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Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band - Kapitel 9
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Dritter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
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Achtes Kapitel.

Der neue Kerkermeister.

Acht Tage vom September waren schon verstrichen, der brave Dübois war, nachdem er herzlichen Abschied von Waldemar genommen und ihn zur Geduld ermahnt, abgereist und mit ihm zugleich waren leider mancherlei Bequemlichkeiten, die sich allmählich durch seine Nachsicht eingeschlichen, den Gefangenen wieder entzogen worden, trotzdem er bestimmte Befehle hinterlassen und eine gewisse menschliche Milde in der Behandlung derselben empfohlen hatte. Was Waldemar aber am meisten vermißte, war die Fortsetzung der Korrespondenz mit Magnus, die Mr. Dübois in seiner fast allzu weit reichenden Gefälligkeit persönlich vermittelt hatte und die nun bei den neuen Verhältnissen um so weniger ausführbar war, als der alte wohlwollende Gefängniswärter, ein geborener Rügianer, tödlich krank darniederlag und ein kaiserlicher Soldat einstweilen seine Stelle versah, bis der neue Kerkermeister, den man schon seit mehreren Tagen angekündigt hatte, in sein Amt getreten sein würde.

Von den Eltern und Hille hatte Waldemar seit jener ersten und einzigen Nachricht, die ihm Mr. Dübois überbracht, nichts weiter erfahren, so sehnlich er auch von Tag zu Tage eine weitere Mitteilung oder die Kunde erwartete, Hille selbst sei, wie sie versprochen, in Bergen eingezogen.

So kam es denn, daß er mit einer gewissen ungeduldigen Hast das raschere Schwinden der Tage herbeiwünschte, und jede Nacht, wenn er sich auf sein, jetzt mit reiner Wäsche und wärmeren Decken versehenes Lager zum Schlafen niederlegte, war er beglückt, daß wieder eine Spanne Zeit verflossen, er also seinem endlichen Ziele, der Flucht näher gekommen sei, denn daß er dieselbe versuchen würde, stand bei ihm fest, wenngleich er noch keine Ahnung hatte, wie und wodurch er sie bewerkstelligen sollte. Allein, darüber beunruhigte er sich weiter nicht, seine Hoffnung schwankte ebensowenig wie sein Mut, daß zu geeigneter Zeit irgendwoher ein Beistand erscheinen und ihn seiner Haft entreißen würde, die er gewissenhaft bis zu dem festgesetzten Tage innezuhalten entschlossen war, wie er es dem wackeren Dübois mit Hand und Mund gelobt hatte.

Von dem Soldaten, der ihn täglich dreimal besuchte und die notwendige Speise brachte, die seit der Abreise jenes und der Erkrankung des Kerkermeisters sehr dürftig geworden war, erfuhr er auf Befragen, daß sein Mitgefangener gesund sei und sich die Zeit vor wie nach mit Lesen und Schreiben vertreibe, weiter aber konnte er nichts erforschen. Am 10. September endlich, abends um 8 Uhr, als der Soldat dem Gefangenen zum letzten Mal eine Suppe und frisches Wasser brachte, sagte er aus freien Stücken, daß er vom nächsten Tage an nicht mehr kommen würde, da der neue Kerkermeister eingetroffen, auf ein Vierteljahr probeweise angestellt sei und sofort sein Amt selbst übernehmen werde; der alte aber läge im Sterben und werde den Sonnenaufgang nicht mehr erleben, weshalb man ihn auch in eins der improvisierten Hospitäler gebracht habe.

Waldemar nahm diese Nachricht wie alle übrigen, die ihm in der letzten Zeit zugekommen waren, mit Gleichmut hin. Was kümmerte ihn der neue Kerkermeister, von dem er ebensowenig wußte, wer er war, wie er sich von ihm mehr als von dem alten versprach. Er ging daher ruhig zu Bett, gedachte im Gebete aller seiner Lieben und bat Gott nur um das eine: die Zeit schneller verfließen zu lassen, damit der Tag, bis zu welchem sein Ehrenwort verpfändet war, bald erscheine und ihm die Freiheit gebe, die er auf diese oder jene Weise zu erlangen die sicherste Erwartung hegte.

Er schlief wie immer auch diese Nacht sehr gut und erwachte etwas spät. Es war ein trüber, unfreundlicher Morgen, der durch die kleinen vergitterten Scheiben des elenden Gefängnisses nur sehr wenig Licht fallen ließ. Vom heftigen Winde herabgeworfen, prasselten die Ziegel von den benachbarten Dächern und die von den zunächst stehenden Bäumen losgerissenen Blätter wurden heftig gegen das Fenster geschleudert. Zwischen den engen Gassen der Stadt aber heulte der Nordwester mit so schaurigen Tönen, daß es wie ein Klageruf klang, den die Natur über die kurze Dauer eines nordischen Sommers ausstieß.

Waldemar hatte sich an seinen kleinen dem Fenster nahe gerückten Tisch gesetzt und eine französische Zeitung zu lesen angefangen, die ihm vier Wochen später, als sie erschienen, von dem wachthabenden Offizier bisweilen gesandt wurde, nachdem Mr. Dübois denselben zu dieser Gefälligkeit veranlaßt hatte. Waldemar suchte eifrig in dem abgegriffenen und teilweise zerrissenen Blatte, ob er nicht irgend etwas finde, was auf seine Lage Bezug haben könne, aber er fand nichts als die gewöhnlichen schwülstigen Tiraden über die Macht des glorreichen Kaisers, die Folgen seines glücklichen österreichischen Feldzuges und unbestimmte Andeutungen über neue Kriege, die sich im Schoße des Unheil gebärenden Kaiserreichs mit wucherischer Fülle erzeugten, wie ja das Unkraut immer das lebhafteste Wachstum zeigt. In diesem Augenblick rasselten die Riegel im Vorsaal, die Tür wurde geöffnet und ein kleiner Mann, in die gewöhnliche Tracht eines Spießbürgers der damaligen Zeit gekleidet, trat herein, um sich sogleich neugierig in dem düsteren, Räume umzublicken und seine funkelnden Augen mit einer gewissen Hast auf den Gefangenen zu richten. Waldemar, an dergleichen Störungen gewöhnt und in sein Studium vertieft, schaute erst vom Tische auf, als er eine Stimme vernahm, die mit einem ihm wenig bekannten Tone dicht an seiner Seite die Worte sprach: »Guten Morgen, Herr Granzow!«

Der Angeredete erhob den Kopf und faßte den Fremden ins Auge, der sich ihm sofort als der neue Kerkermeister vorstellte und demgemäß das übliche Frühstück auf den Tisch niederlegen wollte.

