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Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band - Kapitel 3
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typefiction
authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Dritter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
firstpub1859
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Zweites Kapitel.

Mutter Talkes Unternehmungen.

Im harmlosesten Stilleben verstrichen den beiden Freunden acht Tage auf Pulitz sehr rasch, und sie mußten eingestehen, daß sie seit langer Zeit nicht so ruhig gelebt hatten, und so wenig von den tausenderlei Streitigkeiten, die draußen die Welt erschütterten, berührt worden waren. Von allem äußeren Verkehr abgeschnitten, nur dann und wann das Hundegebell oder den Flintenschuß eines benachbarten Jägers vernehmend, wenn die stille Luft diese Geräusche von der Insel Rügen herübertrug, verbrachten sie ihre Zeit in ungestörtem Nachdenken, was freilich, wenigstens für einen von ihnen, auch nicht ohne Kampf und Sorge geschah. Am wenigsten aber hörten sie von den Franzosen, denn nach Pulitz kam weder Einquartierung, noch eine streifende Patrouille, da die kleine Insel als das Eigentum eines französischen Generals betrachtet und als solches mit allen Heimsuchungen der Art verschont wurde. So erfuhren sie weder, was auf dem Festlande, noch was auf der Insel und ihren Nebeninseln vorging, und wäre der nagende Trieb in ihrer Brust nicht gewesen, wenigstens mit den Ohren und Herzen an den Ereignissen der großen Welt teilzunehmen, sie hätten sich verhältnismäßig ganz glücklich fühlen können.

Magnus war, seiner Gewohnheit gemäß und zumal infolge seiner letzten Erfahrungen, in diesen acht Tagen sehr trübe gestimmt und nur wenig zur gesprächlichen Mitteilung aufgelegt. Er hielt sich gern allein, teils auf seinem Zimmer, teils auf einsamen Spaziergängen, verarbeitete innerlich die traurigen Gedanken, die seine Seele erfüllten, und war außerdem bemüht, so rasch wie möglich den Rest seiner Wunde zu heilen, die aber leider, je mehr sie sich am Arme schloß, um so weiter im Herzen klaffte, und jeden Tag mit neuen Schmerzen blutete. Zwar belebte ihn bisweilen das lebenskräftige und immer heitere Gespräch seines Wirtes, aber stets nur auf Augenblicke, und sobald die mit lächelndem Munde gesprochenen Worte in seinem Ohre verhallt waren, sank er immer wieder in die alte stille Träumerei zurück. Namentlich aber nachts, wenn er, gleich sorgenvoll in die Vergangenheit und Zukunft blickend, schlaflos im Bette lag, war er die vollkommenste Beute der ihn umschwirrenden Phantasiegebilde, die ihm stets von neuem das verlorene Paradies vorspiegelten, das er in diesem Leben nun nie mehr betreten sollte.

Waldemar dagegen fühlte sich während dieser acht Tage meist völlig zufrieden gestellt, und der Umgang mit dem wackeren Pächter, der ihm so mancherlei Unterricht und Belehrung aus seinem erfahrungsreichen Leben zuteil werden ließ, behagte ihm von Tage zu Tage mehr; er lernte, indem er hörte und sah, auf allen Seiten und fing im stillen an, ein ruhiges Landleben zu schätzen, wenn es mit Nachdenken betrieben und mit genügsamem Herzen genossen wird. Nur von Zeit zu Zeit tauchte in ihm der Wunsch auf, etwas mehr von dem Leben da draußen in der Welt zu hören, denn er konnte sich weder so schnell von der alten Gewohnheit loslösen, mit eigener Hand in die Weltereignisse einzugreifen, noch so leicht die Wünsche bemeistern, die er für das Wohl seines Vaterlandes bis dahin gehegt hatte. Fast noch mehr aber peinigte ihn in den letzten Tagen seines Aufenthalts auf der kleinen Insel der Gedanke an seine Lieben in Sassnitz. Seitdem er Hille gesprochen, und das war ja erst vor wenigen Tagen geschehen, und seitdem er von ihr erfahren, daß die Franzosen auch sein väterliches Haus bedrängten, war eine bisher unbekannte Sorge in seinem Innern erwacht, und um so rascher wuchs dieselbe zu einer schwindelnden Höhe auf, je öfter er sich wiederholte, daß er selbst an der Bürde schuld sei, unter der die armen Eltern in ihren alten Tagen seufzten. Hätte er gewußt, daß im Kiekhause alles wohlauf sei, daß man von dem unbemittelten Strandvogt nicht mehr verlange, als er leisten könne, er hätte sich eine Zeitlang ganz behaglich fühlen und auf Pulitz völlig zufrieden leben können.

Waldemar war kein Mensch, der die ihn quälenden Gedanken lange in seiner eigenen Brust verschließen konnte, er war ein Mann der Tat, und was ihn drückte und peinigte, mußte sich zu Handlungen gestalten oder, wenn das unmöglich war, mußte er wenigstens in verständlichen Worten aussprechen, was er verlangte und erstrebte.

So fühlte er sich gedrungen, seine Besorgnisse über sein elterliches Haus eines Abends laut werden zu lassen, als er mit Adam Sturleson von einer kleinen Jagdpartie im Föhrenwalde nach Hause zurückkehrte und den alten Freund zum Gespräche über seine Familienangelegenheiten aufgelegt glaubte. Er fing damit an, die Aufmerksamkeit des Alten, der rüstig und wohlgemut an seiner Seite schritt, auf die politischen Verhältnisse des Landes zu lenken, um so einen Übergang auf die persönlichen zu gewinnen, allein er fand wider Erwarten nicht den rechten Anklang bei dem nur für seinen nächsten Kreis lebenden Einsiedler.

»Laß mich dir offen sagen,« erwiderte derselbe, »daß ich mich wundre, wie dich die Dinge da draußen so tief bekümmern können. Es ist eine fruchtlose Mühe, die du dir damit gibst, da du durch deine Teilnahme auch nicht das geringste von allem, was sich begibt, ändern kannst. Laß das, mein Junge, und beschaue dir vielmehr Gottes Himmel und seine Erde hier ringsum, und wenn du damit zustande gekommen bist, wende dein Auge auf dein eigenes Herz und sieh, ob da drinnen alles zum Besten steht.«

»Ach,« erwiderte Waldemar seufzend, »das ist auch nicht immer eine lohnende Arbeit. Du siehst, wie es dem armen Magnus bekommt, daß er sich nur mit den ihn allein betreffenden trüben Verhältnissen beschäftigt.«

