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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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VI

Manchmal kam der Oberst Lelewicz selbst. Manchmal schickte er einen seiner Freunde. Er brachte Brot, Konserven, Zeitungen. In unregelmäßigen Abständen kam Len-Min-Tsin zu Besuch, der chinesische Händler, mit Zeitungen, Büchern und billiger Pornographie. Es waren Bündel von Ansichtskarten, wie sie den Fremden in den grellen Nächten der großen Städte scheue, kleine Händler mit vielverheißendem Flüstern anbieten. Der Chinese führte die Ansichtskarten in Serien durch die verlorenen Städte Sibiriens und verlieh sie wie Bücher. Er sammelte sie dann wieder bei seinen Abonnenten ab und tauschte sie gegen neue ein. Die Bilder waren abgegriffen wie alte Spielkarten von den gierigen Fingern vieler Hunderte. Efrejnow, Lion und Berzejew sahen zusammen mit unpolitischer und rein geschlechtlicher Eintracht die Karten durch. Efrejnow behielt seine Würde, während er sich in die Details vertiefte. Er runzelte die Augenbrauen, kämmte mit gespreizten Fingern seinen blonden Bart, schloß die Augenlider und sah durch eine schmale Ritze auf die Karten mit dem prüfenden Blick eines Kritikers. Gegen seinen Willen öffneten sich gleichzeitig seine behaarten Lippen in dem Maß, in dem sich seine Lider schlossen. Seine Zunge kroch neugierig zwischen die Zähne, er begann zu lächeln, sein Angesicht löste sich und bekam trotz dem mächtigen Hals, auf dem es saß, und trotz dem Bart, der es umrahmte und eingepackt hielt, einen knabenhaften Ausdruck. Lion hielt den Zwicker mit der Hand hart vor den Augen und wippte unaufhörlich mit einem Fuß, wobei sein Körper in ein zartes, schlitterndes Beben geriet. Berzejew war rot unter dem Braun seines regelmäßigen Gesichts und sah aus, als wäre nicht seine Haut gerötet, sondern als käme die rote Hautfarbe seines zweiten, inneren Menschen durch die braune des äußeren zum Vorschein. Ungeduldig, wie er war, wollte er rascher blättern als die andern, die gründlichere Naturen zu sein schienen.

Das ist mein Freund, denkt Friedrich. Er ist treu, er hat eine schöne Leidenschaft, er ist gütig, klug und vorsichtig. Man kann sich auf ihn verlassen. Er kann ein Regiment kommandieren. Der Hunger unterwirft ihn nicht, aber eine Ansichtskarte. Wenn ich ihm jetzt die Bilder wegnehme ... Er trat zum Tisch und nahm das Päckchen, das vor Berzejew lag. Berzejew erhob die Hand, um seine Karten vor dem Zugriff zu retten. Aber er senkte sie nicht, er hielt sie eine Weile in der Luft wie zum Schwur. Plötzlich lachte er laut.

»Du hast mir leid getan«, sagte Friedrich.

»Es war vielleicht lächerlich«, sagte Berzejew. Sie sprachen nicht mehr davon.

Aber einige Tage später erzählte Berzejew unvermittelt: »Ich habe mit Efrejnows Frau geschlafen. Er war mit Lion in unserem Zimmer.«

Und da Friedrich nicht weiter fragte – sehr schnell und sehr ernst: »Ich wollte dich nur informieren.«

Das war alles. Aber als hätte das Abenteuer Berzejews der Erinnerung irgendeine neue Tür geöffnet, begann Friedrich, an die Millionen ferner Frauen zu denken mit der Sehnsucht, mit der er an den Geschmack, den Geruch, die Form des Brotes gedacht hatte. An hundert kleine Begebenheiten ohne Bedeutung und ohne Folgen erinnerte er sich. Die Plattform einer Straßenbahn, vor ihm eine Frau, den Arm hochgestreckt, die Hand an einem der ledernen Griffe, die von der Decke des Wagens herabhängen. Deutlich die Linie ihrer gestreckten Brust und ihres Halses. Das Gesicht sieht er nicht mehr. Er hörte das zarte Trippeln eines jungen Mädchens durch eine schmale und stille Gasse, das Echo, das ihren Schuhen entgegenkommt wie eine zärtliche Antwort der Steine. Der taubengraue, schmale Schuh Hildes auf dem roten Samt des Wagens.

