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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 12
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
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Elftes Kapitel.

Der dänische Steuermann.

Es waren die späteren Abendstunden gekommen. Der Sturm, der am Nachmittag draußen getobt, war zur Ruhe gegangen, bald nachdem er sein Opfer verschlungen hatte; nur die Menschen, die an den geschilderten Vorgängen teilgenommen, konnten sich noch nicht ganz beruhigen, und wie das Meer seine Deining hat, große schwerwogende Wellen, die noch lange nach dem Sturm auf und nieder fluten, ehe sie zur Spiegelfläche zurückkehren, so hatten auch die Herzen jener – ein nicht weniger den Stürmen des Lebens preisgegebenes Meer – ihre lange nachhallenden Regungen, die oft schmerzlicher und gefährlicher als der Sturm selber sind.

Waldemar hatte, sobald er nach Hause gekommen war, Magnus aufgesucht, um ihm sein Erlebnis und den bedeutungsvollen Umstand mitzuteilen, daß er einem Feinde das Leben gerettet habe, der das seinige zu gefährden jeden Augenblick die Macht besaß. Er gab daher den Entschluß zu erkennen, daß er, um sich vor allen möglichen Folgen jenes Verrates zu schützen, diese Nacht seines Freundes Zimmer teilen und am nächsten Tage oder in der Nacht schon Spyker verlassen werde, das ihm nun keinen sicheren Aufenthalt mehr bot. Zugleich wollte er noch einmal versuchen, Magnus zu überreden, der Teilnehmer seiner Flucht zu sein, was ihm, wie er glaubte, nicht eben sehr leicht werden würde. Aber wie erstaunte er, als er den Grafen durchaus dazu geneigt fand und auf Befragen nach der Ursache dieses so unvorausgesehenen Gesinnungswechsels die offenherzige Mitteilung der stattgefundenen Unterredung mit Gylfe vernahm. Magnus verhehlte ihm gar nichts, sogar nicht die Empfindungen seines aufs tiefste verwundeten Herzens und zwar schilderte er die ganze unnütze Bemühung seinerseits und die daraus hervorgegangenen Folgen mit solcher ergebungsvollen Ruhe, daß Waldemar aufrichtig an das Aufgeben seiner unglücklichen Neigung zu glauben anfing und kaum seine Freude zurückhalten konnte, daß die Leidensgeschichte seines Herzens ein so rasches Ende genommen habe. Als Magnus daher ausgesprochen, verhielt sich Waldemar schweigend, nur reichte er dem Trauernden die Hand, was nichts anderes bedeuten konnte, als daß er ihm für seine Aufrichtigkeit danke und daß er, geneigt, sich fernerhin ganz seinen Entschließungen hinzugeben, jeden Augenblick bereit sei, mit ihm einen Ort zu verlassen, der nun beiden weder die Sicherheit, noch die Annehmlichkeit verhieß, die sie früher von ihm erwartet hatten. Endlich aber kamen sie dahin überein, erst in der folgenden Nacht von Spyker aufzubrechen, da Magnus mit Ahlström noch einige Verabredungen für die Zukunft zu treffen hatte, die wohl der Überlegung Wert waren und je nach der Lage der Dinge einer wiederholten Prüfung bedurften.

Während die beiden jungen Männer auf diese Weise den Abend verstreichen sahen und die Nacht allmählich über Spyker herabsank, wurde in einem andern Zimmer desselben eine zweite Unterredung abgehalten, die nicht so befriedigend für die Beteiligten endete und durch einen Vorfall unterbrochen wurde, den kein Mensch im ganzen Schlosse hatte voraussehn können.

Bald nachdem Kapitän Caillard von seinem Ausfluge an den Strand zurückgekehrt war, schickte er zu der Dame des Hauses und ließ anfragen, ob sie geneigt sei, ihn bei sich zu empfangen. Gylfe, von dem kürzlich Vorgefallenen noch bis ins Mark erschüttert und nirgends ein Milderungsmittel sehend, als in der Betäubung ihres Herzens durch aufregendere Gefühle, nahm des Kapitäns Besuch an und Gysela erhielt wie gewöhnlich die Weisung, die dritte Person in der Gesellschaft abzugeben, was indessen nur der Form wegen geschah, denn Gysela, die bei dergleichen stets in französischer Sprache abgehaltenen Abendunterhaltungen sich höchlichst langweilte, saß in der Regel an einem Nebentische, mit einem Buche oder einer Arbeit beschäftigt, die ihre Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nahm, als die beiden Hauptpersonen, deren überspanntes Geschwätz sie doch nicht verstand.

Sie kam also auch diesen Abend mit einer Stickerei zu Gylfe, um ihren gewöhnlichen Platz in derselben Ecke einzunehmen, durch die kurz vorher die Vision, die der Bewohnerin des Zimmers vorgeschwebt, entwichen war. Sie staunte über Gylfes Aussehen, als sie bei ihr eintrat und ihr einen guten Abend bot, denn sie fand sie über die Maßen erhitzt und aufgeregt und von einem nervösen Zucken um Lippen und Augen befallen, was ihrer Schönheit eben keinen höheren Glanz verlieh.

»Sie sind krank, Fräulein?« fragte Gysela teilnehmend und näherte sich forschend der jungen Dame, die sich absichtlich so weit wie möglich vom Lichte hielt, welches bereits das Zimmer erleuchtete.

»Nein!« erwiderte Gylfe mit einem auffallend rauhen Tone, der ihr sonst nicht eigen war. »Frage mich nicht und laß mich in Ruhe, ich habe zu denken und werde bald damit zustande gekommen sein.«

Gysela nahm ihren Platz in der Zimmerecke vor einem Tischchen ein, das sie selbst dahin trug, holte ihre Arbeit hervor und vertiefte sich bald darin. Gylfe dagegen bemühte sich, mit ihren Gedanken zustande zu kommen, wie sie sagte, und lief mit eigentümlich heftigen Schritten auf und nieder, bald mit bittrer Hast in den Erlebnissen ihrer Jugend wühlend, bald die Zukunft mit schillernden Farben ausmalend, die ihr, sie wußte nicht wie es kam, plötzlich etwas verblichener erschienen. Diesem unbehaglichen Zustande machte der Eintritt des Kapitäns ein Ende, der, geschmückt und duftend wie immer, wenn er zur Dame seines Herzens kam, ihr mit gewöhnlicher Galanterie die Hand küßte und sie auf ihren Platz am Kamin führte, wo zwei Sessel nicht weit voneinander aufgestellt waren.