»Halt, Junge, halt, das ist etwas ganz Anderes, und du scheinst mir zu voreilig im Urteil zu sein. Verwechsle den Baum nicht mit seinem Schatten. Erstens bist du nicht zur Melancholie geneigt wie er, sondern ein Kind der Sonne, wie er eins des blassen Mondes ist. Dann aber bist du ein Sohn des Volkes, natürlich und gerade gewachsen, zur Arbeit geboren und mit stählerner Tatkraft ausgerüstet. Er aber ist ein vornehmer Herr, der sich mit seinen Phantasien unterhalten mag, da er nichts Besseres gelernt hat und nichts Besseres zu lernen braucht. Ihn hat der liebe Gott auf die Träumerei angewiesen, er hat Geld und eine Zukunft, die von selbst kommt, während du dir die deine erarbeiten sollst. Jeder halte seine Stellung fest, auf die ihn der Ratschluß Gottes gesetzt, und er hat es weise gemeint, indem er Leute des blassen Gedankens und der feurigen Tat schuf. Deine Aufgabe ist, mit der Hand zu deinem Nutzen zu wirken, seine ist es, seine Zeit so leidlich wie möglich hinzubringen, um nicht ganz zu verdorren und einzuschlafen. So verstehe ich es und ich habe noch immer Nutzen von dieser Ansicht gehabt. Wir Leute von der Hand haben keine Minute Zeit zu verlieren, wenn wir leben wollen, das kannst du jeden Tag von mir lernen. Sieh dir an, wie ich's treibe, denn du wirst doch nicht immer auf dem Meere herumschwimmen wollen, sondern wohl einmal in einen Hafen einlaufen, um dein Feld zu bebauen und dein eigen Haus zu bestellen.«

»Du magst in vielen Dingen recht haben,« erwiderte Waldemar sinnend, »und es mag wohl möglich sein, daß ich einmal den Wunsch hege, mich an irgend einem lieblichen Plätzchen dieses Landes niederzulassen und ein Haus zu gründen, allein es darf nicht zu weit von der See sein, deren Brausen und Summen zu hören mir so notwendig ist, wie ihre brandenden Wogen oder ihren glatten Spiegel zu sehen. Dennoch aber haben wir Menschen von der Hand auch ein Herz, und mein Herz denkt an die Seinigen, die meinetwegen leiden und Trübsal erfahren. Du wirst mir das hoffentlich nicht verargen, zumal du auch ein Mann bist, der ein Herz und in dem Herzen Gefühle für seine Nächsten hat.«

»Ganz und gar nicht, mein Junge, im Gegenteil, ich denke sehr oft mit Liebe derer, die mir Gott zunächst an die Seite gestellt hat, und es gibt wohl keinen größeren Genuß aus Erden, als zu wissen, daß auch sie sich glücklich fühlen, wenn wir in der Ferne für sie sorgen und schaffen. Ich werde dir hiervon den Beweis liefern, nur gönne mir Zeit, ruhig zu überlegen, was dir frommt und mir ziemt, denn der alte Schwede hat von der Natur keinen so blitzschnellen Verstand erhalten, daß er, wie manche Leute, schon heute wüßte, was morgen geschieht oder nötig wird, – nein, er muß haushalten mit seinen geringen Geistesgaben und reiflich überlegen, wozu er sich entschließen will. Hat er aber einmal etwas als gut und recht erkannt, dann führt er es auch ohne Zögern aus, selbst wenn Brauch und Gewohnheit dagegen, sind.« –

Als Adam Sturleson an diesem Abend mit seiner Frau zu Bette ging, war er ungewöhnlich schweigsam und nachdenklich; als er aber eine Weile ruhig gelegen hatte, so daß Talke nicht einmal seinen kräftigen Atemzug vernahm, sagte er: »Talke, schläfst du schon? Nein? So höre, was ich dir sagen will. Ich habe heute mit dem Granzow über seine Verhältnisse und seine Eltern gesprochen. Der Junge hat Sehnsucht nach ihnen und möchte gern wissen, wie es ihnen ergeht. Ich verdenke ihm das nicht: er hat sie neulich nach so langer Trennung kaum einen Tag lang gesehen, und er dauert mich, denn er führt doch eigentlich dem Grafen Brahe zuliebe ein abenteuerndes Leben. Ach, wenn diese Herren keine Freunde hätten, auf die sie sich stützten oder die für sie ins Feuer gingen, wie würde es ihnen ergehen, und wie oft würden sie sich die zarten Fingerchen verbrennen! Na, aber er liebt ihn einmal und tut für ihn, was man sonst kaum für einen Bruder tut. Mag es denn drum sein und mag ihm auch diese Liebe einst vergolten werden! Ich aber möchte dem Burschen für mein Leben gern eine Freude bereiten, wenn ich nur wüßte, wie ich es anfangen sollte. Weißt du es vielleicht, Talke?«

»Noch nicht, Adam, aber ich denke, es wird mir in dieser Nacht etwas einfallen, was deine Beistimmung erhält.«

»Ja, ja, laß dir was einfallen, aber was Gescheidtes, was den Nagel auf den Kopf trifft. Höre mal, Talke, und dann habe ich noch einen Gedanken. Ich möchte wohl einmal das Vergnügen haben, diesen Waldemar mit der Hille Vangerow zusammen zu sehen. Straf' mich Gott, Alte, das ist ein hübsches Paar, und wenn ich sie zusammenkoppeln könnte, es würde mir auf einen tollen Streich mehr oder weniger dabei nicht ankommen.«

»Was hast du für seltsame Einfälle, Adam; schäme dich, als alter Mann so gottlos zu reden! Gott muß Mann und Weib zusammenführen, und nicht der Mensch daran rühren. Wo er seidene Fäden zu spinnen glaubt, schlingt er oft eiserne Ketten, und in denen möchte ich weder die gute Hille, noch den wackeren Granzow schmachtend wissen.«

»Ich auch nicht, Alte, was denkst du von mir! Aber ich müßte mich sehr irren, wenn hier nicht schon ein seidener Faden auf dem Webstuhl läge und wir bloß die Maschine ein bißchen rascher in Bewegung zu bringen hätten. He, was meinst du? Willst du mir helfen, Mutter? Meine alten Augen sehen gar zu gern so ein junges frisches Blut mitsammen glücklich, das der liebe Herrgott auf Erden für einander geschaffen hat, und wenn ich so ein verliebtes Paar sich schnäbeln sehe, fällt mir immer die Zeit ein, wo wir –«

»Gute Nacht, Adam,« unterbrach ihn Mutter Talke, »wie gesagt, ich werde bis morgen drüber nachdenken.«

»Tu' das, Alte – aber du sollst mir doch nicht meinen Schlußgedanken mit deiner scharfen Zunge abschneiden – ich wollte sagen, wenn ich so ein verliebtes Paar sich schnäbeln sehe, so fällt mir immer die Zeit ein –«

»Na, was denn, Alter? Sprich es aus, wenn du nicht eher einschlafen kannst.«

»Wo wir wie Adam und Eva im Paradiese glücklich waren. Nicht wahr?«

»So danke deinem Gott dafür! Es ist ein Glück, jung und hoffnungsvoll zu sein, aber das Alter, in dem wir uns jetzt befinden, hat auch seinen Segen, und wenn man es recht bedenkt, ist ein ruhiges, sorgenloses Herz, wie wir es heute haben, besser als ein Herz voller Glut und Bangen, wie es damals war. Gute Nacht, alter Adam!«

»Gute Nacht, weise Eva!«

*

Nicht am nächsten Morgen schon, erst am zweitfolgenden, denn so viel Zeit hatte sie zur völligen Ausarbeitung ihres Planes gebraucht, rüstete sich Mutter Talke mit Beistimmung ihres Mannes zu einem weiteren Ausfluge, was in Anbetracht ihrer Jahre und ihrer Schwerfälligkeit kein geringes Unternehmen war, zumal sie nur bei höchst wichtigen Vorkommnissen ihre einsame Insel zu verlassen pflegte. In Gesellschaft ihres Mannes und von einem Knecht des Pachthofes begleitet, begab sie sich an den Strand, wo sie schon ein von letzterem zur Überfahrt nach Tiessow zugerichtetes Boot fand. Denn dahin wollte sie heute zunächst fahren, daselbst ein Fuhrwerk nehmen und dann so rasch wie möglich ihrem noch ferner liegenden Ziele zueilen.

