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Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika

Friedrich Kapp: Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika - Kapitel 11
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authorFriedrich Kapp
titleDer Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika
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correctorJosef Muehlgassner
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Neuntes Kapitel

Die Verträge im Parlament und die öffentliche Meinung Europas

Die Verträge, deren Abschluß in den vorhergehenden Kapiteln erzählt worden ist, mußten, wenn sie gültig werden und in Kraft treten sollten, selbstredend erst vom englischen Parlament genehmigt werden, von dessen Entscheidung sogar – wie bei der Armee des eigenen Landes – auch bei den Hilfstruppen die Fortdauer und Auszahlung des Soldes für jedes neue Verwaltungsjahr abhing. Das Ministerium North konnte im damaligen Parlament mit Hilfe der Abgeordneten vom Land stets auf eine dienstbereite Majorität rechnen, behandelte deshalb auch in allen entscheidenden Fragen die Legislative mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Geringschätzung und trat besonders nach außen hin mit einer so absoluten Sicherheit auf, als ob gar kein gesetzgebendes Votum in England existierte. Gleichwohl aber konnte es sich seinen konstitutionellen Verpflichtungen nicht entziehen und legte deshalb schon Ende Februar 1776 die mit Braunschweig, Kassel und Hanau abgeschlossenen Verträge dem House of Lords und dem Unterhaus vor.

Suffolk hatte rechtzeitig Sorge getragen, den betreffenden deutschen Fürsten die formelle Notwendigkeit dieser Maßnahme in möglichst günstigem Licht darzustellen. Man werde sie zwar angreifen – sogar ohne jede Schonung und in sehr harten Ausdrücken –, aber das sei in einem konstitutionellen Staat einmal nicht zu vermeiden und ändere im übrigen nichts an dem bestehenden Vertragsverhältnis, da Löhnung und Subsidien nach wie vor bezahlt werden würden. Diese letztere Gewißheit beruhigte denn auch die deutschen Landesväter. Eine deutsche unabhängige Presse gab es zu jener Zeit nicht. Der in allen Fragen entscheidende und unabhängige Hofrat Schloezer stand als Göttinger Professor mit seinem »Briefwechsel« auf seiten des Königs von England, druckte also keine feindseligen Parlamentsverhandlungen ab, und so hörten denn die Untertanen nichts von der Charakteristik, die die Minorität des englischen Parlaments von den deutschen Herrschern entwarf. Daran, daß die Mehrheit des gebildeten und denkenden Europa sie verachtete und durch die hier mitzuteilenden Verhandlungen sie erst recht verachten lernte, lag ihnen bei der guten Bezahlung wenig.

Die Verträge wurden im Unterhaus am 29. Februar 1776 zuerst debattiert. Parliamentary Register, III, 341 ff. Lord North hatte bei der Motivierung ihrer Einreichung auf die Notwendigkeit der Maßnahme hingewiesen und große Wirkungen von ihr erwartet. Es könne, sagte er, hier überhaupt nur auf die Beantwortung von drei an sich ganz klaren Fragen ankommen, nämlich:

  1. ob die zur Miete vorgeschlagenen Truppen nötig seien;
  2. ob die Bedingungen, auf die hin sie beschafft würden, vorteilhaft seien;
  3. ob die Stärke hinreiche, um die beabsichtigten Zwecke zu erreichen.

Ad 1. antwortete er: Da es die Absicht des Parlaments sei, die amerikanischen Kolonien zum Gehorsam zurückzubringen, könne diese nicht besser als durch die Annahme dieser Maßnahme erreicht werden, denn diese deutschen Soldaten seien wohlfeiler zu haben als englische Rekruten.

Ad 2. kosteten die fremden Truppen, selbst abgesehen von ihrer verhältnismäßigen Wohlfeilheit, weniger als je vorher, besonders wenn der Krieg nur ein Jahr dauere;

ad 3. aber werde diese Streitmacht imstande sein, vielleicht ohne weiteren Blutverlust die Kolonien zu unterwerfen.

