Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Philipp Galen >

Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/galen/jasmund2/jasmund2.xml
typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120822
projectideb1793bc
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Die Haferfracht.

Als Waldemar aus dem herrschaftlichen Stockwerk in das Erdgeschoß hinabgestiegen war, fand er den alten Ahlström, der kaum seine Neugierde bezwingen konnte, über den Ausgang der eben stattgefundenen Unterredung etwas zu vernehmen, schon seiner wartend. Er führte ihn rasch in das gastlich hergerichtete Zimmer, das dicht neben dem seinigen lag, und bei einem kräftigen Nachtessen und einer guten Flasche Wein hörte er mit Befriedigung Waldemars Erzählung an, den Einfall des Kapitäns, ihn nach Wittow zu schicken, preisend, weil ihm dadurch selbst die Möglichkeit an die Hand gegeben, den kranken Freund in die Heimat einzuschmuggeln. So verabredeten sie denn alles möglichst genau und setzten die Nacht des drittfolgenden Tages für die Rückkehr mit Magnus fest, während welcher Zeit der Kastellan alles zur Aufnahme des Kranken im Spukturm heimlich in Bereitschaft setzen wollte. Da die Eingangstür zum Schlosse Tag und Nacht von einer Schildwache beobachtet wurde, so mußte man die lange verschlossen gehaltenen eisernen Türen des Ganges öffnen, der aus dem besagten Turme nach der Waldruine in der Richtung von Quolitz führte. Waldemar empfing den Schlüssel des ihm bekannten Eingangs vom Walde her, und Ahlström versprach, in der verabredeten Nacht auf dem Posten zu sein, um den jungen Grafen mit Licht zu empfangen und in sein geheimes Kabinett zu führen. Erst nachdem dies genau verabredet war, überließ sich Waldemar dem erwünschten Schlafe.

Als Kapitän Caillard am nächsten Morgen vom Fenster ans, an dem er mit seinem Leutnant stand, um die frische Luft und den ersten Lichtstrahl der jungen Sonne einzusaugen, den Fremden in Gesellschaft einer Tochter den Kastellans lustwandeln sah, erinnerte er sich zuerst wieder desselben und ließ einen schriftlichen Befehl ausstellen, der Waldemar ermächtigte, eine Last Hafer aus Vansenitz, auf der Westküste von Wittow am Rassower Strom gelegen, nach Spyker zu holen, und bald darauf erging an den Kastellan die Weisung, zwei kräftige Burschen dem Georg Forst zur Dienstleistung zuzustellen und demselben das Boot loszuschließen, welches zum Gebrauche des Kapitäns stets segelfertig im Spykerschen See lag, eine Weisung, die so gern angenommen und so pünktlich vollführt wurde, wie selten eine ähnliche, da sie diesmal mehr zum Vorteil der Bewohner von Spyker, als zum Nutzen der Feinde gereichte. Schon um zehn morgens war Waldemar bereit, abermals eine Reise anzutreten, allein er beeilte sich nicht damit, da er lieber den späten Abend benutzen wollte, – um die Hitze des Tages zu vermeiden, wie er den Kapitän wissen ließ – in Wahrheit aber, um in der Nacht von Wittow nach Hiddens-öe segeln zu können und seinen Freund abzuholen, dessen Transportierung, zumal er verwundet war, bei Tage mit großen Schwierigkeiten verknüpft sein mußte. So überließ er sich denn während des Tages dem Verkehr mit der Familie des Kastellans, der er durch seine Erzählungen Unterhaltung genug gewähren konnte, und der goldhaarigen Alheid machte es nicht wenig Vergnügen, von den Franzosen für diejenige angesehen zu werden, um derenwillen der schöne Seemann das alte Schloß besucht habe.

Gylfe Torstenson verhielt sich an diesem Tage ungewöhnlich ruhig; sie vermied jede Gelegenheit, mit Waldemar noch einmal zusammenzutreffen, vielleicht weil sie nicht ganz gewiß war, ihre Bewegung zu beherrschen, wenn sie, in der Gesellschaft des Kapitäns lustwandelnd, ihm etwa unerwartet begegnen sollte. Vielleicht aber, wollte sie auch Zeit gewinnen, bei sich selbst den Plan festzusetzen, nach welchem sie für die Frist, wo Waldemar in Spyker weilte, gegen ihn Verfahren wolle, denn daß sie bedachtsam zu Werke gehen müsse, so lange sie seiner Beobachtung ausgesetzt blieb, leuchtete ihr instinktartig ein, da sie sich nicht leugnen konnte, daß der Eindruck, den der ehemalige Spielgefährte auf sie hervorgebracht, ein bedeutender sei, und sie außerdem noch nicht ganz im klaren war, ob sie von seiner Ergebenheit für Magnus mehr zu fürchten oder von seiner Hinneigung zu ihr eine Unterstützung ihrer Wünsche zu erhoffen habe.

