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Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band - Kapitel 10
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Zweiter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.

Die Tromper Wiek.

Die Schwadron reitender Jäger, die Kapitän Caillard befehligte, hatte an diesem Morgen einen größeren Übungsritt unternommen, der sich fast über die ganze Halbinsel Jasmund ausdehnte und teilweise mit den Zweck hatte, eine allgemeine Haussuchung an den Orten abzuhalten, wo man bisher dem Grafen Brahe und seinem Mitschuldigen, die man ohne Unterlaß verfolgte, noch nicht nachgespürt hatte. Der Befehl dazu war wiederholt von Stralsund gekommen und zugleich der Preis für den Entdecker der beiden Männer erhöht worden, da man um so ernstlicher gegen die Mitglieder einer gefürchteten Verbindung vorzugehen die Absicht hatte, als, wie man sich zuflüsterte, an verschiedenen Orten Verschwörungen gegen das Leben des Kaisers enthüllt wären, die man unterdrücken müsse, koste es, was es wolle. So waren denn die Befehlshaber kleinerer Truppendetachements auf Rügen angewiesen, alle Mittel anzuwenden, jener beiden Männer habhaft zu werden, ja, es war ihnen zur Ehrensache gemacht, den von oben her gehegten Erwartungen zu entsprechen, da man die Überzeugung aufrecht erhielt, daß Graf Brahe, als einer der Anhänger des Banditen Schill, notwendig auch ein Kaisermörder sein müsse.

Kapitän Caillard hatte diesen erneuerten Befehl mit Zähneknirschen empfangen, denn gerade er hätte den größten Ruhm darin gefunden, von sich sagen zu hören, er habe die Ehre verdient, das gräfliche Schloß zu bewohnen, an welches sich so viele historische Erinnerungen knüpften, indem er am meisten dazu beigetragen, den jungen Drachen zu fassen, der darin ausgebrütet war. Vierzehn Tage lang hatte er sich schon unsäglich bemüht, die irgendwo Versteckten – das wurde allgemein für gewiß angenommen – aufzusuchen, auch hatte man hier und da Spuren zu finden geglaubt, die unseres Wissens zwar falsch waren, aber in den Augen der Verfolger Hoch immer für sehr wichtig gehalten wurden. Weil der Kapitän nun bisher immer unglücklich in seinen Unternehmungen gewesen war, trotzdem er, als Bewohner Spykers, doch so viel Anspruch auf das begehrte Glück zu haben vermeinte, so hatte sich seiner schon seit einigen Tagen eine sehr üble Laune bemächtigt, und sogar der schönen Gylfe Torstenson war es nicht gelungen, seine zürnende Stirn vollkommen zu glätten. In dieser Laune war der großsprecherische Franzose um so eher geneigt, Gewalttätigkeiten zu üben, gegen wen es nun eben sei, und so hatten die armen Eltern Waldemars zunächst darunter leiden müssen, indem man sie mit Gewalt dahin gebracht, die hundert Taler Kontribution zu zahlen, die wir schon früher ihnen auferlegen sahen. Auch Diese hatte. Hille aus ihren Mitteln gezahlt, aber in ihrem Zartgefühl Waldemar nichts davon gesagt. Größere Strafen nun konnte der kleine Tyrann über den armen Strandvogt nicht verhängen, und obgleich er sich so heftig und zornig wie möglich gegen ihn an diesem Tage geberdet, er hatte endlich doch wieder das kleine Haus verlassen müssen, ohne es vom Erdboden verschwinden zu machen, wie er in seinem Zorne wiederholt gedroht hatte.

Grollend über sein abermaliges vergebliches Suchen und noch mehr erbittert durch das abscheuliche Regenwetter, welches ihn an diesem Tage verfolgt, ritt er mit seinen Leuten nach Spyker zurück, wo er etwa um zwei Uhr nachmittags eintraf und mit heftiger Geberde ein kräftiges Mahl verlangte, um seinen Appetit zu stillen und für den beschwerlichen Morgenritt hinreichend entschädigt zu werden.

Zufällig hatte er beim Eintreten in den Schloßhof Waldemar am Fenster des Kastellans stehen sehen und auf seinen Zügen, indem er die vom Regen triefenden Reiter und ihre Pferde betrachtete, ein heimliches Lächeln wahrzunehmen geglaubt. Dieses Lächeln nun war dem Herrn Kapitän als eine Verletzung seiner Würde erschienen, und er hätte den Vorsatz gefaßt, sein Mütchen wenigstens an einem scheinbar Unschuldigen zu kühlen, da ihm der schuldige für diesmal wieder entgangen war.

Sobald er sich daher in trockne Kleider geworfen und noch bevor er den Speisesaal betrat, ließ er den Kastellan Ahlström vor seinen Richterstuhl fordern. Der alte Mann erschien alsbald und geriet in nicht geringe Verlegenheit, als er die zornige Miene seines gegenwärtigen Gebieters sah.

»Monsieur,« fuhr er ihn heftig an, »was macht der Maulaffe noch hier, der schon seit vierzehn Tagen vor meinen Augen in diesem Schlosse faullenzt und Fratzen schneidet, sobald er einen französischen Soldaten seine Pflicht tun sieht? Ist die Werbung um Eure Tochter noch nicht zu Ende oder beliebt es dem Herrn, hier den Tagedieb oder gar den Spion noch länger zu spielen?«

»Gnädigster Herr,« erwiderte zitternd der alte Kastellan mit seiner so milden und demütigen Stimme, »ich glaube nicht, daß Georg Forst den Namen eines Spions verdient. Worauf sollte er auch spionieren? Ich weiß es wahrlich nicht. Was aber die Bewerbung um meine Tochter betrifft, so – so habe ich ihm zugesagt, für den Fall, daß er ein gutes Stück Brot ausfindig macht, was allerdings noch eine Weile Zeit haben mag, fürchte ich.«

»So jagt ihn zum Teufel und laßt ihn das Brot suchen. Ich habe es satt, ihn hier herumlungern zu sehen. Wenn ich ihn morgen noch im Schlosse finde, lasse ich ihn nach Stralsund transportieren, um ihn außer Sehweite zu bringen. Nun habt Ihr Euern Bescheid und richtet Euch danach.«

Der alte Ahlström erschrak und konnte vor Aufregung kaum die rechten Worte zur notwendigen Erwiderung finden. »Gnädigster Herr,« sagte er stammelnd, »soll ich ihn noch in dieser Stunde von meiner Tür weisen, wo es stürmt und ein gewaltiger Orkan im Anzuge ist, oder gestatten Sie mir, ihn bis morgen oder übermorgen zu behalten?«

»Bis morgen – spätestens bis Mittagszeit und, treffe ich ihn eine Stunde später hier, so wandert er mit vier Mann nach Stralsund hinüber. – Heute mittag will ich Champagner trinken, versteht Ihr?«

»Gnädigster Herr, ich bedaure, diesem Ihren letzten Befehle nicht entsprechen zu können. Es ist schon seit vier Tagen kein Champagner mehr vorhanden. Wir hatten keinen so großen Vorrat davon auf Spyker.«

»So schafft welchen an, mir ist es gleich, woher. In drei Tagen will ich ihn haben, oder ich werde ihn auf Eure Kosten aus Stralsund beziehen.«

