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Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band - Kapitel 5
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Dritter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
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Viertes Kapitel.

Der Kaiser von Pulitz plaudert.

Als Adam Sturleson, mit frischem Wasser und reichlicher Speise beladen, in der nächsten Nacht nach dem Entenfang auf All-Rügen ging, um seine jungen Freunde von den Ereignissen des Tages in Kenntnis zu setzen, geschah dies nicht mit der freudigen Raschheit, die ihm sonst bei ähnlichem Tun beizuwohnen Pflegte, noch weniger in einer zum Lachen und Scherzen aufgelegten Laune, wie er selbst am vorigen Abend vorausgesagt hatte, vielmehr war er ernst, nachdenklich und sogar trübe gestimmt. Der grausame Befehl des Generals, den schönen Wald zu fällen, bloß um dafür eine erbärmliche Summe Geldes zu erhalten, hatte ihn ganz aus seinem ruhigen Gleichmut geworfen und zum erstenmal fühlen lassen, daß auch er im Bereich des Krieges lebe und den gewaltsamen Übergriffen eines unerbittlichen Feindes preisgegeben sei. Erst als er den jungen Männern sein Herz ausgeschüttet hatte, wurde ihm wieder etwas leichter zumute, und er besprach endlich sogar mit lächelnder Miene das Aussehen und Wesen seines neuen Herrn, welches er den beiden mit so lebhaften Farben schilderte, daß sie ihn fast vor ihren Augen zu haben vermeinten. Nachdem man darauf noch ein Stündchen geplaudert, entfernte sich Sturleson wieder, während die von allem Verkehr der Welt Abgeschiedenen noch lange auf dem kleinen. Werder hin und herschritten und unter dem verschwiegenen Himmel ihren Gefühlen und Ansichten freien Lauf ließen, da ihnen in ihrer augenblicklichen Lage jede weitere Tätigkeit versagt war.

Waldemar ertrug seine Gefangenschaft, denn das war ja der erzwungene Aufenthalt in der Erdgrotte, mit sichtbarer Fassung und Ergebung; ihn quälte weder ein anderer trüber Gedanke, noch war die Hoffnung auf bessere Zeiten aus seinem Herzen verbannt. Magnus dagegen war ganz und gar in seinen früheren trübseligen Gemütszustand zurückgesunken, und Waldemar hatte die größte Mühe, die Vorstellungen seiner Seele von Todesahnungen abzuleiten, in denen sie den ganzen Tag über befangen gewesen war. Schon aus diesem Grunde verstrich dem Sohn des Strandvogts die Zeit rascher, als dem seinem Brüten allein hingegebenen Freunde, denn er hatte etwas zu tun, eine Pflicht zu erfüllen, und die erfüllte er mit vollkommener Hingebung, zumal er, wie schon erwähnt, seit jenem letzten Besuche Hilles ein wahrhaftes Mitleid mit dem armen Grafen fühlte. Dieses von Tag zu Tag zunehmende Mitleid war es auch, was ihn veranlaßte, bisweilen sogar Gylfes Erwähnung zu tun, in dem guten Glauben, dem Freunde dadurch wenigstens einen Schimmer von Hoffnung zu gewähren, daß das Mädchen seiner Liebe ja noch nicht gänzlich verloren sei und sogar zur Einsicht und Vernunft zurückkehren könne, wenn es erfahre, wie gut es Magnus, und wie schlimm es Kapitän Caillard mit ihm gemeint habe.

Als er auch jetzt wieder davon zu reden anfangen wollte, wo sie langsam am Ufer des kleinen Werders auf- und abschritten und nichts über sich sahen, als den sternenbesäeten Himmel, nichts um sich hatten, als das dämmernde Licht, einer kurzen Sommernacht, ließ ihn Magnus nicht einmal den ersten Satz vollenden, sondern umfaßte liebevoll des stärkeren Freundes Schulter und sägte milde, aber mit durchdachter Entschlossenheit:

»Waldemar, ich danke dir für deinen guten Willen, mich wie ein redlicher, gefühlvoller und an meinem traurigen Geschick wahrhaft teilnehmender Freund trösten zu wollen, aber laß es für heute das letzte Mal sein, daß wir von diesem Gegenstande sprechen, denn ich fühle das Bedürfnis, mit ihm zu Ende zu kommen und meine Gedanken auf andere, wichtigere Dinge zu leiten. Wisse, daß ich Gylfe Torstenson ein für alle Mal in meinem Herzen aufgegeben habe, selbst wenn sie später zur Einsicht käme, daß sie Unrecht getan, jenen unbekannten, unserm Vaterlande feindlich gesinnten und sie trotz seiner Galanterie betrügenden Franzosen mir, dem alten Freunde – und Sohne ihres Wohltäters vorgezogen zu haben. Ja, ich habe jede Hoffnung aufgegeben, sie mir wiederzugewinnen, denn mein Herz, obgleich es dabei blutet, sagt mir, daß ich sie verloren habe, für immer und ewig, in dieser und in jener Welt. Aber nicht allein mein Herz sagt mir das, auch meine Ehre gebietet mir, sie nicht mehr zu lieben, seitdem sie dem Feinde ihr Gemüt zugewandt, das, wenn nicht mir, doch dem Vaterlande und seinen Söhnen hätte gehören müssen. Ach, Waldemar, diese Überzeugung von dem Verlust meiner Liebe würde mich noch tiefer erschüttern und mit unendlichem Gram erfüllen, wenn – wenn ich nicht wüßte, daß ich dies verführerische Mädchen, selbst wenn es mir treu geblieben wäre, doch nie als Weib hätte an meine Brust drücken dürfen.«

