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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 9
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Überall Sturm.

Auf dem ziemlich weiten Wege vom Sagard bis Spyker hatte Waldemar, zumal ihn kein äußerlicher Vorfall störte, Zeit genug, über die eigentümlichen Verhältnisse, in denen er sich nach zweierlei Richtungen befand, reiflich nachzudenken. Wenn er dabei zunächst Hilles gedachte, deren liebliches Bild soeben erst seinen Augen entschwunden war, und deren glühenden Händedruck er noch immer in seiner davon brennenden Hand zu fühlen glaubte, so wollen wir ihm das nicht verargen. Ein solcher Gedanke war ihm so neu, die Empfindung, die sich damit verband, so eigentümlich angenehm, daß er schon aus einer gewissen Neugierde lebhaft darüber zu brüten begann. Der Rat aber, den sie ihm erteilt, war von so großer Wichtigkeit für ihn und Magnus – er hielt ihn wenigstens dafür – daß er schon, allein deshalb ihr eine dankbare Gesinnung bewahren mußte.

»Sie ist doch sehr gut,« sagte er zu sich, »und muß meinen Eltern außerordentlich zugetan sein, daß sie ihretwegen den weiten Weg nach Quoltitz in so unheimlicher Nacht allein zurücklegt. Und was sie für ein liebliches Gesicht und eine anziehende Art hat, wenn sie jemanden den Grund ihrer Handlungsweise auseinandersetzt – wahrhaftig, ein braves und schönes Mädchen, und o, wie weit von Gylfe in jeder Beziehung entfernt! Ich brauche bloß ihr treues, blaues Auge anzusehen, um zu wissen, daß sie mich nicht verraten würde, wenn ich ihr nachliefe, wie Magnus der blonden Schwedin nachläuft. O nein, das würde sie nicht, und an ihrem Herzen ruhte man sicher und warm in allen Lebensverhältnissen. – Ach, aber was für Gedanken in dieser Zeit! Wir haben Krieg und Streit, und da soll man an das selige Glück der Häuslichkeit nicht denken. Erst hinaus muß der Feind aus unserem Lande, zu unseren Füßen muß er liegen und wir die freie Rechte hoch über ihn schwingen! Allein gedulde dich, Waldemar, dazu ist noch keine Aussicht vorhanden. Ich darf mir nicht leugnen, daß Magnus' Verwundung mich in böse Verwicklungen gebracht hat, und daß noch nicht abzusehen ist, wie sie sich lösen werden. Wird er sich freiwillig entschließen, jetzt Spyker zu verlassen, wo diese verführerische Gylfe ihn mit ihren Blicken, ihren glänzenden Locken und ihrer schwebenden Gestalt umgarnt, trotzdem sie nicht einmal in seine Nähe kommt? Beinahe möchte ich es jetzt für ein Glück halten, daß er noch krank, noch schwach, noch nicht angetan ist, einen verzweifelten Kampf zu kämpfen, denn wäre er frisch wie sonst, dann würde seine leidenschaftliche Heftigkeit bald alle Riegel der Zurückhaltung und weisen Vorsicht sprengen, er würde sich Gylfe zu erkennen geben, gegen die glatten Verführungen dieser galanten Tyrannen in die Schranken treten und sein Recht als Mann und Edelmann geltend machen. Aber was würde dann aus uns? Wohin führt es uns? – Ist das das ruhige Leben auf der heimatlichen Insel, wie wir es uns in Deutschland ausgemalt haben, als wir überall von ränkesüchtigen Verfolgern und Spionen umgeben waren? Führt das zum stolzen Vernichtungskampfe gegen den großen Tyrannen, den wir uns in unsrer vor Grimm kochenden Brust als das einzige Ziel unseres gegenwärtigen Strebens vorgesetzt haben? Ach nein, ach nein, zum Ziele kommen wir jetzt noch nicht; gefangen, eingesperrt und meuchlings gerichtet können wir hier werden, aber kämpfen, siegen, befreien werden wir weder uns, noch einen anderen! O, es ist fürwahr eine trostlose Lage, in die wir geraten sind, und doch, doch kann ich mich ihr nicht entziehn, denn ich bin mit tausend Gefühlen an Magnus gebunden, seine Sache ist meine Sache, er ist mein Freund, mein innigst geliebter Freund, ich muß also an seiner Seite stehen und bei ihm aushalten. Wen hätte er auch, wenn er mich nicht hätte? Auch darin, wenn, ich es recht bedenke, erfülle ich meine Pflicht, ja, mehr als das, mein Versprechen. Habe ich nicht seinem alten ehrwürdigen Vater, dem ich so viele Wohltaten verdanke, feierlich gelobt, von seinem einzigen Sohn und Erben nicht zu weichen, ihm beizustehen in allen Gefahren des Leibes und Lebens? Ja, das habe ich getan und werde es also halten. Er ist zu schwach, zu heftig, zu sehr von seinen traurigen Schicksalsgedanken beherrscht, um seine eigene Lage beurteilen und weise handeln zu können. Also Geduld, also Ruhe und Ausdauer, Waldemar! Wem wollte ich auch augenblicklich meine Hilfe anbieten? In Deutschland ist jetzt nichts zu wagen, da ist man ruhig, man wartet ab, quält sich in Hoffnungen und Wünschen hin; der Kriegsvulkan schweigt, höchstens dampft er hier und da eitel Rauch, und die großen Männer, die ihre Völker leiten, sind noch zu keinen durchgreifenden kühnen Entschlüssen gekommen, sie beugen sich noch immer, anstatt sich zu erheben, sie schlafen noch immer, anstatt zu wachen – was also nun? Wohlan denn, ergreifen wie die Gelegenheit, wo sie sich bietet. Wagnisse gibt es überall und hier also auch. Bestehen wir dieses, wie es Männern geziemt, so werden wir unsre Zeit nicht verloren, so werden wir auch hier unsre Kraft geübt, unsern Mut gestählt haben. Also vorwärts! Sehen wir zunächst, ob wir diesen Brahe nicht von seinem Schicksal retten, von dieser Gylfe abtrünnig machen können, die sein Herzblut vergiftet, denn es wird Zeit, daß er zur Einsicht kommt und seine Gefühle nicht wegwirft, wo sie niemand sammelt und schätzt, wie sie zu schätzen sind.«

