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Gutenberg > Joseph Christian von Zedlitz >

Der Stern von Sevilla

Joseph Christian von Zedlitz: Der Stern von Sevilla - Kapitel 5
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authorJoseph Christian von Zedlitz
titleDer Stern von Sevilla
seriesGes. Werke
volumeBand 5
year1829
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Vierter Aufzug.

Gemach im königlichen Palaste.

Erster Auftritt.

Der König. Don Urias.

König.

Ha! welch ein Abgrund thut sich vor mir auf!
Zwei edle Männer setz' ich in Gefahr
Durch meine Schuld! – O, welche Uebereilung! –
Ich scheue mich, zu denken, was ich that!
Fort, Arias! Schnell such' Roellas auf,
Sag' ihm, er soll nicht weiter im Vollzug
Des Auftrags gehen, den ich ihm gegeben,
Er soll nicht weiter gehn! – Ruf' ihn zu mir.

Arias.

Herr, dein Entschluß –

König.

Verliere keine Zeit!
Sag' ihm, ich hätte anders mich bedacht;
Halt' seinen Arm! und sind die Schwerter bloß,
Tritt zwischen sie und hemme die Entscheidung.
Auf deine Seele leg' ich die Gewaltthat
Und jeden Tropfen Blut, der fließt! – Fort! eile!

(Arias geht ab.)

Der König (allein).

Grausame Willkür! Frevelhafte Liebe!
O welch ein furchtbar Antlitz zeigt mir jetzt
Die That, die ich gebot! So schien sie nicht! –
Eh' sie geschah, da zeigte sie sich anders.
In Schmeicheltönen sprach sie zu der Seele,
Und unter lockender, gefäll'ger Maske
Verbarg sie ihr entsetzliches Gesicht! –
So furchtbar schien sie nicht, so furchtbar nicht!
O, Sancho! war es möglich? – Gnadenvoller Himmel,
Laß sie gedacht nur seyn, vollzogen nicht!
Was trieb mich an, nach Bustos Blut zu trachten?
War's recht gethan? War's königlich gehandelt?
Was trieb mich an? Darf ich mir's selbst gestehen?
O, Herz! beschön'g' es nicht, nenn' es beim Namen!
Die Rache war's – wie du sie auch verhüllt!

Zweiter Auftritt.

Der König. Arias.

König.

Du kommst zurück? Nun, welche Botschaft bringst du? –
Nein, rede nicht! laß einen Augenblick
Mich noch der Hoffnung hingegeben seyn:
Der blut'ge Same, den ich ausgesä't,
Er sey verweht und werde Frucht nicht bringen.

Arias.

Mein königlicher Herr, ich kam zu spät.
Geschehen ist, was Ortiz ward befohlen;
Der Mann kennt Aufschub nicht in seiner Pflicht.
Kaum daß die Stufen er herabgestiegen
An des Palastes Schwelle, führt ein Zufall
Don Bustos ihm entgegen: Augenblicks
Erfolgt' der Zweikampf und Tabera fiel.

König.

Entsetzlich! – O verderbliches Geschick!
Unzeit'ge, feile Dienstbeflissenheit,
Die ein voreilig ausgesprochnes Wort,
Ja den Gedanken schon umschafft zur That!

Arias.

Von den Alkalden bald zur Hast gebracht,
Ist Ortiz dem Gericht nun übergeben.
Die That bekennt er offen, doch den Grund
Verweigert er zu sagen und erwartet
Mit festem Sinn des strengen Rechts Entscheidung.

König.

Er ist ein Mann, der mit der Pflicht nicht handelt,
Und sein Bewußtseyn gibt ihm Kraft und Muth,
O wär', wie seines, mein Gewissen rein!

Arias.

Don Fernan war im Hause des Tabera
Und gegenwärtig, als man Ortiz brachte.
Von ihm erfuhr ich, was ich dir erzählt.

Dritter Auftritt

Vorige. Don Ribera

Ribera.

Ich komm', o Herr, um dir Bericht zu geben –

König.

Ich weiß die That. – Ist Ortiz schon verhört?

Ribera.

Er ist's, und sein Vergehn hat er bekannt.

König.

Und führt er nichts, sich zu entschuld'gen, an?

Ribera.

Er nennet keinen Grund; doch sagt er stets:
Daß er gehandelt als ein Mann von Ehre.

König.

Ward er gereizt durch Bustos – hat ein Andrer
Ihn zu der That bewogen? – sagt er nichts?

Ribera.

