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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XIV

Von diesem Augenblick dachte er nur noch an Berzejew. Bald sollte er ihn sehn. Er erinnerte sich an die Entstehung dieser Freundschaft. Noch näher als gemeinsam erlittene Nöte und die gemeinsam bestandenen Gefahren auf der Flucht lagen der Erinnerung Friedrichs Worte und Bewegungen Berzejews, die mit keinem besonderen Anlaß verknüpft waren. Er erinnerte sich, wie Berzejew schlief und wie er aß, wie er sein linkes Knie zwischen die Hände nahm, wenn er sich hinsetzte und nachdenklich wurde, und wie er sich am Morgen wusch, mit einer schnellen Sorgfalt und mit einer sichtbaren Freude an Kälte und Wasser, die wie ein jeden Morgen erneuertes Bündnis des Menschen mit den Elementen war.

Es war schon Schweizer Boden, über den er jetzt fuhr. Keine kriegerischen Plakate an den Wänden der Bahnhöfe und keine Züge mit Uniformierten mehr. Es war, als käme er unmittelbar aus einer Schlacht, nicht nur aus einem Land, das Krieg führte. Jene friedliche Welt, nach der er sich in Sibirien gesehnt hatte, begann erst hier. Ihm war, als hätte der Frieden ein merkwürdiges und unbekanntes Gesicht und als wäre der Krieg ein selbstverständlicher und natürlicher Zustand gewesen. Während der ganzen Fahrt durch Rußland, Österreich und Deutschland hatte er sich an den Gedanken gewöhnt, daß der sichere Tod in Europa herrsche. Auf einmal, an einer Grenze, begann das gewöhnliche Leben. Es war, wie wenn er an die Grenze eines Regens gekommen wäre und gerade noch hätte sehen dürfen, wie plötzlich die Scheidung zwischen blauem und bewölktem Himmel, nasser und trockener Erde wäre. Auf einmal sah er junge Männer in Zivil, die längst eine Uniform hätten tragen müssen. Auf einmal sah er Männer von Frauen einen ruhigen Abschied nehmen, und er hörte, wie sie einander »Auf Wiedersehn!« sagten. Offenbar waren alle ihres Lebens sicher. An den Zeitungsständen hingen die Blätter aller Länder nebeneinander, als enthielten sie nicht blutige Nachrichten. Das ist also das Wesen der Neutralität, sagte er sich. Schon vom Zug aus fühle ich, wie der Krieg nebensächlich wird. Das Bewußtsein, daß soviel Blut fließt, begleitet nicht mehr jeden Gedanken. Ich fange an, die Gleichgültigkeit Gottes zu verstehen. Die Neutralität ist eine Art Gottähnlichkeit.

Er wird an der Bahn sein, sagte er. Und gleich darauf: Er wird nicht zur Bahn kommen, er wird mich zu Hause erwarten. Es hat keinen Sinn, jemanden an der Bahn zu erwarten. Ich bin übrigens immer noch allein angekommen. Kein Mensch hat mich je erwartet oder begleitet. Immerhin, wenn er an der Bahn ist, werde ich mich freuen.

Aber Berzejew wartete wirklich, ruhig wie immer. »Du hast also mein Telegramm bekommen?« fragte Friedrich. »Nein«, sagte Berzejew, »ich gehe seit einer Woche zu jedem Zug, der aus Deutschland kommt.« »Wen erwartest du denn?« »Dich!« sagte Berzejew.

Sie sahen einander zum erstenmal in europäischem Zivil. Zum erstenmal bemerkte jeder von ihnen am Anzug des andern ein paar kleine Kennzeichen, die wie die letzten unwiderleglichsten Beweise für die Gemeinsamkeit ihrer Gesinnung waren. »So trägst du also deinen Hut!« sagte Friedrich. »Gefällt dir nicht?« fragte Berzejew. »Im Gegenteil, ich kann es mir nicht anders vorstellen.« Und sie sprachen wie zwei junge Männer von Welt über Krawatten, Hüte, zweireihige und einreihige Röcke, als wäre kein Krieg und als säßen sie nicht hier, um die Revolution zu erwarten.

»Wenn Savelli uns hören könnte!« sagte Berzejew, »wie würde er uns verachten. Er geht auch hier noch hartnäckig ohne Kragen herum, aus Opposition gegen uns, gegen R. und mich und überhaupt gegen alle ›Intellektuellen‹. Es ist keine gewöhnliche Koketterie bei ihm, es ist geradezu ein Haß.«

Es ging übrigens allen schlecht. Sie hatten nichts, wovon zu leben. Mit Mühe brachten sie jede Woche Geld für das Flat zusammen. Savelli aß nur einmal im Tag, R. brauchte dringend ein paar Hosen. Er schrieb für eine Revue, weswegen ihn Savelli verachtete. »Und du?« fragte Friedrich. »Ich habe Geld!« sagte Berzejew. »Ich arbeite. Ich bin Theaterarbeiter geworden. Ein Schauspieler, mit dem ich mich befreundet habe, hat mich untergebracht. Es war nicht leicht. Die Schweizer Theaterangestellten sind nicht freundlich gewesen. Schließlich haben sie mich sympathisch gefunden. Ich habe sogar Geld gespart. Wir könnten zusammen einen Monat leben, ohne einen Finger zu rühren. Du wohnst bei mir. Kein Zimmer zu kriegen. Deserteure und Pazifisten haben die ganze Schweiz besetzt.«

Und sie nahmen ihr altes Leben wieder auf.

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