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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 8
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
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Siebentes Kapitel.

Das Totenfeld in Quoltitz.

Als Hille das Haus des Doktors und endlich ganz Sagard hinter sich hatte, eilte sie mit beflügelten Schritten dem Walde und seinen Schatten zu. Sie fühlte die Hitze nicht, die Blumen und Gräser beugte, sie war stärker als diese, denn in ihrem Geiste thronte ein kühner Gedanke, und in ihrem Herzen brannte ein tiefes Gefühl, und beides hat schon manchen sengenden Sonnenstrahl bewältigt und manchen eisigen Windhauch bezwungen. Sie wußte nicht, auf welchem Wege sie schritt, denn sie hatte bereits einen Weg im Auge, der weit ab von diesem lag! so schwand der Moosteppich auf dem Fußsteige, den sie gewählt, unter ihren Füßen, und die Bäume tanzten an ihr vorbei, ohne daß es ihr auffiel, daß die Vögel in den Zweigen jetzt schwiegen, und die Sonne beinahe senkrecht über ihrem Scheitel stand.

Erst eine kurze Strecke vorm Kiekhause ward sie aus ihren Träumen gerissen und an die Wirklichkeit des Lebens erinnert, als sie auf dem Wege von Sassnitz her die Gestalt Mr. Armands unter den Bäumen auftauchen sah, der die Zeit nicht abwarten konnte, bis sie wieder unter seinen Befehlen stand, da er während ihrer Abwesenheit an die Folgen gedacht hatte, die sein willkürliches Schalten und Walten herbeiführen könne, wenn Kapitän Caillard oder ein anderer Offizier nach dem Kiekhause käme und eine Person weniger darin vorfände.

»Na,« rief er ihr schon aus der Ferne entgegen, »es ist gut, daß Ihr wieder da seid. Ich habe Angst genug ausgestanden.«

»Warum denn? Gab es denn etwas zu fürchten?« » Sacrebleu! Genug! Ihr konntet mir ja entwischen, und ich wäre dann der geprellte Kerkermeister gewesen.«

»Da Ihr seht, daß Ihr es nicht seid, könnt Ihr Euch rasch zufrieden geben.«

»Ja, ja, aber Ihr sollt mir so bald nicht wieder zur Kirche gehen.«

»Ich habe auch keine Lust dazu – es ist sehr heiß.«

»Hat der Mann gut gepredigt?«

»Vortrefflich!«

»Wovon hat er denn gesprochen?«

»Von – von der Pflichterfüllung der Menschen untereinander. Einer müsse dem andern helfen, wo er es nur vermöge, da wir alle einmal in Nöten geraten könnten.«

»Ha! Das paßt auch auf mich. – Hat er noch etwas anderes gesagt?«

»Ja. Die Menschen sollten sich wie Brüder lieben und den bösen Feinden vergeben, was sie Übles tun; denn schon der Heiland hätte gesagt: vergebet ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, und erst recht nicht, wenn sie im Argen befangen sind.«

»Im Argen? Hat er das gesagt? Sacre dieu! das ist ein kühner Mann, in dieser Zeit und unter unsern Augen das zu sprechen! – Und was hat er noch gesagt?«

»Daß wir uns nur in der Heimat Wohl befänden, und das würden die Franzosen auch noch einmal einsehen, wenn sie erst wieder nach Hause wären, was ihnen Gott in seiner Gnade zuteil werden lassen möge.«

Mr. Armand seufzte. Er mochte denken, daß der heilige Mann in vielen Dingen recht habe, also auch in diesen.

»Und da – da ist meine Heimat, Mr. Armand. Jetzt bin ich wieder zu Hause und recht froh darüber. Ich danke Ihnen für Ihre Begleitung und will nun zu meinen Verwandten gehen. Guten Morgen!«

Und rasch vor ihm in die Tür schlüpfend, schlug sie ihm dieselbe vor der Nase zu und war auf diese Weise flugs seinen verlangenden Augen verschwunden.

»Mille tonnerres!« fluchte der französische Reiter, »das ist ein Blitzmädel, aber sie hat ein Auge auf mich, oder ich will kein Franzose sein!«

*

Hilles sofortige Mitteilung, daß Waldemar unter dem Namen Georg Forst in Spyker geborgen und Graf Brahe im geheimnisvollen Spukturm heimlich versteckt sei, brachte, wie es nicht anders sein konnte, bei den Eltern des ersteren anfangs eine außerordentliche Freude hervor. Kaum aber war der erste Rausch derselben vorüber, so stellte sich ihre Kehrseite im menschlichen Leben, die Sorge, ein, daß dieses gefahrvolle Verborgensein denn doch nicht lange dauern werde und könne, da es zu viele Möglichkeiten gebe, den wahren Namen des jungen Mannes zu entdecken und ihn dann um so schonungsloser den feindlichen Gerichten zu überliefern.

Obgleich Hille einsah, daß die Besorgnis der Eltern um Waldemar nicht unbegründet sei, tröstete sie sie doch, so viel in ihren Kräften stand, indem sie den Glauben zu erwecken suchte, daß Waldemar selbst sich nicht für allzu sicher halten und für alle Fälle auf einen guten Ausweg bedacht sein werde. »Es wird aber doch gut sein,« fügte sie mit eigentümlicher Wärme hinzu, »wenn man ihn warnt vor jeder Übereilung und ihm den Rat gibt, ebenso an Eure wie seine Zukunft zu denken, denn Vorsicht ist in allen Dingen die Mutter der Weisheit.«

