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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 7
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
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Sechstes Kapitel.

Der belohnte Kirchgang.

Daß das Leben im Kiekhause in den folgenden Tagen unter den obwaltenden Umständen nicht mehr so harmlos und angenehm war, wie früher, bedarf wohl kaum der Erwähnung, und doch war es noch erträglich genug, da die einquartierten Soldaten umgängliche Menschen waren und namentlich der Sergeant mit sich sprechen ließ, wenn er gut gefüttert wurde, was Hille unter anderm vortrefflich verstand. Überhaupt bemächtigte sich dies kühne und hochherzige Mädchen in diesen trüben Tagen, ohne daß man wußte, wie es geschah, der Zügel der Herrschaft im Hause, und da Mutter Ilske halb gebrochen und der Strandvogt vor verhaltenem Zorn kaum einer ruhigen Überlegung fähig war, so tat ihre Hilfe in der Tat Not und bald hatte man sich dergestalt an. ihr Schalten und Walten gewöhnt, daß man sie nicht mehr entbehren zu können glaubte. Daher war es denn auch kein Wunder, daß die Neigung der Alten zu ihr immer tiefere Wurzeln schlug und ihr Vertrauen immer größer und begründeter wurde.

Hille brachte ihnen nun aber nicht bloß ihre ganze geistige Kraft dar, nein, sie opferte auch ihre materiellen Mittel, um dem Oheim in der Not beizustehen. Aus ihrer Tasche erfolgten die Zahlungen an die Soldaten, da der geringe Besitz des unbegüterten Vogts für die Ernährung der Männer und das Futter der Pferde gänzlich in Anspruch genommen wurde. »Ihr könnt es mir künftig wiedergeben,« sagte Hille lächelnd, als der Vogt sich anfangs streubte, das Geld von ihr anzunehmen und es lieber von einem Bekannten in Sagard oder Sassnitz borgen wollte, »wenn Ihr durchaus darauf besteht, jetzt aber hab' ich's einmal bei der Hand und so braucht Ihr nicht den schweren Gang auf Borg zu tun.«

Nur selten sprach sie mit den fremden Männern im Hause; wenn sie aber mit ihnen sprach, so geschah es in einem Tone und mit einer Miene, die allen Vieren gewaltig imponierte, wie es fast immer der Fall ist, wenn ein Weib, das seiner Bildung, seiner Würde sich bewußt ist, Männern gegenüber steht, die nicht allzu roh sind und neben ihrer größeren physischen Kraft Ehrgefühl und Rechtlichkeitssinn besitzen. So geschah es denn, daß namentlich der Sergeant einen gewaltigen Respekt vor dem Mädchen bekam und ihr sogar eine stille Verehrung widmete, die auch einst ihre Früchte tragen konnte, wie Hille ganz richtig bemerkte. So milderte sie auch sein Verfahren, als er nach drei Tagen vom Kapitän Caillard den Befehl erhielt, dem Vogt die Waffen abzunehmen, die er vermutlich besäße, und nach Spyker abzuliefern, wo sich schon ein ganzes Arsenal von auf ähnliche Weise erbeuteten Verteidigungsgegenständen angehäuft hatte. Als der Kommandierende im Kiekhause durch eine Ordonnanz obigen Auftrag empfing, erfuhr ihn Hille zuerst, und als nun nach einer halben Stunde der Sergeant nach den Waffen forschte, ergab es sich, daß nur zwei unbrauchbare Pistolen und ein stumpfes Dolchmesser vorhanden waren, die denn auch eiligst nach Spyker wanderten, worüber der Strandvogt beinahe ein heiteres Kichern hören ließ.

Trotzdem nun die Verhältnisse unter den erwähnten Umständen noch immer erträglich genug waren, Hille zum Guten riet und selbst Gutes tat, wo sie nur konnte, und dabei ruhig und heiter wie immer erschien, so fraß doch insgeheim ein nagender Wurm an ihrem Herzen und sie schaute oft betrübt über die stille See hinaus, wenn sie einen Augenblick allein oder unbeobachtet war. Am härtesten aber litt sie nachts, wenn sie allein auf ihrem wohlverschlossenen Giebelzimmer im Bette lag und, nachdem sie ihr Gebet zu Gott gesprochen, in Gedanken sich alles klar zu machen suchte, was jetzt in ihr und um sie her vorging. Daß sich die Gedanken viel mit dem jungen Mann beschäftigten, der augenblicklich der Hauptgegenstand der allgemeinen Zärtlichkeit oder von anderer Seite des lebhaftesten Ingrimms war, wer wollte das zu leugnen versuchen? Nein, sie gestand sich auch selbst ein, daß sie um ihn besorgt war, fast noch mehr und in einem ganz anderen Sinne als die zärtliche Mutter, und gerade dieses Eingeständnis, dieses allmähliche Bewußtwerden ihres seit jenem Besuche Waldemars auf Bakewitz neu erwachten Gefühls flößte ihr den meisten Kummer und die größte Sorge ein, da sie sie leider keinem von allen ihren Angehörigen offenbaren konnte. Denn wie sollte sie dieses Gefühl vor den Ohren der Menschen benennen? Ach, einen Namen hatte sie ja selbst noch nicht dafür, und den gewöhnlichen Namen, mit dem man dergleichen Gefühle zu benennen pflegt, wagte sie sich selbst nicht auszusprechen, da sie nicht die geringste Hoffnung hegte, daß es von Waldemar erwidert würde. Und doch mußte sie endlich zu einem Entschlusse schreiten, der ihr schon lange vor der Seele schwebte, wenn sie Gewißheit erhalten wollte, ob Waldemar wirklich in Spyker war; dazu trieben sie zwei Beweggründe unwiderstehlich an.