Lord Cavendish hielt die vorgeschlagene Maßnahme in allen ihren Teilen für verderblich; sie sei die erste beunruhigende Folge des amerikanischen Krieges und entehre England in den Augen von ganz Europa. Es müsse sich in der erniedrigendsten Weise an einige kleine deutsche Staaten wenden und sich Unwürdigkeiten gefallen lassen, die bisher noch nie einem gekrönten Haupt, geschweige denn dem Beherrscher eines mächtigen und reichen Königreichs geboten worden sei. Der Redner erklärte sich aus folgenden Gründen gegen den Vertrag: Einmal erhalte das Hilfskorps Bezahlung, ehe es nur marschiert sei; dann empfange es ein zu hohes Werbegeld per Kopf; ferner zahle man den kleinen Fürsten doppelte Subsidien, die selbst dann noch fortdauerten, nachdem die Truppen in ihre Heimat zurückgekehrt seien, und schließlich führe man ein Korps von 17 000 Fremden in die Besitzungen der englischen Krone ein, ohne es der Kontrolle des Königs oder des Parlaments zu unterwerfen, da es laut Vertrag nur unter dem Kommando seiner Generäle stehe.

Lord Irnham erörterte die staatsrechtliche Seite der Frage und erklärte die betreffenden Fürsten für nicht kompetent, solche Verträge wie die zur Annahme vorliegenden abzuschließen. Sie seien dem Kaiser Gehorsam schuldig und dürften ihr Land nicht einer Sache zuliebe entvölkern, die in keiner Weise etwas mit dem Reich zu tun habe und die dieses in den Augen Europas verächtlich machen müsse als eine Pflanzschule für Menschen, die von Reicheren, aber Ungerechten und Sittenlosen gegen Bezahlung zur Unterdrückung der Schwachen und zur Aufrechterhaltung der Willkür gemietet würden. »Ich will hier nicht von den Gefühlen jener Fürsten sprechen, die ihre Untertanen für solche Zwecke zu verkaufen imstande sind. Wir haben von Sancho Pansas heiterem Wunsch gelesen, der für den Fall seiner Erhebung zum Fürsten bat, daß alle seine Untertanen Mohren sein möchten, damit er sie alle verkaufen könnte und recht viel bares Geld in die Hand bekäme; aber dieser Wunsch, so lächerlich und unanständig er auch für einen Herrscher erscheinen mag, ist viel unschuldiger als die Handlungsweise der deutschen Fürsten, die ihre Untertanen in einem zerstörenden Krieg opfern und zu diesem Verkauf noch das Verbrechen hinzufügen, sie zur Vernichtung viel besserer Menschen, als sie selbst sind, auszusenden.« Dann aber könne die Verpachtung, im Notfall den Länderbesitz des Landgrafen zu schützen, sehr unangenehm werden. Wenn nun der Kaiser, über die Handlungsweise seiner Vasallen entrüstet, eine Exekution vornehme und an England Entschädigungsanprüche geltend mache? Dann sei der König von Preußen an seiner Tür, der offenbar die Gelegenheit ergreifen werde, die diesseitige Regierung zur Zahlung der 600 000 Pfund Sterling zu zwingen, um die sie ihn beim letzten Friedensschluß gebracht haben solle. Die Verträge seien in keiner Beziehung ratsam und sogar schmachvoll für die Nation; man müsse ihnen also unbedingt Widerstand entgegensetzen.