Da es erst morgens sechs Uhr war, als diese Reise begonnen wurde, so schlief Magnus noch, Waldemar aber begleitete den Ohm, und so sah er Mutter Talke in das Boot steigen und die Richtung nach der schmalen Heide einschlagen, ohne daß er geahnt hätte, was denn eigentlich mit der so geheim gehaltenen Reise bezweckt werde.

Der Morgen war mild und fast windstill; in reiner Ätherbläue funkelte die Sonne am Himmel und goß ihre warmen Strahlen voll und segensreich über Land und Meer, so daß beide über die seltene Sommerlieblichkeit zu jauchzen und in Dankbarkeit zu wetteifern schienen. Als die Hausfrau mit wiederholtem Händedruck von ihrem Mann und Waldemar geschieden war und in dem Ruderboot nach einiger Zeit aus dem Gesichtskreise der Nachschauenden schwand, wandte sich Waldemar zu dem Pächter um, wobei man in seinen hellen Augen deutlich eine Frage schimmern sehen konnte. Da der Alte aber, und wie es schien, vorsätzlich schwieg, so ließ er die Frage nicht laut werden, sondern blickte dem heimlich lächelnden Ohm nur forschend in das schlaue Gesicht.

»Nun, mein Junge,« sagte dieser endlich, als das Boot immer weiter auf der Spiegelfläche des stillen Boddens dahinglitt, »nun ist sie unterwegs, und wir wollen jetzt umkehren und sehen, was es im Hause zu tun gibt, nachdem die Alte uns allein das Regiment überlassen hat.«

»Wo will denn Mutter Talke eigentlich so früh hin?« fragte Waldemar nach einer Pause, als er zu bemerken glaubte, daß der schmunzelnde alte Schwede seine Frage zu erwarten schien.

»Haha! Ja, neugierig sind wir alle zusammen und du auch, wie ich merke. Wo sie hin will? Sie will nach Jasmund, um einige Einkäufe zu machen.«

»Nach Jasmund?« fragte Waldemar mit unverholenem Staunen. »Ich denke, Ihr bezieht Eure Bedürfnisse aus Bergen, da habt Ihr sie ja auch viel näher und besser.«

»Nicht alle, mein Junge, nicht alle. Auch in Jasmund gibt es mancherlei Wünschenswertes – noch dazu von bester Qualität. Es ist nicht immer alles vom Auserlesensten, was man mit einer leicht ausgestreckten Hand erreichen kann.«

Er lächelte heiter, als er dies sagte, und bemühte sich augenscheinlich, Waldemars spähenden Augen ferner nicht mehr zu begegnen.

»Ohm,« sagte dieser endlich, »du verbirgst mir etwas, ich merke es wohl. Wenn es was Freudiges ist, so sag' es, ich kann es brauchen, denn mein Herz hat lange keine rechte Freude erlebt.«

»Hoho! Was soll ich dir verbergen? Freudiges gibt es jetzt nur wenig auf der Welt. Aber wenn du dir das denkst, so warte ruhig ab, wirkliche Freude kommt in keiner Stunde zu spät.«

»Ich weiß den Grund nicht davon,« fuhr Waldemar erregter fort, »aber ich muß diesen Ausflug Mutter Talkes mit Sassnitz in Verbindung bringen, obwohl ich nicht ahnen kann, was sie dazu vermocht hat.«

»Hoho! Du hast vielleicht nicht Unrecht, mein Junge. Die Alte ist unternehmend, wenn sie einmal ins Laufen gerät, und da sie nach Sagard geht, macht sie vielleicht einen Abstecher und läßt sich nach Sassnitz kutschieren. Allein weiter weiß ich nichts, also warte ab, was geschieht, so gut wie ich. Die Welt hat einen geduldigen Mann aus mir gemacht und ich habe nie gesehen, daß Ungeduld den Hasen in den Schuß bringt, wenn man auf dem Anstand steht.«

Waldemar hatte genug gehört; er kannte den alten Schweden hinlänglich, um zu wissen, daß er der Mann war, jemanden bei Gelegenheit eine heimliche Freude zu bereiten, und heute trug sein ganzes Wesen den Ausdruck davon. Um also auch ihm nicht die Freude der Überraschung zu rauben, schwieg er, im stillen fest überzeugt, daß Mutter Talke nur nach Thiessow gefahren sei, um die Seinigen im Kiekhause zu besuchen und ihn bei der Rückkehr mit der Meldung ihres Wohlergehens zu beruhigen.

In dieser Hoffnung sollte er sich nicht betrogen haben, seine Erwartungen sollten sogar noch weit übertroffen werden. Am Abend, kurz vor Untergang der Sonne, forderte der Pächter von Pulitz die beiden jungen Männer auf, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten, und wie Waldemar es erwartet, schlug er den Weg nach der Landungsstelle am Strande ein, wo seine Boote lagen und Mutter Talke am Morgen abgesegelt war.

Schweigsam wie gewöhnlich, fast teilnahmlos erscheinend, schritt Magnus Brahe neben den beiden Freunden her; seine Gedanken waren, wo sie beständig weilten, nach Norden gerichtet und nahmen alle Zeit in Anspruch, die er nicht im Gespräch mit den anderen zubrachte! Waldemar dagegen ging mit höher klopfendem Herzen und unwillkürlich zu schnellerem Schritte treibend an Magnus' Seite, denn er wußte jetzt bestimmt, daß ihm in kurzer Zeit eine Kunde von Sassnitz zuteil werden würde. Adam Sturleson aber, immer gemessener schreitend, suchte die Gedanken beider abzuleiten, und doch konnte er ein heimliches Lächeln nicht ganz unterdrücken, das ihm aus dem Herzen selbst hervorzudringen schien.

»Gemach, meine Herren,« sagte er endlich, »nicht so übereilt vorwärts gedrängt! Die junge Welt liebt es heutzutage, zu fliegen, wo nur ein mäßiger Schritt wohlgetan ist – es läuft uns nichts davon, was wir erstreben, und wir kommen immer zeitig genug am Ende aller Dinge an.«

»Ja, leider!« ergriff Magnus das Wort auf. »Doch wozu nützt auch das lange Zaudern? Es wäre manchmal besser, das Schicksal würde uns ohne Zögern beschert, dem man doch nicht entgehen kann.«

