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Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band

Philipp Galen: Der Strandvogt von Jasmund - Dritter Band - Kapitel 10
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authorPhilipp Galen
titleDer Strandvogt von Jasmund - Dritter Band
publisherA. Schumanns Verlag
printrunFünfte Auflage
year1905
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Neuntes Kapitel.

Der erloschene Stern.

Lange hatten die beiden Freunde in unangetasteter Freiheit keine so ruhigen Tage verlebt, wie sie ihnen jetzt auf der kleinen Insel in dem gastfreien Hause des alten Schweden zu teil wurden, und der Genuß dieser Ruhe und Freiheit ward noch dadurch vergrößert, daß er mit der Hoffnung verschwistert war, die Gerüchte, welche über den nahen Abschluß eines annehmbaren Friedens immer lauter und häufiger kreisten, würden sich bald bewahrheiten und damit das kleine Ländchen endlich beglückt werden, welches so lange die Lasten eines Zustandes getragen, der, wenn auch kein offenbarer Krieg, doch mit allen Unbequemlichkeiten und Bedrückungen belastet war, die ein solcher in seinem Gefolge zu haben pflegt. Feindlichen Nachstellungen waren die Flüchtlinge neuerdings gar nicht ausgesetzt, ja man hörte nicht einmal davon, daß sie an anderen Orten gesucht oder gar verfolgt worden wären. Einige Tage nach der Flucht aus Bergen vernahm man wohl durch einen aus jener Stadt zurückkehrenden und in Pulitz vorsprechenden Landmann, daß der Kommandant von Bergen anfänglich über die kecke Flucht entrüstet und zu einer wiederholten allgemeinen Verfolgung und Aufsuchung entschlossen gewesen sei, aber sein heißes Verlangen, die beiden Männer wieder zu erwischen, wäre bedeutend abgekühlt worden, als auf seine Meldung des Vorgefallenen nach Stralsund der französische Marschall von dort her eine Mäßigung seines imperialistischen Diensteifers angeraten habe. Allerdings hätte man in Bergen selbst, wo man sie irgendwo versteckt geglaubt, nach ihnen geforscht, da aber in der Nacht der Flucht selbst noch ein starker Schneefall stattgefunden, seien alle Spuren verwischt gewesen und nichts entdeckt worden, was auf die Richtung ihrer Schritte habe schließen lassen. Rätselhaft sei es jedenfalls, daß der neue Kerkermeister, wie man offenbar annehmen müsse, mit den Gefangenen im Bunde gestanden habe, da er zugleich mit ihnen verschwunden sei, denn eine genügende Erklärung seines Benehmens fehle vollständig, und man finde nirgends einen stichhaltigen Grund, der ihn veranlaßt haben könne, erst den Waldemar Granzow den Franzosen zu verraten und nun mit ihm selbst zu flüchten, wenn man nicht annehmen wolle, daß er erst in Bergen von dem reichen Grafen Brahe zu letzterem verführt und bestochen worden sei.

In Bergen, erzählte der Landmann ferner, herrsche unter der Bevölkerung die Meinung war, daß die französischen Befehlshaber schon mehr von dem bevorstehenden Friedensschlusse wissen müßten, und allein in dieser Annahme liege der Grund, warum man die Aufsuchung zweier Männer nicht emsiger betriebe, die man noch vor wenigen Monaten als gefährliche Hochverräter einzukerkern sich gemüßigt gesehen habe.

Alle diese Nachrichten, so günstig sie für die Flüchtlinge selbst lauteten, bestimmten diese nun nicht, sich auf Pulitz für völlig sicher zu halten, daher blieben sie ruhig im Hause und traten mit keinem Nachbar in Berührung. Nach Sassnitz ließen sie die Botschaft sagen: sie befänden sich wohl bei dem alten Ohm und sehnten sich sehr, frei in die Welt zu treten und ihre alten Freunde zu begrüßen, allein der Strandvogt möge sie nicht besuchen oder mit ihnen eine Verbindung anzuknüpfen trachten, um jede Aufmerksamkeit der gewiß im stillen wachsamen französischen Polizei von Pulitz abzuleiten und sie nicht von neuem zu gefährden.

Als die Alten im Kiekhause diese Botschaft erhielten, freuten und bekümmerten sie sich zugleich. Daß Magnus Brahe und Waldemar in Sicherheit waren, beruhigte sie, daß ihnen selbst aber versagt blieb, sie bei dem alten Schweden zu besuchen, betrübte sie sehr, denn gar zu gern hätten sie den wackeren Sohn nach so langer Zeit einmal wieder an ihr Herz gedrückt, zumal da sie von Hille, die wieder bei ihnen war, erfahren hatten, es sei nicht unmöglich, daß die Flüchtlinge doch noch nach Schweden gingen, wenn ihnen irgend eine Gelegenheit dazu geboten würde.

Als man nun aber auf der kleinen Insel im Laufe mehrerer Tage gar nichts erfuhr, was sich auf die öffentlichen Angelegenheiten bezog, da alle Wege tief verschneit lagen und nirgends ein rechter Verkehr möglich war, so ward Jochen nach Bergen geschickt, um bei seinen Bekannten und namentlich dem Müller Dalwitz, der als eifriger Patriot in der Regel alles wußte, was von augenblicklichem Interesse war, die nötige Kundschaft einzuziehen.

Jochen brachte die nicht unwillkommene Nachricht mit heim, daß die Friedensgerüchte sich zu bestätigen schienen; in Bergen wenigstens herrsche unter den Franzosen eine merkliche Rührigkeit, und man bereite sich sichtlich auf Märsche vor, die doch in dieser Jahreszeit nichts als einen Rückzug voraussetzen ließen. Gewiß sei allein, daß die Truppen, die auf den äußersten Punkten der Insel zerstreut lägen, immer mehr und mehr nach dem Mittelpunkt gezogen würden, und daß nur die großen Güter, die noch Vorrat an Nahrungsmitteln hätten, einstweilen einige Besatzung behalten, die kleinen aber, die völlig ausgesogen wären, gänzlich geräumt werden sollten.

Endlich am 15. Januar traf die sichere Nachricht von einem in Paris am 6. Januar zwischen dem Kaiser der Franzosen und dem Könige von Schweden abgeschlossenen Frieden ein, mit dem nicht minder gern gehörten Beisatze, daß die Franzosen am 30. Januar bis auf den letzten Mann die Insel Rügen verlassen müßten. Da erscholl denn ein großer Jubel durch das ganze Land, kein Mensch konnte seine Freude im eigenen Hause verwinden, und jeder lief zu seinem Nachbarn, so daß in wenigen Stunden die glückliche Botschaft bis an die entferntesten Punkte des stillen Eilands getragen war. Statt des bisherigen Schweigens und Murrens sah man nur fröhliche Gesichter, Jauchzen und Lachen ließ sich aus jeder Hütte vernehmen, und es war, als ob der so leicht wandelbare Mensch plötzlich alle Drangsal und Not vergessen habe, die ihm der Krieg bisher auferlegt hatte.

Diese allgemeine Freude wurde allerdings einigermaßen abgekühlt, als am nächsten Tage die offizielle Bestätigung dieses Friedens durch Blätter bekannt gemacht wurde, welche man, um sie schneller kreisen zu lassen, durch Landboten umhertragen ließ, und jedermann daraus die Bedingungen erfuhr, die der alte König von Schweden in seiner Gutmütigkeit sich von dem starken Napoleon hatte auferlegen lassen. Denn daß Schweden, also auch Pommern und Rügen, dem Friedensschlusse zufolge aller und jeder Verbindung mit England entsagen, daß es den Engländern seine Häfen verschließen und in allen Punkten dem verhaßten Kontinentalsystem beitreten solle, das war ein unerwarteter Schlag für die hoffnungsvollen Herzen und trübte die allgemeine Friedensfreude gar sehr. Aber auch diese neue Belästigung glaubte man verschmerzen zu können, wenn man in Betracht zog, daß die Franzosen wirklich in wenigen Tagen die ganze Insel geräumt haben mußten, daß also dann das Land wieder sich selbst gehören und seine Bewohner nach ihren alten Gewohnheiten würden leben können. So rüstete man sich denn wie auf gemeinsame Verabredung, schon vor dem offiziell angekündigten Dankfest seinem patriotischen Jubel einen sichtbaren Ausdruck zu geben, und trotz der Anwesenheit der Franzosen, die man nicht mehr fürchten zu dürfen glaubte, beschloß man, an einem bestimmten Tage Freudenfeuer flammen zu lassen, was ja seit undenklichen Zeiten eine alte Sitte bei den verschiedenen norddeutschen Stämmen ist. Aber man begnügte sich nicht damit, allein von den höchsten Bergspitzen den allgemeinen Jubel kundzutun, auch auf den zugefrorenen Binnengewässern schürte man die Flammen an, und Tausende von Menschen sammelten sich auf dem so seltenen Eisboden und tanzten und frohlockten um die flammenden Holzstöße her, auf diese Weise ein doppeltes Fest feiernd, indem zugleich mit dem Bruche der französischen Sklavenketten dem ruhelosen Meergeiste eine Fessel angelegt sei.

