Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Philipp Galen >

Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/galen/jasmund2/jasmund2.xml
typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120822
projectideb1793bc
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.

Die Erbin von Bakewitz und die Einquartierung.

Verlassen wir jetzt auf einige Zeit Schloß Spyker und seine heimlichen und offenkundigen Bewohner, und wenden wir uns wieder nach dem Kiekhause auf der Anhöhe bei Sassnitz zurück, wo während unsrer Abwesenheit mancherlei vorgefallen war, was der Leser notwendig wissen muß.

Das friedliche Stilleben, während die ganze Umgegend von feindlicher Einquartierung und kriegerischer Tätigkeit erfüllt war, hatte nach Waldemars Abreise auch bald in diesem abgelegenen Hause aufgehört, denn wenige Tage nach dem unverhofften und um so erfreulicheren Besuche brachte das Gerücht von Bergen herüber die alle Welt erschütternde Nachricht, daß Graf Magnus Brahe verwundet aus Stralsund entflohen sei und zwar mit Hilfe Waldemar Granzows, und daß sich beide wahrscheinlich nach Rügen begeben hätten, um dort an irgend einem Orte ein heimliches Unterkommen zu finden.

Dies völlig unerwartete Ereignis, dem man mit ziemlicher Sicherheit Glauben schenken konnte, obwohl von amtlicher Seite noch keine Bestätigung erfolgt war, beunruhigte den Strandvogt und Mutter Ilske außerordentlich, denn seitdem sie ihren Sohn den Gefahren der See und der dänischen Gefangenschaft entronnen gesehen, hatten sie ihn allen weiteren Fährlichkeiten entrückt geglaubt, zumal vorauszusetzen war, daß er sich mit dem Grafen Brahe in seiner Heimat ruhig verhalten und nicht mehr in das Getriebe des unseligsten aller Kriege mischen würde, der für ganz Deutschland und alle Nachbarstaaten so unglücklich begonnen hatte und sobald kein erfreuliches Ende hoffen ließ.

Traurigen Herzens und niedergedrückten Geistes, aller äußerlichen Tröstung bar, saßen die beiden Alten eines Mittags in ihrem Stübchen, fühlten keinen Appetit, von den aufgetragenen Speisen etwas zu genießen, und keine Neigung, sich das schwere Herz durch Worte zu erleichtern, als – wer beschreibt ihr Erstaunen und ihre Freude – die Tür aufging und unverhoffterweise Hille hereintrat, mit ihrer schönen Gestalt und ihrem mild freundlichen Gesicht sogleich Leben und Freudigkeit in dem stillen Zimmer verbreitend.

Da war denn mit einem Male die traurige Miene der guten Alten aufgeheitert, und mit strahlenden Augen flogen sie dem lieben Mädchen entgegen, das ihnen wie ein göttlicher Trost zur Milderung ihres irdischen Schmerzes gesandt schien. Waren sie aber schon über ihr bloßes Erscheinen erfreut, so klärte sich ihr ganzer Gedankenhorizont auf, als sie vernahmen, daß Hille von nun an wieder ein Mitglied ihres Hauses sein und daß sie fürs erste nicht wieder nach Mönchgut zurückkehren werde, da ihre Pflicht dort erfüllt sei, indem der gute alte Lachmann das Zeitliche gesegnet habe, womit denn auch, wie man jetzt erst sah, die Trauerkleidung übereinstimmte, die Hille trug, die jedoch weniger in Anlegung neuer Gewänder, als in Ablegung jener bunten und glänzenden Zierraten bestand, die an den Genuß des Lebens und seiner Freuden zu erinnern pflegen.

»Aber, mein gutes Kind,« rief die erfreute Mutter Ilske, nachdem sie das geliebte Mädchen zum zehnten Mal geküßt und geherzt hatte, »wer wird denn die Wirtschaft in Bakewitz führen, wenn du nicht mehr da bist und nach dem Rechten siehst?«

»Mein Pächter, Mutter, und seine Leute.«

»Dein Pächter? Hille, wie soll ich das verstehen? Zum ersten Mal sprichst du, was ich nicht fassen kann.«

»Es ist, wie ich sage, Ihr könnt es mir beide glauben,« erwiderte Hille, als sie die großen Augen der beiden Alten voller Spannung auf sie gerichtet sah. »Denn Ihr müßt wissen, daß mein Pate, bevor er aus diesem Leben schied, mir sein ganzes Hab und Gut vermacht hat, daß ich aber, als ledige Person, es für geraten hielt – zumal in diesen unruhigen Zeiten – lieber einen mäßigen Pachtzins zu nehmen, als mich den Gefahren auf einem abgelegenen Gute auszusetzen, so war ich denn so glücklich, in einem Nachbar meines Paten einen redlichen Pächter zu finden, wir machten alles schriftlich ab, und ich behielt mir nur zwei Stübchen im Hause vor, damit ich doch ein eigenes Dach hätte, wenn ich einmal Neigung verspürte, nach Mönchgut zu wandern, oder falls Ihr – was Gott verhüte! – meiner überdrüssig würdet und mir den Abschied gäbet.«

»Hille!« riefen der Strandvogt und seine Frau zugleich mit vorwurfsvollem Tone, aber weiter konnten sie nichts sagen, denn das Mädchen sprang auf beide zu, umschloß sie eins nach dem andern und vergütete damit reichlich, was sie mit ihren scherzenden Worten verbrochen hatte.