»Oho!« erwiderte der alte Schwede mit Nachdruck. »Das klingt aus Ihrem Munde nicht christlich, Herr Graf. Der liebe Gott da oben hat allem auf der Welt seine rechte Zeit gegeben, um sich zu entwickeln, zu reifen und wieder seinem Ende anheimzufallen. Seht die Frucht des Feldes da an. Wie lange dauert es, ehe sie ein Zeichen des Lebens von sich gibt, nachdem man sie in die Erde gelegt hat! Langsam, langsam durchbricht sie die Erdrinde und streckt sich dann mit ihrem lieblichen Grün der Sonne entgegen, und wie lange dauert es, bis der Kern hart und voll geworden ist, um dann erst seine endliche Bestimmung zu erfüllen. So muß der Mensch auch langsam seinem Ziele zuwachsen, und wenn das Leben bloß aus Geborenwerden und Sterben bestehen sollte, wäre es ganz unvernünftig gewesen, den Menschen mit so vielen Kräften und Fähigkeiten zu begaben. Nein, nein, mein junger Herr, das war eine unbedachte Rede, und ich kann mir nur sagen, daß Sie sie ausgesprochen haben, weil Sie jetzt nicht glücklich sind und in der Verbannung leben. Aber so wird es ja nicht immer bleiben – seit heute morgen haben wir schon wieder einen Tag hinter uns, und so werden ihrer mehrere kommen und verschwinden, bis endlich der Tag erscheint, wo auch das Glück und der Friede wieder mit der Sonne aus dem Meere auftaucht. Drum nicht kopflos und murrend voran, gut Ding will Weile haben. – Na, da sind wir ja!«

Bei diesen Worten stand er am Strande still, den sie jetzt erreicht hatten, und schaute sehnsuchtsvoll nach Thiessow hinüber, weder das Seufzen des einen, noch die Beistimmung des andern auf dessen blühendem Gesichte wahrnehmend. Aber sie sollten alle drei noch eine gute Weile vergeblich harren, ehe sie das Pulitzer Boot zurückkehren sahen. Schon war die Sonne ganz unter den Horizont gesunken und färbte im Westen Erde und Meer mit ihrem goldenen Purpur, im Osten aber verdunkelte sich das Wasser allmählich und das jenseitige Ufer verschwamm in schattenreichen Umrissen mehr und mehr, da endlich sagte Waldemar, der unzweifelhaft die schärfsten Augen von allen dreien hatte: »Ich müßte mich sehr irren, Ohm, wenn jetzt nicht ein Boot von Thiessow herüberkäme. Schade, daß wir keinen Wind haben, sonst könnten wir das Segel sehen, aber sie rudern – horch – hört Ihr nichts?«

»Ruhig, mein Junge, immer ruhig, auch das Boot wird kommen, wie der Wind wieder kommt, wenn die Zeit dazu da ist – diesmal aber hast du recht, ich höre die Ruderschläge deutlich, und recht kräftig bewegt sie der Jochen.«

So war es wirklich der Fall. Nicht lange dauerte es, so sah man das Boot die Schatten des Spätabends durchschneiden, und noch wenige Minuten später erkannte man sogar, daß Menschen darin saßen, obgleich sich ein leichter Duft, der gewöhnlich abends über dem Bodden schwebte, wie ein dünner Nebel über die Ferne zu breiten begann.

»Erkennst du die Alte schon?« fragte der alte Schwede lauernd und hielt das Auge fest auf Waldemar gerichtet, der mit seinem Falkenblick scharf über das Wasser schaute.

»Ha!« rief er plötzlich – »Mutter Talke sehe ich nicht, aber so viel ist gewiß, es sitzen mehr Menschen im Boot, als heute morgen von hier darin abgefahren sind.«

Adam Sturleson hustete, offenbar, um seine Freude zu bemänteln, denn seine riesige Brust war so gesund, wie die eines Menschen nur sein konnte. Heimlich stieß er sogar Magnus an und deutete auf Waldemar hin, als wollte er sagen: »Paß auf, der wird eine schöne Überraschung haben!«

Diese blieb denn auch nicht aus; fünf Minuten später trieben die Ruder des Knechtes das Boot ans Ufer, und einen Augenblick nachher lag Waldemar in den Armen seiner Mutter, während Hille, die ebenfalls in dem Boote gewesen, sprachlos an ihrer Seite stand und nicht wußte, wen sie zuerst begrüßen sollte, den alten oder den jungen Freund, nach denen beiden ihr Herz mit gleicher Innigkeit verlangt hatte.

Endlich aber war man mit den verschiedenen Begrüßungen fertig, alle hatten sich die Hände geschüttelt und Mutter Talke hatte die Danksagungen Waldemars in Empfang genommen, der niemanden verhehlte, daß er mit der Qualität der aus Jasmund herbeigeschafften Bedürfnisse vollkommen zufrieden sei.

*

Obgleich man an diesem Abend bis weit über die gewöhnliche Ruhestunde des alten Ehepaars auf Pulitz beisammen geblieben war und Waldemar wiederholt das Gespräch auf die Verhältnisse in Sassnitz zu lenken versucht, so schienen die drei Frauen doch im geheimen Verbande gegen den jungen Mann zu stehen, denn jedesmal hatten sie seine Fragen entweder ganz unbeantwortet gelassen, oder immer klüglich und gewandt einen anderen Gegenstand zur Verhandlung gewählt, bis jener endlich einsah, daß man ihm absichtlich an diesem Abend keine Erläuterung geben wolle, womit er denn auch zuletzt einverstanden war, wohl wissend, daß am nächsten Morgen seine Mutter ihn nicht länger in Ungewißheit lassen würde, wenn er mit ihr eine Stunde allein wäre und sie ernstlich nach den Verhältnissen in der Heimat fragte.

So war es denn auch. Nachdem das Frühstück am andern Morgen gemeinschaftlich genossen war, trennte man sich in verschiedene Gruppen. Magnus Brahe begleitete Adam Sturleson auf irgend einem Geschäftswege, Hille ging der Hausfrau, die ihren Gästen ein recht leckeres Mahl vorsetzen wollte, in der Wirtschaft zur Hand, und Waldemar führte seine Mutter in den lieblichen Föhrenwald, der am Morgen immer so frisch duftete, um ihr hier die Fragen vorzulegen, die er nicht länger auf dem Herzen bewahren konnte. Da es nun auch der Mutter auf der Zunge brannte, so begegneten sie sich rasch in ihren Wünschen und sprachen sich so ziemlich die Seele rein.

»Meine Mutter,« begann der gute Sohn, als er, die Matrone am Arme führend, auf dem noch schattigen Pfade dahinschritt, »welche Freude hast du mir mit deinem unverhofften Besuche bereitet! Verdanke ich ganz allein der guten Base Talke den Einfall, daß du hierher gekommen bist, oder hast du selber die erste Anregung dazu gegeben?«

»Das kann ich dir eigentlich selbst nicht so bestimmt sagen, mein Sohn, denn Hille und ich, wir wünschten so lange einmal hierher zu gehen, seitdem wir von Eurer glücklichen Flucht aus Spyker gehört hatten, aber es ward uns nicht erlaubt, das Kiekhaus zu verlassen, so lange der Sergeant mit seinen drei Leuten darin war. Gestern nun, als sie zufällig abgezogen waren, um auf zwei Tage einen Marsch nach Mönchgut anzutreten, wo sie Euch augenblicklich versteckt glauben, traf es sich gerade, daß die Base zum Besuch kam, um sich, wie sie sagte, zu erkundigen, wie es nun gehe, und uns von deinem Wohlsein zu unterrichten. Da war denn Hille, glaube ich, die erste, die schnell genug sagte: Tante, nun kannst du deinen lange gehegten Wunsch in Erfüllung gehen sehen, der Tag ist schön, die Base hat ein Boot in Thiessow, und die Franzosen kommen erst in der Nacht zu übermorgen wieder, fahre also hinüber nach Pulitz und schließe ihn in deine Arme, dann hast du wieder Zehrung für dein Herz auf einige Zeit.«

»So, also Hille sagte das?«

»Jawohl, mein Sohn; ich aber sagte zu ihr: Willst du denn nicht mit, Hille, und auch einmal den alten Ohm besuchen und Waldemar begrüßen?«

»Und was sagte sie da?« unterbrach sie dieser.