»Ja, ja,« bestätigte der alte Strandvogt ihre Ansicht, »man muß ihn warnen, der Junge ist trotzig auf sein Glück. Von Jugend an dachte er immer mehr an den Angriff als an den Rückzug und ging mit kecker Stirn auf jedes Hindernis los. Kein Wetter war ihm dick genug, keine Welle zu hoch, kein Wind zu unbändig, wenn er ein Ziel auf der See vor Augen hatte, und darum war ich froh, als er aus dem Hause kam und den Gefahren meines Berufes und Amtes entrückt wurde. Nun aber walten die Sterne des Himmels wunderbar! Wer auf dem Meere umkommen soll, verbrennt nicht, und umgekehrt, und meinen Jungen verfolgte die Gefahr auf jedem Schritte seines kurzen Lebens, auch auf dem Lande. Jetzt sehen wir ihn wieder darin, Hille, du bestätigst es, und lerne dabei, wieviel Kummer dem Menschen zuteil wird, wenn ihm auch Freude und Hoffnung von Gott geschenkt ward. Es ist ein wahrer Segen, daß du dem alten Doktor begegnet bist, aber du hättest ihm nur empfehlen sollen, den Jungen tüchtig ins Gebiß zu nehmen, damit er nicht durchgeht in seinem Übermut.«

»Übermütig ist er nicht, Oheim, ach nein! Nur zu kühn, und das ist eher eine Tugend, als ein Fehler. Auch wird ihm,« fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu, der Doktor ein paar Worte in meinem Namen sagen, und ich werde weiter darüber nachdenken, wie man ihm die Warnung zuteil werden läßt.«

»Tu das, Kind, du beglückst uns damit. – Und nun, Ilske, laß uns etwas Warmes genießen. Zum ersten Mal seit den zwölf Tagen, daß die Franzosen uns den Daumen aufs Auge halten, fühle ich Appetit und den danke ich dem guten Mädel da«.

So war denn dieser Tag ein kleiner Freudentag im Kiekhause geworden, und weder der Strandvogt noch seine Frau ahnten in ihrer Herzenseinfalt, daß eine unter ihnen lebte, deren Sorge noch größer und lebendiger war, als die ihrige je gewesen, wenngleich im Kopfe jener sich schon Gedanken regten, auch diese Sorge abzuschütteln und mit Aufopferung ihrer eigenen Ruhe über die Ruhe der Übrigen zu wachen.

Da Hille diese Gedanken nur im stillen hegen und im eignen Herzen verarbeiten konnte, so war es natürlich, daß sie an diesem wie an dem folgenden Tage sich so viel als möglich von den andern abgesondert hielt, um keine Minute entschlüpfen zu lassen, die vorliegenden Verhältnisse mit aller Sorgfalt zu erwägen. Stundenlang blieb sie in diesen beiden Tagen auf ihrem Giebelzimmer eingeschlossen, und wenn Mutter Ilske kam, um nachzusehen, was sie treibe, so fand sie sie in der Bibel lesend, obgleich die gute Alte, wenn sie genauer hineingeblickt, wohl hätte wahrnehmen können, daß die zuerst aufgeschlagene Seite noch immer nicht umgeblättert war.

Endlich am Abend des folgenden Tages, es war ein Montag, war Hille mit ihrem stillen Grübeln aufs Reine gekommen, jetzt wollte sie sogar nicht mehr länger nachdenken, da sie sich selbst gestehen mußte, daß das nichts mehr helfe, da ja die Stunde gekommen war, den Vorsatz, den sie in glühender Aufregung gefaßt, mit kaltem Blut auszuführen. So stand sie denn, eben als die Sonne, die am Nachmittage einige Wolken bedeckt, sich dem westlichen Horizonte zuneigte, an ihrem Fenster, blickte auf das still wogende Meer hinaus, hielt die Hände vor sich gefaltet und sagte:

»Nun, mein Gott, nimmst du die Sonne vom Himmel, deren Scheiden ich heute mit Sehnsucht erwartet habe. Laß es recht dunkel werden auf den Pfaden, die ich zu wandeln gesonnen bin, aber sende mir weder Regen noch Sturm von außen, da genug Sturm in meinem Innern ist. – Ob ich nicht vielleicht töricht handle? Ob ich auch in allen Dingen recht tue? Wer weiß es und kann es ergründen? Ich nicht, denn niemand kann sich und seine Handlungen selbst richtig beurteilen. Und doch sagt mir ein wogendes Gefühl in meiner Brust, daß ich in einem Punkte recht tue und nicht unklug handle, und das ist der Punkt, daß ich meine eigene Sicherheit so wenig bedenke, um einem anderen von Nutzen zu sein und seinen Anverwandten den Kummer zu verscheuchen suche, der sie für spätere Tage bedroht. Was er selbst davon denkt, das darf mich nicht kümmern, und sollte er meine Einmischung in sein Schicksal sogar verdammen, ich würde dennoch auf meinen Vorsatz bestehen, den ich ja jetzt nicht mehr ändern kann. Freilich, wenn ich es recht bedenke, so hätte ich ihm die Warnung auch schreiben können, wie ich ihm die Einladung schrieb, aber das konnte ich nicht, ich weiß so schon nicht, woher ich die Fassung genommen, die paar Zeilen an ihn zustande zu bringen. Nun ist es zu spät, etwas anderes zu ersinnen, ich bin fertig mit mir, und Gott wird sorgen, daß ich auch mit ihm fertig werde.«

Als sie dies zu sich gesprochen, stieg sie in das Unterhaus hinab, setzte sich mit dem Strandvogt und seiner Frau auf die Bank unter den Bäumen und betrachtete das wallende Meer, über welches die Abenddämmerung langsam herabsank, wobei sie mit Vergnügen die Äußerung des Oheims vernahm, daß die Nacht finster zu werden und der Nebel wiederzukommen drohe, der ihr Heimatland so oft in seine Schleier hüllt.

»Wird es stürmen und regnen, Oheim?« fragte sie rasch, als sie den Sergeanten herankommen sah.