Erstens jammerte sie das leise Schmerzgestöhn der betagten Mutter und das beklommene Atmen des alternden Vaters, wenn sie von dem Schicksal ihres einzigen Sohnes sprachen; beide mit der Nachricht zu trösten, daß dieser Sohn in Sicherheit sei, schien ihr von Tag zu Tag immer notwendiger zu werden. Sodann aber besorgte sie auch von Waldemars Seite ein unvorsichtiges Handeln, wenn er in seinem Verstecke etwa zufällig erführe, was die Eltern in Sassnitz seinetwegen zu leiden hätten. Ach, sie kannte den kühnen Unternehmungsgeist des jungen Mannes sehr wohl und wußte, daß er seine eigene Sicherheit vergessen würde, wenn es galt, seinen Eltern von Nutzen zu sein, und ihm begreiflich zu machen, daß er jetzt für sich allein sorgen müsse, um alle die Seinen für künftig nicht noch mehr zu betrüben, das war die Aufgabe, die sie sich bei dem Unternehmen gestellt hatte, das ihr allmählich näher und näher vor Augen rückte.

Immer stiller, nachdenklicher, schweigsamer wurde sie um diese Zeit, immer häufiger zog sie sich nach vollbrachter Arbeit in ihr Giebelstübchen zurück, immer sehnsüchtiger schaute sie in die Richtung, wo Spyker lag, und immer höher hob sich ihr Busen von bangen Seufzern, wenn sie dachte, daß es vielleicht in ihrer Macht liege, das herbe Geschick der drei Menschen zu erleichtern, die ihr jetzt die teuersten auf der Welt waren.

Dachte sie auch wohl ein wenig an sich selbst dabei? Wer mag das nicht zugestehen? Aber sie dachte an sich nicht in vorderster Reihe, ihre Wünsche waren die letzten, die sie zu befriedigen hoffte, wiewohl dieselben, eben weil es die ihrigen waren, sie ohne Zweifel befeuerten, die Tat zu unternehmen, die sie sich nicht vorgesetzt, nein, die unter den obwaltenden Verhältnissen sich ihr förmlich aufgedrungen hatte.

Endlich aber war sie zum Handeln entschlossen, nur das Wie der Ausführung war ihr noch nicht ganz klar geworden. Waldemar mußte seiner Eltern wegen gewarnt werden, und um die Eltern zu beruhigen, mußten sie wissen, daß dies geschehen wäre. Wer aber sollte diese Warnung übernehmen? Eine hilfreiche Hand hatte sie nicht, unter den jetzigen Umständen war auf keinen männlichen Beistand von außen her zu rechnen, jeder ihrer Schritte wurde beobachtet, und der Vogt selber oder einer der Seinigen durfte nur unter Begleitung eines der Jäger an den Strand hinabgehen, um irgend einen Menschen zu sprechen. So mußte sie denn also, allein die Warnende sein, und daß sie es sein wollte, stand bereits bei ihr fest. Aber die Ausführung, wie sollte die möglich werden? Zwei Nächte lang dachte sie darüber ununterbrochen nach. Alles erwog sie im Geiste, und endlich glaubte sie einen Schimmer von Möglichkeit tagen zu sehen, das Werk gelingen zu machen, welches sie nun einmal mit eiserner Beharrlichkeit ins Auge gefaßt hatte.

Als sie am Morgen nach dieser Nacht ins Frühstückszimmer zu den Alten trat, war es das erste Mal, daß sie heiter lächelnd der Mutter die Lippen und dem Vater die Stirn zum Kusse bot, was auch sogleich beiden zu Herzen ging.

»Na, Kätzchen,« sagte der Alte, einen seiner Lieblingsausdrücke gebrauchend, wenn er bei guter Laune war, »was gibt's denn? Warum denn so munter bei diesen Zeiten?«

»Ich habe gut geschlafen, Oheim,« erwiderte sie leicht errötend, »und Gott hat mir einen guten Gedanken eingegeben.«

»Gott gibt nur gute Gedanken, mein Kind,« sagte die fromme Mutter, »und es wundert mich also nicht, daß er sich diesmal gerade an dich gewandt hat.«

»Sprich ihn aus, sprich ihn aus, Hille!« rief der Alte. »Ich höre gern etwas Gutes, wenn alles um mich her schlimm ist.«

»Ich werde morgen die Kirche in Sagard besuchen,« sagte Hille ernst und fest, und vermied dabei, ihr sanftes Auge zu den verwunderten Mienen der alten Leute zu erheben.