Wunderbar, höchst wunderbar! Der Mann, dem Gylfe kurz vorher noch das höchste Lob gespendet, den sie vor allen Männern bis in den Himmel erhoben, den sie als den Leitstern in allen Nöten ihres Lebens geschildert hatte – er machte an diesem Abend nicht den vorteilhaften Eindruck auf sie wie sonst, und die Erquickung, die sie sich von seiner Anwesenheit versprochen hatte, wollte sich diesmal nicht so bald einstellen. Mochte das nun daher kommen, daß der Kapitän heute nicht von sich, sondern von dem edelmütigen Benehmen des jungen Seemanns Georg Forst sprach, dessen Handlungsweise er in allen Einzelheiten berichtete, oder kam es daher, daß Gylfe etwas ganz besonders Süßes und Schmachtendes von ihm erwartet hatte und also in ihren Hoffnungen getäuscht war. Möglich, daß beides der Fall, aber die Wirkung war sichtbar, und als der Kapitän sie bemerkte, fühlte er sich selbst etwas verletzt, als ob die geringe Aufmerksamkeit, die Gylfe seiner Erzählung schenkte, seine eigene Person beträfe. So kam es denn, daß das in früheren Tagen zwischen beiden so laut und scherzhaft geführte Gespräch mehrmals stockte und am Ende beinahe ganz aufhörte, so daß sogar Gysela ihren glänzenden Kopf nach dem seltsamen Paare umwandte, etwa wie man auf eine stillstehende Uhr blickt, an deren alltägliches Tiktak man gewöhnt ist und die nun durch ihr plötzliches Schweigen uns in Unruhe versetzt.

Der gewandte Franzose, der mehrmals einen frischen Anlauf genommen hatte, um die junge Dame angenehm zu unterhalten und ihr ein warmes Interesse für das Erlebte einzuflößen, erstaunte endlich selbst über dieses seltsame Schweigen und erst jetzt wandte er sein Auge mit schärferer Aufmerksamkeit auf ihr Antlitz hin. Da sah er denn allerdings, daß dasselbe nicht in der gewöhnlichen heiteren Verklärung glänzte, sondern daß vielmehr eine ungewöhnliche Erregung ihre Miene trübte und ihr ganzes Wesen gleichsam verschleierte. Von einer falschen Idee geleitet, sann er nach, was wohl die üble Laune des schönen Fräuleins veranlaßt haben könne, und plötzlich fiel ihm ein, daß sein Gespräch selbst diese Wirkung gehabt haben möge.

»Sie verzeihen,« sagte er höflich, »ich sehe, daß ich Sie langweile, aber warum spreche ich auch stundenlang von diesem Menschen, der keine Bedeutung für Sie haben kann. Oder sollte irgend ein Grund vorhanden sein, weshalb sie an seinem Schicksal einen höheren oder geringeren Anteil nähmen, als ich vermute?«

»Der Herr, von dem Sie reden, ist mir ziemlich gleichgültig,« erwiderte Gylfe verlegen und errötete auffallend, da sie das Gespräch aus natürlichen Gründen ungern auf Waldemar gebracht und solange auf einen Punkt gefesselt sah.

»Aber wie denn – was meinen Sie denn?« fuhr der Kapitän fort, »ich rede ja von keinem Herrn, sondern von dem Seemann, der um der Schwester des jungen Mädchens willen dort in diesem Hause seine Wohnung aufgeschlagen hat.«

Gylfe erschrak. Ihre Zerstreutheit hatte sie verleitet, nicht auf ihre Worte acht zu geben, was, einem scharfen Beobachter und Diplomaten gegenüber, schon oft zu unliebsamen Enthüllungen geführt hat. Um daher den schlimmen Eindruck, den sie hervorgebracht, zu verwischen, wollte sie eine rasche erklärende Antwort geben, fiel aber durch ihre Hast nur noch tiefer in den Fehler, den sie hatte verbessern wollen.

»Ah, ich verstehe wohl,« sagte sie. »Aber der junge Mann ist ein sehr liebenswürdiger Mensch, und ich wundere mich, daß Alheid Ahlström so viel Zeit gebraucht, um seinen Wünschen Erhörung zu schenken.«

Der heißblütige Franzose fing Feuer bei diesen unklugen Worten. »Unter Umständen,« sagte er mit spitzem Tone, »würde er bei Ihnen wohl nicht so viel Zeit gebraucht haben, um zum Ziele zu gelangen?«

»Was denken Sie von mir, mein Herr!« fuhr nun auch die von einem Extrem ins andere geratende Gylfe fort. »Haben Sie Grund zu glauben, daß es möglich wäre, daß dieser – dieser Georg Forst den geringsten Eindruck auf mein Herz hervorbringen könnte?«

Diese, mit noch größerer, fast überstürzender Hast gesprochene Frage, eine Hast, welche die alleinige Folge der Gemütserregung Gylfes war, reizte den Kapitän noch weit mehr, als es das Wort »Herr« und die darauf folgende Bemerkung getan. Er wollte eben etwas Beißendes erwidern, als sein Ohr einen lauten Ruf unter dem Fenster auffing, der von der Schildwache ausging, die vor der Tür des Schlosses aufgestellt war.

» Qui vive?« rief diese einen Ankommenden an, der nicht zu den Bewohnern von Spyker zu gehören schien.

Auf diesen Anruf antwortete eine fremde Stimme einige Worte, die der Kapitän nicht verstehen konnte, worauf er indessen sogleich einen verwunderungsvollen Fluch aus dem Munde derselben Schildwache vernahm.

Darauf trat eine Pause in der Unterhaltung im Freien ein, aber die Haustür ward rasch geöffnet, eilige Schritte ließen sich auf dem unteren Korridor vernehmen, und dann folgten wieder schnarrende Flüche, die auch der unterdes herbeigekommene Kastellan mit einigen lauten Worten begleitete.

»Was gibt's da?« fragte der Kapitän und trat horchend an die Tür, die nach der großen Treppe führte.

»Gysela, geh hinab und sieh, was es ist!« gebot Gylfe, und Gysela tat auf der Stelle, wie ihr befohlen war und ging auf den Korridor hinaus.

Es verstrichen einige Augenblicke, nicht ohne Spannung für die im Zimmer Gebliebenen, dann aber wurden heftige Stimmen auf der Treppe laut und der Kapitän unterschied deutlich das mit Flüchen untermischte Toben und Wettern der Schildwache, die mit ihrer französischen Lebhaftigkeit eine natürliche Kraft der Lungen verband.

Der Kapitän, beunruhigt und neugierig zugleich, was es denn so Eiliges und Wichtiges in der späten Abendstunde gebe, trat zur Tür und wollte sie eben öffnen, als draußen heftig angepocht wurde.

