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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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XII

Im August erst kam der Ukrainer P. aus dem Lager zurück. Es ist inzwischen bekannt geworden, daß die russischen Revolutionäre eine Zeitlang die natürlichen Verbündeten der Zentralmächte gewesen waren. Die Freilassung P.s aus dem Lager hatte zweifellos politische Gründe. Er blieb in Wien, die Behörden wußten es und unterstützten ihn sogar. Einige Tage nach der Rückkehr P.s trat Friedrich seine Reise über Deutschland nach Zürich an. P. war die ganze Zeit, auch während seines Aufenthaltes im Lager, mit Zürich in Verbindung gestanden und mit dem Genossen Tomkin in M. in Brandenburg, einem der Mittelsmänner zwischen den Genossen und der Geheimpolizei. Er hatte sich nicht verändert. Stark und unbekümmert, wie er war, schien er die Jahre bis zum Krieg, die Not, in der er immer lebte, und die Leiden im Konzentrationslager als eine Art notwendiger gymnastischer Übung zu betrachten und zu überstehen. Er kannte keine Angst, nicht weil er mutig war, sondern weil die Masse und Stärke seiner Muskeln, die unverwüstliche Elastizität seiner Sehnen und Nerven und ein gesunder Reichtum an rotem Blut ein Gefühl der Furcht nicht aufkommen lassen konnten. Er konnte sich ebensowenig fürchten wie ein Baum. Aber er verstand wie jeder Furchtlose, daß die Angst nicht immer eine Folge der Feigheit, sondern auch eine Eigenschaft der körperlichen Konstitution und der Nerven war.

»Ihre Angst war überflüssig«, sagte P. zu Friedrich. »Wenn man Sie eingesperrt hätte, wären Sie bald freigekommen. Wir sind augenblicklich Verbündete sozusagen und stehen unter dem Schutz einer mächtigen Institution. Unsere Genossen bekommen sogar Pässe. Auch für Sie wird gesorgt sein. Sie werden jetzt nach M. fahren, hier ist eine Adresse. Sie melden sich bei dem Mann, er wird Ihnen etwas Geld und ein Papier für die Schweiz geben. Grüßen Sie die Genossen. Ich bleibe vorläufig hier. Vielleicht kann ich durch die Front nach Rußland.«

Er sagte: durch die Front nach Rußland, als handelte es sich um eine Spazierfahrt. Er war gesonnen, sich mit den Genossen ein Rendezvous zu geben, wie man sich für einen bekannten, populären Ausflugsort verabredet. Er saß mächtig und ruhig auf seinem alten Sofa, das für einen erwachsenen Mann breit und groß genug war, unter dem Gewicht und der Gewalt seines Körpers aber schmal, kurz und gebrechlich erschien.

»Sie werden, um vorläufig keine Unannehmlichkeiten zu haben, erster Klasse fahren«, sagte P. »Sie werden sich in der guten Gesellschaft höherer Offiziere und Kriegslieferanten befinden, und kein Gendarm wird es wagen, von Ihnen einen Ausweis zu verlangen. Sollte es aber dennoch geschehn, dann machen Sie einen Lärm, und schnauzen Sie alle Beamten an, die Ihnen in den Weg kommen.«

Sie gingen langsam durch die Straßen. P. hatte die feierliche Gelassenheit eines Bürgermeisters. »Wenn man so aussieht wie ich«, sagte er, »erregt man in Mitteleuropa keinen Verdacht. Die Deutschen und die kleinen Völker, die im deutschen Kulturkreis liegen, haben ein unverwüstliches Zutrauen zu breiten Schultern. Vergleichen Sie zum Beispiel die Popularität Hindenburgs mit dem Inkognito Hötzendorfs, der schmal und elegant ist. Vor den Russen hat man Respekt, obwohl sie Feinde sind. Aber die russischen Generäle haben breite Epauletten wie die deutschen. So windige Burschen wie Sie erwecken Mißtrauen.«

Um Friedrich sicher unterzubringen, begleitete ihn P. zur Bahn. Und mit der Jovialität, zu der ihn seine Natur befähigte, übergab er Friedrich der Obhut des Schaffners. »Lieber Mann«, sagte er, »mein Freund ist krank und muß angenehme Nachbarn haben.« »Ich danke sehr, Exzellenz«, sagte Friedrich so laut, daß es der Gendarm, der den Zug begleiten sollte, hören mußte. »Halten Sie sich brav«, sagte P. und empfahl sich. Der Schaffner und der Gendarm salutierten, während P. mit mächtigen Schritten den Bahnsteig verließ.

