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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/roth/stummpro/stummpro.xml
typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20090916
projectid2b05677b
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IX

An die Frau im Wagen dachte er nicht mehr – oder er bildete sich ein, daß er sie vergessen hatte. Aber durch einen Zufall sah er sie eines Tages wieder – und er erschrak. Denn es war wie die Begegnung mit einem lebendig gewordenen Bild, das man aufbewahren ließ in einem bestimmten Saal eines bestimmten Museums, oder wie die Begegnung mit einem vergessenen Gedanken, der in einer tieferen, verhüllten Region der Erinnerung geruht hat. Er wußte nicht mehr, wer sie war, als sie ihn in einem Korridor der Universität nach dem Hörsaal 24 fragte. Er erkannte sie erst, nachdem sie verschwunden war. Wie ein ferner Stern hatte sie einige Sekunden gebraucht, um seine Netzhaut zu treffen. Er folgte ihr. Im verdunkelten Raum las jemand über irgendeinen Maler, zeigte jemand irgendwelche Lichtbilder, und die Dunkelheit war wie ein zweiter, enger Raum im Saal. Sie schloß gleichsam dichter sie und ihn zusammen ein.

Er wartete. Er hatte kein Wort gehört, kein Bild gesehen. Er sah, daß die Tür aufging und daß sie den Saal verließ.

Er ging hinter ihr in einer Distanz, die ihm durch die Anbetung vorgeschrieben und zugemessen zu sein schien. Er hatte Angst, daß eine Seitengasse sie verschlucken, ein Wagen sie entführen, ein Bekannter sie erwarten könne. Sein zärtliches Auge erhaschte den fernen braunen Schimmer ihres Profils zwischen dem Pelzrand des Kragens und dem dunklen Hut. Der gleichmäßige Rhythmus ihrer Schritte teilte dem weichen Stoff der Jacke, den Hüften und dem Rücken zarte Wellenbewegungen mit. Vor einem kleinen Laden in einer stillen Seitengasse blieb sie stehen und legte eine zögernde, nachdenkliche Hand um die Klinke. Sie trat ein. Er ging näher. Er sah durch die Scheibe. Sie saß am Tisch, wandte ihm das Gesicht zu und probierte Handschuhe. Sie hatte die Linke aufgestützt, ihre Finger waren aufgerichtet in geduldiger Erwartung. Sie streifte das neue Leder über, schloß die Hand zur Faust und öffnete sie wieder, strich mit der rechten Hand zärtlich über die linke und entfaltete das ganze reizvolle, spannende Spiel der Gelenke und Finger.

Sie verließ den Laden. Er hatte keine Zeit mehr, sich zu entfernen. Ihr erster Blick fiel auf ihn, und da er unwillkürlich den Hut zog, blieb sie stehen, als wollte sie ihn erkennen, als dächte sie nach, ob sie das gleichgültige Lächeln aufsetzen sollte, das man den Bekannten widmet, die man vergessen hat. Endlich, da er sich nicht rührte, wandte sie sich zum Gehn. Er trat einen Schritt näher. Sie wurde sichtlich verlegen. Die Lust zu fliehen ergriff ihn zugleich mit der Furcht vor der Lächerlichkeit. Die Überlegung, daß er im nächsten Augenblick etwas sagen müsse, wurde überholt von dem stillen Eingeständnis, daß er nichts zu sagen wisse. Das weiche Oval des braunen Gesichts verwirrte ihn in der Nähe; wie der erschrockene, dunkle Blick und die zarte, bläuliche Haut der Lider; und selbst das schmale Päckchen, das sie in der Hand hielt. Wenn sie nur nicht fortwährend lächeln wollte, dachte er. Ich muß sie sofort darüber aufklären, daß ich nicht zu ihren Bekannten gehöre. Also sagte er, den Hut in der Hand:

»Ich kann nichts dafür, daß Sie erschrocken sind. Die Situation ist stärker gewesen als ich. Ich bin Ihnen gefolgt ohne eine Absicht. Sie haben den Laden früher verlassen, als ich berechnen konnte. Ich habe Sie gegrüßt, ohne Sie zu kennen. Ich habe Sie also irregeführt, aber ohne es zu wollen. Ich bitte Sie um Verzeihung.«

Während er sprach, wunderte er sich über die Ruhe und die Präzision seiner Worte. Ihr Lächeln verschwand und erschien wieder. Es war wie ein Licht, das kommt und geht.