So zog denn Hille wieder wie früher, fast mit den Rechten einer Tochter begabt, in das einsame Haus, und noch einmal waren daselbst, wenigstens auf kurze Zeit, innerlicher Friede und allgemeines Behagen eingekehrt.

Indessen war es doch bald zu bemerken, – wenigstens von seiten Mutter Ilskes müssen wir das behaupten, während der Strandvogt in dieser Beziehung sich gleichgültiger und vorsichtiger verhielt, – daß Hille gegenwärtig im Kiekhause ein ganz anderes Verhältnis zu den beiden Alten als früher annahm. Denn sie war jetzt keine verlassene Waise mehr, sondern besaß sogar, wie sich bald erwies, mit einem schuldenfreien Gute in einer hübschen Gegend, ein ganz ansehnliches Vermögen und konnte also Ansprüche erheben, die sie früher nicht hatte machen können. Zwar erhob sie auch jetzt in der Tat keine, aber in Mutter Ilskes Augen war sie doch eine ganz andere Person geworden, und demnach richtete sich das Verfahren derselben ein und sprach sich auch in ihrer Gesinnung gegen die Nichte aus. Und namentlich gingen der guten Frau erst dann recht die Augen über Hilles Vermögen auf, als am Tage nach ihrer Ankunft ein Wagen, mit Kisten und Koffern beladen, angefahren kam und das bewegliche Gut der jungen Erbin nun sichtbar vor ihren Augen lag. Da entwickelte denn die tätige Hausfrau einen Eifer im Verpacken, Aufstellen und Ordnen der verschiedenen Gegenstände, wie sie ihn noch nie gezeigt, und einmal über das andere erhob sie ein Freudengeschrei über das Glück ihres Kindes, wie sie Hille nannte, das diese, nach ihrer Meinung, wie kein anderer Mensch auf Erden verdiente.

Wir wollen indessen hiermit nicht gesagt haben, daß ihre Liebe sich plötzlich gegen sie vermehrt habe oder vielleicht gar aus Gründen persönlichen Eigennutzes über Nacht gewachsen sei, nein, das war in Wahrheit nicht der Fall, denn mehr lieben, als es bisher geschehen, konnte sie das schöne Mädchen nicht, allein jedenfalls war Hille in ihren Augen doch nun eine bedeutende Person geworden, der man notwendig eine größere Aufmerksamkeit schenken müsse, da man ja nicht wissen könne – und wer vergibt dem zärtlichen Mutterherzen nicht solchen kühnen Gedanken! – was in dem Hintergrund der Zeiten schlummere und welche näheren Verhältnisse sich noch mit ihr knüpfen ließen.

Wundersam genug erschien es Mutter Ilske allerdings, daß Hille im ersten Augenblick sich durchaus nicht nach Waldemar erkundigte, wie sie nicht einmal aus eigenem Antriebe erwähnte, daß er in Bakewitz gewesen sei und sie ihn bei seiner Abreise bis Reddevitz begleitet habe. Erst am späten Abend, als sie alle drei auf der Bank unter den Bäumen am Strande saßen, über das friedliche Meer hinausschauten und dabei die Verhältnisse der Gegenwart besprachen, brachte Mutter Ilske das Gespräch selbst auf ihren Sohn, und nun erst erfuhren die Eltern, obgleich mit zögernder Langsamkeit der sonst so flüssig redenden Pflegetochter, was sie von dem Abwesenden wußte, wogegen sie denn nun auch des Gerüchtes Erwähnung taten, das von Bergen her über Waldemar und seinen Freund zu ihren Ohren gedrungen war.

Da aber geschah etwas von seiten der liebenden Eltern ganz Unerwartetes. Sie hatten sich nämlich gedacht, Hille müsse erschrocken sein und ihre Empfindung in lauten Worten äußern. Aber nein, Hille äußerte gar nichts, und den beiden Alten entging sogar, dank der Fassungsgabe Hilles, der wahre Grund dieses Schweigens. Denn diese war nicht nur erschrocken über das, was sie hörte, sondern ihr verging in der Tat der Atem, und es war ihr zu Mute, als ob das Herz in ihrer Brust stillstände und alles Blut in den so lebenswarmen Adern stockte. Erst nach geraumer Zeit schöpfte sie wieder Luft und stieß einen leisen Seufzer aus, obgleich es ihr noch immer an Worten fehlte, ihren Gefühlen den rechten Ausdruck zu geben.