Friedrich blieb nicht allein im Kupee. Ein deutscher Oberst und ein österreichischer Major stiegen ein. Sie grüßten. Es war Krieg, und man konnte sicher sein, daß in der ersten Klasse keine gewöhnlichen Reisenden saßen. Wer jetzt in die Eisenbahn stieg und Zivil trug, war noch mächtiger als eine Uniform. Kluge Offiziere hatten sich allmählich daran gewöhnt, Zivilpersonen, denen sie in der ersten Klasse begegneten, für Vorgesetzte zu halten.

Um so unwilliger wurden sie, als der Schaffner knapp vor der Abfahrt des Zuges noch einen Reisenden hineinschob, der höchstens in Friedenszeiten in die erste Klasse gepaßt hätte. Die beiden Offiziere tauschten einen schnellen Blick miteinander. Während sich die Augenbrauen beider erstaunt hoben und gleichzeitig zürnend zusammenzogen, lächelten schon die Schnurrbärte. Beide rückten zueinander, als müßten sie sich jetzt gemeinsam verteidigen. Der also mißtrauisch empfangene Passagier schien vorläufig nichts zu sehn. Er saß sehr bequem und frei, weil sich die anderen so schmal gemacht hatten. Er war kurzsichtig, wie das dicke Glas seines Zwickers, sein ständig vorgestreckter Kopf und seine unsicher suchenden Bewegungen verrieten. Er hatte sich offenbar geeilt, um den Zug nicht zu versäumen, man hörte jetzt sein Schnaufen. Seine kurzen Beine hingen ein wenig über dem Boden, den die Fußspitzen ständig suchten. Seine runden, weißen Hände lagen auf den Knien, und die Finger trommelten unhörbar auf den weichen Stoff seiner Hose.

Ein schwarzer Spitzbart, in den sich die ersten grauen Härchen drängten, verlieh dem Herrn das Aussehn eines höheren Bankbeamten. »Ein Prokurist!« hörte Friedrich den deutschen Oberst flüstern. »Feldrabbiner!« erwiderte ebenso flüsternd der österreichische Major.

Der Mann, über dessen Beruf man noch nichts Bestimmtes wußte, sah indessen freundlich und zutraulich auf seine Reisegenossen. Sein Schnaufen hatte allmählich aufgehört. Man sah ihm an, daß er mit seiner augenblicklichen Situation zufrieden war.

Schließlich stand er auf, verbeugte sich leicht gegen den Obersten zuerst, dann gegen den Major und zuletzt nur noch mit einem abgeschwächten Kopfnicken gegen Friedrich. »Doktor Süßkind«, sagte er laut. Seine Stimme verriet mehr Sicherheit als sein Körper.

»Sind wahrscheinlich ein Herr Feldkurat und rücken ein, Hochwürden?« sagte der österreichische Major, während ein Schatten über das Gesicht des schweigsamen Obersten lief. »Nein!« sagte der Mann, der schon wieder mit baumelnden Füßen in der Ecke saß. »Ich bin Berichterstatter«, und er nannte den Namen eines liberalen Blattes. »Ah – Kriegsberichterstatter?« sagte der Major.

»Ich war jetzt in Ihrer Heimat, habe die österreichisch-ungarische Monarchie bereist«, erwiderte der Berichterstatter offiziell. »Na, hoffentlich hat's Ihnen gefallen!« meinte der Major leicht und gleichgültig.

