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Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band - Kapitel 8
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Dritter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
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Siebentes Kapitel.

Im Gefängnis.

Wie Lauffeuer hatte sich am nächsten Morgen in Bergen, und einen Tag später auf ganz Rügen die Kunde verbreitet, die von französischer Seite als Hochverräter, Spione und Aufrührer bezeichneten Rügianer, Graf Brahe und Waldemar Granzow, seien nun endlich nach langem Suchen wirklich gefangen und in das Stadtgefängnis zu Bergen abgeführt, eine Kunde, die das ganze Land, namentlich aber die Verwandten und Freunde derselben in die tiefste Betrübnis versetzte. Vom frühen Morgen drängte sich die Bevölkerung der kleinen Bergstadt dem Marktplatze zu, um wenigstens das Haus zu betrachten, in welches man die beiden Männer gebracht hatte, und von diesem oder jenem Wächter sich ihr Aussehen, ihre Miene, ihr Benehmen so genau wie möglich beschreiben zu lassen. Auf allen Gesichtern prägte sich dabei die innigste Teilnahme aus, und man hörte hier und da die etwas unvorsichtige laute Äußerung: es sei schändlich von den Franzosen, zwei so ehrenwerte Männer wegen Handlungen und Gesinnungen gefangen zu setzen, die ihrem ganzen Lande zur Ehre gereichten, man könne und dürfe nicht dulden, daß man sie von Rügen wegführe, um sie aus dem Leben zu schaffen, man müsse sogar alles aufbieten, um sie in Freiheit zu setzen und ein- für allemal ihren Peinigern bis auf bessere Zeiten zu entziehen, die ja nicht lange mehr ausbleiben könnten.

Ob diese Reden nur ohnehin gesprochen waren oder ob sich dahinter ein nachhaltiger Wille und kühner Tatendrang verbarg, wollen wir dahingestellt sein lassen, genug, das ganze Volk auf Rügen nahm für den Augenblick den herzlichsten Anteil am Schicksal beider, und sie konnten überzeugt sein, daß, wenn sich eine Gelegenheit zur Flucht böte, niemand in ihrem ganzen Heimatlande sei, der sie nicht mit Aufopferung seines Gutes, ja seines Lebens zu schützen und zu verbergen bereit sein werde.

Im Gegensatz zu diesen öffentlichen und geheimen Kundgebungen des innigsten Bedauerns und der herzlichsten Teilnahme der Bewohner von Rügen jubelten die Franzosen über alle Gebühr, daß man nun endlich der lange gesuchten Staatsverbrecher habhaft geworden sei, und man pries bis in den Himmel die französische Macht und Umsicht, die kein Vergehen gegen ihre Autorität ungestraft lasse und die auch in diesen Landen von so guten Händen bedient sei, daß es ihr trotz aller Schlupfwinkel in dem vermaledeiten Lande gelungen, zwei so bösartige und allgemeingefährliche Individuen mitten aus ihren Verbindungen aufzuheben und zur endlichen Rechenschaft zu ziehen.

Aber man war über dergleichen laute und kränkende Äußerungen eines sich selbst überhebenden Volkes nicht mehr verwundert, denn in allen Ländern, wo sich die Feinde von jenseits des Rheines festgesetzt hatten, hörte man dasselbe Frohlocken und das Ausposaunen ihres eigenen Ruhmes. Geberdeten sie sich doch überall als Herren der Welt, die sich jedes Tun erlauben und nach ihrem neu erschaffenen Gesetz von Kaisers Gnaden Völker unterjochen und Männer richten konnten, die bei ihrem edlen Widerstande gegen das auserwählte Volk der Neuzeit nur das Wohl ihres Vaterlands vor Augen gehabt und, sei es durch Tat, Wort oder Schrift, sich bemüht hatten, dem gewaltigen Napoleon den Ruhm zu schmälern, den er und seine Organe mit überschwänglichem Selbstlobe durch die ganze Welt trompeteten. Auch war man des französischen Dünkels nur zu sehr gewohnt, womit sie jeden kleinen Sieg, den sie errungen, als eine glorreiche Heldentat lobpriesen und, wenn sie auch nur ein paar Männer in Banden gelegt, wie von einer großen Schlacht sprachen, die sie zugunsten der von ihren Fürsten geknechteten Menschheit errungen hätten. Diese Menschheit aber zu beglücken, hielten sie für ihre einzige Mission auf Erden, und was konnte wohl mehr dazu geeignet sein, diesen erhabenen Zweck zu erreichen, als die Glorie und Siegeskraft der großen Nation, die bereits die ganze zivilisierte Welt in zitternde Bewegung gesetzt, alle übrige Macht in Frage gestellt und außerdem eine Zukunft heraufzuführen versprach, gegen die das ehemalige Paradies des ersten Menschenpaars nur eine armselige Chimäre war. –

Einer der ersten, der, nachdem die Kunde des großen Ereignisses jener Gefangennehmung laut geworden, nach Bergen kam, um sich mit eigenen Augen die Gewißheit der Wahrheit zu verschaffen und wenigstens von der Identität des gefährlichen Granzow zu überzeugen, war der Kapitän Caillard aus Spyker, dessen Bemühungen man zum großen Teil die Auffrischung der Verdächtigung jener beiden Personen verdankte. Er war gleich nach der Flucht Magnus Brahes und seines Freundes aus Spyker nach Stralsund geritten, hatte dort die Meldung von allem Vorgefallenen abgestattet und dabei die Allgemeingefährlichkeit der beiden so sehr übertrieben, daß man alle möglichen Mittel aufzubieten für nötig hielt, um sich derselben zu bemächtigen und sie ein für allemal unschädlich zu machen.

Dem überaus tätigen Werkzeuge der französischen Spionage war, falls ihm die Ergreifung der Übeltäter gelang, ein höherer Rang in seinem Regimente verheißen, und so hatte er sich schon aus Eigennutz alle erdenkliche Mühe gegeben, das große Werk möglichst zu fördern.

Jetzt erschien er im Gefängnis zu Bergen und ließ sich Waldemar Granzow vorstellen. Als er ihn sah und erkannte, überhäufte er ihn mit Schmähreden, als hätte er auch gegen seine geheiligte Person einen Hochverrat begangen, und indem er himmlische und irdische Strafen androhte, verhieß er dafür zu sorgen, daß der Henker sobald wie möglich Arbeit an ihm finden sollte.

Waldemar würdigte ihn kaum eines Blicks, als er bei ihm eintrat, noch weniger aber ließ er ihm auf seine straflosen Herausforderungen eine Antwort zuteil werden. Vollständig mit seinen Gedanken beschäftigt, die sich zunächst auf eine abermalige Flucht bezogen, hörte er kaum, was der zungenfertige Franzose zu ihm sagte, und tat gar nicht, als ob er der Mann sei, um den jener sich ereiferte.