Er winkte gebieterisch mit der Hand, und der Kastellan schlich zur Tür hinaus. Betrübt und fast außer Fassung gebracht über die alle Tage wachsenden Ansprüche, die oft in der Tat Unausführbares verlangten, kam der Alte bei seiner Familie an, bei der er noch Waldemar, traf, der im Kreise der guten Leute seine Mittagsmahlzeit eingenommen hatte. Hier entledigte er sich denn gleich seines doppelten Auftrages, geriet aber in neue Verwunderung, als er seinen jungen Gast über die ihn betreffende Ausweisung sehr wenig besorgt fand. Waldemar zuckte sogar spöttisch die Achseln und sagte ruhig, wobei ein stilles Lächeln seine kräftigen Züge überflog: »Um diesen Befehl härmt Euch nicht, Ahlström, ich werde heute abend oder morgen früh vor aller Augen das Schloß verlassen und in der Nacht darauf zu Magnus ziehen. Der Spukturm hat Raum genug für zwei Gäste. Und was den Wein anbelangt, ohne den die Herren Franzosen nun einmal nicht leben können, so dächte ich, wäre das ganze Unheil mit einer mäßigen Summe abgewandt. Laßt einen Wagen anspannen und nach der alten Fähre fahren; in wenigen Stunden habt Ihr aus Stralsund so viel Champagner bezogen, als fürs erste erforderlich ist. Graf Brahe wird die Rechnung nicht viel größer finden, die er zu zahlen hat, ob nun dieser Wein darauf steht oder nicht.«

»Ja, ja doch, das macht mir auch den geringsten Kummer. Also du willst auch in den Spukturm?«

»Wo soll ich denn hin? Bin ich darin nicht am sichersten?«

»Ich weiß es nicht,« sagte der Alte achselzuckend. »Bisweilen kommt es mir vor, als wäre auch der Spukturm nicht mehr sicher genug.«

»Uns genügt er, Alter. Niemand kennt seine Ein- und Ausgänge, selbst Gylfe nicht, wie sollte man also in sein. Inneres geraten?«

»Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, aber mir ist es so, als hätte er die längste Zeit seine Dienste geleistet.«

»Noch leistet er sie, und nun guten Mut, Ahlström. Wenn auch Ihr noch furchtsam, und trübselig werdet, dann stehe ich zwischen zwei Feuern, und wahrlich, ich habe schon mit dem einen da oben genug.«

»Ich glaube es, ich glaube es. »Ach, wie wird das alles enden? fragt mich alle Tage mein Herz, und ich kann ihm nie eine vernünftige Antwort darauf geben!« –

*

Es war nachmittags gegen vier Uhr. Auch die französischen Herren hatten gespeist und hielten sich nun beieinander im Zimmer des Kapitäns auf, da das Wetter ihnen keinen Schritt aus dem Hause zu gehen gestattete. Der gießende Regen zwar ließ mehr und mehr nach, aber der Wind war zum Sturm angewachsen, der alle Augenblicke heftiger wurde und in einen Orkan überzugehen drohte, wie er jahrelang, nicht auf dem »Eiland der Stürme« gewütet hatte. Zu solcher Zeit bot Spyker einen unheimlichen Aufenthalt. Von dem düsteren Gemäuer hernieder ergossen sich ganze Ströme von Wasser, die alten Dachziegel polterten krachend von der Höhe und das Gekrächz der Dohlen, die sich vor Angst nicht zu lassen wußten, schallte trübselig auf den wüsten Hofraum herab. Knarrend in ihren rostigen Angeln trieb der Wind die Wetterfahnen um, das Vieh brüllte in den nahegelegenen Ställen, und die Bäume beugten ihre ehrwürdigen Wipfel seufzend gegen die Erde hin, die ihrer überhängenden Wucht oft nachgab und die alten Wurzeln zu Tage treten ließ, wenn der heftige Luftdruck einen Riesen des Parkes umfegte. Am schauerlichsten aber hörte sich der Sturm an, der über die See her und durch die Wälder heulte, alle Frucht der Felder knickte und Splitter und Trümmer jederlei Art in tollem Wirbel durch die Lüfte jagte. Nehmen wir dazu einen nächtigen Himmel, düster drohende Wolken, die, wie von Gespensterfurcht ergriffen, kopfüber durch die Höhe stürzten und dann und wann einen eiskalten Hagelschauer herniedersandten, so kann man sich eine Vorstellung von den Empfindungen machen, die die Bewohner des einsamen Schlosses zu solcher Zeit ergriffen.

Ein Einziger war im Schlosse, dem dieses Wüten der Elemente weder Sorge machte, noch Angst einflößte, ja, der vom Wiegenlied des Sturmes befeuert, in seiner männlichen Seele ein wahres Behagen daran fand, auch einmal die Natur in ihrem entfesselten Stolze, ihrer angeborenen Würde wüten zu sehen, wo so viele winzige Menschen in ihrer Einbildung, und Eitelkeit wüteten. Waldemar Granzow, der kühne Seemann, der von Jugend auf an Gefahren Gewöhnte, dessen physische Kraft seiner geistigen Furchtlosigkeit gleichkam, freute sich auch diesmal, als er den reinen Atem der Natur durch die Wälder fegen sah; mochten die Bäume brechen und die Wellen der See weit über ihre Ufer schlagen, gerade in seiner heutigen Stimmung war er geneigt, in dem schauerlichen Heulen des Windes nur eine Musik zu hören, die sein Herz mit Wonneschauern erfüllte und den Wünschen entsprach, die schlummernd in seiner Seele nisteten.

In seinen Sturmrock gehüllt, den wasserdichten Hut fest unter dem Kinn zugeschnürt, schritt er in den Spykerschen Park und am Ufer des Sees entlang, um hier die Schneekronen des Wassers tanzen und die kleine Brandung an den Wurzelstöcken der Gartenriesen nagen zu sehen.

»Hei!« rief er fröhlich aus, »das ist ein prächtiges Wetter. So ein Sturm muß einmal unter die Franzosen fahren und sie wie Spreu in alle Winde zagen. Geduld, mein Herz, Geduld, es wird auch noch kommen. Dann aber wollen wir hinterher sein und die Gelegenheit beim Schöpfe fassen, und wen ich dann mit dieser meiner Faust packe, der soll nicht zum zweiten Mal nach solchem Händedruck verlangen. – Aber halt, da fällt mir ein, daß der arme Gefangene da oben allein ist. Da von der Höhe herab muß sich das Spiel der Natur noch besser ausnehmen, und man kann aus nächster Nähe das Pfeifen und Brüllen des Windes genießen. Also hinauf zu ihm, um ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten.«

Mit diesen Worten schlug er den Weg zum Schlosse ein. Noch langsamer und sinnender, als er gewöhnlich ging, schritt er auch diesmal einher; unbekümmert um den heulenden Sturm, der die Zweige von den Bäumen brach und rings um ihn her streute, zeigte er dabei eine Miene, als wäre er aus Stein gemeißelt, und trotzte der Gewalt der Elemente, wie er so oft der der Menschen getrotzt, hatte.