Um diese Zeit begannen die Franzosen allmählich die Insel zu räumen und von den äußersten Grenzen derselben nach dem Mittelpunkte zu marschieren. Alle Wege waren auf diese Weise besetzt, überall fanden Durchzüge statt, und niemals hatten die Franzosen auf Rügen so freundliche Gesichter gesehen, als an dem Tage, wo sie von ihm Abschied nahmen. Nur hier und da auf einzelnen großen Höfen oder in den Flecken blieben einige zurück, die mit den Bewohnern nähere Bekanntschaften eingegangen waren, die sie nicht so schnell lösen mochten oder konnten. Sie hatten Urlaub von ihren Befehlshabern genommen, um noch auf kurze Zeit eine Freundschaft zu pflegen, die – so glaubte man wenigstens – für alle Ewigkeit ihr Ende erreicht hätte, oder um noch einen Genuß zu verlängern, der voraussichtlich nie wieder ins Leben treten würde.

An dem Tage, wo Waldemar die gewisse Nachricht von dem Abschluß des Friedens und der Räumung der Insel seitens der Franzosen erhielt, trat er aus dem Zimmer des alten Schweden, bei dem er gerade verweilte, rasch bei Magnus ein, um ihm die neue Mär zu verkünden und auch ihm, dem trüben, stummen Freunde, ein Zeichen des Beifalls zu entlocken. Aber er fand nicht, was er suchte, Magnus hörte ihn ohne sichtbare Bewegung aus seinem marmornen Gesichte an, und als Waldemar freudig hinzusetzte: »Nun brauchen wir nicht nach Schweden Magnus, nun können wir im Lande bleiben und unsern Herd aufsuchen, an dem wir uns so lange nicht gewärmt,« da sagte er mit einer dem Freunde ins Herz schneidenden Kälte:

»So, also das ist alles, was du mir zu sagen hast? Und darüber freust du dich? Warum willst du nicht nach Schweden? Oder vielmehr, was soll ich länger hier weilen, wo mich nichts mehr fesselt und beglückt?«

»Wie?« fragte Waldemar verwundert, »freust du dich wirklich nicht über das allgemeine Geschenk, welches der gütige Schöpfer deinen Landsleuten auf ihre lange Bitte endlich dargereicht?«

»Nein, Waldemar, ich freue mich nicht, denn ich kann es nicht, so gern ich auch möchte und so dringend die Aufforderung von außen dazu scheint. Ach nein, mein Freund, für mich gibt es keine Freude mehr auf der Erde, denn der Stern in meiner Brust, der sie mir früher eingeflößt, ist ganz erloschen, und ich habe nicht einmal mehr einen Schimmer davon, der mich noch allenfalls über mich selbst und meine Zukunft täuschen könnte.«

Waldemar schüttelte bedenklich seinen ausdrucksvollen Kopf. Daß Magnus auch jetzt nicht einmal einen Schimmer von Glück vor sich sähe, schien ihm unbegreiflich zu sein. Eingeschüchtert wie nie, verließ er den Grafensohn und dachte im stillen über die Möglichkeit nach, den Sinn desselben zu öffnen und auch ihm die Tore der Freude zu erschließen, die ihm jetzt ein Gemeingut aller fühlenden Menschen zu sein schien.

Was er aber auch erdachte und ersann, er sollte nicht so rasch zu einem Resultate gelangen, wie Magnus selber, obgleich dieses Resultat weit von demjenigen abwich, welches Waldemar in Aussicht haben konnte. Denn kaum hatte dieser den jungen Grafen verlassen, so trat eine plötzliche Wandlung im Gemüte desselben ein, eine Art Sturmgefühl erfaßte ihn und riß ihn gewaltsam aus der geistigen Lethargie empor, in die er schon seit so langer Zeit versunken war.

So aber schwankt der menschliche Geist zwischen Extremen hin und her, so ruht und schläft er lange im träumerischen Nichtstun, und Plötzlich schwingt er sich elastisch zu neuen Ekstasen auf, als gäbe es nur Tiefen und Höhen, in die er versinken oder die er erklimmen müßte, und als wäre die gerade ebene Mittelstraße für ihn nicht vorhanden, die gemächlich von einem Ende des Lebens zum andern führt, auf der man den Schmerz ruhig überwindet und der Freude sich dankbar überliefert, wie es die Vorsehung bestimmt hat, die zum einmal das kleine Menschenleben in ihren gewaltigen Händen hält!

Nachdem Waldemar seinen Freund verlassen, hatte es kaum einer Stunde bedurft, um Magnus in einen ganz andern Menschen zu verwandeln. Mit leuchtenden Augen und erhitzten Wangen suchte er jenen auf und setzte ihn in Erstaunen durch die Veränderung, die in seinem Wesen vorgegangen war und unter den obwaltenden Umständen nichts Gutes zu verkündigen schien.

»Magnus,« sagte Waldemar zu ihm, »was sehe ich? Was ist dir begegnet, seitdem ich dich vor einer Stunde gesprochen habe?«

»Nichts von außen her, mein Freund, aber mir ist ein Gedanke aufgestoßen, der mein Blut in Bewegung gesetzt und mich zu einem neuen Entschlusse getrieben hat.«

»Laß mich sowohl den Gedanken wie den Entschluß kennen lernen, damit ich teil daran nehme.«

»Waldemar, du zürnst mir vielleicht, wenn ich es sage, aber, glaube mir, ich kann nicht anders. Mit einem Wort, ich will noch einmal nach Spyker und zum letztenmal unter dem Dach meines Vaters ruhen.«

Waldemar lächelte bitter. »Ich dachte es mir,« sagte er wie vor sich hin. »Doch das ist gleichgültig – was willst du in Spyker?«

»Ich weiß es selber nicht, aber hin muß ich. Eine unwiderstehliche Gewalt, die stärker ist als mein Wille und meine Einsicht, reißt mich von hier fort. Wer weiß, wie es jetzt dort aussieht, was geschehen ist, was – was das unglückselige Mädchen macht, und ob sie nicht eines Beistandes bedarf.«

»Willst du sie noch einmal sehen und sprechen?«

»Es kann sein, daß ich das will, jetzt weiß ich es noch nicht.«

»Und wenn du sie siehst und sprichst, wenn sie dich, nachdem sie den Franzosen verloren, wieder in ihre Netze zieht, willst du an die Stelle dieses Franzosen treten und –«

»Schweig davon und beleidige mich nicht. Nein, das will ich nicht, aber etwas anderes will ich, und von Minute zu Minute taucht es klarer in meinem Geiste auf. Auf sein Haupt will ich treten, aber nicht an seine Stelle, wenn er noch da ist, und mir sagt es eine innere Stimme, daß ich ihn treffen und Angesicht zu Angesicht ihm gegenüberstehen werde.«

»Ich werde hoffentlich dabei sein, Magnus, denn ich verlasse dich auch auf diesem Wege nicht. Aber höre mich an, übereile nichts, laß uns erst einen Boten nach Spyker senden, um anzufragen, wie es dort steht, damit wir nicht etwa dem Wolfe in den Rachen laufen, dem wir eben glücklich entronnen sind.«

»Wie lange hält uns das auf?«

»Höchstens einen halben Tag, denn der Bote geht über das Eis, und in zwei Stunden ist die ganze Reise abgemacht.«

»So sende jemand an Ahlström und erkundige dich nach allem, was Bedeutung für uns hat.«

Waldemar begab sich zu Adam Sturleson und teilte ihm den Wunsch des Grafen, sowie die Veranlassung dazu mit.

Der alte Schwede schüttelte bedenklich den Kopf und sagte: »Welche Torheit sehe ich da einmal wieder! Läuft ihm denn sein Schloß davon? Und dieser Dirne wegen will er sich und dich einer neuen Gefahr aussetzen? Nun meinetwegen, ich trage mein Fell nicht zu Markte. Die heutige Welt kennt einmal Ruhe und Frieden nicht. Mir recht, wenn sie dafür bestraft wird. So mag denn der Jochen hinlaufen. Sag' ihm, was er da soll, aber ich will nichts damit zu tun haben. Wozu will denn der Graf eigentlich hin?«

»Das frage ich auch.«

»Ich will es dir sagen. Um mit dem neugebackenen Major anzubinden, das versteht sich von selber. Ich kenne das. Das ist ein Stück Edelmannswahn! Und bei Gott, er wird den Kürzeren ziehen, denn wenn ich diesen Franzosen, den ich nie gesehen, aus Euren Schilderungen recht erkannt habe, so kommt es ihm nicht darauf an, einen Feind mehr oder weniger über die Klinge springen zu lassen.«

»Oho!« rief Waldemar. »Da sind wir doch auch noch dabei! Ich fürchte mich mehr vor dem Weibe, als vor dem Soldaten, und wenn Magnus eine Niederlage erleidet, so wird es weniger von diesem als von jenem sein.«

»Gut denn. Jeder Mensch hat seinen Glauben für sich. Gehet hin und sehet, ich wasche meine Hände.«

Jochen ward herbeigeholt und von Waldemar mit der neuen Sendung betraut. Gern war der willige Mann bereit, holte seine Schlittschuhe und ging nach einer halben Stunde ab. Der Wind hatte zum großen Teil den Schnee vom Eisen schon während des Fallens weggetrieben, und so konnte man meilenweit über seine glatte Fläche laufen, was auch ein seltenes Vergnügen war, da die Gewässer hier in der Regel in Bewegung sind, wenn sie erstarren und gefrieren, also eine holprige Oberfläche darbieten.