»Wie,« unterbrach ihn Waldemar, »und warum denn nicht?«

»Höre mich zu Ende und glaube mir. Schon früher und öfter, du weißt es ja, hat mir eine innere Stimme, deren Flüstern ich verstehe, auch wenn sie ganz leise zu mir spricht, zugeraunt: Magnus, Dein Lebensfaden wird nicht von langer Dauer sein, gib also die Torheit irdischen Verlangens auf und wende dich den himmlischen Tröstungen zu. – Und sieh, seitdem mir Gylfe im Schlosse meiner Väter mit Verachtung begegnet ist, seitdem sie mich ihren Haß in Blicken, in Mienen, in ihrem ganzen Wesen hat lesen lassen, weiß ich bestimmt, daß es mit mir bald auf die eine oder andere Weise zu Ende gehen wird.«

»Magnus! Ich bitte dich, sprich nicht so, denn du täuschest dich.«

»Nein, Waldemar, ich täusche mich nicht. Sieh, von meiner Kindheit an wohnte mir ein eigenes Gefühl inne, dem ich keinen anderen Ausdruck geben kann, als daß ich es mit einem Stern in meiner Brust vergleiche, der bald Heller, bald matter funkelte, und dadurch zu erkennen gab, daß meines Lebens Glück im Sonnenlichte aufstrahlte oder in finsterer Nacht verlösche. Nie, nein, nie hat mich dieses Schimmern meines Sternes betrogen, und stets hat er mir das, was kam, vorhergesagt. Alle Einzelheiten meines Lebens könnte ich dir aufzählen, um dir davon den Beweis zu liefern, aber ich übergehe das, weil es dir vielleicht zu kleinlich erscheinen Würde. Solange ich aber diesen Stern noch leuchten sah, erlosch nicht die Hoffnung zum Bessern in mir; selbst wenn er nur noch ganz schwach flammte, wußte ich, daß ich noch nicht hilflos verloren war. Seit jenem Tage aber, wo ich zum letztenmal unter dein Dache meines Vaters atmete, ist er – ganz erloschen; ich sehe nichts mehr von ihm, und mein ganzes Innere ist in nächtliches Dunkel gehüllt. Das, Waldemar, bedeutet mir, daß mein Ende nahe ist, und nun folge meinem Rat und höre, was ich dir sagen will. Ich sehe von unserer nächsten Zukunft nichts Gutes voraus. Wir werden ergriffen und unseren Feinden überliefert werden, so sicher wir uns jetzt in diesem kleinen Erdwinkel auch wähnen. Ich habe dir nie Glück gebracht, Waldemar, im Gegenteil, nur Unglück, mein Los war stets das deinige, und ich ritz dich mit mir in alle Bitterkeiten des Lebens hinein. Trenne dich also von mir; überlaß mich mir selber und folge du deinem eigenen Stern, der, ich weiß es, stets golden und klar funkelt. Nur dann erst, wenn du mich aufgegeben, mich verlassen hast, wirst du glücklich sein und das Ziel deines Daseins erreichen.«

Waldemar, überwältigt von Wehmut wie nie zuvor, wenn Magnus ihm sein verdüstertes Innere enthüllt hatte, wußte nicht, was er hierauf erwidern sollte, aber er umfaßte Magnus mit festerem Arme, als wollte er ihn gegen die Gewalttätigkeit des Lebens schützen, und sagte dann mit leiser aber fester Stimme, die seinen unumstößlichen Entschluß aussprach: »Nein, Magnus, fordere alles von mir, nur das nicht. Ich habe deinem Vater, dir, mir selber gelobt, an deiner Seite auszuharren, in Freud und Leid, und so will ich mit dir stehen oder fallen, wie es dein Schicksal will, wenn ich doch einmal daran glauben soll. Habe ich lange Jahre das Gute neben dir genossen, so will ich auch vor dem Schlimmen nicht zurückschrecken, und nie, nein, nie werde ich diesem deinen Rate folgen.«

»So tu, wie du willst, aber vergiß nicht, daß ich dich wiederholt gewarnt habe. Ach, Waldemar, wie klein und unnütz erscheint mir jetzt, da ich klar über mich selber geworden bin, unsere jahrelange Bemühung, unser nur auf das in unsrer Einbildung Große gerichteter Tatendrang! Wir wollten die ganze Welt mit unserm Zorne verschlingen, wenn sie uns feindlich war, den Eroberer niederwerfen, die Freiheit des Vaterlandes mit unserm Blute erkaufen – und wir sitzen hier, von aller Welt abgeschnitten, auf dieser kleinen Insel, auf der uns der erste beste Henkersknecht jenes Eroberers, wenn er uns findet, ungestraft vernichten, oder jeder Jäger mit seiner Kugel niederstrecken kann, als wären wir ein schädliches Tier des Waldes. O Menschenleben mit deinen Hoffnungen und Täuschungen, wie glänzest du von weitem so schön und hell, wie eine Sonne, und wenn wir nahe hinzutreten, finden wir nur einen trügerischen Schimmer, der uns verlockt, verführt und betrogen hat.«