»Ich hab's gut verstanden«, sagte sie.

Friedrich verneigte sich, sie versuchte, sich ebenfalls zu verbeugen, und beide lachten.

Er war überrascht, als er erfuhr, daß sie nicht verheiratet war. Er verstand jetzt nicht mehr, warum er sie für eine verheiratete Frau gehalten hatte. Zweitens war es nicht ihr Wagen, in dem sie an jenem Augusttag gefahren war. Der Wagen gehörte ihrer Freundin, der Frau G., zu der sie damals eingeladen war. Ob sie studiere? Nein, sie besuche nur die Vorträge des Professors D., der zu den Bekannten ihres Hauses gehörte. Ihr Vater, wie alte Herren manchmal seien, erlaube ihr kein Studium. Bestimmt hätte sie es durchgesetzt, wenn ihre Mutter leben würde. Ihre Mutter wäre gut gewesen. Und eine hurtige Trauer wehte über ihr Gesicht.

Sie blieb vor einem Standplatz für Wagen, sie mußte ins Theater, hatte eine Verabredung. Schon sah Friedrich einen Kutscher vom Bock springen und die Decken von den Rücken der Pferde streifen.

»Ich möchte lieber mit Ihnen gehen, wenn Sie Zeit haben«, sagte Friedrich.

Sie lächelte. Er schämte sich. »Dann gehen wir«, sagte sie, »aber gleich.«

Nun war es vorbei, er konnte nicht mehr ruhig sprechen. Es war nur noch die Rede von gleichgültigen Dingen, vom harten Winter und vom Professor D., von der Langeweile öffentlicher und privater Bälle, von der Sparsamkeit der reichen Leute und von der schlechten Beleuchtung der Straßen. Sie verschwand im Theater.

Er ergab sich einer bunten Planlosigkeit, einer Art von Ferien. Er trat in das Vestibül, in dem sie verschwunden war. Es war eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung. Man hörte die Wagen vorfahren, die Pferde festlich wiehern, das schnalzende Aufschlagen ihrer Hufe und den gemurmelten Zuspruch der Kutscher. Im Vestibül verbreitete sich der Duft von Parfüm, von Puder, von Kleidern, ein Gewirr von Begrüßungen. Viele Männer warteten hier, an die Wände gelehnt, zogen die Hüte, tief und weniger tief, nickten nur oder lächelten beim Nicken. In den Mienen und an der Haltung der Wartenden konnte er den Rang der Eintretenden ablesen. Die Menschen standen wie lebendige Spiegel in den Ecken. Aber sie hatten selbst ebenfalls Rang und Charakter und konnten immer wieder an der Art, in der man ihnen erwiderte, die Stellung bestätigt finden, die sie in der Welt einnahmen. Die schönen Frauen schienen niemanden zu sehen, indessen sie doch alle Anwesenden prüften mit dem flinken und unauffälligen Blick, mit dem Kommandanten das marschbereite Regiment noch ein letztes Mal approbieren, bevor der Herr General ankommt. Den schönen Frauen entging keiner von den Anwesenden. Sie vergaßen selbst den Portier nicht und nicht den Polizisten. Ihre Augen verstreuten schnelle Fragen und bekamen langsame und schmachtende Antworten. Offiziere in allen Arten von Blau und Braun, alle in glänzenden Lackstiefeln und schmalen, schwarzen Hosen, verbreiteten ein angenehmes Geläute und eine harmlose Buntheit. Zum erstenmal empfand Friedrich gegen sie keinen Haß und sogar eine gewisse Solidarität mit dem Polizisten, dem es zu verdanken war, daß die Harmonie dieser schönen Wirrnis nicht durch Verbrecher oder Betrunkene gestört wurde. Niemand ahnt hier, was ich bin. Sie halten mich für einen kleinen Studenten, denkt er. Wenn der Blick einer Frau ihn streifte, fühlte er Dankbarkeit für das ganze Geschlecht. Diese Wesen haben Instinkt, sagt er sich. Die Männer sind grob. Auf einmal bedauert er die Damen der Gesellschaft. An der Seite törichter Leutnants und brutaler Geldverdiener vertrauern sie ihr Leben, verwelkt ihre Schönheit. Sie bedürfen ganz anderer Männer. Selbstverständlich denkt er an sich.