Erst als sie von Gysela am Nachmittage dieses Tages erfuhr, daß Waldemar beim Vater sitze, um bald darauf im Interesse des Herrn von Caillard eine Fahrt nach Wittow anzutreten, atmete sie auf und begab sich in den Garten hinab, um frische Luft zu schöpfen. Hierher folgte ihr sehr bald der Kapitän, den es drängte, zu erfahren, welches Mißgeschick sie an diesem Tage für ihn unsichtbar gemacht, und der nun zu seinem Leidwesen erfuhr, daß die schöne Dame von einem heftigen Kopfschmerze geplagt sei, der auch hinreichend ihre düstere Stimmung erklärte, eine Stimmung, die sich im Laufe der Nacht bei ihr eingefunden, die sie schlaflos hingebracht, weil sie die Besorgnis ergriffen, daß Waldemars geheimnisvollem Erscheinen ernstere Ursachen zugrunde lägen, als er ihr mitzuteilen für gut befunden habe.

Es war abends gegen sieben Uhr, als Waldemar seine Reise antrat. Mit der Legitimation des französischen Offiziers versehen, von dem Kastellan bis an das Ufer des Sees begleitet, begab er sich diesmal ohne Waffen in das Boot, das vollständig gerüstet auf seiner Ankerstelle lag. Vor ihm waren schon zwei Diener aus Spyker angelangt, die ihn kannten und auf deren Treue und Verschwiegenheit er bauen konnte. Sie waren, wie alle Küstenbewohner der Insel, geübte Schiffer, und da man ihnen nur mitgeteilt hatte, daß sie, um Getreide zu holen, nach Wittow fahren sollten, so lag kein Grund zur Besorgnis vor, daß sie mit anderen über den geheimen Zweck, der mit dem Unternehmen verbunden war, gesprochen haben könnten.

Mit herzlichem Händeschütteln nahm der Kastellan Abschied von Georg Forst, wünschte ihm glückliche Reise und kehrte, nachdem das Boot abgestoßen, mit der frohen Erwartung heim, daß es wohlbehalten sein Ziel erreichen werde.

Es war ein süßer milder Juniabend, an dem Waldemar seine Fahrt antrat. Zwar wehte eine frische Brise, welche die Reisenden außerordentlich begünstigte, aber sie war nicht heftig genug, um die angenehme Wärme zu beeinträchtigen, die den Abend und die Nacht verschönerte. So rauschte denn das leichte Boot mit gemäßigter Eile durch die kleinen Wellen, die ein milder Südwind im großen Jasmunder Bodden aufzuregen pflegt, und erst als man über die kleinen Inseln, die die große Wedde heißen, hinausgekommen war, faßte der Wind die Segel beinahe voll und trieb das Boot mit größerer Schnelligkeit in den nördlichen Teil des Boddens. Etwa um zehn Uhr, als die goldenen Sterne am tiefblauen Himmel sichtbar wurden, gelangte man in die Enge zwischen dem Lebbiner Haken und dem auf der Schabe gelegenen Käthnerdorfe Gelm, wandte sich um ersteren herum und fuhr nun in das Binnenwasser zwischen Wittow und der Vieregger Halbinsel ein. Auf diesem Wege war den Reisenden nichts begegnet, was ihnen einen Aufenthalt oder ein Hindernis verursacht hätte, selbst an der alten Camminer Fähre war weder ein Posten noch ein Wachtboot zu sehen, auf die man erst an der Wittower Fähre rechnete. Da es nicht in der Absicht Waldemars liegen konnte, sich zu verbergen, so fuhr er dicht an den Wittower Fährhaken heran, wo ihn alsbald eine Wache anrief und an die Brücke anzulegen befahl.

Waldemar, der das Steuer führte, gehorchte ohne Zögern, trat auf die Brücke und folgte dem Posten in das Wachthaus, wo eine Laterne brannte und drei bis vier Franzosen auf den Bänken an der Wand schnarchten. Waldemar zeigte seine Legitimation vor, die ein Sergeant mit Befriedigung las und mit wichtiger Miene unterschrieb, worauf dem Fremden bedeutet wurde, er könne nach Belieben seine Fahrt fortsetzen, müsse sich aber melden, wenn er mit der Fracht heimwärts führe.

Als Waldemar seinen Platz im Boote wieder eingenommen hatte und ein kräftiger Nachtwind den Lauf desselben beflügelte, wunderten sich die beiden Spykerschen Diener, daß sein Bug nicht nordwärts ihrem Bestimmungsorte Vansenitz entgegen, sondern westwärts der Insel Neu-Bassin zu gerichtet werde. Auf die Frage des einen der Männer sah sich Waldemar genötigt, ihnen endlich das Geheimnis ihrer nächtlichen Fahrt zu eröffnen, was einen erstaunlichen Eindruck auf sie hervorbrachte, denn den Sohn ihres guten Herrn wiederzusehen und ihm einen Dienst erweisen zu können, machte sie überglücklich. Sie gelobten daher aufs feierlichste, sich allen Anordnungen Waldemars zu fügen und alles zu tun, was in ihren Kräften stände, um das gewagte Unternehmen glücklich zu Ende zu führen.