»Die Kirche in Sagard?« fragte erstaunt der Strandvogt. »Wie willst du denn dahin kommen, da du das Haus nicht verlassen darfst?«

»Das soll einmal meine Sorge sein,« scherzte beinahe Hille. »Ihr werdet sehen, daß ich dahin gelange, wie es auch sei.«

»Nun, das walte Gott, mein Kind, dann bete für mich mit!« rief die Mutter mit schon durch diese frohe Aussicht erquicktem Herzen.

»Für mich kannst du auch ein paar Worte hinzufügen, Mädchen,« sagte freundlich der Alte, »das heißt, wenn du erst da bist, woran ich noch zweifle.«

»Heute abend, noch ehe Ihr zu Bett geht, werdet Ihr nicht mehr daran zweifeln, Jetzt aber schweigt davon, da klopft der Sergeant ans Fenster und ruft dich hinaus, Oheim.«

*

Der Abend dieses Samstages war ein so lieblich warmer und windstiller, wie er auf Rügen im Juni nur selten gefunden wird. Alles, was im Kiekhause lebte, hatte das Freie aufgesucht, teils um sich an der sommerlichen Luft zu erquicken, teils aber auch, um den Anblick der spiegelglatten Meeresfläche zu genießen. Lebhaft plaudernd, wie dies Volk es kaum anders kann, saßen die drei französischen Reiter auf der Grasbank zwischen den Bäumen und machten die herrliche See und das, was darin und darauf sein Wesen trieb, zum Gegenstand ihrer Unterhaltung. Nicht weit von ihnen entfernt, bald nach der Landseite des Gartens, bald nach der See hin sich wendend, wandelten der Strandvogt und Mutter Ilske, in leisem Gespräch begriffen, während Hille auf einer kleinen Bank in der Fliederlaube des Vorgärtchens saß und ihren träumerischen Gedanken Raum ließ, zu flattern, wohin sie wollten, obwohl sie sonst nicht zu den Leuten gehörte, die in dieser mühelosen Beschäftigung einen Zeitvertreib finden.

Mit auf den Rücken übereinandergeschlagenen Händen ging dagegen der Sergeant Armand zwischen den kleinen Beeten des Gartens vor dem Hause hin und her, grübelnd und schwankend, welcher von den drei verschiedenen Parteien er sich anschließen solle. Er wäre recht gern zu den beiden Alten gegangen, aber da Hille allein in der Laube saß und ihre Gesellschaft nicht teilte, so zog er es vor, noch eine Weile allein zu bleiben, bis diese Vereinigung später erfolgt sei, denn dem jungen Mädchen aus freier Hand nahe zu kommen, war ihm noch nie geglückt, da dasselbe einen wunderbaren Takt und die Fähigkeit besaß, sich von solchen bei Männern seiner Gattung beliebten Unterhaltungen frei zu halten.

Wie verwundert war er daher, als er plötzlich seinen Namen von der einsamen Hille rufen hörte und, seinen Kopf erhebend, ob er auch recht gehört, sich überzeugte, daß sie wirklich diesmal gesagt, was aus ihrem Munde dem eitlen Franzosen außerordentlich lieblich klang.

Mit einem kühnen Satze, wie ihn nur ein Reitersmann unternehmen kann, sprang er über die Beete fort, die ihn von Hille trennten, und seinen Schnurrbart lebhaft streichend, befand er sich augenblicklich an des schönen Mädchens Seite.

»Ein schöner Abend, Monsieur Armand, wie?«

»Herrlich, göttlich, unbezahlbar!« rief der entzückte Elsasser, dem das Glück, so vertraulich angeredet zu werden, noch nicht zuteil geworden war.

»Setzen Sie sich zu mir, ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.«

Der Sergeant hatte so schnell Platz genommen, wie wenn er einen Befehl seines Generals zu befolgen gehabt hätte. »Womit kann ich Ihnen zu Diensten stehen?« fragte er galant.

»O, ich wollte nur ein wenig plaudern, weil ich den ganzen Tag beschäftigt gewesen bin.«

»Das ist wahr, ich habe es wohl gesehen. Sie geben sich viele Mühe mit dem Hauswesen.«

»O, das scheint Ihnen nur so; ich ordne ja nur an, was die Trude nachher ausführt. – Sagen Sie einmal, Herr Sergeant, sind Sie verheiratet?«

Der verliebte Reiter spitzte nicht allein die Ohren, sondern auch etwas voreilig den Mund. »Verheiratet?« fragte er. beinahe verschämt. »Ach Gott, nein, bei diesen Zeiten darf man daran nicht denken. Wenn aber einmal erst Friede unter den Völkern ist, dann bin ich gewiß der erste, der sich ein Weib sucht.«

»So teilen Sie Ihrem Kaiser Ihren Wunsch mit, vielleicht erfüllt er ihn, denn er macht ja Krieg und Frieden, wie er will.«

» Parbleu, ma chère! Das sagt man einem Kaiser nicht und am allerwenigsten dem großen Napoleon.«

»Er ist wohl ein gestrenger Herr, Mr. Armand?«

»Das wollt' ich meinen, aber das steht ihm auch an, denn er ist der größte Mann auf der Welt.«

»So. Ist er auch fromm?«

Der Sergeant kniff seine kleinen schwarzen Augen etwas zu, als wäre er nicht recht in der Lage, darüber zu urteilen. »Warum wird er nicht fromm sein?« fragte er dann etwas leise.