Jochen war morgens elf Uhr nach Spyker aufgebrochen, und abends um sieben Uhr war er schon wieder auf Pulitz. Er berichtete, daß man etwa eine Meile auf Schlittschuhen fortkommen und den übrigen Weg bequem zu Fuße zurücklegen könne, da die Leute von Jasmund bei ihrem häufigen Übergange nach Rügen schon gangbare Wege getreten hätten.

»Aber wie sieht es auf Spyker aus, Jochen? Das ist die Hauptsache.«

Jochen wurde es sichtbar schwer, mit der Sprache offen heraus zu treten, denn er wußte vorher, daß seine Nachrichten nicht gern gehört werden würden. »Ich bin drei Stunden im Schlosse gewesen,« sagte er, »und habe auch den Herrn Kastellan gesprochen, wie Sie mich beauftragt haben. Ach, Herr Granzow, da sieht es aber nicht ganz geheuer aus, und ich will Ihnen alles sagen, was mir der alte Herr zugeflüstert hat. Die reitenden Jäger sind allerdings schon seit vorgestern größtenteils fort und haben eine Menge Gut weggeschleppt, was ihnen wahrlich nicht gehörte. Der Major aber ist mit einigen Leuten noch dageblieben, zu seinem Vergnügen, wie er sagt, in Wahrheit jedoch, weil er noch nicht fertig mit der Auswahl der Dinge ist, die er mitnehmen will. Der Abmarsch ist ihm etwas zu rasch über den Kopf gekommen.«

»Was er mitnehmen will? Verstehst du darunter auch die Dame?«

»Gott bewahre mich, die will er am wenigsten mitnehmen, hat mir Herr Ahlström gesagt; sie aber schreit und ringt die Hände und will den fremden Offizier nicht fortlassen, der ihr die Ehe versprochen hat, und den sie nur als ihren Gatten will scheiden sehen, um ihm nachzureisen, sobald er in Frankreich in Ruhe sitzt. Mitnehmen will er vielmehr, was er an Silberzeug und sonstigen Kostbarkeiten zusammenraffen kann, und der Kastellan hat sich vergebens bemüht, ihm begreiflich zu machen, daß er das nicht dulden darf. Ja, Herr, so stehen die Sachen, und der Herr Kastellan freut sich sehr, daß Sie und der Herr Graf kommen, denn dann meint er, habe er nicht allein die Verantwortung mehr.«

Waldemar senkte den Kopf. »Es ist genug,« sagte er, »jetzt weiß ich alles. Was du mir aber gesagt hast, behalte für dich allein und sage dem Grafen nichts davon. Ich werde es ihm selbst mitteilen. Wieviel Franzosen liegen wohl noch auf dem Schlosse?«

»Der Major, sein Diener und etwa sechs reitende Jäger, die aber den ganzen Tag betrunken sind, weil sich niemand um sie bekümmert und sie den Keller des Grafen Brahe ausgeplündert haben.«

»Hast du mir den Schlüssel gebracht, um den ich den Kastellan schriftlich gebeten habe?«

»Ach ja, Herr, beinah hätt' ich's vergessen. Hier ist er; er hat ihn eingesiegelt und mir auf die Seele gebunden. Auch würde er alles in Bereitschaft setzen, hat er gesagt, eine Laterne würde Tag und Nacht an dem bewußten Orte brennen, und die Zimmer im Turm würden in Ordnung sein, wie sie es früher gewesen! Ihre Kleider und Wäsche aber, die Sie in dem Koffer zurückgelassen, würden Sie in dem Raume finden, den der Herr Graf früher bewohnt hat.«

»So weiß ich denn alles, und ich danke dir für deine ausführliche Botschaft.«

Waldemar begab sich zu Magnus und teilte ihm mit, was ihm zu wissen notwendig war. Mit Mühe hielt er und der alte Schwede ihn bis zum nächsten Morgen zurück, denn er wollte sogleich aufbrechen, um – eine Tat zu wagen, deren er sich selbst noch nicht genau bewußt war, und wozu ihn vielleicht das dunkle Triebrad bewog, das in der Brust des Menschen arbeitet und mit dem großen Schwungrad des Verhängnisses in Verbindung steht, welches den Lebensfaden des Menschen spinnt und zerreißt.

Es war am 27. Januar 1810, als dieses geschah, und also nur drei Tage früher, als die Franzosen die Insel geräumt haben mußten.

Magnus war am Abend nicht mehr zum Sprechen zu bewegen gewesen. Finster vor sich hin brütend, mit sich selbst zu Rate gehend, saß er schweigend in einer Ecke des Zimmers, in dem der Pächter von Pulitz, seine Frau und die beiden Freunde versammelt waren. Er hatte wie immer nur wenig gegessen, aber wider seine Gewohnheit reichlich Wein getrunken, als wolle er sich betäuben oder Mut zu dem Werke verschaffen, das ihm selbst, wie er sagte, noch unbekannt sei.

Um zehn Uhr endlich trennte man sich. Adam Sturleson wünschte seinen Gästen zum letzten Male eine gute Nacht, denn er wußte, daß er sie nun sobald nicht wieder beherbergen würde. Die Zeit der Drangsal und Not hielt er für immer abgelaufen, und mit den Segnungen des neuen Friedens glaubte er vor allen Dingen auch das Glück seiner jungen Freunde begründet zu sehen. Magnus entkleidete sich rasch und warf sich, Waldemar mit kurzen Worten gute Nacht sagend, ungestüm in das Bett. Waldemar, der sich langsam und gleichsam mit Überlegung entkleidete, als ob eine unbekannte Macht seine Hand zurückhalte, war erstaunt, seinen Freund bald in Schlaf verfallen zu sehen, was ihm ein Beweis war, daß er völlig in sich beruhigt und mit seinem Vorhaben aufs Reine gekommen sei. Ach, ihm selbst war ein gleiches Los in dieser Nacht nicht beschieden. Er schlief in der Regel so leicht ein, und sein Schlaf war so ruhig und fest, wie ein gesunder Mensch mit reinem Gewissen ihn nur haben kann, heute aber wollte diese Ruhe nicht über ihn kommen. Sein Geist tummelte sich auf seltsamen, nie betretenen Bahnen, und er konnte ihn, so sehr er sich darum bemühte, nicht in das gewohnte Geleise zurückführen. Hin und her wälzte er sich, und zum ersten Male in seinem Leben stiegen Bilder vor seiner Phantasie auf, deren Ursprung ebenso dunkel wie ihre Macht unerklärlich ist, und die jetzt seine Seele mit einem so festen Gewebe von Sorge und Angst umspannen, daß er es zu zerreißen nicht imstande war.

Waldemar erfuhr hier zum erstenmal, was wir alle in unserm Leben gewiß schon erfahren haben. Denn die Nacht mit ihrem Schweigen und ihrer Finsternis trägt etwas unheimliches in ihrem Schoße, das unwillkürlich auf unsern Geist und namentlich auf unsre Phantasie wirkt, so daß alle Erscheinungen, die sie uns vorführt, in einen düsteren Trauermantel gehüllt erscheinen. Aber auch durch ein Vergrößerungsglas läßt sie uns schauen, so daß uns groß erscheint, was nur klein, – wichtig, was unwichtig, – gefährlich und bedeutend, was ganz gefahrlos und unbedeutend ist. Alle unsere täglichen Begegnisse, namentlich wenn sie mit Sorgen gemischt sind, wachsen dadurch zu mächtigen Riesen an, die uns drohend ins Gesicht blicken und mit diesem Blick den lieblichen Schlaf verscheuchen, der sich sonst so leicht und süß an unsere Seite schmiegt.