Während D. Hartley die vorgeschlagene Maßnahme für die schmachvollste, unnatürlichste und heilloseste von allen bisher dem Parlament zur Annahme vorgelegten Vorschlägen erklärte und während er vor den schlimmen Folgen warnte, die eine derartige Hereinziehung fremder Mächte in den Streit haben müsse, die vor allem jede Aussicht auf Wiederversöhnung abschneide, sprach James Luttrell sein Erstaunen darüber aus, daß sich das Ministerium jetzt an das Parlament wende, um 17 000 Deutsche nach Amerika zu senden. »Großer Gott – für welchen Zweck! Um 180 000 ihrer Landsleute zu Sklaven zu machen, von denen viele, um unseren Schutz zu suchen, ihren Tyrannen entflohen. Meine Schätzung ist noch sehr gering, denn indem ich von Georgia und West-Florida ausgehe, wo einige deutsche Niederlassungen sind, komme ich nach Pennsylvania, einer der blühendsten und größten unserer amerikanischen Kolonien, von deren Bevölkerung mehr als die Hälfte Deutsche sind, die kaum englisch sprechen. Die deutschen Niederungen am Mohawk River, die sich hinter New York und New Jersey ausdehnen, sind sehr kultiviert und gelten als das beste Land jener Provinzen. Einige tausend Deutsche sind die Ansiedler und Verbesserer jenes Landes und die nächsten Nachbarn der fünf Nationen. Sie handeln mit ihnen, sie sprechen ihre Sprache, und die Voraussetzung ist sehr natürlich, daß sie die Indianer überreden werden, die Streitaxt gegen die Truppen des Königs zu ergreifen. Die Deutschen haben einige bedeutende Niederlassungen am Connecticut River; aber die wenigsten Deutschen leben in Neu-England und im Norden. Es scheint mir durchaus untunlich, diese Ansiedler durch Waffengewalt mit einer solchen Handvoll deutscher und englischer Streitkräfte erobern zu wollen, aber ich glaube, diese Maßnahme bietet unseren gemieteten Truppen eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Desertion, weil ihnen von ihren bereits angesiedelten Landsleuten Land und Schutz versprochen werden wird. Diese kriegerischen Transporte, die wir ausrüsten, dienen so gut wie die mit Pfälzern beladenen Schiffe dazu, Amerika mit Deutschen zu bevölkern. Es scheint mir deshalb keine gute Politik, diese fremden Truppen zu mieten; einmal, weil sie fünfmal so viele von ihren Landsleuten in Amerika und viele Indianer veranlassen werden, in die Provinzialarmee einzutreten, dann aber, weil sie desertieren und Land brauchen werden, wodurch wir also die gemieteten Truppen gegen uns bekommen.«

Das Ministerium gab zu, daß die Bedingungen hart und die Ausgaben stark seien, kam aber wiederholt auf die Notwendigkeit der Maßnahme zurück, da es sich im gegenwärtigen Stadium des Kampfes nur um die Frage handle, ob England Amerika aufgeben oder seine Souveränität über die dortigen Kolonien wiedererlangen solle.

Das Königreich habe immer fremde Truppen nötig gehabt, meinte der Kriegsminister Lord Barrington ? um seine Kriege zu führen und die Regierung zu stützen; im Land selbst seien jetzt keine Rekruten zu haben, und wenn der Handel mit den fremden Truppen nicht so vorteilhaft gewesen sei, wie er wohl habe sein können, so habe man, nur durch die Notwendigkeit gezwungen, die von den fremden Fürsten vorgeschriebenen Bedingungen annehmen müssen.

Edmond Burke warf dem Ministerium mit vernichtendem Hohn vor, daß selbst zu einer Zeit, wo der Aufstand im Innern des Königreichs gewütet und die völlige Auflösung der gesetzlich herrschenden Gewalt gedroht habe, kein so schimpflicher und teurer Handel abgeschlossen worden sei. Beim Beginn der Sitzung habe es geheißen, es solle kein fremder Soldat zur Bekämpfung der amerikanischen Kolonien verwendet werden, jetzt könne auf einmal nichts ohne fremde Hilfe getan werden, und zwar aus dem Grunde, weil diese billiger sei. Zur Stunde lasse man auch den Vorwand der Wohlfeilheit fallen, denn es ergebe sich, daß England für jedes Tausend Fremder, die es in seinen Dienst nehme, geradesoviel bezahle wie für 1500 Eingeborene. Wenn Lord North beschuldigt werde, der Förderer dieser Maßnahme zu sein, so leugne er die Tatsache und behaupte, nur mit den übrigen Ministern des Königs gearbeitet zu haben; wenn sie aber einer anderen Klasse Menschen zugeschrieben werde, so beanspruche er das ganze Verdienst dafür.

Oberst Barré, der alte Freund der amerikanischen Unabhängigkeit, fragte die Minister, ob das Tuch für die deutschen Truppen in England oder in Deutschland gekauft werden solle. Er bezweifle nicht, daß dieser Verkauf von Menschenfleisch sich für das Geschäft der Tuchfabrikanten von Hessen und Braunschweig als ebenso vorteilhaft erweisen werde, wie er sich schon gewinnreich für den Beutel der betreffenden Fürsten bewährt habe. Der König solle in einer Petition gebeten werden, seinen Einfluß dahin aufzubieten, daß die jetzt oder später in englischem Sold stehenden deutschen Truppen mit Tuch aus den englischen Fabriken bekleidet werden sollten. (Es sei hier in Parenthese bemerkt, daß der König infolge des Antrags den Landgrafen von Hessen auch aufforderte, das Tuch für seine Soldaten in England zu kaufen, daß dieser aber die Bitte als außer jeder Beziehung zu seinem Vertrag stehend kurzerhand abwies.)

