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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 5
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
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Viertes Kapitel.

Im Spukturm.

Von den Anstrengungen der beiden letzten Tage mehr ermüdet, als er zugestehen mochte, schlief Waldemar am nächsten Morgen ungewöhnlich lange und fest, und selbst das überlaute Geschrei und Gelärm, welches die Franzosen an jedem Morgen hören ließen, wenn sie ihre Pferde auf dem Hofe putzten, dann zum Appell bliesen und endlich zum Exerzieren ritten, war nicht imstande gewesen, ihn aus seinem todesähnlichen Morgenschlafe zu erwecken.

Es mochte etwa sieben Uhr sein, als ihn eine Hand am Arme schüttelte und so endlich seiner Ruhe entriß. Er schlug die Augen auf, blickte schnell um sich und fuhr dann verwundert in die Höhe, als er die neue Tagessonne schon hell in das Zimmer scheinen sah.

»Na,« sagte der alte Kastellan, der seine Freude an dem beneidenswerten Schlafe gehabt hatte, »das nenne ich schlafen! Deine Gemütsruhe, mein Junge, bewundere ich, denn so dicht vor den Ohren die französische Reveille schmettern zu hören und doch sein Träumen fortzusetzen, das ist eine Seltenheit heutzutage.«

»Wenn sie geschmettert haben, Ahlström, so habe ich sie in der Tat nicht gehört – da habt Ihr die Erklärung von meiner Gemütsruhe. Ach, aber nun bin ich wieder auf zwei Tage ausgeruht, und der Tanz kann von neuem beginnen.«

»Male den Teufel nicht an die Wand, er kommt von selbst ins Haus geritten, doch fürs erste werden wir ja wohl Ruhe vor ihm haben. »Junge, wie freue ich mich! Er ist darin – drüben im Spukturm, wie ihn die Dummköpfe nennen, und er schläft so fest wie du! Aber, höre mal, seine Wunde gefällt mir nicht. Ich werde heute selbst einen Spaziergang nach Sagard machen und unsern Doktor zu Rate ziehen, der muß einmal, wenn die Franzosen ausgeritten sind, herüberkommen und nach dem Rechten sehen.«

»Seid Ihr des Mannes gewiß, daß er Magnus niemanden verrät?«

»Wie meiner selbst! Er ist so wenig ein Freund von den Fremden wie du, und wohnt noch dazu in dem Teil des Orts, der dem Grafen gehört, ist also sein Untertan.«

»So tut es bald. Wie gefiel Euch Euer junger Herr sonst?«

Der Alte machte ein krauses Gesicht »Nicht sonderlich!« sagte er. »Er ist sehr bleich und schien ungemein kraftlos; ich mußte ihn einwickeln wie ein Kind.«

»Das macht die lange Fahrt und der schmerzende Arm. Ihr müßt ihn um so besser Pflegen. Das meine ich aber nicht – ich meinte vielmehr den geistigen Ausdruck seines Auges und Gesichts.«

»O darin finde ich ihn nicht sehr verändert; er sah ja immer etwas schwärmerischer aus als andere Menschen. Nur die Ähnlichkeit mit seinem Vater hat zugenommen.«

»Das ist wahr, ich finde es auch. Doch nun laßt mich aufstehn, und dann schickt mir das Frühstück, ich verspüre einen vortrefflichen Appetit. Später will ich zu Magnus gehen und ihm einen guten Morgen bieten.«

»Nicht eher, als bis der Kapitän fortgeritten ist. Doch halt, da fällt mir erst ein, warum ich dich weckte. Mr. de Caillard hat schon zweimal nach dir fragen lassen und dich zu sprechen verlangt.«

»Was wird er mir zu sagen haben?«

»Er wird sich bedanken wollen, denn artig sind diese Herren, und dir erzählen, daß Mr. Dubois gestern seinen Besuch abgestattet hat.«

»Ah, er ist dagewesen? Hat er den Verräter Granzow noch nicht erwischt?«

»Nein, dazu hat es noch Zeit. Um neun Uhr aber hat der Kapitän sein Pferd bestellt und will selbst auf die Jagd reiten, die nach Euch auf ganz Jasmund angestellt werden soll. O, wenn die Herren wüßten, daß das Wild, welches sie suchen, in ihrer eigenen Küche speist, was würden sie sagen! Nun halte dich nur in den ersten Tagen hübsch still im Hause, mache nicht das geringste Aufsehen, das scheint Mir das beste, und vor allen Dingen zeige dich den Herren gefällig, wo sie dir Gelegenheit dazu bieten.«

»Ja, so weit es sich mit meiner Freundschaft für sie verträgt,« sagte Waldemar bitter lächelnd, »das versteht sich von selbst. Man muß sich in die Verhältnisse schicken, und wir sind gerade nicht die Meister der Lage. Nun gut, geht und laßt Monsieur wissen, daß ich bald bei ihm sein werde.« –

Eine halbe Stunde später, nachdem Waldemar sein Frühstück verzehrt, erschien er vor der Tür des Kapitäns, ward gemeldet und gleich darauf eingelassen.