So geschah es denn, daß Monsieur de Caillard immer mehr gegen den Mann erbittert wurde, der ihm in Wahrheit mit seiner ruhigen Miene imponierte! endlich aber, da er ihn zu keiner Erwiderung bewegen konnte, verließ er ihn, schnaubend vor Wut und mit laut ausgestoßenen Rachedrohungen, die sich am wenigsten für einen ruhmvollen Krieger ziemten, der, wie er, im Glücke saß und seinem gefangenen und gedemütigten Feinde als Sieger gegenüberstand.

Doch, begeben wir uns selbst noch einmal nach der kleinen Bergstadt und sehen wir, wie und wo man unsere Freunde, an deren Schicksal wir selbst den herzlichsten Anteil nehmen, untergebracht hatte.

Nachdem man von französischer Seite alle öffentlichen Gebäude der Stadt, als Kirchen, Amthäuser, Schulen und dergleichen in Beschlag genommen und in Heu- und Strohmagazine, französische Gerichtsstuben und Kasernen der Soldaten umgewandelt, vor allen Dingen aber den mit herrlichen Weinen gefüllten Keller im Rathause, den der Ratskellermeister für eine jährliche Abgabe gepachtet, unter Oberaufsicht genommen hatte, blieb ihnen zur Aufbewahrung ihrer Gefangenen nur das kleine hinter dem Rathause gelegene Stadtgefängnis übrig, das nie in dem Ruf eines sehr sicheren und festen Verschlusses gestanden hatte, gegenwärtig aber von den Franzosen selbst nach ihrem Bedürfnis vervollkommnet worden war. In diesem winzigen Hause befanden sich nur vier kleine Gemächer, in denen man Gefangene unterbringen konnte, und außerdem wohnte noch der Schließer darin, der Kerkermeister, Profoß und öffentlicher Ausrufer in einer Person war, aber in jenen Zeiten eine französische Wache als Beigabe erhalten hatte, um seinem Posten mit größerem Nachdruck vorstehen zu können. Da man aber diesem Kerkermeister nicht übermäßig traute, so untersagte man es ihm, allein zu seinen Gefangenen zu gehen, und stets war er daher, wenn ihn eine Verrichtung zu denselben führte, von zwei Soldaten begleitet, von denen einer vor der Tür Wache hielt, der andere aber ihm bis in das Gefangenzimmer folgen mußte. Außerdem war auf jeder Seite des Hauses ein Posten aufgestellt, der Tag und Nacht die kleinen Fenster im Auge behielt, die man überdies noch mit eisernen Stangen versehen hatte, so daß also ein gewöhnlicher Ausbruch so leicht nicht zu befürchten stand.

Magnus Brahe bewohnte das Eckzimmer der östlichen und Waldemar Granzow das der westlichen Seite. Die beiden Mittelzimmer waren von gewöhnlichen Übeltätern besetzt, mit denen jedoch von den Seiten her keine Verbindung möglich war. Zur Verzierung des engen Raumes diente nur ein Strohsack mit einer wollenen Decke, ein erbärmlicher wackliger Tisch und ein Schemel, schließlich aber noch ein großer und schwerer Klotz, an welchen man mittelst einer eisernen Kette die Hauptverbrecher anzuschließen für notwendig befunden hatte.

Magnus Brahe, den wir zuerst besuchen, befand sich in einem merkwürdigen Zustande, der schwerlich jemand, der das menschliche Herz und den rätselhaften menschlichen Geist nicht kennt, wird begreifen können. Er war weder traurig, noch niedergeschlagen, weder hoffnungsvoll, noch hoffnungslos, er war mit einem Wort vollkommen ergeben in sein Schicksal, wie nur der es sein kann, der den Schlag desselben vorhergesehen hat und seit langer Zeit darauf vorbereitet gewesen ist. Hundertmal schon hatte er sich gesagt: »Ich wußte, daß es so kommen würde, und nun ist es gekommen, also warum soll ich klagen und murren? Meine Lebensuhr ist abgelaufen, und so nutzt es nichts, sie mit neuen Hoffnungsgedanken wieder aufziehen und zu ihrem trägen Gange in Bewegung setzen zu wollen. Ich habe es Waldemar ja gesagt, geh und rette dich allein; bleibst du bei mir, so bist du verloren, und nun hat sich's erfüllt und er teilt mit mir das Schicksal, dem ich nicht entrinnen konnte. O Stern in meiner Brust, wie hat dein Verlöschen mir so richtig meine Zukunft enthüllt! Ja, ich weiß es, ich sehe es, alle meine trüben Gedanken der früheren Zeit waren gerechtfertigt, meine Jugendahnung von einem früh mich ereilenden herben Geschick war der lang hinsummende Vorklang meiner Sterbestunde, und nun ist nichts mehr auf der Welt, was mich meinem Untergange entreißen wird.«

Mit diesem düsteren Gedanken beschäftigte er sich Tag und Nacht, wenn er nicht schlief, und so nahm sein Äußeres das trübe Spiegelbild seines Innern an; er sah aus wie jemand, der das frische Leben hinter sich und nur die Schauer des Grabes vor sich, der alle Hoffnungen abgestreift, und sich allein dem finsteren Verhängnis überlassen hat, dessen Fittige er schon in dumpfer Ergebung vor seinen Ohren rauschen hört.

Nur einen Wunsch noch hegte er, der sich auf diese Welt bezog, und das war der, an alle seine Lieben zu schreiben, für seinen in Schweden lebenden Vater sein Vermächtnis aufzusetzen und Abschied zu nehmen von allen, die ihm im Leben nahe getreten waren. Dieser eine Wunsch aber sollte ihm vor der Hand nicht erfüllt werden, denn er besaß nichts, womit oder worauf er schreiben konnte, da man ihm alles, was er am Leibe getragen, als er die Grille verließ, sein Geld, seine Brieftasche, seinen kleinen Dolch und sogar seinen Siegelring abgenommen hatte.

Ganz das Gegenteil von ihm, wie immer im Leben und Wirken, zeigte sich Waldemar Granzow. Er saß auch still auf dem dumpfigen Strohsack, mit gefesselten Füßen an seinen Klotz gekettet, aber in seinem Kopfe rasteten die Gedanken keinen Augenblick, und in seinem fruchtbaren Geiste sammelte er alle Fähigkeiten, um etwas zu erdenken, was ihn dem gegenwärtigen Mißgeschick entreißen könne. Und wunderbar, ganz im Gegensatz mit seinem armen Freunde, war ihm das Leben da draußen nie so schön, so frisch, so wonnig erschienen und niemals hatte er größere Hoffnung gehegt, es noch einmal mit vollen Zügen genießen zu können, als gerade jetzt. Aus seinen Kerkermauern hinaus drang dieser Geist auf die wogende See, deren Brausen und Fluten er zu hören und zu sehen glaubte, aus seiner Abgeschlossenheit versetzte er sich in den munteren Kreis seiner Familie und vernahm ihr Lachen und sah ihre Fröhlichkeit; wieder unter ihnen zu leben, das war sein einziger Gedanke, und daß dieser Gedanke noch einmal zur Wirklichkeit werden würde, wußte er so bestimmt, wie Magnus das Gegenteil wußte.