Der letzte Redner im Unterhaus war der Alderman Bull, der vom Standpunkt des liberalen Londoner Bürgers aus die Verträge angriff. Der Krieg, sagte er, den man gegen Amerika führe, sei ungerecht; er stütze sich auf Unterdrückung, und sein Ende werde Elend und Schande sein. Das Ministerium solle es nicht dahin bringen, daß die Geschichtsschreiber sagen, daß russische und deutsche Sklaven gemietet worden seien, um die Söhne Englands und der Freiheit zu unterjochen, und daß unter der Herrschaft eines Fürsten aus dem Haus Braunschweig der nichtswürdige Versuch gemacht worden sei, jenen Geist auszurotten, der seine Vorfahren auf den Thron brachte und sie trotz Verräterei und Rebellion dort befestigte.

Aber alle diese Appelle an Ministerium und König halfen nichts, die Minorität war zu schwach, und mit 242 gegen 88 Stimmen wurden die Verträge vom Unterhaus an das Committee of Supplies verwiesen, das selbstredend am 4. März zu deren Gunsten berichtete.

Bei den Lords kamen die Verträge am folgenden Tag, am 5. März, zur Verhandlung. Parliamentary Register, V, 174 ff.

Der Herzog von Richmond beantragte zunächst, den König zu bitten, daß er Befehl gebe, den Marsch der deutschen Truppen und zugleich die Feindseligkeiten in Amerika einzustellen. Der Redner gab eine kurze Geschichte der mit den Landgrafen von Hessen von 1702 bis 1762 abgeschlossenen Verträge, wies nach, wie sie bei jeder Gelegenheit ihre Forderungen erhöhten, bessere Bedingungen erpreßten und nie verfehlten, die frühere Erpressung als Präzedenzfall oder als Basis für einen späteren Vertrag aufzustellen. Das sei auch jetzt der Fall. Der vorletzte Vertrag habe die Subsidien nur für eine gewisse Zeit gewährt, der gegenwärtige verdopple sie und werde England wohl anderthalb Millionen Pfund an Extrasubsidien kosten. Schlimmer als das seien aber der unbestimmte Wortlaut der Verträge, ihre zweideutige Ausdrucksweise und die darin aufgestellten gefährlichen Präzedenzfälle. Zwar spreche der Vertrag von gegenseitiger Hilfeleistung und Bundesgenossenschaft, aber die betreffenden Ausdrücke seien nichtssagende Redensarten. Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes als ein nichtswürdiger Handel, um eine Anzahl Mietsknechte in Dienst zu nehmen, die gleich soundsoviel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein anderes gemeinsames Interesse verbinde die beiden abschließenden Teile, als daß der eine möglichst viel Geld zahle und der andere möglichst viel erhalte. Aber selbst angenommen, daß die Verträge ein wirkliches Bündnis darstellen sollten, was werde die Folge sein? England müsse im Falle eines Angriffs jenen Fürsten helfen, also für die Unterstützung von ein paar tausend fremden Söldlingen nicht allein doppelt zahlen, sondern auch ihre Herren im Besitz ihres Gebietes schützen. Zu Ende des letzten französisch-amerikanischen Krieges habe Herr Mauduit berechnet, daß jeder französische Skalp 10 000 Pfund gekostet habe. Die Lords möchten danach berechnen, was ein amerikanischer Skalp koste, wenn für 17 000 fremde Söldlinge anderthalb Millionen Pfund per Jahr zu bezahlen seien. Endlich aber sei die Gefahr vorhanden, daß Differenzen zwischen den Offizieren entstehen könnten und daß ein hessischer General den Oberbefehl erhalte, wenn dem Kommandierenden in Amerika etwas zustoßen sollte.