»Ah, Ihr seid es,« sagte der Gefangene. »Also Ihr habt den Alten abgelöst und werdet mir nun die Nahrung bringen. Gut, ich danke Euch, setzt es nur hierher. – Was habt Ihr da?«

»Einen Brief, Herr,« erwiderte der kleine Mann mit auffallend leisem Stimmtone, zu dem er sich sichtbar zwang, da er von der Natur einen starken Baß und ziemliche Kraft, ihn zu gebrauchen, erhalten hatte.

»Einen Brief? Von wem ist er, und wie kommt Ihr dazu?«

»Pst! Wie ich dazu komme? Er ist von Ihrer Cousine, Hille Vangerow mit Namen, die mich gebeten hat, ihn in Ihre Hände zu legen.«

»Ha!« rief Waldemar und sprang von seinem Schemel auf. »Steht Ihr mit Hille im Bunde und kann ich Euch trauen?«

»Ich wüßte nicht, wem Sie trauen sollten, wenn nicht mir, der ich nicht aus Mangel an Lebensunterhalt oder aus eigennützigen Absichten, sondern allein aus dem Grunde hierhergekommen bin und das erbärmliche Amt eines Kerkermeisters angenommen habe, um mich Ihnen dankbar zu erweisen.«

Bei diesen Worten wurde Waldemar aufmerksamer als vorher; er erhob sein Auge und ließ es forschend auf dem kleinen Manne ruhen, der ihm schon etwas bekannter vorkam, obgleich er noch nicht wußte, wo und wann er ihn gesehen hatte, da ihre frühere Bekanntschaft ohne Zweifel eine sehr flüchtige gewesen war.

»Ja, ja,« fuhr der Fremde fort, »sehen Sie mich nur an. Wer bin ich, und wo haben wir uns schon gegenübergestanden?«

»Das weiß ich nicht, mein Freund, helft mir ein wenig.«

»Sie haben ein kurzes Gedächtnis, aber freilich, Sie haben mich auch nur wenig und in Augenblicken gesehen, wo Ihr Auge anders und zu ernsthaft beschäftigt war, um sich mein dummes Gesicht einzuprägen. Außerdem trug ich damals meine eigentliche Kleidung, und diese habe ich mir nur zum Schein angelegt. Ha, Herr Granzow, ich sehe, Sie merken es nicht, so muß ich es Ihnen denn selber sagen. Wer war der Mann, der Sie in Spyker den Franzosen verriet, aber wahrlich nicht in der bösen Absicht, Ihnen zu nahe zu treten, sondern allein um Ihnen zu danken, daß Sie ihm das Leben gerettet hatten?«

»Ha, der dänische Steuermann!« fuhr es Waldemar rasch über die Lippen.

»Ja, der dänische Steuermann, ein Feind, und doch ein redlicher und dankbarer Mann, wie der beste Freund!«

»Warum sollte es unter den Dänen nicht ebensogut Wackere geben wie unter andern Nationen?«

»Nun ja, warum nicht? Dänemark führt aber mit Schweden Krieg und ficht auf der Seite der Franzosen. Nur eigentlich deshalb möchten Sie ein Vorurteil gegen uns haben. Aber das ist nicht meine Schuld, Herr, ich gehe dahin, wohin ich von meinem Herrn geschickt werde.«

»Wer schickt Euch aber hierher?«

»Mein Herz, Herr, denn ich bin augenblicklich außer Dienst, seitdem ich mein Schiff verloren habe. Als Sie von Spyker geflüchtet waren, durch meine Schuld, denn ich war voreilig und dumm, hatte ich keine Ruhe mehr daselbst. Ich hörte, daß Ihre Eltern in Sassnitz leben, und so ging ich dahin, um ihnen meinen falschen Griff zu klagen und mich selbst zur Buße zu stellen. Da blieb ich denn einige Zeit und lernte Ihren Vater kennen und achten, und Ihre andern Verwandten nicht minder. Ach, da sah ich die große Liebe zu Ihnen und den vielen Jammer, den ich über die alten Herzen gebracht, und es tat mir selbst im Herzen weh, daß ich so unvorsichtig gehandelt. So beschloß ich denn, Sie aus der Patsche, in die ich Sie gegen meinen Willen gebracht, auch wieder herauszureißen, wie und wann es nur ginge. Da kam just der alte Herr, der Franzose, nach Sassnitz und brachte Nachricht von Ihnen, nachdem auch die Reiter Ihrem väterlichen Hause wieder abgenommen waren. Als der Herr fort war, trat die schöne Hille herbei und sagte zu mir: »Niels Ebsen, jetzt ist die Zeit gekommen, wo Ihr Waldemar Granzow helfen könnt. Mr. Dübois hat uns gesagt, wie die Dinge in Bergen stehen, und daß man einen anderen Kerkermeister suche, da der alte krank und elend geworden. Gehet also hin und meldet Euch, es werden sich nicht viele Männer auf Rügen zu dem traurigen Posten finden.« Ich aber, voller Sorge, man werde mich nicht ohne weiteres annehmen, da ich ein Ausländer bin, lief nach Spyker und ließ mir eine Bescheinigung geben, daß ich sie den Franzosen verraten, und mit diesem Schein meldete ich mich hier bei dem Kommandeur, und man nahm mich an, in der Meinung, keinen besseren und aufmerksameren Wächter für Sie zu finden.«

»Mann!« rief Waldemar verwundert, »Ihr seid ein hochherziger Mensch und adelt Eure ganze Nation. Wenn ich Euch nicht schon lange verziehen hätte, daß Ihr mich aus Spyker vertrieben, jetzt würde ich es von ganzem Herzen tun und mich Euch sogar zu großem Danke verpflichtet fühlen.«

»Oho! Da wäre mir zu viel Ehre geschehen, denn ich habe nur meine Schuldigkeit getan. Ihre Cousine aber ist nun auch nach Bergen gekommen und wohnt beim Müller Dalwitz, soll ich sagen. Mit ihr in Gemeinschaft, denn sie ist ein kluges und kühnes Mädchen, werde ich daran arbeiten, Sie zu befreien, und es sollte mich wundern, wenn mir das nicht bald gelänge, da ich die Schlüssel zu dieser ganzen Baracke in Händen habe.«

»Mann, das wollt Ihr? Und bedenkt Ihr nicht, welcher Gefahr Ihr Euch dabei aussetzt?«

»Was – Gefahr! Die schert mich nicht, ich bin oft genug in Gefahr gewesen, um ihr drohendes Gesicht nicht zu fürchten, und diese hier ist nicht groß genug, um mich abzuschrecken.«

»So nehmt noch einmal meinen Dank, aber zugleich den Bescheid, daß ich vor Anfang des nächsten Jahres an keine Flucht denken kann.«

Der Däne machte ein erstauntes Gesicht. »Und warum denn nicht?« fragte er.