»Nun,« sagte Mutter Ilske und wandte verwundert ihr Gesicht nach dem niedergebeugten Antlitz des Mädchens um, »nun, Hille, was sagst du dazu? Kannst du dir denken, wie uns diese Nachricht gequält hat und in welcher Sorge wir um unsern guten Waldemar sind?«

»Ja,« stieß Hille mit Mühe hervor, »ich kann es mir denken, und ich sinne eben nach, wie man etwas Gewisses darüber erfahren könnte.«

»O,« nahm der Strandvogt das Gespräch auf, »darauf werden wir nicht lange zu warten brauchen. Die Herren Franzosen legen ihrer Willensmeinung keinen Zügel an, und ich sehe schon den Tag voraus, wo sich alles aufklären wird, was uns jetzt noch dunkel ist. Wartet die Zeit ab, Graf Brahe ist ein großes Wild, und der Jäger wird es genug geben, die danach trachten, es zu erlegen.«

»Mann!« rief Mutter Ilske schmerzhaft ergriffen, »wie sprichst du das Schreckliche mit so großer Ruhe aus! Sie werden ihn doch nicht jagen, wie das Tier des Waldes, das kein Gesetz und keine Menschenpflicht beschützt, und unsern Sohn obendrein?«

»Nun, wie soll ich mich denn geberden, indem ich dies sage, Ilske? Soll ich mir etwa die Haare ausraufen und ins Gesicht schlagen, wie die Türken es tun, wenn ihnen ein Unglück begegnet ist! Nein, Frau, ich liebe es, dem, Unvermeidlichen mit ruhigem Auge ins Antlitz zu blicken und geduldig zu erwarten, was der Herr über mich verhängt. So hab ich's gehalten mein Leben lang, und so werd' ich's auch ferner halten.«

»Ach! Ja, du hast gut reden, du bist ein Mann, aber ich, ich bin seine Mutter und kann nicht finden, daß er so viel Böses verbrochen hat.«

»Nein,« nahm Hille zum erstenmal wieder das Wort auf, »in unserm Sinne, nach unserm Gefühle hat er nichts verbrochen, im Gegenteil, er ist aufgestanden zum besten des Vaterlandes, er hat den Weheruf seines Volkes gehört und dann seine Rechte erhoben, um als Mann gegen den Unterdrücker unserer Freiheit zu handeln, wie und wo es auch sei, und das kann ich auch nur billigen.«

»Du hast recht, Mädchen, wie du so mutig und nach meinem Herzen sprichst,« sagte schließlich der Strandvogt. »Ich mag das Winseln und Wimmern nicht leiden, wo nur männliche Entschlüsse und die Kraft der Faust zum Ziele führen. Da hast du meine Hand, und ich drücke die deine, zum Zeichen, daß ich mit dir einverstanden bin. Jetzt aber kommt und laßt uns zur Ruhe gehen, die Sonne ist schon lange ins Meer gesunken, und morgen werden wir Zeit genug zur weiteren Überlegung haben.«

*

So mutig Hille an diesem Abend vor der verzagten Mutter gesprochen, um ihre ermattende Seele von der Sorge, die sie umsponnen, aufzurichten, – in ihrem Herzen, das sie jedermann verschleierte, sah es ganz anders aus, und sie konnte in der nächsten Nacht die süße Ruhe nicht erringen, die sie in dem traulichen Kiekhause sonst zu finden gewohnt war. Vor ihren geschlossenen Augen, als sie in dem stillen Giebelzimmerchen im Bette lag, dämmerte ein schreckliches Bild herauf, dasselbe Bild, auf welches der Strandvogt so zufällig ihre überreizte Phantasie geführt hatte. Immer sah sie vor sich das gehetzte Wild, von blutdürstigen Jägern umstellt, hörte die totbringenden Büchsen knallen und das wilde Geheul der schnaubenden Meute näher und näher dringen. Mit zerrissenen Kleidern, bleich vor Ermattung und Entsetzen, mit vor Übermüdung schlotternden Gliedern und angstschweißtriefenden Stirnen sah sie Magnus Brahe und Waldemar Granzow von Wald zu Wald, von Baum zu Baum flüchten, ein Versteck nach dem andern suchen und immer aus einem in das andere getrieben werden. Von einer unerhörten Angst gequält, lief sie im Geiste mit, ihr Atem keuchte, immer wollte sie ihre Hilfe anbieten, ihre Hand zur Stütze reichen, aber die Gejagten sahen sie nicht, sie wandten nicht einmal das verstörte Antlitz herum, so sehr sie auch nur einen einzigen Blick von ihnen zu erhaschen bemüht war. Immer dunkler, düsterer sank die unholde Nacht herein, immer wilder heulte der ächzende Wind durch die Bäume, und das Grollen der beweglichen See drang feindselig aus der Ferne zu ihr herüber. Da, endlich – was war das? Da wurde es wunderbar ruhig um sie her, der helle Mond brach mit sanftem Schimmer aus den zerrissenen Wolken hervor – er beleuchtete freundlich die moosige Haide – und da saß, den Kopf in die Hand gestützt, aber das blaue Auge fest und doch milde nach ihr gewandt, ein lächelnder Mann – lächelnd, wie sie nur je einen lächeln gesehen – und gerade sie lächelte er an. Ach, aber es war nur der Schlummer mit seinem lieblichen Begleiter, dem Traume, der sie doch endlich überrascht hatte, es war keine Wirklichkeit, er lächelte sie noch nicht in Wahrheit an. Doch, o Täuschung, Täuschung, wie lieben wir dich, wenn, du uns nur den Schein der Wahrheit malst, wie oft segnen wir nicht den Traum, wenn er eine süße Wirklichkeit ersetzt, wie sind wir nicht dankbar, daß wir wenigstens etwas haben, woran wir uns klammern können, das wie Hoffnung aussieht, wenn es auch nur ein blasser Schatten einer möglichen fernen Hoffnung ist!