Der Kapitän öffnete sie und sah seine zürnende Schildwache mit gezogenem Säbel davor stehen, einen Mann am Rockkragen haltend, den man seiner Kleidung nach für einen Seemann halten mußte und der eine ganz verblüffte Miene zeigte, daß ihm hier ein so unerwarteter Empfang zuteil wurde.

» Monsieur le Capitaine,« entschuldigte sich die Schildwache, »ich bitte um Verzeihung, daß ich meinen Posten verlasse und Sie in diesem Zimmer aufsuche, aber die Sache ist von Wichtigkeit und ich möchte mir nicht gern den Ruhm nehmen lassen, der erste zu sein, der sie meldet.«

»Was gibt's denn, vite, vite!« rief der Kapitän mit herbem Befehlshaberton.

»Hier ist ein Mann von dem gestrandeten Schiff. Er sagt, er sei Steuermann, und fragt bei mir an, ob er Herrn Waldemar Granzow sprechen könnte, dem er für die geleistete Hilfe danken wolle.«

»Höll' und Teufel!« donnerte der Kapitän, der in seinem Eifer ganz vergaß, daß er im Zimmer der Dame des Hauses zu Gaste war. »Herein, Kerl, geschwind! Und bringt Euer Gesuch noch einmal bei mir selber an.«

»Sehr gern, Kapitän,« erwiderte der Seemann bescheiden, der gar nicht ahnte, warum man ihn hier mit solchem Gelärm empfing, »aber es ist nur ein einfaches Gesuch, was ich vorzubringen habe, und wenn ich gewußt hätte, daß man hier abends so ungnädig empfangen wird, so wäre ich erst morgen am Tage gekommen.«

»Heraus mit Eurem Gesuch, ich schnappe danach, wie ein Fisch nach Luft.«

»Ich bin der zweite Steuermann des gestrandeten Schoners, Herr Kapitän. Der Mann, der mich und meine elf Kameraden gerettet hat und dem ich am Strande meinen Dank nicht sagen konnte, weil er sich zu rasch mit Ihnen entfernte, wohnt, wie ich von Ihren Reitern hörte, hier im Schlosse, und so kam ich hierher, um gut zu machen, was ich in der Not und dem Drang der Umstände versäumt habe.«

»Welchen Mann meint Ihr?«

»Denselben, der das Rettungsboot steuerte und dann in Ihrer Gesellschaft davonritt – Herrn Waldemar Granzow aus Sassnitz, Herr Kapitän.«

»Höll' und Teufel!« donnerte dieser noch lauter. »Foppt Ihr mich oder hat der Sturmwind Eure Zunge entfesselt? Sagt Ihr Waldemar Granzow aus Sassnitz mit Bedacht, oder versprecht Ihr Euch?«

»Warum sollt' ich das nicht mit Bedacht sagen oder mich versprechen, Herr Kapitän?« fragte der Seemann naiv und drehte maschinenmäßig den Hut in den Händen, denn er wurde immer mehr über die eigentümliche Wirkung verlegen, die sein so leicht erklärliches Erscheinen hervorrief.

»Woher wißt Ihr, daß jener Mann der Waldemar Granzow aus Sassnitz ist?«

»Ei, das weiß ich so gewiß, wie daß Kopenhagen auf Seeland liegt! Wir kreuzten vor einem Monat an der deutschen Küste, Herr, und lagen dicht vor der Swine-Mündung, als uns der Befehl zuteil ward, auf ein Boot zu passen, das einen gefährlichen Mann – damals wenigstens schien er noch gefährlich – nach Rügen bringen sollte. Dieser Mann wurde als Waldemar Granzow aus Sassnitz bezeichnet und sollte ein Franzosenhasser, Spion und Aufwiegler sein, weshalb er von allen französischen Gerichten verfolgt und aufgesucht wurde. Wir paßten mehrere Tage und Nächte auf, aber erst am 28. Mai segelte das Boot von Swinemünde ab. Wir stachen dahinter her in See. aber der Wind war uns ungünstig und der Steurer des Bootes schien mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Da wir ihn aber hart bedrängten und den Weg nach Rügen abschnitten, lief er auf der Greifswalder-Oie an und versteckte sich daselbst. So viel wir ihn suchten, er war nicht zu finden, wahrscheinlich weil er dort wie hier überall Freunde und Gesinnungsgenossen hat. Am folgenden Tage nun, kurz vor Ausbruch eines Gewittersturmes erwischte ich selbst den Burschen, als er eben ein für ihn zugerichtetes Lotsenboot nehmen und damit entschlüpfen wollte. Ich dachte ihn zu greifen, aber es gelang nicht; er war stärker und schneller als ich, warf mich zu Boden und sprang in das Boot, das mit ihm davonging, als wäre er der Meister der Winde und Wellen. Unser gutes Schiff aber, es war die Korvette Skiold, auf der ich damals dritter Steuermann war, segelte hinter ihm her, um ihn von der Landung bei Peerd auf Rügen, wohin er steuerte, abzuschneiden, aber wieder kam der Sturm dazwischen und wir durften uns nicht zu nahe an die Küsten wagen, da der Wind stramm aus Osten wehte. So entschlüpfte er uns in der Gegend von Stubbenkammer und erst heute habe ich ihn wiedergesehen und auf der Stelle erkannt, denn Männer von solcher Gestalt und mit solchem Gesicht, auf dem der ganze Trotz ihrer Stärke liegt, vergißt man so leicht nicht, noch dazu, wenn man einmal von ihnen zu Boden geschlagen ist.«

» Mort de ma vie! Aber warum griffet Ihr ihn heute nachmittag nicht?«

Der Steuermann stand vollständig verblüfft vor dem stirnrunzelnden Offizier und sah ihn dumm fragend in die drohenden Augen. »Heute,« sagte er, »wo er mich rettete und in Ihrer Gesellschaft war? Mußte ich nicht denken, daß er wieder Freund mit Ihnen ist, da er wie ein Bruder mit Ihnen davonritt?«

»Bei Gott, Ihr habt recht, aber nun soll er uns nicht mehr entwischen. Allons mon brave, an die Türen, und jeder wird niedergehauen, der entfliehen will. – Halt! Was war das?«

In diesem Augenblick ließ sich ein seltsames Klingeln durch das ganze Schloß vernehmen, wie wenn irgendwo eine stark tönende Glocke angezogen würde, die in allen verlorenen Winkeln und Ecken ihr Echo fand.