»Ah, bon jour, mon ami!« empfing ihn der Franzose, der eben dabei war, seinem geschniegelten Haar und Bart die letzte Ölung zu geben, »da seid Ihr ja. Nun, ich bin Euch zu Dank verpflichtet und spreche ihn hiermit aus. Ihr habt keine Mühe mit dem Hafer gehabt, wie?«

»Mühe nicht, nur etwas Geduld war nötig; der Wind war flau und der Bauer langsam, der das Getreide zu liefern hatte, darum bin ich auch so lange ausgeblieben.«

»Nun, es geht noch. Mr. Dubois zwar hat bedauert, Euch nicht vorzufinden, er war gestern auf seiner Dienstreise hier und ist von hier nach dem Süden gegangen. Er lobte Euch sehr und trug mir einen Gruß an Euch auf. Hier habt Ihr ihn. Nun aber werdet Ihr wohl mit Ernst an Eure Bewerbung gehen, wie? Welche Dirne ist es denn, der Ihr Euer Herz geschenkt habt?«

Waldemar errötete leicht, was der Rolle, die er nun wieder spielen mußte, nicht widersprach, obgleich es aus einem anderen Grunde geschah, als der Kapitän dachte. Er wußte nämlich nicht, für welche von des Kastellans Töchtern er sich in diesem Augenblick entscheiden sollte, da er nicht wissen konnte, was dem Kapitän darüber zufällig zu Ohren gekommen war.

»Nun,« fuhr dieser lachend fort, da er in des jungen Mannes Schweigen eine gewisse Verlegenheit zu bemerken glaubte, »Ihr werdet sie doch nicht beide zugleich verehren?«

»Nein, Herr Kapitän, ich ziehe die Alheid vor, obgleich, aufrichtig gesagt, Gysela mir gewogener scheint.«

»Parbleu, mon ami, das ist ein kritischer Fall. Nun, seht Euch vor, eine von beiden ist Euch also gewiß. Ihr seid glücklich darin. Meinen Leuten gelang es bis jetzt nicht, diese Rotkäppchen zu kirren, denn sie sind verteufelt spröde.«

Waldemar machte ein eigentümliches Gesicht. Der Kapitän verstand ihn abermals falsch und versuchte ihn deshalb zu trösten. »Eh bien,« sagte er, »seid nicht eifersüchtig auf uns. Meine Leute haben Weiber genug in der. Umgegend und im Schlosse, ich habe mein eigen Teil, Challier liebt mehr den Wein, als die Frauen, und so bleiben Euch Eure kleinen Schwedinnen allein. Doch nun laßt uns einmal von einer ernsten Sache sprechen. Ihr seid, glaube ich, ein schlauer Bursche, dem man vertrauen kann, schnell bei der Hand, obwohl kurz mit dem Wort. Kennt Ihr die Verhältnisse im Schlosse hier?«

»Welche meinen Sie?«

»Die, welche den jungen Brahe und die blonde Dame betreffen, die mich so sehr amüsiert.«

»Was wollen Sie darüber wissen?«

»Macht der Graf Ansprüche auf die junge Dame?«

»Das wäre wohl möglich, denke ich.«

»Aha! Dann kann ich den Verräter hier am besten strafen. Ich liebe die Dame, das heißt, wie ein Soldat eine Dame unter solchen Verhältnissen zu lieben pflegt. Ich werde sie aber mit mir nehmen, wenn ich Spyker verlasse, dann findet sie der Herr nicht, wenn er wiederkehren sollte.«

Waldemar stürzte eine wahre Flammenglut ins Gesicht. »Wird sie denn mit Ihnen gehen?« brachte er beinahe stammelnd hervor.

»Warum nicht? Sie glaubt ja, es werde für immer sein.«

»Ach so! Und Sie lieben sie nur auf einige Wochen?«

Der schwatzhafte Kapitän, dem die ernsthaftesten Dinge auf der Zunge saßen, weil er sie nicht im Herzen trug, zuckte die Achseln. »Wer kann über seine Gefühle so lange vorausbestimmen!« sagte er. »Doch weiter. Unterhält der Graf Verbindungen mit diesem Schlosse? Ist der alte Kastellan vielleicht mit im Bunde?«

»Daß ich nicht wüßte, wenigstens spricht nichts dafür.«

»So. Nun hört einmal, ich werde Euch freien Spielraum bei Eurer kleinen Amanda lassen, wirkt aber auch einmal ein wenig für mich bei ihr. Horcht sie mal aus, was man hier von dem Verhältnis denkt. Was Ihr erfahrt, erfahre ich wieder. Ihr versteht mich?«

»Ich verstehe.«

»So, nun könnt Ihr gehen. Doch noch eins. – Was hat es mit jenem Turm dort, der immer verschlossen ist, für eine Bewandtnis? Spukt es wirklich darin?«

Waldemar schauerte unwillkürlich zusammen. Der Kapitän sah in dieser Bewegung etwas ganz Natürliches und sagte etwas leise: »Also wirklich?«

»Ja, Herr, es spukt wirklich darin,« fuhr Waldemar mit flüsterndem Tone fort. »In dem Turme haben früher Gefangene gesessen, so viel ich weiß, und Blut hat die Wände der Zimmer bespritzt. Was darin vorgefallen ist, weiß eigentlich kein Mensch, aber es muß schrecklich sein, denn als der General Wrangel tot war, hat sein Nachfolger in diesem Besitz die Türen vermauern lassen, und niemand hat je wieder seinen Fuß hineingesetzt.«

»Also es ist wahr, was man davon erzählt?«

»Ich weiß es nicht anders, und ich selbst würde es nicht wagen, ihm in nächtlicher Stunde zu nahe zu kommen.«

Der Kapitän schlug ein Kreuz und blickte aus dem Fenster. »Es ist gut,« sagte er, »daß ich so weit davon und fast auf der entgegengesetzten Seite wohne. Nun, mir wird dieser Spuk nichts anhaben. Jetzt könnt Ihr gehen. Vergeßt nicht meinen Auftrag, wenn ich etwas von Euch verlange, werde ich Euch rufen lassen.«