»Ich nehme kein Anzeichen davon wahr, Kind,« lautete die Antwort, »aber wer kann es wissen, der nicht weiß, wo die Stürme gebraut und die Regengüsse gesammelt werden!«

*

Die Nacht war gekommen, finster und doch dabei windstill, wie es der Strandvogt vorhergesagt. Als ob der Himmel über die vergängliche Schönheit eines nordischen Sommertages traure, war er mit einem düstren Flore überzogen, kein Stern ließ sich blicken, so weit und scharf das Auge des zu einer ernsten Tat entschlossenen Mädchens auch rings herum am Horizonte spähen mochte.

Gegen zehn Uhr erklärte sich Hille ermüdet und ging in ihr Stübchen hinauf, nachdem sie den Verwandten eine gute Nacht gesagt und Mr. Armand heimlich eine Flasche Rum, ein großes Stück Zucker und ein paar Zitronen aus den Vorräten des Hauses verabreicht hatte, mit dem Hinzufügen: es sei eine trübe, schläfrige Nacht im Anzuge, und es werde ihm Wohltun, vor'm Schlafengehen eine angenehme Stärkung zu genießen.

»Sie hat wahrhaftig ein Auge auf mich!« dachte der Sergeant frohlockend im stillen, »ich sage es ja! Mag der Teufel wissen, wie es zugeht, aber sie gehört mir, wenn ich will. Armand! Armand! Sei gescheit! Fange es vernünftig an, wenn du die Forelle fangen willst, die wunderbar schmiegsam, aber auch wunderbar lecker ist!« Und er strich den schwarzen Schnurrbart noch einmal so hoch hinauf und schlürfte mit doppeltem Behagen das starke Getränk ein, das er mit lüsterner Zunge für sich und seine Kameraden bereitet hatte.

Aber gegen halb elf Uhr spürte er schon die Wirkung dieses Getränks. Er fühlte sich entsetzlich müde und suchte tappend seine Streu, auf welcher die drei anderen Jäger schon ausgestreckt lagen, um bald mit ihm um die Wette zu schnarchen und nicht eher als bis kurz vor Anbruch des Tages aufzuwachen.

Auch der Strandvogt schlief schon fest, nachdem er noch einmal nach dem Wetter geschaut und mit halbem Ohr den Abendsegen angehört hatte, den ihm seine Frau regelmäßig vor dem Zubettgehen vorzulesen pflegte.

Nicht so Hille. Nachdem sie ein paar feste Schuhe angezogen, ihre Kleider, um recht bequem zu gehen, hoch geschürzt und ihr Windtuch über den Arm genommen hatte, löschte sie ihr Licht, öffnete die Tür und horchte hinaus. Da sie nichts hörte, was ihrem Tun hinderlich sein konnte, schlich sie auf den Zehen hinaus und schloß ihre Tür von außen zu, worauf sie schon am Tage das Schloß durch säuberliche Ölung vorbereitet hatte. Leise nun die Treppe hinunterschleichend, an deren Fuße auf dem Flur sie die Schnarchtöne der vier Franzosen vernahm, glitt sie zur Hintertür, öffnete den Riegel und schlüpfte hinaus, worauf sie sie wieder fest einklinkte, ohne sie jedoch von außen zuzuschließen, um jedes unnütze Geräusch zu vermeiden. So stand sie im Freien, und nun erst atmete sie froh und leicht auf, denn der erste Schritt ihres kühnen Unternehmens war geglückt.

Leise dann um das Haus herumhuschend, trat sie in den Garten, öffnete behutsam die Gartentür und schloß sie wieder. Lächelnd nach dem stillen Hause zurückblickend, wandte sie sich dann schnell um, als dürfe sie keine Zeit verlieren, und eilte mit behenden Schritten weiter, bis sie tief im Walde war und den Pfad erreichte, der mitten durch den wildesten Teil der Stubnitz an der Försterei Werder vorbei nach Promeusel führt.

Im Walde war es noch viel finsterer als auf freiem Felde, denn kein Licht erleuchtete seine an und für sich schon dunkeln Pfade, da auch der Himmel diesmal seine nächtliche Spende versagte. Nur ein sehr genau mit den verwickelten Wegen vertrauter Wanderer mochte sich in diesen labyrinthartigen Waldungen zurechtfinden, welche die ragenden Bäume, die mit Moos bewachsenen Steingerölle, die hier und da auftauchenden düsteren Gräber der Vorzeit und das dicht wuchernde Farnkraut nebst den übrigen dornigen Gebüschen noch unzugänglicher machten. Aber Hille brauchte keinen Wegweiser, ihr Licht brannte in ihrem mutigen Geiste, und mit einer zur zweiten Natur gewordenen Sicherheit bewegte sie sich leicht aus dem beschatteten Pfade dahin, bald an dieser, bald an jener Stelle irgend ein Zeichen wahrnehmend, was ihr verriet, wo sie war und welche Richtung sie ferner einzuschlagen habe.

Sie mochte wohl nicht ahnen, daß der Weg, den sie in dieser stillen Nacht wandelte, in späterer Zeit gelichtet und häufig betreten würde, denn sie durchschnitt einen Teil der Stubnitz, der ebenso reich an Denkmälern der Vorzeit, wie schön und herrlich an weitreichenden Fernsichten ist und bis zum heutigen Tage alljährlich unzählige Wanderer anlockt, die nun nicht mehr mit den Windungen des schmalen Weges, mit dem dornigen Gestrüpp und dem fast zu üppig wuchernden. Moose zu kämpfen haben, wie sie noch zu Hilles Jugendzeit jenen Teil der Jasmunder Halbinsel bedeckten.

Wir erwähnen also auch von diesen schönen Punkten nichts und überlassen es dem Leser, der Richtung zu folgen, die Hille in dieser Nacht einschlug, wenn er einmal das schöne Land besucht, in das wir seine Phantasie eingeführt haben.