So war denn auch seine Miene nicht die eines Verlorenen, Verzweifelnden; heiter, hell, gleichsam strahlend von Willen, Kraft und Hoffnung schaute sein Auge frisch in das Leben hinein, und dadurch wuchs seine Kraft und Hoffnung selbst zum Riesen empor, die sich schon in dem kühnen Blicke verkündete, mit dem er jeden Eintretenden begrüßte, als erwarte er in ihm denjenigen zu entdecken, der ihm die Freiheit, das Leben und den Genuß derselben entgegenbrächte.

Welche Stimmung der beiden jungen Männer die richtige war, ob sich die Ergebung des einen oder die Hoffnung des andern erfüllen sollte, wird die Zukunft lehren.

Gleich in den ersten Tagen nach ihrer Gefangennahme begann man die jungen Männer in ihrem Kerker zu verhören, aber wenn man gehofft hatte, aus ihren Aussagen würde sich mit einiger Sicherheit auf eine verbrecherische Absicht schließen lassen und sie würden so manches verraten, was ihnen den Hals bräche, so hatte man sich geirrt. Wie auf geheime Verabredung sagten beide dasselbe aus, und was man auf diese Weise erfuhr, war durchaus nicht der Art, daß man darauf hätte den Prozeß einleiten und sie verurteilen können. Sie waren in englischen und schwedischen Diensten gewesen, das leugneten sie nicht, aber das allein konnte sie nicht dem Henker überliefern, denn Tausende hatten ihr Los darin geteilt. Von Schweden waren sie zu ihrer Belehrung nach Deutschland gegangen, hatten verschiedene Hochschulen besucht und dabei verschiedene Bekanntschaften angeknüpft. Einen Verkehr mit Männern, die sich zum Untergange Napoleons verschworen, leugneten sie ganz, und leider waren keine handgreiflichen Beweise darüber vorhanden, die diese Annahme begründet und bestätigt hätten. Von diesem Punkte an aber gingen die Verhältnisse beider auseinander. Waldemar gab vor, aus Sehnsucht nach den Seinigen, die er so lange nicht gesehen, nach Rügen gekommen zu sein und sich dabei allerdings der List bedient zu haben. Als ihm das geglückt, sei er verfolgt worden und er habe sich dieser Verfolgung aus natürlichen Gründen mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln entzogen. Ein Unternehmen, gegen die französische Herrschaft im allgemeinen und gegen Napoleon insbesondere gerichtet, lag dabei gar nicht vor. Es sei zwar wahr, er sei nach Stralsund gegangen, da er gehört, sein Freund liege krank darnieder, auch habe er ihm beigestanden, sein Vaterhaus zu erreichen, aber das sei nur eine natürliche Folge seiner Neigung gewesen und er würde in seinem eigenen Gewissen strafwürdig erscheinen, wenn er anders gehandelt hätte.

Magnus dagegen gestand ein, sich schon in Berlin von Waldemar getrennt und die Straße nach Rügen zu Lande gewählt zu haben, um verschiedene Verwandte an einigen Orten zu besuchen. Zufällig sei er mit Schills Scharen in Stralsund zusammengetroffen und während des Kampfes daselbst nicht als Mitkämpfer, sondern als Zuschauer verwundet worden.

Diese letzten Angaben waren die einzigen, die wenig Wahrscheinlichkeit für sich hatten, und man glaubte sie auch nicht; daher hielt man den Grafen Brahe für den Strafbareren von beiden, und das allgemeine Urteil der in Bergen anwesenden Richter neigte sich bedeutend zugunsten des Granzow hin.

Nachdem diese Verhöre oft wiederholt worden waren und immer dasselbe Resultat ergeben hatten, schloß man vorläufig die Untersuchung und berichtete darüber nach Stralsund. Sowohl die Gefangenen selbst wie ihre Freunde in Bergen und auf ganz Rügen, nachdem sie davon Kenntnis erhalten, waren nun der Meinung, man werde erstere abführen, in ein festeres Gefängnis bringen oder nach Frankreich schaffen, wenn nicht gar erschießen, aber nichts von diesem allen geschah und lange Zeit sollte vergehen, ehe man über die Ursache dieses unerwartet glücklichen Aufschubs ins klare kam.

Aus diesem Aufschube aber schlössen alle Beteiligten verschiedenes; was sie aber auch meinen mochten, so gab man sich, da die Entscheidung von Tage zu Tage ausblieb, allgemein einer begründeteren Hoffnung hin, das Schicksal, welches an einem seidenen Faden über den Gefangenen schwebe, werde sich von ihnen abwenden lassen und mit der Zeit würden sich auch die Mittel finden, sie den Händen der Franzosen zu entreißen.

Waldemar war der erste von allen, der über die geheimen Vorgänge, die seine Verurteilung und Abführung verzögerten, einen Aufschluß erhalten sollte, und zwar auf eine Weise, die er in dieser Zeit am wenigsten vermutet hatte. Unerwartet trat nämlich ein Mann auf die Bühne, den wir früher nur oberflächlich erwähnt und manche Leser vielleicht schon ganz aus dem Gedächtnis verloren haben, zu dem wir aber in unserer Erzählung jetzt notwendig zurückkehren müssen.

Von Stralsund her erschien Ende August ein Beamter, der beauftragt war, die Verhandlungen in Bezug der beiden Gefangenen zu kontrollieren, darüber an das Obergericht in Stralsund zu berichten und bei Beurteilung der unaufgeklärten Tatsachen sein eigenes Licht leuchten zu lassen. Dieser Sendbote, erst neuerdings in seine jetzige Stellung berufen und seither als Kriegspolizeioffizier den Truppen in Pommern und Rügen beigegeben, war ein rechtlicher, wiewohl ängstlicher und auch nicht allzubegabter Mann, wie man sie unter den Beamten seiner Kategorie sehr häufig findet, aber dennoch war er ein wenig eingebildet auf seine persönliche Klugheit und Gewandtheit und daher der Ansicht, eine Angelegenheit wie die des Grafen Brahe und Waldemar Granzow könne nur durch sein eigenes Dazwischentreten aufgeklärt und zu einem erwünschten Ziele gebracht werden. Glücklicherweise war er außerdem ein sehr ruhiger Mann und keineswegs zur Deutschenfresserei geneigt, zwar Franzose von Geburt, jedoch bei weitem nicht so verblendet wie die meisten seiner Landsleute, die der Meinung waren und auch noch heutzutage sind, sie seien das erste, gebildetste, größte Volk der Welt, unter dessen Schatten zu ruhen jedem mit andrer Zunge Redenden sowohl zum Ruhme wie zur Befriedigung gereichen müsse.

