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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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IV

Nicht immer verdienten die sibirischen Beamten des Zaren den schlechten Ruf, den sie bei der Bevölkerung, unter den Verurteilten und selbst bei ihren vorgesetzten Behörden genossen. Manche, die sich nicht ohne Grund selbst als Verbannte betrachteten, waren entschlossen, das Los der Gefangenen eher zu teilen als zu verschärfen. Viele fingen an, ihr Schicksal an den Verurteilten zu rächen, aber sie wurden nach einigen Jahren mürbe, denn sie sahen, daß ihre Strenge ihnen nichts einbrachte. Der Ehrgeiz, die Eitelkeit und die Furcht erloschen, weil die maßgebenden Vorgesetzten so weit entfernt waren. Andere wieder ließen sich bestechen und lebten mit einem schlechten Gewissen weiter. Einem schlechten Gewissen, das Gewalthaber ebenso nachsichtig machen kann wie Brutale.

Berzejew war mit dem Oberst Lelewicz befreundet, einem Polen, der das Kommando über ein Infanteriedetachement in Sibirien übernommen hatte, um eine Gelegenheit zu haben, seinen verbannten Landsleuten zu helfen. Er verfügte über so gute Beziehungen zu Petersburg, daß er seine Gesinnung nicht wie andere Offiziere und Beamte hinter einer martialischen Zarentreue zu verhüllen nötig hatte. Mit seiner Hilfe richteten sich Friedrich, Berzejew und Lion in einem der drei Häuser ein, die mit Fensterscheiben ausgerüstet waren. So blieben sie in einer ständigen und privaten Nachbarschaft der Behörde und durften mit den Beamten Karten spielen und politische Gespräche führen. Einmal in der Woche kamen Zeitungen, zehn Tage alt. Die Nachrichten, die sie in dieser Wüste verbreiteten, glichen den Sternen, die wir noch am Himmel leuchten sehn, während sie schon vor Jahrhunderten erloschen sind. Lion meinte, es sei gleichgültig, wann man die Zeitungen lese. Denn schon die Übermittlung eines Geschehens verändere es und dementiere es sogar. Deshalb erschienen uns alle Berichte in den Zeitungen so unwahrscheinlich.

Lion behauptete, er sei nur wegen seiner Verwandtschaft mit einem bekannten Revolutionär des gleichen Namens verbannt worden, würde aber wahrscheinlich bald freikommen. Er war in der Tat ein milder Gegner des Staats, für Einführung der konstitutionellen Monarchie, für eine Modernisierung der Bürokratie nach westlichem Muster und für eine Regelung der politischen Fragen im Innern nach genauer angewandten ökonomischen Gesetzen. Zwischen zwei Fingern hielt er den Zwicker, der an einem breiten, schwarzen Band festgeknüpft war, drohte mit ihm, zeichnete mit ihm verschlungene Ornamente in der Luft, und nur, wenn er zuhören mußte, setzte er ihn auf den unteren Teil seiner Nase, als wollte Lion seinen Gegner durch das Glas besser betrachten, indessen er ihn doch nur über den Rand der Gläser hinweg ansah. Alles, was mit den Vorgängen der Natur zusammenhing, war ihm fremd und unheimlich. Vor Hunden hatte er denselben Respekt wie vor Wölfen und Bären. Er merkte kaum den Wechsel der Jahreszeiten, und es ließ ihn gleichgültig, ob man 20 oder 60 Grad zählte.

Er verkündete unaufhörlich den Krieg. »Die Sozialdemokraten in Deutschland«, rief er, »haben endlich ihre kaisertreue Gesinnung offenbart. Herr Stücklen sagt: Wir Sozialdemokraten lieben das Land, in dem wir geboren sind, wir sind bessere Patrioten, als man glaubt. Noske: Wir haben niemals den Gedanken erwogen, daß man die Grenzen des Reiches ohne eine bedeutende Verteidigungsarmee offenlassen kann. Weil die Sozialdemokraten aus Prinzip für Vermögensabgabe sind, stimmen sie für Militärkredite. Sie stimmen also für die Möglichkeit, in vier Tagen eine halbe Million Mann gegen die französische Grenze zu werfen. Die Vertreter der Internationale bewilligen einundeinhalb Milliarden dem Kriegsminister. Das ist der Krieg, meine Herren«, schloß Lion, indem er die Zeitung durch die Luft schwang wie eine Fahne.