Anfangs war der Weg bergig, den Hille verfolgte, und da sie von Hause aus den Gang mit hastigen Schritten begann, keuchte ihre Brust bald, und ihr Herz schlug fühlbar gegen die Hand, womit sie es zu beschwichtigen versuchte. Als sie aber ihre Eile mäßigte, beruhigte sich das bewegliche Organ wieder, und so setzte sie ungehindert ihren Weg fort. Das Gut Lanken mit seinen Wiesen zur Linken lassend und das quellenreiche Bruch bei Clementelwitz vermeidend, hielt sie sich so viel wie möglich im Walde, da sie hier am wenigsten einem Menschen zu begegnen vermeinte und sich leicht verbergen konnte, wenn etwa zufällig jemand des Weges zöge. Aber sie sah und hörte niemanden, und nichts hinderte sie, ruhig fortzuschreiten. Nur bisweilen vernahm sie das Gackern einer munteren Holztaube oder das tiefe Balzen des Auerhahns, der sein Weibchen ruft, oder das Hämmern eines ruhelosen Spechts, der auch nachts auf Beute ausgeht. Selbst die beim dämmernden Nachtlichte in noch tieferem Schatten ruhenden riesigen Grabhügel hatten für sie nichts Störendes, sie war von Kindesbeinen daran gewöhnt, sie zu besuchen, zu erklimmen und von ihrer beträchtlichen Höhe auf das tiefer liegende Land hinabzuschauen. Einmal sogar, als sie an eine Stelle im dichtesten Waldberge kam, wo, wie sie wußte, ein bequemer Sitz zur Ruhe einlud, setzte sie sich einen Augenblick, um über den eigentlichen Zweck ihres Vorhabens noch einmal nachzudenken.

Aber wunderbar, so sehr sie sich auch bemühen mochte, im stillen alles zu wiederholen, was sie sprechen wollte, wenn die Gelegenheit dazu gekommen wäre, es war ihr jetzt nicht möglich, das so oft Bedachte noch einmal in geordneter Folge vor ihre Seele zu rufen, da ihr die Gedanken seltsam verworren im Kopfe schwirrten. Seufzend erhob sie sich wieder und setzte um so eifriger ihren Weg fort, um das noch ferne Ziel zur rechten Zeit zu erreichen.

Hille war, wie wir wissen, ein kräftiges und geschmeidiges Mädchen, sie ging daher keinen schläfrigen Schritt, wie wir es jetzt an vielen ihrer Landsmänninnen wahrnehmen, auch merkte sie bald, daß sie warm wurde, denn die Nacht war überaus mild, und kein Wind kühlte die stechende Luft in der Waldung ab, auf welche die Sonne den ganzen Tag ihre heißen Strahlen herniedergesandt hatte. Aber je wärmer sie sich werden fühlte, um so leichter wurde ihr das Gehen, um so flüchtiger trat sie einher, und sie hatte kaum eine gute halbe Stunde gebraucht, um bis zu dem Dorfe Promeusel zu gelangen, von dem sie wußte, daß es Franzosen beherbergte. Sie umging es daher, überschritt einen der höchsten Berge der Insel, auf dem, in zwei Reihen geordnet, zehn weithin sichtbare Kegelgräber ragen, von denen die Franzosen, nach Schätzen wühlend, in ihrer vandalischen Vertilgungswut schon mehrere zerstört hatten, und kam hinter Promeusel auf den befahrenen Weg, der über Beustrin und Falkenburg nach Vietzke führt, wo die Berge flacher werden und teilweise sogar die Waldungen aufhören. Als sie aber eine Strecke über den letztgenannten Ort hinausgekommen war, schauerte sie zusammen; nicht aus Furcht, obwohl sie in der Nähe eines kleinen Erlengebüsches den großen Granitblock liegen sah, den man den Opferstein mit der berühmten Blutrinne nennt, und der alljährlich Hunderte von wißbegierigen Reisenden anzieht. Nein, darum schauerte sie nicht, sondern darum, weil sie jetzt in die Nähe des Ortes gelangt war, wohin sie denjenigen beschieden, um dessentwillen sie die nächtliche Reise unternommen hatte. Wird er kommen? Wird er auch nicht zürnen, daß sie ihn der Gefahr ausgesetzt, verfolgt zu werden? Wird er ihre Bitten ruhig anhören, ihre Wünsche erfüllen und sein Leben – seiner Eltern wegen – schonen?

Ach! Alle diese Gedanken flogen jetzt blitzschnell durch ihr Gehirn und regten abermals das arme Herz zu heftigerem Schlage auf. Sie drückte beide Hände gegen die klopfenden Schläfe und fühlte zum ersten Mal dabei, daß ihr der Schweiß in hellen Strömen von der Stirn niedertropfte.

Dachte sie auch an sich in diesem Augenblick? Vielleicht! Wahrscheinlich sogar! Denn welches Mädchen von Hilles heißen, obwohl tief verborgenen Gefühlen weiß nicht, ahnt wenigstens nicht, daß ein noch süßerer Beweggrund ihre Tatkraft in Bewegung setzt, als der ist, einen Mann – seiner Eltern wegen – vor einer drohenden Gefahr zu warnen?

Ja, o ja, sie dachte an sich, und gerade weil sie an sich dachte, fürchtete sie, Waldemar Granzow, der immer in seiner ganzen ernsten männlichen Würde vor ihren Augen stand, könne zürnen, daß sie ihn aus seinem sicheren Versteck an diesen abgelegenen Ort gelockt habe, aus keinem anderen Grunde, als um eine halbe Stunde mit ihm zu – sprechen.