»Du hast in manchen Dingen recht,« nahm Waldemar besänftigend das Wort, »allein deine Phantasie führt dich immer zu weit in die Irre, wo du die allgemeine Menschenhoffnung als trügerischen Stern verklagst. Stets hast du vom Schicksal, wie von dir selber zu viel gefordert, Magnus Was konntest du, der einzelne, dem Großen, Gewaltigen gegenüber vollbringen, der jetzt wie ein riesiger Geier halb Europa in seinen bluttriefenden Fängen hält? Genug, daß du den Willen dazu hattest, ihn zu zerschmettern, und wenn alle, oder nur viele denselben Willen gehabt, so wäre es schon lange um dieses übermütige Franzosenvolk geschehen. Wie lange ist es nun schon her, daß Napoleon in Deutschland einfiel, und wir haben noch immer nicht vernommen, daß Deutschland aus seinem Traumleben sich erhebt und dem hohnlächelnden Feinde die trotzige Stirn bietet. Sieh die Tat jenes Schill an, an der du so hochherzig teilgenommen, so erhebend, so wohltätig für ein blutendes patriotisches Herz, obwohl sie dem kälter Urteilenden rätselhaft abenteuerlich erscheinen mag, sie steht noch immer vereinzelt da, die Völker, die schon lange im stillen grollen, zögern immer noch, ihre Stimme laut zu erheben, und die Fürsten, als wären sie in ratlose Ohnmacht versunken, rasseln noch immer nicht mit dem Schwerte oder lassen die Trompete erschallen, die ihre Völker um sie versammeln würde. Wenn also so viele, so Große, so Mächtige nichts erreichen, so beklage dich nicht über dein einzelnes Geschick, und wenn aus dieser traurigen Betrachtung der Wahn entspringt, daß der Stern in deiner Brust erloschen, so laß mich dir sagen, daß nie in meinem Leben das Herz in mir so mutig geschlagen, wie jetzt, daß ich, selbst in dieser kleinen Hütte, in die wir sogleich hinabsteigen, den ganzen Himmel fühle, der mit seinen Strahlenblicken hier über uns in aller Glorie flackert, und daß ich die Überzeugung habe, ein solches Gefühl könne mich niemals und nimmer täuschen.«

Magnus lächelte schmerzlich, drückte aber die Hand des wackeren Freundes, den ihm die Vorsehung an die Seite gestellt, herzlich wieder. Ach, aber in diesem Drucke lag nicht die Einstimmung in seine mutigen Gefühle, nein, es lag mehr darin ein Abschied, als wolle er diese Hand noch so lange drücken, als sie ihm erreichbar wäre, denn – denn – mochte Waldemar sagen, was er wollte, der Stern war in Magnus' Brust erloschen, und leider – und das war die unglücklichste Mitgift, die er fürs Leben erhalten hatte – er wußte es und glaubte daran.

*

Den nächsten Morgen hatte General Chambertin dazu bestimmt, mit seinem Pächter verschiedene Einzelheiten im Pachthause und auf dem Gute zu besichtigen, um hie und da Veränderungen, die er für notwendige Verbesserungen hielt, anzuordnen und überhaupt eine vollständige Übersicht von seinem neuen Besitztum zu gewinnen. Adam Sturleson hatte alles dazu instand gesetzt und saß in seinem Zimmer, um den Diener zu erwarten, der ihn zum gnädigen Herrn rufen sollte. Allein er wartete immer noch vergeblich. Der General hatte vor einer Stunde durch einen besonderen Boten einen Brief aus Bergen, erhalten, in dessen Studium er ganz vertieft war und der also von Wichtigkeit für ihn sein mußte. Endlich wurde der alte Schwede ungeduldig und hielt es für geraten, seinerseits den Kaiser von Pulitz zu erinnern, daß auch für ihn die Zeit nicht still stehe und daß er sie benutzen müsse, wenn er etwas Ersprießliches vor sich bringen wolle. Er stand daher auf, nahm Hut und Spatenstock und begab sich nach dem Flure, wo er bescheiden an die Tür klopfte, hinter der er seinen Herrn vermutete.

Allein sein Begehr, hineingerufen zu werden, ward nicht erfüllt. Es blieb alles still darin und selbst der überall spionierende Kammerdiener ließ sich nicht blicken. Endlich wagte es der alte Schwede, leise den Drücker zu bewegen und den Kopf in den geöffneten Türspalt zu stecken. Da hatte er denn einen ergötzlichen Anblick vor sich.

Der alte General saß auf einem dicht an den Tisch gerückten Sessel und las sehr eifrig in dem schon erwähnten Briefe, zu welchem Behufe er zwei große Brillengläser auf die Nase geklemmt hatte, die unter diesem Drucke ganz blau geworden war und nur mit Widerstreben den seltenen Ausdringling zu dulden schien.