»Weil ich mein Ehrenwort gegeben habe, bis dahin keinen Fluchtversuch zu unternehmen.«

»Wem haben Sie es denn gegeben?«

»Mr. Dübois, der sich mir als ein Freund in der Not erwiesen hat.«

»Ha! Einen Franzosen, der Ihr natürlicher Feind ist, nennen Sie Ihren Freund?«

»Ja; und ich halte auch einem Feinde mein Wort, wenn ich es ihm einmal gegeben.«

Der Steuermann verneigte sich, als wolle er Waldemar damit seine Achtung beweisen. »Ich muß gestehen,« sagte er, »das ist mir neu, aber ich kann es wenigstens begreifen. Sprechen wir also ein andermal darüber, denn jetzt muß ich gehen, sonst fällt der Wache mein langes Verweilen bei Ihnen auf. So oft ich aber komme, wollen wir unser Gespräch über diesen Punkt fortsetzen. – Haben Sie noch einen Wunsch für jetzt?«

»Ja, einen sehr ernsten. Behandelt den Grafen Brahe wie mich und verschafft ihm alle Erleichterungen, die Ihr ihm verschaffen könnt.«

»Das versteht sich von selber, davon haben wir im Kiekhause schon oft genug gesprochen, ich kenne das Verhältnis. Wenn Sie nun aber können, beantworten Sie noch heute diesen Brief, da ich Ihr Schreiben schon morgen zu dem Müller tragen möchte, wo jemand ist, der es sehr lebhaft erwartet.«

Waldemar reichte dem neuen Kerkermeister die Hand und dieser verließ ihn. Jetzt erst hob sich unserm Freunde die Brust höher und freier auf, es hatte sich wieder jemand gefunden, der ihm und Magnus Hilfe brachte. Einen dankbaren Blick warf er zu dem trüben Himmel empor, hinter dessen Vorhang das große Auge Gottes auch heute wachte, und dann öffnete er Hilles Schreiben, das ihm mit andern Worten dasselbe sagte, was ihm Niels Ebsen eben mitgeteilt hatte, schließlich aber hinzufügte, daß es dem älteren Piesing gelungen sei, in einer der nächsten finsteren Nächte nach Magnus' und Waldemars Gefangennahme mit Gingst und Jochen denselben Weg, den sie gekommen, zurückzulegen und daß alle drei Männer wohl geborgen in der Heimat seien, nachdem sie das Boot in Arcona abgeliefert hätten. Vor einigen Tagen sei sogar der jüngere Piesing, der ebenfalls gefangen genommen, mit einer derben Zurechtweisung aus Bergen entlassen, indem er sich dahin ausgeredet, daß er nicht gewußt habe, woher die Flüchtlinge gekommen, und daß er allein in Folge des Versprechens einer guten Bezahlung die Fahrt mit ihnen angetreten habe.

Durch diese Mitteilung fühlte sich Waldemar sehr beruhigt, denn schon lange war er über das Schicksal der Männer in Sorge gewesen, die sich ihm zu Liebe einer so großen Gefahr unterzogen hatten.

Sobald er daher vor Freude zur Ruhe kommen konnte, setzte er sich nieder und beantwortete Hilles Brief, dankte ihr wiederholt für ihre Sorgfalt und teilte ihr dann mit, daß er vor dem ersten Januar nicht aus Bergen fliehen könne. Diesen Brief wie alle späteren trug der neue Kerkermeister pünktlich an Ort und Stelle, und so war eine Korrespondenz eingeleitet, die dem Gefangenen nicht nur die Zeit verkürzte, sondern auch außerordentlich zu seiner inneren Zufriedenheit beitrug, da er aus allem, was ihm geschah, erkannte, daß Gott sein Gebet erhört und also auch darin wieder ihm seine alte Gnade zugewendet habe.

Von dieser Zeit an begann nun überhaupt das Leben den Gefangenen wieder seine Lichtseite zuzukehren, denn der dankbare Däne begnügte sich nicht damit, ihnen alle in seiner Hand liegenden Erleichterungen zu verschaffen, ihre Briefe unter sich und an andere zu befördern, sondern er machte es auch zuweilen möglich, sie eine Stunde in der Nacht, wenn die Wachen schliefen, zusammenzuführen, wo Waldemar sich denn jedesmal mehr und mehr überzeugte, daß Magnus trotz der seinerseits aufgewandten Trostgründe und der im allgemeinen günstiger gestalteten äußeren Lage fortfahre, bei seinen Visionen zu beharren, bis jenem endlich die Kraft schwand, dagegen aufzutreten. So sah er sich denn leider genötigt, dem traurigen Gemütsverfalle seines Freundes freien Lauf zu lassen, da er ihm unter den obschwebenden Verhältnissen nicht den sichtbaren Beweis liefern konnte, daß er sich im Irrtum befinde, daß die Besorgnisse seiner Seele nur wesenlose Träumereien und Ausgeburten einer zügellosen Phantasie seien, die mit seinem ruhigen Verstand durchginge, um sich auf dem Felde des Wahns in schrankenloser Weise zu tummeln und zu überstürzen.

So verstrich der September, der Oktober und November, und der Dezember war mit seiner winterlichen Spende gekommen und hüllte die ganze Natur in seinen weißen Mantel ein. Im Innern der Gefangenen war keine große Veränderung vorgegangen, nur steigerte sich Waldemars Verlangen, frei zu sein und wieder den Atem Gottes zu trinken, der ihm so lange versagt gewesen war, von Stunde zu Stunde. Äußerlich hatte sich allerdings manches anders gestaltet, von dem wir einiges wenigstens hier erwähnen müssen.

Wie Mr. Dübois schon angedeutet, waren zwischen Frankreich und Schweden Friedensunterhandlungen eingeleitet worden, aber da beide Mächte vielerlei Bedingungen stellten und keine von ihnen die Forderungen der anderen willig zugestehen wollte, so zogen sie sich in die Länge, und alle dabei Beteiligten litten mehr oder minder darunter. Daß man von oben her an Wiederherstellung des Friedens arbeite, war niemanden verborgen geblieben, selbst die Kinder erzählten es sich auf den Straßen, und allgemeines Frohlocken tönte daher von einem Ende bis zum andern auf der so arg mitgenommenen Insel. Auch Waldemars Verwandte hatten neuen Mut gefaßt und gaben sich der süßen Hoffnung hin, daß man, sobald der Friede abgeschlossen sei, die Gefangenen in Freiheit setzen und ihnen wieder zurückgeben werde. Daß dies eine traurige Täuschung war, mochte und konnte freilich niemand den guten Leuten vorhersagen, leider aber sollten sie es endlich erfahren, und Hille war wieder die erste, die den Gefangenen in einem heimlichen Schreiben von den Gerüchten Kenntnis gab, die sich von Stralsund aus bis zu ihrem einsamen Häuschen verbreitet hatten.