Auch Waldemar also sollte das in dieser Nacht sehr bald und in vollkommenem Maße empfinden. Unwillkürlich drängte sich Vergangenheit und Gegenwart seinem Geiste auf, und daraus entsprang ein schreckliches Gespenst, das ihn von ferne bedrängte und, immer näher an seinen Leib rückend, ihn endlich in Angst und Zittern versetzte. Eine Weile gab er sich ganz und fast gelähmt vor Überraschung dieser seltsamen Bedrängnis hin, dann aber raffte er sich zusammen und widerstrebte mit aller natürlichen Kraft den Schlußfolgerungen, die aus seiner Besorgnis wie himmelstürmende Riesen hervorwuchsen. »Weg mit Euch Schreckgestalten!« rief er den ihn bedrückenden Phantasiegebilden zu, »ich will Euch nicht sehen, Ihr seid nur Ausgeburten menschlicher Schwäche, und gegen Euch, will ich nicht schwach sein.«

Aber trotz seines redlichen Willens war seine Kraft nicht stark genug, den phantastischen Niesen zu bewältigen und ganz zu vertreiben, immer von neuem drang er heran, und immer wieder mußte er verjagt werden. Endlich jedoch, nachdem schon ein großer Teil der Nacht verstrichen, gelang es ihm, die gewöhnliche Ruhe seines Geistes zu erkämpfen, und als er gegen Morgen in einen tiefen Schlaf sank, träumte er süß von anderen Gestalten, die aus dem fruchtbaren Schoße der Zukunft auftauchten, und er wäre vielleicht wieder ganz besänftigt worden, wenn ihn nicht in seinen schönsten Träumen ein Geräusch aus dem Schlafe geweckt hätte, das sich wiederholt an der Tür des Zimmers vernehmen ließ.

Es war die Stimme des alten Schweden, die lebhaft aus dem Nebengemach erscholl, nachdem er vergeblich einige Male leise an die Tür gepocht hatte. »Steht auf, Kinder,« rief er, »es ist Zeit dazu. Der Tag ist angebrochen, die herrlichste Wintersonne steht strahlend über dem Meere und verspricht einen köstlichen Tag.«

Waldemar fuhr empor und sah, daß es schon fast ganz hell war. Da Magnus aber noch fest schlief, so tat es ihm leid, ihn seinem Schlummer zu entreißen, der auch ihn vielleicht mit den lieblichen Bildern einer ungetrübten Zukunft umrauschte. Endlich aber trat er an sein Bett und ergriff seinen Arm. »Magnus,« sagte er, »steh auf, oder willst du nicht mehr nach Spyker?«

Der bei seinem Namen Genannte fuhr in die Höhe und blickte rasch um sich her. »Ist es schon Tag?« fragte er. »O, wie kann ich so träge sein! Aber ich habe köstlich geschlafen, Freund, köstlicher denn je. So und nicht anders muß der Todesschlaf beschaffen sein, der uns nie mehr zum irdischen Leben erwachen läßt.«

»Sprich nicht vom Todesschlaf,« erwiderte Waldemar eifrig, »wo nur von dem des Lebens die Rede ist. Steh auf und tummle dich. Sieh, welch schöner Tag uns erwartet, wir werden Genuß von unsrer Wanderung haben.«

Magnus befolgte den Rat, und in wenigen Minuten war er fertig und trat in das Zimmer des Pächters, um das daselbst aufgetragene Frühstück mit verzehren zu helfen.

Während sie so um den Tisch versammelt saßen, wunderten sich Adam Sturleson und Waldemar, den jungen Grafen ungewöhnlich heiter und sogar aufgeräumt zu finden. »Wann besuchen Sie mich?« fragte er unter anderm den alten Schweden. »O, kommen Sie bald, es drängt mich, die Gastfreundschaft zu erwidern, die Sie so verschwenderisch an mir geübt haben.«

»Dazu kann bald Rat werden, gnädiger Herr,« erwiderte dieser erregt. »Wenn wir erst ganz frei sind von den fremden Menschen, die uns jetzt noch belasten, dürfte ich Sehnsucht empfinden, auch einmal anderer Leute Häuser zu besuchen, und Sie sollen der erste sein, an dessen Tor ich klopfe.«

»Es soll Ihnen schnell aufgetan werden, verlassen Sie sich darauf. Nun aber bin ich fertig. Wo sind meine Schlittschuhe?«

»Hier, nehmen Sie die meinigen,« sagte der alte Schwede. Es sind alte Holländer vom reinsten Stahl – sehen Sie da. Verstehen Sie auf den glatten Flächen zu laufen?«

»Vortrefflich, Alter – und jetzt schüttle ich Euch die Hand und sage: ich danke! Mehr wollt Ihr nicht hören, nicht wahr? Nun gut, so werde ich auch nicht mehr sagen.«

Waldemar war erstaunt, seinen Freund so lebhaft und gemütlich reden zu hören. »Gewiß ist ihm sein Stern in der Nacht wieder aufgegangen,« dachte er. »Sonderbar! Mit mir ist es gerade umgekehrt, und so oft ich mich von hier fortgesehnt habe, heute bliebe ich lieber als ich gehe.«

Bald darauf waren die Abschiedsworte ausgetauscht. Mutter Talke hatte ihre Danksagungen empfangen und ihre besten Wünsche gesprochen, so hinderte denn die beiden Freunde nichts mehr, ihren Weg anzutreten.

Der alte Schwede begleitete sie an den nördlichen Meeresarm, der sich jetzt nur durch eine geringe Senkung von dem festen Lande unterschied. Hier in der Enge lag der Schnee dick auf dem Eise, und man konnte sich noch nicht der Schlittschuhe bedienen, die man an ihren Riemen in der Hand trug.

»Da stehen wir denn am Scheidewege,« sagte der ehrwürdige Mann mit gerührter Stimme und reichte den beiden Freunden herzlich die Hand. »Wolle es Gott, daß wir uns bald und fröhlich wiedersehen, das ist alles, was ich sagen will und kann. So gehet, meine Freunde, und erhalte Euch Gott!«

Magnus war der erste, der sich von ihm losriß und mit hastigen Schritten das zugefrorene Wasser betrat, auf dem schon ein sichtbarer Weg ausgetreten war. Waldemar hielt sich etwas länger bei dem wackeren Ohm auf, dankte ihm noch einmal und verhieß einen baldigen Besuch mit allen den Seinigen, sobald alles wieder im alten ruhigen Geleise sei. Dann eilte er dem Freunde nach, den er laufend einholte, und nach einem kurzen Gange traten beide auf den eirunden großen Raum hinaus, den man, wenn das Wasser darüber hinflutet, den kleinen Jasmunder Bodden nennt, obgleich er eigentlich nur den oberen Teil desselben ausmacht.

Wie schon oben angedeutet, war es ein herrlicher Morgen, an dem die beiden jungen Männer ihre kurze Reise antraten. Die Luft war fast windstill und nicht übermäßig kalt. Der von keinem einzigen Wölkchen getrübte Himmel glich einer mattblauen, halbdurchsichtigen Kristallkuppel, die leicht und anmutig auf der silberweißen Erde ruhte, wie ein unermeßlicher Dom, der sich über einer herrlich geschmückten Kirche wölbt. An diesem blauen Himmel nun stieg langsam und majestätisch wie immer die strahlende Wintersonne auf und warf ihren purpurnen Lichtglanz schräg über die unter ihr funkelnden Diamanten, die auf dem Eise und den fernen Bäumen in zahlloser Menge und in unaussprechlicher Herrlichkeit schimmerten. Fast blendend blitzten diese natürlichen Diamanten in den Augen der Wanderer wieder, denn wohin sie blickten, der gefrorene Schnee bedeckte See und Land, Hügel und Tal, – und selbst die Bäume und Gesträuche an den im sanften Nebel wogenden Gestaden beugten sich unter der Last der gefrorenen Wasserdünste.

»Sieh, wie köstlich dieser Anblick ist,« leitete Waldemar das Gespräch ein, um nicht ganz stumm, wie sein Geführte, den Morgen und seine Gabe allein zu genießen, denn er teilte gern allen, die er liebte, etwas von dem mit, was ihn beglückte und heiter stimmte.