Des Kapitäns Auge wurzelte auf Gylfe, die angstvoll auf ihren Stuhl gesunken war und das Gesicht mit den Händen bedeckt hatte, gleichsam als wolle sie nicht hören und sehen, was sich um sie her ereigne. »Madame,« sagte er fast rauh, »haben Sie dies seltsame Glockengeläute gehört? Was war das?«

Gylfe zog ihre Hände vom Gesicht und starrte ihn an, wie man einen Menschen anstarrt, wenn man ihm etwas Schreckliches sagen will oder von ihm zu hören erwartet. »Das ist mir nichts neues, Herr,« erwiderte sie schaudernd, »es ist das Singen und Klingeln, was sich oft nachts im Spukturm hören läßt.«

Der Kapitän schüttelte den Kopf, als zweifle er an der Wahrheit des Gesagten, und doch hatte er Mühe, das abergläubische Grauen zu bemeistern, für das auch er empfänglich war. Plötzlich aber sprang er auf Gylfe zu und sie mit einem durchbohrenden Blick betrachtend, rief er: »Nur eine Frage beantworten Sie mir noch – hat der Mann hier Recht gehabt? Beherbergt das Schloß des Grafen Brahe diesen Verräter Waldemar Granzow?«

Gylfe antwortete noch weniger, als die Gewölbe des Zimmers antworteten, zu denen der laute Schall der dröhnenden Stimme des aufgeregten Kapitäns empordrang.

»Ich befehle eine Antwort!« kreischte er weiter. »Werde ich sie erhalten?«

Gylfe erhob mit einer unnachahmlich stolzen Würde den Kopf, sah ihn groß an und sagte langsam und bitter: »Sie haben mir nichts zu befehlen, Herr Kapitän!«

»So wünsche ich sie!«

Gylfe sprang entsetzt auf und indem sie zu einer Tür schritt, die in ihr Schlafgemach führte, drehte sie noch einmal den Kopf nach dem Franzosen um und sprach mit höhnischem Lächeln über die Schulter: »Ich verlasse mein Zimmer, mein Herr, da Sie darin Ihr Feldherrnlager aufgeschlagen haben. Wenn Sie aber wissen wollen, ob Waldemar Granzow in diesem Schlosse ist, so suchen Sie ihn, und wenn Sie ihn finden, so werden Sie wissen, was Sie zu wissen wünschen

» Peste!« knirschte der Kapitän. »So stehen also die Sachen! Ah, dann wollen wir einmal Französisch mit diesen schwedischen und deutschen Hunden sprechen. En avant, mes braves, en avant! Les diables sont déchainés dans cette maison et c'est à nous, de les enchainer. Courage

Die letzten Worte galten dem Leutnant Challier, der infolge des weithin schallenden Gelärms mit einigen Leuten in das ihm bisher unzugängliche Damenzimmer getreten war. In wenigen Minuten hatte sich das stille Schloß mit Aufruhr und Bewegung gefüllt. Geschrei von allerlei Stimmen durcheinander tönte von Zimmer zu Zimmer. Trepp auf, Trepp ab rasselten die bespornten Reiter, und kein Korridor, keine Nische, kein Winkel blieb unbeachtet. Unterdes aber waren vor die Eingangstüren Wachen gestellt und selbst vor jedem Fenster standen mit in die Höhe gerichteten Augen zwei Reiter, als erwarteten sie, der verfolgte Flüchtling werde jeden Augenblick aus einem derselben herniederspringen. So war das ganze Schloß mit einem Kreise bewaffneter Soldaten umgeben, die es jedermann unmöglich machten, daraus zu entschlüpfen, wenn er es etwa beabsichtigte. Aber so eifrig der Kapitän und seine Getreuen suchten, so aufmerksam sie jede Kammer durchstöberten, jeden Winkel, jedes Möbel beleuchteten – den Gesuchten fanden sie nicht, und es schien, als wäre er durch die Luft entflohen, in die ihm selbst die überall siegreichen Franzosen nicht nachfolgen konnten.

Während dieses Suchen aber in Gang kam und überall Flüche, Zurufe und Befehle laut wurden, war Gylfe wieder in ihr Wohnzimmer getreten, wo sie den außer Acht gelassenen Steuermann noch vorfand, der, in Verzweiflung, wider Willen den Angeber gemacht zu haben, nicht wußte, was er beginnen, wohin er sich wenden sollte.

Gylfe war leichenblaß geworden; widerstreitende Empfindungen zuckten durch ihr Herz, und vergebens arbeitete ihr Gehirn, einen Ausgang aus dem Labyrinthe zu finden, in das sie so ahnungslos an diesem unheilvollen Tage von allen Seiten gestürzt worden war. In diesem Augenblick bemerkte sie den Steuermann, der hin und her trippelnd auf dem Teppich stand und nicht wußte, wie er ungehindert das Zimmer und mit ihm das Schloß verlassen sollte.

»Mann!« rief sie dem Verdutzten zu, »was wollt Ihr hier noch? Dort ist die Tür! Aber halt! Sagt mir erst, – habt Ihr mit Absicht diese Komödie aufgeführt oder hat Euch der Zufall dazu gebracht?«

»Weiß es Gott!« stöhnte der ehrliche Seemann und kratzte sich verlegen hinter den Ohren, »ich bin nicht schuld daran, das will ich beschwören. Ich kam ganz einfach hierher, um dem wackern Kerl, den sie hier suchen, für die Rettung unserer Mannschaft meinen Dank zu sagen. Wenn ich gewußt hätte, wie die Sachen hier stehen und was ich erleben sollte, ich hätte lieber noch einmal Schiffbruch gelitten, als hier einen am Lande angerichtet, wie ich nun leider zu spät sehe.«

»Macht Euch kein Gewissen daraus, mein Freund; Euer Lebensretter wird sich so leicht nicht greifen lassen, dafür stehe ich Euch. Denn vielleicht jetzt schon ist er jenseit jenes Waldes und flieht der Küste zu, wo ihn irgend ein Schiff aufnehmen und in Sicherheit bringen wird.«

Der Steuermann fiel aus einer Verwunderung in die andere. »Wie kommt er denn aus diesem Hause,« fragte er neugierig, »wenn es alle Reiter hier mit ihren Säbeln und Pistolen belagern?«

»Das laßt nicht Eure Sorge sein: aber wahrscheinlich reitet er wie der Sturm durch die Luft, denn das ist auf Spyker nichts neues. Habt Ihr noch niemals von dem Spukturm gehört, in dem die Geister der Verstorbenen umgehen und die, die sie retten wollen, auf den Flügeln des Windes forttragen?«

Dem abergläubischen Seemann klapperten die Zähne vor Grausen, denn das schöne Weib, welches diese Worte mit hohler Stimme zu ihm sprach, sah mit ihrem bleichen Gesicht und den fliegenden Haaren selber wie ein Gespenst aus, das vor seinen Augen den Spuk fortführte, den er selber wider Willen hier in Gang gebracht.