Eine schrille Glocke fiel durch das Haus wie ein fröhlicher Schrecken. Die Bewegungen der Menschen wurden hastiger, das Gewirr lauter. Die Türen flogen auf, und drei Minuten später war das Vestibül leer. Der Polizist setzte sich auf einen leeren Sessel in der Ecke. Das Fenster an der Kasse klappte eine unsichtbare Hand von innen zu. Die silbernen Bogenlampen vor den Eingängen erloschen. Im Vestibül ging eine Vorstellung zu Ende, eine andere begann eben auf der Bühne. Die Kutscher traten ein, es kamen kleine Männer von der Straße, die aussahen wie Briefträger in Zivil. Sie versammelten sich um den Portier und verhandelten mit ihm. Es waren Unteragenten und fliegende Billettverkäufer. Der Polizist wandte sich ab, um sie nicht sehen zu müssen. In diesem Vestibül duftete nicht mehr das Parfüm der Frauen. Die armen Menschen verbreiteten den Geruch von Gulasch, alten Kleidern und Regen. Es war, als ob die Armen, die sich jetzt im Vestibül versammelten, nach der Art der Puppen in den Wetterhäuschen auf dem entgegengesetzten Ende der gleichen Stege standen, an denen auch die Reichen festgenagelt waren, und als brächten bestimmte Gesetze bald die Glücklichen und bald wieder die Elenden vor den Theatern der Welt zum Vorschein.

Friedrich verließ das Theater. Es war zeitig, er sollte noch seine Freunde im Café aufsuchen. Aber gerade sie hätte er heute nicht sehen können. Er schämte sich vor ihnen. Sie müssen mir ansehen, sagte er sich, daß ich verliebt bin. R. wird mich sofort als einen »Romantiker« entlarven, eine Bezeichnung, die in seinem Munde einen Klang hat wie das Wort »Vatermord«. Nein, er konnte die Genossen nicht sehen. Savelli z. B. verliebte sich nicht, der Genosse T. liebte nur die Revolution. Der Ukrainer hatte seine ganze kolossale Körperlichkeit der Idee unterworfen, wie man ein Volk einem Herrn unterwirft. Und was R. betrifft, so leugnete er selbstverständlich die Möglichkeiten einer Liebe. Nur er, Friedrich, hat Platz für alles in seiner Brust, für Entsagung und Ehrgeiz, Revolution und Verliebtheit.

Es blieb ihm nichts übrig, als die schlecht beleuchtete Treppe zu Grünhut hinaufzusteigen, denn er konnte auch nicht allein bleiben. Er roch den Gestank der Katzen, die in unerklärlicher Panik vor ihm auseinanderstoben, hörte die Stimmen durch die Türen, die dicht nebeneinander in den Korridoren standen, mit Nummern versehen wie in einem Hotel. Die Tür der Hebamme trug die Aufschrift: Stark klopfen, Glocke läutet nicht. Er hörte den leichten Schritt Grünhuts.

»Lange nicht gesehn«, sagte Grünhut. Und gleich darauf: »Pst, es sind Kunden drin.«

Er schrieb seine Adressen. Er konnte es jetzt bequem bis zu vierhundert im Tag bringen. Ob Friedrich noch schreibe?

Nein, er arbeite jetzt, hätte noch Geld für zwei Monate und gedenke, bald etwas anderes zu finden.

Nun begannen Grünhuts alte Klagen gegen die Welt. Schließlich kam noch einmal wie immer die Frage: »Was halten Sie von einem anonymen Brief an den Mann, von dem ich Ihnen erzählt habe?«

Er wollte nicht nur Friedrichs Rat, er gedachte, einen originellen Brief zu schreiben, zu zweit, jedes Wort von einer anderen Hand. Die beeidigten Sachverständigen kannte er schon. Vor jeder komplizierten Sache blieben sie ratlos. Ein zweiter mußte dabeisein, und nicht nur der Schrift wegen. Man mußte eventuell auch ein Rendezvous ausmachen. Immerhin, zwei verwickelten nach Grünhuts Ansicht die Anonymität so sehr, daß kein Mensch sich mehr auskennte.

Friedrichs Widerspruch beleidigte ihn. Sein unerschütterlicher Glaube an die verbrecherische Natur des jungen Mannes wandelte sich in einen verletzten Respekt vor dem Jungen, der nach Grünhuts Meinung wahrscheinlich weit wichtigere und ertragreichere Verbrechen plante.