Bald nach Mitternacht landete man denn auch am Ufer des Hofes Kloster, und hier gebot Waldemar den beiden Männern, ruhig einige Stunden zu warten, da er so viel Zeit gebrauche, um den jungen Grafen reisefertig zu machen und mit ihm die Fahrt nach Vansenitz anzutreten.

In trübes Sinnen verloren schritt Waldemar auf das einsame Gehöft zu, in dem bereits alle Lichter erloschen waren. Das Gebell der Hunde aber, das weit durch die Nacht scholl, weckte einen Diener, und bald öffnete sich die Tür, um den späten Besuch einzulassen.

Es dauerte nicht lange, so erschien Herr von Bagewitz selber und erfreute Waldemar mit der Nachricht, daß das Befinden des Kranken die Reise möglich machen werde. Die Wunde sei in gutem Zustande, nur das Fieber habe eher zu- als abgenommen, woran indessen mehr die ungeduldige Erwartung des Verwundeten, als eine Steigerung seines körperlichen Leidens schuld sei. Herr von Bagewitz war, wie fast alle auf abgelegenen Gütern lebende Gutsherren, ein Naturarzt, er wußte sich trefflich zu helfen, wo ihm anderweitige Hilfe versagt war, und so hatte er alle ihm bekannten Mittel erfolgreich bei Magnus in Anwendung gebracht. Als er Waldemar darauf zu seinem Freunde führte, stieß dieser einen Freudenschrei aus, denn des ersteren Erscheinen um diese Stunde sagte ihm klar, daß alles bisher Unternommene nach Wunsch von statten gegangen sei. So hörte er denn auch mit Befriedigung Waldemars Ausspruch an, daß er sich sogleich zur Abreise anschicken müsse, wozu er mit einer Hast Anstalt traf, die Herrn von Bagewitz und Waldemar erkennen ließ, daß die Sehnsucht seine bitterste Krankheit war. Als aber ersterer sich einen Augenblick entfernt hatte, um verschiedenes zur nächtlichen Reise Notwendige herbeizuschaffen, ergriff der Kranke des Freundes Hand, sah ihm liebevoll in die Augen und sagte: »Waldemar, ich danke dir von ganzem Herzen. Du tust für mich, was man nur für einen Bruder tut. Aber dein Auge blickt nicht heiter zu mir auf, es lastet viel auf deinem Herzen, was du mir zu verbergen trachtest. Sprich, was drückt deinen, also auch meinen Geist nieder?«

»Ich habe dir nichts zu verbergen, Magnus, denn ich weiß selbst nicht viel. Der alte Ahlström und die Seinigen sind wohlauf und erwarten dich sehnlichst. Von dem Übrigen mußt du dich mit eigenen Augen überzeugen, da du vielleicht schärfer siehst als ich.«

»Aha! Es gibt also etwas anderes zu sehen!« rief Magnus bewegt, und eine warme Röte bedeckte flüchtig seine bleichen Wangen. »Ich wußte ja deine Miene zu deuten, die ich so genau kenne, wie die irgend eines Menschen. – Hast du Gylfe gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen und gesprochen.«

»Gesprochen? O! Und was hat sie gesagt?«

»Nichts, was sich auf dich bezog. Wir hatten keine Gelegenheit, lange ungestört zu reden, denn das Haus ist voller Franzosen, und ich vermied es, mich in ihre Nähe zu drängen, um alle unnötige Aufmerksamkeit von mir abzulenken.«

»Kann ich dir auch darin glauben, wie in allem Übrigen, Waldemar?«

»Wann hat Waldemar Granzow dir eine Unwahrheit gesagt?«

»Du hast recht, ja, du hast recht. Vorwärts denn, ich fühle mich mit einem Male stark wie sonst, sieh, wie ich meinen Arm schon frei bewegen kann.«

Waldemar nickte bejahend, obgleich ihm der unnatürlich glänzende Blick seines Freundes nicht recht gefallen wollte.

»Aber das eine kannst du mir noch sagen,« fuhr Magnus wieder fort, »wie sieht Gylfe aus? Ist sie schön geworden, wie sie es zu werden versprach?«

»Ich bin nicht der Mann, der sich gründlich auf die Schönheit eines Weibes versteht. Gylfe aber, wenn sie überhaupt je schön war, ist in ihrer Art, noch schöner geworden, wenigstens mag es Männer geben, die sie dafür halten – wie gesagt, ich weiß das nicht.«

»Vorwärts, Freund, und nun kein Zögern mehr.«

Herr von Bagewitz trat wieder ein und trug eine wollene Decke und einen Mantel nebst einem Korbe mit Eßwaren auf dem Arme. »Hier ist alles,« sagte er, »was ich Ihnen bieten kann. Ah, Sie sind schon fertig zum Marsch?«

»Ja, mein Freund, und mir bleibt nur noch übrig, Ihnen meinen Dank zu sagen.«

Herr von Bagewitz ergriff die dargebotene Rechte Magnus Brahes. »Davon schweigen wir,« sagte er. »Wann hat ein Rügianischer Edelmann nicht Gastfreundschaft geübt, sobald sich die Gelegenheit dazu bot? Sie waren diesmal einige Tage auf Kloster, und ich werde künftig einige Tage auf Spyker sein – so ist es Sitte bei uns, und Sie sollen mir nichts schuldig bleiben.«

»Wohl! So erwarte ich Sie, wenn der Himmel günstiger waltet; und nun lassen Sie uns aufbrechen, wir haben einen weiten Weg.«

Waldemar nahm Magnus' Felleisen wieder wie früher auf die Schulter. Herr von Bagewitz band des Verwundeten Arm in ein großes Tuch fest, damit er beim Gehen eine Stütze habe, dann belud er sich selber mit den übrigen Gegenständen. So schritten sie schweigend nach dem Landungsplatze, wo sie die beiden Braheschen Diener schlafend im Boote fanden.