»Jetzt verlaßt dieses Zimmer,« fuhr Gylfe mit ihrer kalten metallenen Stimme fort und streckte gebieterisch die Hand nach der Tür aus.

Der Steuermann, von neuem erschrocken, wankte dahin, wohin der von Ringen blitzende Finger deutete, aber nicht eher verließ er das Gemach, als bis er noch einmal mit gesträubtem Haar sich nach der seltsamen Bewohnerin des Spykerschen Schlosses umgesehen hatte, die so lange die glühenden Augen auf ihn gerichtet hielt, bis er das Zimmer verlassen, worauf er nun zitternd und zagend die Treppe hinunterschlich, um auch da an der Verwirrung und dem Lärm teilzunehmen, den seine unberufene Einmischung heraufbeschworen hatte.

*

Alle Bemühungen aber, den mit hundert Flüchen verwünschten Verräter ausfindig zu machen, waren fruchtlos und selbst Kapitän Caillard sah endlich ein, daß hier andere Mittel in Wirksamkeit sein müßten, die ihn begünstigten, und daß er daher mit Energie zu Werke gehen müsse, um Meister derselben zu werden. Der edle Herr hatte sich mit der Zeit in eine wahre leidenschaftliche Wut hineingearbeitet, und sein Zorn kannte keine Grenzen, als er schließlich zu der Überzeugung gelangte, daß er trotz seiner militärischen Gewalt weniger unumschränkter Herr der Ein- und -Ausgänge des Schlosses gewesen sei, als er von sich die stolze Meinung gehabt hatte.

» Monsieur le Capitaine,« sagte zuletzt Leutnant Challier in streng dienstlicher Haltung, als er vom Durchsuchen des obersten Stockwerks mit einem Teil der Mannschaft zurückkam, »dort oben ist und kann er nicht versteckt sein; unsern Augen ist kein Winkel entgangen. Wenn Sie mir aber gestatten, eine Meinung zu äußern, so glaube ich einen guten Rat erteilen zu können.«

»Welchen guten Rat könnten Sie geben?«

»Wir haben das ganze Schloß durchsucht, das Mittelgebäude sowohl wie die drei Türme dort, denn zu allen von außen sichtbaren Zimmern derselben führten Treppen und Korridore. Einen einzigen Teil des Schlosses aber haben wir nicht untersucht und untersuchen können, und das ist der nordöstliche, der sogenannte Spukturm. Wäre es nicht möglich, daß derselbe verborgene Zimmer enthielte, da keine Treppe wahrzunehmen ist, die hineinführt, und kein Korridor vom Hauptgebäude sich bis dahin erstreckt?«

Der Kapitän horchte lebhaft auf und nickte dann dem erfinderischen Leutnant Beifall zu. »Sie haben recht,« sagte er, »der Turm muß verborgene Zimmer haben, und darin allein kann sich der Bursche versteckt halten. Eh bien! Gehen wir zu dem Herrn Kastellan, oder vielmehr rufen wir ihn hierher – vorwärts! Man vollstrecke meine Befehle!«

Es dauerte nicht lange, so führten zwei Mann den alten Ahlström herbei, der wohl voraussehen mochte, welche ernsthafte Stunde ihm bevorstand, denn er schritt sehr langsam und bedächtig heran, seine gefaßte Miene jedoch verriet, daß er über seine Handlungsweise vollkommen klar und zu allem entschlossen sei.

» Eh bien, Monsieur!« begann der Kapitän das Verhör, »da sind wir an eine Klippe gelangt, und Sie, alter Mann, den ich bisher in seiner Freiheit zu schalten und zu walten unangetastet gelassen habe, werden wohltun, dieselbe zu vermeiden, ehe sie Ihnen den Untergang bereitet. Sie wissen ohne Zweifel, wen wir in dieser Gegend so lange vergeblich gesucht haben?«

»Ich habe es gehört!« lautete die bescheiden aber fest gesprochene Antwort.

»Wußten Sie von der Anwesenheit des Waldemar Granzow in diesem Schlosse?«

»Es würde mir nicht schwer werden, diese Frage zu verneinen, Herr Kapitän, aber in meinem Alter und in meinen Verhältnissen spricht ein ehrlicher Mann keine Lüge mehr. So also sage ich Ihnen, daß ich von der Anwesenheit Granzows wußte und daß ich ihn selbst auf die Gefahr aufmerksam gemacht habe, der er sich bei seinem kühnen Unternehmen aussetzte.«

Der Kapitän schäumte vor Wut bei diesen verständlichen Worten, und doch war er genötigt, sich zu beherrschen, um nicht das Ziel zu verlieren, das ihm vor Augen lag.

»Wissen Sie,« rief er, »wessen Sie sich durch diese Verheimlichung schuldig gemacht? Wissen Sie das, mein Herr? Pfui! Sie sind ein Nichtswürdiger in meinen Augen, und ich werde die Strafe über Sie verhängen, die den Teilnehmern an den Verbrechen eines Verräters zuerkannt ist.«

»Wenn Sie Macht über mein Leben haben, Herr Kapitän, so wenden Sie dieselbe an – bedenken Sie aber, daß meine Tage gezählt sind und daß es meine, des alten Dieners dieses Hauses, Pflicht war, lieber Ihnen etwas zu verheimlichen, als das Vertrauen meines eigentlichen Herrn, des Herrn Grafen Brahe, zu täuschen. Waldemar Granzow ist sein Pflegesohn, und ich durfte ihn also seinen Feinden nicht verraten.«

» Peste! Wir werden noch weiter über Ihre Strafe reden, denn ich sehe, ich habe es mit einem unverbesserlichen und verstockten Sünder zu tun. – Wo ist dieser kostbare Pflegesohn des Herrn Grafen, Ihres eigentlichen Herrn, wie Sie sagen, geblieben?«

»Das weiß ich ebensowenig, wie Sie es wissen. Er hat in meinem Zimmer neben mir gewohnt – Sie haben es genau durchsucht – und da er nicht mehr darin ist, wird er es wahrscheinlich verlassen haben.«

»Das kann ein Kind einsehen, diable! Stand er vielleicht auch mit jenem Turm in Beziehung und wußte er sich auf irgend eine Weise Eingang in denselben zu verschaffen?«

Der Kastellan hob seinen Kopf etwas in die Höhe und schaute in die Richtung, wohin der Kapitän mit der Hand gewiesen hatte. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich weiß von dem Turme nichts,« erwiderte er mit unnachahmlicher Ruhe. »Sein Inneres umschloß ein Familiengeheimnis, und mich hat man nie in dasselbe blicken lassen.«

Der Kapitän besann sich einen Augenblick, ob er die Aussage des Kastellans für wahr halten solle, dann aber sagte er rauh: »Geben Sie mir die Schlüssel zu dem Turm und führen Sie mich an die Eingangstür.«