Er weint um Bustos, nennt ihn seinen Freund,
Nennt Bruder ihn, wehklagt, sagt, er sey Kain,
Kain von Sevilla, der den Abel schlug;
Doch läugnet er, die That sey ein Verbrechen. –
Daß noch ein Andrer wisse um die Sache,
Gesteht er ein, und dieser könne reden,
Wenn's gut ihm dünkt, und das Geheimniß lösen;
Er aber werde schweigen bis in's Grab.

König.

Geht, sprecht ihm zu! Sagt ihm, er möge reden,
Er möge ohne Rücksicht offenbaren,
Was ihn entschuldigt. – Wer der Mann auch sey,
Wie hoch er stehe, ja, wär' ich es selbst,
Er soll ihn nennen, nennen ohne Scheu!
Sagt ihm, daß mir sein Leben werth, und doch,
Wenn er beharrt' im Schweigen, müss' er sterben!
Scheut er sich aber, vor Gericht den Mann
Zu nennen, wohl! – so thu' er's in geheim,
Vor mir allein; ich sichr' ihm sein Geheimniß,
Falls eine Ehrensache ihn bewogen,
Und ist es möglich, wünsch' ich ihn zu retten.

Ribera.

Ich gehe deinen Auftrag zu vollziehn;
Doch wenig Hoffnung heg' ich des Gelingens.
Er wünscht den Tod und zagt nicht für sein Leben.

(Geht ab.)

König.

Dieß sind die Folgen eines einz'gen Unrechts!
Blut ist geflossen, ist's durch meine Schuld,
Und keine Reue gibt der todten Hülle
Den Athem wieder, der sie einst belebt! –
Zu neuem Zwiespalt fühl' ich mich gerissen.
Es hängt das Schwert ob einem edlen Haupte,
Ein Mann, wie keinen zweiten ich gesehn,
Untadelhaft, Vorbild der Ehr' und Treue,
Soll fallen, weil er seine Pflicht gethan,
Und fällt er nicht, so muß ich die Gewaltthat
Vor ganz Sevilla öffentlich bekunden! –

(Zu Arias.)

Die Schuld tragt Ihr! – O, hätt' ich Eurem Rathe,
Dem unheilbringenden, mich nicht vertraut!
In Taumel ward ich eingewiegt; die Wünsche,
Die kaum in meiner Brust gekeimt, gezeitigt
Durch Hoffnung leichten, sicheren Gelingens! –
So steh' ich nun, von einer Schuld befangen,
Und weiß nicht Rath, der zweiten zu entfliehn!

Vierter Auftritt

Vorige. Don Perez

Perez.

Donna Estrella von Tabera harrt
Im Vorgemach und bittet um Gehör.
In Trauer eingehüllt kam sie zum Schloß,
Und eine Menge Volks begleitet sie,
Das vor den Thoren des Palastes blieb,
Erwartungsvoll des Ausgangs dort zu harren.

König.

Sie komme. Laßt sie ein. – O welche Stunde!

( Perez geht ab.)

Fünfter Auftritt

Vorige. Estrella in tiefer Trauer. Sie kniet.

König.

Erhebt Euch, Donna! Stehet auf vom Boden.

Estrella.

Nicht eher, Herr, bis meiner Bitte Ihr
Gewährung wollt verleihn.

König.

Donna Tabera!
Nicht Euch ziemt diese Stellung; – stehet auf!
Was wünscht Ihr?

Estrella (steht auf).

Hoher Herr! ich bin verwaist;
Doch einen Bruder hatt' ich – ach, ich hatt' ihn! –
Der Schutz mir war an meiner Eltern Statt.
Nicht preis' ich seinen Ruhm, Sevilla kennt ihn;
Doch wie er mich geliebt, weiß nicht Sevilla,
Nicht seine Zärtlichkeit hat es gekannt! –
Ich war ihm Alles! – Er war unvermählt,
Und nichts hat er geliebt noch außer mir,
Als ihn, den Mörder, der ihn hat erschlagen.
Ein alt Gesetz, im Brauch bis diese Stunde,
Gibt in die Hand des nächsten Anverwandten
Das Haupt des Schuldigen: er kann verfügen
Nach freier Schaltung über den Verbrecher,
Sein Blut vergießen, wenn es ihm gefällt.
Kein Einspruch gilt, denn Richter ist allein
Dann der Beleidigte und, sich zum Troste,
Darf an gerechter Rache er sich laben! –
Dieß Recht begehr' ich! Und wo nicht Ihr selbst
Die alte Satzung anzutasten meint,
Den Adel von Sevilla kränkt in mir,
Wenn, was Gesetz ist, Ihr verweigern wollt
Der schwer Verletzten, so gewähret mir,
Was mir das Recht gewährt. Ihr gebt nichts, Herr,
Als was, ohn' Unbill, Ihr nicht könnt entziehn. –
Sancho Ortiz de las Roellas gebt
In meine Hand, denn Er, Er ist der Mörder!

