

In den Monaten Februar, März, April arbeitet er. Im Mai sitzt er mit einem Päckchen unverzollter Ware am hellichten Tag im Zug, täuscht bei der Revision einen Fluchtversuch vor und läßt sich einfangen. Manchmal gestattet er sich einen Urlaub und fährt nach Karlsbad seinen Magen kurieren.

Mit ihm arbeitet die Familie Parthagener. Am Morgen, eine Stunde nach Sonnenaufgang, bringt er seine Schutzbefohlenen in die Herberge »Zur Kugel am Bein«. Sie erlegen für drei Tage Kost und Quartier im voraus. Hierauf erscheint ein junger Parthagener mit Prospekten.

Von Zeit zu Zeit aber muß jemand von der Agentur eine Nacht vorher über die Grenze, eine sogenannte »Stichprobe« machen. Denn es ereignet sich manchmal, daß Kapturak seine Flüchtlinge über eine andere Stadt, zu anderen Parthageners, in andere Herbergen führt, anderen Filialen in die Arme. Man muß ihn also noch auf russischem Gebiet in der sogenannten »Grenzschenke« überraschen.

Friedrich kam an einem sonnigen Märztag des Jahres 1908 zu den Parthageners. Es tropfte gleichmäßig und fröhlich von den Eiszapfen an der Dachrinne. Der Himmel war hellblau. Der alte Parthagener saß vor der Tür seiner Herberge. Eine dunkelgraue, schmutzige Kruste lag über den großen Schneehaufen zu beiden Seiten der Landstraße. Der Winter fing an zu verwesen.

Friedrich war jung genug, um alle Vorgänge der Natur zu vermerken und in eine Beziehung zu seinen Erlebnissen zu bringen. Er trank das besondere Licht des Tages. Es war stark wie der warme, junge Südwestwind, das Dunkel des schiefen Tors und die silberne Würde des Alten.

»Er kann nächste Woche gleich eine ›Partie‹ übernehmen!« sagte der Alte zu seinen Söhnen, die mit weißen, strahlenden Marinemützen am offenen Fenster standen.

»Treten Sie ein!« sagte er dann zu Friedrich, »und trinken Sie etwas!« Von nun an blieb Friedrich in der Herberge »Zur Kugel am Bein«.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.