»Ich habe weder Schlüssel dazu, noch kenne ich eine Eingangstür. Die letztere ist seit vielen Jahren und schon vor meiner Zeit vermauert, und ich weiß nicht einmal den Ort, wo sie gewesen ist.«

»Ist eine Treppe im Turm?«

»Wahrscheinlich, doch ich weiß es nicht.«

»Halloh!« rief der Kapitän mit neuer Hoffnung. »In diesem Turm steckt der Verräter, ich lasse mein Leben dafür! Wenn wir ihn aber da ertappen, so werden Sie als sein Hehler mit nach Frankreich gebracht. En avant! Man sperre diesen Schurken ein und bewache ihn! Und nun mir nach, mes braves

Der Kastellan, von den polternden Drohungen des Franzosen, dessen Art und Weise er schon kannte, weder eingeschüchtert, noch die Entdeckung seines jungen Herrn und Waldemars fürchtend, ward von zwei Reitern nach seinem Zimmer geführt und dort mit Ausnahme Gyselas, die bei Gylfe blieb, in Gesellschaft seiner Familie streng bewacht; der Kapitän aber begab sich mit Leutnant Challier und dem größeren Teil seiner Leute ins Freie, um zunächst den Spukturm von außen zu betrachten und dabei die beste Art seiner Erstürmung zu überlegen.

Es war bereits Nacht geworden, und die Sterne funkelten am Himmel, nachdem der Sturm am Nachmittage die trüben Wolken verjagt hatte. Man fand die Fenster des Turmes wie gewöhnlich dunkel und mit dichten Vorhängen verschlossen, und nichts verriet, daß sein Inneres seit Jahren von einem Menschen betreten sei.

Nachdem man eine Weile damit zugebracht, ihn wiederholt zu umgehen und über die leichteste Art, in sein Inneres zu dringen, beraten, kam man zu dem Entschlusse, mittels Leitern in das unterste Stockwerk zu klettern, vom Fenster aus auf die Treppe zu gelangen und so weiter vorzuschreiten, bis man den beabsichtigten Zweck erreicht habe. Da das unterste Fenster nicht höher war als alle übrigen des ersten Stockwerks des Hauptgebäudes, so schien die Sache leicht und schnell abgetan werden zu können. Einige Jäger begaben sich in die Ställe, wo man hinreichend lange Leitern aufbewahrte und, nachdem sie herbeigeschafft, stellte man sie an eins der Fenster, während andere Laternen und Windlichter holten, um bei der Erkletterung nicht des nötigen Lichtes zu entbehren.

Als die Leitern fest standen, und die Laternen das Operationsfeld beleuchteten, befahl der Kapitän einem seiner Leute, den Sturm gegen das Fenster zu beginnen, aber hier stieß er auf einen unerwarteten und beinahe unerhörten Widerstand. Niemand schien sehr geneigt, der erste zu sein, den Spukturm zu erklettern, und so mutig die anwesenden Chasseurs bei einem Gefecht mit sichtbaren Feinden sein mochten, hier im Kampfe mit einem unsichtbaren Feinde von gespenstischer Natur, waren sie feige, wie viele Leute damaliger und selbst jetziger Zeit.

Fluchend und eine strenge Strafe verheißend, wandte sich Kapitän Caillard von den widerspenstigen Soldaten ab und sah Leutnant Challier bedeutungsvoll an. Dieser verstand den Wink seines Vorgesetzten, schlug als guter Katholik sein Kreuz und zog dann den Degen, um darauf ohne Zögern den Fuß auf die Leiter zu setzen, die zwei Mann unterstützten.

Es war ein sehr natürliches Ereignis, obwohl es von den Reitern kein einziger erwartet hatte, daß der junge Offizier unversehrt auf der obersten Leitersprosse vor dem Fenster anlangte. Er versuchte darauf, es zu öffnen, allein es war fest verriegelt. »Es muß zerbrochen werden!« rief er schwer atmend herunter. »Es widersteht jedem mäßigen Druck!«

»So zerbrechen Sie es!« lautete der Befehl von unten her. Gleich darauf klirrten die Scheiben und fielen in das Innere des Turmes, denn Leutnant Challier hatte sie mit seinem Degenknopf eingestoßen. Da aber zeigten sich unerwartet eiserne Stangen innerhalb des Fensters, die jedes Vordringen für den Augenblick unmöglich machten. Mr. de Challier rapportierte es und erklärte seine Kraft für unzureichend, die Erstürmung erfolgreich fortzusetzen.

»Herr!« rief ein gewichtiger Chasseur von unten her, der unterdes Mut gefaßt hatte. »Lassen Sie mich das machen. Ich sehe, wie die Sachen stehen, die Gespenster tun einem Menschen nichts, der seine Pflicht erfüllt, und ich bin ein Schlosser, habe ein Brecheisen zur Hand und weiß mit Riegeln und Stangen von Metall umzugehen.«

Leutnant Challier stieg, ohne Befehl dazu abzuwarten, etwas hastig von der Leiter herab, da er sich Ruhm genug erworben zu haben glaubte, und statt seiner kletterte der Schlosser hinauf, um seine Kraft zu versuchen. Allein obwohl er stark und geschickt genug war, er fand etwas mehr Arbeit vor, als er vermutet hatte, endlich aber gelang ihm sein Vorhaben, und ein Fensterflügel wurde zur Not gangbar gemacht.

Als er so weit vorgerückt war, ließ er sich eine Laterne heraufreichen und leuchtete in das Innere des Turmes hinein, worauf alsbald sein freudiger Ausruf verkündete, daß er eine schmale Wendeltreppe wahrnehme, die bis auf die Zinne zu führen scheine.

»Du bist einmal oben,« kommandierte der Kapitän, »steig' hinein, ich werde dir folgen. Leutnant Challier, auch Sie folgen mir, und uns steigen dann vier Mann nach.«

Der Befehl war gegeben und wurde diesmal pünktlich vollstreckt. In wenigen Minuten waren die sechs Mann mit drei Laternen im Innern des Turmes und stiegen nun vorsichtig die Treppe hinauf, vergeblich rechts und links nach sichtbaren Türen forschend.

»Das ist ein eigentümliches Gebäude,« sagte Kapitän Caillard mit seltsam bewegter Stimme, »es hat Treppen, aber keine Türen.«

»Hier ist eine!« rief der Schlosser, der als der Mutigste, mit gezogenem Säbel in der Rechten und einer Laterne in der Linken, einige Stufen vorangeschritten war.

Sofort sammelte man sich um ihn und fand seine Entdeckung bestätigt. Man stand wirklich vor einer hölzernen Tür, aber das Schloß daran fehlte, um ihre Eröffnung zu bewerkstelligen.