Dieser etwas eitle, aber unter Umständen herzensgute Mann kam nun, wie gesagt, nach Bergen und las zuerst die über die Gefangenen vorhandenen Akten durch, bevor er an die Arbeit mit ihnen selbst ging. Als er damit zustande gekommen war, glaubte er die Einsicht gewonnen zu haben, daß nur eine humane Milde, nicht aber eine übertriebene Strenge zum Ziele führen könne, da die Verurteilung von Männern, die, wie diese, nur allein in patriotischer Hingebung gehandelt, bei ihren Landsleuten das böseste Blut machen würde, und demgemäß ging er an das Werk.

Zuerst trat er bei Magnus Brahe ein, und als er die Erschlaffung seines Geistes erkannte, die sich schon, in den trüben Augen und der apathischen Haltung des jungen Mannes aussprach, befahl er, ihm sofort die Fesseln abzunehmen, da seiner Ansicht nach die äußere Bewachung hinreichend sei, ihn von der allgemein befürchteten Flucht abzuhalten.

Nachdem er beinah eine Stunde mit ihm hin und hergesprochen und nichts weiter erforscht hatte, als was die strengeren Richter auch in Erfahrung gebracht, hielt er sich für überzeugt, einen größtenteils Unschuldigen vor sich zu haben, und mit dieser Überzeugung verließ er ihn, um zu dem zweiten Büßenden zu gehen und dort ein gleiches zu versuchen. Allein, wer ihn auf dem kurzen Gange bemerkt hätte, der von Magnus zu Waldemar führte, würde sich gewundert haben, seinen Schritt behutsamer und seine Miene befangener werden zu sehen, ohne sogleich den Grund dieses seltsamen Benehmens durchschauen zu können.

Schon eine geraume Zeit stand er vor der Tür des an Stand viel geringeren Gefangenen, und doch zögerte er noch immer, bei ihm einzutreten und sein Verhör zu beginnen, als ob er eine gewisse Scheu empfände, ihm in das Antlitz zu blicken. Endlich, nachdem er sich wiederholt geräuspert, ließ er den schweren Riegel zurückschieben, die Tür öffnen und trat dann langsam ein.

Waldemar saß auf seinem Schemel, so dicht am Fenster, wie es die kurze Kette des Blocks erlaubte, und folgte mit scharfem Blicke dem Zuge der Wolken, die ihre Richtung nach Osten nahmen und dem Meere zustrebten, auf das seine ganze Sehnsucht gerichtet war. Er glaubte, sein gewöhnlicher Kerkermeister träte ein und deshalb, wandte er das Gesicht nicht sogleich nach demselben herum. Da aber fuhr er plötzlich aus seinen Gedanken auf, denn sein Ohr hatte eine fremde Stimme vernommen, die ihm gleichwohl einigermaßen bekannt klang. Als er sich umblickte, ergriff ihn ein seltsames Gefühl, gemischt aus Freude und Scham, denn er sah einen Mann vor sich, der ihm schon einmal auf seinen Wegen im Vaterlande innerhalb der letzten Monate begegnet war und dem er, obgleich er ihm einige kleine Dienste erwiesen, doch einen nicht unerheblichen Streich gespielt hatte. Eine Weile ließ er sein kühnes Auge auf dem kleinen Mann mit dem süßlichen Gesichte und den feingeschlitzten schwarzen Augen ruhen, dann aber konnte er sich nicht enthalten, den Namen desselben, gleichsam zum Beweise der Wiedererkennung, auszusprechen.

»Ach,« sagte er, »welche Ehre und welches Vergnügen wird mir zuteil! Ich freue mich, Mr. Dübois vor mir zu sehen.«

» Diable!« lautete die Antwort. »Also Sie kennen mich wieder und ich habe wirklich die Freude, Herrn Georg Forst, den Neffen des Herrn von Bagewitz auf Hiddens-öe, zu begrüßen?«

»Oder lieber Waldemar Granzow, denn das bin ich in der Tat, wie Sie ohne Zweifel schon wissen werden.« »Ja. junger Mann, ich weiß es, und es tut mir leid, daß Sie mir das damals nicht gleich gesagt haben, Sie hätten uns beiden viele Mühe und Umschweife damit erspart.«

Waldemar lächelte trotz seiner Ketten, denn das ehrliche Gesicht des alten Bekannten zeigte ihm genügend, mit welchem wohlwollenden Manne er es zu tun hatte. »So denken Sie,« erwiderte er, »aber ich denke anders. Denn wie es Ihre Pflicht war, Waldemar Granzow zu suchen, so war es meine Pflicht, mich vor Ihnen zu verbergen, und Sie selbst sind eigentlich daran schuld, daß ich hier gefangen sitze, obgleich ich es Ihnen nicht nachtragen will und mich aufrichtig freue, Sie wiederzusehen.«

»Ich,« rief der kleine Mann erstaunt aus, »ich soll daran schuld sein? Beliebt es Ihnen vielleicht, mir die Beweise dieser mir etwas sehr unklaren Schuld auseinanderzusetzen?«

»Sehr gern. Sie selbst, verehrter Herr, brachten mich auf den abenteuerlichen Gedanken, in Spyker mich für einen anderen auszugeben, als der ich war, indem Sie mir ein Schreiben dahin mitgaben und mich baten, es dem Kapitän Caillard einzuhändigen, ein Schreiben, worin Sie mich ihm als Georg Forst empfahlen, der Ihnen das Leben gerettet hatte – wenigstens sagten Sie das damals wiederholt, obgleich ich selbst mich dessen nicht rühmen will.«

Der kaiserliche Beamte stand wie vernichtet vor seinem Inkulpaten. Die eben vernommene Auseinandersetzung desselben, wenn sie ihm auch nicht ganz einleuchtete, verwirrte ihn doch vollkommen, und er beschuldigte sich im stillen selbst der Teilnahme an einem Vergehen, das er nur mit dem besten Willen von der Welt begangen hatte. Aber außer diesem Gefühl bedrückte ihn in diesem Augenblick noch ein anderes, nicht weniger zartes. Er fühlte sich in der Tat noch immer dem kühnen Seemann zum Danke verpflichtet, der ihm, dem Ängstlichen, in der Gefahr redlich zur Seite gestanden und ihn mehrmals wieder auf festen Grund und Boden gebracht, als er sich selbst schon dem Wassertode verfallen geglaubt hatte.

» Monsieur,« sagte er etwas kleinlaut und sah mit einiger Schüchternheit in das blitzende Auge des jungen Mannes empor: »Sie haben recht und unrecht, wie man es nehmen will; wenn ich daher einigermaßen in Ihrer Schuld bin, so will ich einen Teil derselben zuerst dadurch tilgen, daß ich Ihnen die Fesseln abnehmen lasse, die Sie meiner Ansicht nach lange genug getragen haben.«

»Ach, mein Herr, wollen Sie mich in Freiheit setzen?« fragte Waldemar freudig überrascht.