Das oder wenigstens Ähnliches sagte sich Hille, als sie am nächsten Morgen das Bewußtsein dieses Traumes hatte, und fest stand in ihr der, Entschluß, in den Wald zu gehen, den sie im Traume betreten, und das milde Auge des lächelnden Mannes zu suchen, um ihn zu warnen, zu schützen, so sehr sie, das schwache Weib, nur warnen und schützen konnte. Aber dieser Entschluß sollte noch nicht so rasch zur Tat werden, wie sie es wünschte, denn es sollten Verhältnisse eintreten, die sie fest an das Haus, schmiedeten, um zunächst den bedrängten Eltern des verfolgten Tugendbündlers, des Verräters am französischen Übermut, in ihrer kummervollen Lage beizustehen.

*

Einige Tage vergingen, ohne daß das von Bergen nach Sassnitz herübergekommene Gerücht auf irgend eine Weise bestätigt oder widerlegt worden wäre; in banger Sorge verbrachte Mutter Ilske die trägen Stunden, in strenger Schweigsamkeit und innerlichem Brüten und Grübeln der Strandvogt. Jetzt erst sahen beide recht ein, wie wohltätig das Schicksal für sie gesorgt hatte, indem es ihnen die Pflegetochter ins Haus zurückgeführt, die zwar nicht munter und fröhlich wie sonst mit den Vögeln des Waldes sang, denn auch sie hatte ja Trübseligkeit genug im Herzen, aber doch mit ihrer mutigen Haltung, ihrem festen Gottesvertrauen, das sich in jedem ihrer Blicke aussprach, ihnen zum wahren Tröste gereichte. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend tätig, förderte sie aus freien Stücken alles, was sonst der Mutter im Hause zu tun obgelegen hatte, und immer war sie freudig bei der Hand, nie ermüdet oder zur Ruhe geneigt, wenn es draußen oder drinnen zu schaffen gab.

Da aber sollte die durch ihre Anwesenheit einigermaßen beruhigte Familie plötzlich wieder in neue Bedrängnis versetzt werden. Denn eines Mittags erschien, zu Wagen von Sagard her kommend, der Kriegspolizeibeamte Dübois, noch von denselben Brigadiers begleitet, die wir in Hiddens-öe und Wittow an seiner Seite sahen. Er hatte bis hierher seine Rundreise vollendet und überall den kaiserlichen Verhaftsbefehl ausgestreut. Im Hause des Strandvogts freilich kehrte er nicht ein, da er ebensowenig selbst Häscher war, wie er es liebte, den Kummer der vom Unglück Verfolgten mit eigenen Augen zu sehen, aber in Sassnitz hielt er sich mehrere Stunden aus und bot große Belohnungen an, wenn man die Entwichenen singe und ausliefere, auf deren Kopf, wie er sagte, der Kaiser einen Preis gesetzt habe, wie es in ganz Deutschland mit allen bekannten Mitgliedern des Tugendbundes schon längst geschehen war, um so mit allem Nachdruck der wachsenden Hyder der Rebellion auf den Kopf zu treten.

Natürlich dauerte es nicht lange, so wußte man auch im Kiekhause, was unten im Dorfe vorgefallen war, und fast alle Lootsen und Fischer kamen herauf, dem biederen Strandvogt die Hand zu schütteln und ihm zu sagen, daß keiner von ihnen das Blutgeld verdienen wolle, so groß die gebotene Summe auch sei, daß sie im Gegenteil alles aufbieten wollten, um ihm zu helfen, seinen Sohn wie den Grafen Brahe aus dem Lande zu schaffen, sobald sie nur wüßten, wie sie es anfangen sollten.