»Ja, sagte sie schnell, ich ginge gern mit, wenn der Strandvogt mich auf einen Tag entbehren könnte. – O, der, meinte ich, wird wohl einmal einen Tag allein bleiben können, und überdies genießt er gern die Freiheit und geht nach Sassnitz hinunter zu seinen Bekannten, um sich das Herz frei zu sprechen von dem vielen Gram, der darauf lastet.«

»Ha, ich verstehe, und da kam sie mit. Das war ein prächtiger Einfall, meine Mutter. Aber was hat denn der Vater für großen Gram, von dem er sich das Herz frei sprechen will, da er nun weiß, daß ich geborgen bin?«

»Wie? Hat dir das Hille nicht gesagt, als sie dich neulich gesprochen, wie sie uns erzählte?«

»Sie hat mir nur gesagt, daß Ihr Einquartierung habt und daß das etwas lästig wäre.«

»Lästig? Etwas? Bloß lästig? O mein Gott, ich glaube gar, das Mädchen hat dir nicht die ganze Wahrheit sagen wollen, um dich nicht noch mehr zu betrüben, und vielleicht auch, um dich abzuhalten, deine Schritte nach dem Kiekhause zu lenken. Doch das darf ich dir nun nicht mehr verbergen, und so will ich dir lieber alles haarklein berichten. O mein Sohn, seitdem sie dich auf der Insel verfolgen und glücklicherweise nicht ausfindig machen können, haben sie sich angelegen sein lassen, auch uns heimzusuchen. Nicht genug, daß sie uns vier Mann in das kleine Haus legten, die wie die Prinzen verpflegt sein wollen und alles Besitztum des Vaters für das ihrige ansehen, mußten wir jedem Mann täglich einen schwedischen Taler, und am Ende der zweiten Woche, als der schreckliche Mensch aus Spyker kam, dem du entflohen bist, hundert Taler Strafgeld zahlen, daß du noch nicht gefunden bist.«

»Wie,« rief Waldemar entsetzt, »das hat man Euch auferlegt? Und Ihr habt es wirklich bezahlt?«

»Bei Heller und Pfennig, mein Sohn.«

Waldemar sann nach, die Augen in den Himmel bohrend, der golden und blau über den grünen Baumwipfeln thronte. »Wo habt Ihr das denn hergenommen, Mutter? So viel ich weiß, hatte ja der Vater außer seinen paar schwedischen Pfandbriefen nichts Bares in Besitz?«

»Ja, siehst du, mein Sohn, das ist eben das Geheimnis, und die Hille hat mir auf die Seele gebunden, es dir nicht zu verraten.«

»Hille? Schon wieder Hille? Steht sie denn damit in Verbindung?«

»O gewiß, gar sehr, und wenn wir sie nicht im Kiekhause gehabt hätten, so wüßte ich nicht, wie es uns ergangen wäre. Ich will es dir nur sagen, du aber darfst mich nicht verraten. Sieh, alle die Strafgelder, die täglichen und die wöchentlichen, die hat sie bezahlt, um uns Ruhe zu verschaffen, und selbst wenn der Vater ihr nichts wiedervergüten kann, will nur sie allein sein Gläubiger sein und bleiben.«

Waldemar blieb mitten auf dem Wege stehen und konnte vor Bewunderung erst gar kein Wort hervorbringen, denn seiner Meinung nach war Hille noch ärmer als seine Eltern, und wo sollte denn nun mit einem Male bei ihr das Geld hergekommen sein?

»Du sprichst in lauter Rätseln,« sagte er endlich, »wie konnte denn Hille diese großen Summen bezahlen?«

Jetzt stand auch Mutter Ilske still und starrte verwundert ihren Sohn an. Ein Licht dämmerte in ihrer Seele auf, als ob Hille dem Sohne auch die Erbschaft verschwiegen, die sie selbst gemacht hatte, um sich auf keine Weise in seinen Augen zu erheben. »Hat sie dir denn nichts von der Erbschaft gesagt,« fragte sie flüsternd, »die ihr die alte Lachmann zugewendet? Nein? Nun freilich, mein Junge, sie ist ja seine einzige Erbin, und er hat ihr nicht allein sein schönes Gut vermacht, sondern zweitausend bare Taler obendrein, in Papieren und Silber, die er im Laufe der Jahre von seinem Überflusse erspart hatte. Du siehst also, sie ist ein reiches Mädchen geworden, und das wundert mich gar nicht, denn der Herr segnet immer einmal die Tugendhaften, und zu denen gehört Hille sicherlich auch.«

Waldemar senkte den Kopf auf die Brust, denn tausend neue Empfindungen überfluteten ihn, unter denen aber keine einzige dem Eigennutze verwandt war, denn den kannte er nicht. »Hille!« murmelte er. »Reich und Gutsbesitzerin! Ach! Wie gütig ist Gott der Herr! Und welchen Gebrauch fängt sie an, von diesem Reichtum zu machen! Lohne es ihr Gott noch mehr – wir können es nicht, Mutter.«

»Nein, Waldemar, wir können es nicht, das hat der Vater auch schon gesagt. Aber sie will sich davon nicht abbringen lassen und beharrt mit ihrem kleinen Kopfe so fest darauf, daß es ordentlich zum Verwundern ist, wie ein so junges Mädchen so starken Willen und so ernste Entschlüsse haben kann.«

»So ist sie schon als Kind gewesen, aber ihr Wille ist kein Eigenwille und ihre Entschlüsse sind nicht die eines wankelmütigen Mädchens.«

»Ganz und gar nicht; ach, wer die so kennte, wie ich, der würde sie auch lieben wie ich!«

»Wer liebt sie denn nicht!« sagte Waldemar zu sich, aber niemand außer ihm hörte es, nicht einmal die, die ihm das Leben gegeben hatte. – Er war noch immer in schweigsames Nachdenken versunken, da fuhr die Mutter, die noch lange nicht mit ihrer Erzählung zu Ende gekommen war, schon wieder fort. »Als die Franzosen nun sahen, daß ihre Befehle in Bezug auf die Zahlungen so pünktlich erfüllt wurden, so ließen sie es sich bei uns gefallen und nahmen eben keine zu böswillige Miene an. Von dem Tage an aber, wo du aus Spyker entflohen warst, freilich, da änderte sich alles bei uns.«

»Ich will doch nicht hoffen, daß es noch schlimmer wurde?« fragte Waldemar hochatmend und mit ängstlich beklommener Brust.