Berzejew und der Beamte Efrejnow waren für Deutschland, mißtrauisch gegen Frankreich. Berzejew verteidigte den deutschen Arbeiter. Schließlich verglich er sogar den Zaren mit dem deutschen Kaiser. »Immerhin«, sagte er, »schickt der Kaiser niemanden nach Sibirien.«

Efrejnow, der alles Schlimme in Rußland auf den westlichen Einfluß bezog, dem die Gesellschaft, die Intelligenz und der Zar selbst erlagen, fühlte sich gekränkt. Sein blonder Bart, seine breiten Schultern zitterten. »Da seht ihr«, rief er, »wie ihr alle einander gleicht. Ihr glaubt, Rußland sei irgendwo der Welt ähnlich, auch nur in einem einzigen Punkt. Nicht wahr. Rußland ist Orient, und alles andere ist verfaulter, zerfallender Westen. Ob Ihr deutscher Kaiser, Berzejew, oder Ihr deutscher Arbeiter, es ist alles gleich. Mit einem Kaiser, der mit Parlament und Demokratie regiert, beginnt schon der Sozialismus. Der Kaiser, die Republik, der Marxismus, alles okzidentale Begriffe. Der Zar in Rußland ist demokratischer als ein sozialistischer Parlamentarier. Er ist souverän vom Willen des Volkes und der Erde, die es bebaut. Der Zar ist die Frucht des russischen Bauernvolkes. Er besorgt die Angelegenheiten des Staates, für die das Volk keine Zeit hat. Seit wann stammt denn eure Unzufriedenheit? Seitdem ihr nach dem Westen schaut und ihn um seine Zivilisation beneidet. Da verhandelt Witte mit den amerikanischen Juden. Da schickt man den anglomanischen Snob Iswolski in die Welt, damit er berichtet, welche Krawatten man in London und Paris trägt. Und so vernichtet man die alte, heilige Autokratie des Zaren.«

Lion hatte schon längst unruhige Schleifen mit dem Zwicker in die Luft gezeichnet. »Sie glauben«, schrie er, »daß wir uns vom Westen abschließen können? Gegen die Wirtschaft der Welt ist nichts zu machen.

Rußland bleibt nicht ein Bauernvolk. Es industrialisiert sich. Die Industrie aber diktiert die politische Form. Zwei Drittel unserer Industrie sind in ausländischem Besitz. Eisen und Petroleum werden durch uns so langsam gewonnen, daß sie nicht einmal für unsere schwache Produktion reichen. Unsere Kohlengruben liefern nur 2250 Millionen Pud gegen 18 Milliarden in Deutschland und 32 Milliarden in den Vereinigten Staaten. Das durchschnittliche Einkommen eines russischen Untertanen beträgt 53 Rubel im Jahr, eines Franzosen 233, eines Engländers 273, eines Amerikaners 345. Nur 16 Rubel durchschnittlich spart der Russe im Jahr. Unsere Staatsschulden betragen 9 Milliarden, das sind 2 Rubel 80 Kopeken pro Kopf. England aber, das nach Ihrer Ansicht zum verfaulten Okzident gehört, hat ein Staatsbudget von 160 Millionen Pfund Sterling und unterstützt seine Landwirtschaft noch mit 170 Millionen jährlich.«

Man konnte nichts gegen Lions Zahlen, die er ohne das geringste Schwanken hersagte wie ein Gedicht. Während er sie aussprach, zeichnete er sie flink in die Luft, als schriebe er mit einer Kreide auf einer Tafel. Efrejnow schüttelte den Kopf. Er meinte, die Statistik sei ebenso wie der Marxismus ein Produkt des Westens und die Zahlen Verbrechen wie Attentate. Lion wäre noch mit mehr Recht als die andern nach Sibirien verschickt worden. Er sah zu dem Heiligenbild in die Ecke, und das rote Lämpchen leuchtete ihm einen linden, guten Trost ins Herz.

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