» Silence! So weit sind wir noch lange nicht!« Mit diesen Worten schritt er zur Tür, rief einen Soldaten herein, der schon wartend auf dem Posten stand, und befahl ihm, den Gefangenen vom Block loszulösen. Als dies geschehen war, setzte er sich auf den Schemel und lächelte Waldemar freundlich an, der heftig seine schmerzenden Glieder rieb, die so lange die schwere Kette belästigt hatte.

» Monsieur,« fuhr Herr Dübois jetzt fort, »soviel habe ich fürs erste für Sie tun können. Wir wollen sehen, ob ich noch etwas anderes zu tun imstande bin. Erzählen Sie mir also aufrichtig Ihre Geschichte und lassen Sie mich nur die Wahrheit hören. Je aufrichtiger Sie gegen mich sind, um so eher werden Sie mich geneigt finden, zu Ihrem Besten zu handeln, was glücklicherweise, ich gestehe es, jetzt in meiner Macht liegt.«

Waldemar brachte dieselbe Erzählung vor, die er zu Protokoll gegeben hatte, und die ihm jetzt schon sehr geläufig war. Als er damit zustande gekommen, legte ihm sein Inquirent noch einige Fragen vor, die so aufrichtig beantwortet wurden, wie es geschehen konnte, um das Netz nicht noch fester zusammenzuziehen, das ihm schon eng genug um den Hals lag.

»Hm!« sagte der kleine Dübois, »also das ist Ihre Geschichte! Sie stimmt vollkommen mit dem überein, was ich schon von Ihnen weiß, und gibt mir durchaus kein neues Licht. Können Sie mir noch ein anderes, helleres zuteil werden lassen?«

»Daß ich nicht wüßte, wenn Sie nicht geradezu wollen, daß ich Dinge eingestehe, die ich nicht begangen habe, und also selbst zu meiner Verurteilung beitrage, die meinen Richtern, wenn sie gerecht und billig sein wollen, nicht so leicht werden wird.«

»Gerecht und billig, sagen Sie? Das ist in einem Kriege, wie wir ihn führen, nicht immer möglich, und die Gesetze des Krieges, wissen Sie, sind strenger als die, welche im Frieden gehandhabt werden. Jedoch, in Anbetracht unserer früheren Bekanntschaft und der guten Meinung, welche Sie mir bereits eingeflößt, will ich nicht anstehen, Ihnen einige Erleichterung zu gewähren, die glücklicherweise ausführbar sein werden. Auch will ich Ihnen eröffnen, daß Ihre Verurteilung nicht so schnell erfolgen wird oder kann, als man noch vor einigen Tagen glaubte, da Umstände eingetreten sind, welche Ihre Handlungsweise in einem milderen Lichte erscheinen lassen.«

»Welche sind das?« fragte Waldemar erstaunt und überaus freudig überrascht.

»Ruhig, mon cher, so weit sind wir noch nicht. Sie müssen nicht zu viel auf einmal verlangen. Welche Erleichterungen, frage ich zunächst, kann ich Ihnen in Ihrer jetzigen Lage gewähren?«

Waldemar sah dem gutmütigen Manne tief in die Seele hinein, und da er auf dem Grunde derselben Wahrheit las, dachte er rasch und sagte dann: »In bezug auf meine Person habe ich jetzt nur eine Bitte, in bezug auf meinen kränklichen Freund aber, der mit mir in dieser Gefangenschaft schmachtet, hege ich den Wunsch, daß Sie ihm alles das gestatten mögen, was Sie mir selbst jetzt anzutragen so gütig sind.«

» Bon!« rief der kleine Mann, »das ist edelmütig von Ihnen, aber nicht so leicht getan wie gesagt. Ihr Freund ist tiefer verwickelt als Sie, oder wissen Sie das nicht?«

»Nein, das weiß ich in der Tat nicht,« erwiderte Waldemar mit feuriger Beteuerung. »Was er getan, habe auch ich getan, und ich verlange nur gleiche Begünstigung oder gleiche Gerechtigkeit, wie sie ihm zuteil wird.«

» Monsieur, je vous admire!« sagte der Franzose warm. »Ich drücke Ihnen die Hand, obgleich Sie mein Feind sind. Ich werde sehen, was ich tun kann. Was verlangen Sie für sich selbst?«

»Ich verlange nicht, aber ich bitte für mich, daß man mir erlaube, an meine Verwandten zu schreiben und sie von meiner Lage zu unterrichten. Haben Sie Kinder, Herr Dübois?«

» Oui Monsieur! Zwei hoffnungsvolle Söhne und eine Tochter.«

»So wissen Sie, wie man an Kindern hängt. Meine armen Eltern sind ohne alle Nachricht von mir, und ohne Zweifel härmen sie sich endlos um mich, denn sie glauben mich gewiß in Lebensgefahr. Außerdem lastet meinetwegen, ein schweres Geschick auf ihnen. Kapitän Caillard hat sie mit Einquartierung belegt, deren Unterhaltung ihre Kräfte und Mittel übersteigt. Jetzt, wo ich in den Händen Ihrer Landsleute bin, ist kein Grund mehr vorhanden, sie fernerhin zu drücken, und wenn es in Ihrer Macht steht, ihnen zu helfen, so flehe ich Sie an, sich ihrer zu erbarmen und ihnen auf ihre alten Tage ihre Lage zu erleichtern.«

Der Franzose senkte den Kopf, als überlege er etwas bei sich; im Grunde aber entwickelte sich in seinem Herzen ein Kampf zwischen seiner Pflicht und seinen Gefühlen, der indes bald zu gunsten des Gefangenen entschieden wurde. »Mein Herr,« sagte er ernst und nicht ohne Würde, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Sie wegen Ihrer Teilnahme an dem Geschick Ihres Freundes bewundere, jetzt sage ich Ihnen, daß ich für Sie eine Art Sympathie fühle, die nahe an Freundschaft grenzt. Wir Franzosen sind nicht alle Säbelhelden, es gibt unter uns auch Männer, die ein Herz haben, und ich glaube, ich bin ein solcher. Wohlan denn, ich will auch diese Ihre Bitten erfüllen. Sie und Ihr Freund sollen in den Stand gesetzt werden, zu schreiben, an wen und was Sie wollen, vorausgesetzt, daß ich lesen kann, was Sie schreiben.«

»Von Herzen gern, denn ich habe nichts Heimliches in meinem Gemüte.«

»Das glaube ich zu erkennen. Gut denn, ich erlaube Ihnen und Ihrem Freunde das. Aber nun hören Sie auch meine Bedingung an.«

»Wie? Sie stellen eine Bedingung?«

»Das ist nötig, denn ich muß mich von Ihrer Seite sicherstellen, wenn ich meinerseits meine Befugnis um etwas überschreite. Wissen Sie, was ein Parole d'honneur, ich meine, das Wort eines redlichen Mannes ist?«

»Ja, Herr, das weiß ich, so wahr Gott lebt!«

»So geben Sie mir das ihrige, daß Sie binnen heute und vier Monaten – vier Monate, sage ich – nicht unternehmen wollen, was irgendwie eine Flucht aus dieser Gefangenschaft aussieht.«

Waldemar stutzte unwillkürlich. Die mit Nachdruck gesprochenen Worte: »binnen heute und vier Monaten«, schienen ihm einen gewissen nicht bedeutungslosen Sinn zu enthalten. »Warum sagen Sie gerade vier Monate?« fragte er.