Bei dem Geräusche, welches die aufgehende Tür verursachte, erhob der Lesende den originellen Kopf, und als er den Störenfried erkannte, lächelte er bedeutsam und winkte ihn näher heran.

»Bon jour, mon cher!« »Nun da sind Sie ja. Aber aus unsrer Besichtigung kann heute nichts werden, ich habe hier eine wichtige Botschaft erhalten, die meine ganze Teilnahme und Zeit in Anspruch nimmt.«

»Es wird doch keine Unglücksbotschaft sein?« fragte der alte Schwede etwas neugierig.

»Nein, nein, durchaus nicht, aber wichtig ist es, wie ich sage. He, kommen Sie einmal näher und nehmen Sie einen Stuhl, Sie können mir vielleicht ein paar Fragen beantworten, die Licht in die Sache bringen. Aber wir sprechen entre nous, tout entre nous, mon ami

»Ja, ja,« erwiderte der alte Schwede, nachdem er einen Stuhl geholt und sich darauf niedergelassen hatte, wobei er beinah eben so leise sprach, wie der General zu ihm gesprochen, als wolle er selbst die Wände kein Wort von seiner Plauderei hören lassen.

»Sagen Sie einmal,« fuhr der Franzose fort und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, – »kennen Sie vielleicht den Grafen Brahe?«

»Den Herrn von Spyker?« fragte der Schwede dagegen und wurde nun auch seinerseits sehr aufmerksam auf das folgende. »Ja, den kenne ich – er ist in Schweden.«

»Den meine ich nicht – ich meine vielmehr seinen Sohn.«

»Den Grafen Magnus?«

»Denselben, ja.«

»Der ist außer Landes.«

»Mit nichten, mon cher ami. Ich weiß es besser – und hier steht seine ganze Geschichte.«

So betroffen der alte Schwede war, so beherrschte er sich doch vollständig, ja er bewies sogar, daß er ein vortrefflicher Diplomat sein könne, indem er nicht allein seine Miene in Ruhe zu halten, sondern auch seinen Gegner zum Sprechen zu bringen verstand. »Sie belieben zu scherzen,« sagte er mit einem so ehrlichen Gesicht, daß der alte General vollkommen getäuscht wurde.

» Non, non, ich scherze nicht und die Sache ist überhaupt gar nicht scherzhaft. Nehmen Sie irgend ein Interesse an diesen Brahes?«

»Ach nein, Herr General, ich kenne sie ja nur dem Namen nach, obwohl der Vater – ja, der Vater ein allgemein beliebter Mann auf Rügen ist.«

»Ach, ich rede ja nicht vom Vater – dieser Brief hier betrifft den Sohn.«

»Was ist's denn mit ihm, wenn man es wissen darf?«

»Allerdings darf man es wissen und man muß es sogar, denn er könnte sich auch hierher wenden und Schutz bei uns suchen.«

Der alte Schwede zeigte eine Miene, die so starr von unsäglichem Unglauben war, daß der schwatzhafte General immer mehr zum Sprechen ermutigt wurde. »Richten Sie sich ein,« fuhr er leise fort, »in diesen Tagendem Kommando dänischer Soldaten nebst einem Offizier aufzunehmen; man wird an einem bestimmten Tage hier wie auf der ganzen Insel nach ihm suchen, und um ihn auf einen Griff zu ertappen, ein Bataillon Dänen aus Stralsund herüberschicken, die alle Schlupfwinkel des Landes besser kennen als unsere Leute und verständlicher mit den dummen Einwohnern umzugehen wissen. Ha, man wird die Rangen fassen, einsperren und –« indem er seine beringte Hand mit einer bezeichnenden Geberde unter das Kinn legte – »um einen Kopf kürzer machen.«

»Aber mein Gott,« sagte der Pächter gelassen, »was hat denn der junge Mensch so Arges verbrochen?«

»Viel, sehr viel, mon ami. Hier steht sein ganzes Sündenregister. Zuerst hat er in Colberg gegen die Franzosen gefochten.«

»O, das haben sehr viele getan, und wenn Ihr Kaiser sie alle wollte köpfen lassen, wo wollte er Henker genug hernehmen.«

»Das ist seine Sache, mon cher. Vive l'empereur! Dann aber hat er sich mit andern Verrätern in ein Komplott eingelassen gegen das Leben des Kaisers – das Scheusal! Er hat Haß und Verachtung gegen seine Regierung und seine geheiligte Person gepredigt, ist Mitglied des Tugendbundes geworden, was nur ein schöner Name für eine Verbrecherverbindung ist, von der sich alle Teilnehmer vorgenommen haben, Hand an die Person des gesalbten Kaisers zu legen. Dann ist er mit seinem Spießgesellen, einem gewissen Waldemar Granzow aus Sassnitz – der ein verfluchter Kerl sein muß – ein Spion geworden, hat überall Kundschaft gebracht und geholt, überall Aufregung gegen die Franzosen angezettelt, ist endlich mit dem Deserteur Schill nach Stralsund gekommen, hat dort meuchlings gegen meine Landsleute gekämpft, ist nach Rügen entwischt, hat sich heimlich auf Spyker aufgehalten, dort das Gespenst gespielt, einen Kommandeur der Jäger gefoppt, hinters Licht geführt und treibt sich seht wie ein Buschklepper auf Rügen umher, um eine Bartholomäusnacht gegen uns anzustiften, comme il faut – Herr, ist das nicht ein Verbrecher, wie es keinen zweiten in ganz Europa gibt?«