Der Kapitän machte eine vornehme Bewegung mit der Hand, Waldemar verbeugte und entfernte sich dann. Bald darauf sah er den Offizier zu Pferde steigen und mit seinen Ordonnanzen dem Osten zureiten, um die Jagd auf den Grafen Brahe abzuhalten, jedoch unterließ er vorm Abreiten vom Hofe nicht, nach den Fenstern des Schlosses hinauszuspähen, wo Gylfe vielleicht sichtbar war, und dann einen schüchternen Blick nach dem Spukturm emporzuwerfen, der heute wie alle Tage verlassen und öde dalag und die Augen seiner dicken Mauern geschlossen hielt, als lebte wirklich kein menschliches Wesen« in ihm und als wären die Türen, die zu ihm führten, bis auf die letzte Spalte vermauert.

Diese Türen aber waren in der Tat nicht vermauert, obwohl auf eine sehr künstliche Weise verborgen. Denn außer dem geheimen Gänge, den wir in der vergangenen Nacht betraten und der am Fuße der eisernen Wendeltreppe, die durch, alle Stockwerke bis zur Dachkuppel des Turmes führte, in einer Nische mündeten, die nur durch den Druck einer verborgenen Feder zu öffnen war, gab es noch einen anderen Eingang, und dieser führte von dem jetzigen Schlafzimmer des Kastellans hinauf und zwar ebenfalls durch eine nur künstlich zu öffnende und hinter seinem Bettgang verborgene Tür. Durch diese begaben sich der Kastellan und Waldemar nachdem letzterer dem ersteren über das Vernommene getreulich Bericht abgestattet, in den geheimnisvollen Turm, um Magnus Brahe zu begrüßen und ihm einige Stunden Gesellschaft zu leisten.

Der Kastellan hatte dem Kranken das Zimmer im obersten Stockwerk eingeräumt, weil er es für den beabsichtigten Zweck am geeignetsten hielt. Es war ein rundes, der Form des Turmes entsprechendes Gemach, aber etwas eng, indem die dicken Umfangsmauern seinen Raum bedeutend beschränkten. Die Decke war im Spitzenbogenstil gewölbt, sehr hoch und das Ganze durch ein ziemlich breites Fenster mäßig erleuchtet. Gegenwärtig aber war durch den herabgelassenen weißen Vorhang das einfallende Licht noch mehr gedämpft. Abends wurden vor diesem Vorhang noch zwei dunkle Gardinen gezogen, damit der Schimmer der brennenden Lampe von außen nicht wahrgenommen werden könne. Die Wände waren bis zur Decke mit braungebeiztem Eichenholz getäfelt und als einzige Zierde hing an der Wand, wenn man eintrat, zur Linken, ein lebensgroßes Ölbild, den General Wrangel zu Pferde vorstellend, wie er den Feldherrnstab schwingt und die Schweden zur Schlacht gegen die Österreicher kommandiert. Diesem Bilde gegenüber stand in einer Vertiefung der Mauer ein Bett, welches dunkelgrüne Seidenvorhänge schlossen. Am Fenster zur Rechten stand ein eichener Schreibtisch von mittelalterlicher Form, davor ein schön geschnitzter Lehnstuhl und unter dem Bilde eine bequeme Ottomane. Einen Kamin besaß dieses Turmzimmer nicht, da es früher wahrscheinlich nur als sommerliches Arbeitszimmer vom Schloßgebieter benutzt worden war.

In Bezug auf die Aussicht, die man aus dem Fenster genoß, mochte sich Wohl kein zweites Zimmer im ganzen Schlosse finden lassen, das einem gern ins Weite schweifenden Geiste einen größeren und schöneren Spielraum gewährt hätte. Unter sich hatte man den halben Schloßhof, nach Norden und Osten den sich daran schließenden Park mit herrlichen Bäumen und weiter hinaus die Waldung, die je ferner, um so dichter und höher am Horizont emporstieg, bis sie zur Linken der Felsen von Stubbenkammer und zur Rechten von Sassnitz ihr Ende erreichte. Darüber hinaus wogte in unabsehbarer Weite das tiefblaue Meer, im fernsten Osten mit den Wolken des Himmels zu einem unzertrennlichen Ganzen verschmelzend.

Nach Norden hin lag dagegen die Schabe und die Tromper Wiek vor den Augen des Schauenden; Arcona mit seinem gelben abschüssigen Ufer spiegelte sich düster im Wasser ab und darüber hinaus funkelte das Meer im Morgensonnenschein, bis das Auge auf der Wasserwüste jeden Anhaltspunkt verlor, noch lange bevor es die Küsten von Schweden erreicht hatte.

Als die beiden Männer bei dem Grafen Brahe eintraten, fanden sie ihn am Fenster stehen und mit sehnsuchtsvollem Auge die eben geschilderte Ferne durchstreifen. Alles vor ihm glitzerte und schimmerte im vollen Sonnenlichte und das junge grüne Laub des unermeßlichen Waldes hatte in der ätherblauen Juniluft eine Farbe und einen Glanz angenommen, der auch ein so bedrücktes Herz, wie das seine, mit Wonne erfüllen mußte. Das einzige, was ihn bisweilen störte, war das Gekrächz der Dohlenscharen, die mit ihrem schwarzen Fittig um die Kuppel des alten Turmes kreisten, als wäre er allein der Mittelpunkt ihres ganzen Strebens und Behagens.