»Ich dachte mir nur, daß er es nicht ist, weil er die Leute vom Kirchgange zurückhält.«

»Wie, das tut er? Mon dieu! Davon habe ich aber noch nie etwas gehört.«

»Sie können es aber sehen – sehen Sie nur mich an.«

»Ah! Hält Sie denn der Kaiser vom Besuche der Kirche zurück?«

»Versteht sich! Er hat Sie hierher geschickt, und Sie gestatten mir nicht einmal, die Kirche zu besuchen.«

Der überlistete Elsasser spielte eine komische Figur. Er wand sich wie ein Aal und wußte nicht, wie er die Grausamkeit von sich abstreifen sollte, die ihm so ganz Wider Vermuten aufgebürdet war. Endlich hatte er sich besonnen und einen großen Entschluß gefaßt. Zuerst schmunzelte, dann lächelte er stolz: endlich warf er sich in die Brust und sagte mit wichtiger Miene, wie immer, wenn er von seinem Kaiser sprach:

»Seine Majestät ist gnädig und großmütig, man wende sich an ihn, wenn man eine Bitte hat.«

Hille hob mit rührender Geberde beide Hände empor, legte die Handflächen zusammen, neigte etwas den Kopf und sagte schalkhaft lächelnd:

»Majestät, lassen Sie mich morgen die Kirche in Sagard besuchen, ich muß einmal eine Predigt hören und vor einem Altare beten.«

Seine Majestät war vollkommen erweicht, aber zugleich auch in die fröhlichste Laune versetzt. »Das ist charmant, das ist charmant!« rief er, sich schüttelnd vor Lachen. – »So bin ich doch auch einmal ein Kaiser gewesen! Ja, mein Kind, gehen Sie in Gottes und des Kaisers Namen morgen zur Kirche – in Sagard, sagen Sie?«

»Ja, in Sagard.«

»Wieviel Zeit nimmt das hinweg?«

»Mindestens drei Stunden.«

»Bah! da brauchen Sie viel Zeit, um zu beten. Wir gehen bei uns in die Kirche, beugen ein Knie, besprengen uns mit Weihwasser, sagen ein Gebet her, besprengen uns wieder und – fertig sind wir.«

»Es läßt sich hier nicht anders machen, da die nächste Kirche so weit entfernt ist.«

»Ich sehe es ein, ich sehe es ein. Meinetwegen bleiben Sie vier Stunden aus, wenn Sie überhaupt nur wiederkommen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Armand, und jetzt will ich meinem Oheim und der Tante von Ihrer Güte Mitteilung machen.«

Sie stand aus, knixte und begab sich zu den alten Leuten, die eben im Begriff standen, in das Haus zurückzukehren, und mit Staunen die Nachricht in Empfang nahmen, die Hille ihnen triumphierend mitteilte. –

Am nächsten Morgen Punkt neun Uhr war Hille zum Kirchgange gerüstet. Der Sergeant bot sich zur Begleitung, wenigstens auf eine Strecke durch den Wald an, aber Hille dankte mit ihrer bestimmten, ablehnenden Miene und sagte, sie sei gewohnt, allein in diesem Lande zu gehen, die Hirsche und Kühe täten ihr nichts.

»Aber die Menschen?«

»Die sehe ich nicht und an die denke ich nicht, wenn ich zu Gott gehe.«

Mit den Worten schlug sie den Weg nach Westen ein, der nach Sagard führt, und in dem köstlichen Gefühl, einmal nach längerem Zwange frei wie der Vogel in den Lüften zu sein, eilte sie mit ihrem elastischen Schritte flüchtigen Laufes davon, so daß der Sergeant nicht unterlassen konnte, ihr mit Vergnügen nachzublicken, so lange er sie unter den Bäumen mit den Augen erreichen konnte.

Hille dagegen, voller Eifer, den frischen Atem der freien Gottesnatur einzusaugen, blickte sich nicht einmal nach dem Sergeanten um, wie er doch ganz gewiß erwartet, sondern hatte nur Augen für den Glanz und die Herrlichkeit, die über die Waldung und den Moosteppich ausgegossen waren, auf dem sie hinschritt. Prachtvoll funkelte der Morgensonnenschein aus den azurblauen Höhen hernieder, und die Sänger in den duftenden Büschen verkündeten wetteifernd ihre Lust und Fröhlichkeit darüber.