»Junger Mann,« erwiderte Mr. Dübois mit gerührter Stimme und trat etwas näher an ihn heran, »ich will aufrichtig gegen Sie sein. Ihr Schicksal geht mir nahe. Sie haben mir einst wohlgetan und vielleicht habe ich wirklich, wie Sie sagen, dazu beigetragen, Sie in die Höhle des Löwen zu schicken. So wissen Sie denn, was noch aller Welt ein Geheimnis ist – darum dürfen Sie es auch keinem Ihrer Briefe anvertrauen – daß zwischen dem Kaiser der Franzosen und der Krone Schweden Friedensverhandlungen obschweben, während deren Dauer Ihr Landesherr sich ausbedungen hat, keine weiteren Feindseligkeiten gegen sein Land oder seine Untertanen zu üben, ja selbst die gefänglich Eingezogenen nicht außer Landes zu führen, bis der Friedensschluß auch über sie entschieden hat.«

Waldemars Brust hob sich vor wunderbarer Freude hoch auf. Sein Auge leuchtete noch heller als gewöhnlich und seine Miene nahm einen unaussprechlich glücklichen Ausdruck an.

»Friede!« sagte er. »Also endlich! O meine Hoffnung erfüllt sich, denn in meinem Herzen ist Friede gleichbedeutend mit Freiheit. Bis zu welchem Termin soll ich mein Ehrenwort geben?«

»Bis zum ersten Tage des nächsten Jahres.«

»Ich gebe es, da haben Sie es. Aber – halt! Darf mein Mitgefangener nichts davon erfahren?«

»Nein, unter keinen Umständen, ihn kenne ich nicht wie Sie.«

»Aber ich bürge für ihn.«

»Ich kann Ihre Bürgschaft leider nicht annehmen.«

»So werden Sie ihm wenigstens ein paar Worte von mir sagen, womit ich ihn trösten und ermutigen kann?«

»Ja, das will ich, und er muß auch sein Ehrenwort geben, in vier Monaten nicht entfliehen zu wollen, sonst nehme ich alle Erleichterungen zurück, die ich ihm Ihretwegen zugedacht habe.«

»Das wird er. Sie sollen es sogleich erfahren. Haben Sie ein Blatt Papier?«

»Hier ist eine Brieftafel – schreiben Sie Ihren Trost darauf nieder.«

Waldemar setzte sich hastig an den kleinen Tisch und schrieb in die Brieftafel des Franzosen folgende Worte: »Magnus, ich grüße Dich! Habe Vertrauen, Mut und Hoffnung. Es ist Aussicht vorhanden, daß alles gut endet. Du wirst schreiben und tun können, was Du willst, wenn Du dem Überbringer dieses Dein Wort gibst, bis zum ersten Januar nicht an die Flucht zu denken. Dein Waldemar.«

Der Franzose nahm das Blatt, las es und lächelte dann. »O,« sagte er, als er es überflogen, »denken kann er schon daran, nur nicht sie ausführen. Aber es ist gut so. Nun will ich mich zu ihm begeben, und wenn er Ihren Rat befolgt und mir sein Wort gibt, werde ich den andern Punkt mit Ihnen besprechen.«

»Welchen anderen Punkt?«

»Die Ihre Eltern betreffende Bitte.«

»Ha! Ich danke Ihnen, gehen Sie und kommen Sie bald wieder.«

Der brave Mann verließ den Gefangenen und begab sich zum Grafen Brahe, dem er Waldemars Schreiben zu lesen gab und darauf dessen Ehrenwort empfing, wie sein Freund die gestellte Bedingung einzugehen. Nach kurzer Zeit fand er sich bei diesem wieder ein und sagte lächelnd: »Sie waren allerdings der Beistimmung Ihres Freundes gewiß, denn kaum hatte er Ihre Zeilen gelesen, so gab er mir sein Wort und erhielt darauf die Erlaubnis, sich mit Lesen und Schreiben zu beschäftigen, so viel er will. Ich habe deshalb sogleich den Befehl erteilt, ihn mit den dazu nötigen Dingen zu versehen.«

»Haben Sie ihm auch die Ketten abgenommen?«

»Er war schon vor Ihnen davon frei, denn ich sehe nicht die Notwendigkeit ein, einen Gefangenen, dessen man so sicher ist, wie einen gemeinen Verbrecher zu behandeln.«

»Gott lohne es Ihnen! Nun aber wollten Sie mir etwas über die Art und Weise sagen, wie Sie mit meinen Eltern verfahren werden.«

»Ha, ja! Gut, daß Sie darauf kommen. Schreiben Sie heute noch einen Brief an sie und geben Sie ihn mir, wenn ich Sie morgen wieder besuche. Ich werde mir alles genau überlegen und Ihnen meinen Entschluß mitteilen.«

»So danke ich Ihnen von ganzem Herzen und bitte Sie nur um etwas Papier, Federn und Tinte.«

»Sie sollen alles erhalten, ich werde sogleich einen Befehl dazu erlassen.« –

Eine halbe Stunde später brachte der Kerkermeister, der ein alter hinfälliger und lebensmatter Mann war, das Versprochene, und Waldemar setzte sich zugleich mit seinem Freunde nieder, um an seine Angehörigen zu schreiben. Er war aber schneller damit zu Ende als jener, denn sein Brief enthielt nur das Notwendigste, während Magnus einige Tage dazu gebrauchte, alle Gedanken, die sich auf seinen ihm bestimmt vorschwebenden Tod bezogen, zu Papier zu bringen und demgemäß alle seine Verhältnisse zu ordnen. Als er endlich damit fertig war, schloß er das Ganze in ein Kuvert und bewahrte es sorgsam in seiner Brusttasche auf, die Gelegenheit abwartend, wo er es irgend jemanden anvertrauen könnte, der es sicher in die Hände seines in Schweden lebenden Vaters brächte.