Lord Suffolk (der uns schon bekannte Minister des Auswärtigen) verteidigte natürlich dem Vorredner gegenüber die Politik der Regierung. Dieser habe, sagte er, keinen einzigen gewichtigen und stichhaltigen Grund gegen die zur Annahme vorliegenden Verträge vorgebracht noch ein einziges Beispiel angegeben, wo von den früheren Verträgen mit den betreffenden Fürsten im wesentlichen abgewichen worden sei. Im Inhalt stimmten sie beide überein, nur enthalte einer der gegenwärtigen Verträge einige pomphafte, hochtönende Phrasen mehr. Die Absicht des Ministeriums sei kein Bündnis mit Hessen gewesen, sondern nur die, ein Korps Truppen zu mieten, das der Krieg in Amerika nötig gemacht habe. Wenn der Krieg in einem Jahr beendet werde, so sei der Handel äußerst vorteilhaft, weil dann nur eine jährliche doppelte Subsidie gezahlt zu werden brauche, die einer einfachen Subsidie für zwei Jahre gleichkomme. Wenn nun der Krieg zwei Jahre dauere, so verliere die Regierung weder, noch gewinne sie, weil zwei Jahre doppelter Subsidien gleich vier Jahre einfacher Subsidien seien. Wenn aber der Krieg länger als zwei Jahre dauere, dann, müsse er bekennen, sei der Vertrag unvorteilhaft für England. Aber selbst ungünstige Bedingungen müsse man hinnehmen, wenn man die Truppen brauche. Diese Frage könne also nur lauten, ob man sie nötig habe, und diese Frage müsse unbedingt bejaht werden. Zudem seien die Bedingungen, unter denen die Truppen geliefert worden seien, leicht und günstig, denn unter Berücksichtigung aller Umstände – der kurzen Frist, der Unannehmlichkeit des Dienstes in solcher Entfernung von Europa – sei er, der Redner, fast erstaunt, daß England diese Soldaten so billig erhalten habe. Der zum Schluß vom Herzog von Richmond vorgebrachte Einwand zerfalle in sich, da der kommandierende General immer höher stehe als ein selbst im Dienstalter über ihm stehender General; die Gefahr, durch irgendwelchen Zufall oder ein Unglück einen Fremden zum Obergeneral zu erhalten, sei also nicht vorhanden.

Der Earl of Carlisle stimmte mit der Ausführung Lord Suffolks überein und wies darauf hin, da einmal Zwangsmaßnahmen gegen Amerika angewandt werden müßten, sei man auf das Ausland zur Beschaffung der außerordentlichen Werkzeuge zur Ausführung dieses Zwecks angewiesen. Die große Zahl der Hände, die zur Betreibung der englischen Manufakturen täglich nötiger werde, die geringe Erfahrung neu Ausgehobener und der Wunsch, die gegenwärtigen Unruhen so schnell als möglich zu beenden, habe die Verwendung fremder Truppen anstelle der einheimischen als am geeignetsten erscheinen lassen. Kein unbefangen Urteilender werde leugnen, daß England beim besten Willen nicht die erforderliche Anzahl Soldaten besitze, um die Operationen auszuführen, die der Dienst in Amerika notwendigerweise verlange.

Der Bruder des Königs, der Herzog von Cumberland, stimmte dagegen mit der Opposition. »Ich bin von Anfang an«, sagte er, »gegen jede Art Gewaltmaßnahme gewesen und mißbillige deshalb die Politik der Minister. Ich bedaure aus diesem Grund auch, daß ich sehen muß, wie Braunschweiger, die einst zu ihrer eigenen großen Ehre die Freiheiten der Untertanen so tapfer verteidigten, jetzt ausgesandt werden, um die konstitutionellen Freiheiten in einem anderen Teil dieses großen Reiches zu unterdrücken.«