»Leider nicht alles!« begann der Journalist, »ich hatte Gelegenheit, mit mehreren hohen Persönlichkeiten und gescheiten Männern ohne Amt zu sprechen. Es scheint mir in Österreich – bei unsern Verbündeten«, verbesserte er mit einer deutlichen Kopfneigung in die Gegend des deutschen Obersten, »an einer stärkeren Zentralgewalt zu fehlen. Die Organisation läßt viel zu wünschen übrig. Der Österreicher ist leichtblütig, und die Nationen, die er beherrscht, sind noch unzivilisiert. Auch könnte man die verschiedenen nationalen Forderungen ein wenig zum Schweigen bringen, solange wir kämpfen. Ja, meine Herren!« Welche Nationen er gesehn hätte, fragte der Major.

»Die Polen zum Beispiel«, erwiderte der Berichterstatter. In Krakau hatte er gut gegessen, aber schlecht geschlafen, aus Furcht vor Ungeziefer. Und in Budapest hatte er in einer Nacht zwei Wanzen gesehn. Die Ungarn wollten nicht mit ihm deutsch sprechen. Dabei verstanden sie alles. Ein Leutnant von den Husaren sei sehr liebenswürdig gewesen, hätte aber keine Ahnung von der Wichtigkeit der Artillerie an der Westfront gehabt. Ja!

»An der Front gibt es Läuse«, sagte der österreichische Major, als wollte er eine ganz andere Geschichte erzählen. Aber er sagte nichts mehr.

In Preßburg, erzählte der Journalist, hätte er gehört, wie Soldaten in einer Schenke einen slawischen Dialekt gesprochen hatten. »Es wird so was wie Slowakisch gewesen sein«, meinte er. »Und so selten ein deutsches Wort.«

»Vielleicht war es Tschechisch?« meinte der Major.

»Kann sein«, erwiderte der Berichterstatter, »aber ist es denn nicht alles eins?« Etwas anderes sei doch auch Tschechisch nicht.

»Ein Bayer kann einen Preußen nicht verstehn!« bemerkte der Major.

»Sie irren sich«, sagte der Berichterstatter aufgeregt, »es sind nur Dialekte.« Und er begann, die Einigkeit aller deutschen Stämme zu loben. Er sah dabei fortwährend den deutschen Obersten an. Der blickte zum Fenster hinaus.

Auf einmal wandte sich der Oberst um und sagte: »Apropos Dialekte – Sie sind doch aus Frankfurt?«

»Nein! Aus Breslau!« erwiderte der Berichterstatter mit fester Stimme und fast militärisch.

»Auch nicht übel!« sagte der Oberst und sah wieder in die Landschaft. »Sie sind ja von der Presse«, begann der österreichische Major – als hätte er jetzt erst erkannt, daß der Berichterstatter etwas mit einer Zeitung zu tun hatte. »Die siebente Großmacht, nicht?« erkundigte er sich freundlich.

Der Journalist lächelte. »Nun«, fuhr der Major fort, »Sie wissen besser als wir, wann's zu Ende ist. Was glauben Sie?«

»Wer kann es sagen!« erwiderte der Journalist. »Unsere Armeen stehen tief in Feindesland. Die Nation ist einig wie nie. Die Sozialdemokraten kämpfen wie die andern. Wer hätte dieses Wunder je für möglich gehalten! Sie fahren doch jetzt nach Deutschland? Nun, Sie werden sehn, wie bei uns alle Unterschiede zwischen den Klassen und den Konfessionen aufgehört haben. Der alte Streit zwischen Katholizismus und Protestantismus ist vorbei.«

»Wirklich?« meinte der Major. »Na, und was ist's mit den Israeliten?« Der Journalist schwieg, und der Oberst lächelte der Landschaft zu.

»Verschwindende Anzahl!« sagte der Bärtige, so als hätte er sagen wollen: Gibt's gar nicht.

»Unsere Israeliten sind sehr tapfer!« fuhr der Major beharrlich fort.

»Verzeihung!« sagte der Journalist und verließ das Abteil. Man sah ihn durch die Scheibe der Tür. Er ging rechts und dann links.