»Ja, ja, es ist herrlich,« erwiderte Magnus eifrig und schritt dabei noch schneller vorwärts, so daß sogar Waldemar einige Mühe hatte, an seiner Seite zu bleiben. »Werden wir nicht bald an das Eis kommen, wo wir von unsern Schlittschuhen Gebrauch machen können? Es geht sehr langsam zu Fuße auf dem Schnee, und diese weiten Wasserflächen scheinen mir unabsehlicher zu sein, wenn sie erstarrt sind, als wenn sie unter leichtem Winde einherfluten.«

»Das scheint dir nur so, weil es dir etwas Ungewohntes ist, über das Wasser zu gehen, über welches du nur bei flüchtigem Winde zu schweben pflegst. Aber wozu diese Eile, Magnus, du kommst früh genug an dein Ziel.«

»Wer weiß es, ich glaube es kaum. Mich treibt eine Unruhe vorwärts, die ich nur beschwichtigen kann, wenn ich alle Kräfte zusammenraffe, um ihr genug zu tun. Man kommt übrigens nie rasch genug an sein Ziel.«

»Der Meinung bin ich eben nicht. Eile mit Weile, sagten unsre Eltern, und sie hatten recht.«

»Die Welt ist anders geworden, seitdem wir leben. Wir müssen fliegen, wo jene krochen.«

»Die Notwendigkeit dazu sehe ich nicht ein, auch haben wir ebensowenig Flügel erhalten und können uns also auch bescheiden wie sie. Der Mensch überhebe sich nie, weder was seine Kräfte und Fähigkeiten, noch was seine Wünsche und Neigungen betrifft.«

»Ja, ja, du magst recht haben, aber heute muß ich fliegen, mich treibt eine unsichtbare Gewalt.«

»Und mich hält eben eine solche zurück – ich kehrte lieber um, als daß ich vorwärts ginge.«

Diese mit ernstem Tone gesprochenen Worte brachten Magnus einen Augenblick zur Ruhe. Er blieb stehen und sah sich nach dem Freunde um, der zwei Schritte hinter ihm her keuchte. »Tu es,« sagte er, »und laß mich allein mein Ziel erstreben. Ich finde es, glaube mir, das weiß ich bestimmt.«

»Ich habe daran noch nicht gezweifelt. Aber wo du bleibst, bleibe ich auch, dein Ziel war immer auch mein Ziel, früher wie jetzt.«

»Wer weiß es!«

Und wieder stürmte er vorwärts, als ob ein unbändiger Drang ihn in Bewegung setzte. Mit lebhaft geröteten Wangen und funkelnden Augen schaute er nur in die Ferne, – für das in der Nähe um ihn Liegende, so schön es war, hatte er kein Auge, und hinter ihm her, mit bleicherem Gesicht als gewöhnlich und einer gewissen trägen Unlust in jeder Gebärde und Bewegung, folgte Waldemar, so daß sie beide die Rollen vertauscht zu haben schienen, was wohl seit Jahren nicht geschehen sein mochte. Aber Waldemar erlag fast dem Einfluß einer eigentümlichen und unerklärlichen Beklommenheit; jeder Schritt wurde ihm schwer, als hinge sich Blei an seine Füße, oder als risse ihn eine befreundete Gewalt zurück, so daß er sich selbst gestand: wenn Magnus in früheren Tagen ein solches Gefühl gehabt hätte, würde er bei seinem Aberglauben für zweckmäßig gehalten haben, lieber den Schritt zu hemmen, als ihn fortzusetzen. Daran jedoch war heute bei ihm nicht zu denken. Heute zum erstenmal in seinem Leben, so lange er im Besitz seiner freien Selbstbestimmung war, hielt ihn kein Wahn, kein Aberglaube, kein Vorgefühl oder wie man es nennen will, von seinem Vorsatze zurück und von einem innern instinktartigen Triebe gestachelt, rannte er seinem Ziele entgegen, wie er es selbst an diesem Morgen wiederholt genannt hatte.

So gelangten sie denn in kurzer Zeit an die Wasserenge, die bei der Lietzower Fähre den kleinen vom großen Bodden trennt, und schon sahen sie von weitem die Eisfläche im goldenen Sonnenstrahl blitzen, die, wie Jochen ihnen mitgeteilt hatte, von hier aus bis beinah in den Spykerschen See ununterbrochen fortlaufen sollte.

Magnus frohlockte, als er diese Überzeugung aus eigener Anschauung gewann, und rasch ließ er sich auf ein Knie nieder, um die Eisen unter seine Füße zu schnallen. Man war damit bald zustande gekommen und nun flogen beide Männer, in dieser Kunst trefflich geübt, wie Schwalben über die glatte Fläche, die unter ihnen grollte und krachte, und fanden dabei keine Zeit, das köstliche Schauspiel zu genießen, das rings um sie her in fast namenloser Schönheit ausgebreitet lag. Denn wie eine unabsehbare durchsichtige und glanzvolle Spiegelfläche schmiegte sich der gewaltige Binnensee an die vielfach geschwungenen Uferausbuchtungen, in unbeschreiblicher Pracht tauchten rechts die Waldungen von Jasmund auf, mit ihren silbernen Wipfeln scheinbar bis an das blaue Gewölbe ragend, das noch hoch über ihnen thronte, und von Millionen Diamanttropfen, die die Sonne gütig herniederschüttete, glänzte Erde und Wasser wie ein blitzendes Sternenmeer ringsum. Die starke Meile, die von hier aus bis zur Mündung des Spykerschen Sees vor ihnen lag, überwanden sie in wenigen Minuten und es war noch nicht Mittag, als sie ihre Schlittschuhe wieder abschnallten, um den Rest des Weges über den heimatlichen See zu Fuße zurückzulegen.

Von niemanden gesehen, denn kein einziger Schloßbewohner befand sich um diese Zeit in Freien, betraten sie das Land unter der alten Weide wieder, wo Waldemar damals mit der Haferfracht, die er von Wittow geholt, gelandet war und dabei seinen Freund in das väterliche Haus eingeschmuggelt hatte. Von hier aus schritten sie wieder in die Richtung von Quoltitz vor und fanden trotz der ungeheuren Schneemassen, die alle Wälder erfüllten, sehr bald den Eingang des alten Schloßganges auf, der in den Spukturm führte, vor dessen Gespenstern aber die noch im Schlosse wohnenden Franzosen keine Scheu mehr hegten. Wenige Minuten später befanden sie sich im Innern des Schlosses und beim Schein der Laterne, die der Kastellan Tag und Nacht für seine jungen Freunde brennend in Bereitschaft hielt, durcheilten sie den kalten Gang und erstiegen die Treppe, die in das Zimmer führte, welches Magnus früher bewohnt und in welchem er auch jetzt einige Augenblicke zu rasten beschlossen hatte.

*

Bevor wir jedoch die Ereignisse berichten, die sich an diesem Tage in Spyker zutragen sollten, müssen wir in unsrer Erzählung einige Schritte rückwärts tun und uns die Verhältnisse vergegenwärtigen, in die wir wieder einzutreten im Begriff stehen. Im allgemeinen hatte sich daselbst, seitdem wir es verlassen, nichts – im einzelnen nur sehr wenig verändert. Die Franzosen, unbekümmert um den schnelleren oder langsameren Ruin des okkupierten Landes und der vorzugsweise belasteten Eigentümer, hatten in ihrer gewohnten Willkür fortgefahren, auf Kosten des Grafen Brahe sich zu vergnügen und die Fundgrube auszubeuten, in die sie hier, Dank der gebieterischen Laune ihres Herrn, geraten waren; und dagegen hatte die betrübte Miene und der kraftlose Widerstand des alten Kastellans leider nichts ausrichten können. So ward denn nach wie vor das wüste Treiben mit dem seiner Sorgfalt anvertrauten Besitze fortgesetzt, und der mit so außergewöhnlichen Leistungen überbürdete Haushalt litt über die Maßen darunter.

Die einzigen Personen, die bezüglich ihrer gegenseitigen Stellung und ihrer natürlichen oder erheuchelten Empfindungen eine Wandelung unterworfen gewesen, waren Gylfe Torstenson und Major Caillard, und auf das Verhältnis beider müssen wir jetzt notwendig einen prüfenden Blick werfen.

Was man auch von den Bewerbungen des galanten Franzosen um das schöne Fräulein von Spyker halten mochte, im Schlosse selbst hatte wohl niemand jemals die Überzeugung gehegt, daß dieselben ernstlich gemeint seien, niemand, sagen wir, wovon wir jedoch die einzig und allein betrogene Gylfe ausnehmen müssen. Aber der schlaue Franzose hatte mit weislicher Überlegung seine zur Schau getragene Flamme bis zu den letzten Tagen mit künstlicher Nahrung zu unterhalten gewußt, teils um den erst halb geleerten Becher des Vergnügens bis auf den letzten Augenblick an den Lippen zu halten, teils aber auch, um mit Glanz und Beifall eine Rolle zu Ende zu spielen, die er mit herzloser Gewandtheit bis zur vollendeten Täuschung seines übelberatenen Opfers begonnen hatte. Daß er im innersten Herzen Gylfes längst müde war und ihre ewigen Seufzer und Klagen über seine Lauheit fast unerträglich fand, gestand er sich nicht allein selbst, sondern das sah auch jedermann ein, der nur einen einigermaßen klaren Blick für ähnliche Verhältnisse besaß, aber leider war dieser Blick der verblendeten Schwedin versagt und sie war von ihrer schwärmerischen Neigung noch heute so arg umstrickt wie in früheren Tagen. Ja, diese unheilvolle Neigung – unheilvoll für sie selbst und noch unheilvoller für andere, die schuldloser waren als sie – hatte nicht einmal jener schreckliche Zwischenakt abzukühlen vermocht, den wir mit eigenen Augen auf Spyker sich entwickeln sahen, als Caillard bei der Entdeckung der Anwesenheit Waldemar Granzows weniger als Liebhaber, denn als Tyrann aufgetreten war; im Gegenteil, als sie erst die Überzeugung erlangt, Graf Brahe habe das Schloß seiner Väter verlassen und ihren eigenen Unternehmungen das Feld geräumt, hatte sie sich mit neuer Hingebung dem reuig erscheinenden Anbeter gewidmet und durch seine mit Schmeicheleien überzuckerten Erklärungen den Beweis zu erhalten geglaubt, daß nur sein leidenschaftliches Temperament und seine, keine fremde Einmischung duldende Liebe, zumal sein Pflichtgefühl in einer nie erlebten Spannung gewesen, jene heftige Szene veranlaßt habe, daß aber durch alle diese unberufenen Zwischenfälle seine Neigung keineswegs abgekühlt oder gar gänzlich erloschen sei.