Als er diesen Entschluß, nach allen Seiten hin verarbeitet hatte, sah er, daß er dem Totenfelde bei Quoltitz schon wieder nahegekommen war, auf dem jetzt bereits das falbe Morgenlicht ruhte, daß der Nebel dämpfte und der Regen nicht zur belebenden Wirkung gelangen ließ. In unendlicher Öde, noch viel öder als in der vergangenen Nacht, die mit ihren sanften Schatten noch das Grausige des Orts verschleiert hatte, lagen die Strecken da, unter deren Oberfläche die lange begrabenen Toten ruhten, und fröstelnd von unheimlichen Empfindungen eilte Waldemar an der einsamen Stelle vorbei, wo er vorher gesessen hatte und durch Hilles süße Gegenwart von den Erinnerungen an die Begrabenen abgezogen war.

Es mochte vier Uhr morgens sein, als er den geheimen Gang des Spykerschen Schlosses erreicht hatte, und nun, ohne sich weiter mit Gedanken zu plagen, schlüpfte er so schnell wie möglich in sein Zimmer, um noch einige Stunden zu ruhen, wonach er infolge der geistigen Aufregung, die er im Laufe dieser Nacht bestanden, eine große Sehnsucht fühlte.

*

Kehren wir jetzt zu Magnus Brahe zurück, der immer noch in dem geheimnisvollen Turmzimmer wohnte, mit dem aber in den vierzehn Tagen, die er darin verlebt hatte, eine große Umwandlung vorgegangen war. Diese Umwandlung betraf nicht allein sein physisches Befinden, wie man es erwarten durfte, nein, sie war auch geistiger Natur, denn gerade seine allmählich vorschreitende Genesung erweckte die Tätigkeit seines Geistes und stachelte ihn zu neuer leidenschaftlicher Unternehmungslust an. Wie Waldemar schon Hille angedeutet, war seine Wunde der Heilung nahe, aber das Herzweh, das alle Tage neue Nahrung erhielt, hatte von Stunde zu Stunde zugenommen. Von dem Augenblick an, wo Gyselas Enthüllungen der Wünsche und Hoffnungen Gylfes ihm das Gift der Eifersucht und des daraus hervorgehenden Rachegefühls eingeflößt hatten, war die angeborene Milde und Sanftmut aus seinem Geiste gewichen. Mit glühender Hast sprang er morgens vom Lager auf und spähte im Parke unter seinem Fenster umher, ob er nicht irgend eine Spur von der vertraulichen Annäherung seiner Jugendgeliebten an den ihm jetzt doppelt verhaßten Feind entdecken könne, und oft genug war ihm hierin der Zufall günstig. Er sah sie mit dem Kapitän spazieren gehen und reiten und stets erschien sie ihm in solchen Momenten lachend und scherzend, zufrieden und glücklich. Sie spielte und tändelte ins Leben hinein, als hätte dieses Leben keinen Ernst und ihre Jungfräulichkeit keine Würde, sie gab sich ganz dem lockenden Vergnügen hin, mit dem der leichtfertige Franzose sie im Schlosse ihres Wohltäters umgab und half ihm selbst die Güter verschwenden, zerstückeln, die Magnus' Vater mit sparsamem Geiste gesammelt und seinem einzigen Erben zum Eigentum bestimmt hatte. Und wenn sie auch nicht an den rauschenden Festen teilnahm, die der mit fremden Mitteln so gastfreie Kapitän seinen Gefährten in den Sälen des einsamen Herrensitzes gab, so halfen doch ihre dem alten Ahlström zugefertigten Befehle, diese Feste