König.

Nicht tadl' ich Euren Schmerz, Donna Estrella!
Glaubt mir, es fühlt mein Herz ihn tief mit Euch,
Was Ihr begehrt zu Recht, kann ich nicht weigern;
Doch steht ja Mitleid schönen Seelen wohl.
Der Frauen Herzen dürsten nicht nach Blut;
In ihrem sanften, weichen Busen wohnt
Erbarmen, das mit mildem Kindesblick
Durch Thränen lächelt. – Darum bitt' ich Euch:
Wie schwer verletzt, schont Ortiz von Roellas.

Estrella (für sich).

Der König spricht für ihn? Das nimmt mich Wunder!

(laut)
Noch liegt die Leiche Bustos unbeerdigt,
Sie fordert, daß man, rächend, ihr in's Grab
Den Mann geselle, der ihn schlug.

König.

Und dennoch
Bitt' ich um des Verbrechers Leben Euch.

Estrella.

Wenn Eure Hoheit mir mein Flehn verweigert,
Dann bin ich hülflos, denn ich steh' allein!
Thut es, wenn also Euer Wille, Herr;
Doch nimmer findet, dessen seyd gewiß,
Sevilla's Adel diesen Spruch gerecht,
Der das Gesetz verletzt und Unrecht schirmt.

König.

Nie treffe solcher Vorwurf mich verdient!

Estrella.

Er trifft Euch, wenn zu eines Frevlers Gunst,
Zu einer Waise Nachtheil und Beschäd'gung
Ihr die uralte Satzung wollt vernichten.
Wo find' ich Aermste Schutz, wenn nicht bei Euch?
Verlassen bin ich von der ganzen Welt,
Und niemand spricht für mich als meine Thränen,
Des heil'gen Rechtes Stimme und mein Unglück.

König.

Nun wohl, so sey's, weil Ihr es also wollt.

(Schreibt.)

Nehmt diese Zeilen und den Siegelring.
Verfügt Euch nach Triana, zeigt ihn vor
Zusammt der Schrift, die den Befehl enthält,
Euch Ortiz' von Roellas auszuliefern.

Estrella.

Ich danke Eurer Hoheit.

König.

Gehet hin
Und thut, wie Euch gefällt. – So Mild' Ihr übt,
Ist Ortiz frei; doch übergebt Ihr ihn
Dem Blutgerichte, spricht's nach dein Gesetz,
Auch dieses Eine noch erwäget wohl:
Es schwebt ein Dunkel über Ortiz That;
Spräch' er ein Wort, wer weiß, träf' ihn die Schuld.

Estrella (für sich).

Des Königs Reden – und Don Sancho's Schweigen –?
Gott! – welche Ahnung stiegt mir durch die Brust!

König.

Ihr schweigt? – Wohlan! so thut, was Euch gefällt.
Vergießt des Aermsten Blut. Es seh' die Welt
Erstaunt, in Euch zum Widerspruch vereint
Rachgier'ge Härte, dort, wo Milde scheint!
Ach, Ortiz! wie beklag' ich Dein Geschick!
Den Himmel selbst, Estrella, straft Ihr Lügen,
Der Sanftmuth leuchten ließ aus Eurem Blick,
Da Grausamkeit Ihr bergt in Engelszügen!

Estrella.

Was mir, o Herr, zu thun geziemet, weiß ich,
Don Bustos ward von Mörderhand getroffen,
Noch stehen seine Wunden blutend offen,
Er war mein Bruder – und Tabera heiß' ich.

(Geht ab.)

König.

Sie geht. – O wie so reizend, selbst im Zorn!
Die edle Gluth, die ihre Wange färbt
Mit des gerechten Unmuths dunklem Roth:
Sie zeigt den Adel der Gesinnung klar;
Doch Sancho Ortiz, dir bringt sie den Tod! –
Als ich dein Loos in ihre Hand gegeben,
Da hofft' von ihrem Mitleid ich dein Leben;
Nun seh' ich, daß mein Hoffen eitel war
Und fürchte Alles! Nein, so darf's nicht seyn. –
Wie rett' ich ihn? – So sprich! – Was stehst du stumm?
Nie fehlt' es sonst dir je an schnellem Rath,
Wo er zum Unheil führte; gib ihn jetzt,
Nun Wir zum guten Ausgang ihn bedürfen.