»Ist es möglich!« sagte seufzend und mit gefalteten Händen der Pächter von Pulitz. »So jung noch und schon so verbrecherisch!«

»Ha, ja! Es muß ein Schandbube sein. Aber man wird es ihm anstreichen. Man wird ihn ergreifen und richten, seine Güter einziehen, seine Wappen zerbrechen, seinen Namen vertilgen und jede Erinnerung an sein Geschlecht in diesen Landen auf ewige Zeiten auslöschen.«

»O, das ist ja traurig! Aber man hat ihn noch nicht, Herr General, und es wird schwer halten, ihn zu greifen, da er reich ist, viele Freunde auf der Insel besitzt und alle Verstecke kennt, die nie ein Franzose, mit Augen gesehen.«

»Hoho, das wollen wir doch erleben! Es ist alles dazu eingeleitet. An einem bestimmten Tage wird eine allgemeine Hetzjagd nach ihm und seinem Kumpan abgehalten werden. Alle Fähren, die schon jetzt scharf bewacht werden, sollen besetzt, alle Wege und Wälder durchsucht, alle Häuser durchstöbert und alle Ufer durch Patrouillen durchforscht werden. So wird man ihn finden und der Verbrecher wird seine Strafe erleiden.«

»Ja freilich, wenn es sich so verhält, dann wird er wohl verloren sein.«

»Ha! Nicht wahr? Das wird prächtig sein. Ich möchte wohl dabei sein, Wenn man ihn findet, aber man kann nicht an allen Orten zugleich sein.«

»Meinen Sie, man wird ihn an verschiedenen Orten zugleich finden?«

» Charmant, charmant, mon ami! Ihr seid ein Spaßvogel, comme il faut. Das liebe ich, das liebe ich! Aber wenn das Exempel an dem Banditen statuiert wird, der sich zur Schande der Menschheit einen Grafen nennt, dann werde ich die Reise dahin unternehmen, und sollte ich eine Meile zu Fuße machen müssen.«

»So, so!« sagte der alte Schwede halb für sich, und neigte sinnend den Kopf. »Wo und Wann wird denn diese Hetzjagd beginnen?«

Der General drückte die Brille fester auf die Nase und suchte die betreffende Stelle im Briefe auf. »Ah, hier steht es, ja!« rief er freudestrahlend. »Am ersten August beginnt sie an allen Orten zugleich, und wird so lange fortgesetzt, bis das Wild abgefangen ist. Haha!«

»Und wann werden die Herren Dänen uns die Ehre ihres Besuches zuteil werden lassen?«

»Schon einen Tag vorher, am 31. Juli mittags werden sie auf Pulitz eintreffen. Also haltet Euch bereit, mon cher

»Ich werde alles Mögliche tun, sie vorbereitet zu empfangen, Herr General.«

» Superbe, charmant! Das ist brav. Nun aber laßt mich allein, ich Will sogleich diesen Brief beantworten, der von einem meiner Freunde kommt. –«

Adam Sturleson verließ den General und zwar, wie wir gestehen müssen, etwas beunruhigter, als er zu ihm gekommen war. Hin und her überlegte er, was ihm unter diesen Verhältnissen zu tun obliege, ob er Magnus und Waldemar in seinem Entenfang behalten oder irgend wo anders hinbringen solle. Er erwog alle Möglichkeiten und Zufälle, schätzte alle Gefahren ab, und fand es endlich am rätlichsten, wenn sie sich weit von der Insel weg begäben, womöglich nach Schweden, denn da hielt er sie am gesichertsten. Endlich kam er dahin mit sich überein, ihrem eigenen Ermessen anheimzustellen, was sie tun wollten, und demgemäß wartete er die Nacht ab, um ihnen das Resultat seiner Plauderei mit dem Kaiser von Pulitz zu überbringen.

*

Langsamer war dem alten Schweden nie ein Tag auf seiner Insel verstrichen, als dieser, er wollte gar kein Ende nehmen. Zehnmal sah er nach seiner alten Uhr und verglich dann den Stand der Sonne damit, in der Meinung, sie gehe zu spät, aber die Sonne zeigte stets, daß sie richtig ging, und so mußte er sich denn endlich in Geduld fügen.

Kaum aber war die Nacht über das Land hereingesunken, kaum war das Licht in des Generals Schlafzimmer erlöscht, so trat er mit behenden Schritten seinen Warnungsgang an und fand die jungen Leute schon seiner harrend, da sie von der Langeweile zu leiden anfingen und sich sehnten, einen Menschen zu sehen und zu sprechen, der sie doch in einige Verbindung mit der übrigen Welt brächte. Mit ziemlicher Fassung hörten beide die Erzählung des Pächters an und waren bald mit ihm einig, daß es doch wohl am geratensten wäre, wenn sie Rügen verließen, da sie hier auf die Dauer nicht sicher waren und bei den so streng gehandhabten Nachforschungen aus einem Schutzort in den andern gedrängt wurden.