so glänzend wie möglich zu machen. Bis tief in die Nacht schallte das Gelächter und Gebrüll der zechenden Feinde laut durch das ganze Schloß; Jagd wurde auf Jagd veranstaltet, und Gylfe schoß mit das edle Wild nieder, welches Besitzer und Pächter des Gutes so sorgsam aufgezogen und zur Zierde ihrer Waldungen gehütet hatten. Auch diese Waldungen selbst endlich tasteten die schonungslosen Hände der Frevler an, sie hieben die alten ehrwürdigen Bäume um, die schon von Generationen der Schloßahnen erzählen konnten, und verkauften das Holz oder vergeudeten es, wo sich nur irgend eine Gelegenheit dazu bot.

So war es denn natürlich, daß der Ingrimm des gräflichen Erben, als er dies wüste Treiben sah und hörte, alle Tage mehr wuchs, und nur mit großer Mühe hatte es Waldemar bisher vermocht, diesen Ingrimm zu bewältigen und den Unternehmungsgeist des gereizten jungen Mannes zu zügeln.

Aber nicht allein gegen den Kapitän wollte Magnus losbrechen, auch gegen Gylfe hatte sich ein namenloser Groll in seinem Herzen angehäuft. Hundertmal hatte er sich vorgenommen, in einer Stunde, wo der Kapitän abwesend war, zu ihr zu dringen, ihr die Schmach vorzuhalten, die sie sich und ihren Landsleuten mit ihrem Betragen antat, und nebenbei – o Schwäche des menschlichen Herzens! – noch einmal sein Glück bei ihr zu versuchen und zu sehen, ob es nicht möglich sei, ihre Neigung zu wandeln und wieder auf ihn selbst zurückzuführen.

Waldemar aber, der die Unfruchtbarkeit aller dieser Bestrebungen einsah, weil er mit natürlich richtigem Takt Gylfes Charakter erforscht und auch von Gysela erfahren hatte, daß jene nie mehr an Magnus Brahe denken werde, lehnte sich mit seiner ganzen Überredungskunst gegen solches Beginnen auf, und bis jetzt war es ihm immer noch gelungen, das heiße Verlangen seines Freundes zu beschwichtigen und ihn auf eine mildere Ausgleichung zu vertrösten. Er hatte dabei einen schweren Stand, und alle diese Bemühungen machten seinen erzwungenen Aufenthalt im Schlosse nicht angenehmer und erträglicher. Er ließ sich so selten als möglich vor dem Kapitän wie vor Gylfe sehen, ging ihnen aus dem Wege, wo er nur konnte, denn er ahnte, daß das Pulverfaß, welches zwischen diesen beiden Menschen und ihm lag, leicht einmal plötzlich durch einen hineingeworfenen Funken Feuer fangen und dann alle dabei Beteiligten rettungslos in die Luft schleudern könne.

Gylfe selbst fühlte einen Schauer durch ihre Adern rieseln, wenn sie dem jungen Manne zufällig begegnete; auch sie mochte ahnen, in welche unangenehme Verwicklung sie geraten könnte, wenn der Kapitän erführe, wer Waldemar sei, denn daß dann die kühle Neigung dieses zweifelhaften Verehrers dem Zorne des leidenschaftlichen Soldaten über ihre Verheimlichung des wahren Sachverhalts nicht werde die Wage halten, war leicht vorauszusehen.

So standen die Sachen am Morgen nach der Nacht, in welcher wir Waldemar von dem Totenfelde bei Quoltitz nach Hause begleitet haben, und wir nehmen jetzt den Faden unserer Erzählung im Schlosse selbst wieder auf.