Die übrigen Redner, wie der Herzog von Manchester, der Earl of Effingham und Lord Camden, die sich dem Herzog von Cumberland anschlossen, sagten mit Ausnahme von Lord Camden nicht viel Neues. »Wenn ich die Verträge recht verstehe«, meinte dieser, »so enthalten sie ein Übereinkommen mit dem Herzog von Braunschweig, dem Landgrafen von Hessen-Kassel und dem Grafen von Hanau für eine bestimmte Anzahl Truppen zu einem bestimmten Preis. Um diesem Handel den Schein dessen zu geben, was er nicht ist, wurde das Ganze mit hochtönenden Redensarten von einer Allianz ausstaffiert, die sich auf gemeinsame Interessen und gemeinsame Hilfeleistung stützt, als ob diese kleinen Staaten beim Ausgang des zwischen uns und Amerika schwebenden Krieges irgendwie beteiligt wären. Die ganze Verhandlung ist nichts als ein Gewebe von Lug und Trug, wie es noch nie einem Haus des Parlaments aufgeschwindelt wurde; sie ist nichts als ein gemeiner Schacher für die Miete von Truppen auf der einen Seite und der Verkauf menschlichen Blutes auf der anderen Seite, und die armen, in ihr Schicksal ergebenen Teufel, die so für die Abschlachtung verkauft worden, sind armselige Söldlinge im schlimmsten Sinn des Wortes. Jetzt blicken Sie auf die Verträge in ihrem wahren Licht, in ihrer ganzen Nacktheit! Wir bezahlen nicht nur mehr für diese Mietlinge als je früher, sondern treten sogar, statt die uns gebotenen Vorteile zu nützen, in ein Offensiv- und Defensivbündnis mit jenen kleinen Fürsten, ja wir verpfänden die Ehre der Nation und setzen uns allen bösen Folgen eines Kontinentalkriegs aus. Aber schlimmer als das ist die Behauptung, daß wir die zur Durchführung des Krieges erforderlichen Mannschaften hierzulande nicht auftreiben können und daß folglich die vorliegenden Verträge, welchen begründeten Einwendungen sie auch ausgesetzt sein mögen, eine bittere Notwendigkeit für uns sind. Diese Behauptung als richtig vorausgesetzt, würde unsere Rettung ausschließlich von Fremden abhängen, und all unsere gerühmte Macht und unsere Vorzüge – wie Reichtum und Ansehen im Ausland – wären sehr wenig wert; ja wir könnten keine einzige Segnung äußerer Stärke oder inneren Glücks länger genießen, als es unsere würdigen Freunde, die Soldatenvermieter, uns gnädigst erlauben würden. Ich bin einer entgegengesetzten Ansicht. Sollten wir aber wirklich von den Fremden abhängen, so sind auch unsere Freiheiten und unsere Unabhängigkeit dahin.«

Sowenig sich auch gegen diese Anklagen und Beweisführung einwenden ließ, so blieb die Opposition doch mit 32 gegen 100 Stimmen bei der Abstimmung in der Minorität. Das Ministerium hatte offenbar darin recht, daß, nachdem einmal beschlossen worden war, den Krieg zu führen, man auch die Soldaten zu seiner Durchführung beschaffen mußte, und daß diese in England selbst beim besten Willen nicht zu erlangen waren. Die parlamentarischen Gegner der Maßnahme sahen zwar recht gut ein, daß ihr Widerstand die bereits feststehende Politik Englands nicht ändern würde, indessen benützten sie die ihnen noch einmal gebotene Gelegenheit, ihrer Abneigung gegen den Krieg mit Amerika Wort zu leihen und die verlangten Truppen zu verweigern. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man auch die nachstehende Adresse auffassen, die die in der Minorität gebliebenen zweiunddreißig Lords an den König richteten: Parliamentary Register, V, 214-216.

Wir, Ew. Majestät getreue und gehorsame Untertanen und im Parlament versammelte geistliche und weltliche Lords, bitten gehorsamst, Ew. Majestät vorstellen zu dürfen, daß wir mit dem tiefsten Kummer die Verträge gesehen haben, die Ew. Majestät auf den Rat Ihrer Minister mit Ihren Durchlauchten, dem Herzog von Braunschweig, dem Landgrafen von Hessen-Kassel und dem Grafen von Hanau, abzuschließen und diesem Hause mitzuteilen geruht haben.

Wir erlauben uns gehorsamst, Ew. Majestät die Gefahr und Schmach vorzustellen, die diese unbesonnene Maßnahme im Gefolge hat, wenn es beim ersten Versuch Großbritanniens, seine Kolonien zu unterjochen, schon für nötig erachtet wird, eine Armee fremder Söldlinge zu mieten und dadurch vor ganz Europa anzuerkennen, daß diese Königreiche entweder aus Mangel an Menschen oder aus deren Abneigung für diese Art Dienst unfähig sind, eine für den ersten Feldzug hinlängliche Anzahl Eingeborener zu stellen. Zu gleicher Zeit ist es für uns eine traurige Betrachtung, daß die Herausziehung der nationalen Streitkräfte aus dem Land (so schwach sie auch für den beabsichtigten unseligen Zweck sein mögen) das Königreich seiner Verteidigung berauben und dem Einfall mächtiger Nachbarn und fremder Völker preisgeben wird.