Waldemar weckte sie. Sie sprangen empor, und da sie in der sternenhellen Juninacht, die keine dichte Finsternis aufkommen ließ, ihren jungen Herrn erkannten, stießen sie Worte der innigsten Freude aus und küßten wiederholt seine Hand.

»Gemach, Kinder, gemach!« sagte Magnus. »Seid nicht zu stürmisch, ich bin keine Eiche mehr, wie mein Freund hier. Steigt ein und laßt uns zur Heimat eilen, da wollen wir uns, wenn es Zeit dazu ist, länger begrüßen.«

Darauf umarmte er Herrn von Bagewitz, trug ihm die freundlichsten Grüße an seine Familie auf und ward dann von allen Männern sorgsam in das Boot geleitet, wo man ihm eine bequeme Lagerstätte herrichtete, die er ohne Zeitverlust einnahm. Jetzt ward das Segel entrollt, das Spriet eingesetzt, das Stagsegel an Ort und Stelle gebracht und jeder nahm seinen ihm zugewiesenen Platz ein. Man hatte nicht mehr Zeit, ein Wort des Abschieds an den Zurückbleibenden zu richten. Der Südwind, der etwas nach Westen herumgegangen war, blähte die Segel auf, und das Boot tanzte lustig über die Wellen, denselben Weg rückwärts verfolgend, den es vorher bei der Herfahrt eingeschlagen hatte. Es war halb drei Uhr morgens, als man Neu-Bassin hinter sich und in den Breeger Bodden hineinsteuerte. Allmählich versanken die Sterne in den lichter gewordenen Himmelsraum, über die grünen Küsten von Wittow dämmerte das Licht des Tages herauf, und nach einer halben Stunde sah man in der Ferne die Häuser von Bausenitz aus dem Meere steigen, als eben der Himmel sich rosenrot färbte und das Binnenmeer mit einem violetten Glanze übergoß. Am Lande war kein Mensch zu sehen, als man ihm näher kam; hier schien noch alles der Ruhe zu pflegen. Man lief an eine hohe Uferstelle an, die der Beobachtung von der See und dem Lande aus ziemlich entzogen war und wo Waldemar allein das Boot verließ, um einen Bauer zu wecken und durch seine Vermittlung einen Wagen zu dingen, denn man hatte beschlossen, daß Magnus, von einem der Spykerschen Diener begleitet, von Bansenitz quer durch die Südspitze Wittows bis an die Ostküste dem Dorfe Schmantewitz gegenüber fahren sollte, wo man ihn wieder an Bord nehmen wollte, nachdem das requirierte Getreide in Bansenitz aufgeladen sein würde. So ungern Waldemar sich von Magnus trennte, so hatte er doch zu diesem Verfahren seine Zustimmung geben müssen, denn bei der Wittower Fähre vorbei, wo er sich wieder melden mußte und sein Boot ohne Zweifel durchsucht wurde, durfte er Magnus, dessen Zustand niemanden ein Geheimnis bleiben konnte, zumal bei hellem Tage, nicht vorbeiführen, und so kam es nur darauf an, einen passenden Wagen und einen Fuhrmann zu finden, der zuverlässig genug war, den Verwundeten an die bezeichnete Küstenstelle zu bringen, ohne ihn der Begegnung mit den Feinden des Landes auszusetzen, die meist um Wiek herum und in dem reichen Dorfe selbst lagen, von denen aber nicht anzunehmen war, daß sie so früh einen Streifzug durch das südlichere Land antreten würden.

Das Glück wollte dem umsichtigen Waldemar auch hier wohl. Er fand einen verständigen Landmann, der sich mit Hand und Mund verpflichtete, den Kranken sicher an Ort und Stelle zu führen, wenn er sich dazu verstehen wolle, auf einem Strohwagen Platz zu nehmen. Da das Haus dieses Landmanns sicher und abgelegen genug war, so hielt man es für geraten, Magnus so lange darin ruhen zu lassen, bis die Belastung des Bootes erfolgt wäre, und so befand er sich in weniger als einer halben Stunde unter Dach und Fach. Jetzt aber ging Waldemar rüstig an sein ihm obliegendes Geschäft. Er suchte den Ortsvorsteher auf, und wies ihm seinen schriftlichen Befehl vor. Der Vorsteher, etwas widerhaarig wie alle seine Landsleute, wo es sich um die Erfüllung französischer Befehle handelte, brummte und fluchte; als Waldemar ihm aber vorstellte, daß er selbst kein Franzose sei, wie er sehe, und daß er nur notgedrungen die Befehle eines Mannes, der einmal zu befehlen habe, ausführe, beschwichtigte sich der Zorn desselben und versprach, zu liefern, was in seinen Kräften stehe, aber so rasch werde es nicht gehen, wie der junge Herr erwarte.