Der sanfte warme Regen, der in der Nacht gefallen war, hatte sich gegen Morgen in einen stürmischen kalten Regenguß verwandelt und die stillt Ruhe, die in den Lüften geherrscht, war einem heftigen Winde gewichen, der in gewaltigen Stößen von Nordosten daher fuhr und dumpf brausend durch die Wälder fegte. Die schöne Fernsicht vom obersten Fenster des Spukturmes war dadurch verschwunden und rings, so weit das Auge reichte, war nichts als der dichte Nebelschleier zu sehen, der zwischen Himmel und Erde ausgebreitet lag und beiden den heiteren Glanz und ihre Farbenpracht entzogen hatte.

An dem Fenster, das den heftigsten Angriffen des Unwetters preisgegeben war, stand der Bewohner des geheimnisvollen Turmes und schaute von Zeit zu Zeit durch die kleinen Öffnungen, die an verschiedenen Stellen des dicht schließenden Vorhanges angebracht waren. Er war völlig angekleidet und trug das vom Kastellan Ahlström herbeigeschaffte Jägergewand, welches er gewöhnlich auf Spyker ließ, wenn er den Aufenthalt wechselte; nur sein verwundeter Arm ward noch von einer leichten Schlinge gestützt, obgleich er ihn schon frei bewegen und sogar zu leichten Verrichtungen gebrauchen konnte. Mag diese kecke, seinem hohen Wuchse nicht übel stehende Tracht dazu beitragen, oder mag ein von Innen herauswirkender Anreiz die Ursache davon sein, genug, der junge Graf macht heute einen ganz anderen Eindruck auf uns, als damals in Stralsund, wo wir ihn zum ersten Male verwundet auf dem Krankenlager erblickten. Schon in seiner Haltung sprach sich ein gewisses Mißfallen an der ihm aufgezwungenen Lage aus, das neben anderen Einflüssen vielleicht auch der Langeweile seinen Ursprung verdankte, aber noch mehr war der Ausdruck seines Gesichts verändert, seitdem wir es nicht wiedersahen. Statt des schwärmerischen, duldenden Zuges um Augen und Mund, der ihm früher den Anstrich physischer Schwäche und geistiger Abspannung verlieh, loderte die Flamme einer mit Mühe unterdrückten Ungeduld und ungestümen Verlangens darauf. Sein mattblaues Auge rollte unstät in seiner Höhle und blickte weniger feurig denn unwillig um sich her.

Dennoch können wir nicht leugnen, daß in diesem jetzigen Körper- und Gemütszustande Graf Magnus Brahe uns besser gefällt, als in dem früheren apathischen und nur auf unerreichbare Dinge gerichteten Brüten seiner Seele. Selbst sein Gesicht, wegen seiner Blässe und der etwas gedehnten Züge, die noch dazu ein mattblondes langes Haar umrahmte, von wenig belebender Wirkung, erschien dabei im ganzen voller und schöner als früher, denn der Ausdruck männlicher Kraft und energischen Willens, wenn er auch nur flüchtig und leicht vergänglich auftritt, verleiht jedem nur einigermaßen wohlgebildeten Antlitz einen angenehmen Firnis, der sogar hinreißend werden kann, wenn er mit Geist und Gemüt gepaart ist. Allein dieser festere Trotz, der heute auf diesem Gesichte lag, war leider kein anhaltender, er wurde immer nur vorübergehend wachgerufen, je nachdem das Gemüt des Patienten in Anspruch genommen oder sein Geist durch irgend einen vorherrschenden Gedanken in Aufregung gesetzt war.

Nachdem er eine Zeitlang am Fenster gestanden und das ungestüme Wetter beobachtet hatte, trat er, schon dadurch empfindlich berührt, von seinem Beobachtungsposten fort und, langsam auf- und niederschreitend, fiel er allmählich wieder in jenen brütenden, mehr passiven Zustand zurück, der das natürliche Element war, in dem sein Geist sich tummelte.

Um diese Zeit machte ihm Waldemar den ersten Morgenbesuch, um ihm das Ergebnis seiner nächtlichen Wanderung mitzuteilen, von der sich Magnus, als er sie am Abend vorher vernommen, keinen sonderlichen Erfolg versprochen hatte. Dennoch blickte er neugierig dem Eintretenden entgegen, da ihm sein Besuch doch einige Zerstreuung verhieß.