Dieselbe Gesinnung, wir brauchen es kaum anzuführen, teilten alle männlichen Bewohner Rügens, ob sie nun den Strandvogt und seine Familie genauer kannten oder nicht. Denn es ging nur ein einziges Gefühl durch die Seele aller dieser harten aber biederen Männer: das Gefühl der Entrüstung gegen die Fremdlinge, die das stille Eiland in Unruhe versetzt und den lange bewahrten Frieden mit schändender Hand gebrochen hatten. Was der französische Gouverneur in Stralsund also hauptsächlich bezweckt, die Beutelust der Insulaner aufzuregen, gelang ihm nicht, im Gegenteil, alle wurden nur aufmerksam gemacht, die Verfolgten zu schützen und aus den Klauen ihrer Häscher zu befreien, sobald sie nur aus ihren Verstecken hervortreten und sagen würden: »Da sind wir, Männer von Rügen, nun greift uns und hold Euch das Geld, welches man auf unsere Köpfe gesetzt hat!«

Ja, die genaueren Mitteilungen des Dübois hatten erst recht dazu beigetragen, die von Magnus Brahe und Waldemar Granzow vollbrachten Taten ans Licht und zur Kenntnis der Bewohner Rügens zu bringen, sie also populär zu machen, was bis dahin noch nicht in so hohem Grade geschehen war. Erst jetzt erfuhr man, daß die beiden Männer nicht allein gegen Napoleon mit den Waffen in der Hand gekämpft, nein, daß sie es auch gewagt hatten, durch alle Länder zu reisen und den Geist des Widerstandes aufzustacheln, die Flamme des erstorbenen Nationalgefühls anzufachen, um endlich alle Geister in Lohe zu versetzen und dadurch den. Schlag vorzubereiten, den Jeder voraussah, jeder herbeisehnte und der dennoch immer nicht gewagt wurde, weil man sich noch zu schwach, zu verlassen dünkte und den Knechter der Völker mit zu ungeheurem Maße zu messen gewohnt war.

Waren die letzten Tage im Kiekhause nun schon sorgenvoll genug dahin geschlichen, sie sollten noch friedlich und sonnenhell gegen den sein, der nach dem Besuch des Polizeibeamten heraufdämmerte. Es war morgens gegen elf Uhr, als der Vogt vom Strande kam und den Frauen ein Gericht eben gefangener Fische mitbrachte, unter andern eine herrliche Steinbutte, die Mutter Ilske vortrefflich zuzubereiten verstand. Er fand die Frauen in einer Gartenlaube beschäftigt, auf einem Tische Wäsche zu ordnen, und nachdem er der alten Trude den Korb mit Fischen übergeben hatte, holte er seine Pfeife aus dem Zimmer und ließ sich neben ihnen auf einer Bank nieder.

»Nun,« sagte er, als die Pfeife genügend in Brand gesetzt war, »Ihr schweigt ja mit einem Mal, da ich zu Euch komme, was habt Ihr denn Heimliches zu flüstern gehabt«

»Wir haben nicht geflüstert, Alter,« sagte Mutter Ilske trocken, »sondern laut genug gesprochen, so daß es jedes Menschenkind hören kann, das mit Ohren begabt ist.«

»Hoho! Ja, aber meine waren nicht so lang, vom Strande herauf bis hierher zu reichen. Es scheint mir doch, als wäre von etwas die Rede gewesen, was ich nicht hören soll.«

»Nein,« erwiderte Hille mit ihrer sanften Stimme, in der dennoch eine gewisse überzeugende Bestimmtheit lag, »das war es nicht. Wir sprachen von Waldemar.«

»Aha, also das alte Lied!«

»Immer das alte, Oheim. Und es klingt nicht übel, meine ich.«

»Hm! Nein! Ihr möchtet wohl wissen, wo er steckt?«

»Weißt du es?« fuhr Mutter Ilske heraus und warf halb vor schreck, halb vor Freude ein schönes Stück schneeweißer Wäsche weit von sich auf den Sand.

»Sachte, Mutter, sachte! Woher sollt' ich das wissen? Und wenn ich es wüßte, ich sagte es vielleicht doch nicht.«

Hille horchte hoch auf. Es kam ihr vor, als wisse der Strandvogt, was ihr Herz schon lange in Unruhe versetzt hatte. »Warum nicht?« fragte sie, ihn mit ihren schönen blauen Augen voll ansehend.

»Weil Ihr es ausplaudern würdet.«

»Alter, du bist nicht gescheit. Wir sollten es ausplaudern?«

»Nun ja, seid Ihr nicht Weiber?«

Hille warf nur einen Blick auf den Vogt und es tat ihm schon leid, die beiden Frauen geneckt zu haben, die seinen Spott so wenig verdienten. »Kinder,« sagte er, »ich weiß wirklich nicht, wo sich die Flüchtlinge aushalten, oder ob sie überhaupt noch auf der Insel sind.«

»Auf der Insel sind sie!« sagte Hille bestimmt. »Wo gibt es bessere Verstecke für sie, als hier, wo treuere Herzen, wo hilfreichere Hände?«

»Du hast recht, Kind, das sage ich auch, obwohl die Lotsen unten am Strande wissen wollten, sie seien nach Schweden gesegelt.«

Hille legte ihre Arbeit hin und sann nach. Sie sah unendlich lieblich dabei aus, obwohl ihr Gesicht bleicher als gewöhnlich war. »Nein, nein,« sagte sie, sanft mit dem Kopf schüttelnd, »in Schweden sind sie noch nicht.«

»Woher willst du das so genau wissen, Mädchen?«

»Ich weiß es!« wiederholte! sie mit einer so sicheren inneren Überzeugung, daß beide Zuhörer große Neigung verspürten, ihr zu glauben. »Ich weiß es, und das sei Euch genug.«

»Dann stehst du wohl im geheimen Bunde mit ihnen? Wie?«

Hille wurde blutrot und wußte nicht, ob sie Ja oder Nein sagen sollte, faßte aber in diesem Augenblick den festen Entschluß, auch ihrerseits sich zu bemühen, um über den Aufenthaltsort der Verfolgten ins Klare zu kommen, den sie längst im stillen vermutete.