»O ja, viel schlimmer noch. Denn am nächsten Morgen kam der schreckliche Wüterich aus Spyker – er ist Kapitän – und tat, als ob wir nur hergelaufenes Gesindel wären. Das ganze Haus durchwühlte er, und da er nicht fand, was er wünschte, so geriet er in einen fürchterlichen Zorn und schlug die Scheiben und die Gläser der Spiegel in Stücke, drohend, auch mit uns so zu verfahren, wenn wir ihm nicht den Verräter herausgäben. Damit aber meinte er dich, mein Sohn, und niemand anders. Nachdem er aber alles vergeblich durchsucht hatte, legte er noch zwei Mann mehr ins Haus, die wir nun alle beköstigen mußten, schleppte fort, was er mitnehmen konnte, versenkte dem Vater sein herrliches Boot, was er so sicher im Steinbach verborgen, schlug mehrere Bäume im Garten um und ließ mitten darin eine Hütte daraus bauen, um einen besseren Stall für seine Pferde zu gewinnen. Endlich belegte er uns noch einmal mit einer Kontribution von hundert Talern –«

»Die werdet Ihr ihm aber nicht bezahlen!« rief Waldemar, auf das höchste entrüstet, und wußte gar nicht, wie er seinen Zorn bemeistern sollte.

»Nein, ganz gewiß nicht, das hat der Vater auch gesagt. Aber wenn sie ihn nun fortführen, wie der Kapitän schrie, als er abritt?«

»Wie, das will er auch?« – Und er senkte den Kopf noch tiefer, als wollte er in den Tiefen seiner Brust einen Gedanken suchen, der ihn aus dem Labyrinth von Sorge und Schmerz führte, in das ihn die Erzählung der Mutter versetzt.

»Ja, aber das werden sie nicht tun,« fuhr diese fort, »das werden sie nicht tun, weil sie es nicht dürfen, hat uns der Sergeant Armand gesagt, und wir sollten nur ganz ruhig sein, der Kapitän sage viel, was nicht geschehe, sie seien auch schon an seine Wildheit und Großsprecherei gewöhnt. Wie es mir vorkam, mochten ihn seine eigenen Leute nicht recht leiden, da er so stolz wie hartherzig und so grausam wie rachsüchtig ist.«

»O Ihr Armen!« seufzte Waldemar voll Wehmut. »Ja, so ist der Krieg, das sind die Schmerzen, die er bringt, und die Früchte, die er wachsen läßt. O, meine Mutter, wie beklage ich Euch und mich noch mehr, daß ich Euch in dies Unglück gestürzt habe und nicht weiß, wie ich Euch daraus befreien kann.«

»Unglück, Waldemar? O, sprich nicht so. Wo ist denn das Unglück? Das ist alles noch zu ertragen, sagt Hille, denn wir leben und du seist in Freiheit. Wenn sie dich hätten, meint sie, dann wäre es ein Unglück, aber nicht eher. Und daß sie dich nicht ergriffen, dafür müsse gesorgt werden, auf jede Weise, und sie selbst wolle alles aufbieten, daß es nicht geschehe, so viel in ihren schwachen Kräften stände.«

»Wie, auch das hat Hille gesagt, Mutter?«

»Ja, das und noch viel mehr, was ich dir nicht so wieder sagen kann, weil es aus ihrem Munde ganz anders klingt, als aus meinem, denn sie hat eine Art und Weise zu sprechen und zu trösten, daß man sie immer küssen möchte. Ach, welchen Trost hätten wir, wenn sie nicht mehr bei uns wäre! – Doch halt, mein Sohn, kommt da nicht jemand hinter uns?«

Waldemar, der nichts hörte, was außer ihm vorging, weil er zu sehr mit sich und seinen auf- und abflutenden Gedanken beschäftigt war, drehte sich herum und sah Magnus mit dem alten Schweden des Weges daher kommen. Er stand mit der Mutter still, um sie zu erwarten, obwohl er noch viel auf dem Herzen hatte, was er mit ihr gern unter vier Augen abgemacht hätte. Allein, nun ging es nicht mehr, er schloß sich daher den drei Personen an, ohne jedoch an ihren Gesprächen teilzunehmen, da ihn die bitteren Gefühle fast erstickten, welche die letzte Unterhaltung in ihm heraufbeschworen hatte. So war er auch froh, als man wieder nach dem Hofe zurückkehrte, und den ganzen Tag suchte er das Auge Hilles, das sich ihm aber – wunderbar genug! – zu entziehen suchte, als ahnte sie, daß von ihr am Morgen die Rede gewesen sei und daß nun auch Waldemar endlich wisse, in welche Verhältnisse sie eingetreten und welchen Gebrauch sie bereits von ihrem Vermögen gemacht habe, denn daß Mutter Ilske geplaudert, verrieten ihre fein geröteten Wangen und ihre blitzenden Augen, die in solchen Momenten eine wunderbare Ähnlichkeit mit denen des blühenden Sohnes hatten.

*

Der eine Tag, den die Frau des Strandvogts und ihre Pflegetochter auf Pulitz zubringen durften, verflog, obgleich er ein langer Sommertag war, allen Beteiligten wie ein kurzer Glückstraum, der, kaum geboren, auch schon wieder entschlafen ist. Von dem Augenblick an, wo die Sonne sichtbar nach Westen sank, wurde das Gespräch zwischen den Verwandten abgerissener, matter, denn jeder schien zu fühlen, daß schon wieder einmal ein Abschied bevorstehe und daß derselbe nicht so freudig wie der Bewillkommnungsgruß ihre Herzen bewegen werde. Namentlich wurden Hille und Waldemar unruhig, ihre Blicke irrten unbewußt von einem Gegenstande zum andern und zwischen den verschiedenen Personen hin und her, als wollten sie sich suchen und ihre Seele ausschütten, und es doch nicht wagten, da so viele vorhanden waren, die Zeugen ihres Gesprächs gewesen wären. Waldemar hatte den ganzen Tag über keinen Augenblick allein mit ihr reden können, stets war sie mit diesem oder jenem beschäftigt gewesen, und nun, da der Abschied so nahe bevorstand, drängte es ihn immer heftiger, sich ihr zu nähern, umsomehr, da er befürchtete, daß auch diesmal seine Absicht, die bereits einem brennenden Wunsche gleichkam, vereitelt werden würde. Allein er war ohne Not besorgt gewesen, denn ein Mann war auf Pulitz, der alles gesehen, was andern entgangen war, und der es sich in den Kopf gesetzt hatte, den jungen Leuten Gelegenheit zu verschaffen, ein paar Worte ungestört miteinander zu wechseln. Dieser Mann war der alte Schwede. Er wußte es daher so einzurichten, daß, als man endlich zum Aufbruch rüstete, Mutter Ilske von seiner Frau in Anspruch genommen wurde, er selbst aber mit Magnus zum Strande voranschritt. So blieb denn Waldemar nichts übrig, als sich an Hille anzuschließen. Allein der treffliche Alte war noch nicht sicher genug, daß sein Manöver vollen Erfolg haben werde, er trat daher heimlich zu Hille und sagte zu dem hold errötenden Mädchen: »Hille, paß auf und nimm die Gelegenheit wahr, dem Jungen, dem Waldemar, ein paar Worte der Warnung zuzuflüstern. Er ist zu mutig, der Racker, und will dem Franzosen zu Leibe, der dir deine Taler abgenommen hat. Laß dir ein Versprechen von ihm geben, daß er sich still hält, so lange es geht, für das übrige werde ich schon Sorge tragen.«

Hille hatte, sobald der Ohm von Waldemar zu sprechen anfing, schwer zu atmen begonnen, und ihre glänzenden Wangen verrieten genügend, daß der Alte den rechten Punkt getroffen habe; dieser bemerkte es auch sehr wohl und rieb sich verstohlen die Hände, als er seinen Anschlag gelingen sah.