»Brich sie auf!« befahl Kapitän Caillard, dessen Mut sich verdoppelte, sobald er einen angreifbaren Gegenstand vor sich sah.

Das Werk ward rüstig begonnen und nachdrücklich fortgesetzt; in wenigen Minuten sprang die Tür auf, und man blickte in ein Zimmer hinein, dessen Inneres noch dunkler als die Nacht draußen im Freien war.

» En avant, mes braves!« lautete der stereotype Befehl des Kapitäns, und er ergriff selbst eine Laterne, worauf er zuerst in das Zimmer drang.

Es war dasselbe runde Gemach, in welchem Magnus Brahe bis vor kurzer Zeit gewohnt und in welchem ihm Waldemar Granzow bis zur Flucht Gesellschaft geleistet hatte. Man fand es gleichsam noch warm, wie ein Nest, dessen Bewohner soeben erst ausgeflogen sind, und verschiedene hier und da herumliegende Gegenstände verrieten, daß es in großer Eile verlassen war.

» Voilà!« rief der Kapitän. »Hier hat das Gespenst gehaust. O, was sind wir geprellt! Ein schönes und sicheres Gemach, weiß es Gott, um ein ganzes Jahr lang vor aller Verfolgung gesichert zu sein. Ha! der Teufel hat uns eine charmante Nase gedreht. Was ist das?«

Er ergriff ein Stück Leinwand, an dem die unzweifelhaften Spuren sichtbar waren, daß es zum Verbande einer Wunde gedient hatte, und betrachtete es genau.

» Au nom du diable! Das Gespenst ist verwundet gewesen! Ha! Am Ende hat Graf Brahe selber unter seinem väterlichen Dache residiert und den Spuk getrieben, vor dem wir uns gefürchtet haben!«

Dieser Ausruf, der über die ganze Angelegenheit ein neues Licht aufleuchten ließ, erregte eine allgemeine Aufheiterung und Ermutigung. Man durchstöberte jeden Winkel des Gemachs, aber nirgends fand man eine weitere Spur der Entwichenen, so wenig wie den Ausgang, den dieselben benutzt haben mußten.

»Das wird eine Arbeit für morgen sein,« sagte der löwenmutig gewordene Leutnant, »heute ist es zu spät dazu, und die Nacht ist nicht zu solchem Unternehmen geschaffen.«

»Aber unterdes entkommen sie. Ha! Ich haue alles in Stücke, was mir unter die Klinge kommt! Aber Ihr habt recht, Challier, gehen wir hinunter und verhören wir die Verräter noch einmal, von denen wir hier, ohne es zu ahnen, umgeben gewesen sind.«

Hiermit wurde der wenig ruhmreiche Rückzug angetreten, leider aber zeigte sich bei dem neuen Verhör derselbe geringe Erfolg, den das erste gehabt hatte. Der Kastellan wußte nicht, daß jemand im Turm gewohnt und blieb unerschütterlich bei seinen anfänglichen Aussagen, man mochte es mit Drohungen oder Bitten bei ihm versuchen. Gylfe Torstenson aber, als sie der Kapitän noch einmal um eine Unterredung angehen ließ, antwortete: sie könnte heute niemand mehr sprechen, da sie sich krank fühle und zu Bett gelegt habe.

» Eh bien!« sagte Kapitän Caillard zähneknirschend, als ihm diese Meldung gebracht wurde, »wir werden sehen, was sich ereignet. Challier, von diesem Augenblicke an lasse ich Ihnen das Kommando in Spyker. Ich selbst werde morgen nach Stralsund gehen und dem Herrn General die Anzeige von den hiesigen Ereignissen machen. Ich werde eine großartige Untersuchung beantragen und ganz Rügen in Blockadezustand erklären lassen. Diesen Halunken Granzow muß ich haben, und sollte ich Tag und Nacht im Sattel sitzen. Denn wo er ist, ist der saubere Graf auch, das ist eine Überzeugung, die mir kein Mensch mehr erschüttern soll. En avant, mes braves, wir wollen sehen, was wir leisten können!«

*

Werfen wir, bevor wir dieses Kapitel schließen, noch einen kurzen Blick auf die Flüchtlinge selbst. Wir wissen, daß sich Waldemar gegen Abend zu Magnus begeben hatte, um ihm Gesellschaft zu leisten und den Umstand mitzuteilen, daß jener dänische Steuermann, den er gerettet, derselbe sei, der ihn auf der Greifswalder Oie verfolgt hatte. Ebenso wissen wir, daß Waldemar seinen Freund wider Erwarten bereit fand, sich seinem Abgange von Spyker anzuschließen, da er sein Verhältnis mit Gylfe für vollständig zerrissen erachtete.

Als der dänische Steuermann zu dem Kapitän in Gylfes Zimmer geführt wurde, war Waldemar gerade dabei, Magnus fast geschlossene Wunde nach der zuletzt erhaltenen Anweisung des Doktor Piper zu verbinden, und als man damit zustande gekommen, ertönte der Warnungsglockenzug des alten Kastellans, der der Verabredung gemäß nur dann sich hören lassen sollte, wenn wirkliche Gefahr für Magnus oder Waldemar vorhanden wäre.

Letzterer, der sogleich erriet, daß diesmal nur in bezug auf seine Person der Warnungsruf erging und zufolge eines instinktartigen Vorgefühls das Geheimnis des dänischen Steuermanns damit in Verbindung brachte, beruhigte Magnus mit wenigen Worten, schlich zur Tür, betrat die Wendeltreppe und erschien kurz darauf in der Wohnung des Kastellans, wo er denn bald von dem Vorgehenden in Kenntnis gesetzt wurde. Jetzt freilich konnte jedes Säumnis von üblen Folgen sein. Er eilte daher zu Magnus zurück, benachrichtigte ihn von dem eigentümlichen Verrat des Dänen und begann seine Habseligkeiten zusammenzuraffen und in das kleine Felleisen zu packen, das aus Stralsund mit ihnen hierher gewandert war.

Als sie damit beschäftigt waren, erschallte der zweite Glockenruf, der, wie sie wußten, nur in höchster Not erfolgte und ihnen den Rat gab, die nach mögliche Flucht durch den nach dem Quoltitzer Felde führenden Ausgang auf das schleunigste anzutreten.

Hierzu entschlossen sie sich ohne Zögerung. In wenigen Minuten waren sie fertig. Magnus trug die bereit gehaltene Laterne und Waldemar belud sich wieder mit dem Felleisen. Ohne irgend ein Hindernis gelangten sie so an die im Erdgeschoß des Turmes befindliche verschlossene Eisentür, öffneten sie mittels der ihnen bekannten Vorrichtung und traten nun in den kalten und ewig finsteren Gang ein.