Wie er so langsam und ruhig auf dem Platze vorm Schlosse anlangte, standen gerade am Fenster des Jagdzimmers Kapitän Caillard und sein Leutnant Challier, um die Verwüstungen des Unwetters von ihrer behaglichen Stellung aus zu beobachten.

»Voilà,« sagte der Vorgesetzte zu seinem Untergebenen, »da sehen Sie, Challier, den Menschen dort. Schreitet er nicht so gemächlich einher, als ob eine süße Mailuft ihn umfächelte?«

»Er ist ein Seemann, Kapitän, und an Sturm und Wogendrang gewöhnt.«

»Ja. Aber trotz seines Mutes und seiner augenscheinlichen Kraft, trotz seiner bescheidenen und unterwürfigen Miene, kann ich ihn nicht leiden und möchte ihn lieber weit von hier fort als in meiner Nähe haben. Darum hab' ich ihm auch befehlen lassen, das Feld zu räumen, und morgen schon wird er uns nicht mehr belästigen.«

»Aber er ist doch ein hübscher Kerl, und ich möchte Wohl ein Regiment kommandieren, das aus lauter solchen Eichbäumen besteht.«

»Ja, wenn er unter meiner Fuchtel stände, wie meine Jäger, und ich ihm jederzeit den Daumen aufs Auge drücken könnte! Denn das scheint mir bei ihm nötig zu sein. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber hinter dieser stillen Miene däucht mir etwas Tigerartiges zu lauern, was mir alle Behaglichkeit nimmt. Wenn ich seinen stolzen Gang und sein blitzendes Auge sehe, habe ich immer das Gefühl, als packte mich eine unsichtbare Faust im Genick. In dem Burschen steckt etwas, was mich zurückschreckt. Gut, daß er mir bald aus den Augen kommt, sonst vergriffe ich mich noch an ihm. Mir prickelt es in den Fingern, als müßte ich ihn zeitig an der Gurgel fassen. Seht – da. steht er und sieht sich den Wolkenzug an, als ob er ihm Stillstand gebieten könnte.«

»Er ist wirklich ein hübscher Kerl, Kapitän, bei alledem. Aber halt – er sieht uns und nickt uns beinahe vertraulich zu – er ist wahrhaftig frech, der Bursche!«

»Tonnerre!« schnarrte der Kapitän mit angeschwollener Stirnader und flammenden Augen, »das geht mir zu weit!« Und das Fenster aufreißend, schrie er hinunter, fast blau vor Anstrengung, um den brausenden Sturm zu übertönen:

»Heda! Warum zieht Ihr den Hut nicht, wenn wir Euch ansehen?«

»Das ist nicht Seemannsbrauch!« schallte eine Donnerstimme herauf. »Man zieht den Hut nicht, wenn er unter dem Kinn festgeschnallt ist.«

Der Kapitän wollte wieder herbe und heftig antworten, als er durch etwas Unerwartetes unterbrochen wurde. Von Norden krachte ein dumpfer Kanonenschuß herüber, dem alsbald ein zweiter und dann ein dritter folgte.

»Was ist das!« sagte er zu dem Offizier an seiner Seite.

»Man schießt!«

»Ja, aber zu welchem Zweck und wo?«

Der junge Seemann auf dem Hofe, der die Schüsse ebenfalls vernommen, wandte sein Haupt in die Richtung, woher sie kamen. Dann streckte er die Arme dahin aus und rief: »Dort oben!«

»Kommt einmal herauf!« rief der Kapitän hinab.

Waldemar schien nur ungern dem Gebote zu gehorchen, und erst nachdem er sein Ohr noch einmal den sich wiederholenden Schüssen zugeneigt, stieg er langsam die Treppe des Schlosses hinan.

»Was haltet Ihr von den Schüssen, die Ihr eben vernommen?« fragte der Kapitän mit etwas aufgeklärter und wißbegieriger Miene den Eintretenden.

Waldemar machte mit dem abgenommenen Hute eine seemännische Bewegung, die man als Gruß hinnehmen konnte, und sagte dann fest und sicher: »Die Schüsse rühren Von einem Schiff her, das wahrscheinlich in Not ist und bei dem Sturme einen Lotsen verlangt, damit er es sicher in einen Hafen bringe.«

» Sacre dieu! Das ist interessant, Challier. Wollen wir hin?« »Ich bin dabei, Kapitän.«

Der Kapitän wollte eben die Glockenschnur ergreifen, um seinen Diener herbeizurufen, als eine neue Erscheinung sein Vorhaben unterbrach. Ein Chasseur ritt gestreckten Galopps in den Hof ein, sprang vom Pferde, und ohne sich um dasselbe zu bekümmern, rasselte er wie ein kleines Ungewitter die Schloßtreppe herauf. Auch den meldenden Diener erwartete er nicht, stieß vielmehr ohne Zögern die Tür auf und stand nun, die üblichen Honneurs machend, vor seinem Befehlshaber.

»Was gibt's?« fragte dieser mit leidenschaftlicher Hast.

»Kapitän, ich komme von der Strandwache bei Ruschwitz, eine Viertelmeile von hier. Leutnant Chaumont schickt mich her. Es ist ein Schiff in Sicht, das Schiffbruch erleiden wird, und die Leute meinen, es habe den Grafen Brahe und seinen Begleiter am Bord, die darauf flüchten wollten.«

»Cent mille tonnerres!« brüllte der Kapitän. »Sacre bleu, Messieurs, c'est un jour bonheur aujoud'hui. En avant, Messieurs!« Und er riß so heftig an der Glockenschnur, daß ihm der abgesprungene Griff in der Hand verblieb. Als darauf der Diener angstvoll hereinstürzte, schrie der Kapitän nach einem Pferde, wandte sich aber sogleich nach Waldemar um, der, wie man sich vorstellen kann, in höchstem Erstaunen und doch innerlich über den Irrtum triumphierend, noch in seiner vorigen unbeugsamen Stellung verblieben war.

»Könnt Ihr reiten, Forst?«

»Ich habe es in meiner Jugend öfters versucht –«

»Zwei Pferde!« schrie der Kapitän dem Diener nach, der schon auf der Treppe war, »und Ihr, Challier, laßt satteln, laßt satteln! Alles, was an Mannschaft im Schlosse ist, soll mit hinaus ans Meer.«

Der Befehl war erteilt und wurde unverzüglich vollstreckt. In wenigen Minuten war alles bereit. Leutnant Challier erhielt den Auftrag, die Mannschaft, sobald sie fertig, sei, im Galopp nach Ruschwitz zu führen, und der Kapitän schritt, unmittelbar von Waldemar gefolgt, in den so plötzlich belebten Hof hinab, auf den alle Bewohner des Schlosses mit unruhiger Miene herniederschauten.

Wenn man bei dieser Gelegenheit den quecksilbernen Kapitän der berittenen Jäger, der in seiner glänzenden Uniform hin und her trippelte, tausend verschiedene Rufe und Flüche hören ließ und doch nichts damit zustande brachte, mit dem unscheinbaren Seemann verglich, der mit unbeweglicher Miene, aber blitzendem Auge auf die von allen Seiten übereilten Vorbereitungen schaute und dabei den inneren Jubel mit Gewalt unterdrückte, der sein Herz erbeben machte, so konnte man nicht in Zweifel bleiben, auf wessen Seite hier eigentlich das geistige Übergewicht war. Diese Ruhe, die feste Selbstbeherrschung des letzteren imponierte selbst dem Kapitän, der kurz vorher so ergrimmt gegen ihn gewesen war. Er hatte bereits das Pferd bestiegen, das man zuerst herbeigeführt, und wartete nur noch auf das zweite, das für Waldemar bestimmt war. Endlich kam es und ward dicht vor ihm hingestellt.