Arias.

Ich eile nach Triana, hoher Herr,
Und hindre, was zum Nachtheil kann geschehen.
Noch liegt ein Mittel in der Richter Spruch;
Leicht ist, daß zu des Urtheils Milderung
Das Vorwort deiner Hoheit sie bewege.

König.

So gehe. Bring' die Botschaft mir zurück:
Ortiz sey frei, damit ich leichter athme!
Ein Unheil ist geschehn durch meine Schuld,
Laß nicht ein zweites zu dem ersten kommen!

(Arias geht ab,)

Der König (allein).

Und doch, wenn Ortiz schweigt – ? Der stolze Sinn
Estrella's Rache heischt – ? Die Richter richten
Nach des Gesetzes unverrücktem Ausspruch – ?
Was soll geschehn? soll ich mich selbst verklagen – ?
Wohin ich blicke, überall ist Nacht!
Kein Pfad zu finden! – Send', o ew'ge Macht,
Mir einen Lichtstrahl, zünde deine Kerzen!
Der angsterfüllten Seel' ein Mittel spende,
Daß sie genese und der Zweifel ende!
Versöhne mich mit meinem eignen Herzen!

(Er geht ab.)

Sechster Auftritt.

Gefängniß im Schlosse zu Triana.

Don Ortiz. Don Arias.

Ortiz.

Ich dank' Euch, Herr! Ich seh', Ihr meint es gut;
Doch kann ich Eurem Rath nicht folgen. Einer weiß
Den Anlaß meiner That, nur der kann reden;
Doch spricht er nicht, nun denn – so schweig' auch ich.
Doch wolle Gott nicht, daß, um mich zu retten,
Auch nur ein Wort von seinen Lippen komme,
Das er bereuen könnte! Nicht um mich
Mag er bekümmert seyn; wenn das Geheimniß
Ihm nützen kann, mir ist der Tod erwünscht:
Wie einen Bruder drück' ich ihn an's Herz! –
Dieß Eine sagt dem König, wenn Ihr wollt;
Was ich gethan, war recht, und darum that ich's,
Und weil ich Ortiz heiße, thu' ich recht!
Um recht zu thun, hab' ich ein furchtbar Werk
Vollführt, vor dem mein eigner Busen schaudert!
Ein Andrer thät' es nicht; ich hab's gethan,
Ein Andrer aber – nun – heißt auch nicht Ortiz.
Was noch zu thun, bei Gott, ist keine That
Zu nennen – Geht und meldet das dem König.

Arias.

Doch seyd gewiß, Don Ortiz, glaubt es mir,
Der König wünschet Eure Rettung. – Sprecht,
Sagt Euern Richtern nur ein einz'ges Wort,
Sagt, daß dem König Ihr vertrau'n,
Nur ihm den Anlaß Eurer That wollt nennen,
Und Ihr seyd frei.

Ortiz.

Ich bleibe gern gefangen.

Arias.

Die That ist Größe nicht, sie ist Verzweiflung.

Ortiz.

Nennt sie, wie's Euch beliebt! Ihr seht mich ruhig. –
Als mir zu handeln ziemte, handelt' ich;
Nun ziemet mir zu schweigen, und ich schweige,
Wenn der nicht redet, der allein es darf.
Lebt wohl!

Arias.

Lebt wohl! Ihr habt ein Herz von Stahl!

Ortiz.

Und dennoch blutet es!

(Arias geht ab.)

Ortiz (allein).

Was will der König?
Warum versucht er mich und heißt mich reden,
Indeß er selber schweigt? Von welchem Werthe
Muß das Geheimniß seyn, daß er sich scheut
Zu sagen: ich befahl!? – Um Hochverrat
Erlitt Bustos den Tod, und Hochverrath
Wär's, wenn ich spräche, wo ich schweigen soll. –
Mich retten will der König, das ist klar;
Doch werd' ich rein nicht stehen vor der Welt,
Wenn ich aus Gnaden lebe, nicht aus Recht.
Auf einem Umweg möcht' er mich befrei'n,
Den geh' ich nicht. Und da es so gefügt
Das Schicksal, daß der König anders nicht
Mir helfen kann, als wenn er sein Geheimniß
Preis gibt – was Gott verhüte! – will ich sterben,
Wie ich gelebt: ein würdiger Vasall;
Denn im Gehorchen nur steht meine Ehre!
Er aber ist der König, er gebietet,
Und einst dem Himmel geb' er Rechenschaft
Und jenem höhern König über ihm!