»Guten Morgen, Magnus,« sagte Waldemar erfreut, ihn schon in den Kleidern zu finden, und in der Zuversicht, ihm eine angenehme Nachricht zu bringen. »Du hast gut geschlafen, hoffe ich, und befindest dich kräftiger noch als gestern, obgleich das böse Wetter deiner frischeren Gemütsstimmung nicht sonderlich günstig ist. Wie?«

»Ich habe geschlafen, ja, und fühle mich kräftig genug, um bald an meine Arbeit zu gehen. Doch was hast du erfahren auf dem Totenfelde? Es muß etwas gutes sein, wenn ich nach deinem frohlockenden Gesicht urteilen soll?«

»Ach nein, zum Frohlocken ist es leider nichts, und doch beruhigt es mich einigermaßen. Wir haben noch einen Zufluchtsort, wenn wir es hier nicht mehr aushalten können.«

Magnus zog die Augenbrauen empor und nahm eine Miene an, als glaubte er nicht, daß dieser Zeitpunkt jemals eintreten könne, doch äußerte er nichts und hörte ruhig die Mitteilung Waldemars an, die dieser ihm aus dem Gespräch mit Hille zu machen hatte. Als er aber fertig war, runzelte Magnus die Stirn und sagte fast hastig:

»Was sollen wir auf Pulitz? Ich bin hier noch lange nicht fertig und habe noch nichts getan, was mich einst mit Befriedigung auf diesen Aufenthalt zurückblicken ließe. Ehe ich diesen bald kriechenden, bald übermütigen Franzosen, der halb ein Geck und halb ein Räuber ist, nicht gedemütigt und diese – o Gott! – diese Gylfe nicht seinen Klauen entrissen habe, verlasse ich nicht mein väterliches Dach. Und dazu ist leider die Zeit noch nicht gekommen.«

Waldemar raffte sich zusammen, denn er sah, daß es auch in seinem Freunde wie draußen in der Natur stürmte und daß er also heftigen Widerspruch zu erwarten habe. »Wie willst du denn diesen französischen Offizier demütigen?« fragte er mild. »Du, der einzelne Mann, gegen eine ganze Schwadron wohlgerüsteter und tapferer Soldaten? Wenn es möglich wäre, würde ich diesen Gedanken so bald wie möglich zur Tat machen, da es aber nicht möglich ist, kann ich ihn nicht anders als ein bloßes Hirngespinnst betrachten.«

»Ein Hirngespinnst? So! Dann wären also alle erhabenen Gedanken Hirngespinnste, wenn wir sie nicht augenblicklich zur Tat machen können?«

»Ja, wenn wir uns sagen müssen, daß sie unter gewissen, gegebenen Verhältnissen, wie sie zum Beispiel hier stattfinden, unausführbar sind.«

»Gut, ja, du magst recht haben, in bezug auf diesen Mann. Aber Gylfe – die will ich ihm dann wenigstens entreißen.«

»Und was willst du mit ihr beginnen?«

»Sie mit mir nach Schweden nehmen und ihr beweisen, daß ich hundertmal so viel wert bin, als dieser eitle Soldatengeck.«

»Und wenn dir das nun nicht gelänge?«

»Daran ist kein Zweifel, es muß mir gelingen.«

»Gut. Was aber dann, selbst wenn es gelingt?«

»Dann werde ich sie heiraten, und sie wird mit mir leben.«

»Wie!« rief Waldemar, lebhaft erschrocken, »du wolltest mit einem Weibe leben, das du dir auf diese Weise erworben hast, das dir nicht aus eigenem Triebe seine Hand gereicht?«

»Dieser Trieb wird sich ändern; sie wird mich lieben, so, gerade so, wie ich sie jetzt liebe!«

»O, welche Verblendung!« rief Waldemar, ohne den düsteren Blick zu beachten, den Magnus über ihn gleiten ließ. »Wie kann sich ein Mann von deinen Verhältnissen, deinen Kenntnissen, deinen Aussichten so sehr von der Larve eines verzogenen Mädchens berücken lassen! Nein, höre mich an, ich muß dir endlich meine ganze Meinung sagen, es ist Zeit dazu. Gylfe wird, so weit ich sie kenne, in ihren Gesinnungen und Gefühlen gegen dich sich niemals ändern. Sie ist ein leichtsinniges Mädchen, durchweg, und leider hat sie Charakter in ihrem Leichtsinn. Am wenigsten aber wird sie dir nach Schweden folgen, das sie als ein großes Grabmal betrachtet, in dem die Gebeine ihres verurteilten Vaters modern. Ja, wenn du sie nach Paris führen wolltest, wie ihr dieser Franzose vorgelogen hat, dann möchte sie vielleicht, um der Lust willen an der neuen reizenden Welt um sich her, an deiner Seite einhergehen und dir eine Neigung vorlügen, die nicht in ihrem Herzen lebt. Aber so – nein, das tut sie nicht. O Magnus, ich beschwöre dich bei dem grauen Haupte deines Vaters, gib dieses Weib auf, das nicht verdient, von einem Manne, wie du bist, geliebt zu werden, da es alle Rücksicht, die es sich selbst und andern schuldig ist, so keck und frech außer Augen setzt. O, sie weiß, daß ich hier bin, daß ich dein bester Freund, dein treuester Gefährte bin, und sie liebäugelt vor meinen Augen mit diesem Gecken fort, trotzdem sie besorgen muß, daß jeder ihrer Tritte dir mitgeteilt wird. Ist das nicht hinreichend, deine Augen zu öffnen? Willst du noch sprechendere Beweise, daß sie dich nicht liebt, dich nie lieben wird?«