Gylfe, wie alle in Dingen des Herzens leichtsinnigen, eitelen und ihrem unseligen Hange leidenschaftlich ergebenen Mädchen, hatte diesen oberflächlichen. Versicherungen umsomehr Glauben geschenkt, als der reuige Liebhaber für die Folge Besserung versprach und auch äußerlich in Miene und Gebärde wirklich an den Tage legte, und so war das Verhältnis zwischen beiden das alte geblieben. Der Kapitän aber, bald zur Einsicht gelangend, daß er alles, was er von der vorsichtigen Gylfe vor der Hand erlangen könne, erlangt habe, war nicht gesonnen, ihr dafür das einzige zu gewähren, was sie von ihm zu begehren fortfuhr, nämlich die ausdrückliche Erklärung, es sei ihm nur um den Besitz ihrer Hand zu tun, und so verrauschte seine Liebe sehr bald, wenn er sie je für das seltsame Wesen in seinem wankelmütigen Herzen empfunden hatte. Fortan war es ihm nur darum zu tun, einen gewissen Schein unumstößlicher Wahrheit um seine Handlungen zu breiten, um sich zur rechten Zeit aus der ihn allmählich drückenden Schlinge zu ziehen, und auch das war ihm ungefähr bis zur Zeit gelungen, als er zum Major befördert ward und sein baldiger Abmarsch von Spyker nun kein länger zu bewahrendes Geheimnis war. Schließlich aber hatte er in einer schwachen Stunde das Herz gefaßt, der arg Getäuschten vorzulügen, daß ihre Verbindung mit ihm für die Zukunft keinem Zweifel unterliege, daß er aber nicht eher zu dieser Verbindung schreiten könne, als bis die Kriegsfurie ausgetobt habe, denn zu einer Zeit, wie die jetzige sei, zu heiraten und dabei des Besitzes eines geliebten Weibes nicht froh werden zu können, hieße so viel wie sein heißes Herz den Qualen des Tantalus aussetzen, den Abschied aber zu nehmen und sich mit ihr von aller Welt zurückzuziehen, verbiete ihm ebensowohl die Klugheit wie das Ehrgefühl, und so müsse Gylfe warten, bis Europa den Frieden habe. Dann aber, sobald Deutschland und Schweden, Rußland und Italien wie Frankreich glücklich sei, dann werde er kommen, und sollten ihn tausend Meilen von der Geliebten trennen, und sie holen, um sie in das kleine Paradies zu führen, das seine Liebe ihr auf Erden zu bereiten die süße Genugtuung haben werde.

Gylfe war ein Mädchen, deren Ohr durch den Klang der Worte eines der gröbsten Schmeichelei fähigen Mannes unwiderstehlich bezaubert wurde, aber deren Herz, nicht die Fähigkeit oder den Willen besaß, den Inhalt und die Glaubwürdigkeit derselben zu, prüfen. Sie glaubte um so lieber diesen abgenutzten Versicherungen, die schon so manches Mädchen betört haben, als sie die Erfüllung derselben sehnlichst wünschte, und der eigene Wunsch ist bei manchen weiblichen Naturen schon hinreichend, den Geist zu umdunkeln und die Vernunft zu umnebeln, so daß sie nie und nimmer begreifen, was ein nüchterner Kopf so leicht zu begreifen imstande ist.

Als nun aber die Zeit der Trennung immer näher rückte, fing sie mit ihren Klagen und Tränen den längst im Herzen erkalteten Major wahrhaft zu überschwemmen an. Überbürdet von ihren Seufzern und Bitten, dehnten sich ihm die Stunden zu Tagen und er sehnte mit immer steigendem Unmut den Augenblick herbei, wo er sein Pferd besteigen und den Blicken und Worten dieser langweiligen Circe entfliehen könne. Ob er in künftiger Zeit, wenn ihm nichts Besseres in den Weg gelaufen käme, vielleicht noch einmal wiederkehren und das abgebrochene oder wenigstens lau fortgesponnene Verhältnis anknüpfen werde, das hatte er selbst noch nicht so genau überlegt; möglich sei es allerdings, sagte er sich wiederholt, denn wer könne in die Zukunft schauen und den endlichen Ausgang aller Dinge berechnen!

Fürs erste aber hatte er nur noch auf einen Punkt sein Auge gerichtet. Er war nicht geneigt, so arm von dem Schlosse Spyker fortzugehen, wie er dahin gekommen war. Gylfe Torstenson konnte ihm leider keine Reichtümer bieten und so mußte der Besitz des reichen Grafen Brahe herhalten, ihn für die vielen Sorgen und Mühen zu entschädigen, die ihm zwischen den Mauern seines Hauses zuteil geworden waren.

Man staune nicht über diese neue bübische Hoffnung eines so glorreichen kaiserlichen Kriegers. Dergleichen war gang und gäbe zu jener großen Zeit, und selbst hohe Personen haben sich dadurch einen Namen gemacht, den die deutsche Geschichte jener Tage schon oft gebührend gebrandmarkt hat. Die gebildeten und auf der Höhe der Zeit stehenden Franzosen fanden nicht allein einen Ruhm darin, den guten geduldigen Deutschen auf dem Felde der Ehre zu besiegen, nein, sie fanden ihn auch darin, ihn so mancher unnützen Last zu entheben, mit der ihn das ungerechte Geschick überbürdet hatte. Sie nahmen ihm mit einem Worte ab, was in den Augen der Franzosen ein überflüssiger Besitz für ihn war, denn wer als die regierenden Herren der Welt, durfte es wagen, Schätze zu besitzen und Kostbarkeiten aufzuspeichern, die durch die pomphaften Erklärungen ihres Oberhauptes Gemeingut der Welt geworden waren, eines Oberhauptes, das in seinem ungemessenen Dünkel sogar Kronen verschenkte, die ihm das gebenedeite Verhängnis in die Taschen gespielt hatte. Diese Herren der Welt aber waren natürlich nur die an Weisheit und Kraft so gesegneten Franzosen, und wie es ihnen ihr Meister im großen vorgemacht, so machten sie es ihm einzeln im kleinen nach, je nachdem ihr Geschick auch sie begünstigte oder der Zufall es ihnen in die Taschen spielte.

Im Schlosse zu Spyker nun befanden sich sehr wertvolle Dinge, die Graf Brahe bei seiner Abreise nach Schweden auf Rügen für eben so sicher gehalten, als wenn er sie mit sich nach dem Norden genommen hätte. Es bestanden dieselben nicht nur aus sehr schönem und wertvollem Silbergeschirr, sowie kostbaren Kunstgegenständen allerlei Art, in allen Ländern und unter allen Nationen gesammelt, sondern auch einige alte Gemälde von der Hand großer Meister waren darunter, die, wenn sie niemanden gefielen, doch den Geschmack des beutesüchtigen Franzosen befriedigten. Viele von diesen Gegenständen hatte er schon lange heimlicher Weise beiseite bringen lassen und einige seiner Leute waren angewiesen, den Rest im Augenblick der Abreise in dazu bestimmte Behältnisse zu packen und auf einem bereit gehaltenen Wagen nach der alten Fähre zu fahren, von wo sie nach Stralsund weiter geschafft werden sollten, um so vielleicht in Zukunft das kleine Paradies zu zieren, welches er Gylfe Torstenson dermaleinst zu bereiten mit Eiden gelobt hatte. Vieles aber war nicht so leicht den Augen des aufmerksamen Kastellans und seiner noch eifriger spähenden Töchter zu entziehen gewesen, und das mußte also zuletzt und in aller Eile abgetan werden; aus diesem Grunde hauptsächlich hatte er noch zwei Tage Urlaub genommen. So war er jetzt nur noch ein Gast im Hause des Grafen Brahe, als unsere Freunde daselbst antrafen, und nicht mehr ein Feind, der den Bewohnern desselben Gesetze vorschreiben konnte, denn der Friede zwischen, seinem und dem Herrn dieser war unterzeichnet, und kein Franzose hatte mehr das Recht, noch längere Willkür walten zu lassen und die früher erzwungene Bewirtung noch ferner in Anspruch zu nehmen.