Mr. Dübois dagegen hielt Wort und erschien am nächsten Morgen frühzeitig bei Waldemar, um den besprochenen Brief in Empfang zu nehmen. Nachdem er ihn gelesen, lächelte er auf seine gutmütige Weise und sagte: »Ich bin damit zufrieden; er enthält gerade das, was ihnen zu wissen notwendig ist. Nun gut, Sie sollen bald Antwort haben, denn ich werde sie selbst besuchen, da hier meine Pflicht fürs erste erfüllt ist.«

»Wie? Sie wollten selbst nach Sassnitz gehen und meine Eltern sprechen?«

»Ja, mon ami, das will ich, denn das glaube ich Ihnen schuldig zu sein. Habe ich aber diese Pflicht vollbracht, dann bin ich der Meinung, Ihnen meinen Dank mit barer Münze abgetragen zu haben. Mir stehen jetzt gerade einige Tage zu Gebote und die will ich benutzen, meinen alten Freund Caillard in Spyker zu besuchen und ihm zu seinem Avancement zu gratulieren.«

»Wie, hat er eine höhere Stufe erstiegen?«

»Ja, mon cher, und Sie haben ihm wider Ihren Willen dazu verholfen. Er ist Major in seinem Regimente geworden und da er deshalb bei guter Laune sein wird, denke ich ihn zu bewegen, daß er Ihrem Vater die lästige Einquartierung abnimmt, die ohnedies nicht mehr nötig ist, da Sie in sicherem Verwahrsam sind.«

»Mr. Dübois! Wie soll ich Ihnen danken? Ich kann Ihnen die Empfindungen meines Herzens nicht mit Worten ausdrücken.«

» Silence! Es ist auch nicht nötig. Sie haben mich an meine Kinder erinnert und das kam zur rechten Zeit. Ein Mann kann immer auch ein Mensch sein, das schadet weder seinem Amte noch seiner Ehre. Nun aber leben Sie wohl, in zwei bis drei Tagen sehen wir uns wieder.«

*

Lange hatte Waldemar nicht so glückliche Stunden verlebt, als im Verlaufe der beiden nächsten Tage. Er segnete sein Geschick, das ihn mit dem wackeren Manne zusammengeführt, der jetzt der Bote seiner kindlichen Herzensergießungen geworden war und sein Versprechen ehrlich hielt, wie er es aus freien Stücken gegeben hatte. Mit welcher Wonne stand er jetzt an dem vergitterten Fenster und sah die Wolken nach Osten ziehen! Beinahe hätte er vergessen, daß er noch im Gefängnis war und daß er sogar sein Wort verpfändet, mindestens noch vier Monate darin auszuharren. Vier Monate! Welche lange Zeit für einen so rastlos tätigen Geist, für einen an Bewegung und Anstrengung so gewöhnten Körper! Aber wenn diese vier Monate endlich überstanden waren – was dann? – O, welche süßen Bilder schwebten für diese Zeit seiner Einbildung vor! Vor allen Dingen der Friede und mit ihm alle Segnungen, die ein solcher in seinem Gefolge zu haben pflegt! Daß mit dem Frieden oder vor ihm noch etwas anderes kommen, eine herbere, unerwartete Unglückszeit in sein Leben treten und sein Herz mit eisernen Händen umklammern könne, daran dachte er nicht, davon hatte er glücklicherweise keine Ahnung, denn wo Magnus Brahe nur Schatten, Vergänglichkeit und Trauer sah, blühte für ihn nur der Garten des Lebens in vollster Pracht, lachte ihn die Erde mit ihrem Grün und der Himmel mit seinem perlenden Lichte an, war alles hell, klar und glücklich. O verschiedenartig begabte Naturen! wie hat Euch der Schöpfer so mannigfaltig ausgestattet und wie hat er so oft dem einen da alles gegeben, wo er dem andern alles versagt hat! Es ist allerdings unbegreiflich, wunderbar, aber es ist gewißlich wahr und kein Zweifler kann es bespötteln oder gar leugnen! –

Zwei Tage waren vergangen und erst am dritten trat Mr. Dübois wieder bei Waldemar Granzow ein. Auf seinem Gesichte lag eine behagliche Zufriedenheit mit sich selber, wie sie jener noch nie so sprechend an ihm wahrgenommen hatte.

»Herr Dübois,« begrüßte ihn der Gefangene und trat rasch auf ihn zu, »da sind Sie und in Ihrer Miene lese ich, daß Sie mir günstige Nachrichten von den Meinigen bringen.«

»Ich hoffe es, ja, doch lassen Sie mich erst zu Atem kommen, die alten Treppen dieses Hauses sind steil und ich bin den Sechzigen nahe.«

»So nehmen Sie Platz und erholen Sie sich.« Und er stellte ihm seinen einzigen Schemel hin, den der brave Mann sogleich einnahm.

»Hören Sie,« sagte er, »ich bin also in Spyker gewesen.«

»Nur in Spyker?«

» Silence! Fliegen Sie nicht, ich kann Ihnen nicht folgen, denn ich bin kein Vogel wie Sie mit Ihren jugendlichen Gedanken und Hoffnungen. – Also ich bin in Spyker gewesen. Man hat den Major Caillard von dem dortigen Posten ablösen wollen, aber er hat es sich als eine Gunst ausgebeten, so lange dort zu bleiben, wie die Besetzung Rügens dauert. He, ich glaube, es fesselt ihn etwas Liebes dort und davon mag er sich nicht gern früher trennen wollen, als bis es durchaus notwendig wird.«

»Hm!« unterbrach ihn Waldemar. »Vielleicht verläßt er das Liebe nie und nimmt es mit nach seinem schönen Frankreich.«

Der Franzose zog die Augenbrauen in die Höhe und machte mit Miene und Hand eine abwehrende Geberde. »Pah! Da sagen Sie mir etwas, was sehr unwahrscheinlich ist. Monsieur de Caillard ist ein guter Soldat, ein vortrefflicher Reiter, ein sehr galanter Mann. Aber ein Mann, der sich bindet an das, was ihm gefällt, ist er nicht, so viel ich weiß. Nein, nein, so weit wird seine Verehrung der schönen Dame nicht gehen, die ich übrigens weder jetzt noch damals, als ich Ihretwegen in Spyker war, gesehen habe. Doch was wollen Sie, er ist ein Krieger und als solcher darf er sich Vergnügen, wo ihm das Vergnügen geboten wird. Tout cela en passant und damit ist ein Mann wie er zufrieden. Doch, um von anderen Dingen zu reden – er war sehr glücklich über sein Avancement, und auf mein Gesuch mußte sogleich eine Ordonnanz satteln und Ihrem Vater die Einquartierung abholen.«

»Mr. Dübois, was sagen Sie da?«

»Die Wahrheit. Als ich nach Sassnitz kam, um Ihr Billett abzugeben, war man schon dabei, das Haus zu scheuern und zu waschen, um die Spuren der französischen Reiter los zu werden. He! Nicht übel, mon cher, nicht wahr? Aber man muß es verschmerzen, daß man so wenig geliebt ist! – Nun aber hören Sie. Als ich von Ihnen zu sprechen anfing, da – habe ich viele Tränen fließen sehen und auch aus sehr schönen Augen, denn das muß man sagen, Votre soeur, c'est une fille très extraordinaire et belle comme un ange

»Meine Schwester?« fragte Waldemar mit etwas kurzem Atem.