Wohl eine Viertelstunde brachte Hille damit zu, dem lieblichen Sange der Vögel zu lauschen und die grünen Blätter zu begrüßen, die sich über ihr wölbten, und die einmal Ruhe hatten vor dem Winde, der fast täglich durch sie strich, und ihnen ein wehklagendes Rauschen abzwang; dann aber, als sie sich vollgesogen von der balsamischen Luft, fing sie langsamer an zu gehen und kam in ihren sie durchbebenden Empfindungen plötzlich auf die Ursache zurück, die sie zu dem heutigen Kirchgange veranlaßt hatte. Bereits in der vergangenen Nacht hatte sie ihren Plan zustande gebracht, und um die Ausführung desselben tummelten sich jetzt alle ihre Gedanken. So war sie denn mit sich dahin übereingekommen, zuerst die Predigt anzuhören, dann aber zu dem guten Pastor von Willich oder dem Diakonus Wohlfahrt zu gehen, wer nun die Predigt halten würde, und einen von ihnen um Rat zu fragen, wie sie am besten erfahren könne, ob Waldemar Granzow im Schlosse Spyker wäre. Was dann geschehen würde, wußte sie noch nicht, aber darum bangte sie auch nicht. War nur erst wieder ein Schritt vorwärts getan, so würde der nächste schon von selbst folgen.

Hilles Plan, wie ihr Zweck, mußte ein guter sein, sonst hätte ihn die Vorsehung gewiß nicht so sehr und so rasch begünstigt, wie es wirklich geschah, und dabei bediente sie sich ganz anderer Mittel, als auf welche Hille in ihrer einfachen, Sinnesweise verfallen war.

Denn als sie auf dem einsamen Wege, den heute kein Mensch außer ihr betrat, fortgeschritten war und sich dem Flecken Sagard bis auf wenige Minuten genähert hatte, so daß sie schon die Glocken läuten hören konnte, die zur Kirche riefen, sah sie auf demselben Wege einen Reiter daherkommen, der eben erst das Städtchen verlassen haben mußte. Er hatte seinem ruhigen Pferde die Zügel auf den Hals gelegt, hielt den leichten Strohhut in der Linken und trocknete sich mit der Rechten den Schweiß von der Stirn, denn es war schon am frühen Morgen gewaltig heiß. Als er mit diesem Geschäfte zu Ende gekommen, steckte er das Tuch in die Tasche und holte eine große Brille hervor, die er mit möglichster Genauigkeit fest auf die Nasenwurzel setzte. Erst als dies geschehen war, ergriff er die Zügel wieder und wollte eben sein steifes Pferd in Trab bringen, als er Hille auf sich zu schreiten sah.

»Ha!« rief er ihr schon von weitem entgegen. »Sehe ich recht? Ist das nicht Hille, des Strandvogts aus Sassnitz Nichte? Ja, fürwahr, ich irre mich nicht. O, guten Morgen, mein schönes Kind, wo soll die Reise so eilig hingehen?«

»Nach Sagard, zur Kirche, Herr Doktor! Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen.«

»Prächtig, prächtig, mein Mäuschen, aber wart' einmal ein bischen, ich hätte wohl ein Wort mit dir zu sprechen.«

Er hielt sein fortstrebendes Pferd fest und beugte sich etwas zu Hille herunter, die erwartungsvoll am Sattel stand,, denn des guten Doktor Pipers Miene glänzte von einer gewissen heimlichen Freude, die ihrem scharfen Auge nicht entging.

»Was machen die Alten im Kiekhause, he, mein Kind?«

»Sie sind gottlob gesund, Herr Doktor, was viel sagen will in diesen traurigen Zeiten.«

»Sehr viel, sehr viel, ja wohl. Es geht nicht allen Leuten so gut. Ich habe außerordentlich viele Patienten, trotz des schönen Wetters. Höre mal, Hille, da fällt mir ein,, was hat denn der Alte zu der Verwickelung gesagt, in die sein Sohn, der Waldemar, geraten ist, he?«

»Ach, Herr Doktor, er ist sehr betrübt darüber, und wir alle sind es nicht minder.«

»Das dachte ich mir wohl. Weiß er denn, wo der Junge steckt?«

»Wenn er das wüßte, würde er nicht halb so traurig sein.«

»Nun, höre mal, komm' mal ganz dicht heran, Kind, so – da kann ich Euch etwas trösten.«

»Wie? Sie wüßten, wo er ist?«

»Gewiß weiß ich das, und ich habe ihn erst gestern gesprochen und spreche ihn alle Tage. Er ist ganz wohlauf und sitzt im Trockenen.«

»Wo, wo? o bitte, sagen Sie es mir.«

»Still, nicht so laut – es ist ein Geheimnis – von Wichtigkeit, Hille!«.

Hille sog jedes Wort von seinen Lippen, wie die Biene eifrig den Honig der Blumen schlürft. »Sagt schnell, wo er ist!« flüsterte sie mit bebender Stimme und klopfendem Herzen.