Kastellan Ahlström, der sich durch die Miene des Majors, als sei er höchst unglücklich, von dem lieben Spyker scheiden zu müssen, keinen Augenblick täuschen lies, folgte ihm auf Schritt und Tritt und bemerkte sehr wohl, auf was das Falkenauge und die Habichtsklaue des Fremdlings es abgesehen habe. Im Gefühle seines unbestreitbaren Rechtes und um den schrankenlosen Wünschen des habgierigen Gastes Einhalt zu tun, wagte er wiederholt im Interesse seines abwesenden Herrn bald demütige, bald ernstere Vorstellungen, da er aber keine Mittel in Händen hatte, dieselben mit dem gehörigen Nachdruck zu unterstützen, und Major Caillard von der Natur in solchen Angelegenheiten mit tauben Ohren begabt war, so ging die »Einsammlung« ruhig ihren Gang, und die Stunde mußte endlich schlagen, wo der langjährige Hüter der Schätze seines Herrn diese mit dem bereits hochbepackten Wagen in das Paradies des Franzosen sich verflüchtigen sah.

So standen die Sachen, als der Erbe von Spyker mit seinem Freunde das alte Schloß betrat und damit die von Tage zu Tage wachsende Hoffnung des Kastellans erfüllte, der nur durch seine Gegenwart von der Verantwortung befreit werden konnte, die so schwer auf seinen Schultern lag, während dem Major selbst die alle Tage erwartete Ankunft desselben wie ein Schreckbild erschien, dem er ausweichen müsse, so lange ihm noch ein Weg dazu offen stand, denn daß der junge Graf Brahe auf sein väterliches Gut zurückkehren und der Beraubung desselben Einhalt gebieten würde, sobald er in Erfahrung gebracht, die Franzosen hätten es zum größten Teil geräumt, unterlag selbst im Geiste des Herrn von Caillard keinem Zweifel.

Daher beeilte dieser seinen Abzug auf alle mögliche Weise; so sehr er sich aber auch beeilte; die Hast Magnus Brahes kam ihm zuvor und an demselben Morgen, wo jener mit den auf den Wagen geladenen Schätzen, der schon im Schloßhofe stand und von zwei mit gezogenem Säbel wachehaltenden Reitern beobachtet wurde, abziehen wollte, erschien wider sein Wissen der Erbe von Spyker, nicht, um jene Schätze zu retten – daran dachte er wohl am allerwenigsten – wohl aber um einen Mann zu strafen, der ihm so unendlich viele Schmerzen bereitet und mehr Kostbarkeiten, als jene betrugen, für immer geraubt hatte.

So hatte das Verhängnis den Knoten geschürzt und nur vorsichtige Hände waren imstande gewesen, ihn schadlos für alle zu lösen, aber diese Hände fehlten da Magnus, in einem so bedeutungsvollen Augenblick mehr auf sich vertrauend, als er sich im ganzen Leben vertraut, niemanden, selbst Waldemar nicht, mitgeteilt hatte, was ihn allein in so große Bewegung versetzt und Hals über Kopf nach Spyker gejagt hatte.

Als Magnus mit Waldemar im Turmzimmer des Schlosses angelangt war und noch keine Zeit gehabt hatte, den sorgenvollen Kastellan von seiner Rückkehr in Kenntnis zu setzen, entwickelte sich eben unter ihm in Gylfes Zimmer die lärmvolle und tränenreiche Abschiedsszene. Ob er in seinem aufgewühlten Geiste eine Ahnung davon hatte? Wir wissen es nicht. Aber warum eilte er so, zu dem Ende zu kommen, das er sich selbst im Innersten mit heiligen Eiden gelobt und das er nur erreichen konnte, so lange der fremde Eindringling noch im Hause verweilte?

Genug, alle Vorsicht vergessend oder sie verachtend, öffnete er, sobald er im runden Zimmer angelangt war, das Fenster und schaute nach dem Hofe hinab, wo die Wache haltenden Franzosen schon im Sattel saßen und den Major erwarteten,, um mit ihm nach Bergen aufzubrechen.

»Er ist noch da,« sagte er mit erhitzten Wangen zu Waldemar. »Aber er scheint fort zu wollen. Geh du hinab zu Ahlström und sieh wie die Sachen stehen; auch vergiß nicht zu fragen, was der Wagen da zu bedeuten hat. Ich sehe dort einen Kasten obenauf liegen, der zu den Reiseeffekten meines Vaters gehörte.«

»Wohl,« erwiderte Waldemar, eigentümlich beklommen,, »ich werde gehen, aber warte du hier oben, bis ich wieder zurück bin.«

»Geh!« sagte Magnus mit einer gebieterischen Handbewegung. »Ich werde dich erwarten.« .

Waldemar verließ das Turmzimmer und ging leise die geheime Treppe hinab, die im untersten Stockwerk, wie bekannt, im Zimmer des Kastellans mündete, wo er denselben antraf und durch seinen unerwarteten Eintritt in solchen. Schrecken versetzte, daß der alte Mann kreideweiß wurde und mit einem Ausruf des höchsten Erstaunens auf einen Stuhl sank.

Unterdessen aber hatte Magnus nicht das Fenster verlassen, vielmehr unverwandt nach dem Wagen hinabgeblickt der einen großen Teil seiner eigenen Besitztümer auf ewig aus Spyker fortführen sollte. Plötzlich erhob einer der Reitet zufällig den Kopf und erblickte den fremden Mann in dem Fenster des früher so gefürchteten Spukturms. Obgleich er gegen die eingebildeten Schrecknisse innerhalb desselben abgehärtet war, so erschrak er doch jetzt so sehr darüber, daß er mit aufgerissenem Munde in die Höhe starrte und nicht einmal seine Kameraden davon benachrichtigte, von denen einer neben dem fahrenden Bauer am Wagen stand, der andere aber des Majors und sein eigenes Pferd am Zügel auf dem Hofe umherführte.

»Heda!« schrie Magnus hinunter, »wo wollt Ihr hin und was habt Ihr da auf dem Wagen?«

Der Franzose, dessen Aufblick jetzt von allen Anwesenden bemerkt und nachgeahmt wurde, hatte vor Schreck so sehr die Fassung verloren, daß er unverweilt antwortete: »Wir wollen fort, nach Stralsund, und das da sind des Herrn Majors Sachen.«

»Aha, ich dachte es mir! Wo steckt Euer Herr Major?«

Der Franzose deutete mit der Rechten auf das untere Stockwerk nach dem Zimmer, wo Gylfe wohnte, wie Magnus sehr wohl wußte, und machte dabei ein dummschelmisches Gesicht. »Er nimmt Abschied,« sagte er und setzte lachend hinzu, »bis wir einmal wiederkommen.«

Als Magnus dies hörte, wirbelte es ihm im Kopfe und er verlor beinahe die Besinnung. Vor seinen Augen wurde alles schwarz und seine Wangen brannten in jähen Flammen auf, als schäme er sich vor den schlafenden Ahnen seines Stammes, daß dergleichen im Hause seiner Väter geschehen könne. Er sprang vom Fenster fort, schloß rasch einen Wandschrank auf, aus dem er zwei geladene Pistolen nahm, steckte sie in den Gürtel, den er nach alter Gewohnheit unter dem Oberrock trug, und trat zur Tür, durch die Waldemar eben hinabgegangen war, – nicht aber um ihn zu folgen, sondern um einen Weg für sich allein anzutreten.

»Sie nehmen Abschied,« murmelte er wild zwischen den Zähnen. »Da will ich dabei sein, ich liebe so etwas, und ich – ich, Magnus Brahe, – will dem Scheidenden auch die Hand drücken. Ja, das will ich, aber auf eine weniger freundschaftliche Weise.«

Er sprang die Treppe hinab, kam vor dem geheimen Eingange an Gylfes Zimmer an, blieb hier stehen und horchte, ob er vielleicht vernehmen könne, was drinnen vor sich gehe.

Die in dem Zimmer Stehenden und Abschiednehmenden, wie der Soldat gesagt, hatten keine Ahnung, was in so unmittelbarer Nähe von ihnen geschah. Es war zwischen ihnen der Augenblick gekommen, den Major Caillard lange gefürchtet hatte und der sich nun in der Tat noch schwerer erwies, als er ihn sich vorgestellt. Wiederholt hatte er mit heiligen Eiden seine ewige Liebe versichert und Gelübde gesprochen, daß seine einstige Wiederkehr kein leeres Versprechen sei. Umsonst, Gylfe Torstenson konnte sich von ihm nicht trennen; im letzten Augenblick alle Zurückhaltung beiseite setzend, hing sie an seinem Halse, schluchzte laut und nannte ihn mit den zärtlichsten Namen, immer wieder Eide und Gelübde fordernd, deren reichlicher Vorrat bei dem wortreichen Franzosen bereits fast erschöpft war.