Der Kapitän hielt sein Auge wie gebannt auf ihn; er freute sich schon, welche armselige Figur ein Seemann als Reiter spielen würde. Aber er hatte sich umsonst gefreut. Waldemar ergriff die Zügel des wiehernden und steigenden Rosses kunstgerecht, und ohne sich wie der kleine Franzose an die Kammhaare zu klammern, schwang er sich blitzschnell in den Sattel, sobald er den Bügel gefaßt hatte. Der Kapitän nickte beifällig, obgleich etwas verwundert; dieser Sattelschwung kam ihm wie der eines wohlgeschulten Ritters des Mittelalters vor. Aber schon lenkte er den Rappen nach dem Ausgang des Hofes, und ihm dicht auf den Fersen folgte Waldemar, sein Pferd ebenfalls in Galopp setzend.

Um den Spykerschen See herumjagend schlugen sie den nächsten Weg nach dem Strande ein, und da die Pferde tüchtig ausgriffen, so erreichten sie ihn in zehn Minuten, trotz des sausenden Windes, der ihnen unhold entgegenstürmte.

»Wo habt Ihr reiten gelernt?« fragte der Kapitän unterwegs seinen Gefährten, der ihm dicht zur Seite ritt, und betrachtete mit wohlgefälligem, aber immer mehr verwundertem Auge die Art und Weise, wie derselbe mehr mit mächtigem Schenkeldruck als mit den leicht gehaltenen Zügeln das mutige Tier lenkte.

»Auf Hiddens-öe, Herr Kapitän, wo ich in meiner Jugend lebte.«

»Ihr reitet aber nicht wie ein Bauer, sondern wie ein Kavalier.«

»Ich bin auch kein Bauer, wie Sie denken mögen,« entgegnete der Seemann stolz und schleuderte einen flammenden Blick auf seinen Nachbar.

Der Kapitän schwieg, er konnte im Sturme nicht mehr sprechen, aber er wunderte sich im stillen fort, da ihm das Gebahren dieses Georg Forst immer mehr wie das eines verkappten Ritters vorkam.

*

Die Freude des französischen Offiziers, endlich den lange vergeblich gesuchten Feind, noch dazu in einer so gefährlichen Lage zu ertappen, wie sie ihm geschildert worden war, oder wie er sie sich wenigstens vorstellte, glich dem Triumphe, der schon die Anstrengung des Kampfes hinter sich hat. Lange hatte sein Herz nicht so frohlockt, lange nicht so schöne Hoffnungen gehegt, wie heute, wo ihm, wenn er die Geächteten ergriff, der Majorsrang und bald auch ein Regiment sicher war. Mit ganz entgegengesetzten Gefühlen und doch auch nicht weit von einem freudigen Triumphe entfernt, galoppierte Waldemar an seiner Seite. Er fragte sich nicht, was für eine Szene in der nächsten Viertelstunde vor seinen Augen entrollt werden, welcher Anteil ihm bei der Entwicklung derselben zufallen, und welches Ende sie nehmen würde, nein, daran dachte er gar nicht. Begegnete ihm eine Gefahr, ein schwieriges Unternehmen, so würde er es mit beiden Armen anfassen, das wußte er bestimmt, aber die Freude, die er darüber empfand, daß der Kapitän so vergeblich frohlockte und so siegesgewiß einem unvorhergesehenen Abenteuer entgegenging, ließ sein Herz zittern und blitzte aus seinen Augen, die er schon von weitem mit aller Sehkraft auf das Meer gerichtet hielt, sobald es in seinen Gesichtskreis gelangt war. Und bald lag der Strand und das Meer dicht vor ihm. Beide Männer waren zur Stelle, und kurze Zeit nach ihnen langte die sämtliche berittene Mannschaft aus Spyker an.

Auf dem bezeichneten Küstenpunkte ging es heute etwas lebhaft her. Einige zwanzig Männer aus den nahegelegenen Dörfern samt der Strandwache der Franzosen standen am Gestade und betrachteten mit überlauter Teilnahme das große Schauspiel, das sich vor ihren Augen in der Richtung von Arcona auf der so berüchtigten Tromper Wiek entwickelte.

Folgen wir Waldemars Falkenauge und beschreiben wir der Reihe nach die Vorgänge, auf die er sein Augenmerk zunächst richtete. Zuerst, als er vom Pferde gesprungen war, wandte er den Blick nach dem Himmel und überflog ihn prüfend fest und rasch. Der Wind, oder vielmehr der Orkan, kam stoßweise aus Nordosten und mischte sein donnerartiges Brüllen mit dem Wogengebrause, das hohl, klagend und doch schreckenerregend klang. Der Himmel war grau umwölkt, nur wurden an einzelnen Stellen rabenschwarze Wolken nach Süden gerissen, die sich unaufhaltsam spalteten und wieder vereinten, je nachdem der Sturm sie trennte oder zu einander trieb. Die Beleuchtung war daher matt, aber doch hell genug, um alles genau erkennen zu lassen, da es erst etwa fünf Uhr Nachmittags an einem der letzten Tage des Juni war.

Von diesem düsteren, gefahrdrohenden Himmel stieg Waldemars Auge auf das Meer hinunter und hier bemerkte er eine noch drohendere Aufregung. Das ganze Meer, bis zum fernsten Horizonte hin, war mit einem schneeweißen Gischt bedeckt, über dem ein Dampfwirbel feinzerriebener Wassertropfen von beträchtlicher Höhe toste. Dieser Gischt aber brodelte nicht in ruhiger oder ebener Fläche heran, nein er ward bald haushoch emporgeschleudert, bald sank er wieder in ein gähnendes Grab, dessen Tiefe kein menschliches Auge erreichen konnte. An den Strand selbst aber herangespült, überdeckte er mannshoch die gewöhnlichen Ufer und schleuderte die Gewässer so heftig über die Äcker und Waldungen, daß er nicht nur den losen Sand in gewaltigen Stücken fortschwemmte, sondern auch uralte Bäume entwurzelte, zentnerschwere Felsblöcke in tanzende Bewegung setzte und die kleineren Steine, die am Strande lagen, wie Erbsen klirrend durcheinander warf. Wenn man zur Rechten an dem nördlichen Außenstrande von Jasmund entlang sah, wo die Felsen nach Osten allmählig immer höher steigen und sich auftürmen, so gewahrte man, wie das entfesselte Element mit noch wütenderer Anstrengung dagegen tobte, als fühlte es und zürne darüber, daß es sie nicht zertrümmern und zerstückeln, könne. Daher aber donnerte es dort auch um so gewaltiger und strömte unwillig und mit wachsender Wut hochauf schäumend wieder in seine Bette zurück, um, von neuen herangewälzten Wogen getrieben, sich noch einmal zum nutzlosen Angriff zu rüsten.