Grau auf Rot. Es waren die Farben seiner Liebe. Er dachte an sie wie ein Patriot an die Fahne seines Lebens. Der kleine Handschuhladen, die geduldige Erwartung der aufgereckten Finger und das zarte Spiel der Hände. Das schmale Armband zwischen dem Ärmel und dem Rand des Handschuhs. Die Wärme, die seiner Hand entgegenkommt, wenn er den Arm streift. Viele flüchtige Berührungen, absichtlich gewollte, absichtlich vorgetäuschte, kaum geborene Ahnungen einer Berührung, andre, die wie Schatten über die Körper gehuscht sind. Er zerreißt den Brief. Sie weint. Er erinnert sich nicht deutlich, ihre Tränen zu sehn. Er glaubt nur, sie gehört zu haben. Hilde geht durch die Tür des kleinen Kaffeehauses, hinter der halb verhängten Fensterscheibe noch einmal ihr Umriß auf der Straße. Sie verliert sich in der Stadt. Er tritt hinaus, sie ist nicht mehr da. Warum hat er je daran gezweifelt, daß er sie liebt. Er hat sich geschämt vor seinem Gewissen, vor R., vor seinem Ehrgeiz.

Er spricht seit Wochen nur mehr das Notwendigste. Die ewigen Diskussionen hört er wie einen verworrenen Lärm ohne Sinn. Proletariat, Autokratie, Finanz, herrschende Klasse, Militarismus. Simple Formeln, man mußte sich ihrer bedienen, um zu handeln. Aber sie umfaßten nur einen geringen Teil dessen, was sie zu enthalten vorgaben. Das Leben steckt in den Begriffen wie ein ausgewachsenes Kind in zu kurzen Kleidern. Eine einzige Stunde Leben besteht aus tausend unerklärlichen Regungen der Nerven, der Muskeln, des Gehirns, und ein einziges, großes, leeres Wort will sie alle ausdrücken.

Es gab in dieser Zeit nur ein Wort, das einen Inhalt hatte: Flucht!

Man konnte fliehen. Ihm war, als wäre er aus seinem eigenen Leben seit Jahren ausgezogen und als lebte er in einem fremden. Irgendwo wartete sein eigenes wie ein gutes, zu Unrecht verlassenes Haus. Fliehen, dem bleiernen Himmel entweichen, dem brotlosen Tisch. Die Idee hängt nur noch wie ein roter Kinderballon in der Luft. Das Leben ist kurz. Sechzig Jahre Freiheit sind weniger als zehn Jahre Sibirien.

»Was ist dir?« fragte Berzejew.

Der Tag ist noch lang. Aber am frühen Abend kommen Wolken, der Mond zerstreut sie. Am Morgen sind sie wieder da und betten die rote Sonne ein. Sie kann nur mit Mühe aufstehn. Sie bereiten sich auf den Winter vor. Die Tscheldony sagen, er würde früher kommen als gewöhnlich, und schon sehen sie den Winter. Der Chinese wird ausbleiben, die Zeitungen werden seltener, man muß sich mit Kerzen und Öl versorgen.

»Ich muß fliehen«, sagt Friedrich.

»Unmöglich jetzt, wir werden frei.«

»Verlaß dich auf mich, ich denke jeden Tag daran.«

In diesem Augenblick stößt Lion hastig die Türe auf. Er schwingt eine Zeitung.

Der österreichische Thronfolger ist erschossen.

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