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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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Da er seinem Versprechen gemäß, das er seiner sterbenden Frau gegeben hatte, nicht heiraten durfte, ohne Frau nicht leben konnte, sein Kind aber mit den Gepflogenheiten eines rüstigen Witwers nicht vertraut machen wollte, entschloß sich Herr Ludwig von Maerker, damals noch Bezirkshauptmann in einem Ministerium, seine Tochter in ein Kinderheim und später in ein Mädchenpensionat zu schicken, wo sie mit sozial gleichgestellten Waisenkindern standesgemäß erzogen werden sollte. Nachdem er also Hilde untergebracht hatte, nahm er eine Hausdame auf, mit der er nur in den Zirkus und in Varietés ging. Die Theater blieben ihr verschlossen. Sie nannte es ein Unrecht und leitete daraus das Recht ab, Herrn von Maerker das Leben zu verbittern und größere Machtansprüche im Hause zu stellen. Sie überwachte jeden Schritt und jede seiner Ausgaben. Und wenn er sich über die Freiheitsbeschränkung beklagte, antwortete sie mit jener bitteren Bissigkeit, die ebensogut eine Ohnmacht wie einen Totschlag ankündigen konnte: »Ich soll nicht dieses kleine Recht haben? Ich, eine Frau, die man nicht einmal ins Theater mitnimmt?« Einmal im Jahr entrann Herr von Maerker seiner Haushälterin. Er fuhr in die Schweiz seine Tochter besuchen. Sie wuchs ihm über den Kopf, bald war sie ein Backfisch. Er fand sie schön und bedauerte in seinen geheimsten Sekunden, daß er ihr Vater war und nicht ihr Verführer. Längst war sie von ihrer eigenen Phantasie verführt. Obwohl Herr von Maerker allerhand französische Literatur über Nonnenklöster und Mädchenpensionate gelesen hatte, glaubte er wie die meisten Männer an die Verderbtheit aller Frauen mit Ausnahme ihrer eigenen und ihrer nächsten. Die Haltlosigkeit beginnt erst bei den Cousinen.

Es war viel von der Aussicht die Rede, Hilde bald nach Hause zu nehmen. Und ehe er es sich versah, hatte Herr von Maerker graue Haare an den Schläfen, wurde seine Hausdame alt und runzlig, schwand ihre Hoffnung auf eine Ehe mit ihrem Freund und auf die Möglichkeit einer gemeinsamen Loge in dem Theater, erblühte Hilde, wie man sagt, zu einer Jungfrau, kehrte sie in das Haus ihres Vaters zurück, begann sie, ein eigenes Leben zu führen.

Die Zeit warb hartnäckig für die Freiheit des weiblichen Geschlechts; Herr von Maerker, der inzwischen Ministerialrat geworden war und der die Unfreiheit des männlichen so genau kannte, keineswegs. An den Ansichten seiner Tochter ermaß er halb verbittert und halb verschämt, daß er zur alten Generation gehörte, denn die Menschen schämen sich, alt geworden zu sein, als wäre es ein geheimes Laster. Vor der offensiven Frische seiner Tochter zog er sich schweigsam zurück. Er litt und wurde sogar allmählich weise. Er gehörte zu jener Gattung von Durchschnittsmännern, die erst in vorgerückten Jahren Vernunft bekommen, weil sie so lange hatten schweigen müssen, und denen nichts übrigbleibt, als nachdenklich zu werden. Wenn Hilde im Namen aller Töchter der Welt ausrief: »Unsere Mütter waren verkauft und verraten!«, so empfand Herr von Maerker diesen Satz als eine Lästerung seiner toten Frau und als eine Grobheit seiner Tochter. Er wunderte sich, woher Hilde soviel übergesunde Empfindungslosigkeit und schockierende Rhetorik hernahm. Er wußte noch immer nichts von seiner Tochter.