Wir bitten ferner, Ew. Majestät gehorsamst vorstellen zu dürfen, daß, wenn auch die Gerechtigkeit und Billigkeit dieses unnatürlichen Krieges von einem so großen Teil Ihrer Untertanen nicht in Frage gestellt wird, doch eine selbst von einzelnen Zugeständnissen begleitete Versöhnung mit den Kolonien einer gesunden Politik weit mehr entsprechen wird, als daß man die Verfolgung der Feindseligkeiten Ausländern anvertraut, auf die wir uns nicht verlassen können; Ausländern, die bei einer so großen Entfernung von ihrer Heimat und unter dem Einfluß der Strapazen des Krieges, der sie nichts angeht und ihnen so viele Versuchungen bietet, die Knechtschaft mit der Freiheit zu vertauschen, viel eher zur Meuterei und Desertion neigen, als treu und gewissenhaft mit Ew. Majestät geborenen Untertanen handeln und kämpfen werden.

Ebensowenig dürfen wir Ew. Majestät die Besorgnis verhehlen, die wir wegen der Tragweite einzelner in den verschiedenen Verträgen enthaltener Artikel fühlen, wonach Sie die Macht haben, diese Truppen in irgendeinem Teil von Europa zu verwenden. Dadurch werden also Mittel beschafft, selbst in dieses Königreich eine fremde Armee einzuführen. Wir können aber Ew. Majestät Ministern nicht so weit vertrauen, um vorauszusetzen, daß sie zu gewissenhaft sein würden, um Ihnen eine solche Maßnahme anzuraten, zumal sie schon fremde Truppen in zwei unserer wichtigsten und stärksten Festungen gelegt und sich erboten haben, noch 4000 Fremde ohne vorherige Genehmigung des Parlaments in das Königreich Irland zu schicken. Wir haben vielmehr gerechten Grund zur Befürchtung, daß die Kolonien, wenn sie hören, wie England auswärtige Bündnisse eingeht und fremde Truppen zu ihrer Vernichtung mietet, sich für berechtigt halten werden, das gegebene Beispiel nachzuahmen und ähnliche Hilfe zu suchen; ja daß Frankreich, Spanien, Preußen und andere europäische Mächte sich ebensogut wie Hessen, Braunschweig und Hanau für befugt erachten werden, sich in unseren häuslichen Zwist einzumischen. Wenn dann, was sehr möglich ist, aus diesen Schritten die Flammen eines europäischen Krieges angefacht werden sollten, so denken wir mit Schrecken an die Lage dieses Landes, das den furchtbaren Angriffen mächtiger Feinde zu einer Zeit Widerstand leisten soll, wo die Kraft und Blüte der Nation auf der anderen Seite der Welt zu nutzlosen Kriegszügen vergeudet werden.

Sodann fürchten wir, daß der Vertrag, der dem Landgrafen von Hessen nicht bloß im Falle eines Angriffs oder einer Beunruhigung in seinen Besitzungen allen in der Macht Ew. Majestät liegenden Beistand sichert, sondern diesen Beistand sogar so lange fortsetzt, bis der Landgraf volle Sicherheit und gerechte Schadloshaltung erlangt haben wird; daß dieser Vertrag das Königreich zwingt, ohne irgendeine Gegenleistung an jedem Streit auf dem Kontinent teilzunehmen, in den Seine Durchlaucht verwickelt werden sollte. Oder welche Hilfe könnte diese Insel von einem winzigen Ländchen im Herzen Deutschlands erwarten, aus dem schon mehr Truppen gezogen sind, als es zu seiner eigenen Verteidigung nötig hat, und dessen Einkünfte nicht hinreichen, ohne die bezahlten Subsidien selbst diejenigen Soldaten zu unterhalten, die es vermietet hat? Es will uns deshalb scheinen, als ob diese Verpflichtung Großbritanniens zur Verteidigung und Entschädigung des Landgrafen als ein Teil des Preises, zu dem es die gemieteten Truppen bezahlt, angesehen werden muß. Wenn diese Kosten, die unmöglich abgeschätzt werden können, zu den enormen Ausgaben für Werbegeld, für Vervollständigung der in den verschiedenen Korps eingetretenen Verluste und für ordentliche und außerordentliche Subsidien – selbst nach der Rückkehr der Truppen in ihre Heimat – hinzugefügt werden, so können wir in Wahrheit sagen, daß England noch nie zuvor einen so kostspieligen, ungleichen, unehrenhaften und in seinen Folgen so gefährlichen Vertrag abgeschlossen hat.