Diese Gerüchte nämlich sagten aus, daß zwischen den feindlichen Mächten in Betreff der politischen Gefangenen endlich ein Vertrag zustande gekommen und daß man von französischer Seite gesonnen sei, denselben unverkürzt in Ausführung zu bringen. Die in Stralsund Eingekerkerten sollten nach Frankreich und die in Rügen Verhafteten nach Stralsund gebracht werden, von wo man sie jedenfalls bald weiter nach Westen transportieren werde. Dafür werde Frankreich Pommern und Rügen herausgeben, Schweden aber die Schenkungen der Domänen an französische Untertanen anerkennen, und zwar, wie es hieß, zu gunsten der im Lande Ansässigen, die sie von den Besitzern selbst wieder gepachtet hatten.

Wieviel von diesem Allen der Wahrheit entnommen war, hat uns die Geschichte aufbewahrt. Die Anerkennung der verschenkten Domänen war eine Tatsache, über die Fortschaffung und Preisgebung der Gefangenen aber war man im Irrtum, nur hatte sich Napoleon ausbedungen, dieselben so lange unter Verschluß zu halten, als seine Truppen selbst in Pommern und Rügen ständen, wogegen es den Schweden freistehen sollte, sie ihrer Haft zu entlassen, sobald sie wieder in faktischem Besitz ihres Landes sein würden. Nur die Ausländer behielt sich Napoleon vor und diese, obwohl es nur sehr wenige waren, wurden in der Tat noch vor Ablauf des Jahres 1809 nach Frankreich abgeführt.

Was Magnus und Waldemar anbetrifft, deren Schicksal wir hier allein verfolgen, so hatten sie also von Hille und Niels Ebsen die irrtümliche Mitteilung erhalten, daß ihre Abführung wahrscheinlich im Anfang des Januar bevorstehe, und Hille drängte deshalb von Tage zu Tage mehr, die Flucht zu bewerkstelligen, deren Einzelheiten von ihr schon längst eingeleitet und mit einigen hilfreichen Freunden verabredet waren. Magnus aber sowohl wie Waldemar wiesen jede ihrer Aufforderungen zur Eile zurück und hatten selbst den zweiten Januar als den Termin ihres Ausbruchs bezeichnet, da erst an diesem Tage die Frist vollständig abgelaufen war, für deren Innehalten sie ihr Wort gegeben hatten, und von welcher abzugehen sie sogar auch dann nicht geneigt waren, als man in Erfahrung gebracht, daß Mr. Dübois plötzlich aus Pommern abberufen und ein strengerer Mann an seine Stelle gekommen sei.

Diese Strenge sollte sich auch sehr bald im Gefängnis zu Bergen den Eingekerkerten fühlbar machen. Sobald der neue Herr sein Beaufsichtigungsamt übernommen hatte, untersagte er die Verabreichung aller politischen Blätter, überhaupt jedes Buches an die Gefangenen, und ebensowenig sollten sie Schreibmaterialien erhalten, da ihre Haft sonst keine Strafe wäre und dergleichen Menschen, – nach seiner Meinung – von ihrer Zelle aus nur ihre Freunde und Bekannten gegen die bestehende Ordnung der Dinge aufzuwiegeln pflegten. Ferner fand er das Essen zu gut und die Stuben zu warm geheizt. »Dergleichen Leute, wie wir da oben haben,« sagte er, »darf man weder zu gut nähren, noch ihnen eine heiße Stube geben. Das eine schadet ihren Hütern, das andere ihnen selbst.« Ersteres mache sie überkräftig und zum gewaltsamen Ausbruch geneigt, letzteres verweichliche sie nur, da sie durch ihr unstätes Leben an die Frische der freien Luft gewöhnt seien.

Diese Befehle waren nun zwar gegeben und bekannt gemacht, aber sie wurden so wenig befolgt, wie alle übrigen, die der gestrenge Herr erließ, so weit sie wenigstens im Bereiche der Machtvollkommenheit Niels Ebsens lagen. Denn dieser brachte nicht allein vom Müller Dalwitz allerlei Bücher, Schreibmaterialien und gute Bissen herbei, sondern er schmuggelte auch Brennmaterial die Fülle ein, so daß die Gefangenen in dieser Beziehung sich über keinen Mangel beklagen konnten.

Am 31. Dezember 1809, der endlich herangekommen war, brachte Niels Ebsen ihnen den letzten Brief von Hille, in welchem die Art und Weise, sowie das vorläufige Ziel ihrer Flucht genau angegeben war. Um Waldemar noch mehr anzuspornen, das Gefängnis in Bergen so bald wie möglich zu verlassen, gab sie vor, gehört zu haben, daß am dritten Tage des neuen Jahres die Gefangenen nach Stralsund abgeführt werden sollten, und allerdings kreiste ein solches Gerücht an verschiedenen Orten der Insel. Er müsse daher eilen, die vorhandenen Mittel zu benutzen, und sich retten, so lange es noch Zeit sei. Auf dem Hofe des Müllers, zu dem die Befreiten zunächst flüchten sollten, ständen zwei Pferde bereit, die der alte Schwede zu diesem Behufe schon vor acht Tagen gesandt hätte. Auf diesen Pferden sollten sie nach Pulitz reiten, wo alle Anordnungen zu ihrer Aufnahme getroffen seien, da der derzeitige Besitzer der Insel seit langer Zeit abwesend, überhaupt nur noch insofern Besitzer sei, als er die Pachtgelder in Empfang nehme, die Adam Sturleson unter seiner Adresse nach Kassel schickte, wo er damals lebte. In Pulitz selbst würden sie willkommen sein und so lange verweilen können, bis entweder der Friede wirklich geschlossen und die Franzosen die Insel verlassen hätten oder, falls sich dies noch verzögere, bis sie eine sichere Gelegenheit fänden, nach Schweden zu segeln, wofür namentlich Niels Ebsen zu sorgen versprochen hatte. Von Bergen aus könnten sie direkt nach Pulitz reiten, da der starke Frost alle Binnengewässer mit dickem Eise belegt habe, und auf diese Weise würden sie, wenn sie den Weg nördlich um den Rugard herum nach Buschwitz einschlügen, in einer halben Stunde in Sicherheit sein. Dafür, daß die französischen Wachen im Gefängnisse zu Bergen anderweitig beschäftigt würden, hätte man Sorge getragen, und Niels Ebsen könnte Waldemar, wenn er es wissen wollte, das Nähere berichten.