Damit war Waldemar auch vollkommen zufrieden, zumal er durchaus keine Eile hatte und erst in der nächsten Nacht in Spyker eintreffen wollte. Er kehrte daher in das Haus des Bauers zurück, in dem Magnus verweilte, und bat diesen, geduldig auszuharren, was er auch verhieß, da er bereits wußte, daß er vor Mitternacht nicht in seine Heimat eintreten könne.

Nachdem man ein wohlverdientes Frühstück eingenommen, ging Waldemar wieder zu dem Getreidelieferanten, fand aber das Geschäft noch sehr wenig gefördert. Erst nach Mittag traf man Anstalten, den Hafer aus der Umgegend herbeizuschaffen, und so wurde es sieben Uhr abends, bis er auf das Boot verladen war. Jetzt betrieb Waldemar zuerst die Abfahrt seines Freundes, und als er ihn, wohl in Stroh verpackt, auf dem schmalen Landwege langsam nach Osten fahren sah, stieg er in sein Boot und steuerte es der Wittower Fähre zu. Etwa um acht Uhr langten sie daselbst an, wurden gehörig untersucht und bald darauf wieder entlassen. Jetzt, bei stärker gewordenem Winde, der den Tag über ziemlich geruht hatte, segelte man in den herrlichen Abend hinein, der sich über Land und Wasser senkte, fuhr ungehindert an der Camminer Fähre vorbei und segelte etwas nordwärts, um an der bezeichneten Stelle im Breeger Bodden den Bauer mit seiner Strohfuhre zu treffen. Er hatte Wort gehalten und seine kostbare Fracht glücklich an Ort und Stelle gebracht. Bereits wartete er auf das Boot, denn sein Weg war der kürzere gewesen. Waldemars Uhr zeigte einige Minuten nach neun, als er Magnus zwischen den Hafersäcken wohl gebettet sah, und nachdem er den Bauer freigebig belohnt hatte, nahm er zum letzten Mal seine Stelle am Steuerruder ein, um dem Spykerschen See entgegenzufahren.

Langsam glitt das schwerbeladene Boot auf den immer stiller und glätter werdenden Fluten dahin; ein leichter Dust, der von der See aufstieg, schwebte allmählich empor und lagerte sich über die vorspringenden, bald spitz ausgezackten, bald wellenförmig gestalteten Ufer, ohne sie ganz zu verhüllen, wodurch sie nur noch schöner erschienen. In malerischen Umrissen ragten so die grünen Gestade wie durch einen Schleier hervor, wenn man das Auge zur Rechten auf die Küste von Rügen wandte, während zur Linken das eintönige Ufer der Schabe, hie und da mit säuselndem Schilfe oder mit braungrünem Riedgras bedeckt, in denen Dommeln und Kraniche ihr Wesen trieben, oft so tief in das Wasser sank, daß man über den schmalen Landstrich hinweg weit auf die schwellende See hinausblicken konnte.

Da der Wind wieder sehr schwach geworden war, so hatten die beiden Diener, die als Schiffer tätig waren, ihre Riemen zur Hand genommen und tauchten sie in regelmäßig abgemessenem Schlage in das ruhig fließende Wasser, wodurch ein sanftes Plätschern entstand, das in der Abendstille so lieblich lautet. Außer diesem sanften Geräusch aber und einem dann und wann ausgestoßenen Ächzen eines auffliegenden Vogels war nichts zu hören; vollkommenes Schweigen hüllte die dämmernde Erde und das ruhig wallende Gewässer ein, dessen helle Oberfläche allmählich mit den Schatten der Nacht bedeckt wurde.

Waldemar saß unbeweglich am Steuer; von Zeit zu Zeit richtete er einen Blick auf die matt geschwellten Segel, sonst sah er träumerisch vor sich nieder, nur plötzlich stets aus seinem Sinnen auffahrend, wenn eine hör- oder sichtbare Bewegung des schlummernden Freundes ihn befürchten ließ, daß der Schmerz in der Wunde wiederkehre, über den er im Laufe des Tages mehrfach geklagt, da der Arm seiner gewohnten Ruhe und die Wunde selbst der Mittel entbehrte, welche ihr bis jetzt Linderung verschafft hatten. Anderthalb Stunden etwa mochte der Kranke so ziemlich ruhig gelegen haben; als man sich aber der bewaldeten Hügelecke am Ausgange der Schabe näherte, wo die Halbinsel Jasmund ihr bewipfeltes Haupt erhebt, da scheuchte ihn der Gedanke, daß er nun bald in der Heimat sei, aus seiner Ruhe; er richtete sich auf seinen gesunden Arm empor, blickte rings um und rief dann seinen Freund bei Namen.