»Er ist in Spyker, auf dem Schloß, mit dem jungen Grafen Brahe, der sicher geborgen im Spukturm sitzt, wo niemand ihn sucht.«

»Ah, ich dachte es mir!«

»Wie, du dachtest es dir?«

»Ja, ja, so sage ich, aber sprecht – er ist gesund, ungefährdet?«

»Gesund ist er wie ein Fisch im Wasser.«

»Aber ist er vor jeder Entdeckung geschützt?«

»Hm! Hm! das hat so seine Bedenklichkeiten. Ich wenigstens würde mich an seiner Stelle eben nicht bombenfest halten, aber der Junge ist ein Wetterkerl und sieht der feindlichen Breitseite wie ein Walfisch ins Gesicht.«

»Wieso denn, was tut er?«

»Nun, er geht frank und frei unter den Franzosen herum, die nicht wissen, wer er ist, und ihn Georg Forst nennen und für den Neffen des Herrn von Bagewitz auf Kloster halten.«

Hilles Gesicht überströmte ein Freudenstrahl, so rosig, so golden, wie ihn selbst die Junisonne nicht schöner hervorzaubern kann. »Ist das alles wahr, was Ihr mir da sagt?«

»Auf mein Gewissen, ich werde doch dem alten Granzow und dir keine Lüge aufbinden? Aber halt, mein Kind, jetzt muß ich weiter, ich habe einen Patienten in Sassnitz und hatte schon gedacht, einen Augenblick bei dem Alten vorzusprechen und ihn von seinem Kummer zu kurieren. Nun brauche ich es nicht, du kannst es jetzt selbst tun.«

»Wann seid Ihr wieder zurück, Herr Doktor?«

»Spätestens in einer Stunde, mein Kind.«

Hille bedachte sich im Fluge; sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihr die Gedanken in voller Flut zuströmten.

»Hört,« sagte sie eilig, »seid Ihr nach der Kirche zu Hause?«

»Bis Mittag zwei Uhr, Kind – warum?«

»Dann komme ich zu Euch, sobald die Predigt vorbei ist, denn ich habe eine Bitte an Euch.«

»Aha, ich kann es mir schon denken. Na, komm in Gottes Namen, ich erwarte dich. Mit Gott!« –

Bei den letzten Worten hatte er seinem Gaule die Sporen eingesetzt und trabte nun eilig dem Walde zu. Hille aber, die Hand fest auf das Herz gedrückt, das so stürmisch pochte, als ob es seine Bande sprengen wollte, stand geraume Zeit ans derselben Stelle, wo er sie verlassen, und sprach mit sich selbst, auf eine so ernste, bedachtsame Weise, und so voll ermutigender Zuversicht, wie sie noch nie in ihrem Leben mit sich gesprochen. Dann aber, als die Glocken der nahegelegenen Kirche noch einmal ertönten, wachte sie wie aus einem unwillkürlichen Traume auf, und sich zu raschem Gange anschickend, schritt sie dem kleinen Flecken zu, der trotz seiner damaligen Dürftigkeit ihr doch diesmal wie ein in der Sonne blitzender Tempel von Gold erschien, in dem ihr die Erfüllung aller ihrer augenblicklichen Wünsche zuteil werden sollte.

Die Kirche, oder vielmehr das Schulhaus, worin der Gottesdienst abgehalten wurde, da die Kirche selbst auch hier zum französischen Hospitale diente, war, wie immer zur Franzosenzeit, sehr gefüllt, und alle Anwesende, Alt und Jung, schauten mit Teilnahme auf Hille hin, als sie sie in ihrer rosig blühenden Schönheit, die ihre innere Aufregung noch blendender machte, eintreten sahen. Als nun aber der Pastor von Willich selber mit seiner unnachahmlichen Würde die Kanzel bestieg und im Verlauf der Predigt der wohlverstandenen Anspielungen auf das Schicksal der vorzüglich Heimgesuchten sich nicht enthalten konnte, dabei sein redliches Auge auf Hille wandte und den göttlichen Beistand auf das Haupt der Gerechten und unschuldig Leidenden herabflehte, da lief ein leises Gemurmel des Beifalles durch den kleinen Raum, und von allen Seiten nickte man dem allgemeinen Lieblinge Grüße und Wünsche zu, so daß die vater- und mutterlose Waise, von, diesen seltenen Beweisen der Teilnahme tief ergriffen, ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, obgleich ihre starke Seele nur selten die Tropfen vergoß, die ein Zeugnis unserer menschlichen Schwäche sind.

Ob Hille, wenn diese Hindeutung auf ihre persönlichen Verhältnisse seitens des menschenfreundlichen Pfarrers ihre Aufmerksamkeit nicht angeregt hätte, jedem Worte der Predigt an diesem Tage gefolgt wäre, bezweifeln wir fast; denn weit davon ab waren ihre Gedanken zu schweifen geneigt, und nur mit Mühe hafteten sie anfangs auf den Dingen, die sie vor sich sah, und bei den Worten, die sie vernahm.