Nachdem Waldemar diesen Brief wohl zehnmal gelesen und ihn sich tief eingeprägt hatte, zerriß er ihn in kleine Stücke und gab sie Niels Ebsen, damit er selbst diese verbrenne. »Wie aber werden wir aus dem Hause kommen?« fragte er den entschlossenen Dänen, der ihn jetzt öfter besuchte, um ihn zur Flucht zu spornen, was, nach Hilles Meinung, durchaus nötig war, aber in der Tat keiner weiteren äußeren Anregung bedurfte. »Wie werden wir die Wachen täuschen, die das ganze Haus füllen und selbst die Straßen belagern?«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Herr Granzow; wenn Sie es aber wissen wollen, will ich Ihnen sagen, daß ich schon einige Tage an der Komödie gearbeitet habe, und daß sie, sozusagen, fix und fertig ist. Ich habe den dummen Kerlen, die so gern Grog saufen wie die Russen und Schweden, vorgeredet, ich habe eine unverhoffte Erbschaft gemacht, und das haben sie mir aufs Wort geglaubt, da ich ihnen die blanken Taler vorgezeigt, die mir Ihre Cousine dazu gegeben.«

»Hille? So! Gut, Weiter!«

»Da es nun so bitter kalt ist, was die Franzmänner eben nicht lieben, so habe ich ihnen drei Tage lang einen Napf Grog verheißen, und heute abend werden sie den ersten trinken, dessen Portion groß und stark genug sein soll, denn ich werde ihn so steif machen, wie ihn unsere Kapitäne auf der See trinken. Da nun nicht alle von der Wache zugleich an diesem Labsal teilnehmen können, so wird die zweite Hälfte morgen an die Reihe kommen, und da sie dann sämtlich die Probe genossen, werden sie übermorgen begierig sein, den Rest zu genießen, und so müßte es mit dem Teufel zugehen, wenn ich sie nicht zehn Minuten lang vom Hausflur und den Türen, die sie bewachen, weglocken sollte. Haben wir sie erst so weit, so begebe ich mich zu dem Herrn Grafen und Ihnen und bringe weiche Socken, die auch Ihre Cousine besorgt hat. Auf diesen folgen Sie mir vor die Tür, die ich offen lassen werde, damit die Wachen, die in der Wachtstube sitzen und trinken, ungehindert aus und eingehen können. So schlüpfen Sie auf den Marktplatz, halten sich von der Hauptwache fern, deren Lage ich Ihnen schon genau beschrieben habe, und schlagen den Weg nach des Müllers Hause ein, wo die Pferde bei der Hand sein werden. Dann auf und davon, heidi! kein Mensch von allen diesen hier soll Sie wiedersehen, oder ich heiße nicht Niel Ebsen mehr.«

»Gut, das läßt sich hören. Aber wo bleibt Ihr, wenn Ihr uns fortgeholfen habt, denn Ihr werdet Euch nicht von dem Verdachte freimachen können, um unsere Flucht gewußt zu haben?«

»Das ist auch meine Absicht gar nicht. Aber darum bekümmern Sie sich nicht, Herr; Sie haben auch nicht an sich gedacht, als Sie mich aus dem versinkenden Schiffe holten.«

»Warum nicht, Euer Schicksal liegt mir am Herzen, und ich möchte gern wissen, ob auch für Euch gesorgt ist.«

»Vortrefflich, Herr, und um es Ihnen zu sagen, werde ich folgendes tun. Könnte ich reiten, so würde ich mich auch auf ein Pferd setzen und mit Ihnen nach Pulitz jagen. Da ich es aber nicht kann, sondern bei dem ersten Schritt der munteren Tiere im Schnee liegen würde, so werde ich etwas langsamer aber viel sicherer hinterhergehen und mich so lange in Pulitz einquartieren, bis ich Gelegenheit finde, nach den Inseln hinüberzukommen, wo meine Heimat ist, und ich Frau und Kinder habe. Der Herr Graf hat mir zwar eine Anstellung auf seinem Schlosse versprochen, wenn ich hier bleiben wollte, aber ich ziehe die Heimat vor und nehme schon mit seinem bloßen guten Willen vorlieb.«

»Nun, seine und meine Dankbarkeit wird Euch auch dort zu erreichen wissen. So geht also und setzet alles ins Werk. Um welche Zeit wird Euer Fest beginnen?«

»Um neun Uhr, damit sie um Mitternacht voll und dick sind; ich habe mir das ungefähr so ausgerechnet.«

»So geht, und es bleibt bei der Verabredung.«

*

Niels Ebsen hielt Wort, und schon an diesem Tage gelang es ihm, die Wachen aus dem Hause nach der Trinkstube zu locken und sie dort eine Weile angenehm zu beschäftigen. Das Getränk, vortrefflich gemischt und stark gewürzt, mundete ihnen, und da sie am nächsten Tage keinen schlimmen Erfolg von ihrer Dienstnachlässigkeit sahen, so gaben sie sich am zweiten Tage dem süßen Genusse noch viel gieriger hin. Für den dritten Tag nun war ihnen der Schluß der Festlichkeiten verheißen, und Niels Ebsen hatte eine noch größere Portion versprochen, wenn sie sich alle hübsch ruhig dabei verhielten, damit ihm kein Nachteil aus seiner Bewirtung erwachse. Das versprachen sie denn auch, und zur ewigen Erinnerung an diese drei schönen und genußreichen Tage tranken sie insgesammt schon am ersten Januar Brüderschaft mit dem gastfreien Dänen, der, obgleich nur ein Kerkermeister, doch ein verteufelt umgänglicher Bursche und braver Kamerad war.

So brach denn der zweite Januar des Jahres 1810 an. Es war ein bitter kalter Tag, das Thermometer zeigte schon am Morgen vierzehn Grad Kälte. Alle Straßen und Wege waren mit fußhohem Schnee bedeckt und dieser steinhart gefroren, so daß er unter den Füßen der Gehenden knirschte. Die Binnengewässer, selbst der große Jasmunder Bodden, waren mit zwei Ellen dickem Eise belegt, so daß die schwersten Wagen darüber fuhren, was bei der ganzen Bevölkerung eine große Freude hervorrief, da ihr somit eine Bequemlichkeit zu Gebote stand, die sie nur selten auf den überall mit Wasser umgebenen Eilanden genießen konnte.

Waldemar, der keine Ruhe mehr in dem engen dumpfigen Räume hatte und nach frischer Luft und Bewegung Verlangen trug, schritt den ganzen Tag über im Zimmer auf und ab, innerlich jubelnd und jauchzend und doch sich äußerlich männlich beherrschend, wie es seine Gewohnheit war. Magnus dagegen saß am Fenster, starrte gedankenlos nach dem trüben Himmel empor, als suche er dort den Stern, der in seiner Brust längst untergegangen war. Ob er sich auch wie sein Freund nach der frischen Lust sehnte und freute, wieder das Licht des Tages zu begrüßen, können wir kaum sagen, denn aus den Gesprächen, die er in den letzten Tagen mit Waldemar geführt, ging das eben so wenig hervor, wie aus den marmorkalten Zügen seines Gesichts und dem matten Blick seiner Augen, die, als sähen sie nichts mehr auf dieser Erde, in dem trüben, kalten Chaos umherspähten; in dessen unergründlichen Tiefen sich seine Seele zu tummeln pflegte.