»Waldemar,« sagte er, »wo sind wir?« Ist das schon Jasmund?«

»Ja, du siehst es vor dir.«

»Gott sei Dank, es wird auch Zeit! O, wie schön die Wälder da in dem milden Abendlichte vor uns aufsteigen, wie die spielende Welle so sanft an die Ufer schlägt – o Waldemar, laß mich Gylfe ihrer würdig finden, wie ihr Bild so lieblich in meiner Seele steht, und du sollst einen glücklichen Menschen in mir sehen, der nicht klagen, nicht unzufrieden sein und die Zukunft nur mit klarem Auge betrachten will.«

Waldemar hatte keine Antwort, nur seufzte er, aber so leise wie möglich, um den armen Freund nicht noch mehr aufzuregen.

»Was meinst du,« fuhr Magnus fort, »wird sie mir, wenn ich mich ihr entdecke, nach Schweden folgen?«

»Willst du denn nach Schweden?« fragte Waldemar erstaunt, da es das erste Mal war, daß er diese Andeutung aus des Freundes Munde vernahm.

»Ja, ich habe es mir in diesen Tagen überlegt, wo ich Zeit genug hatte, über mich und meine Verhältnisse nachzudenken. Wenn Gylfe mir folgt, gehe ich bald dahin, ich bin des ewigen und unnützen Kämpfens überdrüssig, wo man keinen Erfolg vor sich sieht, und vielleicht entgehe ich so meinem Schicksal.«

»Dem entgeht kein Mensch, hast du mir oft gesagt.«

»Das sage ich auch noch, – nur meine ich, die düsteren Bilder, die mich seit einiger Zeit verfolgen und die sich – ich weiß nicht, wie es kommt – alle hier um diese Orte zusammendrängen, als erwarte mich hier die Erfüllung meines Schicksals, werden in die See sinken, wenn ich nach Schweden zu meinem Vater gehe.«

»O, ich denke, du hattest eine so große Sehnsucht nach dieser deiner Heimat?«

»Die hatte ich wirklich und habe sie auch noch. Aber ach, Waldemar, laß mich dir es bekennen, ich fühle jetzt den Drang dazu: meine Heimat heißt Gylfe, nur wo sie ist und mit mir ist, bin ich zu Hause.«

»Eine traurige Heimat!« dachte Waldemar, ohne jedoch seinen Gedanken laut zu äußern.

»Kannst du dir meine Gefühle in dieser Richtung vorstellen, Waldemar?« fragte Magnus weiter.

»Warum nicht, ach ja! Es muß ein schönes, herrliches Gefühl sein –«

»Schöner und herrlicher, als du es dir denkst, aber –«

»Was aber?«

»Aber um so bitterer, wenn ich darin getäuscht werden sollte.«

»Das warte nur ab, du siehst sie ja bald.«

»Ich werde sie nicht so bald sehen, wenigstens nicht in der Nahe, denn ich will erst beobachten, ob ihre Liebe und Sehnsucht nach mir in ihrem Benehmen sich ausspricht – warum schaust du so scharf dort hinüber?«

»Wir kommen jetzt an die große Wedde – da liegen die kleinen Inseln schon. O, sieh den Sternenhimmel darüber! Ist es nicht, als ob die kleinen und doch so hellfunkelnden Lichtpunkte auch wie kleine Inseln auf dem großen blauen Äthermeere schwimmen?«

»Ha, ja, du hast recht! Da ist er, der Stern, der alle Nächte über meines Vaters Hause stand, als wir noch Kinder waren – weißt du es noch? Ach, die Sterne des Himmels verändern sich nicht, aber die Kinder der Erde – sie ändern sich sehr.«

»Ich bin mit meiner Veränderung zufrieden,« sagte Waldemar dankbar und mit fester Stimme, »denn ich fühle, daß ich ein Mann geworden bin, und das ist auch ein schönes Gefühl, Magnus.«

»Du hast wohl recht, ich glaube es dir. Ach! wenn ich deinen guten Glauben an die Welt und die Menschen hätte!«

»Gib ihn dir selber, das ist ein eines Mannes würdiges Werk.«

»Das ist leicht gesagt; der Glaube aber wird mit den Gefühlen – denn er ist das schönste, untrüglichste Gefühl – in der Brust des Menschen geboren. Was nicht mit ihm geboren wird, das kann er sich nie geben, selbst wenn er den besten Willen dazu hätte.«

»Wenn das richtig ist, so hat der Mensch nur einen schwachen Willen, und das will ich nicht glauben. – Mann, du da vorn, ziehe das Stagsegel ein, es nützt nichts mehr, der Wind geht darüber fort, wir fahren zu tief unterhalb der Waldhöhe – so, nun vorwärts – da taucht schon der Park von Spyker in der Ferne auf.«

»Wo, wo ist er?« rief Magnus und richtete sich mit einiger Mühe in die Höhe.