»Nun?« drängte sie der Alte.

»Ihr mögt recht haben,« sagte sie endlich, »in einem gewissen Bunde stehen alle Menschen miteinander, die auf irgend eine Weise geistig oder leiblich zueinander gehören. Waldemar ist Euer Sohn und so ist er mein Bruder.«

»Wacker, Mädchen, wacker – o ich gäbe was darum, wenn ich wüßte, wo die Jungen sind.«

»Sie sind in Spyker!« sagte Hille mit tiefem Brustton, der aus ihrem Herzen hervorzudringen schien.

»In Spyker? Hille, woher willst du das wissen? Da sind ja die Franzosen, und sie werden ihnen doch nicht gerade ins Garn laufen?«

»Vielleicht erst recht. Spyker ist des Grafen Brahe Eigentum, er hat dort feste Verbindungen, die Leute sind ihm treu ergeben, daß Schloß ist groß und man wird Mittel gefunden haben, ihn zu verbergen, wenn er an das Tor seiner Väter geklopft hat.«

»Aber Teufelsmaid, wie werden sie so tollkühn sein, dahin zu gehen?«

»In Spyker wohnt ein Weib, welches Magnus Brahe vergöttert. Es ist Gylfe Torstenson, die ihn dahingezogen hat – ich glaube es einmal und kann es mir nicht aus dem Sinne schlagen.«

Der Strandvogt wurde wirklich ernstlich bedenklich. Er wollte eben etwas erwidern, als ein Geräusch außerhalb, des Gartens seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkte. Rasch wandte er den Kopf nach dem Landwege, der von Norden her an seinem Grundstück vorüberführte, und horchte scharf nach dieser Richtung hin. »Still,« sagte er, »ich höre Pferdegetrappel – man reitet scharf, um an Ort und Stelle zu kommen.«

Alle drei erhoben sich von ihren Plätzen und lauschten mit einiger Spannung dem Geräusch entgegen, das, je näher es kam, immer deutlicher das regelmäßige Gestampfe erkennen ließ, welches allein der Galopp geschulter Pferde hervorbringt. Der Strandvogt, so gefaßt er gewöhnlich war und ganz der Mann, jeder Gefahr kühn ins Auge zu sehen, wechselte doch bei dieser Gelegenheit etwas die Farbe und sagte leise: »Das ist die Kavallerie, Kinder! Bei Gott, ich glaube es sind Franzosen!«

Kaum hatte er ausgesprochen, so wurde ein Trupp Reiter vor dem Garten sichtbar, der kein Ende nehmen zu wollen schien, aber sogleich die schnaubenden Pferde anhielt, als der Führer durch sein Beispiel dazu den Anlaß gab. Dieser Führer aber war kein anderer als unser galanter Kapitän Caillard aus Spyker, der von einigen Offizieren, einem Trompeter, einem Sergeanten und etwa dreißig Gemeinen begleitet war, alle feldmäßig ausgerüstet, scharf bewaffnet und trefflich beritten.

»Bon jour!« rief der im Anfang immer höfliche Franzose vom Sattel aus über den Gartenzaun herüber. »Wem gehört dies Haus?«

»Mir, Herr!« antwortete der Besitzer und lüftete seinen Seehut ein wenig von dem grauen Haar, das jener kaum zur Hälfte bedeckte.

»Wer seid Ihr?«

»Ich bin Strandvogt in diesem Bezirk und im gräflich Spykerschen Dienst.«

»Oho? Und Euer Name?«

»Daniel Granzow, Herr!«

»Daniel Granzow?« rief der Franzose aufgeregt und beinah fertig aus. » Voilà, Messieurs, da haben wir sie alle beisammen. Steigen wir ab und machen wir diesem Manne unsere Aufwartung!«

Diesen höflichen, aber doch in befehlendem Tone gesprochenen Worten wurde sofort von allen Seiten Folge geleistet, und der Kapitän, zwei Leutnants und schließlich der Sergeant traten der Reihe nach, wie wir sie nannten, durch die Gartenpforte ein und stellten sich ohne Zeitverlust um die drei Bewohner des Kiekhauses im Kreise auf, als wollten sie eine Mauer um sie schließen, aus der sie nicht entschlüpfen könnten.

