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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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XV

In Zürich begann Friedrich, ein genaues Tagebuch zu führen. Ich gebe im folgenden jene Stellen daraus wieder, die mir wichtig erscheinen.

 

Aus Friedrichs Tagebuch.

»Heute sah ich R. wieder. Er war wie immer. Er sprach mit mir, als ob wir uns erst gestern verabschiedet hätten. Ich erinnerte mich genau an unser letztes Gespräch vor meiner Abreise nach Rußland. Er aber hatte es natürlich vergessen. Ihm verdanke ich den Entschluß, dieses Tagebuch zu schreiben. ›Was?‹ sagte er. ›Sie notieren gar nichts? Falsch! Erstens ist es eine individualistische Manifestation. Der Bleistift in der Hand und vor mir das weiße Blatt Papier. Aus einem Stückchen Papier, geschweige denn aus einem großen Bogen, strömt eine Stille aus und eine Einsamkeit. In der Wüste kann es nicht ruhiger sein. Setzen Sie sich mit einem leeren Heft mitten in ein lärmendes Kaffeehaus – Sie sind sofort allein. Zweitens ist es praktisch, weil man verschiedene Dinge nicht vergessen darf. Drittens bewahrt uns ein Tagebuch vor einer allzu heftigen Aktivität, zu der uns sozusagen unser Beruf verpflichtet. Es verhilft uns zur Distanz gegenüber den Ereignissen. Viertens schreibe ich, weil Savelli es als eine bourgeoise Sentimentalität verachten würde, wenn er es wüßte.‹

Auch ich habe eine natürliche Neigung zu Dingen, die Savelli bürgerliche Sentimentalitäten nennt. Ich habe ihn wiedergesehn. Kein Wort über Sibirien. Kein Wort über meine Flucht. Nur: ›Es ist ihnen ja ganz gut ergangen – wie Berzejew sagt.‹ Und es sah einen Augenblick so aus, als müßte ich mich entschuldigen, weil man mich verhaftet hat. Ich bin eigentlich zum erstenmal zur Überzeugung gekommen, daß er mich haßt in den Zeiten, in denen er mich nicht zu sehr verachtet. Er wiederholte mir, was er Berzejew schon gesagt hatte: Es wäre besser gewesen, wenn wir beide in Rußland geblieben wären. Es gäbe dort mehr zu tun. Ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu sagen, daß ich ja eigentlich in Rußland nicht zu Hause wäre. ›Um so schlimmer!‹ antwortete er. Es war eine ausdrückliche nationalistische Demonstration. Ich fühlte mich in diesem Augenblick sozusagen als Europäer, wie R. sich nennt. Er meint die großen europäischen Traditionen: den Humanismus, die katholische Kirche, die Aufklärung, die Französische Revolution und den Sozialismus. Ja, er sagte letzthin, Sozialismus sei eine Angelegenheit des Westens und es sei ebenso töricht, in Rußland von Sozialismus zu sprechen wie von einem Christentum der Hottentotten. R. könnte mein älterer Bruder sein. Wir haben wahrscheinlich mehr gemeinsam als nur Eigenschaften. Mir scheint, wir haben ein ähnliches Schicksal. Wir sind beide ungläubig. Wir hassen beide dasselbe. Wir wollen aus denselben Gründen den Umsturz. Wir sind beide grausam. Es ist uns bestimmt, eine Revolution vorzubereiten, wahrscheinlich nicht, die Erfolge einer siegreichen zu erleben. Ich kann ebensowenig wie er glauben, daß sich etwas in der Welt ändert: außer der Nomenklatur. Wir hassen die Gesellschaft, persönlich, privat, weil sie uns nicht gefällt. Wir hassen die fette und die blutige Behaglichkeit, in der sie lebt und stirbt. Wären wir in einem früheren Jahrhundert geboren, wir wären sozusagen Reaktionäre, Priester vielleicht, Ratgeber, Adjutanten, anonyme Sekretäre an einem europäischen Hof. Wir beide hätten in einer Zeit geboren werden müssen, in der man sein Schicksal noch selbst bestimmen konnte, wenn man außergewöhnlich war. Die Mittelmäßigen wären noch unten.