»O Waldemar, höre auf, du, zerreißest mir das Herz! Wenn sie wüßte, daß ich hier bin, wenn sie mich sähe, mich sprechen hörte, sie würde anders handeln, anders sein – es ist nur, eine Maske, die sie vor diesem Kapitän trägt, um ihr wahres Gefühl dahinter zu verbergen. O glaube mir, wie würde denn sonst mein Herz so fest an ihr hängen? Laß mich mit ihr reden, wie ich schon lange gewollt, und du wirst sehen, daß ich im Rechte bin gegen dich.«

Waldemar stellte sich mit zusammengeschlagenen Armen an das Fenster und nagte an der Lippe. »Armer Freund!« sagte er endlich, »du dauerst mich, denn du lebst beständig in phantastischen Täuschungen. Aber ich darf nicht zugeben, daß du sie sprichst, da niemand für den Erfolg dieser Unterredung bürgen kann. So weit ich davon den Erfolg sehe, so wendet er sich gegen dich, denn Gylfe wird den Kapitän zu ihrem Schutze herbeirufen, und du wirst augenblicklich in seinen Händen sein.«

»Was?, Sie würde mich verraten, meinst du?«

»Ja, das meine ich, denn so viel ich weiß, hat sie ihr Schicksal an das dieses Mannes geknüpft und wird ihm nach seinem Vaterlande folgen, sobald er dahin zurückkehrt.«

»Waldemar! Ist das wahr?« schrie Magnus entsetzt.

»Ja, es ist wahr, ich muß es dir endlich sagen. Sei also ein Mann, Magnus, gib deine Jugendliebe auf, sie ist eine Blüte, die in schönster Frische ein Wurm genagt hat, die nie Frucht ansetzt und also keinen inneren Wert mehr für dich hat. Blicke dich um, Magnus, in der ganzen großen weiten Welt – es gibt so viele schöne und edle Jungfrauen – und es wird viele unter ihnen geben, die es sich nicht allein zur Ehre schätzen, sondern auch ihr Glück darin finden, an deiner Seite, mit deinem Namen geschmückt, durch das Leben zu gehen und auch dich darin glücklich zu machen.«

»O, Waldemar!« stöhnte Magnus, seinen starken, willenskräftigen Freund, der wie eine unbeugsame Eiche neben ihm stand, liebevoll umfassend, »wie sprichst du so süß von einem Leben, das mir nie blühen wird! O, du kennst das Gefühl der Liebe nicht, welches mir die Seele zerfleischt, du hast keine Ahnung davon, wie ein zweites menschliches Wesen sich hier in unsre Brust hineinwühlen und darin thronen kann, wie ein Gott in unserm Heiligsten. O, du bist ruhig, kalt, unverwundbar vor solchen Gefühlen, ich aber, ich bin tief verwundet, und so sehr ich an dem Schaft des Pfeiles zerre, ihn herauszuziehen, er dringt immer tiefer hinein, bis er mir das Herz zerreißen wird.«

Waldemar stand mit gesenktem Kopfe und hochatmender Brust vor dem in Schmerz aufgelösten Freunde. Es ging etwas Eigentümliches in ihm vor. Eine warme Blutwelle nach der ändern schoß ihm durchs Herz und färbte seine Wange höher und höher. »O ja,« sagte er langsam und so milde, wie er an diesem Tage noch nicht gesprochen, »ich glaube doch eine Ahnung von dem menschlichen Gefühle zu haben, was dich so schwach, so unglücklich macht aber ich sehe keinen Trost für unsere gegenwärtige Lage darin. Nein, nein, nein, Magnus, es ist dies ein trügerisches Gefühl, es paßt für die Stunde, den Tag, die Zeit nicht, in der wir leben, – reißen wir uns also los von allein, was uns schwach und unmännlich macht, wir haben eine Aufgabe vor uns, die nur mit Aufwendung aller menschlichen Kräfte gelöst werden kann, und dieses Gefühl raubt uns die Lust und den Mut dazu. Jetzt ist die Zeit der Taten gekommen und nicht die Zeit, schwelgerische Gefühle zu hegen und zu pflegen. Auf, Magnus, auf, ermanne dich, sei wieder ein Brahe, wie deine Väter es waren, und zeige dich als ein ihrer würdiger Sohn!«