Nachdem nun die Predigt beendet, der Gottesdienst geschlossen war, und die Anwesenden ihre Plätze verlassen hatten, wurde sie von neuem durch die Begrüßung ihrer Freunde und Bekannten in Anspruch genommen. Alles scharte sich um sie her, und als endlich der edle Pastor selbst herbeikam, ihr die Hand reichte und persönlich Worte der Teilnahme und Tröstung sprach, auch viele Grüße an Oheim und Tante bestellte, die er in den nächsten Tagen zu besuchen gedenke, da war es, als ob das schöne Mädchen von Sassnitz heute die Hauptperson von Sagard geworden wäre, und kaum konnte sie sich den hunderterlei Fragen entziehen, die über sie hereinstürmten, um endlich zu dem Doktor Piper zu eilen, nach dem jetzt ihr Herz allein Verlangen trug.

Der gute Mann stieg soeben aus dem Sattel, als Hille sein kleines Haus erreichte, und nachdem er sich einige Minuten geruht und abgekühlt, kam er zu ihr ins Zimmer, wo seine Frau dem wohlbekannten Mädchen einen erfrischenden Imbiß vorgesetzt hatte.

»Nun müßt Ihr mir alles noch einmal erzählen,« rief ihm Hille entgegen, sprang auf ihn zu und zog ihn an den Händen auf einen Stuhl nieder, »aber auch alles haarklein, wie es gekommen, was geschehen ist, und was zu befürchten steht.«

»Ja, Kind, ja; laß mich nur erst recht zu Atem kommen, dann will ich dir sagen, was ich weiß.«

Er hielt Wort. In wenigen Minuten war Hille von allem unterrichtet, was wir selbst bereits wissen, und wenn sie auch nicht die verschiedenen Einzelheiten erfuhr, die wir berichtet haben, so blieb ihr doch auch nichts Wichtiges verborgen. Als sie so in die ganze Lage des Grafen Brahe und seines Freundes hinreichende Einsicht gewonnen, überströmte sie eine neue Flut höchst bedeutsamer Gedanken, wenigstens glaubte der Doktor das aus ihrem Benehmen schließen zu müssen. Den Zeigefinger der rechten Hand auf die frischen Lippen gedrückt, mit der Linken noch immer ihr laut schlagendes Herz haltend, ging sie geneigten Kopfes im Zimmer hin und her. Schweigend saß der Arzt in ihrer Nähe, beobachtete sie scharf, wie es seine Gewohnheit war, und las aus ihren blitzenden Augen und ihrer gespannten Miene, daß sie sich innerlich bedenke und einen heraufdämmernden Entschluß nach allen Seiten überlege.

Plötzlich trat sie vor den Doktor hin, legte ihre Rechte auf seine Schulter und sagte: »Lieber Herr Doktor, noch eine Bitte habe ich an Euch, vielleicht sogar zwei. Zuerst nun sagt mir, aber genau, es hängt viel davon ab – wo stehen die Franzosen aus dem Lande zwischen hier und Spyker?«

»Oho!« rief der gutmütige Arzt, »willst du sie attackieren, Mädchen? Das laß nur bleiben, denn das ist kein Handwerk für so schmucke Weibsbilder, wie du eins bist.«

»Sagt es geschwind, ich muß es wissen.«

»Nun, wenn du es durchaus wissen mußt, dann werde ich wohl auch mit der Sprache heraus müssen. Aber das ist sehr einfach, Kind. Zunächst von hier stehen einige Mann, vielleicht ihrer zwanzig, in Capelle, dann erst in Promeusel wieder; dann in Neddesitz, Falkenburg und Hagen – du siehst, kreuz und quer haben sie Grund gefaßt, wo sie gerade ein saftiges Stück Erde und ein frisches Laib Brot vorfanden.«

Hille lächelte. »Ja,« sagte sie, »sie stehen sehr kreuz und quer – und wäre ja wohl der gerade Weg von hier bis Spyker, außer Capelle und Neddesitz, unbesetzt?«

»Halt, Mädchen, in Bobbin stehen sie auch, ich darf dir das nicht verheimlichen.«

»Vielleicht auch in Quoltitz?«

»Ei warum nicht gar – in Quoltitz! Sie werden sich hüten, in die Nähe der Gräberstadt zu gehen, wie, sie sie nennen, nein, davor haben sie einen heiligen Respekt. Die Kerle sind abergläubisch und fürchten sich vor Gespenstern, wie die Kinder, es ist beinah zum Lachen – und wenn sie von Jasmunds Ostküste nach Spyker wollen, machen sie immer einen Umweg von anderthalb Stunden bis Ruschwitz, um nur das Totenfeld zu vermeiden.«

»Ist das richtig, ganz richtig, lieber Herr Doktor?«

»Ich werde dir doch nichts Falsches sagen, da ich alle Tage die Stubnitz kreuz und quer durchreite! Aber wozu willst du das alles wissen, du willst doch nicht etwa die Jungfrau von Orleans auf Rügen spielen?«

»Keinen Scherz jetzt, Herr Doktor!« rief Hille und streckte ihre Hand mit einer so sprechenden Geberde nach ihm aus, daß er sogleich verstand, daß er wieder schweigen solle, was er auch sofort tat.