 

Ich vertrete seit einer Woche den Korrespondenten eines dänischen radikalen Blattes. Ich bin verpflichtet, mich um die Gesellschaft, die Politik, das Theater zu kümmern, und ich glaube, daß ich meine Arbeit gut mache. ›Sie haben‹, meint R., der mir diese Korrespondenz verschafft hat, ›die erste Eigenschaft eines Journalisten: Sie sind neugierig.‹

Die Deserteure, die hier leben, sind von den Pazifisten nicht zu unterscheiden. Keiner von den Glücklichen, die über die Grenze gekommen sind, gesteht, daß er aus privater Liebe zum Leben geflohen ist. Als ob die Liebe zum Leben einer Entschuldigung bedürfte! Es ist eine Eigenschaft des Bürgertums, die einfachen Forderungen der Natur hinter komplizierten Idealen zu verbergen. Die Männer der vergangenen Zeiten konnten ihr Leben in einem dummen Duell verlieren. Aber sie starben für ihre eigene Ehre, und sie leugneten keinen Augenblick, daß ihnen auch das Leben lieb sei. Die Männer von heute, wenigstens die meisten Männer, die sich jetzt in neutralen Ländern befinden, geben vor, daß sie die Opfer ihrer Überzeugung sind.

Am stärksten interessieren mich jene, die mit der Erlaubnis ihres Vaterlandes in die Schweiz gekommen sind. Man kann von ihnen auch am meisten erfahren. Sie kamen hierher, um die Pazifisten ihrer Länder geheim zu bespitzeln und um offiziell Propaganda für ihre Ideale zu machen. In unserer Pension wohnen zwei: ein Deutscher und ein Franzose. Der Deutsche heißt angeblich Dr. Schleicher, der Franzose Bernardin. Der Harmlosigkeit unserer Wirtin haben sie es zu verdanken, daß sie beim Frühstück an meinem Tisch sitzen. Die Wirtin glaubte, die beiden wären durch ihre pazifistische Gesinnung miteinander verbunden und fänden Freude daran, an einem Tisch zu essen, zwei arme Opfer ihrer Vaterländer. Indessen ist jeder der bezahlte Spion seines Staates. Dr. Schleicher ist ein braver, bequemer Mann. Er steht spät auf, geht in Pantoffeln und im Schlafrock ins Klosett und verweilt dort sehr lange. Er trägt eine Brille, die seine Augen freundlich macht, sein breites Gesicht noch breiter und die wie ein zweites, goldgerändertes, gläsernes Lächeln über dem ständigen natürlichen Lächeln seiner Wangen liegt. Sooft ich an seiner Tür vorbeigehe, höre ich seine Maschine klappern. Er ist ein naiver Spitzel, der glaubt, man wäre überzeugt, er schreibe nicht Berichte für seine Vorgesetzten, sondern Liebesbriefe auf der Schreibmaschine. Bernardin ist ein Mann in den Vierzigern. Er hat die solenne, dunkle Eleganz eines Franzosen aus der Provinz, der jeden Tag aussieht, als ginge er zu einem Leichenbegängnis, nur die heitere Miene, mit der er das Essen erwartet, mildert seine Feierlichkeit. Seine Schuhe sind immer blank und oft mit dunkelgrauen Gamaschen tapeziert, seine Hosen sind immer gebügelt, sein Rock sieht aus, als wäre er eben vom Schneider gekommen, sein hoher, steifer Kragen glänzt immer weiß. Einen kleinen, schwarzen Schnurrbart, der das braune Rot seiner Wangen hervorhebt, streicht er immer mit zwei nachdenklichen Fingern. Er trägt kleine Schleifen, die wie eine bewußte Demonstration gegen die schweren, seidenen und gestrickten Binder Dr. Schleichers sind. Die beiden sprechen miteinander kein Wort. Sie grüßen sich lächelnd und stumm, wenn sie sich setzen und wenn sie aufstehn. Sie wissen voneinander. Nur schreibt der Franzose seine Berichte mit der Hand, und es ist still, wenn man an seiner Tür vorbeigeht.