Verschiedene Geräusche kamen aus dem Zimmer der Hebamme. Wasser, gemurmelte Worte einer tiefen Frauenstimme, ein Sesselrücken, ein metallener Gegenstand neben Glas und Holz.

»Hören Sie?« sagte der Kleine. »Am Abend im Frühling, im Hotel und im Chambre séparée hören Sie ganz andere Dinge. Da singen die Nachtigallen, da geigt ein Zigeuner, da knallt ein Champagnerpfropfen. Wo sind sie jetzt, die Nachtigallen? Frau Tarka hat mir angedeutet, wer da drinnen ist. Die Frau eines Professors, Folgen einer Liaison mit einem Bildhauer. Übrigens ein guter Bekannter von mir. Hat mir einige Geschäfte vermittelt. Ein äußerst produktiver Mann, hält sich für dämonisch wie jedes Schwein. Die meisten Geschäfte hat Frau Tarka den Bildhauern zu verdanken und den Malern.

Man läßt sich soviel porträtieren heutzutage. Man lebt sich aus in den Ateliers. Denken Sie, eine Frau kann einem Atelier widerstehn? Dieser schönen Unordnung unter dem blauen Himmel hoch oben im letzten Stock, wo nur Gott durch das gläserne Dach hineinschaut. Man liegt da und sieht hinauf. Man sieht die weißen Wölkchen wandern, einen Zug von Vögeln dahinstreichen, sehnt sich und sehnt sich wieder. In der Ecke die Leinwand. Ein Zeugnis, daß auch eine andere hier nackt war. Und der Maler redet etwas. Alles, was er weiß, hat er aus pornographischen Werken und aus Sittengeschichten. Sein Auge begeilt sich am Umriß und klebt an der Fläche. ›Welch eine Linie‹, sagt er, ›gnädige Frau, verbindet Ihren Hals mit dem Ansatz der Brust!‹ Das ist, verstehen Sie mich, wenn's ein Oberleutnant sagt, eine Frechheit, und der Herr Gemahl schießt sich mit ihm im Wald beim Morgengrauen. Wenn's ein Maler sagt, ist das ein künstlerisches Urteil. Die sogenannten Kenner machen keine Komplimente, sondern sagen sachliche Meinungen. Sie erstrecken sich auf den ganzen Körper. ›Welch ein reizender Schenkel!‹ sagt er sachlich, die Palette noch in der Hand. Manche sprechen von der Renaissance. Der Bildhauer z. B., der von Zeit zu Zeit zu Madame hierherkommt, mit dem unterhalte ich mich manchmal. D. h., er unterhält sich. Lauter falsches Zeug aus der Sittengeschichte. Einmal gibt er mir einen Auftrag. Pornographische Stiche, weil ich zufällig einen Buchhändler kenne, geh ich hin und besorg's. Die Vermittlung ist er mir schuldig geblieben, das Geld dem Buchhändler auch. Der geht hin, macht einen Lärm. ›Kommen Sie morgen‹, sagt der Meister. Am nächsten Tag gibt er ihm lächelnd das Buch zurück. Mir erzählt er dann paar Wochen später, er hätte die Bilder nur für diesen einen Nachmittag gebraucht, eines Mädchens wegen aus guter Familie. Und ich habe nur eine Bluse aufgemacht. Ich bin eben kein Künstler. Unverkennbar der Fortschritt der Zeit. Die Frage der Kunst hätten wir schon. Die Emanzipation der Frauen ebenfalls. Merken Sie, wie beides zusammentrifft? Es lockern sich die sogenannten Familienbande. Die Töchter der Hofräte lassen sich porträtieren und studieren Germanistik. In Bibliotheken tut sich was. Und ich – vor vielen Jahren allerdings – heute bekommt man dafür schon Auszeichnung. Mein Staatsanwalt lebt noch. So eine Anklage wird er nie mehr erleben. Mein Verteidiger war damals schon ein Anhänger der Theorie von der Dämonie. Er sagte einen Blödsinn von unwiderstehlichem Zwang, Vererbung und so. Der Wahrheit die Ehre. Mein Vater war ein harmloser Mann, hatte eine Wechselstube und schwere Sorgen und nicht die geringste Beziehung zur Sittlichkeit.«

Im Nebenzimmer wurde es still, eine Tür ging, ein Schlüssel knarrte. Grünhut hielt Friedrich noch ein paar Minuten zurück.

»Bis sie unten sind«, sagte er. »Ich liebe keine Indiskretionen.«

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