Langsamer war Waldemar nie ein Tag vergangen als dieser. Er hatte weder Ruhe zum Lesen, noch Neigung zum Liegen; geschlafen hatte er schon zwei Nächte nicht mehr, und doch fühlte er sich nicht im geringsten ermüdet, war sogar aufgelegt, die stärksten Strapazen zu erdulden. Diese geistige Erhebung, einem edlen Rausche vergleichbar, verdankte er allein der köstlichen Hoffnung, bald wieder frei zu sein und mitten im süßesten Frieden unter den Seinigen in Eintracht und harmloser Freude zu leben.

So wurde es Mittag. Die Sonne kam diesen Tag nicht zum Vorschein und der Himmel blieb gleich trübe, wie die Luft gleich kalt. Gegen Abend aber fing es an zu schneien und schon um drei Uhr war es im Zimmer Waldemars so dunkel, daß er Licht anzündete, was ihm seit Mr. Dübois' Anwesenheit erlaubt worden war. Ruhelos schritt er in dem kleinen Raume hin und her: er zählte die Minuten, bis sie zu Stunden wurden, und die Stunden, bis sie den Ablauf einer Tageszeit nach der andern verkündeten. »Das Jahr fängt für mich unruhig an,« sagte er zu sich, »hoffentlich endet es besser. Was mögen die alten Eltern zu Hause machen? O ich weiß, sie sind in Gedanken bei mir und so befinde ich mich wenigstens in guter Gesellschaft. Und Hille? Sie ist also noch hier und sorgt bis zum letzten Augenblick für mein Wohlergehen. Hm! Wenn ich ihr das vergelten könnte! Ich möchte sie wohl noch einmal sehen, ehe ich mich wieder auf eine ungewisse Wanderung begebe, aber das wird nicht geschehen, es ist Mitternacht, wenn ich aus diesem Hause gehe und dann wird sie längst zur Ruhe sein. Ah, da kommt Niels Ebsen – ich kenne schon seinen Schritt – was bringt er zu dieser ungewohnten Stunde – es ist erst acht Uhr – es wird doch nichts Unerwartetes vorgefallen sein?«

Niels Ebsen trat herein und trug ein dunkles großes Paket auf dem Arm. »Guten Abend!« sagte er. »Ich komme heute etwas früh und bringe etwas Gutes. Hier ist eine Flasche Wein und ein kräftiges Gericht. Sie sollen sich stärken, hat die schöne Hille gesagt.«

»Ich danke Euch und ihr – aber was legt Ihr da beiseite?«

»Einen warmen Mantel, Herr; sie hat auch dafür gesorgt, damit Sie sich nicht erkälten, wenn Sie aus der warmen Stube, in der Sie so lange geschmachtet, in die kalte Nachtluft treten. Wir haben jetzt nur neun Grad Kälte, aber es wird wieder kälter, denn es schneit nicht mehr.«

»Das tut nichts. Macht aber die Ofenklappe auf, damit die Hitze sich verflüchtige, es ist mir zu warm hier. Die Hälfte des Weins könnt Ihr dem Grafen bringen, ich habe genug, wenn ich teile.«

»O nein doch, der hat schon sein Teil und seinen Mantel auch. Er will aber keinen Wein trinken und hat ihn mir angeboten.«

»Und Ihr?«

»Ich habe ihn nicht genommen: der Durst kommt ihm vielleicht noch.«

»Das ist brav von Euch: geht noch einmal zu ihm und bittet ihn in meinem Namen, ein paar Gläser zu trinken; sagt ihm, ich tränke auch, und dann tut er es.«

»Ja freilich, er ist wie ein Kind: wenn man ihm zuredet, ist er zu allem bereit, und ich habe mein Lebtage keinen Menschen gesehen, der so wenig ißt, trinkt und spricht. Ist er denn immer so?«

»Das ist einmal seine Gewohnheit und ich weiß es nicht anders. Nun aber geht und heizt den Burschen unten wacker ein; holt uns auch nicht eher ab, als bis Ihr sicher seid, daß sie festsitzen. Welche Stunde ist verabredet?«

»Zwischen elf und zwölf Uhr; auf die Minute kann man das nicht bestimmen. Leben Sie wohl und stärken Sie sich.«

Er verließ seinen Gefangenen und riegelte ihn zum letztenmal ein. Dieser besichtigte den Mantel, der auf dem Schemel zusammengefaltet lag, und fand in ihm ein ganz neues Kleidungsstück von warmen Stoffen, in Form und Schnitt den Reitermänteln ähnlich, wie sie die Franzosen trugen. Die kräftige Speise aber bestand aus einem tüchtigen Stück gebratenen Rindfleisches, wie ein ausgewachsener Mann es zu speisen liebt, wenn er sich kräftigen will. Der Wein war aus dem Ratskeller und von der feurigsten Sorte.

»Auch das ist von Hille!« sagte der so freundlich Bedachte, »gut, es kommt eins zum andern, und die Rechnung, die ich bei ihr habe, wird etwas hoch anlaufen.« Dann aber setzte er sich, aß die Fleischspeise und trank ein paar Gläser Wein, die ihn wunderbar belebten und ermutigten, so daß er schon jetzt zu dem kühnsten Unternehmen geneigt gewesen, wäre, wenn nicht Niels Ebsen und seine Freunde die Bahn zur Flucht bereits gebrochen hätten.

Von zehn Uhr an aber hatte er keine Ruhe mehr zu sitzen; er ging auf und nieder und trat dann an das Fenster, um nach den Lichtern des Himmels zu spähen, allein es zeigte sich keins. »Nun,« sagte der ruhelose Mann, »es geht mir heute wie Magnus, auch meine Sterne sind erloschen, aber nicht die in meiner Brust, die flackern heller und klarer denn, je. Noch eine Stunde, Waldemar, und du atmest wieder Gottes frische Luft und trittst auf den Boden deiner Heimat! Wohlan denn, sei getrost, liebe Seele, auch die rauhste Stunde verfliegt, und einmal geht immer wieder die Sonne auf, hier oder dort!«

Eine Stunde später hörte man deutlich durch das ganze Haus den Lärm schallen, den die französischen Soldaten verursachten, die bereits in der Wachtstube hinter dem Grognapf saßen und wacker zechten. Daß sie in heiterster Laune waren, verrieten ihre lauten Stimmen und das fröhliche Gelächter, das von Zeit zu Zeit hörbar ward. Endlich aber schien Niels Ibsen die Stunde der Ausführung seines Planes gekommen zu sein. Er trat dicht an den Tisch, um den die Zecher saßen, und schaute bedächtig und mit langem Halse in das Gefäß, welches das heiße Getränk enthielt. Es war beinahe leer.