»Waldemar! Du edler, braver, heldenmütiger Freund! Und glaubst du, daß ich nicht einsehe, daß ich das muß? O, Wohl weiß ich, was ich mir und Euch allen schuldig bin – aber was kann ich tun mit einem gebrochenen Herzen, wie das meine ist? Es ist schwer, damit große Taten zu vollbringen. O, laß mich im Herzen glücklich sein, laß mich jenes Weib, das du verurteilst, errungen haben, und du wirst sehen, wie ich ein Mann bin, der da weiß, wofür er zu kämpfen und zu siegen, oder – wenn das Schicksal es will – auch zu fallen hat.« »Wir denken doch nicht an das Fallen, Magnus. Wir liegen tief genug, um erst aus das Auferstehen zu hoffen. Mit solchen Klagen und Bestrebungen, wie du sie entwickelst, ist der großen Sache des blutenden Vaterlandes nicht geholfen. Wir müssen uns für die Zukunft bewahren und stärken, die Männer genug auf ihren Kampfplatz fordern wird. Und du hast hier Zeit genug, dich zu bewahren, zu stärken. Warte deine Zeit ab, sie wird kommen. Dein erstes kühnes Unternehmen ist leider mißlungen, und du mußt Sorge tragen, dich vor der Hand den bewaffneten Armen der Tyrannei zu entziehen und alle Aufmerksamkeit von dir abzuleiten. Wenn ich etwas Großes wüßte, was an einem von hier erreichbaren Orte unternommen wird, so würde ich der erste sein, der dich spornt, dahin aufzubrechen, und ich würde in jedem kühnen Wagnis an deiner Seite stehen. Aber es gibt in der unruhig gärenden Welt ein solches Wagnis jetzt nicht. Darum spare dich auf. Du hast jetzt ein Asyl, eine Heimat, und so beschränkt es ist, begnüge dich damit, es ist wenigstens sicher. Die Franzosen werden nicht immer hier stehen bleiben, und du wirst bald einen größeren Spielraum finden. So denke ich es mir, und in diesem Gedanken raste und ruhe ich nicht, nein, ich arbeite für den heimatlichen Herd, für mein Volk, für meine Eltern, für mich selber.«

Magnus seufzte, aber schon nachgiebiger, überzeugter von der nicht sprühenden, aber ergreifenden Beredtsamkeit Waldemars. »O,« sagte, er mit matter Stimme, denn seine Aufregung war geschwunden, und seine kaum errungene Männlichkeit schien in Erschöpfung überzugehen, »ich kämpfe auch für mein Volk, meinen heimatlichen Herd, wenn ich diesen großsprecherischen Franzosen, der mir das Kostbarste meines Lebens stahl, und die Hallen meiner Väter entweiht, züchtige, und wäre er es auch nur allein, den ich bezwänge und in den Staub würfe, so hätte ich schon genug getan. Doch du willst es nicht, nein, du willst es nicht – es ist mein Schicksal, das mich ohnmächtig macht und dem ich nicht widerstehen kann.«

Er ließ sich kraftlos auf das weiche Daunenlager fallen, welches unter dem Porträt des Generals Wrangel stand, bedeckte die Augen mit der Hand und gab sich schrankenlos den auf ihn einstürmenden Phantasiegebilden hin.

Waldemar stand mitleidig an seiner Seite; er kannte diesen Umschwung in den Gefühlen seines Freundes schon, denn er hatte oft etwas Ähnliches an ihm erlebt und bekämpft.

»Magnus,« sagte er sanft und schüttelte seine Hand, die er ergriff. »Hörst du mich und verstehst du, was ich sage? Ermanne dich – sprich!«

»Ich höre, rede weiter!« murmelte der junge Edelmann dumpf.