»Da, dort – siehst du ihn?«

»Ja, ja, ich sehe sogar ein Licht durch die Bäume schimmern.«

»Das, brennt in, des wackeren Ahlströms Zimmer und gibt das Zeichen, daß er auf seinem Posten steht. Du wirst aber eine Strecke Weges mit mir zu gehen haben – fühlst du dich kräftig genug dazu?«

»Ja, mir wachsen die Kräfte in der Nähe meines väterlichen Herdes wie einst dem Giganten Antacos, obgleich ich weit davon entfernt bin, seine Urkraft zu besitzen.«

»Wollen wir nicht an der gewöhnlichen Landungsstelle anlegen?« fragte der Mann, der Waldemar zunächst saß da er sah, daß dieser den Schiffsschnabel in einem weiten Bogen daran herumlenkte.

»Nein, wir legen unter der alten Weide am jenseitigen Ufer an. Da steigen wir beide aus und verlassen Euch. Ihr aber erwartet meine Rückkehr, selbst wenn sie sich bis zum Anbruch des Tages verzögern sollte.«

Wenige Minuten später war man zu der bezeichneten Weide gelangt, in deren Nähe der gewöhnliche Badeplatz des Gutes lag. Man konnte hier dicht an ein kleines Bohlenwerk anlegen, welches weit in den. See hinaus aufgeschlagen war. Waldemar half Magnus von seinem Lager sich erheben und verschwand mit ihm bald in den Schatten der Bäume, die hier das Ufer dicht umkränzten. Auf engen Pfaden, die ihm alle genau bekannt waren, schritt er nun mit seinem Freunde, den er mit starkem Arme mächtig unterstützte, durch den Park, bis sie in eine düstere Waldung Diese Waldung ist seit langen Jahren in der bezeichneten Gegend verschwunden, da alles Land ringsum urbar gemacht ist und Kornfelder weit und breit bis nach den umliegenden Dörfern sich erstrecken. Nur der Park von Spyker zeigt noch jetzt seine alten Bäume. gelangten, die dicht am Parke begann und zu der verfallenen Ruine führte, innerhalb deren die Mündung des Ganges lag, den man vor langer Zeit tunnelartig durch einen hügeligen und bis an, das Schloß reichenden Waldvorsprung gegraben hatte.

»Der alte Wrangel, mein guter Großohm, hat sicher nicht gedacht,« sagte Magnus auf diesem Wege leise, »daß er einem seiner Enkel mit diesem Gange einen so großen Dienst leisten würde.«

»Und doch wohl,« erwiderte Waldemar, vorsichtig seine mächtige Stimme dämpfend. »Er hat dies Schloß nach einem langen Kriege erbaut und gewiß aus der Erfahrung gelernt, wie ein tüchtiger Feldherr auch an einen sicheren Rückzug denken muß, wenn er in der Front von einem überlegenen Feinde belagert wird. Und wie bedachtsam hat er gerade diese Richtung gewählt und den bewaldeten Hügel benutzt. Sieh, wie dicht hier das Gestrüpp wird!«

In der Tat schritt man letzt durch ein so dichtes Gewirr von Zweigen und verschlungenem Gebüsch, daß man nur selten den sternenbesäeten Nachthimmel darüber wahrnehmen konnte. Nur ein mit der Gegend genau vertrauter Wandrer konnte sich aus diesem Pfade, der eigentlich kein Pfad mehr war, zurecht finden. Weiches, fast einen Fuß dickes Moos wucherte üppig auf dem feuchten Boden, den das fallende Laub jedes Herbstes mit einem noch dichteren Teppich überzog.

»Halt,« sagte Waldemar, »dort kommt die Lichtung, wir sind an die Grenze des Totenfeldes von Quoltitz gelangt. Hier an dieser Blutbuche wendet sich der Weg – richtig, da ist er. Jetzt kommen wir in den Ruinenkessel, der in seinem Hintergrunde die alte Tür verbirgt.«

Waldemar ließ den Arm seines Freundes los und arbeitete sich kräftig durch das widerstrebende dichte Gebüsch. Magnus folgte ihm, so rasch er vermochte, auf dem Fuße nach. Endlich hatte sich ersterer Bahn gebrochen und tastete an einer Berglehne herum, die mit leichtem Geröll loser Steine und einem Haufen halb vermoderter Blätter bedeckt war.

»Ich habe sie,« sagte er flüsternd. »Nun muß ich meinen Schlüssel hervorsuchen.«

Einen Augenblick darauf knirschte der alte Schlüssel in dem verrosteten Schlosse und bewegte den schweren Riegel. Mit ganzer Macht stemmte sich Waldemar dagegen, und siehe, sie gab seiner Kraft nach und tat sich laut ächzend nach innen auf. In der Tiefe des hohlen Raumes, der zuerst sichtbar ward, herrschte eine undurchdringliche Finsternis, aber so war es mit dem Kastellan verabredet, um das verräterische Auge eines immer möglichen Spähers nicht durch einen Lichtschein anzulocken. Waldemar drehte sich um und ergriff die Rechte seines Freundes. »Komm,« sagte er, »ich stehe schon auf den gepflasterten Steinen, die Laterne finden wir in der ersten Nische, wenn wir um die Ecke dort gebogen sind.«

Magnus trat ihm nach und atmete bald die feuchte, dunstige Luft des lange verschlossenen Ganges ein. Hinter ihm schob Waldemar sogleich einen eisernen Riegel vor und nun wußte er sich vor allen Nachforschungen geborgen. Wenige Schritte brauchten sie nur durch die Finsternis vorzudringen, dann gelangten sie an eine stumpfwinklige Biegung des Gemäuers und gleich darauf sahen sie den falben Schein eines Lichtes das unheimliche Düster des Orts erleuchten.