Wider Erwarten fand Waldemar den Freund in erträglicher Stimmung; die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem Sitze seiner Väter, war gestillt, und als er den Frieden und die Stille empfunden hatte, die wohltätig auf der ganzen Landschaft ruhten, konnte er es kaum für möglich halten, daß sich unter dieser milden Oberfläche Dinge und Ereignisse verbargen, die ihn nun schon so lange beunruhigten und quälten. Mit herzlichem Händedruck hieß er die Freunde willkommen, legte ihnen tausend Fragen vor und bat sie vor allen Dingen, ihn nicht zu lange allein zu lassen, sondern ihm abwechselnd so viel wie möglich Gesellschaft zu leisten.

»So oft wir können, werden wir kommen,« erwiderte der Kastellan, »aber wir, wenigstens ich, werden öfter an unsere Pflicht da unten gebunden sein, als uns lieb ist. Wenn jedoch Mutter Heylike, oder Gysela und Alheid Ihr Zimmer betreten dürfen, so kann ich Gesellschaft genug versprechen, denn eines von uns allen wird doch in der Regel zu haben sein.«

»Sie werden mir alle drei sehr angenehm sein, Ahlström, und die versprochenen Bücher bitte ich mir auch bald aus.«

»Gysela soll sie Ihnen nachher bringen, ich werde sogleich selbst dafür sorgen.«

»Habt Ihr schon daran gedacht, wie Ihr mir den Arzt aus Sagard verschaffen könnt?«

»Ja, Herr, ja, daran haben wir sehr eifrig gedacht. Noch diesen Morgen wird Mutter Heylike krank werden und sich zu Bett legen. Heute nachmittag werde ich einen Boten nach Sagard senden und den Doktor auf die Morgenstunde des nächsten Tages bestellen lassen. So lange freilich müssen wir allein die Sorge für den kranken Arm übernehmen.«

Nach einiger Zeit stieg der alte Ahlström wieder die Wendeltreppe hinab und beauftragte Gysela, in den ersten Stunden des Nachmittags sich bereit zu halten, dem Grafen Gesellschaft zu leisten, bis zu welcher Zeit Waldemar bei ihm bleiben würde. Als er diese Bestellung ausgerichtet, ging er seinen Geschäften nach, die zu dieser Zeit mannigfach genug waren, denn nicht allein die Einquartierung, sondern auch die Verwaltung des großen Gutes nahm seine ganze Tätigkeit in Anspruch.

Lassen wir nun Waldemar oben dem Kranken Gesellschaft leisten und wenden wir uns unterdeß zu einer anderen Bewohnerin des Schlosses, die nicht minder unsere Aufmerksamkeit an diesem Tage in Anspruch nimmt.

Gylfe hatte, nachdem sie sich am Abend vorher von Waldemar getrennt, eine unruhige Nacht zugebracht, was in ihrem bis jetzt wolkenlosen Leben eine große Seltenheit war. Wie sie die plötzliche und unerwartete Erscheinung Waldemars, den man sich in Spyker eigentlich nie ohne den Sohn des Hauses denken konnte, schon erschreckt hatte, so war sie durch sein seltsam ernstes, frostiges und zurückhaltendes Benehmen fast noch mehr eingeschüchtert worden. Daß sein geheimnisvolles Verweilen in Spyker und die Annahme eines fremden Namens etwas Ernstes bedeute, war ihr gleich beim ersten Zusammensein mit ihm klar geworden. Allerdings hatte ihr am nächsten Morgen der Besuch Dubois' den Schleier von diesem Rätsel um einiges gelüftet, allein der Grund, warum er gerade Spyker in der jetzigen Zeit zum Aufenthalt gewählt, war ihr dadurch nicht aufgeschlossen worden. Und nun diese unbewegliche Miene, dieses durchdringende vorwurfsvolle Auge, mit dem er sie angeschaut, was sollte das alles sagen? Hatten diese Augen schon auf den Grund ihrer Seele geblickt, noch ehe seine Hand mit der ihrigen in Berührung gekommen war? Wollte er sich nur von der Wahrheit dessen überzeugen, was das Gerücht vielleicht von ihr in die Ferne getragen, sollte seine Strenge sie züchtigen für die Leichtigkeit, mit der sie dem fremden Manne Eingang in ihrer Herz gewährt?