Sie war nicht anders als die Mädchen ihrer Zeit und ihres Standes. Sie verwandelte die devote Romantik ihrer Mutter in eine martialische des Amazonentums, forderte die Anerkennung der bürgerlichen Rechte und nahm, unterwegs gewissermaßen, auf dem Weg zu ihnen, die Freiheit der Liebe mit. Mit dem Ruf »Gleiches Recht für alle!« stürzten sich um jene Zeit die Töchter der guten Häuser ins Leben, in die Hochschulen, auf die Eisenbahn, auf die Luxusdampfer, in die Seziersäle und in die Laboratorien. Für sie wehte der bekannte frische Wind durch die Welt, den jede junge Generation zu spüren glaubt. Hilde war entschlossen, sich nicht einer Ehe auszuliefern. Ihre »intimste Freundin« hatte den Verrat begangen, den steinreichen Herrn G. zu heiraten, sie besaß Wagen, Pferde, Lakaien, Kutscher, Livreen. Aber Hilde, die den Reichtum ihrer Freundin gerne mitgenoß, die Wagen und Livreen bei Einkäufen in Anspruch nahm, behauptete: »Das ganze Glück Irenes kann mir gestohlen werden, sie hat ihre Freiheit verkauft.« Die Männer, zu denen sie so sprach, fanden sie charmant, außergewöhnlich klug, reizend eigenwillig. Und da sie außerdem noch eine Mitgift und ihr Vater Beziehungen hatte, dachte der und jener daran, sie zu heiraten, trotz ihrer prinzipiellen Weigerung, und altmodisch, wie Männer schon sind.

Nur dem und jenem von ihren Bekannten hätte ihr Vater sie geben mögen. Keineswegs jedem, mit dem sie verkehrte, weniger aus Interesse als aus einem Bedürfnis, ihre Freiheit zu manifestieren. Sie bildete einen sogenannten Kreis. Durch ihren Vater kannte sie hoffnungsvolle, junge Beamte und Offiziere, durch den Professor D. ein paar Dozenten und Hörer der Kunstgeschichte. Durch ihre reich verheiratete Freundin, deren Mann einen Mäzen spielte, einen Musiker, zwei Maler, einen Bildhauer und drei Schriftsteller.

Diese ganze Jugend, die noch nicht ahnte, daß sie bald in einem Weltkrieg dezimiert werden sollte, benahm sich so, als hätte sie unaufhörlich Ketten zu sprengen. Die jungen Beamten sprachen von den Gefahren, die dem alten Reich drohten, von der Notwendigkeit einer weitgehenden Autonomie der Nationen oder einer starken zentralisierenden Faust, einer Auflösung des Parlaments, einer sorgfältigeren Auswahl der Minister, einem Bruch mit Deutschland, einer Annäherung an Frankreich oder aber einer noch engeren Verbindung mit Deutschland und einer Provokation Serbiens. Die wollten den Krieg vermeiden, jene ihn heraufbeschwören, aber beide dachten, es handelte sich um einen kleinen, heiteren Krieg. Die jungen Offiziere machten für alles das langsame Avancement verantwortlich und die Dummheit des Generalstabs. Die Dozenten, von der Sanftheit junger Theologen, verbargen unter einem Schatz von Wissen einen Hunger nach Geltung und Mitgift. Die Künstler gaben zu verstehen, daß sie eine unmittelbare Beziehung zum Himmel hatten, spotteten über die Autorität, vertraten den Olymp, das Kaffeehaus und das Atelier gleichzeitig. Jeder war kühn, und doch rebellierte jeder nur gegen seinen eigenen Vater. Hilde hielt jeden für eine Persönlichkeit und für einen guten Kameraden zugleich. Sie bildete sich ein, reine Kameradschaft zu halten, aber wenn ihr einer kein Kompliment machte, begann sie, an seiner Persönlichkeit zu zweifeln. Zwar hielt sie nichts von der altmodischen Liebe, aber sie brach den Verkehr mit einem Mann ab, der ihr nicht zu erkennen gab, daß er in sie verliebt sei.

Sie buchte die Begegnung mit Friedrich unter ihren »merkwürdigen Erlebnissen«. Seine sichtbare Armut war eine neue Nuance in ihrem Bekanntenkreis. Sein weitreichender Radikalismus unterschied ihn von den kleinen Rebellen. Sie ging doch ein wenig aufgeregt das nächstemal in die Vorlesung.

»Ich möchte Sie begleiten«, sagte er. Natürlich, dachte sie, aber sie sagte nur: »Wenn es Ihnen Spaß macht.« Und da es regnete, stellte sie sich vor, wie sie mit ihm in sein Zimmer gehen würde oder in ein Café. Er hat aber wahrscheinlich kein Geld, überlegte sie, und von nun an hörte sie nicht mehr, was er sagte. Er versuchte auf der Straße, wo die Nässe, der Wind und die Regenschirme Verwirrung unter den Menschen stifteten, manchmal nach ihrem Arm zu greifen. Ihr Arm erwartete seine Hand. Man sieht, einen wie geringen Einfluß die Emanzipation eigentlich auf Hilde ausgeübt hatte.