»Der Mensch ist recht töricht, Magnus, trotzdem er sich so oft das klügste und weiseste erschaffene Wesen zu sein dünkt. Immer bangt und härmt er sich um das, was kommt, was vor ihm liegt, und sei es auch noch so wenig der Rede, des Kummers und Bangens wert. So siehst auch du, mein armer Freund, immer drohende Gebilde vor deinen Augen auftauchen und hältst sie für riesige wirkliche Gestalten, da sie doch nur winzige, vorübergleitende Phantome sind. Erhebe einmal deinen Geist und öffne deine Augen, um die dich bedrängenden Schreckbilder in ihrer wahren Gestalt und Größe zu betrachten. Hast du irgend einen bestimmten Anhalt, daß sie dir Wahrheit für Lüge geben? Sind die Wolken am Himmel, die uns so oft bedrohen, nicht leere Dünste, die rasch an unserm Horizont vorüberfliegen und uns nur kurze Zeit den Anblick der klaren Sonne verhüllen? Und vor denen wolltest du dich fürchten, da sie so weit von dir entfernt sind und so rasch in die Ferne rauschen? O nein, Magnus, das kannst du nicht, du müßtest denn eine kleinmütige und vertagte Seele sein und nicht an den göttlichen Lenker aller unserer Schicksale glauben. Nein, nein, alle deine Schicksalsträume sind ähnliche Wolken und leere Dünste, die dein Gehirn umflattern und den klaren Blick deines Geistes trüben, so schüttele sie von dir ab und stehe frei und kühn da, wie ein Mann es im Sturme des Lebens muß, wenn die Wellen um ihn rauschen, der Wind um ihn brüllt und er weiter nichts hat, den Sturm zu beschwören, als sein mutiges Herz, sein Vertrauen auf Gottes Führung, und Geduld und Ausdauer. Denn ach, mein Freund, bis auf diesen Tag hat kein Sturm ewig gewütet, noch haben sie sich alle ausgetobt – und auf dunkle, bittere Tage sind immer heitere, süße gefolgt. Das muß uns eine Lehre sein, Magnus, und wenn du daraus nicht schöpfen willst, dann gib dich deiner Schwäche hin, aber daß du dann ein Mann bist, das sage nicht, denn das glaubt dir keiner, und ich am wenigsten. Sei mir nicht böse, Magnus, wenn ich so herbe spreche; ich muß dir das sagen, wenn ich wirklich Anspruch darauf machen will, dein Freund zu sein. Es hat mir lange genug auf der Seele gelegen, und nun danke ich Gott, daß es herunter ist.«

Magnus nahm die Hand von den Augen, und Waldemar sah, daß darin eine Träne schimmerte. Sein mildes Herz – denn das Herz dieses rauh erscheinenden Mannes war mild – ward tief bewegt. Er streckte seinem Freunde die Hand hin, und dieser ergriff sie sogleich.

»Waldemar,« sagte Magnus leise, »du hast recht, ich sehe, ich fühle es, aber dennoch kann ich nicht anders handeln, als ich handle. Du bist stark, und ich bin schwach, das ist der große Unterschied zwischen uns, und so ist es immer gewesen, mein Vater hat es mir oft genug gesagt. Hoffe du – ja, hoffe du, und deine Hoffnung wird dich nicht trügen. Ich aber, ich hoffe nichts mehr, und dies Bewußtsein wird mich auch nicht, trügen. Ich sage es dir, und so wird es sich erfüllen. Das Ende unseres Unterliegens wird eines Tages kommen, und wir werden uns wieder erheben. Du wirst mit unter den Auferstandenen stehen, du wirst dich mit ihnen freuen, mit ihnen jubeln, mit ihnen das neue Leben genießen, aber ich – Magnus Brahe – ich werde nicht unter Euch stehen, denn ich werde mit zu denen gehören, über deren Leiber Ihr zum Siege schreitet!«

Er sprach dies mit einer so wehmütigen und doch, so sicheren Stimme, daß sie tief in Waldemars Seele drang. Dieser wandte sich ab und schaute fast unwillig und beinahe die Prophezeiung fürchtend in sein Inneres hinein. Sein Vorrat an Worten, war erschöpft, er konnte keines mehr den gesprochenen hinzufügen, aber sein männlicher Wille war nicht gebrochen, seine Kraft stand unangetastet da und es war gut, daß es so war, denn die Lüfte, die draußen rauschten, der Sturm, der auf dem Meere wütete, wehten schon das Verhängnis heran, in dem er diese Kraft gebrauchen und die Probe bestehen sollte, ob er ein Mann sei, wie er glaubte, oder ein willenloses Werkzeug, das dem Winke eines herrschenden Fatums knechtisch gehorcht.

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