Der Kastellan hatte Wort gehalten und alles ausgeführt, was er mit Waldemar verabredet. Als dieser die Laterne ergriffen und damit in den langen schmalen Gang hineingeleuchtet hatte, stand er plötzlich still, sein Atem stockte, denn er glaubte ein auf sie zukommendes Geräusch vernommen zu haben. Aber er sollte nicht lange in der unangenehmen Spannung verharren. Ein flackerndes Windlicht in der Hand haltend, trat ihnen der alte treue Diener der Brahes entgegen, und als er ihnen ganz nahe gekommen, warf er sich, laut aufschreiend vor Freude, dem Sohne seines Gebieters zu Füßen, umklammerte seine Knie und hieß ihn tausendmal willkommen. Magnus aber, das bleiche Gesicht von einem Freudenstrahl übergossen, hob ihn zu sich empor und drückte ihn fest und innig an seine Brust.

»So,« sagte Waldemar, nachdem er einige Augenblicke mit Rührung dieser Begrüßung beigewohnt, »ich habe meine Pflicht getan. Guten Abend, Ahlström, da sind wir. Nun überlasse ich Euch das übrige, Ihr werdet ja wohl an alles gedacht haben.«

»An alles, an alles, mein braver Junge. Da, nehmen Sie meinen Arm, Herr Graf, wir werden bald an einem behaglicheren Orte sein.«

»Es wird auch Zeit, Ahlström, ich leide starke Schmerzen.«

»Gute Nacht,« sagte Waldemar und reichte dem Freunde die Hand. »Bis morgen! Ich gehe zu dem Boote zurück und bringe meine Fracht den französischen Herren, wie es mir aufgetragen ist.«

»Gute Nacht, gute Nacht!« riefen die beiden und hatten sich schon von Waldemar entfernt, der ihnen noch eine Weile freudig nachblickte, bevor er den Rückweg antrat, der von keinem Lichte mehr erleuchtet war, da der Kastellan, nachdem er seine Leuchte verlöscht, auch die Laterne mit sich genommen hatte.

An den feuchten Wänden vorsichtig entlang tappend, gelangte er bald zur Biegung des Ganges, riegelte die Tür wieder auf, trat ins Freie hinaus, verschloß sie, wühlte die Blätterfülle davor wieder auf und trat dann langsam den Rückweg durch den Wald, den Park, bis zur Weide an, wo er die Diener im Boote seiner harrend fand. Der Spiegel des weiten Sees lag in ruhiger Nachtklarheit da, die Sterne funkelten nur noch matt am Himmel, denn bereits brach der neue Morgen an, so viel Zeit hatte der Weg nach dem verschlossenen Gange, der Aufenthalt darin und der Rückweg in Anspruch genommen.

»Übereilen wir uns nicht,« sagte Waldemar zu den treuen Leuten, die jedem seiner Befehle die größte Aufmerksamkeit schenkten, »wir haben Zeit genug, von unserm langen Wachen auszuschlafen. So, nun rudert langsam nach dem Landungsplatz am Schlosse, wir haben unsre Pflicht erfüllt und den Herren Franzosen Futter für ihre Pferde geholt. Ob die Menschen auch Nahrung an unsrer Fracht finden, wird die Folge lehren.«

Nach einiger Zeit langte man an dem bezeichneten Punkte an. Waldemar verursachte absichtlich einiges Geräusch, indem er laut zu seinen Leuten sprach und mit den Ketten rasselte, die das Boot an sein Pfahlwerk schlossen. Die Absicht, die er damit verband, wurde auch erreicht, denn es dauerte nicht lange, so kam die Schildwache vom Schlosse her, trat an das Ufer herab und rief den drei Männern ihr »Qui vive?« entgegen.

»Georg Forst!« lautete die kräftig gesprochene Antwort. »Wir bringen den Hafer aus Wittow und überlassen ihn Eurer Aufsicht bis zum Morgen. Dann können ihn Eure Leute in die Scheunen tragen, wir sind ermüdet, denn wir haben zwei Nächte nicht geschlafen.«

Als die Schildwache die beiden ihr bekannten Diener sah, war sie befriedigt, geleitete Waldemar an das Schloß und öffnete ihm auf sein Geheiß die Tür. Ohne sich weiter aufzuhalten, ging er dann in sein Zimmer, und seine Kleider rasch abwerfend, legte er sich zu Bett, um die Ruhe, die er so wohl verdient, zu genießen, da er den Kastellan erst in späterer Morgenstunde zur Berichterstattung erwartete.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.