»Sicher seid Ihr hier,« sagte der Alte zuletzt, »das ist gewiß, dafür will ich einstehen.«

»Aber wir halten es hier nicht aus,« erwiderte Magnus. »Nein, nein, alter Freund, lassen Sie uns fort, schaffen Sie uns Mittel zur Flucht, dann werden auch Sie bald der großen Sorge und Verantwortung enthoben werden, die Ihnen unsere Anwesenheit bereitet.«

»O, das schreckt mich nicht, aber ich halte es unter allen Umständen für besser, wenn fünfzig Meilen zwischen Ihnen und Ihren Verfolgern liegen.«

»Wie gehen wir aber von hier fort?« nahm Waldemar das Wort, der bereits seinen Entschluß gefaßt hatte. »Zu Lande oder zu Wasser?«

»Nicht zu Lande, nicht zu Lande, mein Junge, das ist jetzt gefährlich. Der Weg nach Schweden zu Wasser ist zwar weit und das Fahrwasser durch Rügen eng, allein eine dunkle Nacht und guter Wind machen das Wagnis gerade nicht zu einem Kinderspiel, aber doch ausführbar.«

»Ja, ja, Ohm, wir müssen zu Wasser fort. Aber wie? Schaff' uns ein seetüchtiges Boot, und das übrige übernehme ich. Auf Jasmund allein aber wird es solche Boote geben, wenn nicht auf der Lietzower Fähre. Könnte ich meinen Vater sprechen, der würde mir am besten raten, denn er kennt jedes Boot am ganzen Binnen- und Außenstande von Rügen.«

»Daran ist nicht zu denken, daß du den sprichst. Aber halt, das war ein guter Gedanke! Wenn ich selbst zu ihm ginge und unsere Ratlosigkeit vorstellte?«

»Das wäre das beste. Aber wie willst du zu ihm gelangen?«

»Das muß beschlafen werden, mein Junge, laß mich nur machen. Kommt Zeit, kommt Rat.«

»Habt Ihr keinen sicheren Boten, der den Auftrag übernehmen könnte?« fragte Magnus.

»Nichts von Boten, nichts von Boten! Bei solchen gewichtigen Anlässen muß man selbst der Mann sein, der den Boten macht, denn wir müssen vor allen Dingen sicher gehen. Auf morgen denn, meine Herren. Ich verlasse Sie, und seien Sie überzeugt, wenn wir uns wiedersehen, habe ich Rat geschafft. Bleibe ich etwas lange aus, so ist die Sache fertig, verlieren Sie also die Geduld nicht, junger Herr.«

Nach herzlichem Händeschütteln trennte man sich. Der alte Schwede kehrte nach Pulitz zurück, um seinen Plan zu beschlafen, und die Verfolgten stiegen in ihre Hütte hinab, um das neue Vorhaben nach allen Seiten zu besprechen und sich abermals auf eine Flucht vorzubereiten, die schwieriger auszuführen war und mehr Anstrengung und Ausdauer erforderte, als alle ihre früheren.

*

So viel Mühe der alte Schwede sich in der nächstfolgenden Nacht auch gab, seinen Plan so gut wie möglich zu beschlafen, er sollte vor Aufregung gar nicht zum Schlafen kommen, denn in seinem alten Herzen hämmerte und wühlte es, als wäre er persönlich bei dem Vorliegenden beteiligt. An seiner Statt aber übernahm ein anderer es, für die Flüchtlinge zu sorgen, und zwar auf eine Weise, wie es kein Mensch von allen, die ein Interesse dabei hatten, zu hoffen gewagt hätte.

Der General war am nächsten Morgen ungemein früh munter und ließ den Pächter auffordern, zwei Pferde vor seinen Reisewagen zu legen, damit er in Bequemlichkeit sein Besitztum umfahren und alles Einzelne ganz genau in Augenschein nehmen könne. Da aber zeigte sich ein Hindernis, auf welches man am wenigsten gerechnet hatte und woran der so schön angelegte Plan gänzlich scheitern sollte. Mochte der anders gestaltete Wagen, als die kleinen Pferde des alten Schweden ihn bisher zu sehen gewohnt waren, daran schuld sein, oder mochten sie mit dem Teufel im Bunde stehen, wie der General einmal über das andere fluchte, genug, die patriotischen Tiere weigerten sich durchaus, das Pariser Fuhrwerk in Bewegung zu setzen, und weder Schmeichelei noch Strafe bewog sie, von ihrem störrigen Eigensinn zu lassen.

Aber schon hatte der ängstliche General genug an diesen vermaledeiten vierbeinigen Insulanern. Er wollte sich nicht ohne Not in die Gefahr begeben, Hals und Beine auf seinem neuen Besitztum zu brechen, und so gebot er, die Pferde auszuspannen, und ließ sich mit dem Pächter in Unterhaltung ein, auf welche Weise man wohl in aller Eile zu einem Paar brauchbarer Tiere gelangen könne, da sein gelähmter Körper ihm keine andere Reiseart gestattete.