 

Gestern haben sich der Deutsche und der Franzose zum erstenmal unterhalten. Sie wären beinahe gar nicht zum Essen gekommen. Sie blieben noch lange, nachdem alle fertig waren, zusammen, sie tranken einen Kaffee und rauchten. Ich war neugierig wie gewöhnlich. Den Dr. Schleicher kenne ich aus dem Café, wir haben einen gemeinsamen Bekannten, den Dr. Gold. Dieser Dr. Gold hat sich noch nicht entschieden, für welchen der kriegführenden Staaten er Partei nehmen soll. Er hat lange in Deutschland gelebt und einige Werke von Tolstoi übersetzt. Er hat Freunde in Deutschland und in Frankreich, und aus Angst, es könnte eines der beiden Länder womöglich siegen und er zu spät davon erfahren, bleibt er neutral. Er sitzt bald mit Dr. Schleicher am Tisch und bald mit Bernardin. Mit beiden stellt er sich gut. Dem einen berichtet er vom andern. Aus Angst, sie könnten eines Tages beide auf ihn böse werden, versuchte er schon seit Monaten, sie zusammenzubringen. Nun ist es ihm endlich gestern gelungen. Folgendermaßen erzählte er mir den Hergang: ›Unglücklicherweise fällt es mir gestern ein‹, sagte Dr. Gold, ›dem Dr. Schleicher zu sagen, der Bernardin hätte schon lange gewünscht, ihn kennenzulernen. Und ich erfahre dabei, daß sie zusammen jeden Tag an einem Tisch sitzen. Ich war verzweifelt. Wäre ich nicht so geschickt, wie ich bin, ich hätte mich blamiert. Aber mit dem Gleichmut, der mir angeboren ist, antwortete ich kühl: ›Dann wird er nicht wissen, mit wem er die Ehre hat, am Tisch zu sitzen.‹ Und Dr. Schleicher glaubt's. Nur wäre ihm der Bernardin außerordentlich unsympathisch, nicht allein aus nationalen Gründen. Und nun mache ich den zweiten Fehler: ›Er ist halt ein Gerichtsmensch‹, sag' ich dem Schleicher, ›ein netter Mensch in Zivil. Aber der Krieg steigt diesen Leuten zu Kopf.‹ ›Was? Ein Jurist?‹ fragt Schleicher. ›Aber ich bin ja auch Jurist.‹ In diesem Augenblick tritt Bernardin ein, und Schleicher grüßt ihn zuerst und lächelt dabei. Ich führe sie endlich zusammen. Und, was glauben Sie. Die beiden werden in einer halben Stunde dicke Freunde. Sie sprechen nur noch von Schülern und Lehrern!‹

Soweit Dr. Gold. Er verließ mich bald, er war beschäftigt wie immer. Er erzählt atemlos, fast keuchend und immer auf dem Sprung. Außerdem flüstert er. Und er gibt acht, daß man ringsum sieht, wie er beflissen ist, Geheimnisse zu erzählen. Er wird fortwährend gegrüßt und erwidert fortwährend. Er kennt alle Pazifisten. Er ist regelmäßiger Mitarbeiter am ›Europäischen Frieden‹. Berzejew nennt ihn den ›Freimaurer‹, in seiner kühnen Art, in der er Freimaurer mit Pazifisten verwechselt. Verwunderlich ist sein großes Maß an Dummheit bei einer gleichzeitigen Kenntnis von Literaturen, Sprachen und Ländern, Menschen ohne Bedeutung und sogenannten Persönlichkeiten. Er ist leichtgläubig und nimmt jede Auskunft ernst und hält alles für wichtig, was man ihm sagt. Offenbar muß er leichtgläubig sein, um den andern mit Überzeugung etwas erzählen zu können. Außergewöhnlich und unverständlich ist die Bereitwilligkeit, mit der ihn jeder anhört. Aber das scheint eine Eigenschaft der meisten geselligen Naturen zu sein: Sie nehmen Nachrichten von Menschen entgegen wie aus Zeitungen, und als wären der Klang einer Stimme, der Ausdruck eines Gesichts und der Charakter eines Erzählers nicht noch viel wichtiger als das, was er sagt, und als wäre es noch niemals vorgekommen, daß der Blick des Sprechenden seine Lippen Lügen gestraft hätte.