Sie erreichten das kleine Café, wo er Stammgast war und wo er ohne Verlegenheit schuldig bleiben oder Geld borgen konnte. Als wäre es ihm erst soeben eingefallen, sagte er: »Wir sind naß, kommen Sie.« Sie fühlte eine leise Ahnung von dem Glück eines Mädchens, das der Geliebte ins Zimmer führt.

Jetzt saßen sie in der Ecke. Hier ist er Stammgast und zu Hause, kombinierte sie flink, und schon nahm sie sich vor, ihn hier gelegentlich zu überraschen. Manchmal berührten sich ihre Hände auf der Tischplatte, wichen schnell voreinander zurück und empfanden selbständige Scham, Sehnsucht, Neugier, als hätten sie eigene Herzen. Ihr Ärmel streifte ihn. Ihre Füße berührten sich. Ihre Teller stießen zusammen, bekamen Leben. Jeder Bewegung, die einer von beiden machte, verlieh der andere einen verborgenen Sinn. Ihr Armband liebte er ebenso wie ihre Finger, ihre schmalen Ärmel wie ihren Arm. Er fragte sie nach ihrer Mutter, weil er sie wieder traurig sehen wollte. Aber sie wurde es nicht. Sie beschrieb ihm nur die Photographie, die sie von der Toten besaß, und versprach, sie ihm zu zeigen. Die Zeit im Pensionat, glaubte er, wäre streng und trübe gewesen. Ihr fielen wieder die geheimen nächtlichen Gespräche ein, die sie längst vergessen und in der Rubrik »Kindereien« tröstlich untergebracht hatte. Erinnerungen bedrängten sie. Sie sehnte sich nach einer seiner zufälligen und erschrockenen Berührungen. Sie wollte nach seiner Hand greifen und wurde rot. Sie erinnerte sich an die deutliche Zudringlichkeit eines Malers und übertrug sie jetzt auf Friedrich. Was er sagte, machte sie ungeduldig, aber sie dachte gleichzeitig: Er ist klug und merkwürdig.

»Es ist spät«, sagte sie, »ich muß nach Hause.«

Er hatte gerade von den Vorgängen bei der Hebamme sprechen wollen, eine Illustration zum Verfall der Gesellschaft geben, ein Symptom ihres Untergangs. Sie versöhnte ihn durch ein Lächeln. Er tröstete sich mit der Länge des Weges. Draußen begann sie, von ihrer Jugend zu sprechen. Es war dunkel. Die Laternen brannten trübe, spärlich und feucht. Die Mauern schienen doppelte Schatten zu werfen. Plötzlich nahm sie seinen Arm, wie um ihm mehr zu erzählen. Vielleicht fragt er, dachte sie. Aber er fragte nicht. Sie begann:

»In der Nacht schliefen wir vier in einem großen Zimmer, jeder in einer Ecke. Links am Fenster stand mein Bett. Mir gegenüber schlief die kleine Gerb. Ihr Vater war ein deutscher Finanzbeamter, aus Hessen, glaube ich. In der Nacht kam sie in mein Bett. Wir waren damals sechzehn Jahre alt. Sie erzählte mir, daß ihr Vater, ein Kadettenschüler, sie sozusagen aufgeklärt habe. Das ist doch furchtbar, nicht?«

Friedrich verstand nicht, wonach sie gefragt werden wollte. »Ich glaube«, sagte er, »daß es Ihnen nicht so furchtbar vorkäme, wenn Sie bedenken wollten, daß 60 % aller proletarischen Kinder zwischen zwölf und sechzehn nicht mehr intakt sind. Haben Sie einen Begriff davon, wie es in den Massenquartieren aussieht?« Sein alter Zorn! Mit einem bitteren Eifer begann er wieder und nahm ihr jede Lust zu Geständnissen. In einem guten Pensionat, wo nur vier Mädchen in einem Zimmer schlafen, hat man keine Ahnung von einer Arbeiterwohnung. Er schilderte ihr eine. Er erklärte, was ein Bettgeher sei, ein Obdachlosenheim, das Leben der Verbannten und der politisch Verurteilten.

Sie tröstete sich. Welch eine Bekanntschaft! dachte sie stolz. Sie fragte ihn nach seiner Jugend. Er erzählte von seiner Tätigkeit an der Grenze. »Ich beneide Sie«, sagte sie. »Sie sind frei und stark. Wollen Sie zu mir hinaufkommen? Mittwoch nachmittag?«

Aus dem dunklen Hausflur leuchtete ihr Lächeln wie ein Licht.