Als Waldemar alles dies mit fliegendem Blick überschaut und bedacht, richtete er sein Auge nach Nordwesten, wo die hohe Küste Wittows endlich in Arcona auslief, gegen das der rasende Sturm noch heftiger als gegen das flache Ufer der Schabe wütete, die er ganz mit Schaum bedeckte und von Zeit zu Zeit dem Anblick völlig entzog.

Eine halbe Meile ostwärts von Arcona, von Norden nach Süden, also den am Strande von Ruschwitz Versammelten entgegensegelnd, schwebte ein Schiff augenscheinlich in großer Gefahr, denn der volle Nordoststurm traf auf sein Backbord und warf es, ungeachtet aller Anstrengung der Mannschaft, es mehr ostwärts zu bringen, gewaltsam nach Westen hin, also den gefährlichen Dünen der Schabe entgegen, wo an beiden Seiten der Tromper Wiek Sandbänke über Sandbänke in der Tiefe lauern und ihr Opfer, wenn sie es einmal haben, unwiderstehlich halten und rettungslos verderben. Es war ein schön gebauter schlanker Schoner, ein Kriegsschiff, mit zehn Kanonen bewaffnet, jetzt aber nur noch ein Wrack, obgleich sein Rumpf noch unverletzt schien. Aber sein Vordermast war mit einer Menge Menschen schon lange über Bord gegangen und hatte auch ein Boot in die Wellen geschleudert, das man, Arcona gegenüber, bereits zur Rettung eines Teils der Mannschaft in Ordnung gebracht und ausgerüstet hatte. Vor seinem großen Mast, der sich noch mit Mühe aufrecht erhielt, trug es eine Art Sturmsegel, zwar nicht regelrecht aufgehißt, aber in der Not doch immer noch seine Pflicht erfüllend, nachdem es die Gewalt des Windes schon mehrmals zerrissen hatte. Von Zeit zu Zeit feuerte das Schiff Notschüsse ab, aber wie sollte man ihm helfen, da bei diesem Orkan kein Boot mit einem Lotsen herankommen, und wenn er auch glücklich an Bord gelangt wäre, doch das unlenkbare Wrack nicht gegen den Sturm von den Küsten Rügens wegbringen konnte. Der Schnabel des Schoners, der schon sein Klüver verloren, dessen Baum es an dem zerrissenen Takelwerk noch eine Strecke hinter sich herschleppte, war gegen die felsige Küste von Jasmund gerichtet; an dem übriggebliebenen Maste wehte, angstvoll wirbelnd im Sturme und nur selten ganz sichtbar, ein langer Wimpel. Auf der zerbrochenen Gaffel flatterte ein Stück Flagge, dessen Hauptzeichen nicht mehr zu entziffern war und höchstens nur noch einen Lappen roten Tuches erkennen ließ. An den Wanten und dem stehenden Takelwerk des übrig gebliebenen Mastes sah man Menschen angeklammert hängen, während auf der gefährdeten Mars desselben zwei kühne Männer sich bemühten, einige Fetzen Segel zu beschlagen, deren Reefe gesprungen waren und die der Wind zu Schaden des ganzen Schiffes von Zeit zu Zeit aufblähte. Das Schiff selbst schlingerte heftig, sank mit seiner Backbordseite bald so tief in die Wogentäler, daß man seine ganze Steuerbordflanke der Länge nach hoch auf einem Wellenkamm blitzen sah, und stürzte dann wieder mit dem Steuerbord so tief in den Grund, daß man im stande war, sein ganzes Verdeck, das dadurch immer mehr aufgeräumt und in Verwirrung gebracht wurde, zu übersehen. Aber auch stampfend bewegte sich das unglückliche Schiff von Zeit zu Zeit vorwärts, denn man sah bald den Bug mit seinem Rest von Bugspriet hoch emporschießen, als wollte es seine Rettung in den Lüften suchen, bald wieder tauchte er so tief in die Wogen hinein, daß man glauben mußte, er müsse jetzt auf den Grund der See gestoßen sein, da man zeitweise nichts als den Mast mit seinen Trümmern von Takelwerk über dem Schaumkessel schweben sah.

Alle Zuschauer, die zitternd und zagend am Strande standen, blickten mit wachsender Spannung auf das unglückliche Schiff, dessen Schicksal vorherzusehen war, wenn der Sturm nicht bald nachließ oder der Wind eine andere Richtung nahm; die meisten von ihnen bemühten sich, mit ihren gesunden Augen den Gang des Schiffes und seine Manöver an Bord zu verfolgen, so weit dies möglich war; einige aber, unter denen sich Waldemar befand, der stets sein Glas bei sich trug, schauten mit bewaffneten Augen hinüber, waren also besser als jene unterrichtet. Neben Waldemar, der unbeweglich wie eine Säule auf einer erhöhten vorspringenden Uferspitze stand, hielt sich Kapitän Caillard auf, wiederholt fragend, wie es stehe, aber immer noch keine befriedigende Antwort erhaltend. Endlich ermüdet Waldemars Arm, womit er das Glas hielt, er setzte es daher ab und sagte:

»Es steht schlimm, Kapitän, sehr schlimm. Es ist ein schönes Schiff, aber es ist so gut wie verloren, wenn keine höhere Macht hilft. Aus ihren Manövern schließe ich, daß sie ihr einziges Rettungsmittel, ihre Anker, bereits eingebüßt haben, auch sehe ich sie nicht, sonst könnte ich nicht begreifen, warum sie das Schiff nicht festlegen, da der Ankergrund auf ihrem Strich gut ist und selbst im Sturme festhält, vorausgesetzt, daß ihre Ketten stark genug sind, was ich bei einem so stattlichen Kriegsfahrzeuge nicht bezweifle. Ha! Vielleicht wollen sie dem Lande näher kommen, um mit ihren Booten sicherer zu gehen – wenn sich die Herren nur nicht verrechnen und festsitzen, ehe sie es denken.«

»Was für ein Landsmann ist es?« fragte der Kapitän eifrig.

»Es scheint ein Däne zu sein, wenn ich meinem Urteil über die Bauart des Schiffes trauen kann, obgleich ich den Fetzen Flagge bis jetzt nicht genau erkennen konnte – etwas Rotes sehe ich allerdings daran, aber es kann auch ein Engländer sein.«

»Gott gebe das letzte, denn dann wäre es unser Feind! – Wenn er aber ein Däne wäre, wie käme dann Graf Brahe an seinen Bord?«

»Das weiß ich so wenig, wie Sie selber.«

»Kann man ihm auf keine Weise zu Hilfe kommen?«

»Ich kenne keine. Mit einem Boote ohne Segel bei diesem Sturm so weit in die See zu stechen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, und sonst gibt es außer seinen Ankern keine Hilfe.«

»Ha! Sie schießen immer noch – was wollen sie damit sagen?«

»Es sind Notschreie, die ihnen die Verzweiflung auspreßt, aber sie sollten sich keine unnütze Mühe machen, wir sehen sie ja. Auch verschwenden sie ihr Pulver – doch das tut jetzt nichts mehr, es wird doch naß werden, wenn es den Grund der See schaut.«

»Meinen Sie?« fragte der Kapitän, in dessen Geltung der junge Seemann von Augenblick zu Augenblick stieg.