Dr. Schleicher und Bernardin sieht man jetzt immer zusammen. Sie ahnen offenbar nicht, daß sie nebeneinander eine auffällige Erscheinung selbst in diesem Zürich der Kriegszeit sind. Neben dem feierlichen Schwarz Bernardins, das ihn dem Rayonchef eines großen Warenhauses ähnlich macht, erinnert die blonde Helligkeit Dr. Schleichers an einen sonnigen, sorglosen Ferientag. Der goldene Rahmen der Brille, das schimmernde Glas, der sandgelbe Überzieher, die rötlichen Halbschuhe, die hellbraunen Hosen, die braune Melone und das blasse Gesicht verbreiten einen weithin sichtbaren Glanz, und wenn er einem entgegenkommt, ist er wie ein wanderndes Stück Sonne, während der dunkle Bernardin neben ihm wie eine Art langer und schmaler Strahl der Finsternis erscheint. Sie wurden langsam der Gegenstand witziger Unterhaltungen selbst unter den Pazifisten, zu deren Überwachung sie hierhergekommen sind. Aber die Gemeinsamkeit des Berufs scheinen der Deutsche wie der Franzose stärker zu fühlen als den Unterschied ihrer Nationalität. Ich habe erfahren, daß der Deutsche Französisch unterrichtet und der Franzose Deutsch. Die Regierungen der kriegführenden Staaten scheinen die Kenntnis der Sprache des Feindes für eine hinreichende Befähigung zur Spionage und Diplomatie zu halten. R. erzählt mir, daß es an Spitzeln mangelt wie an Kanonen und Brot und Zucker und daß die Verwendung eines Gerichtsbeamten in der Geheimdiplomatie und im Pressedienst ungefähr der Verwendung einer Landsturmtruppe an der Front entspricht.

Jeden Tag sieht man neue Gesichter. Immer wieder neue Flüchtlinge. Je länger der Krieg dauert, um so stärker wird die Armee der überzeugten und der zufälligen Pazifisten. Die Schweiz könnte zur Verteidigung ihrer Neutralität eine immense Fremdenlegion aufstellen. Aus Rußland günstige Nachrichten. In Moskau Streik, in der Ukraine stehn 26 Fabriken still. Vom Genossen P. eine Nachricht, daß er alle Vorbereitungen getroffen hat, die Front zu durchbrechen, wie er schreibt, und nach Rußland zu gehn. Er bittet um Material. Jemand wird es ihm hinbringen müssen. Ich würde gerne fahren. Es hat kein Mensch Geld für die Reise. Mit der Post kann man's der Zensur wegen nicht schicken. Ich gehe morgen wieder zu L., das Material holen.

Gestern war ich wieder bei L., nun schon zum drittenmal. Es geht ihm sichtlich immer schlechter. Er ist augenblicklich krank, trägt ein dickes, buntes Tuch um den Hals und weigert sich, ins Bett zu gehn, obwohl es seit zwei Wochen im Zimmer nicht geheizt ist. Er wohnt bei einem braven Mann, den die Biederkeit nicht hindert, pünktlich den Mietslohn einzukassieren. T. war bei L. Sie sprachen über einen Artikel, den G. eben eingeschickt hat. ›Er kann von der Metaphysik nicht loskommen‹, klagte L. ›Was will er nur fortwährend mit seinem Gott!‹ Es war nicht die geringste Freude an einer Lästerung etwa, wie ich sie oft bei überzeugten Atheisten fühlen konnte. Chajkin zum Beispiel lebte auf einem ständigen Kriegsfuß mit Gott, bekam, wenn er die Worte Himmel, Priester, Kirche, Gott sagte, den Ausdruck einer höhnenden Angst. Wenn Berzejew spottet, sieht er aus wie ein Knabe, der den Katecheten belogen hat. Er hat ein pfiffiges Gesicht dabei, und er erinnert mich an einen Gassenjungen, der an dem elektrischen Taster einer Torklingel gedrückt hat, um den Portier zu narren. Er vermutet gewissermaßen, weil die Tür geschlossen bleibt, daß überhaupt kein Portier vorhanden ist. Ich habe auch schon T. über die Religion sprechen gehört. Er behandelt Gott wie einen Unternehmer und ein Wesen mit einem irdischen Interesse an der Erhaltung der bestehenden Weltordnung. Aber der Hohn wie der kindische Spott und wie die ernste Gegnerschaft scheinen mir immer noch Bestätigungen für die Existenz Gottes zu sein. L. aber räumt mit einem kleinen Wort die Himmel aus, so daß man ihre große Leere zu hören glaubt. Es ist, wie wenn er eine Glocke ihres Klöppels beraubt hätte und sie schwänge jetzt tonlos und ohne Echo weiter, immer noch Metall und schon der Schatten einer Glocke. L. hat die Gabe, mit einer Hand Hindernisse aus dem Weg zu räumen, Straßen zu öffnen. Die Möglichkeit von Überraschungen anerkennt er nicht gerne. ›Wir müssen mit Hindernissen rechnen‹, sagte er, ›aber nicht mit solchen, die wir nicht voraussehn könnten. Lassen wir uns einmal darauf ein, unberechenbare Zufälle einzukalkulieren, so verfallen wir in die Bequemlichkeit, auch die voraussichtlichen nicht mehr sehn zu wollen. Wir leben auf der Erde. Unser Verstand ist irdisch. Überirdische Gewalten greifen in irdische Angelegenheiten nicht ein. Warum zerbrechen wir uns da den Kopf! Es gibt nur Mögliches auf Erden. Und alles Mögliche kann man berechnen.‹

