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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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projectid2b05677b
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II

Nach vier Tagen wurden sie ausgeschifft, in eine große Halle geführt und einwaggoniert. Sie waren erfrischt, als sie wieder das Land betraten, und ihre Ketten hatten einen hurtigeren Klang. Noch unter den rollenden Rädern der Eisenbahn fühlten sie die Erde. Durch die vergitterten Fenster des Zuges sahen sie Gras und Felder, Kühe und Hirten, Birken und Bauern, Kirchen und blauen Rauch über Schornsteinen, die ganze Welt, von der sie getrennt waren. Dennoch war es ein Trost, daß sie nicht untergegangen war, daß sie sich nicht einmal verändert hatte. Solange die Häuser standen und das Vieh weidete, erwartete die Welt die Wiederkehr der Gefangenen. Die Freiheit war nicht wie ein Eigentum, das jeder einzelne verloren hatte. Sie war ein Element wie die Luft.

Gerüchte wirbelten durch die Waggons. In der Erinnerung an die Botschaften, die man in den letzten Gefängnissen gehört und ausgetauscht hatte, nannte man sie »Latrinenneuigkeiten«. Die einen sagten, der ganze Transport würde geradewegs nach Wjerchojansk kommen, was von den Kennern als Irrsinn bezeichnet wurde. Adrassjonow, der Unteroffizier, hatte einem der »Alten«, den er schon zum zweitenmal transportierte, gesagt, daß sie nach Tjumen kommen würden, in eines der größten Gefängnisse, in den Tjuremnij Zamok, das Zentralgefängnis für Verbannte. Die Erfahrenen, die schon dort gewesen waren, begannen, die Schrecknisse dieses Kerkers zu schildern. Zuerst schauderten sie bei ihren eigenen Worten und machten die Zuhörer schaudern. Aber allmählich, während sie erzählten, wurde die Begeisterung, die sie nur aus dem Erzählen bezogen, stärker als der Inhalt ihrer Rede und die Neugier der Zuhörer größer als der Schrecken. Sie saßen da wie Kinder, die Märchen von gläsernen Palästen hören. Panfilow und Sjemienuta, zwei alte, weißbärtige Ukrainer, schilderten die Einzelzellen sogar mit einer Art Wehmut, und vergeßlich, wie das menschliche Herz ist, und weil der Weg noch allen unendlich vorkam und das Ziel trotz der Versicherungen der Erfahrenen noch ungewiß blieb, glaubten alle für ein paar kurze Stunden nicht, sie selbst führen dem Elend der Gefängnisse entgegen, sondern ganz andre, Fremde.

Friedrich und Berzejew nahmen sich vor, möglichst nahe beieinander zu bleiben. Berzejew hatte Geld. Er wußte, wie man bestach, Listen und Namen austauschte, und während die anderen »Politischen« über die Bauern, die Anarchie, Bakunin, Marx und die Juden diskutierten, berechnete er, wem er eine Zigarette und wem er einen Rubel geben sollte.

Obwohl sie langsam fuhren, stundenlang auf Güterbahnhöfen standen, schien ihnen doch die Eisenbahnfahrt kürzer, als sie gedacht hatten. Noch einmal rasselten die Ketten, noch einmal verlas man die Namen. Sie standen auf dem letzten Bahnhof und nahmen Abschied von den reizvollen Einrichtungen der Eisenbahn, von ihren technischen Spielzeugen, von grünen Signalen und roten Fähnchen, von den schrillen Glöckchen aus Glas und den harten Glocken aus Eisen, vom unermüdlichen Ticken des Telegraphen und vom sehnsüchtig geschwungenen Glanz der Schienen, vom keuchenden Atem der Lokomotive und dem heiseren Schrei, den sie zum Himmel schickte, vom Ruf der Schaffner und vom Winken der Stationsbeamten, vom Brunnen und von einem Gartenzaun, vom kargen Büfett dieser verlorenen Station und von dem Mädchen, das hinter den Flaschen stand und einen Samowar bediente. Besonders von diesem Mädchen. Friedrich betrachtete sie, als wäre sie die letzte europäische Frau, die er sich ansehn durfte und sich gut merken müsse. Er erinnerte sich an Hilde wie an ein Mädchen, mit dem er vor zwanzig Jahren gesprochen hatte. Manchmal konnte er sich nicht mehr ihr Gesicht vorstellen. Es schien ihm, daß sie in der Zwischenzeit alt und grau geworden war, eine Großmutter.

Sie stiegen in Wagen, machten alle fünfundzwanzig Kilometer halt, wechselten die Pferde. Nur der Kutscher blieb auf dem ganzen Weg der gleiche. Ein großer Teil des Transports war zurückgeblieben und sollte tatsächlich in eines der großen Sammelgefängnisse eingeliefert werden. Sie bestanden nur noch aus einigen Gruppen. Friedrich und Berzejew, Freyburg und Lion saßen in einem Wagen. Ohne daß es alle sahen, drückte Friedrich Berzejews Hand. Sie schlossen ein verschwiegenes Bündnis.

Wenn einer von den Gefangenen die Mütze abnahm, sah man die linke kahl rasierte Hälfte seines Schädels, und sein Angesicht bekam den närrischen Ausdruck eines Irrenhäuslers. Einer erschrak vor dem andern, aber jeder verhüllte sein Entsetzen unter einem Lächeln. Nur Berzejew war es gelungen, den Friseur zu bestechen. Er hatte den ganzen Schädel kahl rasiert.

Die Gefangenen sangen ein Lied nach dem andern. Die Soldaten und die Kutscher sangen mit. Manchmal sang ein einzelner, dann war es, als sänge er mit der Kraft aller. Seine Stimme verrauschte im vielstimmigen Refrain, der wie ein Rückkehr aus dem Himmel zur Erde war. Am schönsten sang Komow, ein Weber aus Moskau, bei dem man eine Geheimdruckerei entdeckt hatte. Er fuhr in die Gefangenschaft für fünfzehn Jahre.

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