Dem alten Schweden fuhr es bei dieser Unterredung wie ein Blitz durch den Kopf. »Hm!« sagte er plötzlich, »wenn ich noch heute nach zwei guten und frommen Pferden – sehr frommen, Herr General – forschen dürfte, käme ich vielleicht nicht zu spät zum Handel, denn die Rasse ist selten auf Rügen. Aber es ist etwas weit bis dahin, wo sie zu haben sind, und ich dürfte leicht dazu einen Tag brauchen, den Kauf abzuschließen, wenn ich sehe, daß er ersprießlich ist.«

»Wo ist es, wo ist es, mon ami

»In Sagard auf Jasmund, Herr General. Dort kenne ich jemanden, der zwei lammfromme Kutschpferde besitzt.«

»Werden sie teuer sein?«

»Ich glaube nicht, wenn ich sie erhandle, wogegen Sie wahrscheinlich den doppelten Preis zahlen müßten.«

»So beeilen Sie sich und gehen Sie sogleich dahin.«

»Sehr gern! aber dann bitte ich mir von Ihnen eine Bescheinigung aus, daß ich in Ihrem Auftrage die Reise unternehme, denn ich muß auf den Fall gefaßt sein, daß mich Ihre Landsleute fragen, was ich auf Jasmund zu suchen habe.«

»O, weiter nichts? Mit meinen Landsleuten wollen wir schon fertig werden. Kommen Sie herein, Sie sollen einen Paß haben, den selbst der Kaiser respektiert.«

Der Paß war geschrieben, und der alte Schwede stieg sogleich in eins seiner Boote, um sich nach Thiessow rudern zu lassen und von da seinen Weg zu Fuße fortzusetzen. Er blieb allerdings etwas lange aus, denn er war mittags zwölf Uhr fortgefahren, und erst abends neun Uhr sah man sein Boot wieder an das Pulitzer Ufer legen. Leider aber war der offizielle Zweck seiner Reise nicht erreicht, der Pferdehandel konnte gar nicht abgeschlossen werden, da die Gäule schon verkauft gewesen, noch bevor der Pächter nach Sagard gekommen war. So berichtete er wenigstens dein General, und dieser legte sich mürrisch zu Bett, zum ersten Mal herzlich gelangweilt auf Pulitz, da er ohne den Pächter schon nicht mehr daselbst leben mochte und sonst keine andere Gesellschaft hatte.

Weniger mürrisch aber war dieser Pächter selbst, denn er hatte zwar nicht die Pferde, was ihm diesmal Nebensache war, wohl aber etwas anderes erhandelt, was wir erfahren werden, wenn wir ihn um elf Uhr nachts nach All-Rügen begleiten, wohin er eiligen Fußes wanderte, sobald im Hause alles zur Ruhe gegangen war.

Als er den Strand von Pulitz erreicht hatte und eben durch die Furt schreiten wollte, blieb er einen Augenblick stehen und blickte zum Himmel empor, wozu er durch eine auffallende Dunkelheit bewogen ward, die sich allmählich über und um ihn her auszubreiten begann. Am vorigen Tage war Vollmond, und die letzte Nacht war sternenklar gewesen. Heute aber war der Mond von leichtem Gewölk bedeckt, und auch die Sterne flimmerten nur matt durch den Nebelschleier, der sich über den ganzen Horizont gelagert hatte. Als Adam Sturleson diese Einzelheiten erforscht, lächelte er still vor sich hin und sagte! »Das ist nicht übel, der Himmel nimmt Partei für uns, sonst würde er gerade jetzt kein anderes Wetter schicken. Es braut da oben etwas in der Höhe, mag es nun ein Gewitter oder ein Sturm sein, beides aber ist gut, denn es begünstigt unser Vorhaben. Wohlan denn, meine Jungen, ich bringe also doppelt willkommene Botschaft.«

Magnus und Waldemar, die auf ihrem Posten waren und in der Nähe ihrer Höhle im Heidekraut saßen und nach Pulitz hinüberschauten, hatten ihren Freund schon mit Herzklopfen erwartet, da er über die Zeit ausgeblieben war. Als sie ihn aber kommen sahen Und er das Ufer erreicht hatte, standen sie auf und traten ihm entgegen.

»Aha!« rief der Alte mit freudiger Stimme, »da seid Ihr schon. Nun wohlauf, ich bringe gute Botschaft.«