Sie stand also an dem alten, einsamen, in so tiefes Dunkel gehüllten Opferstein und lehnte sich fest an ihn an, denn da, dort drüben, ihr zur rechten Hand, dehnte sich in seiner öden Weite, in seiner trüben Verlassenheit das Totenfeld von Quoltitz aus. Schon ein düsterer Ort bei hellem Tagessonnenlichte, der, sobald man ihn nur sieht, an eine heidnische Begräbnisstätte oder, wie andere wollen, an eine finster drohende Gerichtsstätte erinnert, ist er mit seinen unzähligen, regelmäßig aufgerichteten Gräbern, die der dunkle Wachholderstrauch bekränzt oder der stachliche Dornstrauch unnahbar macht, in einer dämmerigen Nacht ein grausiger Aufenthaltsort, über dem die Schauer des Todes einer längst vergangenen Zeit zu schweben scheinen. Totenstille breitet sich über das ganze Tal aus, in welchem das Totenfeld selbst verborgen vor den Blicken der umwohnenden Menschen liegt, kühl saust allein der furchtlose Wind über das dürre Heidekraut, womit die Gräber und der Boden, in dem sie wurzeln, bewachsen sind. Wenn die Menschen, die unter diesen Steinen schlafen, mit einem Male erwachten aus ihrem tausendjährigen Schlummer, und geharnischt, wie sie zur Ruhe gingen, hervorträten aus ihren Gräbern, wenn sie uns Kunde brächten von ihren Tagen, die uns im trübsten Dunkel liegen, wenn sie wieder ihre Mordlust und heidnisches Gelüsten ausgössen über die durch das Christentum so licht und heiter gewordene Welt – was würden wir sagen, was denken, was tun, falls sie mit ihrer herkulischen Kraft und ihrer vernichtenden Tatenlust überhaupt uns Zeit ließen, etwas zu denken, zu sagen, zu tun?

Ähnliches mochte vielleicht Hille denken, als sie an dem Steine lehnte, der noch warm war, nicht von dem Menschenblut, das einst an ihm herabgeflossen, sondern von den heißen Strahlen der gütigen Sonne, die den ganzen Tag über ihm gelächelt hatte, aber plötzlich fuhr sie zusammen, denn es däuchte ihr, sie hätte das Grollen und Rauschen des Meeres vernommen, das nicht weit von ihr an die Küsten von Jasmund brandet, und dieses Grollen einer großen unermeßlichen Gewalt, die nur der Atem Gottes aufzuregen braucht, um aller Menschen Werke in Trümmern zu schlagen, erinnerte sie an das Grollen der Menschen selber, die nicht der Atem Gottes aufzurühren braucht, um ihre Mitmenschen zu hetzen, zu fangen, zu richten – zu richten – o! dieser Gedanke jagte sie in Angst, wie sie noch keine heute empfunden hatte, und fort von dem Steine, wo sie so Schreckliches gedacht, floh sie taleinwärts über das kahle Feld des Todes von Ouoltitz hin.

Atemlos gelangte sie so endlich an eine Stelle, die sie Waldemar genau bezeichnet hatte; rasch setzte sie sich, innerhalb eines Kranzes von Wachholdersträuchern, die in dieser tauigen Nacht einen balsamischen Geruch aushauchten, auf einen der kleinen bemoosten Steine, die unregelmäßig durcheinander geworfen darin umherlagen. Hier, verbargen vor jedem Späherblick, selbst wenn es Tag gewesen wäre, suchte sie zum letzten Mal ihr Herz zu beruhigen, und doch sollte es ihr nicht mehr gelingen, denn aus einer Angst verfiel sie jetzt in die andere. Hatte sie bisher nur an die Menschen gedacht, die ihr fern waren durch Zeit und Raum, durch Gesinnung und Gefühl, jetzt dachte sie an einen Menschen, der ihr nahe war, vielleicht an Zeit, an Raum, durch Gesinnung gewiß – aber auch durch das Gefühl? Ach nein, davon hatte sie keine Kunde, denn Waldemar war nicht der Mann, seine Gefühle einem Mädchen gegenüber zu zeigen, das wußte sie, und eben weil sie es wußte, war er ihr vielleicht um so teurer.

»Wird er kommen? Wird er ausbleiben?« Das war der Hauptgedanke, der sie jetzt durchbebte. Erst in zweiter Linie kam der Gedanke: »Wird dein Handeln ihm recht und eines Mädchens würdig scheinen? Was werde ich ihm zuerst sagen – o mein Gott, ich weiß nichts mehr, gar nichts, was ich ihm sagen wollte – und wo sind meine Gedanken geblieben! Wenn er nur jetzt noch nicht kommt, nein, nein, noch nicht!«

Da rauschte, nur wenige Schritte von ihr entfernt etwas in den Gebüschen. Sie sprang auf, sie horchte mit dem Ohr und dem Herzen zugleich – es war ein Mensch, ja, denn erkennbar war sein wuchtiger Tritt und ein einziger Mensch konnte es nur sein, der in dieser Stunde den Totenkranz auf dem Totenfelde bei Quoltitz aufsuchte.

Der durch die Schatten der Nacht und die Gebüsche verdunkelte Eingang zum sogenannten Totenkranze wurde plötzlich noch dunkler gemacht durch einen tieferen aber beweglichen Schatten, der einer Gestalt angehörte, die auf dem schmalen, gewundenen Wege durch die Dornbüsche rasch dahertrat, einen vom schnellen Laufe keuchenden Atem hören ließ und, als sie den Totenkranz selbst erreicht hatte, bedachtsam den Kopf vorstreckte, um innerhalb des duftenden Wachholdergebüsches genaue Umschau zu halten.

Hille sprang auf, ihr vor Aufregung überlaut schlagendes Herz hatte ihr den Liebling – Mutter Ilskes verraten. Sie trat ihm schwankend einige Schritte entgegen und, unvermögend, ein einziges Wort hervorzubringen, streckte sie nur die Hand der anderen Hand entgegen, welche die ihrige schon zu suchen schien. Dann aber, einen Augenblick gleichsam innerlich von Aufregung gebrochen, geknickt, beugte sie sich vorn über, als wolle sie ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen lassen, plötzlich aber, alle geistige Kraft zusammenraffend, erhob sie ihn wieder und trat zurück, hielt jedoch immer noch seine Hand mit der ihrigen fest.