Hille ging jetzt noch einmal innerlich mit sich zu Rate, und. überaus wichtig war für sie, was sie in diesem Augenblick dachte. Das mochte dem guten Doktor auch Wohl einleuchten, denn er wurde plötzlich, ordentlich ernsthaft, was selten bei ihm der Fall war, und betrachtete das schöne Mädchen mit einer so respektvollen und teilnehmenden Miene, wie noch nie zuvor.

Endlich war Hille mit sich aufs Reine gekommen. Sie schöpfte tief Luft, warf einen Blick durch das Fenster nach dem gütig lächelnden Himmel und, gleichsam von ihm Stärke und Beistimmung empfangend, kehrte sie sich zu dem Arzte um und sagte mit viel leiserer Stimme als vorher und mit bittendem Tone: »Herr Doktor, könnt Ihr mir ein Blatt Papier, Feder, Tinte und Siegellack geben?«

»Ein ganzes Buch, Mädchen, wenn es nötig ist. Da, da liegt gleich etwas in dem Kasten. Aber ich werde selber in meine Stube gehen, so lange du schreibst, damit ich dich nicht störe.«

»Nein, Ihr könnt hier bleiben, ich schreibe nur wenige Worte, und was ich schreibe, sollt Ihr heute mit nach Spyker nehmen, da Ihr doch hinüberreitet, wie Ihr gesagt habt.«

»Nach Spyker? Ich? Den Brief mitnehmen? Aber an wen wird er denn gerichtet sein?«

»Das werdet Ihr sehen, wenn Ihr ihn empfangt.«

Gleich darauf begann Hille rasch einige Zeilen auf das. Papier zu werfen, und in wenigen Minuten war sie damit fertig. Dann schrieb sie etwas langsamer ihren Namen darunter, streute Sand darauf, faltete den Bogen und fing an, ihn von allen Seiten zuzusiegeln, wie es Frauen tun, wenn sie beabsichtigen, recht sicher zu Werke zu gehen.

»Nun, nun,« sagte schmunzelnd der alte Doktor, indem er näher an den Tisch trat, auf dem Hille schrieb, »es ist genug damit. Du kannst versichert sein, daß kein sterbliches Auge da hinein schauen kann, und darfst immerhin meinen Siegellack etwas verschonen. – Nun aber die Adresse, Kind!«

Hille besann sich wieder. »Nein,« sagte sie, »es ist besser, ich schreibe sie nicht darauf. Der Brief könnte verloren gehen.«

»Verloren? Ja, wenn ich mit verloren ginge, da ich ihn bestellen soll.«

»Ihr sollt ihn bestellen, aber man muß heutzutage vorsichtig sein.«

»Aber dann muß ich doch wissen, an wen ich ihn abliefern soll.«

»Ja, ja – da – da habt Ihr ihn, ich binde ihn Euch auf die Seele.« »Nun, wenn du ihn in meine Tasche legst, ist er auch schon sicher genug. Und wer soll ihn erhalten?«

»Der Sohn des Strandvogts auf Sassnitz.«

»Das heißt Waldemar Granzow auf Spyker.«

»Derselbe, der sich jetzt Georg Forst nennt,« fügte Hille mit hoch geröteten Wangen hinzu, da sie die Luchsaugen wohl bemerkte, mit denen sie der Doktor durchforschte.

»Hm, hm!« sagte er. »Ja, ja, er soll ihn haben. Vor fünf Uhr schon ist er in seinen Händen, ich reite um drei. – Willst du schon fort?«

Hille hatte ihr Tuch bereits in der Hand, das sie zusammengefaltet über den Arm legte. »Ja,« erwiderte sie, »ich muß fort, es ist die höchste Zeit, man erwartet mich gewiß schon lange zu Hause. – Herr Doktor, da, nehmt meine Hand ich danke Euch von Herzen für Eure Freundschaft. Wenn ich kann, will ich sie vergelten. Lebt Wohl – lebt wohl!«

Sie flog zur Tür. Der Arzt begleitete sie bis vor das Haus, kaum imstande, ein Wort zu sprechen, weil er sich die eigentümliche Stimmung des sonderbaren Mädchens, ihre Hast und die Flammen, die ihr Auge aussprühte, nicht recht erklären konnte.

»Hm!« sagte er zu sich, als er in seine Stube zurückgekehrt war und den kleinen Brief wohl zehnmal von hinten und vorne besah – »bin ich doch meine Lebtage nicht so neugierig gewesen, wie heute. Wenn ich doch wüßte, was in diesem Briefe steht! Es waren nur zwei Zeilen, die sie mit sicherer Hand, obgleich innerlich tief bewegt, schriebe Ja, ja kuriose Zeiten bringen kuriose Verhältnisse zuwege. Am Ende – wer kann es wissen, und wer sollte nicht daran denken – hat sie mich zu ihrem Liebesboten gedungen – haha? in meinen alten Tagen! Das ist mir noch nie passierte – Aber ein Mädel ist sie, wie ich noch keins in meinem Leben gesehen habe, weiß es Gott! Ein paar Augen hat sie – und eine Taille und ah, bah! Was geht das mich an! Sie ist gesund, und ich bin nur für die Kranken!« –

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