In dieser freiwilligen Beschränkung liegt das Geheimnis L.s. Ich glaube nicht, daß er Affekte kennt, Haß, Zorn oder Liebe. Er sieht aus wie ein kleiner Beamter. Mit Absicht hat er sich so zur Unscheinbarkeit diszipliniert und darauf vielleicht ebensoviel Mühe verwandt wie andere, um zum Beispiel ein bedeutendes Profil zu bekommen. Er lebt in der Kälte. Er trägt Krankheit und Elend wie uns zum Exempel. Und das einzig Rührende an ihm ist sein Inkognito. Sein Bart ist wie eine beabsichtigte, überflüssige Verlängerung seiner Physiognomie. Der Schädel ist breit und weiß, die Backenknochen sind breit wie der Schädel, und der Bart bildet die schwarze Spitze eines gespenstischen, weißen Herzens, das Augen hat und schauen kann.

 

Ich war zwei Tage in Wien. Ich fuhr mit unserm Material und mit Aufträgen L.s zu P, der morgen die ›Front durchbricht‹. Ich habe sonst niemanden gesehn. Ich versuchte, Grünhut zu sprechen. Die ›Madame‹, wie er die Hebamme immer nannte, erzählte mir mit einem fast mütterlichen Stolz, daß Grünhut wirklich rehabilitiert wurde. ›Jetzt wird er wenigstens einen schönen Tod haben‹, sagte sie, das Taschentuch, das die Frauen ihrer Gattung auf eine ebenso rätselhafte Weise immer zur Hand haben, wie die Frauen des Bürgertums es immer verlieren, schon vor den Augen und mit einem leisen Glucksen in der Stimme. ›Der gute Doktor!‹ ›Vielleicht kommt er doch noch zurück‹, versuchte ich sie ein wenig gedankenlos zu trösten. Es zeigte sich nun, daß ich vollkommen falsch getröstet hatte. ›Wenn man so weit weg ist wie er‹, sagte die Hebamme, ›kommt man nicht mehr zurück. Das Zimmer hab' ich auf jeden Fall vermietet. Polnische Juden wohnen jetzt da. Flüchtlinge‹, dieses Wort sagte sie mit einer gehässigen, gläsernen Helligkeit, ›schmutzige Leute, sie rücken nicht ein, der Mann ist ganz frei, und die zwei Söhne sind Landsturm ohne Waffe. Ich muß ihnen fortwährend den Mietpreis erhöhen. Glauben Sie nicht? Alles wird teurer, und diese Leute verdienen doch eine Menge Geld!‹ Um ihr nicht mehr zuhören zu müssen, ging ich auf das Todesurteil ein, das sie über Grünhut gefällt hatte. ›Sie können ruhig die Flüchtlinge behalten‹, sagte ich, ›Grünhut wird bestimmt fallen.‹ Sie zeigte wieder das Taschentuch. In Kriegszeiten können Tränen auch ein Ausdruck der Hoffnung sein.

Ich habe Hilde nicht geschrieben. Ich habe fortwährend an sie gedacht und sie nicht einen Augenblick sehen wollen. Wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, um jeden Preis aufrichtig zu sein, sobald ich allein vor diesem Papier sitze, hätte mich die Scham gehindert, hier niederzuschreiben, daß ich vor die Auslage des Photographen gegangen bin, wo die ganze Zeit über ein großes Porträt Hildes ausgestellt war. Es ist nicht mehr da. Ein Oberleutnant, in Farben, hängt jetzt in der Vitrine.