»Hille,« sagte Waldemar mit seiner festen, klangreichen Stimme, »du bist es, ja, ich fühle es mehr, als ich es sehe! Und auch ich bin hier, wie du mir geheißen – sprich, was willst du von mir?«

»Waldemar, ich grüße dich zuerst – doch, was ich von dir wollte? Ich weiß es wahrhaftig nicht, jetzt nicht – doch ja, ich wollte dich zunächst fragen, ob du mir zürnest, daß ich dich hierher rief und der Gefahr aussetzte, von deinen Feinden verfolgt und ergriffen zu werden?«

Waldemar lächelte. »Nein,« sagte er leiser, »ich zürne dir gewiß nicht, obgleich ich dich fragen sollte, wie du dazu kommst, mir einen so kurzen und dir einen so weiten Weg aufzuerlegen, da doch das Umgekehrte viel angemessener und ausführbarer gewesen wäre.«

»Nein, Waldemar, das bestreite ich dir. Ich laufe keine Gefahr, wenn ich auch am hellen Tage durch ganz Rügen wandle, du aber darfst dich vor niemanden sehen lassen; diesen Ort aber wählte ich, weil er der sicherste von allen und außerdem so nahe bei dem unbekannten Ausgange des Spykerschen Schlosses gelegen ist.«

Waldemar lächelte abermals, was hinreichend bewies, daß er nicht im geringsten zornig sei. »Bei Tage durch ganz Rügen!« wiederholte er nachdenklich. »Aber du bist nicht bei Tage gegangen, Hille, sondern bei Nacht, und das ist für Frauen, wie du eine bist, keine Zeit, einen mehr als meilenweiten Weg zu wandeln.«

»Warum nicht, Waldemar, wenn die Not drängt? In der Nacht sieht mich niemand, ich kenne meine Wege und über mir wacht das Auge eines, der mich immer sieht, wenn auch ich ihn nicht sehe – meinst du nicht auch?«

Waldemar faßte ihre Hand fester und zog sie dann an seine Seite auf einen zerbröckelten Grabstein nieder, der mit dem weichsten Moose bewachsen war und einen herrlichen Ruhesitz bot. »Komm, laß uns niedersitzen,« sagte er, »du wirst müde sein.«

»Nein, ganz und gar nicht.«

»Aber du sprachst davon, daß ein so weiter Weg zu entschuldigen wäre, wenn die Not drängte. Welche Not drängte dich denn, mich so eilig zu sprechen?«

»Ah, ja, jetzt weiß ich es wieder, was ich dir sagen wollte, nun ist mir alles klar vor den Augen, vor der Seele. Deine Mutter, Waldemar – denke einmal an deine Mutter – ist in großer Sorge um dich, da sie, wie dir der Doktor gesagt haben wird, durch mich gehört hat, in welchen Verhältnissen du auf Spyker lebst.«

»Meine Mutter bloß! Sorgt sich mein Vater nicht auch?«

»Auch dein Vater, Waldemar, ja, sehr!«

»Aber warum hat er dich denn allein gehen lassen? Wäre es nicht passend gewesen, wenn er dich begleitet hätte?«

»Wie konnte er denn? Sind doch die Franzosen im Kiekhause und bewachen jeden seiner Schritte –«

»Was – im Kiekhause sind sie? Warum denn?«

»Weil sie dich suchen und nicht finden können. Und so lange sollen sie im Hause bleiben, hat der Kapitän von Spyker befohlen, bis du gefunden bist.«

Waldemar biß die Zähne zusammen und schüttelte die Faust gegen das in der Ferne liegende Schloß hin. »Der Schurke!« sagte er, »ich dachte es mir!«

»Und nun,« fuhr Hille rasch fort, indem die Worte sich jetzt ungehindert vom freigewordenen Herzen lösten, »nun läßt dich der Vater und die Mutter bitten, dich um Gottes Willen nicht preiszugeben, dich sicher zu stellen, so sehr du kannst, er wolle gern – die Franzosen ertragen, und das schreckliche Leid, was sie dem Lande antun, werde doch auch einmal ein Ende nehmen. Vor allen Dingen aber, wenn du Spyker verlassen willst oder mußt, läßt er dir sagen, wende dich nicht nach Sassnitz, dort passen sie dir scharf auf, sondern wende dich – und diesen Rat gebe ich dir – lieber nach der Insel Pulitz.«

»Nach Pulitz? Wie kommst du denn darauf?«

»Das will ich dir sagen. Du weißt doch, der Pächter von Pulitz, der gute alte Schwede Adam Sturleson, hat meine und deiner Mutter Base zur Frau. Zwar ist die Domäne Pulitz von dem Kaiser Napoleon ungerechterweise an einen französischen General verschenkt, und dieser Herr hat sie auch in Besitz genommen und Sturleson beauftragt, nach seinen Befehlen zu handeln und das, Gut in seinem Namen einstweilen zu verwalten. Auf Pulitz selbst aber ist er noch nicht gewesen und was soll er auch auf der einsamen Insel machen, die ihm viel zu langweilig ist? Nun ist Pulitz ganz frei von Franzosen, denn sie werden doch nicht das Gebiet eines der Ihrigen aussaugen, nicht wahr?«

»Das ist ein trefflicher Einfall, Hille, und ich danke dir aufrichtig. Vielleicht bleibt die Not nicht aus und dann werde ich mich deines Rates erinnern.«

»Siehst du, das wollte ich dir sagen. Erinnerst du dich des alten Schweden noch?«

»O ja, obwohl ich ihn lange nicht gesehen habe. Auch glaube ich, wird er dem Grafen Brahe als seinem Landsmann sehr zugetan sein.«

»Ganz gewiß, und deinen Eltern und mir auch. Wenn du nun nach Pulitz gehst, so grüße meinen Vetter von mir – denn so nenne ich ihn, obwohl er mein Großvater sein könnte – und. er wird dich aufnehmen, als wärest du sein eigener Sohn, denn sein Herz schlägt groß und voll für die Sache des Vaterlandes und er hat seine Mitmenschen lieb, wie ein wackerer Mann es muß. Auch hat er mir einmal gesagt, er habe einen Versteck, den niemand kennt; dahin wird er dich bringen, wenn du verfolgt werden solltest.«