Beim Nachdenken über alle diese Geheimnisse war es sehr natürlich, daß Gylfe sich klar zu machen versuchte, in wieweit das letztere wirklich der Fall war. Ja, sie konnte es sich nicht leugnen, der galante, geschmeidige Offizier war der Mann, der alle Eigenschaften und Fähigkeiten besaß, ihre ganze Seele auszufüllen, wenn er mit seiner anscheinenden, aber nur langsam fortschreitenden Bewerbung Ernst machte. Gerade einen solchen Mann ersehnte ihr Herz, denn nach einem gediegeneren trug ihr leichter Sinn kein Verlangen. Konnte denn auch ein Mann liebenswürdiger, zarter, aufmerksamer sein, als dieser im Äußern so ehrenhaft erscheinende Kavalier es wenigstens bisweilen war? Tat er nicht alles, was er ihr an den Augen absehen konnte, um ihr eine Freude zu bereiten? Hatte er ihr nicht reizende französische Bücher gegeben, die ihr leicht bewegliches Blut in Flammen setzten, nicht duftendes Papier von einer Glätte und Feinheit nebst bemalten Federn geschenkt, wie sie ähnliche noch nie im Leben in Händen gehabt? Hatte er ihr nicht endlich einen ganzen Vorrat köstlicher Essenzen verehrt, die bereits das ganze Haus in Duftwolken hüllten, ganz allein um ihren Schönheitssinn, der sich auf alle solche süßlichen Kleinigkeiten erstreckte, zu spornen, zu befriedigen? O und wie angenehm war seine Unterhaltung, wenn er bei ihr am Fenster des Tafelzimmers saß und mit träumerischer Sehnsucht von seinem schönen Frankreich sprach, oder wenn er mit ihr durch den Forst jagte und von seinen Kriegstaten unter dem großen Napoleon erzählte, oder gar, wenn er sie, was er schon seit Wochen tat, in seiner herrlichen Sprache unterrichtete und dann mit den französischen Schriftstellern bekannt machte, die jeden matt glimmenden Funken ihrer Seele zur hellen Flamme anschürten? Konnte sie anders als einen solchen Mann lieben, der ganz das Gegenteil von dem düsteren, still schwermütigen Magnus Brahe war, der sie schon als Knabe mit seiner Neigung verfolgt und in die Mysterien eines unheilvollen Aberglaubens hatte einweihen wollen? Nein, dieser Mann, dieser ritterliche Franzose, dieser Held, wenn er nur redete, wieviel mehr nicht, wenn er das Schwert in die Hand nahm, entsprach ganz dem Ideal, daß sich in ihrem Geiste erzeugt hatte, und wie sollte sie zweifeln, daß er fühle wie sie, da er ihr oft genug, verhüllt und unverhüllt, die Neigung aufgedeckt hatte, die in seinem Innern für sie glühte? Und selbst wenn er mit Worten noch zurückhaltend gewesen war, hatten seine sprühenden Augen nicht verständlich genug gesprochen? Hatte seine Hand, wenn er die ihrige oder irgend einen Teil ihrer Kleidung zufällig berührt, nicht unter dieser Berührung gezittert und sie dadurch fühlen lassen, daß sein Herz, seine Seele dabei von den heiligsten Bewegungen erschüttert war?

Ach, Gylfe, sagen wir, das alles mochte wohl sein, aber du warst ein leichtsinniges, unklares, flatterhaftes Wesen, du kanntest nicht die Männer, am wenigsten jene Männer, die damals Europa mit ihrem Hasse und ihrer Liebe zugleich überschwemmten, du nahmst Galanterie für Liebe, Hang zum Vergnügen für edle Leidenschaft, Äußeres für Inneres, Oberflächliches für Tiefes, du wußtest noch nicht, daß Männer dieser Art, wenn sie werben, das heißt, wenn sie sich bemühen, sich selbst zu verschönen und zu veredeln, wenn sie Engel zu sein vorgeben, alles Menschliche, Schwächliche an sich mit einem künstlichen Schleier verhüllen, bis sie plötzlich, wenn sie so glücklich sind, ihre Absicht zu erreichen, ihrem Ziele nahezukommen, das Dämonische hervorkehren, das die Natur leider auch mit vielem Guten in ihre Seele gepflanzt hat.

Wenn wir unserer Neigung, das schöne Geschlecht stets in seiner besten Gestalt zu zeigen, hier folgen wollten, würden wir Gylfe noch mehr in Schutz nehmen, als wir mit dieser Erklärung tun, aber leider können wir es nicht. Sie gehörte zu den Frauen, die, indem sie, ohne es zu wissen, betrügen, auch selbst betrogen sein wollen, weil sie es nicht der Mühe wert halten, zu denken, zu überlegen, d. h. den Verstand zu Rate zu ziehen; ja, wenn sie noch ein wirkliches weibliches Gefühl gehabt hätte, wo sie nur an einer dunklen krankhaften Empfindung litt, könnten wir sie entschuldigen, aber leider hatte sie keine wahrhaften Gefühle, und alles, was sie erstrebte, begehrte, war die Befriedigung einer augenblicklichen Laune, die Sättigung eines leidenschaftlich sich ergießenden Triebes, sich zu ergänzen, zu unterhalten und die öden Tage einer peinvollen Langenweile sich verkürzen und versüßen zu lassen.