»Es wird alles auf den Grund der See gehen, wenn der Sturm noch eine halbe Stunde so fortwütet, und wenn sie, was ich glaube, ihre Anker verloren haben.«

»Wirklich? O, das ist schrecklich. – Schauen Sie zu, ist es nicht doch am Ende ein Engländer?«

»Ich weiß es nicht, das zersplitterte Takelwerk läßt kein Zeichen mehr erkennen. – Ha, sie rücken verdammt schnell vorwärts, als ritten sie mit dem Winde durch die Luft – zu ihrem Verderben – aber sie kommen näher – an den Felsen Jasmunds werden sie nicht zerschellen.«

»Wo dann, wo dann?«

»Sie werden hier vor unsern Augen auf irgend eine Sandbank laufen, die Sturz- und Stampfseen werden über Bord schlagen, das Schiff auseinanderreißen und Mann und Maus ersäufen.«

»Das darf nicht geschehen, das darf nicht geschehen, wenn meine Flüchtlinge an Bord sind.«

»So hindern Sie es, wenn Sie können. – Aber hier hilft weder der Befehl eines Generals noch eines Admirals.«

»Wie lange kann es noch dauern, ehe es auf die Sandbank gerät?«

»Höchstens noch eine Viertelstunde, dann werden wir mehr oder weniger vom Schiffe sehen.«

»Weniger? Wieso weniger?«

»Weil es bis dahin vielleicht schon unter Wasser liegen wird.«

»Ha! Das macht mich schauern. Dergleichen habe ich nie gesehen.«

»Ich oft genug und bin schon an Bord eines Schiffes in ähnlicher Lage gewesen.«

»Aber Ihr wurdet doch gerettet? denn Ihr lebt.«

»Ja, als das Schiff auf der Sandbank fest saß, gelang es uns, ein Boot flott zu machen, und Gott stand uns bei und trug uns glücklich durch die Brandung.«

»Kann das hier auch geschehn?«

»O ja, wenn es nicht zu weit vom Strande fest gerät, obgleich der Sturm heute beinahe übermächtig ist.«

Der schmächtige Kapitän bewies die Wahrheit dieses Ausspruchs, denn er hielt sich schon lange an einer gewaltigen Buche fest, die ihren Wipfel wild über ihn hin und her schüttelte, aber dem Andringen des Sturmes kraftvoll widerstand, eine Hilfe, deren Waldemar nicht bedurfte, da er mit weit auseinandergebreiteten Schenkeln wie festgewurzelt am Boden stand.

»Es kommt näher!« rief dieser plötzlich. »Es hält sich noch wacker genug – da – geht das Sturmsegel hin.« –

»Was war das?« fragte der Kapitän erschrocken, als eine Art Donnerschlag, aber mit ganz anderem, viel hellerem Gebrüll, als die von Zeit zu Zeit abgeschossenen Kanonen es hören ließen, durch den Aufruhr der Elemente scholl.

»Das war ihr letzter Trost, ihre letzte Hoffnung, um weiterzukommen,« sagte Waldemar; »ihr Not- und Sturmsegel. Der Orkan hat es zerfetzt wie Spreu – da gehen die Lappen über Bord – sehen Sie sie?«

»Ja, ja – was geschieht nun?«

»Nun entwickelt sich die vorletzte Szene. Der Rumpf, der ohne Segel und Maste nur noch ein Wrack ist, treibt willen- und kraftlos gegen die beiden Ungetüme: See und Sturm, gerade Weges auf den Strand – das nennt man vor Top und Takel treiben, Herr Kapitän. Gott stehe ihren Seelen bei!« –

»Wahrhaftig, ist es schon so weit?«

»Noch nicht ganz, aber bald. – Wo haben sie den Pflichtanker – jetzt ist es die höchste Zeit – tausend Schwerenot!«

Das arme Schiff, vom wütenden Sturm und Wogenschlag dem Lande zugetrieben, kam rasch näher in Sicht. Aber es ging nicht in gerader Richtung mehr seinem Schicksal entgegen. Bald schlingernd, bald stampfend, war es ein Spielwerk der Wellen; bald drehte sich sein Spiegel, bald sein Bug landwärts, und immer wiederholt tauchte es unter, von einer Sturzsee nach der andern überspült, was es aber nicht hinderte, immer von neuem aufzutauchen und emporzuklimmen, wie ein ertrinkender Mensch oder ein gewaltiges Tier, das so oft Luft schnappen will, als es geht, ehe es leb- und widerstandslos in die Wassergruft sinkt.

»Es kommt näher und näher,« rief der Kapitän atemlos, »ich sehe die Menschen einzeln schon mit bloßen Augen – was machen Sie da?«

»Ich ziehe meinen Regenrock aus, um besser arbeiten zu können, wenn es not tut.«

»Was wollen Sie arbeiten?«

»Menschenleben retten, Herr Kapitän, wenn die Zeit dazu kommt, und sie kommt bald.«

Der Kapitän warf einen Blick der Bewunderung auf den jungen Mann, der jetzt in seiner kurzen Seemannsjacke, schlank und doch überaus kräftig gewachsen, dicht an seiner Seite stand.

»Können Sie denn heran?«

»Ich muß – wenigstens will ich es versuchen. Da liegt ein vortreffliches Boot mit hohem Bord auf dem Sande, gerade gebaut für solchen Sturm – und, wie Sie sehen, hat man schon alles darin in Stand gesetzt. Männer sind genug hier und in wenigen Minuten rollen wir es hinab ins Meer.«

»Sind Sie sicher, Ihr Leben zu bewahren, wenn Sie das anderer zu retten versuchen?«

»Das kann kein Mensch mit Bestimmtheit vorher sagen. Wie die Sachen hier stehen, ist hundert gegen eins zu wetten, daß Retter und Schiffbrüchige zugleich zugrunde gehen.«

»Aber dann begehen Sie eine Tollkühnheit –«

»Nur eine Pflicht, Herr Kapitän; das ist so Seemannsbrauch.«

Der Kapitän war ganz bleich geworden und hatte schon lange vergessen, seinen schönen Schnurrbart zu drehen, was eine seiner Lieblingsbeschäftigungen war. Aber das Schauspiel auf dem Schiffe zog ihn wieder von Waldemar ab. »Was machen sie da am Bord?« fragte er, auf das Wrack hinweisend.