Die meisten jungen Männer erschienen ihr langweilig wie ihr Vater. Sie sehnte sich danach, ein Mann zu sein, und verachtete die Männer, die mit ihrer Männlichkeit nichts anzufangen wußten. Sie hätte Friedrich glatt wie den Oberleutnant gewünscht und zudringlich wie den Maler, und zum erstenmal nach langen Jahren weinte sie im Bett, nackt der Finsternis preisgegeben, ein armes Mädchen ohne eine Spur von Emanzipation.

Am Morgen sah sie das Wochenprogramm durch mit der vagen Absicht, das Leben zu reformieren. Es war Sonntag. Montag kam die Näherin, Dienstag ging sie mit Frau G. ins Theater, Mittwoch Gäste, Donnerstag Vortrag, Freitag die Tante, Samstag zwei Herren vom Ministerium zum Abendessen und nachmittags eine Stunde Porträt vor dem Maler. Sie wollte Frau G. dazu einladen, aber die Freundin hatte keine Zeit, mußte mit ihrem Mann einen längst vorbereiteten Ausflug machen, zu seinen Verwandten, drei Stunden Eisenbahn. Innerhalb der nächsten fünf Minuten vergaß sie den Ausflug, sah in der Zeitung nach, was es am Samstag für Aufführungen gab, wurde rot, verwickelte sich, kam schnell auf ein anderes Thema. Zum erstenmal mischte sich in ihren Abschied eine Feindseligkeit, die auch ein beabsichtigt herzlicher Händedruck nicht vergessen ließ und nicht die übliche Umarmung, die diesmal sogar eine Sekunde länger dauerte als sonst. Sie hält mich für ihre Rivalin, kombinierte Hilde schnell. Ihre »beste Freundin«.

Sie trat in dem kleinen Kaffeehaus ein, um Friedrich zu überraschen, fand ihn nicht und hinterließ ihm eine Einladung für Samstag nachmittag.

Er kam und traf den Maler. Er kannte den auffälligen Mann schon vom Sehen. Er haßte den markanten Schädel voller Bedeutung, die breite, weiße Stirn, die buschigen Brauen, die ihr Besitzer jeden Tag zu besprengen schien wie Wiesenbeete. Sie beschatteten seine leeren Augen derart, daß in ihnen die dunkle Tiefe rästelhafter Seen zum Vorschein kam. Er haßte den tiefen, weichen und betont legeren Kragen, aus dem ein massives Doppelkinn dem Kinn wie zu dessen Unterstützung entgegenkam. Er haßte die sogenannten guten Köpfe im allgemeinen. Sie verwendeten einen großen Teil ihrer Energie darauf, noch bedeutender auszusehen, als die Natur es beabsichtigt hatte, und es war, als ob sie jeden Morgen nach dem Aufstehn ihre Talente an den Spiegel abgegeben hätten.

Hilde gab dem Maler den Vorzug. Sie nahm es Friedrich übel, daß sie seinetwegen eine schlechte Nacht verbracht hatte. Sie warf ihm vor, daß er an einem trüben und regnerischen Abend anders erscheinen konnte als an einem hellen Nachmittag. Außerdem war er jetzt verstockt und stumm. Er sah zu, wie der Maler im Laufe einer halben Stunde zehn Skizzen anfertigte, mit fliegenden Fingern und einem drohenden Blick, der von Hilde zum Papier sprang und wieder zurück. Hilde war unruhig. Obwohl sie keinen Zug zu verändern schien, gingen doch plötzlich Veränderungen unter ihrer Haut und unter ihren Zügen vor, und nur an den Augen konnte man sehen, wie ein Licht erlosch und sich wieder entzündete.

Friedrichs Stummheit brachte den Maler außer Fassung. »Ich muß Sie allein haben«, sagte er leise und so, als wollte er, daß Friedrich verstünde, er sagte ein Geheimnis. Friedrich stand auf, der Maler warf einen Blick gegen den Plafond. Er hatte die Fähigkeit, die Welt mehr mit den Brauen als mit den Augen zu sehen. Er packte mit hastiger Resignation seine Blätter zusammen. Da Hilde fürchtete, daß er beleidigt wäre, bat sie ihn zu bleiben. Aber sie ließ Friedrich gehen, und er verschwand, stumm und verstockt und mit dem Entschluß, ihr einen deutlichen Brief zu schreiben, ihr klarzumachen, daß sie ein unwürdiges, verlogenes Leben führte, daß sie anders werden müßte, daß sie mit dieser Bürgerlichkeit und dieser falschen Rebellion aufhören müßte. Alles dies schrieb er in der Hast eines Menschen, der sich vor einer nahen Gefahr retten will. Als er zur vierten Seite gelangte, überlegte er. Er wollte den Brief vernichten, aber er erinnerte sich, daß in allen Büchern Verliebte vorkamen, die Briefe zerrissen. Er hätte keinesfalls lächerlich werden wollen. Und er schickte schnell den Brief ab.