Als Gylfe nun in der erwähnten Nacht unruhig und schlaflos auf ihren Kissen lag, fiel ihr immer wieder und wieder Waldemar ein, und sie zerbrach sich den Kopf, den Grund und die Absicht zu entdecken, die ihn in ihre Nähe geführt. »O, er hat gewiß noch mehr zu sagen, als er bisher gesagt, das verriet ja sein ganzes geheimnisvolles, verschlossenes Wesen.« Aber da kam ihr leichter Sinn der aufgeregten Begierde zu Hülfe: »Was sinne und sorge und grüble ich,« sagte sie sich. »Will er etwas von mir, so wird er schon kommen, und endlich werde ich ihn doch bezwingen, mir sein Geheimnis zu verraten, wenn er eins hat.« Mit diesem Gedanken beruhigte sie sich zuletzt, und schlief auch bald darauf ein. Und als nun gar am nächsten Morgen die goldene Sonne am Himmel stand, die Vögel so lustig wie immer in den Gebüschen sangen, der See ihr reizendes Bild noch ebenso schön wiederspiegelte und der Gefürchtete, der wie eine Wolke vor ihre sonnige Gegenwart getreten, verschwunden war, da waren auch alle Sorgen gewichen, die Dämmerung ihrer Seele war vom Morgenwinde der Hoffnung weggeblasen, und abermals tagte glänzend die Zukunft vor ihr auf. Mit einer wahren Leidenschaft hatte sie sich an diesem Tage dem Kapitän genähert, gleichsam als bedürfe sie seiner, um sich wie schwacher Efeu an eine starke Eiche zu schmiegen – und doch, wie seltsam! Gerade an diesem Tage hatte sie zum ersten Mal die dunkle Ahnung,, daß dieser François Caillard die starke Eiche nicht sei, die sie suchte. Er war zerstreuter denn je, wortkarger als früher, zwar nicht weniger höflich, aber doch kürzer an Worten und Redensarten, als sonst. Befragt, was ihn drücke, entschuldigte er sich mit dienstlichen Unannehmlichkeiten, sprach von einer Umquartierung, von notwendig werdenden Märschen und Übungen. Und warum das? Fühlte er selbst nicht mehr Trieb und Lust in sich, die Komödie, die er auf Spyker spielte, länger fortzusetzen? Hatte ihn eine andere Leidenschaft ergriffen, fröstelte ihn das alte Spyker unheimlich mit seinen Schatten und dicken Mauern an? Vielleicht war von diesem Allen etwas vorhanden, vielleicht hatte der Besuch dieses Georg Forst einen unbestimmten Verdacht in ihm erregt, vielleicht fürchtete er die Rache eines Edelmanns, des Grafen Brahe, wenn er seine Aufführung und Bewerbung um die schöne Schwedentochter in Spyker erführe. Wie dem nun sein mochte, auch Kapitän Caillard fühlte sich an diesem Tage nicht wohl, allein auch ihn leitete sein Leichtsinn über die Kluft hinweg, am Morgen nach dem Tage war es vergessen, was ihn drückte. Gylfe lächelte so holdselig wie immer, die Weine des Grafen mundeten ihm so köstlich wie sonst, und die Küche des Kastellans ließ nichts zu wünschen übrig. Also wozu nachdenken, erwägen, Besorgnis hegen? Lustig en avant, den Augenblick genossen und vor allen Dingen den Krieger im kleinen gespielt, da es nicht im großen ging, und diesen Brahe verfolgt, um ihn – das war sein bestimmter Vorsatz – lebendig oder tot den Gerichten zu überliefern, die ihn, das wußte er ziemlich gewiß, nach dem, was er verbrochen, wenn es ihm bewiesen werden konnte, mit dem Tode bestrafen würden.

So ritt er fort, und so kehrte er nachmittags um drei Uhr mit einem ganzen Schwarme Kameraden, die er zur Tafel nach Spyker eingeladen, nach dem Schlosse zurück, freilich, ohne die Verfolgten entdeckt zu haben, aber doch in der Hoffnung, daß morgen gelingen könne, was heute nicht gelungen war. Da saßen denn die betreßten Herren in dem alten Speisesaale der Grafen Wrangel und Brahe, da saßen und zechten sie, da sangen sie so laut und so übermütige Lieder, daß alle Frauen des Hauses sich verbargen, während der Erbe des Schlosses, das sie verwüsteten, ein ungesehener Zeuge dieser Orgie war und in seinem Herzen Rache gelobte an den Feinden seines Vaterlandes, die nun auch Feinde seines Hauses, seiner Person geworden waren. –

Gylfe hatte Waldemar, seitdem sie seine Rückkehr in der Nacht erfahren, den ganzen folgenden Morgen bei sich erwartete, indem sie hoffte, er werde ihr endlich den herkömmlichen Besuch abstatten, mit ihr über alle Dinge reden, die ihr so sehr am Herzen lagen, und es werde ihr dabei gelingen, den starren Sinn des ehemaligen Gefährten durch die ihr zu Gebote stehenden Mittel zu sänftigen, um so schließlich, nachdem sie ihn für sich gewonnen, von ihm das zu erfahren, was sie zu wissen so sehr begehrte. Ja, sie war sogar der Meinung, auch Waldemar müsse den Augenblick herbeisehnen, mit ihr, aufs Reine zu kommen, mit ihr sich von Herzen auszusprechen, und deshalb werde er sie in ihrem eigenen Zimmer aufsuchen, wo sie am ungestörtesten miteinander plaudern konnten. So wartete sie denn mit großer Geduld bis um zehn Uhr auf ihn; als er aber bis zu dieser Zeit nicht kam, wurde sie etwas unruhig, fügte ihrem reizenden Morgenkleide noch einige Bänder hinzu, von deren Farbe und Pracht sie sich eine große Wirkung auf den alten Freund versprach, und stieg dann in die Wohnung des Kastellans hinab, um ihm dort gleichsam zufällig zu begegnen.