Endlich war die Stunde des Aufbruchs der beiden Frauen herangekommen, und man schickte sich an, das Haus zu verlassen und dem nicht allzu fern gelegenen Strande zuzuwandeln, wo das Boot mit dem Knechte die Reisenden erwartete, der sie wieder bis Sassnitz begleiten sollte. Es war ein milder, lieblicher Abend, warm, wie nur ein Juliabend sein konnte, ohne alle drückende Schwüle, die ein heißer Sommertag so oft in seinem Gefolge hat. Lautlos war die Luft, blau der Himmel, so weit die menschlichen Augen reichten, die nach der kristallenen Höhe ausblickten, um die Witterung der kommenden Stunden zu erforschen. Der alte Schwede, noch einen ermunternden Blick auf Hille werfend, schritt mit Magnus voran und wählte schlau den weitesten Weg durch die Föhren, um den beiden jungen Leuten so viel Zeit wie möglich zur ungestörten Unterhaltung zu gewähren; hinter den Männern her schritten die beiden Frauen, wobei Mutter Talke das Gespräch führte, um Base Ilskes Aufmerksamkeit von dem letzten Paare abzulenken. Waldemar schloß mit Hille den Zug und ging anfangs schweigend neben ihr her, von Zeit zu Zeit ihre schöne Gestalt betrachtend, die sich in gewohnter Schnellkraft und Anmut unter den Bäumen fortbewegte, jedoch den Kopf, wie im stillen sinnend, auf den Busen gesenkt hielt. So waren sie schon einige hundert Schritte vorgerückt, und immer noch nicht hatte Waldemar das Gespräch begonnen, da es ihm heute zum ersten Mal im Leben schwer vorkam, mit seiner Cousine ein Wort des Vertrauens zu wechseln. Endlich aber sah er ein, daß er auf diese Weise nicht weiter komme, und er bezwang sich mit Gewalt, das Stillschweigen zu brechen, das beider Lippen gefesselt hielt.

»Hille,« sagte er sanft und ließ seine Rechte einen Augenblick leicht auf der Schulter des Mädchens ruhen, das, nicht viel kleiner als er, tief bewegt an seiner Seite schritt, »Hille, laß, uns etwas langsamer gehen, ich möchte mit dir ein vertrauliches Wort reden, wozu ich den ganzen Tag keine Gelegenheit fand.«

Hille mäßigte sogleich ihren Schritt, warf ihm einen raschen, einwilligenden Blick zu und sah dann wieder schweigend vor sich nieder.

»Hille,« fuhr Waldemar mit einiger Verlegenheit fort, »ich habe heute viel von meiner Mutter gehört, was mich mit Staunen und Verwunderung erfüllt hat, und ich weiß nicht, ob ich damit beginnen soll, dir zu der günstigeren Gestaltung deines Schicksals Glück zu wünschen oder dir zu danken, daß du sogleich auch das Glück anderer damit zu befördern trachtest.«

»Wünsche mir weder Glück, noch danke mir, Waldemar, nimm vielmehr, was mir günstiges widerfahren, für eine Gabe der Vorsehung auf und fühle mit mir, wie ich dadurch verpflichtet bin, den Segen zu verallgemeinern, der mir, der einzelnen Person, zuteil geworden ist. Vor allen Dingen aber danke mir nicht, wo ich nichts Dankenswertes geleistet habe.«

»Ich verstehe dich, Hille, und will darüber nicht mit dir rechten, obgleich ich dir bekennen muß, wie ich überzeugt bin, daß nicht alle Menschen gehandelt hätten, wie du, nachdem sie so reich von Gott dem Herrn bedacht worden.«

»Ich bin nicht reicher bedacht als du, denn was mir der gute Lachmann jetzt gegeben, hat dir schon lange der vortreffliche Graf Brahe verliehen, und also weißt du, wie einem armen Menschen zu Mute ist, wenn er in eine vorteilhaftere Stellung gerät, als die ihm seine Geburt und seine beschränkten Verhältnisse zugewiesen haben. – Laß uns lieber, so lange es noch Zeit dazu ist, von etwas anderem reden, und da fällt mir zunächst deine gegenwärtige Lage ein, die mir trotz allem nicht recht günstig erscheint.«

»Ach nein, sie ist es auch nicht, du hast wohl recht. Doch darf man nicht verzweifeln, so lange noch einige Hoffnung vorhanden, daß noch nicht alles verloren ist. Magnus ist fürs erste in Sicherheit und seiner vollkommenen Genesung nahe; was geschehen wird, wenn er sich ganz kräftig fühlt, weiß ich noch nicht, da wir darüber noch nichts festgesetzt haben.«

»Mich beschäftigt in diesem Augenblick nicht Magnus Brahes Zukunft, sondern deine eigene, Waldemar.«

»Gut, ich danke dir, aber diese ist mit der meines Freundes unzertrennlich verbunden.«

»Leider ja, und das ist es, was mich bangen läßt. Wärest du allein, so würde ich dir einen Rat geben.«

»Welchen?«

»Nach Schweden zu gehen und dort zu bleiben, bis hier andere Verhältnisse eingetreten sind.«

»Das ist wunderbar, Hille; dahin, glaube ich, neigt auch Magnus' Absicht.«

»O, so mache sie auch zur deinigen! Überrede ihn, rasch dahin zu eilen, denn nur dort werdet Ihr vollkommen sicher sein.«

»Ach, Hille, wie schwer wird es mir, unter diesen Umständen mein Vaterland zu verlassen und nicht imstande zu sein, ihm zu helfen. Es stimmt das durchaus nicht mit meinen früheren Vorsätzen überein, und ich bin weit, weit von meinem ursprünglichen Wege abgekommen, der mich nur zum Siege führen sollte.«

»Der Sieg ist überall, wo man keine moralische Niederlage erleidet. Dich für die deinigen und auf bessere Zeiten zu bewahren, ist unter Umständen auch ein Sieg, den du unter jeder Bedingung jetzt zuerst zu gewinnen suchen mußt.«

»Aber meine Eltern, Hille, sind in großer Not und leiden schwer durch mich.«

»Das mußt du nicht mit übertriebener Sorge betrachten; ich fühle die Schwere der Lage durchaus nicht. Es könnte noch schwerer kommen.«

»Wie denn?«

»Wenn du gefangen und fortgeführt würdest. Und nun laß mich rasch reden, denn dort erwartet uns schon das Boot. Bleibe auf Pulitz, Waldemar, so lange bis du sichere Gelegenheit findest, nach Schweden zu segeln, oder bis dich die Not – die Gott von dir fern halten möge – von Pulitz vertreibt. Denke nicht daran, dich in Sassnitz blicken zu lassen, dort lauert Gefahr auf dich in allen Ecken. Sieh, für uns selbst ist da nichts mehr für jetzt zu fürchten. Der Kapitän Caillard ist nach Mönchgut gegangen, um dich dort zu jagen, wie er meint, und dann kehrt er wieder nach Spyker zurück, um sein Spiel mit der leichtfertigen Dame, deren Herz er betört, fortzusetzen.«

»Aber du, du, Hille, leidest am meisten unter diesen Verhältnissen! Du wirst arm, wo du eben erst wohlhabend geworden bist.«

Hille blieb stehen und sah ihren Vetter fest, aber freundlich an. »Das laß dich nicht kümmern, Waldemar, daran denke lieber gar nicht; was ich gebe oder tue, gebe und tue ich mit tausend Freuden.«

»Aber wie soll ich dir dankbar sein?« fragte Waldemar, von einer angenehmen Glut überströmt, die ihm aus Wangen und Augen sprühte.