»Ha! Sie wollen ihren Pflichtanker auswerfen – endlich! Na, es ist die höchste Zeit. Ja, sie haben ihn noch. Alles ist auf dem Buge dabei, Hand anzulegen – auf Steuerbord, sehen Sie? – Da geht er hinab – er faßt – das Schiff schwaiht – nein, o weh! Der Anker ist triftig – das Schiff treibt vor ihm her – nun ist alles vorbei – – ha, sie erkennen es, sie machen die Boote zurecht – das ist verständig – flugs, flugs Leute, Ihr habt nur noch wenige Minuten übrig – dort kommt die wilde Bank – da, ich sag's ja – sie sitzen fest!«

Kaum hatte der Seemann, mit glühenden Augen den Manövern der gefährdeten Schiffer Schritt für Schritt folgend, es ausgesprochen, so sah man den Rumpf des Schiffes vom Kiel bis in die Spitze seines wankenden Mastes erzittern, – eine Bewegung, die alle Sachverständigen am Lande in ihrer eigenen Brust mitzufühlen glaubten – dann aber wie angenagelt auf einer Stelle stehen bleiben. Gleich darauf schwankte der Mast, hing noch einen Augenblick an seiner Backbordwant, dann schlug er über Bord in See, wieder ein Dutzend Menschen mit sich fortreißend. Der Bug drang schon tief in den weichen Sand, die Stampfseen stürzten wild darüber hin, und sein Achterdeck hob sich in die Höhe, als wolle es noch einmal um Hilfe gen Himmel schreien. Aber da gab es keine Hilfe mehr. Von allen Booten, die der Schoner gehabt, war nur das große noch allein übrig und auch das war schon halb mit Wasser gefüllt. Mit Verzweiflungskräften arbeitend, ließ die Mannschaft es hinten am Steuerbord des Achterdeckes hinab, es schwankte neben dem Wrack hin und her, nichtsdestoweniger kletterten und sprangen einige zwanzig Menschen hinein.

»So,« rief Waldemar mit bleichem Gesicht, »das ist vernünftig – aber zu spät – ha, was ist das? Sie kommen nicht wieder empor – weg sind sie, Kapitän, zwanzig Menschen sind wieder weniger auf der Welt – nun ist es Zeit für uns – wollen Sie mit, Herr?«

»Nein, ich danke. Ich bin Soldat zu Lande und nicht zur See.«

»Ich bin zu Zeiten beides!«

Mit diesen Worten sprang Waldemar, voll kühnen Entschlusses, den steilen Uferrand hinab und trat an das Boot, bei dem schon zwanzig Hände hülfreich beschäftigt waren.

»Vorwärts!« schrie er mit einer Donnerstimme, die verständlich durch das Geheul des Windes drang. – »die höchste Zeit ist da! Es sind noch Menschen an Bord – wer geht mit mir – wer, frage ich?«

Acht wackere Männer aus Ruschwitz antworteten, nicht mit ihren Stimmen, wohl aber mit ihren Händen. Von einigen französischen Reitern unterstützt, rollten sie das Boot an die Brandung, die ihnen schon entgegen zu kommen schien, und in wenigen Minuten schwamm es, die kühnen Männer tragend, die lange Riemen ergriffen hatten und mit furchtlosem Sinn, aber gewaltiger Arbeit damit ausstrichen. Waldemar, hinten an der Ruderpinne stehend und sie mit mächtigen Händen umklammernd, lenkte das Fahrzeug den Wogenbergen entgegen, und die erste Welle glücklich durchschneidend, auf dem Rücken der zweiten schon hoch emporgetragen, kam er mit dem Boote immer weiter vom Ufer ab. Bald schwebte es hoch, allen Blicken der am Strande Stehenden erkennbar, bald war es verschwunden, und schon glaubte man, auch dies werde das Schicksal des großen Bootes des Schoners teilen und sein Grab in den Wellen finden. Allein es kam immer wieder zum Vorschein, langsam aber sicher vorrückend: mochte es nun sein, daß es mit größerer Geschicklichkeit gelenkt oder mit ruhigerem Nachdrucke vorwärts getrieben wurde.

Zehn Minuten vergingen den am Lande Stehenden in banger Erwartung, dann aber, in einer Pause, die der abnehmende Sturm, der seine größte Wut ausgetobt hatte, eintreten ließ, sah man, wie es von einem vom Wrack ausgeworfenen Tau an dasselbe herangerissen ward und nun Seite an Seite des versinkenden lag. Es befanden sich nur noch zwölf Mann an Bord, alle Übrigen waren mit den fallenden Masten über Bord gerissen oder mit den weggeschwemmten Booten umgekommen, die man teils vor Arcona, teils hier auf der Sandbank ausgesetzt und verloren hatte. Diese zwölf Männer nun, atemlos, keuchend vor Todesfurcht und übermäßiger Anstrengung, kletterten mit fieberhafter Eile in das rettende Fahrzeug hernieder, und als es sie alle aufgenommen, halfen sie es wieder vom Wrack abstoßen, worauf es mit derselben Ruhe, mit der es gekommen, und mit derselben Umsicht wie vorher gesteuert, dem schon von Schiffstrümmern bespülten Strande zueilte.

Unterwegs erfuhr Waldemar Granzow von den dankbaren Geretteten, daß das gestrandete Schiff der königliche Schoner »Island«, vor wenigen Tagen erst von Kopenhagen ausgelaufen und zum Kreuzen auf der Ostsee bestimmt gewesen sei. Seinen Kapitän hatte er schon bei Arcona verloren, wo derselbe von dem vorderen Mast erschlagen und über Bord gerissen worden, war. Von der Besatzung waren 188 Mann umgekommen und nur zwölf gerettet, die ebenfalls dem Tode verfallen wären, wenn Waldemar nicht den Mut besessen hätte, sie mit eigener Lebensgefahr dem sinkenden Wracke zu entreißen, da sie kein Boot mehr an Bord hatten, nachdem das letzte in der Tromper Wiek zu Grunde gegangen.

Das war die Erzählung, die Waldemar, wie gesagt, schon unterwegs mit halbem Ohre vernahm, denn wenn seine ganze geistige und leibliche Kraft auch nicht von der Führung des Bootes in Anspruch genommen worden wäre, er würde doch nur oberflächlich jenen Worten gelauscht haben, da seine Aufmerksamkeit von dem Augenblick an, wo er an die sinkende Schiffswand gelangt war, auf eine besondere Weise abgelenkt ward. Denn der Mann, der ihm das Tau zugeschleudert, der, als der letzte der lebenden Offiziere an Bord des königlichen Schiffes, auch zuletzt in das rettende Boot gestiegen und durch einen Zufall von Waldemar, der am Helmstock saß, getrennt blieb, dieser Mann war ihm bekannt, und gerade diese Bekanntschaft erschien ihm im gegenwärtigen Augenblick nicht bedeutungslos. Der dänische Steuermann – diesen Rang bekleidete der Gerettete – der, von mancherlei Kummer über den Verlust des schönen Schiffes, der vielen Kameraden und vielleicht auch manches eigenen Besitzes bedrückt, noch kein Wort zu seinem Retter gesprochen hatte, schien Waldemar ebenfalls wieder erkannt zu haben, denn sein bleiches Gesicht haftete mit einem schwer zu schildernden Staunen auf dem Führer des Rettungsbootes, als könne er sich nicht gut die Anwesenheit eines Mannes an einem Orte erklären, den er wegen der anwesenden Franzosen gerade hätte meiden müssen.

Eine Erklärung zwischen beiden fand leider nicht statt und konnte nicht stattfinden, denn als man glücklich gelandet war und das Boot wieder auf den höheren Strand gezogen hatte, mischten sich die Geretteten unter ihre Freunde, die Franzosen, und Kapitän Caillard selbst war es, der sich den einzig übriggebliebenen Offizier des gestrandeten Schiffes vorstellen ließ und eine ziemlich lange Unterredung mit ihm führte, die sich jedoch nicht auf den Grafen Brahe und Waldemar Granzow bezog, da der Kapitän sofort erfahren, daß das dänische Schiff erst am vorigen Tage aus Kopenhagen abgesegelt sei und keinen Fremden an Bord gehabt.