Als sie ihn aber auch da nicht traf und niemanden nach ihm fragen mochte, lief sie in den Park und suchte ihn dort an allen den Plätzen auf, die er früher mit ihr und Magnus so gern betreten hatte. Aber auch da war ihr Suchen und Harren vergebens. Unwillig wandte sie sich zum Schlosse zurück, ging vor Waldemars Fenster mit stolzen Schritten auf und nieder und dachte ihn auf diese Weise endlich herauszulocken. Als er auch da nicht erschien, erreichte ihr Zorn seine höchste Höhe. Wie sie sich dem unhöflichen Menschen, wie sie ihn jetzt nannte, bisher genähert, so beschloß sie nun, sich von ihm zu entfernen, um ihn dafür, daß er sie so gänzlich vernachlässigt, zu bestrafen. Eine Stunde später endlich war sie am Wendepunkte ihrer Laune angelangt, denn als sie zu der Überzeugung gekommen, Waldemar habe ihr überhaupt nichts Wichtiges mitzuteilen, da er sie sonst wohl aufgesucht haben würde, fing sie an, ihn zu vergessen, und als nun der Gedanke an ihn sie nicht mehr beschäftigte, fiel ihr plötzlich ein, daß sich überhaupt niemand um sie bekümmere, und ein Gefühl des Alleinseins und der Langeweile ergriff sie, wie sie es lange nicht empfunden hatte. Mit dieser Empfindung verband sich der Trieb, Zerstreuung zu suchen, und so rief sie Gysela herbei und bat sie schmollend, ihr beim Umkleiden zu helfen, was diese alle Tage tat. Sie wählte ihr Reitkleid, ließ, als die kokette Toilette beendet, ihr Pferd satteln und ritt in den Wald, um dort vielleicht jemanden zu treffen, der weniger Bauer und mehr galanter Mann war, als dieser junge Mensch, der, man sage was man wolle, trotz des ihm aufgedrungenen Firnisses der Bildung, immer nur ein Mann sei, dem man sein Herkommen an der Nase ansehe und der die Sitten und Gewohnheiten nicht verleugnen könne, die er mit der Muttermilch eingesogen habe.

Wenn Gylfe den Weg nach Sagard zufällig einschlug, so war ihr das Glück in einer Beziehung wenigstens wohlgesinnt, denn in der Nähe von Bobbin begegnete ihr Kapitän Caillard mit sämtlichen Offizieren seiner Eskadron, die er zum Schmause in dem Schlosse, worin er als unumschränkter Herrscher über Küche und Keller gebot, aus dem Stegreif eingeladen hatte. Was die fremden Herren anbelangt, so überschütteten sie die schöne Diana von Spyker, wie sie sie nannten, mit den süßesten Schmeicheleien; die also Gefeierte selbst aber, sich hoch beglückt fühlend, von einem so großen Schwarme glänzender Kavaliere umgeben zu sein, kehrte, reizender denn je in ihrer Liebenswürdigkeit und unübertrefflich an Laune, mit ihnen nach dem Schlosse zurück. So hatte sie sehr bald nicht nur alle Sorgen der Welt, sondern auch die Grafen Brahe, Vater und Sohn, also gewiß auch den gestrengen Waldemar Granzow vergessen, der so wenig verdiente, wie einer, der Gegenstand ihres kostbaren Nachdenkens zu sein. Lachend und Worte um Worte tauschend, ritt sie mit der überlauten Gesellschaft in den Spykerschen Hof ein, und als sie scherzend vom Pferde stieg, wo ein Dutzend hilfreicher Hände ihr zu Gebote stand, ahnte sie nicht, daß das gespensterhaft bleiche Gesicht des heimlichen Bewohners des Spukturmes auf sie und ihr Treiben niedersah, und daß dieser traurige Bewohner selbst dabei fühlte, daß zu der Wunde, die ihm der Feind geschlagen, noch die viel größere gekommen sei, die seine Freundin ihm im Herzen aufgerissen.

Diese Wunde aber war noch lange nicht so tief und schmerzhaft, als sie im Laufe dieses Tages zu werden bestimmt war, denn zu dem Gifte, welches bereits in sie geflossen, sollte bald noch ein tödlicheres geträufelt werden. Gysela nämlich war, wie wir wissen, von ihrem Vater angewiesen worden, am Nachmittage dem Grafen einige Stunden Gesellschaft zu leisten, während Gylfe allein in ihrem Zimmer saß und vor ihrem Klavier sehnsüchtige Klagelieder erschallen ließ, Alheid aber am Bette der Mutter Platz genommen hatte, um ihr etwas vorzulesen, da die notwendige Komödie ihrer Krankheit bereits eingeleitet war.

Gysela, also nahm verschiedene Bücher unter den Arm, die der Graf aus der Bibliothek seines Vaters erbeten hatte, und stieg aus des Kastellans Schlafzimmer die geheime Treppe hinauf, die in den Spukturm führte – Gysela, die Mitwisserin aller Gedanken und Wünsche Gylfes, ihre Gefährtin bei Tag und Nacht, ihre Zofe und Gesellschafterin in einer Person. O, wie bald hatte der bleiche Bewohner des Turmes alle diese Verhältnisse ergründet, nachdem er das Gespräch auf das Mädchen seiner Liebe zu lenken gewußt! Wie bald hatte Gysela, ohne Ahnung, was und wem sie es sage, alles enthüllt, was Magnus ihr klüglich zu entlocken verstand, denn sie war kein plauderhaftes, böswilliges Mädchen, das damit der Dame des Hauses Schaden zufügen, wollte, nein, sie war nur ein offenes, ungekünsteltes Naturkind, das jeder ernsten Frage zugänglich, jedem Wunsche des verehrten Herrn zu genügen sich für verpflichtet hielt. So war es denn kein Wunder, daß Gylfes Leben und Treiben, ihre Neigungen und Bestrebungen in kurzer Zeit offen vor den erstaunten Augen Magnus Brahes ausgebreitet lagen und daß der gute Doktor Piper aus Sagard, als er am nächsten Morgen kam, ins Vertrauen gezogen und in den Turm geführt ward, einen viel kränkeren Patienten vorfand, als man ihm denselben geschildert hatte. Die Wunde zwar flöste ihm keine große Kümmernis ein, – das werde, sich bald machen lassen, sagte er, – aber das Fieber des Kranken, das ihm heiß aus den Augen sah, als wäre seine ganze Seele davon entzündet, das krampfhafte Spiel seiner zerrütteten Mienen, die gebrochene Kraft, die aus den eingefallenen Wangen sprach, alles das waren Symptome, die den wackeren Mann in Wahrheit besorgt machten. Diese Besorgnis sprach sich auch verständlich genug in seinem Schweigen aus, als er mit Waldemar wieder zu dem Kastellan hinabgestiegen war und in dem kleinen Kreise der mit allen Vorgängen vertrauten Familie saß.