R. kam an seinen Tisch: »Schon lange verliebt? Es ist wahr, daß Sie sich verliebt haben, schämen Sie sich nicht. Es ist eine Energie wie die Gesundheit z. B., aber ebenso wie man die Gesundheit nicht dazu verwenden darf, noch gesünder zu werden, dürfen Sie nicht die Liebe mit ihrer Liebe nähren. Wandeln Sie sie um. Stecken Sie sie in eine Leistung. Sonst ist sie eine Schmockerei.«

Eine Broschüre war ins Italienische zu übersetzen, in einer Woche der 1. Mai. Versammlungen. Da und dort sein. Ein paar Worte sagen. P. bedroht von der Ausweisung. Savelli nach Friedrich gefragt.

»Ja, ja«, sagte Friedrich, »ich werde sofort anfangen.« Er begann zu arbeiten. Er hatte nicht die Liebe in eine Leistung zu stecken, höchstens die produktive Traurigkeit eines Verliebten.

Eines Abends, während er schrieb, kam Hilde ins Kaffeehaus. Er spielte ihr und sich selbst Gleichgültigkeit vor. Sie sollte nicht glauben, daß er ein bürgerlicher Porträtmaler war. Nein, er hatte zu arbeiten an der Erlösung der Welt. Keine geringere Sache. Er spürte einen bösen Triumph darüber, daß sie ihre Jugend, ihre Eleganz, ihre Schönheit in den grauen, kleinen Raum gebracht hatte.

Hilflos saß sie neben ihm, seinen großen Brief in der Hand. Sie hatte sich vorgenommen, über jeden Satz mit ihm zu sprechen. Er bat sie zu warten, er müßte einen Artikel schreiben. Fulminant, dachte er, was ich schreibe; durch die Aussicht angeregt, ihr vorzulesen, wenn sie ihn bitten würde. Sie wartete. Er war fertig. Es fiel ihr nicht ein zu fragen. Sie dachte nur an den Brief. Fast sanft begann sie: »Ich habe den Brief mitgebracht.« Ihre Sanftheit reizte ihn. »Entschuldigen Sie«, sagte er, »diesen Brief habe ich in einem wahnsinnigen Zustand geschrieben. Betrachten Sie ihn nicht mehr als einen Brief, der an Sie gerichtet ist.« Sie hielt noch das Papier in der Hand. Er griff danach und begann, es zu zerreißen. Sie hätte seine Hand festhalten wollen und schämte sich. Ihre Augen füllten sich mit warmen Tränen. Ich weine schon wieder, dachte sie, entrüstet über ihren Rückfall in eine überholte Vergangenheit.

Es war nur ein kleiner Augenblick, er sah nicht auf sie. Er spielte mit Überzeugung einen Harten, Hochmütigen, und seine Hände zerrissen mechanisch den Brief. Jetzt waren es fünfzig Papierchen. Sie lagen wie kleine, weiße Leichen auf der dunklen Marmorplatte. Der Kellner kam, wischte sie mit der Hand in die andere und trug sie weg. Begraben, fiel ihr ein.

Er wollte etwas Versöhnliches sagen. Nichts Versöhnliches kam. Über ihnen beiden waltete schon das ewige Gesetz, das die Mißverständnisse zwischen den Geschlechtern regelt.

Schon stand sie wieder, fremd in diesem Café aus einer anderen Welt. Schon ging sie. Er sah sie noch einmal durch das Fenster vorbeigehn. Und er wußte nicht mehr, daß nur eine Scheibe sie von ihm trennte. Ihm war, als gäbe es überhaupt keine Möglichkeit mehr, dieses Café zu verlassen. Als wäre die Tür in diesem Augenblick vermauert worden und sein Platz für ewige Zeiten hier, an diesem Tisch. Er rührte sich nicht. Fünf Minuten später trat er hinaus. Sie war nicht mehr zu sehn.

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