Waldemar rückte näher an Hille und faßte leise ihre Hand wieder, die sie ihm willig ließ. Eine Weile sann er nach, dann sagte er: »Da hast du mir ein schönes Geschenk gemacht mit deinem Besuche auf dem Totenfelde – in Wahrheit! und ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Magnus wird sich freuen, wenn ich ihm deinen Rat mitteile, denn mit der Zeit hält er es nicht aus auf Spyker.«

»Warum denn nicht?«

»Der Gylfe wegen, die ein leichtsinniges Mädchen ist und es mit den Franzosen hält. Brahe weiß jetzt alles von ihr: Gysela hat ihm mitgeteilt, was ich ihm niemals gesagt hätte, denn es fällt mir schwer, über einen Menschen, zumal über ein Weib, etwas Schlimmes zu sagen und den Stab zu brechen, selbst wenn ich das größte Recht dazu hätte.«

»So beeilt Euch, daß Ihr fortkommt. Ihr seid dort nicht sicher, glaube mir. Der erste beste Fremde, der zufällig dahin kommt und dich kennt, kann dich verraten, selbst wenn er es nicht wollte, und dann, nicht wahr, würde es schlimm um dich stehen?«

Waldemar senkte den Kopf. »Es ist, wie du sagst, wir haben es auf Spyker schon alle bedacht. Aber erst muß Magnus gesund werden.«

»Ist er es nicht bald?«

»Seine Armwunde ist der Heilung nahe, ja, aber sein Herz ist todkrank.«

»Das wird da auch nicht besser werden, darum muß er erst recht fort. Ein Weib, das seine Jugendliebe vergißt und verrät, verdient nicht, von einem edlen Manne noch ferner geachtet und geliebt zu werden.«

»Du hast wohl recht, ich fühle auch so, aber bei Magnus ist es anders, wie es scheint. Ich werde ihn also zu unserer Ansicht zu bewegen suchen.«

»Beeile Dich damit, es wird Zeit, glaube mir. Aber vorher sagtest du: du wüßtest nicht, wie du mir danken sollst – ich weiß es.«

»Nun, wie denn?«

»Nimm dich in Acht – denke an deine Mutter!«

»Und an meinen Vater, nicht wahr?«

»An uns alle, Waldemar.«

»Ich denke schon daran – ach ja! Aber nun erzähle mir genau, was zu Hause vorgeht.«

Hille erzählte es, aber nicht, daß den Eltern eine Kontribution auferlegt sei, die sie aus ihrer eigenen Tasche bezahlte, und ebensowenig, daß sie den alten Lachmann beerbt habe, obwohl Waldemar erfuhr, daß derselbe gestorben war. Als nun Waldemar alles einzelne ziemlich genau wußte, erhob er sich von seinem Sitze, und Hille stand sogleich auch auf.

»Hille,« sagte er warm, »ich bin dir zu großem Danke verpflichtet, daß du dich meiner alten Eltern angenommen hast, nachdem der alte Lachmann gestorben ist. Gott wird es dir einst lohnen.«

»Ich habe den Lohn schon in mir – glaube mir das.«

»Gut, aber wir müssen aufbrechen, du hast einen weiten Weg.«

»O, der ist mir nicht schwer geworden, und jetzt wird er es noch viel weniger werden, da ich mit leichterem Herzen zurückgehe, als ich gekommen bin.«

»So komm, laß uns aufbrechen.«

»Wo willst du hin? Dort hinaus liegt das Schloß Spyker.«

»Nun, ich werde dich doch nicht allein gehen lassen? Ich begleite dich.«

»Du – mich? Nein, das gebe ich nicht zu, du müßtest dann den weiten Weg allein zurück.«

Waldemar lächelte. »Bist du nicht allein hierher gegangen, und bin ich nicht stärker als du?«

»Du bist aber gefährdeter als ich.«

»Nun und nimmermehr dulde ich es diesmal. Komm, laß uns gehen.«

Beide schritten jetzt eine Zeit lang schweigend nebeneinander, her, denn jedes von ihnen mochte wohl mancherlei zu bedenken haben. Hille durchwogte dabei eine süße innerliche Glut, denn sie konnte sich gestehen, daß ihr Unternehmen geglückt sei, und daß sie erreicht habe, was sie erreichen gewollt, und wenn Waldemar bei der sparsamen Beleuchtung, die sie umwob, seiner Nachbarin genau ins Gesicht hätte blicken können, so würde er ein strahlendes Lächeln und eine süße Befriedigung auf demselben wahrgenommen haben.

Aber auch Hille wäre vielleicht durch den Ausdruck auf ihres Begleiters Antlitz befriedigt worden, wenn sie es hätte beobachten können. Der strenge Ernst, der in den letzten Tagen darauf gethront, war einem milden Lächeln gewichen, und sein Auge blickte viel sanfter vor sich nieder als gewöhnlich, denn der Horizont seines Lebens, der ihm bisher so düster vorgeschwebt, schien plötzlich aufgehellt zu sein. Den stolzen Kopf gleichsam in Demut etwas niedergebeugt, schritt er automatenartig neben dem edlen Mädchen her, und nur bisweilen erhob er das sinnende Auge, um einen raschen Blick über ihre Gestalt gleiten zu lassen, die sich so leicht und voll unbewußter Grazie, wie lebensfrischer Energie an seiner Seite dahin bewegte.