Hier ließ Waldemar das Felleisen in einer Wandvertiefung zurück, um es zu gelegener Zeit wiederzuholen, da es ihm auf der Flucht nur hinderlich gewesen sein würde. Schweigend, bedrückt von den verschiedenartigsten Empfindungen, schritten sie nun bis zur Mündung des Ganges fort, und gelangten durch die schon früher beschriebene Tür in den freien Wald, der nach Quoltitz führt.

Es war seit beinahe drei Wochen das erste Mal, daß, Magnus an die frische Luft kam, den nächtlichen Himmel mit seinen strahlenden Sternen sah und die Blätter der alten Bäume im Nachtwinde über seinem Haupte rauschen hörte. Alle diese ungewohnten Reize bestürmten sein Herz, so gequält und niedergeschlagen es auch war, mit wonnigem Schauer, und an Waldemars Arme hängend, faßte er dessen Hand und sagte mit leiser, sein ganzes Wehgefühl aussprechender Stimme:

»Waldemar! Da stehen wir wieder wie die Tiere des Waldes unter Gottes freiem Himmel, verfolgt und geächtet, als hätten, wir Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft begangen! Aber mir ist dennoch besser zumute, als heute nachmittag, wo ich die verführerische und doch mein ganzes Herzblut erkältende Stimme Gylfes vernahm und in ihre gleißnerischen Augen blickte. O, Freund meiner Seele, was habe ich in diesen Tagen erlebt und erlitten unter dem Dache dort, welches ich mein väterliches nenne, und unter dem ich nur die Wonnen des Paradieses zu erobern hoffte. Glaube mir, ich bin noch schwerer bedrückt, als ich es dir klagen, kann, aber ich preise nichtsdestoweniger die Güte des Himmels, daß er mir die Augen geöffnet und mein Herz in Stahl gepanzert, obgleich ich weiß, daß ich, auch also gerüstet, nur ein trauriges Dasein vor mir habe. O Waldemar, Waldemar, gib acht, meine Träume werden sich bewahrheiten und bald wird kein Mensch mehr am Leben sein, der sich der Erbe von Spyker nennt.«

Waldemar zuckte innerlich zusammen vor Schmerz, aber er wußte nicht, was er auf diese Klage erwidern sollte, die er in ähnlicher Weise schon oft vernommen hatte. Endlich sammelte er seine Gedanken und sagte ruhig: »Danke Gott, daß du zur Erkenntnis der Unwürdigkeit dieser Gylfe gekommen bist, das scheint mir jetzt die Hauptsache zu sein. Was deine traurigen Ahnungen betrifft, so fürchte ich sie nicht mehr, da sie dich schon oft betrogen haben.«

»Wie? Ist das dein Ernst?« fiel ihm Magnus in das Wort. »Sie hätten mich betrogen? Ist das Unglück nicht immer und überall auf meinen Fersen gewesen, und hat es mir nicht genommen, was mir das Liebste und Teuerste war: die Freiheit und das Glück der Liebe?«

»Ja, aber nicht das Leben. Und solange der Mensch lebt, kann er wieder frei und glücklich werden durch Liebe, denn groß ist der Raum der Welt, und es gibt der Menschen unzählige darin, die der Liebe eines Edlen würdig sind.«

Magnus seufzte, ob mehr über den immer so hoffnungsreichen Freund, dessen Voraussagungen er Täuschungen nannte, oder über sich selbst – wir wissen es nicht. –

Vom Quoltitzer Totenfelde aus, das sie nun bald auf ihrer nächtlichen Wanderung erreichten, wandten sie sich südwestlich dein Wege zu, der von Bobbin nach Sagard führt. Den letzteren Ort ließen sie zur Linken liegen und betraten in kurzer Zeit die hohe Bergwaldung, welche die Südwestspitze von Jasmund krönt. Hier an den Wostnitzer Teich oder See gelangt, überschritten sie den kleinen Bach, der aus diesem See in den großen Bodden fällt, und liefen nun rasch an dem flachen Ufer entlang, auf dessen südwestlichstem Punkte die Lietzower Fähre liegt.

In einem dichten Gestrüpp blieb Magnus hier zurück und Waldemar bewegte sich vorsichtig auf Kundschaft nach die Fähre hin. Wenn auch in diesem Landesteile Franzosen hie und da zerstreut lagen, sie schliefen alle in ihren Wohnungen, denn die Mitternacht war längst vorüber. Waldemar ging an den Strand hinab, wo eine kleine Hütte stand, in der ein Fährmann wohnte, der ein Untertan des Grafen Brahe war, denn die Lietzower Fähre gehörte zu den Besitzungen desselben. Er klopfte an ein Fenster der Hütte und weckte den Fährmann. Als dieser erfuhr, um was es sich handelte, war er gern bereit, die beiden Flüchtlinge nach Pulitz zu bringen, ehe der Morgen im Osten graute. Während er sein Boot in Stand setzte, holte Waldemar den Grafen aus seinem Versteck.

Als sie über den kleinen Bodden ruderten, trat der Mond hinter einer düsteren Wolkenbank hervor und übergoß das weite Wasserbecken mit seinem strahlenden Lichte, bald aber, als hätte er nur einen Blick aus die Flüchtigen werfen und in ihnen Freunde erkennen wollen, verbarg er sich wieder, um ihren Pfad für jeden Verfolger zu verschleiern. Es mochte etwa zwei Uhr sein, als das Boot die Nordspitze von Pulitz erreichte, und nachdem der Fährmann versichert, daß gegenwärtig kein Franzose auf der Insel sei, fuhr er zurück und überließ die beiden Männer ihrem Schicksale.

»Komm,« sagte Waldemar getrost zu seinem Gefährten, »jetzt sind wir auf Pulitz, wozu uns Hille geraten. Ich kenne hier jeden Pfad. Dort ragt schon der schöne Fichtenwald und gleich dahinter liegt der Hof des gastfreien alten Schweden, der eine Base unsrer guten Hille zur Frau hat. Er wird uns aufnehmen, wie ein Vater seine Söhne, denn ein treueres, redlicheres Herz als das seine, schlägt auf ganz Rügen nicht.«

Magnus nickte schweigend seinen Beifall zu und so schritten sie langsam durch die tauige Nacht dahin, noch einmal befreit von ihren Verfolgern und voller Hoffnung, endlich einen sicheren Zufluchtsort gefunden zu haben.

Ob sie sich darin täuschten und wie lange die Insel Pulitz ein wirklicher Zufluchtsort für sie sein sollte, wird die Zukunft lehren.

 

Ende des zweiten Bandes.

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