»Bist du in Sassnitz gewesen, Ohm?«

»Ja, und ordentlich habe ich gewirtschaftet, wie Ihr gleich hören sollt. Doch zuerst hört, wie ich von dein alten Brummbär da drüben loskam.« Und er erzählte, was wir schon wissen, wie er nämlich den Auftrag erhalten, zwei Pferde zu kaufen, jedoch weniger in der Absicht nach Jasmund gegangen sei, seinen Herrn zu befriedigen, als für seine Freunde zu wirken. »Seht,« sagte er, »es war zwölf Uhr mittags, als ich von Pulitz abstieß. Bald war ich in Thiessow, und nun wanderte ich raschen Schrittes auf dem nächsten Wege nach Sassnitz. Da fiel ich wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel hernieder, der aber diesmal nur einen Brand großer Freude veranlaßte. Die Herren Franzosen machten zwar ein verwundertes Gesicht, wie ich so unvermutet zwischen sie fuhr, als sie aber den Befehl des Generals gelesen hatten, mich ungehindert ziehen zu lassen, da ich in seinem Auftrage unterwegs sei, wedelten sie wie ein Hund, der nicht beißen darf, mit dem Schwanze und krochen in ihre Hütte. Da war ich denn mit den Alten allein, Waldemar, und berichtete ihnen alles, was ich auf dem Herzen hatte. Nun, das muß man sagen, die Freude war groß, als sie hörten, wovon die Rede war; sie stimmten vollkommen mit uns überein und gaben den besten Rat, wie ich zu meinem Zwecke kommen könnte.«

»Sind sie denn wohlauf, Ohm?«

»Ganz vortrefflich, und sie lassen dich bestens grüßen, wie den Herrn Grasen hier auch. Doch das ist jetzt nur Nebensache. Der Alte nun durfte freilich das Haus nicht verlassen, denn den beobachten die Frankenkerle auf jedem Schritt. Aber dafür war die Hille da, und die ist mehr wert als zehn Männer, wo es ein entschlossenes Handeln gilt. Sie ging mit mir zu dem Riesen Piesing hinunter – du kennst ihn, ja – den großen Lotsen in Sassnitz, der auch ein Auge auf die Fremden hat und ihnen womöglich einen Hieb versetzen möchte. Dem brachten wir nun Wasser auf seine Mühle, und das hatte das Wettermädel vorhergewußt, sowie auch, daß er einen Bruder in Lietzow hat, der über verschiedene Boote verfügen kann, wie wir sie uns nur wünschen können. Piesing begleitete uns dann bis zur Fähre und nahm mit seinem Bruder Rücksprache, der ein wackerer, obwohl sehr schweigsamer Kerl ist. Wir brauchten nicht lange zu reden, da waren wir schon handelseins und der Piesing trug uns aus freien Stücken seinen Wunsch vor, einer der Schiffer zu sein, die Euch ins Meer hinauslotsen sollen. Und das ist gut, meine Jungen, denn Euer Fahrwasser dürfte, abgesehen von den Menschen, die auf Euch lauern, nicht ohne Hindernisse sein, wenn es neblig wird, wie es allen Anschein hat.«

»Das wäre ja das Beste, was uns begegnen könnte, Ohm!«

»Ja freilich, aber es ist schwer, ein tiefgehendes Boot durch das Binnenwasser zu steuern, wenn Land und Meer dick voll Nebel liegen. Der ältere Piesing aber kennt jeden Fuß breit von den Ufern und Landvorsprüngen und da will er auch mit dabei sein, Euch nach Schweden zu schaffen, wenn es einmal getan sein soll. Außer den beiden Piesings wird noch der Lotse Gingst aus Sassnitz Euch begleiten und der vierte wird mein treuer Jochen sein, der ebenfalls das Binnenwasser kennt wie einer und mich um die Mitfahrt gebeten hat. So habt Ihr vier Männer und wenn der Wind ausbleibt, werden sie Euch rudern. Seid Ihr zufrieden damit?«

Sowohl Magnus wie Waldemar versicherten ihm ihre ganze Dankbarkeit und letzterer fragte, um welche Zeit und auf welche Weise man den Weg antreten werde.

»Das werdet Ihr schon sehen, wenn wir auf dem Wasser sind, denn ich selbst werde Euch an den Ort bringen, wo mein Boot das Boot Piesings treffen wird. Wir denken morgen abend um elf Uhr von hier abzusegeln; ist es dunkel oder gar neblig, so kann es noch etwas früher geschehen. Mein Boot werde ich an dies Ufer anlegen lassen und die Vorräte, die Ihr unterwegs haben müßt, werdet Ihr schon darin finden. Doch das laßt alles meine Sorge sein, denn ich möchte auch mein Stück Arbeit dabei haben.«

»Die hast du redlich, Ohm, und ich wüßte nicht, wer uns mehr Gutes erwiesen hätte, als du auf Pulitz und All-Rügen in dieser Zeit.«

»Still, Junge, beschäme die Leute nicht, indem du sie ins Gesicht lobst. Das ist nicht Site bei uns. Jetzt aber, meine Herren, begebt Euch zur Ruhe und haltet noch eine Nacht und einen Tag in der Mooshütte aus. Morgen nacht mache ich die Tür der Freiheit auf und Gott wird sie Euch hoffentlich bald ganz geben. Habt Ihr sonst noch einen Wunsch, den ich bis morgen erfüllen könnte?«

»Nichts als tausend Grüße und Dank an die gute Mutter Talke, die bisher so wohl für uns gesorgt hat.«

»Dazu wird sie auch ferner bereit sein, ohne daß ich ihr Euren Dank sage, aber ich werde ihn ehrlich bestellen.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich und bald war er ihren Blicken im Dunkel der Nacht am jenseitigen Ufer entschwunden.

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