»Ja, ja, macht nur einen langen Hals,« sagte der Korporal, der die Wache in Abwesenheit des Offiziers kommandierte, »sie ist leer wie ein Schiff ohne Ladung und Ballast,, wie Ihr uns so oft gesagt habt, und es ist kein Reeder vorhanden, der sie wieder vollstauen will.«

»Heda, doch, mon ami. Der Reeder bin ich. Gebt mal Eure Töpfchen her – da habt Ihr den Rest. Nun aber müßt Ihr ein Weilchen Geduld haben, ich gehe in die Küche und hole den leckeren Bodensatz. Wer nicht hier bleibt, kriegt keinen Tropfen davon.«

Mit behendem Schritte trug er das Gefäß zur Tür hinaus, riegelte sie leise von außen zu und hatte somit alle Posten gefangen, die auf den Fluren stehen und die Gefangenen bewachen sollten.

Hastig sprang er nun die Treppe hinauf und riegelte die Türen dieser Gefangenen auf. In ihre Mäntel gehüllt, standen sie schon bereit. Die Filzschuhe an den Füßen tragend, huschten sie die Treppe hinab, und einen Augenblick später waren sie auf der Straße – frei und Gottes luftiger Atem umfing sie. Schnell laufend und sich immer im Schatten der Häuser und Mauern haltend, kamen sie auf dem Marktplatz an und von hier aus trabten sie mit dem Kerkermeister um die Wette die Straße entlang, die zu dem Hause des Müllers Dalwitz führte. In zehn Minuten hatten sie es erreicht, schlüpften in die offene Haustür, die unmittelbar hinter ihnen verriegelt wurde, und traten in die Stube, in der sie außer dem Müller und seiner Familie Hille Vangerow vorfanden, die ein warmes Getränk für sie in Bereitschaft hielt.

Beinahe wäre Waldemar dem lieben Mädchen, dem er so viel Gutes verdankte, um den Hals gefallen, so groß war seine freudige Bewegung, als sie ihm so unerwartet entgegentrat und, wie stets, wenn er sie nach langer Trennung wiedersah, immer schöner und herrlicher erschien, aber er bezwang sich und drückte ihr nur die Hände, als sie mit geröteten Wangen dicht vor ihm stand. Zu Worten aber konnte er es kaum bringen, und selbst Magnus war diesmal reichlicher damit versehen, indem er seinen aufrichtigsten Dank aussprach und nicht zu wissen erklärte, wie er denselben durch die Tat zu erkennen geben solle.

»Meine Herren,« sagte der vorsichtige Müller, »versparen Sie Ihren Dank bis auf künftige Zeiten. Sie haben keine Minute zu verlieren, denn Ihre Flucht kann nicht lange unbemerkt bleiben und dann wird die Trommel gerührt werden und zwanzig Ordonnanzen sitzen auf und verfolgen Sie nach allen Richtungen. Also vorwärts in den Hof, dort stehen die Pferde schon bereit.«

Magnus, Waldemar und Niels Ebsen tranken rasch noch einige Gläser von dem angenehmen Getränk, welches ihnen Hille kredenzte, mehr um das liebe Mädchen zu befriedigen, als weil sie ein Bedürfnis danach hatten. Dann begaben sich alle in den Hof, wo der wackere Jochen die Gäule am Zügel hielt. Die beiden kleinen Pferde; die Magnus und Waldemar zum alten Schweden tragen sollten, waren dieselben Tiere, die den Kaiser von Pulitz spazieren zu fahren sich geweigert hatten, heute aber, wo sie keinen glänzenden Wagen ins Auge faßten und wußten, daß es nach dem heimatlichen Stall ging, waren sie nicht so widerspenstig, scharrten nur mit den Füßen im Schnee und schaubten vor Ungeduld, in Bewegung zu kommen, was ihnen bei der Kälte auch nicht zu verdenken war. Jochen und Magnus saßen zuerst im Sattel, Waldemar zögerte ungewöhnlich lange. Er hielt immer noch Hille bei der Hand und hatte jetzt endlich Wort«? gefunden, da niemand so nahe stand, daß er ihn gestört hätte.

»Wohin werdet Ihr Euch von Pulitz wenden?« fragte Hille rasch.

»Wenn mein Wunsch berücksichtigt wird, nach Schweden, bis der Friede geschlossen ist.«

»Das ist auch meine Meinung, aber wagt Euch nicht zu früh hinaus, denn Ihr dürft nicht noch einmal gefangen werden.«

»Nein, Hille, du hast recht, ich nehme mich jetzt noch mehr in acht.«

»Herr,« rief der Müller, »vorwärts! Ich mache den Torweg auf und dann reitet der Jochen voran, um Ihnen die besten Wege zu weisen, da er sie heute schon dreimal beschritten hat.«

Dieser Ausforderung konnte Waldemar nicht länger widerstehen, noch einen Händedruck gab und empfing er und dann schwang er sich auf und trabte neben Magnus Jochen nach, der schon vorausgaloppiert war.

Der dicke Schnee gab bei der schlecht gepflasterten Straße ein nützliches Polster für die Huftritte der Pferde ab, niemand hörte die Flüchtigen aus Bergen abziehen, und als der Müller mit den besten Wünschen für das Wohl derselben seinen Hofraum wieder geschlossen hatte und mit den Seinigen in die Stube zurückgekehrt war, lächelte er heiter, denn keine Spur mehr war an seinem Hause vorhanden, daß von hier aus die beiden Hochverräter ihre Flucht angetreten hatten.

Etwas langsamer aber schritt Niels Ebsen hinter den Reitern her. Er kannte den Weg, und da man ihn unmöglich in der dunklen Nacht verfolgen oder die Richtung seines Weges erraten konnte, so wanderte er getrosten Mutes fort, wohl wissend, daß ein Mann, der eine so edle Tat ausgeführt, willkommen bei dem alten Schweden sein würde, der ihn schon längst durch Hille zu sich hatte einladen lassen. Bemerken wir gleich hier, daß er bis zum Friedensschluß auf Pulitz blieb und dann, von allen Seiten reich beschenkt, mit einem schwedischen Kauffahrteischiff nach Stockholm segelte, um von da aus eine Gelegenheit zu finden, seine Heimat zu erreichen, die er wider alle Erwartung reicher an Mitteln und Freunden betrat, als er sie verlassen hatte.

Da es sehr dunkel war und nur die Weißen Schneeflächen ein unbestimmtes Licht auf dem Wege verbreiteten, so ritt Jochen nur wenige Schritte den beiden ihm folgenden Männern voraus. Im schärfen Trabe wandte er sich von dem letzten Hause vor Bergen nach Nordosten und umritt den Rugard, die Straße wählend, die von Bergen nach Buschwitz führt. Die Krümmung des Weges mit eingerechnet betrug die Entfernung von dem Gefängnis bis Pulitz nur etwa Dreiviertelmeilen, und da man über das gefrorene Wasser fortreiten konnte, so durfte man sicher sein, in einer kleinen halben Stunde die alte Zufluchtsstätte zu erreichen, zumal die Pferde frisch und willig genug waren.