Siebenter Auftritt.

Ortiz. Estrella verschleiert.

Ortiz.

Estrella! – Himmel!

Estrella (sich entschleiernd).

Ja, Don Sancho Ortiz!
Ich bin Estrella, bin's, Tabera's Schwester. –
Zwar sollt' Euch dieses Auge nicht mehr sehn,
Euch, der mir Alles nahm; auf Einmal Alles!
Nicht Mitleid wollt' ich üben an dem Haupte
Von Bustos Mörder! Noch vor wenig Stunden
Dacht' ich sein edles Blut durch Euern Tod
Zu sühnen, seine Rächerin zu seyn;
Nun denk' ich anders. – Lebt, und geb' Euch Gott
Beglückt're Tage, als die meinen sind!

Ortiz.

Gab's denn für mich noch Freude auf der Welt?
War solch' ein Augenblick mir noch beschieden?
Nicht dich zu sehen war ich mehr gewärtig!
Und nun, am Grabesrand erblick' ich dich,
Vernehme deiner Worte süßen Klang,
Den wohlbekannten Tönen horcht mein Ohr,
Und so noch einmal leb' ich in Entzücken,
Da schon des Todes Schauer mich erreicht! –
Nun sterb' ich freudig, fasse deine Hand, –
Und wenn auch nicht an gottgeweihter Stätte,
Ob auch kein heil'ger Mund den Segen spricht:
Vermähl' ich mich mit dir vor Gottes Antlitz,
Und so, Estrella, als dein Gatte sterb' ich.

Estrella.

Bleib' Euch noch lang des Todes Stunde fern! –
Geht, Sancho, Ihr seyd frei, nichts hält Euch mehr.
Die Pforten dieses Schlosses thun sich auf
Und niemand hemmet Eure Schritte. – Geht!
Doch Eines bitt' ich: meidet diese Stadt,
Denn nicht ertragen kann ich Euern Anblick.

Ortiz.

Weh' meiner Seele!

Estrella.

Geht; nicht zürn' ich Euch.
Und wenn Ihr Trost bedürft auf Eurem Weg,
Und Euch Estrella's Neigung trösten kann,
Nehmt sie mit Euch! Nehmt mit in Euer Unglück,
Was der Vernichteten noch übrig blieb.

Ortiz.

O, meine Stella! Wie? Du hast dein Herz
Nicht von Don Bustos Mörder abgewandt?
Du hast noch Worte, Huld, Erbarmen, Liebe
Für den unsel'gen, blutbefleckten Ortiz?

Estrella.

So ist es, wie du sagst. Das macht mich beben,
Das ist mein Athem! – Alles weiß ich, Sancho,
Und schweige so wie du. –
Dich, furchtbar Schicksal, dich nur klag' ich an,
Dich nenn' allein ich schuldig, Keinen sonst!

Ortiz.

Du zweifelst nicht an mir?

Estrella.

Kenn' ich dich nicht?
Der gähe Schmerz verwirrte mir das Urtheil;
Nun ich besonnen bin, nun seh' ich klar. –
O, jeden Tropfen von Don Bustos Blute
Mit einem Leben hättest du erkauft,
Das weiß ich wohl, und darum bin ich hier.
Es war mein Schicksal! – Thaten sind gescheh'n,
Wenn auch in solcher blut'gen Absicht nicht,
Die Blut nur konnte sühnen, Bustos Blut! –
O weh! ich schaudre! – Weh! – Genug davon! –
Verlasse dieß Gefängniß, lebe wohl!
Sieh nie mich wieder; aber denke mein,
Die dir die Nächste blieb in dieser Welt,
Wo du auch sey'st, bis einst der Tod uns scheidet.

Ortiz.

Das wird er bald! – Und weil es also ist,
Und nah' die Stunde und das Wiederseh'n
Entfernt, – so laß ein langes Lebewohl
Dir sagen!

Estrella.

Ortiz!

Ortiz.

Wittwe wirst du bald,
Noch eh' du Gattin bist geworden.

Estrella.

Ortiz!

Ortiz.

Laß meinem Schicksal mich, du änderst nichts! –
Nicht fliehen werd' ich, auch begnadigt nicht
Will ich aus dieses Kerkers Mauern geh'n,
Wenn ich sie rein bewährt nicht kann verlassen,
Rechtfert'gen muß ein Andrer meine That,
Und anders nicht nehm' ich mein Leben an.