»Besetzt!« ließ sich der Oberst vernehmen. – Und als wäre das besetzte Klosett eine geographische Angelegenheit, sagte er: »Aus Breslau ist er.«

Als der Berichterstatter wieder auf seinem Platz saß, begann er, vom Kriegsausbruch in Paris zu sprechen, wo er einige Jahre lang für seine Zeitung gearbeitet hatte. Er sprach viel von den Maßnahmen der Pariser gegen die Deutschen, die in die Lager abgehn sollten. Sehr oft nannte er die Namen des deutschen Botschafters, einiger Militärattachés und der Botschaftsräte. Eine besondere Bedeutung schien er der Tatsache beimessen zu wollen, daß er das Land in demselben Zug verlassen hatte, in dem auch die Mitglieder der deutschen Botschaft gesessen waren. Und etwa zehnmal kehrte in seinen Erzählungen die Wendung wieder: »Wir, ein Dutzend deutscher Herren.« – Der Oberst sah immer noch in die Landschaft hinaus. Eine deutsche Botschaft, die mit dem Herrn Dr. Süßkind zugleich das feindliche Land verlassen hatte, ging ihn weniger an als die Mannschaftsküche eines fremden Regiments. Der Berichterstatter hatte gut von Militärattachés reden. Der österreichische Major hörte nicht mehr zu. Er zog ein Notizbuch und fragte: »Kennen Sie nicht jüdische Witze, Herr Doktor?« Und da der Berichterstatter nicht antwortete, begann der Major, aus dem Notizbuch Witze vorzulesen, die alle mit den Worten begannen: »Zwei Juden sitzen in der Eisenbahn.« Der Oberst sah den Major mit einem verzweifelten und strafenden Ernst an. Der Journalist hatte ein fixes Lächeln aus Gefälligkeit aufgesetzt, das weder stärker noch schwächer wurde, sondern bei den Pointen sowohl wie bei den Anfängen immer gleichblieb. Und nur Friedrich lachte. Einmal, als der Major eines jener jüdischen Jargonworte gebrauchte, die in den deutschen Sprachschatz der Witzbolde und der Konfektionäre bereits eingegangen sind und von dem er voraussetzen durfte, daß es allen Anwesenden verständlich war, fragte der Journalist interessiert, was es bedeute. »Wie, Sie wissen nicht, was es heißt?« fragte der Major. »Nein«, der Berichterstatter gab vor, es nicht zu wissen. Erst langsam erinnerte er sich, daß er einmal, auf einer Reise durch Ägypten, ein türkisches Wort von ähnlichem Klang gehört habe. Und er sprach von Ägypten so, als hätte dieses Land nicht schon einmal eine bedeutende Rolle in der Geschichte seines Volkes gespielt. Als wäre die Landschaft noch interessanter geworden, verdoppelte der Oberst sein Interesse für die Fensterscheibe.

Sie näherten sich der deutschen Grenze. Der Major war mit seinen Witzen zu Ende. Er blätterte in seinem Büchlein in der Hoffnung, noch eine verborgene Anekdote zu finden. Aber er fand gar nichts mehr.

Der Journalist wurde unruhig, stand auf und zog mit sichtlicher Anstrengung seinen Koffer aus dem Gepäcknetz.

»Steigen Sie aus?« fragte der Oberst, ohne von seinem Buch aufzublicken und in einem Ton, in dem er etwa gesagt hätte: Sind wir Sie endlich los?

»Jawohl, Herr Oberst!« ertönte es stramm und militärisch.

Als der Zug langsamer fuhr und die ersten Anzeichen einer nahenden Station sichtbar wurden, stellte der Journalist seinen Koffer in den Korridor, kehrte ins Kupee zurück, schlug mit einem Knall, den man ihm gar nicht zugetraut hätte, die Absätze zusammen und verabschiedete sich.

Zum Ärger des preußischen Obersten reichte ihm der österreichische Major die Hand und sagte: »Hat mich sehr gefreut!«

Der Oberst begnügte sich damit, »Gleichfalls!« zu sagen. Es klang wie ein Fluch.

Auf dem Bahnsteig stand der Journalist und begrüßte seine Frau. Sie trug einen schwarzen, breiten Reiherhut, der flach wie ein Teller auf ihrem Kopf lag. Ihre großen Ohren brannten rot in der Kälte. In der Hand trug sie einen Schirm mit einem gelben, geflochtenen Griff aus Horn.

Der Zug setzte sich langsam wieder in Bewegung.

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