»Eigentlich,« sagte Waldemar nach längerem Schweigen, »sollte man nicht immer an die Zukunft denken, es ist eine ganz vergebliche Mühe. Es kommt doch alles anders, als man denkt, und man wird frühzeitig genug belehrt, wo man sich befindet, wenn man durch das Tor des Glücks oder des Unheils schreitet.«

»Ich denke auch nicht an die Zukunft, Waldemar, meine, Gegenwart genügt mir.«

»Mir nicht ganz, Hille. Du glaubst nicht, wie schwer es mir fällt, Magnus zu besänftigen und von törichten Schritten abzuraten. Er will dem Räuber seiner Liebe mit Gewalt zu Leibe, und ich halte ihn nur noch mit Mühe, zurück.«

»Er mag allerdings in einer schlimmen Lage sein, und ich bedaure ihn. Die Gylfe aber könnte ich ordentlich hassen.«

»Ich nicht; sie ist ein Weib wie viele ihresgleichen. Man muß sich vielmehr freuen, wenn man einmal das Gegenteil von ihr findet.«

Hille wollte bei den ersten Worten fragend ihren blühenden Kopf erheben, bei den letzten aber ließ sie ihn wieder sinken und schwieg. – »Ist sie denn wirklich so schön, wie man sagt?« fragte sie nach einer Weile.

»Ich finde das gar nicht, wiewohl andere darin einen besseren Geschmack haben mögen. Sie ist immer sehr prachtvoll gekleidet, und das mag die Leute berücken. Aber ihr Gesicht, obwohl jugendlich, frisch und lebhaft, ist mir zu keck, zu scharf, zu spitz, und ihr Auge hat einen unangenehmen Lauerblick, selbst wenn sie lacht.«

»Aber ihre Figur, wie ist die?«

»O, die ist mir viel zu dünn, zu zerbrechlich und darin läßt sie sich nun gar nicht mit Dir vergleichen.«

Hille stieß einen leisen Ausruf des Erstaunens aus, und Waldemar, augenblicklich bemerkend, was er so ganz ohne Absicht gesagt, schwieg ebenfalls in einiger Verlegenheit.

So setzten sie ihren Weg bis gegen Promeusel fort. Der Zeit nach hätte es schon längst heller werden müssen, aber es blieb dunkel, weil der Nebel, der den Himmel umzogen, sich allmählich verdichtete und in trübe Wolken zusammenballte, die sich endlich in Regen auflösten, dessen Tropfen hörbar auf die Blätter fielen, unter denen die beiden Nachtwanderer hinschritten.

Als sie dieses leicht zu erklärende Geräusch vernahm, blieb Hille stehen und wandte sich zu Waldemar um. »Bis hierher nur dulde ich deine Begleitung,« sagte sie fest. »Hier trennen wir uns.«

»Noch nicht,« erwiderte Waldemar mit seiner bestimmten Art, wenn er keinen Widerspruch duldete. »Ich muß einmal den alten Turm von Sagard sehen, das habe ich mir vorgenommen. Darum komm nur weiter.«

Hille wußte, daß hier keine Gegenrede half, und so entschloß sie sich zur Fortsetzung ihrer gemeinsamen Wanderung, was ihr sogar ein geheimes Vergnügen gewährt hätte, wenn Waldemars Rückweg dadurch nicht immer länger geworden wäre. Endlich war man doch an den Punkt gekommen, von wo aus der Turm von Sagard zwischen den Bäumen sichtbar ward, und hier blieb sie stehen, ohne weiter ein Wort zu sagen.

Waldemar sah ein, daß er nun keinen Grund mehr habe, seinen Weg neben ihr noch weiter zu verfolgen. Nachdem er daher einige Worte über die vor ihm liegende Kirche gesprochen, wandte er sich zu seiner Gefährtin, ergriff ihre Hand und sagte:

»Es wird trotz der Regenwolken heller, Hille, und ich sehe dein Gesicht schon ganz genau. Es ist ein freundliches Gesicht, das mir wohltut, wenn ich es anschaue, und dein Auge ist nicht wie Gylfes Auge. Gott erhalte es Dir so und beglücke dich sonst noch auf allen deinen Wegen. Nun aber wollen wir scheiden. Ich danke dir noch einmal, Hille, für deinen guten Rat und werde bei Gelegenheit seiner eingedenk sein. Grüße meine Eltern herzlich und sage ihnen, sie mögen nicht in so großer Sorge sein, ich gedächte ihrer und – und – aller Meinigen. Nun lebe Wohl, und Gott geleite dich, wackeres Mädchen!«

»Lebe Wohl, Waldemar, und halte dein Versprechen. Laß uns morgen durch den Doktor Botschaft sagen, ob du glücklich heimgekommen bist.«

»Und du mir auch, und ob dir der nächtliche Spaziergang nicht geschadet hat.«

»Mir schadet dergleichen nicht, im Gegenteil, er hat mir genützt.«

»Wieso?«

Hille schwieg. »Er hat mir bewiesen,« sagte sie endlich, »daß auch ein einfaches Landmädchen, wie ich es bin, Eingebungen haben kann, die anderen von Vorteil sind.«

»Ah, ich verstehe dich; ja, du bist nur ein einfaches Landmädchen, aber wollte Gott, es gäbe ihrer recht viele dergleichen – eine solche wiegt zehn Gylfes auf.«

Hille glühte vor heimlicher Freude in Purpur auf. Sie fühlte es und wandte den Kopf ab. »Geh, geh,« sagte sie, »da schlägt es halb drei Uhr – um drei muß ich zu Hause sein, dein Vater steht früh auf.«

»Wie gern ginge ich mit dir, Hille –«

»Dein Weg liegt dort, der meine hier –«

»Werden unsere Wege noch einmal zusammentreffen?«

»Gott gebe es! – Ich wünsche es.«

»Auch ich, Hilles und nun – lebe wohl!«

Ein kräftiger Händedruck, von beiden Seiten wiederholt erneuert, verzögerte die Trennung noch einige Augenblicke. Dann aber war es geschehen, und bald lagen weite Strecken und finstere Waldungen, über die ein warmer Regen herniederströmte, zwischen den beiden jungen Leuten, die gleich rüstig an Kraft und mit neuer Lebenshoffnung erfüllt, ihren verschiedenen Zielen zustrebten.

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