Als die Reiter in der friedlichen und fast windstillen Nacht auf der menschenleeren Straße am Fuße des Rugard dahintrabten, sprachen sie nichts, beide aber schauten mit verwunderten Blicken um sich her, denn was sie sahen, kam ihnen so neu und ungewöhnlich vor, als hätten sie es noch nie gesehen, oder als wären sie in eine ihnen unbekannte Welt versetzt. Die Ursache dieser Erscheinung lag wohl zumeist darin, daß sie das Bewußtsein mit sich forttrugen, aus einer Knechtschaft gerettet zu sein, die mit peinlicher Last auf ihren. Herzen gelegen hatte, aber dann auch darin, daß die Gegend, durch die sie kamen, in der Tat ganz verwandelt war. Als sie von Mönchgut nach Bergen gefahren wurden, lag das ganze Land grün, in voller Blüte und im prangenden Sommerkleide vor ihnen, jetzt war fast kein Baum zu erkennen, öde und traurig ruhte die nächtliche Landschaft in ihrem weißen Wintermantel, und so waren sie ohne Übergang aus einer Welt in die andere getreten, und das wallende Blut, das, von der frischen Luft mit neuer Triebkraft belebt, durch ihre Adern kreiste, pochte heftig in ihren Schläfen wieder, so daß sie, von der Neuheit der sie umgebenden Szene befangen, einen pressenden Schmerz im Kopfe empfanden, wie es einem Menschen ergeht, der, lange in dumpfer ungesunder Luft eingeschlossen, pfeilgeschwind durch die brausenden Lüfte gezogen wird und mit jedem neuen Atemzuge ein frisches Leben zu trinken glaubt.

Aber nicht lange konnten sie ihre Gedanken auf diese Betrachtung richten. Nachdem sie etwa zwanzig Minuten heftig fortgetrabt waren, hielt Jochen vor ihnen an und sagte: »Hier sind wir an die Überfahrtsstelle von Pulitz gelangt. Jetzt reiten Sie einzeln dicht hinter mir her, damit Sie nicht in die Eislöcher geraten, die wir des Fischfanges wegen gebrochen haben.«

»Kommen wir über All-Rügen?« fragte Magnus laut.

»Nein, Herr, ich lasse den Werder links liegen, wir reiten über die Schneefläche des Eises bequemer und kürzer.«

»Vorwärts denn, ich hätte das kleine Eiland gern noch einmal gesehen, das mich in seinem Schoße so sicher geborgen hat. Nun immer zu, ich werde vieles nicht wiedersehen – vorwärts Waldemar, ich folge.«

»Geh du voran, ich schließe den Zug.«

Da Waldemar wie gebannt auf seinem Pferde hielt und Jochen schon eine Strecke voraus war, so mußte Magnus ihm den Willen tun, und als nun die drei Reiter im langsameren Tempo über die ebene Fläche trotteten, klang es hohl und dumpf unter den Huftritten ihrer Pferde, was nur derjenige erfahren und mit innerlichem Grausen gehört hat, der einmal in der Lage gewesen ist, zur Winterzeit über einen Meeresarm zu reiten, wenn der starke Frost die unruhige Wasserfläche zu starrer Ruhe, gebändigt hat.

Plötzlich hielt Jochen sein kleines Pferd an und deutete mit der Hand vor sich her. »Kennen Sie diese Gegend, Herr Granzow?« fragte er.

»Nein. Ha! Wo sind wir? Diese öden Hügel sind mir ganz unbekannt.«

»Das war einst unser schöner Pulitzer Wald!« seufzte Jochen und nickte den beiden Männern traurig zu.

»Wie – der Wald? Was meint Ihr?«

»Er ist fort, verschwunden, für ewige Zeiten. Der General Chambertin hat ihn heruntergesäbelt, als hätte er ein Regiment Türken vor sich gehabt.«

»Mein Gott!« sagte Waldemar. »Welche Barbarei! O armer Adam Sturleson! Was wird er dazu sagen!«

»Ja, Herr, das ist schlimm. Ich habe meinen guten Herrn früher niemals weinen sehen und seufzen hören, als aber dieser Wald tot an der Erde lag, hat er geschrieen wie ein Kind und zehnmal in einem Atem gerufen: das ist mein Tod, das ist mein Tod!«

»Kommt, laßt uns rasch darüber hinreiten,« sagte Waldemar und setzte sein Pferd wieder in Bewegung. »Eine solche Grabstätte zu betreten und die lieben Bekannten nicht mehr zu finden, erweckt ein trauriges Gefühl – und für mich gibt es in diesem Augenblick nichts Trauriges – ich will froh und heiter sein, wenn ich meinen alten Freund wiedersehe. Nicht wahr, Magnus?«

»Ich weiß es nicht – ich sehe Gräber recht gern.«

»Auch diese?«

»Nein, diese nicht, lieber wäre mir noch mein eigenes.«

»O, laß das jetzt, Magnus, und störe uns die Freude des Wiedersehens nicht. Da, sehet dort, da brennt ein Licht, liegt dort nicht der Pachthof, Jochen?«

»Ja, Herr, und das Licht brennt im Stall, um uns als Leitstern zu dienen.« –

So ritten denn die drei Männer in gerader Richtung auf das einsame Gehöft zu, das in solchem Winter noch verlassener lag, als im Sommer, wenigstens für das Auge, denn statt der sprudelnden Flut und der spielenden Welle war rings umher nichts zu sehen, als die unermeßliche Schneefläche, über die sich trübe und wolkig der eintönige Himmel spannte, und kein die Landschaft anmutig belebendes Segel zog am fernen Horizont durch die blaue See herauf, die, erstarrt wie das Land im langen Winterschlafe, nur bisweilen in stiller Nacht ein dumpfes Murren und Grollen hören ließ, als sei sie unwillig über die schwere Fessel und bestrebte sich insgeheim, sie zu brechen und abzuschütteln, was ihr aber nicht gelang, so lange nicht wärmere Lüfte zu ihrem Beistande herbeieilten.

Aber nur kurze Zeit noch brauchten sie zu reiten, denn nach wenigen Augenblicken hatten sie das Gehöft erreicht; die gastfreien Tore öffneten sich und wiederum blickten sie in die treuen Augen des alten Schweden und der guten Mutter Talke, die beide mit lautem Jubelruf ihnen entgegentraten und wohl eine halbe Stunde lang ihre Hände schüttelten, mit dem wiederholten Zurufe: »Willkommen, willkommen in Pulitz! Hier sind wir freie Herren; unser kleiner Kaiser ist fort, und so Gott will, streifen wir auch bald den großen von uns ab!«

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