Estrella.

O, nimmermehr! – Nein, Sancho, du mußt leben,
Aus Mitleid leben, leben, daß ich lebe! –
Bist du auch fern von mir, getrennt auf ewig,
Weiß ich nur, daß du lebst! – Wo es auch sey!
Ich will dich ja nicht sehen! mir genügt,
Wenn nur auf dieser Welt ich dich noch weiß.

Ortiz.

Ich muß, Estrella! fühle, daß ich muß!

Estrella.

Du hast mich deine Gattin erst genannt.
Ich bin's! So hab' ein Recht ich auf dein Leben.
Darfst du die Gattin so zur Wittwe machen?
Es ist ein Frevel! Nein, du darfst es nicht!

(In Thränen ausbrechend)

O, du bist grausam. – Ja! du bist ein Mörder,
Du tödtest alles, alles, was dich liebt!

Ortiz.

Ja, weine, weine, Stella! wein' um mich!
Entbehren will ich deine Thränen nicht;
Doch zeig' Estrella selbst im Schmerz sich stark! –
Du weißt, ich bin ein Krieger: – 's ist kein Tag,
Der Kampf nicht bringen kann. – Wenn ich, dein Gatte,
Nun morgen auszieh', wie's mein Amt gebeut,
Dem Feind entgegen, und ein maurisch Schwert,
Sich Ruhm erwerbend, mir das Leben raubt:
Bist du dann Wittwe nicht? rafft dann der Tod
Mich nicht dir von der Seite, so wie jetzt? –
Und wenn dann Ortiz's Weib, Tabera's Schwester,
Sich schwach bewiese vor Sevilla's Frau'n,
Ihr Loos nicht würdig trüge, wie's ihr ziemt,
In Schmerz verginge, weil für seinen König
Ihr Gatte fiel, wie's seine Pflicht gebot:
Im Grabe regte sich Don Bustos Leichnam,
Und Ortiz's Asche hätte keine Ruh. –
Denk': also sey's. – Ich fall' in meiner Pflicht,
Ist's auch kein Schwert der Mauren, das mich tödtet!

Estrella.

Auch dich verlieren? Nein, ich trag' es nicht.

Ortiz.

Nicht also, meine Stella! Nein, das sollst du nicht!
Ist alles, wenn ich scheide, dann geendet?
Leb' ich denn nicht in deinem Herzen fort?
Wer im Gedächtniß seiner Lieben lebt,
Ist ja nicht todt, er ist nur fern. – Todt nur
Ist, wer vergessen wird; ich aber werde,
Ich weiß es, nicht vergessen seyn von dir –
Und noch von einem Zweiten, der mich kennt.

Estrella.

O, Sancho! Sancho!

Ortiz.

Die Hallen meiner Wohnung sind geschmückt:
Sie sollten heut zwei Glückliche umfangen,
Du solltest einzieh'n in ein festlich Haus,
Als Ortiz's Braut, Sevilla's Stolz und Zier.
Daß dieser heut'ge Tag mein Leben endet,
Sieh, theure Stella, sieh, das freut mich sehr! –
Kein Trauertag, ein Festtag soll er bleiben! –
Niemand berühre dieser Wände Schmuck,
Auch wenn ich nicht mehr bin, laßt sie wie jetzt.
Die Kränze, die sich um die Säulen schlingen,
Den Baldachin umwinden, laßt sie prangen,
Auch wenn sie duftlos schon und welk geworden.
Tabera's Bild und deines hangen dort,
Ich wünsche, daß das meine, zugesellt
Als drittes, neben deinem möge hangen.
Auch neben ihn, bitt' ich, laßt mich begraben,
So ruh' ich noch im Tod an seiner Seite,
Wie ich im Leben ihn umfangen hielt;
Und beide werden wir mit Geisterhauch
Die Seele mild und liebend dir berühren. –
Und nun, Estrella – komm' an meine Brust,
Laß meine Lippen auf den deinen ruhn,
Die treuen Herzen an einander schlagen,
Und mit dem letzten, langen Kuß – uns scheiden!

Estrella.

Stern meines Lebens!
(Sie sinkt in seine Arme.)

Ortiz.

Mag er untergehn!

Estrella.

Mein Sancho!

Ortiz.

Meine Braut! – Auf ew'ges Wiedersehn.

(Sie halten sich umschlungen.)

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