 

Savelli zeigt jetzt einen offenen Haß gegen uns alle. Nur in L.s Zimmer ist er schweigsam und bescheiden. L. zähmt ihn durch die sehr einfache Methode, ihm die Wahrheit ruhig ins Gesicht zu sagen, und so, als läse er sie ihm aus einem Buch vor. Selbst Savelli kann ihm nicht zumuten, daß er irgend etwas aus privaten Gründen gesagt hätte. Er hat nur Überzeugungen. ›Er ist eine phänomenale Erscheinung‹, sagte R. ›Man liebt ihn, obwohl er es kaum versteht, Liebe zu empfangen. Man fürchtet ihn, obwohl er keine Macht hat, Furcht zu verbreiten. Mit ihm scheint die Natur eine ganz neue Art von Heiligen versuchen zu wollen. Heilige ohne Glorienschein, ohne Gnade und ohne den ewigen Lohn. Es wird mir etwas kalt beim Anblick dieser Heiligkeit. Beachten Sie, wie Savelli versucht, es L. nachzumachen, und wie es ihm mißlingt. Er ist einfach ein kalter Hund. Er spielt einen, der die persönlichen Interessen abgetötet hat. Er hat sie aber. Nur ist sein Blut so kalt, daß sogar sein Ehrgeiz aussieht wie eine Gesinnung und sein Haß wie eine Vernunft.‹ So R.

Seitdem ich zwei Tage von Zürich entfernt war, fühle ich hier nicht mehr die Freiheit eines neutralen Landes. Auf dem Rückweg stellte ich mir die ganze Zeit vor, ich würde alles verändert finden, meine Freunde und die vollen Kaffeehäuser und alle Spitzel. Es war mir, als kehrte ich nach zehn Jahren zurück, obwohl die Tage in Wien so schnell vergangen waren. Der Krieg ist alt geworden, er wird schwerfällig und träge und sieht selbst aus wie einer der vielen Krüppel, die er verursacht hat. Ich habe kein Interesse mehr an den Mitreisenden gehabt, weil ich genau zu glauben wisse, was sie denken. Wenn ich heute wieder mit Süßkind in einem Kupee säße, könnte ich ihm seine Ansichten soufflieren und seine Rolle spielen. Aber auch die des preußischen Obersten und die des österreichischen Majors. Ich weiß auch schon genau, was R. sagt, was Savelli und was Berzejew äußert. Wir leben in dieser Stadt wie Gefangene, nicht wie Entronnene. Diese geographisch eng begrenzte Neutralität sieht aus wie ein Gefängnis, da der Krieg geographisch unbegrenzt geworden ist. Manchmal kommt es mir vor, daß wir auf einem kleinen Schiff dahinschwimmen, Gute und Böse, anständige Menschen und Schurken. Und die Fahrt nimmt kein Ende. Manchmal wünschte ich, es möchte etwas Furchtbares geschehn, die Schweiz den Krieg irgend jemandem erklären und uns alle gefangensetzen oder an die Front schicken. Es geschieht so viel hier, und die Luft ist erfüllt von sogenannten Neuigkeiten. Aber es sind immer die gleichen Ereignisse, und ein Sieg sieht dem andern ähnlich, eine Niederlage der andern, der Feind seinem Feind, und die Parteien sind voneinander ebensowenig zu unterscheiden wie Gewehre. Die Ereignisse schlagen an unsere Stadt, Wellen an ein Schiff, immer die gleichen, immer die gleichen. Und ich beschreibe sie in den radikalen Zeitungen. Wenn ich einen gedruckten Satz von mir lese, tönt er wie zartes, ungemein schwaches Echo jenes Gedankens, den ich niederzuschreiben die Absicht hatte. Wann werde ich ihn je ausdrücken können? Ich beginne zu zweifeln, daß der Krieg unsern Zielen dient, er kann einfach nicht aufhören, er ist zu ungeheuer. Er ist den irdischen Gesetzen entwachsen, und er rast weiter, wie einer der Himmelskörper, nach dem geheimnisvollen Gesetz einer Trägheit, die kein Ende nimmt.«

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