Während dieses Gesprächs schüttelten die Geretteten den Bewohnern von Ruschwitz dankend die Hände, die, obgleich sie jetzt ihre politischen Feinde waren, doch ihr Leben für sie in die Schanze geschlagen hatten; nur Waldemar entzog sich den Äußerungen des Beifalls dadurch, daß er den Fischern einige Andeutungen über die an den Strand geworfene Beute gab, auf welche die ehemaligen Besitzer nach den damaligen Strandgesetzen keinen Anspruch mehr hatten, trotzdem sie noch an Ort und Stelle waren und die Trümmer ihrer Habe nach und nach in kleinen Brocken und Stücken ans Ufer spülen sahen.

Mittlerweile hatte sich der Kapitän satt gefragt; der kalte Sturm, der jetzt, nachdem er sein Opfer empfangen, bedeutend nachgelassen, hatte ihn bis ins Mark durchwühlt, und er sehnte sich nach seiner behaglichen Wohnung, um Fräulein Gylfe seine Heldentat zu berichten, die im ganzen darin bestand, daß er einige Stunden am Strande zugebracht und dem brausenden Winde sich ausgesetzt hatte, um zwei Männer zu fangen, die ihm wider alles Vermuten jetzt abermals entschlüpft waren. Erst als er sein Pferd heranführen ließ, fiel ihm sein früherer Begleiter ein, und er wandte den Kopf nach allen Seiten, um ihn unter den mit allerlei Verrichtungen Beschäftigten aufzusuchen.

Da sah er ihn oben auf dem Strande stehen, wie er mit unterschlagenen Armen an der Buche lehnte, die ihm selbst vorher Schutz geboten hatte. Träumerisch, was sonst nicht seine Art war, blickte er über die wogende See hinaus und haftete mit seinem Falkenauge auf den Trümmern des Schoners, die immer tiefer in ihr nasses Grab sanken. »Das Schiff dort,« sagte er zu sich, »ist gestrandet, der Mann aber, den ich gerettet, ist geborgen. Hat er mich erkannt? Wird er mich verraten? Soll ich das Pferd, das hier neben mir ruhig an den Sträuchern nagt, besteigen und davonjagen, um so rasch wie möglich zu Magnus zu kommen und ihm das neue Unheil zu verkünden? Oder soll ich ruhig warten, bis ich sehe, daß diese Flucht notwendig wird, bis der französische Offizier, der mich heute aus meinem warmen Schutze vertrieben, seinen Schergen einen Wink gibt, sich meiner zu bemächtigen? – Ich werde das letzte tun, denn noch steht er ruhig unter den Leuten da und läßt sich den Hergang ihres Schiffbruchs berichten, und wenn jener Steuermann auch mein Feind, ein Däne ist, so ist er doch ein wackerer Seemann, ich habe ihm das Leben gerettet, und er wird mich nicht verraten, selbst wenn er meinen Namen und mein Gesicht in seinem Gedächtnis bewahrt haben sollte.«

In diesem Augenblick sah er den Kapitän gelassen sein Pferd besteigen und sich dann nach ihm selber umschauen, den er endlich unter der Buche entdeckte. Langsam ritt der Franzose auf ihn zu und sagte lächelnd: » Eh bien, mon ami, beschauen Sie Ihr Werk und haben Sie Lust, noch einmal die Fahrt nach dem Wrack zu unternehmen, um noch Dinge von Wert zu bergen?«

»Nein, Herr Kapitän, ich habe meine Schuldigkeit getan, und um Beute war es mir nicht zu tun. Leider habe ich wenig erreicht, denn beinahe 200 Menschen haben ihr Leben verloren.«

» Parbleu! Ja, aber zwölf haben Sie gerettet, und damit würde ich schon zufrieden sein. Allons, reiten wir nach Hause, Sie triefen von Seewasser, und eine warme Suppe wird Ihnen wohltun. Vraiment, mon ami, Sie haben sie wohl verdient!«.

Waldemar, der seinen Regenrock schon wieder übergeworfen hatte, grüßte auf Seemannsweise und ging dann zu dem grasenden Pferde, machte es zügelrecht und stieg langsam auf, um im Schritt neben dem Kapitän den Rückweg nach Spyker anzutreten.

Diesem fiel seine Schweigsamkeit und seine, ein grübelndes Sinnen ausdrückende Miene auf. Eine Weile dachte auch er über etwas nach, dann wandte er sich nach ihm um und sagte: » Monsieur Forst, ich habe Ihnen heute sagen lassen, daß Sie Ihren Aufenthalt bei Ihrem künftigen Schwiegervater verkürzen sollen. Ihr heutiges Benehmen hat meinen Entschluß geändert, und ich gestatte Ihnen hiermit, so lange auf Spyker zu verweilen, wie es Ihnen beliebt.«

Hatte der Kapitän erwartet, dieses großmütige Zugeständnis werde den jungen Mann in eine freudige Stimmung versetzen, so hatte er sich geirrt. Waldemar schwieg noch einige Augenblicke, dann aber sagte er in seiner gewöhnlichen ruhigen Weise, die jedoch mit einiger Bitterkeit gemischt war:

»Ich danke, Herr Kapitän; aber Ihr heutiger Befehl, den Sie mir durch den Kastellan zugefertigt haben, stimmt zu sehr mit meiner eigenen Neigung überein, als daß ich ihn nicht ungeachtet Ihres Widerrufs befolgen sollte. Es lag in meiner Absicht, schon morgen oder übermorgen von Spyker zu scheiden und nach Greifswald zurückzukehren, wo ich meine Studien fortsetzen will, die ich aus Liebhaberei begann, da ich in diesen Kriegszeiten meinen Beruf nicht erfüllen kann. weil Deutschland keine Marine hat.«

» Eh bien! Tun Sie, was Ihnen beliebt. Das Vernünftigste, was ein junger Mann, wie sie einer sind, in diesen Zeiten tun kann, ist, zu studieren und sich nicht um die Streitigkeiten der Nationen zu kümmern. Wenn alle Deutschen so klug gewesen wären, würden sie von den Franzosen nicht für ihren Übermut gezüchtigt worden sein.«

»Hm!« dachte Waldemar. »Der Deutschen Übermut also war es, der die Franzosen über den Rhein rief? Das ist eine neue Auslegung der neuesten Kriegsgeschichte – und sie ist würdig, von deutschen Bajonetten und Kanonen beantwortet zu werden. Geduld! Wer sieht dem Himmel an, ob er morgen Regen oder Wind bringt, und leicht könnte es geschehen, daß über kurz oder lang auch ein Ungewitter über Frankreich hereinbricht, wie diese Herren es jetzt über uns gebracht haben.«

So ritten die beiden Männer schweigend dem Schlosse von Spyker zu, in dem sich während ihrer Abwesenheit eine Szene ereignet hatte, die weder Waldemar noch der Kapitän ahnen konnte, und zu deren Beschreibung wir uns jetzt wenden wollen.

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