»Monsieur,« begann der Kapitän mit gerunzelter Stirn und schnarrender Nasenstimme das Verhör, »Ihr sagt, Ihr seid der Strandvogt Granzow.«

»Jawohl, Herr, der bin ich mit Eurer Erlaubnis.«

»Seid Ihr der Vater des Waldemar Granzow, den man, wie Ihr wissen werdet, seit einigen Tagen auf der ganzen Insel sucht?«

»Was weiß ich, ob man meinen Sohn sucht, wenn man einen Menschen seines Namens sucht. Meines Wissens hat mein Sohn sich keines Verbrechens schuldig gemacht.«

»Aha! Also Ihr gesteht doch ein, einen Sohn zu haben?«

»Das würd' ich selbst vor keinem Chinesen leugnen, mein Herr, und Ihr seid nur ein Franzose!«

»Aha, nur! Attention, messieurs. c'est drôle! So wahr ich lebe! Wie heißt Euer Sohn, der keine Verbrechen begangen hat?«

»Waldemar ist sein Name!« sprach der alte Strandvogt mit einer festen orkanartigen Stimme und schnitt ein Gesicht, als trotze er dem ganzen französischen Kaiserreich.

» Mort de ma vie, c'est ici! – Wo ist er? Ist er auf dieser Insel?«

»Das weiß ich nicht. Vor Jahren war er in Schweden, Deutschland und England – wo er jetzt sein mag, weiß der Himmel!«

» Eh bien! Mit allen drei Ländern führen wir Krieg, also ist Euer Sohn jedenfalls unser Feind. Und diesen Euern Sohn, unsern Feind, verfolgen wir gerade. Wißt Ihr was? Ich werde Euch so lange vier Mann Einquartierung geben, bis wir ihn haben oder Ihr uns sagt, wo er zu finden ist. – Armand!« Hier wandte er sich an den Sergeanten, der etwas hinter ihm stand und ein kleiner, aber stämmiger Mann mit krausem schwarzem Haar und echten Säbelbeinen war, »Ihr bleibt mit drei Mann hier und haftet für diese Familie. Euern Dienst zu Hause wird Larrüe versehen. Niemand von den Bewohnern dieses Hauses verläßt diesen Garten. Jeden Morgen und jeden Abend durchsuchen zwei Mann die Umgegend. Punkt zwölf Uhr mittags schickt Ihr mir täglich einen Mann zum Rapport. – Ihr aber, mein Herr Strandvogt, werdet diese Leute wie Freunde verpflegen, oder der Teufel soll Euch mit Euerm Schuft von Sohn zugleich holen.«

»So,« erwiderte der unerschütterliche Strandvogt, trotzdem ihn der Sergeant mit einer abmahnenden Geberde vom Sprechen zurückhalten wollte. »So, Ihr habt gesprochen, Herr, nun laßt auch mich einmal zu Worte kommen. Bin ich verpflichtet, Eure Befehle zu erfüllen, wie? Ich bin gewohnt, dergleichen Aufträge von meiner Behörde zu empfangen, und nur meine Behörde hat das Recht, mich mit Einquartierung zu belegen.«

»Schweigt, alter Narr,« donnerte der Kapitän, »oder Ihr reitet Euch noch tiefer ins Verderben. Wenn wir fort sind, tobt, schreit und brüllt, so laut Ihr wollt, jetzt aber haltet das Maul. – Vor allen Dingen, Sergeant, durchsucht das Haus, ob der verfolgte Bursche vielleicht darin versteckt ist. Außerdem, Granzow, zahlt Ihr, weil Ihr so viel Gold im Munde habt, jedem meiner Leute täglich einen schwedischen Thaler, und wenn Euer Sohn in acht Tagen nicht entdeckt ist, hundert Thaler Kontribution dafür, daß Ihr Eurer Schuldigkeit nicht nachkommt, was ein Beweis für Euren bösen Willen ist. Abgemacht!«

»Herr!« schrie der Strandvogt empört auf, »wie soll ich das zahlen? Und wo soll ich die Einquartierung lassen? Ich bin darauf nicht eingerichtet.«

» Silence Monsieur! Mort de ma vie! Wollt Ihr noch eine bessere Rechnung haben? – Adieu, mes amis, faites votre devoir! – Challier, was gibt's?«

Bei diesen Worten, während er schon einige Schritte nach seinem Pferde getan, drehte er sich nach dem jungen Leutnant um, der im Garten stehen geblieben war und einen Ausruf des Wohlbehagens ausgestoßen hatte.

»Ein prächtiges Mädchen, Kapitän, voilà

Der Kapitän wandte sich nun auch nach Hille um, die während der militärischen Szene, die der kleine Tyrann von Spyker mit großer Würde aufführte, sich ruhig abgewendet und ungestört ihre Arbeit fortgesetzt hatte, als ginge sie der traurige Vorfall nicht im geringsten an. »Eh bien!« rief er, sein großes schwarzes Auge bohrend auf das Mädchen richtend, »c'est vrai. Mais en avant, Messieurs, une autre fois. Il est déjà trop tard aujord'hui!«

Und ohne den drei mehr niedergedonnerten als überraschten Bewohnern des Kiekhauses einen Gruß zu spenden, traten die Herren aus dem Garten, bestiegen ihre Pferde und galoppierten in südlicher Richtung davon, um ihren Morgenritt noch etwas weiter auszudehnen.

