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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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In Rumänien trennte sich Friedrich von seinem Freund. Es war mir damals, als ich erfuhr, daß er nach Wien ging, unerklärlich, weshalb er nicht mit Berzejew zusammen den Umweg über Italien nach der Schweiz gemacht hatte. Und noch als ich im Felde den ersten Brief nach langer Zeit von Friedrich erhielt – ich zitiere auf einer der folgenden Seiten eine kennzeichnende Stelle –, nahm ich an, daß er etwas Wichtiges, vielleicht im Auftrag seiner Partei, in Österreich zu erledigen habe. Aber er hatte dort nichts zu tun. Ich begriff nicht, daß ein Mann, der mehr als ein Jahr in sibirischer Gefangenschaft gelebt hat, in eine Stadt zurückkehrt, um einen Bekannten oder selbst eine Frau wiederzusehn. Dennoch scheint Friedrich keinen anderen Grund gehabt zu haben. Savelli war nicht mehr in Wien. Der ukrainische Genosse P. lebte seit einem Jahr in einem Konzentrationslager für Zivilgefangene in Österreich. R. war nach der Schweiz übersiedelt – einen Monat vor dem Ausbruch des Krieges noch. Friedrich konnte ohne Militärpapiere nicht einmal sicher durch die Straßen gehn. Alle Menschen waren – wie man weiß – die Schatten ihrer Dokumente geworden. Den Jahrgang Friedrichs hatte man längst einberufen. Er mußte jedem Polizisten auf der Straße verdächtig erscheinen. Die großen Mobilisierungsplakate, auf denen er genannt war, klebten verwelkt und zerfetzt an den Wänden, nur noch Bestätigungen dafür, daß die Angehörigen dieses Jahrgangs gefallen waren und schon zu vermodern anfingen. Friedrich, dem eine bestimmte Staatsbürgerschaft nicht nachzuweisen war, konnte verhaftet werden und in ein Lager kommen. An der Grenze und unterwegs hatte er erzählt, daß er aus Rumänien komme, um einzurücken. Man hatte es ihm geglaubt, es gab viele seinesgleichen im Zug. Ein Gendarm, der die Papiere kontrollierte, erzählte es ihm. Die Männer kamen aus fernen Ländern, um ein Gewehr zu nehmen. Auch hier waren die Züge mit Laub geschmückt. Die Soldaten sangen andere Lieder und trugen andere Farben und Mützen als in Rußland. Vor einem Monat waren sie alle in Zivil, drüben und hier, kaum zu unterscheiden. Woher konnten sie denn alle auf einmal singen? Sie hatten nie gesungen, wenn sie in den Zügen gesessen waren, als Reisende in Parfüms, als Advokaten, als Beamte, die in Urlaub gingen oder wieder zu ihrem Dienst zurückkehrten. Hatten Sie keinen Respekt vor dem Tod? Achteten sie ihn nur, wenn er mit den feierlichen Abzeichen auftrat, die sie ihm in regelmäßigen Zeiten und auf regelrechten Friedhöfen, in Sarghandlungen und Leichenbestattungsunternehmungen zu verleihen liebten?

»Ich wurde mir langsam klar über meinen alten Zorn gegen die Autorität«, schrieb mir Friedrich später ins Feld. »Ich rebellierte nur gegen die vorläufige, gegenwärtige Autorität. Denn sie ruht nicht auf legaler Voraussetzung. Ebensowenig wie dieser Buchhalter, der jetzt singend in den Krieg zieht, ein Held ist, sowenig ist der Polizist ein Polizist, der Minister ein Minister, der Kaiser ein Kaiser. In friedlichen Zeiten sieht man es nicht. Aber jetzt enthüllen die hunderttausend Advokaten und Oberlehrer, die sich plötzlich in Offiziere verwandelt haben, die Ungesetzlichkeit auch der Berufsoffiziere. Es ist kein Zweifel, die Gesellschaft gibt sich zu erkennen, obwohl sie sich verkleidete.