»Nun, was sagen Sie, Herr Doktor?« fragte ihn der bestürzte Freund, der das Ungewitter der Bedenklichkeit über des Arztes Stirn ziehen sah und unter allen Umständen über den Zustand des Grafen aufgeklärt sein wollte.

»Was soll ich sagen,« lautete die Antwort, die mit Achselzucken und einer gewissen Bewegung der Hände gegeben wurde, »ich sehe ihn heute zum ersten Mal und da kann man sich leicht täuschen. – Hat er schon früher an der Brust gelitten?«

»Wie? Leidet er denn an der Brust?« fragte Waldemar mit der Miene heftigen Erschreckens. »Davon weiß ich ja gar nichts.«

»Lieber Granzow,« unterwies ihn der ehrliche Landarzt, »Sie wissen manches nicht. Aber daß es mit dem Sohne und Erben des Besitzers dieses Hauses nicht zum Besten steht, daß er wahrscheinlich ein tiefes organisches Brustleiden hat, das glaube ich bestimmt annehmen zu können, ohne eine Meile weit von der Wahrheit entfernt zu sein.«

»Nein!« rief Waldemar, entflammt von einem neu in ihm auftauchenden Schmerz, »nein, Sie irren sich doch! Dies Übel liegt gar nicht in der Braheschen Familie!«

»So,« sagte der in seiner Wissenschaft gekränkte Doktor Piper, drückte seine silberne Brille mit den großen runden Gläsern fest auf die Nase und klopfte mit der andern Hand dem jungen Manne vertraulich auf die Schulter, »nicht wahr, Sie sind ein Seemann, wie es Ihr guter Vater ist, den ich so herzlich lieb habe. Nicht?«

»Ja, Herr Doktor, das bin ich.«

»Nun wohl, so wissen Sie es besser als ich, was ein Bram- und ein Klüversegel, eine Deining und eine Sturzwelle, ein stehendes oder ein laufendes Tau ist – ich aber, das sage ich Ihnen, bin ein Arzt und so weiß ich besser als Sie – muß es besser wissen, was eine Lungen- und eine Leberkrankheit, was eine Gehirn- und was eine Bauchaffektion ist. He! Haben Sie mich verstanden?«

»Ja, ja, und doch sind Sie im Irrtum!«

Der Arzt in seinem wissenschaftlichen Selbstgefühle tief verwundet, was bei den Dienern Äskulaps einer allgemeinen, Niederlage gleichkommt, richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf, die nicht eben besonders hoch war, und schaute Waldemar so vorwurfsvoll und verwundert an, als ob ihm der Verstand still stände, wobei sich allmählich sein Mund weit öffnete und seine drohenden Augen vom Kastellan auf dessen Frau und wieder zurückliefen.

»Sie sind im Irrtum,« fuhr Waldemar immer erregter fort, »denn Sie wissen, wenn Sie auch viel wissen, doch bei weitem nicht alles, wie ja kein Mensch alles weiß. Graf Brahe ist nicht lungenkrank, vielmehr ist er herzkrank, denn in diesem seinen Herzen, Mann, da steckt die gefährlichste Kugel, die der böse Feind auf ihn abgeschossen hat.«

»Bah!« machte der Arzt und fing an, im stillen an einen doch Wohl möglichen Irrtum zu denken. »Ja, wenn das ist,« sagte er, mit dem Kopfe bedeutsam nickend, »so wäre es allerdings ein schon dagewesener Fall und das ist eine verteufelte Krankheit, die aller Welt Weisheit und Wissenschaft spottet. Aber wer, zum Satan, ist die vermaledeite Hexe, die diesen Nimrod mit ihren Pfeilen verwundet hat?«

In diesem Augenblick ging die Tür auf und Gylfe, in rauschende Seide gehüllt, hüpfte knixend und lächelnd mit fliegenden Locken ins Zimmer herein, um sich nach dem Befinden der Mutter Heylike zu erkundigen.

Alles schwieg, aber aller Augen waren wie durch einen geheimnisvollen Antrieb auf ihr verwundertes Gesicht und die seltsame Geberde gerichtet, die sie blicken ließ, als sie den versammelten Hausrat vor sich sah. Der Arzt wollte sich hochachtungsvoll verbeugen, allein er vergaß es. Denn Waldemars Gesicht wurde plötzlich finster wie die Nacht und seine Augen schössen Blitze, die unheimlich auf der Person wurzelten, die zu so ungelegener Zeit das wichtige Gespräch unterbrach.

Jetzt erst gingen dem Doktor über manches die Augen auf, was er bisher noch nicht gesehen und gewußt, obwohl er sich erinnerte, hie und da schon ein gewisses Flüstern über dies und das im Spykerschen Schlosse gehört zu haben, und er beeilte sich, nachdem er schnell die notwendigsten Ratschläge erteilt, ganz kleinlaut sein altes Pferd zu besteigen, um, in tiefes Nachsinnen über die bodenlose Wissenschaft des Menschen versunken, nach Hause, zu reiten.

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