Hille lächelte noch lieblicher und auch ihr Auge belebte sich wie der Abendhimmel im Westen, über den jetzt die scheidende Sonne ihre ganze rosige Herrlichkeit ausgoß. »Dankbar sein?« sägte sie. »Ich will es dir sagen: bleibe deiner wackeren Eltern Sohn, in der Tat und im Herzen, und wenn du sie recht erfreuen willst – o sie sind alt und haben nur noch wenige Jahre zu leben – so schone dich ihretwegen, denn du bist ihre einzige Hoffnung in diesen ihren letzten Jahren.«

Waldemar hatte unbewußt der Redenden Hand gefaßt. »Ich will es,« sagte er, »der Eltern wegen und weil du darauf dringst. O, der arme Magnus!«

»Wie kommst du jetzt wieder auf Magnus?«

»Ach, Hille, ich weiß nicht, wie es geschieht, aber immer, wenn ich dich sehe oder reden höre, fällt mir jenes glänzende Mädchen ein, dem er seine Liebe geschenkt hat. Wenn Gylfe nur eine Ahnung von deinem Wert hätte oder vielmehr dir nur von weitem gliche, wie glücklich könnte der arme Grafensohn sein, der mit allen seinen Hoffnungen und Schätzen so arm an der einzigen Hoffnung ist, die ihm allein das Leben süß und lieblich machen kann.«

»Waldemar! Was sprichst du? Wie kommt dir dieser Gedanke?«

»Weil ich mich im Geiste an seine Stelle setze und denke: es müsse schön im Leben sein, sein Vertrauen auf ein braves Weib gesetzt zu haben, das uns in Gedanken und Gefühlen niemals im Stich läßt.«

Hille warf einen Seitenblick auf den Redenden, der ihn, wenn er bemerkt worden wäre, in Glut gesetzt hätte, wie er selbst darin zu lodern schien, so aber sah er ihn nicht und nahm nur noch das Fluten ihrer arbeitenden Brust wahr, die sich in mit Mühe unterdrückten Wonneschauern hob, wie das Meer, wenn es aufatmet, in Hoffnung, daß die glühende Sonne bald seinen kühlen Schoß erwärmen werde.

»Du scheinst bewegt,« sagte er, »hast du mir noch irgend etwas zu sagen?«

»Nichts mehr, Waldemar, ich bin fertig und danke Gott, daß er mir die Gelegenheit dazu gegeben.«

»Aber warum atmest du so schwer?«

»Die frische Seeluft, die ich schlürfe, ist daran schuld und wir müssen einmal wieder Abschied nehmen.«

»Aber wir sehen uns wieder, Hille.«

»Ja, ich denke und hoffe es. Da sind wir am Strande. Du vergissest deine Versprechen nicht?«

»Nie, Hille, ich habe sie dir gegeben.«

Er hielt noch einmal seine Hand hin, die ihrige fiel hinein und ein leiser Druck – von wem begonnen, von wem fortgesetzt? – preßte beide eine Zeitlang inniger zusammen. Dann aber zog Hille die ihrige zuerst zurück, da sie bemerkte, daß der alte Schwede nicht weit von ihnen entfernt stand und mit einem wunderbaren Blick – wie der Falke die Tauben anblickt – ihrem Abschied zuschaute.

Man trat an das Boot, in dem schon der Knecht mit den Riemen in der Hand saß. Waldemar umarmte herzlich seine Mutter, dankte für den Besuch und bat sie, den Vater zu grüßen und ihn seinetwegen zu beruhigen, sowie auf ein günstiges Ende der obschwebenden Verhältnisse zu hoffen.

»Das will ich, mein Sohn; aber – du hast so brennende Lippen, du fühlst dich doch wohl?«

Der alte Schwede kicherte vor Freude und konnte sich kaum bezähmen, diese Frage zu beantworten, als wäre sie an ihn gerichtet gewesen.

»Ich bin ganz gesund,« erwiderte Waldemar und ließ einen leuchtenden Blick auf Hille fallen, die eben von Mutter Talke Abschied genommen hatte. »Lebe wohl, Hille!«

»Lebe wohl, Waldemar, Gott beschütze dich!«

Sie sprang in den Kahn, leicht wie eine Feder, glühend wie eine Rose und betrübt und freudig zugleich, wie jemand, der nicht weiß, ob sein Unglück oder Glück das größere ist.

»Kommt glücklich nach Hause!« rief Talke, mit einem Tuche sich die ehrlichen Augen wischend, und schon fielen die Ruder ins Wasser, und die Spitze des Bootes drehte sich nach Osten hin. Lange standen die Zurückbleibenden am Ufer und blickten den Scheidenden nach, die noch immer mit Tüchern winkten. Endlich machte der alte Schwede dem schweigsamen Nachschauen ein Ende. »Kehrt!« rief er mit seiner Stentorstimme, »heute scheiden wir und morgen sehen wir uns wieder. So hat es der Herr bestimmt, als er die Welt und die Menschen darauf schuf und sie in Freuden und Schmerzen miteinander verband. Komm, Talke, ich habe mit dir zu sprechen, laß die Jungen allein ihren Weg suchen.«

Waldemar griff Magnus fest unter den Arm und drückte denselben an sich, als wäre es ein Weib gewesen, dem er diesen Beweis von Zärtlichkeit schuldig war. »Warum bist du so schweigsam?« fragte Waldemar nach einer Weile, als er rasch neben dem Freunds dahinschritt, »ich bin heut sehr zum Reden aufgelegt, als wäre mir etwas Glückliches begegnet?«

»So wird es auch wohl sein,« antwortete Magnus mit seinem gewöhnlichen trüben Ernste. »Wenn du aber Neigung zum Reden hast, so überlaß mir das Denken.«

»Woran denkst du denn jetzt?«

»Immer an eins und dasselbe, Freund. Ach, wenn Gylfe so wäre wie diese Hille!«

»Nicht wahr? Hat dir Hille gefallen?«

»Sie ist eine Perle, Waldemar. Wenn sie mein wäre, mein sein könnte, ich ließe sie in Gold fassen, und sollte ich alle meine Schätze dazu hergeben.«

»Das freut mich, daß du von ihr so denkst, sie ist ein braves Mädchen.«

»Nicht allein brav, sie ist auch schön – zwar ganz anders wie Gylfe, aber doch würde sie neben ihr eher gewinnen als verlieren, denn auf ihr Gesicht hat ein guter Geist seine Gedanken geschrieben, so daß es davon leuchtet; Gylfes Züge aber tragen den Stempel des bösen Geistes, und daß es so ist, das habe ich erst heute erkannt. – Glücklicher Waldemar!«

Die beiden letzten Worte sprach er nur in einem unverständlichen Seufzer aus; Waldemar dagegen dachte in demselben Augenblick! »Armer Magnus!« und drückte den Arm seines Freundes noch einmal innig an seine Brust.

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