»Nein, nein, François,« schrie sie im höchsten Seelenschmerz, »ich werde diese Trennung nicht überleben. Mit dir geht alles von mir fort, bei mir bleibt nichts, nichts als der Schmerz: dich verloren zu haben und so bald, vielleicht nie wiederzusehen.«

Der im Herzen so kalte Franzose, dem selbst diese süßen Worte und die enge Umschlingung der schönen Arme des betörten Mädchens keine wirkliche Empfindung einhauchen konnten, hatte keine Worte mehr, darum aber versuchte er es um so eifriger, sich von den Banden zu lösen, die ihn immer fester umschlangen.

»Gylfe,« sagte er schmeichelnd, aber mit seitwärts nach der Tür rollenden Augen, »schönes Mädchen von Spyker, wozu diese Tränen, diese Klagen? Was kann ich für die Trennung, die mir mein Kaiser auferlegt? O, sieh mein Herz an, es spricht aus meinen Augen, auch mir blutet es darin und ich reiße mich nur mit Widerstreben los, aber ich muß, ich muß fort, denn mich ruft die Pflicht. Lebe also wohl!«

»Nein, nein,« kreischte Gylfe wild, »dir blutet nicht das Herz wie mir, denn deine Lippen sind kalt, dein Auge blickt wild aber nicht betrübt.«

François Caillard wußte nicht, was er tun, wie er sich aus den Umschlingungen, die ihn noch fester umklammerten, loswinden sollte. Da half ihm ein anderer. Plötzlich, während Gylfes Arme seinen Hals umstrickt hielten, rasselte es in der Ecke des Zimmers seltsam und grauenvoll. Die Wand spaltete sich und ein hochgewachsener Mann, der dem Major gänzlich unbekannt war, trat mit einem Gesichte ein, dessen Ausdruck allerdings von einer Beschaffenheit war, selbst dem Mutigsten Schrecken einzuflößen. Allein mehr noch als dieser Mann erschreckte ihn Gylfe. Denn diese, als sie das wohlbekannte Rauschen in der Ecke vernahm, wandte schaudernd den Kopf dahin, und mit gläsernem Auge den unerwarteten Vorgang anstarrend, floß ihr das Blut aus dem Gesicht und, plötzlich von dem Geliebten sich lösend, sank sie ächzend auf einen Stuhl und schlug mit einem röchelnden Tone, den die beklommene Brust unwillkürlich von sich gab, beide Hände vors Gesicht.

Diesen Augenblick glaubte der Franzose benutzen zu dürfen und, den so heimlich eingetretenen Fremden ganz außer acht lassend, wandte er sich mit behendem Schritte zur Tür, die zu der großen Treppe führte.

Aber Magnus schien nicht geneigt, ihn unangetastet diese Treppe erreichen zu lassen. Seinerseits Gylfe unbeachtet lassend, folgte er schnell dem Davoneilenden, und noch in der Tür ihn erreichend, faßte er kräftig seinen Arm und riß ihn gewaltsam nach sich hin.

»Mein Herr,« keuchte seine atemlose Brust hervor, »sind Sie ein Edelmann?«

Der Franzose hatte bei diesem Vorgang und dem ihm zuteil werdenden Anblick die Sprache verloren, denn aus Magnus Augen sprühte ein Feuer, welches so unheimlich und düster wie verzehrend war. Er versuchte ihm die Antwort schuldig zu bleiben und die erste Treppenstufe zu gewinnen, um rasch seine Leute und sein Pferd auf dem Hofe zu erreichen. Aber auch auf diese erste Stufe folgte ihm der für ihn Namenlose, dessen ganzes Gebahren ihn aber erraten ließ, daß er ein unbestreitbares Recht habe, in dieses Haus ungeladen einzutreten.

»Mein Herr,« wiederholte Magnus wutschnaubend, »sind Sie kein Edelmann? He – Sie schweigen? Verstehen Sie meine Sprache nicht, nein? Nun gut, dann werden Sie diese verstehen.«

Dabei zog er eine Pistole aus dem Gürtel, deren Hahn bereits gespannt war, und richtete sie auf den Kopf des Mannes, der bedeutend kleiner war als er.

Jetzt aber hielt es der Franzose für Zeit, zu bemerken, was man von ihm verlange oder vielmehr, was man ihm aufgespart habe, wenn er noch ferner untätig bleibe. Mit der Rechten, die er frei hatte, zog er blitzschnell seinen Säbel aus der Scheide und stand so bewaffnet dem gewaltigen Gegner gegenüber. Dabei funkelten seine Augen unheimlich und seine Lippen bebten, nicht aus Furcht, sondern aus Blutgier, denn daß hier Blut fließen würde, sagte ihm sein soldatischer Instinkt.

»Wer sind Sie?« fragte er endlich, nicht um zu wissen, wen er vor sich habe, denn das ahnte er bereits, sondern um die Aufmerksamkeit des Angreifenden von seiner Waffe abzuleiten und um Zeit zu gewinnen, eine ihn jählings überflutende Absicht auszuführen.

»Wer ich hin? Das wagen Sie mich hier zu fragen? Ein Edelmann bin ich, der einem Räuber gegenübersteht, das sehen und fühlen Sie wohl, dessen Name aber zu gut ist, um in Ihrer Gegenwart genannt zu werden.« Und dabei hob er die Pistole wieder empor.

Diesen Augenblick hatte der Franzose wahrgenommen. Noch ehe das todbringende Geschoß seine Mündung auf ihn gerichtet, fuhr er mit dem Griffe seines Pallasches rückwärts und mit mächtigem Vorstoße die scharfe Spitze gegen Magnus Brahes Leib bewegend, stieß er die Klinge einen halben Fuß tief hinein, so daß ihm, als er sie mit Gewalt wieder herauszog, das hervorspritzende Blut selbst über Gesicht und Brust floß. Zugleich aber ging Magnus Schuß los, jedoch zu spät. Er selbst, auf den Tod verwundet, fiel hinten über und färbte die Stufen der väterlichen Treppenhalle mit seinem Blute.

Der Franzose dagegen, rasch seine Waffe in die Scheide stoßend, sprang blitzschnell die Treppe hinab, und während Waldemar, von dem durch das ganze Haus schallenden Schusse aufgeschreckt, aus des Kastellans Zimmer und von diesem gefolgt, in die Höhe eilte, flog er fast an ihm vorüber durch die Hintertür des Hauses, wo sein Pferd stand, warf sich, ohne einen Blick rückwärts zu werfen, hinauf und jagte, von seinen Leuten gefolgt, den Wagen mit der Beute und seinen eigenen Sachen im Stiche lassend, weil die Pferde ihm zu langsam zu laufen schienen, aus dem Schloßhofe mit rasender Eile dem See zu, dessen dicke Eisfläche ihn sicher aufnahm, worauf er denn bald den Augen der ihm etwa Nachschauenden entschwunden war.

Unterdessen aber herrschte im Schlosse selbst die tiefste Bestürzung. Waldemar, von fast allen Hausbewohnern gefolgt, und ahnend, was Magnus in seiner Abwesenheit gewagt hatte, stürzte die Treppe hinan. Aber da sah er alles, was er zu finden gefürchtet, nur in noch viel traurigerer Gestalt, vor sich liegen. Magnus, in seinem Blute schwimmend, war einige Treppenstufen hinuntergeglitten und seine Augen, dem Schließen nahe, suchten, von einem zum andern irrend, die Seinigen auf, um sich noch einmal an ihrem Anblick zu laben.

Waldemar stürzte auf die Knie zu dem Blutenden nieder und preßte in wilder Hast die Hand auf die Wunde, die er sogleich entdeckte. »Magnus!« rief er stöhnend vor Angst und Schmerz, »mein Gott! was ist geschehen?«

»Waldemar,« flüsterte der junge Mann mit lächelnder Miene, auf die schon der Tod seine leserlichen Züge schrieb, »laß sie bluten – du stillst sie nicht. Gott hat es so gewollt, der Franzose hat mich getroffen ehe ich ihn traf. Vielleicht ist es – besser so. Ich bin zufrieden. Dir aber, dir – vererbe ich meine Rache – räche – mich!«

»Die Rache steht in Gottes Hand, Magnus!« sagte Waldemar fest und mild, selbst in diesem schweren Augenblick seine ganze männliche Fassung bewahrend. Und dem Kastellan und den umstehenden Dienern einen Wink gebend, hoben sie den Sterbenden auf und trugen ihn in das nächste Zimmer von wo sie sogleich einen reitenden Boten nach Sagard sendeten, um den Arzt herbeizurufen, trotzdem es allen einleuchtend war, das derselbe hier von keinem Nutzen mehr sein konnte.

 

Ende des dritten Bandes.

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