Ich war in dem Verein der jungen Arbeiter, den Sie ja kennen. Die Donnerstagabende finden immer noch statt. Ich las das Programm im Hausflur. Dies die Titel der Vorträge: ›Die Mittelmächte und der Krieg‹. ›Der Sozialismus und Deutschland‹. ›Der Zarismus und das Proletariat‹. ›Der mitteleuropäische Gedanke und die Freiheit der Völker‹. Ich suchte den Vorsitzenden, einen jungen Metallarbeiter. Er war trotz seiner Jugend vom Militärdienst vorläufig befreit, weil er in einer Munitionsfabrik arbeitete und wegen seiner besonderen Kenntnisse. ›Oh, Genosse!‹ sagte der junge Mann erfreut. Er trug ein Abzeichen im Knopfloch, dessen Form ich kaum erkennen konnte und das gleichzeitig ein Kreuz war, ein Stern und ein Hammer. Ein Zeichner, der in der Munitionsfabrik beschäftigt war, hatte es entworfen, und es war behördlich geschützt worden als ein Abzeichen der Hinterlandshelden, wie die Metallarbeiter genannt werden. ›Wie herrlich, daß Sie entronnen sind!‹ sagte der Junge. ›Wann rücken Sie ein? Wollen Sie noch vorher einen Vortrag bei uns halten? Wir sind jetzt wenige. Die meisten sind eingerückt!« Wie er so sprach, hatte er die Fröhlichkeit eines Festkomiteepräsidenten. Auf seinem Tisch lagen Stöße von rosa Feldpostkarten, stand ein Aschenbecher, den er selbst aus einer der Granaten, die er erzeugen half, hergestellt hatte. An der Wand hing einer der bekannten Drucke, die Karl Marx darstellten, und eine rote Fahne, mit Bindfaden umwickelt, lehnte in einem Winkel. Sie erinnerte an einen zusammengerollten Sonnenschirm, wie ihn die Blumenhändler über ihre Stände an heißen Sommertagen aufspannen. Und weil es draußen schneite, schien es mir in einem Anfall merkwürdiger Verwirrung, daß die Fahne wirklich ein Schirm war.«

Er erinnerte sich an Grünhut wie an eine Medizin, die man schon ein paarmal mit Erfolg benutzt hat. Grünhut war ein verlorener Mann, er geriet auch durch einen Krieg nicht mehr aus seiner Verbannung. Und da die Gesellschaft Krieg führte, schloß Friedrich mit der Konsequenz eines Menschen, der noch keinen Krieg erlebt hatte, müßten die Vorbestraften normal sein.

Grünhut sprang auf. »Kommen Sie, kommen Sie«, sagte er und zog Friedrich zum Tisch und zündete die Gaslampe an, die eine surrende, grüne Kälte zu verbreiten anfing. Dennoch versuchte er, sich an der Flamme die gefrorenen Hände zu wärmen.

Friedrich erzählte von seiner Flucht. Grünhut ging im Zimmer herum und rieb sich die Hände. »Welch ein Heldentum!« sagte er. »Sie verdienten eine Auszeichnung, noch bevor Sie ins Feld gehn! Das muß man in der Zeitung veröffentlichen! Welch ein Held! Welch ein Held!« Und er begann, von der bevorstehenden Belagerung der Stadt Paris zu sprechen, von dem Zug Hindenburgs nach Petersburg, von einer Marschkompanie, die gerade heute unter seinem Fenster zur Bahn vorbeigegangen war, und von seiner Aussicht, endlich rehabilitiert zu werden. Er nannte jetzt seine alte, unglückliche Geschichte einen »tragischen Fall«. Er hatte ein Gesuch an das Regiment gerichtet, in dem er als Einjähriger vor Jahren gedient und Feldwebel mit Offiziersprüfung geworden war. Er hatte noch eine Abschrift, zog sie aus der Tasche und begann vorzulesen. Es war die Rede von der außergewöhnlichen Zeit, vom Vaterland und vom Kaiser, von einer »jugendlichen Verirrung« und von der Sehnsucht, als Ehrenmann und Soldat zu sterben und ein verlorenes Leben durch einen schönen Tod wiedergutzumachen. Trotz seinem Alter wollte er an die Front.

Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl seine roten Hände verrieten, daß er fror. Er hatte Hitze und Frost zugleich. Sein Kopf steckte in einem andern Klima als sein Körper. Vorläufig, so erzählte Grünhut, wären keine Adressen zu schreiben. Ein großer Schneider, der Uniformlieferungen hatte, gab ihm sogenannte Heimarbeit. Er holte sich jeden dritten Tag in der Werkstatt zwanzig Paar Militärhosen und hundertfünfzig Knöpfe und lieferte die Hosen mit den angenähten Knöpfen wieder nach drei Tagen ab. Er lieferte nur gute Arbeit. Andere begnügten sich damit, einen Faden durch je ein Knopfloch zu ziehn. Wenn so ein Soldat dann das erstemal seine Hosenträger anknöpfte, riß er sofort. Die Leute hatten kein Gewissen. Grünhut aber nähte die Knöpfe so vorsichtig an, daß sie wie Eisen hielten. Während man bei allen anderen Heimarbeiten Stichproben machte, glaubte man ihm aufs Wort. Auch bekam er einen höheren Lohn. Nur ging es jetzt nicht gut. Frau Tarka verlor allmählich ihre Kundschaft. Die Männer rückten ein, die Frauen wurden Pflegerinnen. Sie lernten allmählich vorsichtig sein und Schwangerschaften vermeiden. Es war Übung. Die geschlechtlichen Dinge konnten kein Geheimnis mehr bleiben. Und die Angst der Mädchen vor den Vätern wurde auch mit der Zeit geringer. Frau Tarka setzte ihm also zu. Sie verlangte mehr Geld fürs Zimmer. Man konnte jetzt so gut an Flüchtlinge aus dem Osten vermieten. Er vertröstete sie mit seiner Aussicht auf die Rehabilitierung.

»Wollen wir zum Essen gehn?«

Ja, sie gingen in die Ausspeisung.

Das Wetter hatte umgeschlagen, es wehte ein warmer Wind und verwandelte den Schnee in Regen. Die Leichtverwundeten und die Rekonvaleszenten gingen an Stöcken, mit schwarzen und weißen Binden, manche an den Armen dunkelblauer Pflegerinnen. Die Lampen waren reduziert worden, in den Schaufenstern wurden die Lichter zeitig ausgelöscht, manche Läden hatten geschlossen, weil ihre Inhaber eingerückt waren. Die herabgelassenen eisernen Türen erinnerten an Gräber, und die Zettel, die den Grund für die Abwesenheit der Kaufleute angaben, an Tafeln auf Grüften. In manchen Straßen war es so finster, daß man die Sterne zwischen den zerrissenen Wolken sah. Es war ein Einbruch der Natur unter die Häuser und Laternen. Die Fensterreihen blieben blind. In den Scheiben spiegelten sich der Himmel und die Wolken.

Der schwach erleuchtete Raum der Ausspeisung schien heller und freundlicher als im Frieden. Jetzt saßen mehr Frauen als Männer an den langen Tischen. Sie sprachen von Söhnen und Männern, zogen zerknüllte Feldpostbriefe aus verborgenen Taschen und alte Zeitungen. Ein paar grauhaarige Männer, die Grünhut mit einem kurzen Schweigen begrüßten, sprachen von der Politik. Grünhut, den die Alten Herr Doktor nannten, erklärte ihnen die strategische Lage der verbündeten Armeen und tröstete sie über den Vormarsch der Russen in Galizien mit dem Hinweis auf Napoleon, der im Jahre 1812 gerade dem Vormarsch sein Unglück zu verdanken hatte. »Ich habe mich gestern freiwillig gemeldet!« sagte er, wie als einen letzten und endgültigen Beweis für seine Behauptung, daß der Sieg der Mittelmächte sicher sei. Die Alten schüttelten die Köpfe. Wie alt er sei? fragten sie. »Zweiundfünfzig!« sagte Grünhut mit der gleichen Betonung, mit der er vorher »dreißigtausend Gefangene« gesagt hatte.

An der Wand hing, Friedrich bemerkte es auf einmal, ein großer, bunter Öldruck vom Kaiser im Krönungsornat. Das Porträt war im Frieden schon vorhanden gewesen, aber so hoch an der Wand und so verstaubt, daß er es immer für eine Landschaft gehalten hatte. Jetzt hing es also an einer sichtbaren Stelle und war wie ein erneuerter Treueschwur der Bettler und Armen, die hierherkamen.

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