» Eh bien, la Demoiselle Illé

»Ach, Hille, nun ja, ich verstehe.«

»Das Mädchen hat mir altem Mann das Herz warm gemacht, das muß ich sagen, und sie bewahrt Ihnen eine Zärtlichkeit, die mich wahrhaft gerührt hat.«

»Ja, ja, Mr. Dübois – aber meine Eltern?«

»Ah, das sind ein paar würdige Leute! Es tut mir sehr leid, daß sie so viel und so lange gelitten haben! Aber nun ist es vorbei, und sie werden fürs erste keine Soldaten wiedersehen. Ich habe ihnen alles gut schreiben lassen.«

»O, Mr. Dübois, wie soll ich Ihnen für Ihre Güte danken?«

» Silence, Monsieur! Das hat keine Eile; ich habe dabei an meine Kinder gedacht, die in Soissons leben, und das war auch ein Genuß für mich. Genug, sie befanden sich wohl und wurden zusehends jünger, als ich von Ihnen erzählte, was ich wußte.«

»Auch daß wir Frieden bekommen?«

» Non, mon cher, das lag außer der Verabredung. Ei, wie werde ich! Das ist ein Geheimnis, welches Sie mir abgelockt und das ich nicht auszuposaunen bitte, zumal es noch nicht ganz gewiß ist.«

»Noch nicht ganz gewiß – nicht?«

»Wer kann es wissen! Die Götter machen Frieden, und die Menschen empfangen ihn mit Dankbarkeit. Helas! Auch wollte der Alte – Strandvogt ist er ja wohl – in den nächsten Tagen selbst nach Bergen kommen und sich das Haus ansehen, worin sein Erbe wohnt.«

Waldemar griff abermals nach der Hand des braven Franzosen und drückte sie herzlich. »Werde ich ihn nicht auch sehen und sprechen können?« fragte er.

»Nein, mein Herr, das verbitte ich mir. Das liegt außer – weit außer den Grenzen meiner Befugnis, und Sie dürfen mich nicht in Ungelegenheiten bringen, der ich schon ganz gegen meine Befehle mich zu Ihrem postillon d'amour gemacht habe.«

»So bescheide ich mich, aber ich danke Ihnen gleichwohl innigst.«

» Silence! Und Demoiselle Illé wird auch hierher kommen und bei ihrem Bekannten, einem Müller, wohnen, dessen Haus da draußen am Fuße des Berges liegt, wie sie sagte.«

»Ja, auf dem Wege nach dem Rugard – ich weiß es. Also auch Hille wird in meiner Nähe sein?«

»Ja, und sie wird Euch beiden eine gute Suppe schicken und auch eine Flasche Wein, damit Ihr nicht ganz von Kräften kommt, und das – o ja – das habe ich ihr zugestehen müssen, denn sie hat mich gebeten – mit Augen, Mr. Forst – wollt' ich sagen Granzow – mit Augen, wie sie kaum meine eigene Tochter hat.«

Waldemar konnte nicht antworten; das Herz schlug ihm so mächtig, daß er zitterte, er, der starke Mann.

»Ja, und sie wird den Winter hier verleben, sagte sie, das heißt, wenn Sie so lange hier bleiben, natürlich! Das ist eine Schwester – vraiment! wie sie nur selten gefunden wird, mon ami

»Ja, ja, sie ist ein vortreffliches Mädchen.«

»Sehr vortrefflich, und wenn ich ein junger Mann wäre, ich könnte mich in sie verlieben und« –

»Davonlaufen und sie sitzen lassen wie der Herr Major von Caillard.«

» Non, non! Von dem Schlage bin ich nicht. Er ist Soldat und ich bin Beamter, das ist ein Unterschied, Monsieur

»Aber werde ich ihr wenigstens schreiben können?« nahm Waldemar das Gespräch wieder auf.

»Schreiben! Muß es denn immer und durchaus geschrieben sein? Das ist mir nicht ganz recht. Aber bisweilen – nun ja, meinetwegs, wenigstens so lange ich hier bin, denn nur ich darf der Postillon sein, der diese Briefe befördert.«

»Wie? Werden Sie denn nicht hier bleiben, Mr. Dübois?«

»Nein, nicht lange, mon cher. In acht Tagen gehe ich wieder nach Stralsund, wo meine eigentliche Station beim Marschall ist.«

»O, das tut mir leid. Wer wird so freundlich mit mir reden und mir so große Erleichterungen gewähren, wenn Sie fort sind?«

»Sorgen Sie nicht vor der Zeit; ich werde Befehle hinterlassen, die man respektieren wird.«

»So danke ich Ihnen auch dafür wie für alles, was Sie an mir getan haben.«

»Keinen Dank, keinen Dank! Wissen Sie noch, wie wir bei dem großen Winde damals zwischen Himmel und Wasser schwebten, he? Eh bien, da war mir sehr schlecht zu Mute, und ich glaubte, meine Sterbestunde sei gekommen. Da aber traten Sie zu mir, trösteten mich, sprachen mir Mut ein und trugen mich sogar auf Ihren Armen an das Land. He, wissen Sie das noch? Nun, sehen Sie, da sagte ich zu mir: der Mann ist dein Engel geworden und hat dich gerettet. Gebe Gott, daß er auch einmal in Gefahr kommt, damit ich ihn wieder retten kann. Voilà, Monsieur, die Gefahr hat sich eingestellt, und ich, denke ich, bin nicht ausgeblieben, wie?«

»Nein, Sie sind noch da, und ich bin Gott und Ihnen dankbar dafür.«

»Das ist recht, ich bin es auch. Selbst Feinde sollten sich nicht immer als Feinde betrachten, le grand dieu wenigstens hat sie wohl nicht dazu bestimmt, das ist so meine Ansicht, und ich weiß nicht, ob es auch die Ihrige ist.«

»Vollkommen, Herr Dübois, und ich wünschte, Ihre Landsleute teilten etwas diese Ansicht.«

»Auch die Ihrigen, denn – geben Sie acht – wenn einmal die Deutschen alle zusammentreten und ihre Hände mit Säbeln bewaffnen, wie sie sie jetzt in die Tasche stecken – wo werden die Franzosen bleiben? Mon dieu! Wer das nicht sieht, ist sehr kurzsichtig, und ich wollte, mein großer Kaiser wäre es etwas weniger, als es den Anschein hat.«

Mit diesen Worten entfernte sich Mr. Dübois aus dem Gefängnis, und so lange er noch in Bergen verweilte, besuchte er täglich seinen jungen Freund und verplauderte jedesmal ein Stündchen mit ihm, was seine Lieblingsbeschäftigung war.

Was er aber von Hille gesagt, traf pünktlich ein; sie kam nicht allein nach Bergen, wo sie beim Müller Dalwitz wohnte, sondern sie brachte auch einen neuen Verbündeten mit, auf den Waldemar noch weniger gerechnet hatte, als auf den wackeren Dübois, und dessen Beziehungen zu unserm Freunde wir im folgenden Kapitel noch näher erörtern werden.

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