Der alte Strandvogt stand schweigsam, in einer Art Erstarrung seinen Platz behauptend und mit verglasten Augen den Abreitenden nachschauend, da. Mutter Ilske saß auf einer Bank, hatte den Kopf in die Hände auf den Tisch gelegt und weinte; nur Hille allein bewahrte ihre Fassung, obgleich sie ganz bleich geworden war, raffte schnell die ausgelegte Wäsche zusammen und trug sie ins Haus, ohne nur einen Blick auf den zurückbleibenden Sergeanten und die drei reitenden Jäger zu werfen, die schon Anstalt trafen, ihre Pferde durch die Gartenpforte zu führen.

»Hört mal, guter Freund,« sagte nun der Sergeant, der seine Herrscherstunde gekommen sah, in gutem Deutsch, denn er war ein Elsasser von Geburt und seinen Stammverwandten nicht persönlich abgeneigt. »Ihr seid ein recht großer Narr! Mit Kapitän Caillard von den Kaiserlichen Chasseurs â cheval spricht man nicht, wie Ihr gesprochen habt. Der ist der Mann dazu, Euch und Eure ganze Sippschaft ins Loch zu stecken und vier Wochen lang kalt Wasser saufen zu lassen. Wohlan, zeigt mir Eure Zimmer, und wenn Ihr mir was Gutes zu essen gebt, will ich Euch den Rat erteilen, mit den hundert Thalern Euch nicht zu übereilen, vorausgesetzt; daß wir viere den unsrigen alle Tage richtig erhalten. Was den Speisezettel anbelangt, so esse ich sehr gern Gebratenes, darum aber braucht die Suppe und das Gemüse nicht zu fehlen. Nur verbitte ich mir alle Tage Fische als Zwischengericht; zweimal wöchentlich, das mag genügen. Wenn Ihr Wein habt, so werdet Ihr mich sehr erfreuen, sonst aber habe ich auch in diesem Lande gelernt einen süßen Punsch zu trinken. Die Kühe, die ich in dem Stalle da brüllen höre, treibt auf die Weide, das ist ihnen gesunder; dafür werde ich unsre Pferde dort einstellen, und wenn Ihr ihnen gut Futter gebt, so will ich mir es gern ein paar Wochen bei Euch gefallen lassen. Wohlan denn, nun geht mir ins Haus voran und spielt einen liebenswürdigen Wirt.«

»Ihr habt gut reden,« erwiderte der Vogt, der schon merkte, daß sich mit diesem kleinen Befehlshaber werde auskommen lassen und dem jetzt erst die Sprache wiederkehrte, »aber woher soll ich das nehmen, was von mir so ungerechterweise verlangt wird?«

»Nun, aus Eurem Säckel, Freund, oder wollt Ihr vielleicht gar meinen auf Borg haben?«

»Ich bin aber kein reicher Mann!«

»Das hat der Kapitän auch gemeint, sonst würde er Euch mit zehn Mann beglückt und tausend Thaler abgefordert haben.«

»Es ist gut,« rief der Strandvogt mit grimmigem Gesicht, indem er sich der gemeinen Inselsprache bediente, die kein Franzose verstand, »wozu das Gewäsch! Ich sehe schon, in wessen Krallen ich bin. Hier gilt nur das Wort, daß unsere Eltern bei solchen Gelegenheiten gebrauchten: das walte Gott und ein kalt Eisen! Und dahin wird's kommen mit Euch, Ihr Halunken, ich prophezeie es Euch!«

So schickte er sich als Mann in das Unvermeidliche und trat mit dem Sergeanten ins Haus, wo sich dieser, der ein vernünftiger Mann war, mit des Strandvogts bester Stube begnügte und keinen Marmorsaal mit Sammetteppichen verlangte. Die frühere Schlafstube wurde von jetzt an der beständige Aufenthalt der ganzen Familie, wenn sie nicht im Freien war, und Hille trennte sich fast keine Minute von ihnen, nachdem sie jede Schmeichelei der galanten Franzosen mit so kernigem Blicke ein für allemal beseitigt hatte, daß man bald einsah, mit der Dirne sei nicht zu spaßen.

Noch bevor aber die vier Krieger Besitz von ihrer Stube oder eigentlich vom ganzen Hause nahmen, denn sie benutzten alles, Großes und Kleines, nach ihrem Gefallen, trug der Strandvogt die kleine eiserne Kiste, in der sich Hilles ererbtes bares Vermögen befand, in seine Schlafkammer herab, verbarg sie tief unter dem Kopfkissen und legte ein harrscharf geschliffenes Entermesser daneben, mit ganzer Seele bereit, es dem ersten Besten, der es wagen würde, sich an diesem Heiligtum zu vergreifen, bis an den Griff ins Herz zu stoßen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.