Wir flehen deshalb Ew. Majestät untertänigst an, sofortigen Befehl zu geben, daß die hessischen, braunschweigischen und hanauischen Truppen nicht marschieren, und daß die Feindseligkeiten in Amerika eingestellt werden, damit eine schleunige und dauernde Wiederversöhnung zwischen den streitenden Parteien dieses in sich zerrissenen Reiches angebahnt werden könne.

Natürlich diente dieser Protest nur dazu, den Standpunkt der Minderheit zu wahren; auch er wurde mit 100 gegen 32 Stimmen von den Lords verworfen und blieb deshalb ein toter Buchstabe. Nachdem sich das Parlament einmal mit großer Majorität für die Zweckmäßigkeit der vom Ministerium befolgten Politik ausgesprochen und die drei ersten Verträge mit Braunschweig, Kassel und Hanau genehmigt hatte, standen den weiteren Truppenlieferungen seitens Waldecks, Ansbachs und Zerbsts um so weniger Hindernisse im Weg, als die betreffenden Verträge sich in ihren wesentlichen Bestimmungen an ihre Vorgänger anlehnten. Es genügt hier also die kurze Bemerkung, daß die drei letzteren Verträge ohne jedwede Debatte von beiden Häusern angenommen wurden.

Im übrigen verhielt sich die öffentliche Meinung Europas diesem Menschenhandel gegenüber im ganzen ziemlich gleichgültig; es waren nur die hervorragendsten Geister Englands, Frankreichs und Deutschlands, die das Verbrechen in seiner ganzen Tragweite erkannten und an den Pranger stellten.

Während die Worte der Opposition im englischen Parlament ungehört verhallten oder in den unvollständigen Berichten seiner Sitzungen begraben wurden, nahm ein zu jener Zeit in Holland lebender, kaum bekannter französischer Flüchtling, der zwölf Jahre später Europas größter Volkstribun wurde, im Namen der Menschlichkeit und der Ideen des Jahrhunderts das Wort gegen England und die es bedienenden deutschen Fürsten. Dieser Mann war kein Geringerer als Mirabeau, der revolutionäre Titan, der mit der alten Ordnung der Dinge kämpfte und sie endlich glücklich über den Haufen werfen half – damals noch nicht der vom Kampf ermüdete, vom Lebensgenuß erschöpfte Ringer, der mit dem unterliegenden Königtum einen Vergleich eingehen wollte. Seine der öffentlichen Meinung des denkenden Europa vorgelegte Anklage hatte gerade deshalb einen so unermeßlichen Erfolg, weil ihre begeisterten, unwilligen Worte in der Sprache Rousseaus gedacht waren, weil ihre ganze Anschauung in der Philosophie jener Zeit wurzelte; sie wirkte deshalb so drastisch und unmittelbar, weil sie, unbekümmert um Herkommen, Überlieferung und Geschichte, die schlummernde Tatkraft in den Unterdrückten zu wecken suchte. Was uns jetzt als Phrase erscheint, war im Mund Mirabeaus und seiner Zeitgenossen das höchste Pathos.

Der Titel dieser vom Landgrafen von Hessen eiligst aufgekauften und darum höchst selten gewordenen Flugschrift heißt: »Rat an die Hessen und die übrigen von ihren Fürsten an England verkauften Völker Deutschlands« »Avis aux Hessois et autres Peuples de l'Allemagne. Vendus par leurs Princes à l'Angleterre.« – A. Clèves chez Bertol. 1777,8°. Das Motto lautet: »Quis furor iste novus? quo nunc quo tenditis –? Heu miseri cives! non hostem inimicaque castra – Vestras spes uritis.« Virgilius. Ihr Inhalt folge hier unverkürzt; er lautet:

»Unerschrockene Deutsche! Welches Schandmal laßt Ihr Euch auf Eure edle Stirn brennen? Ist es dahin gekommen, daß am Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Völker Mitteleuropas die Söldlinge eines verhaßten Despotismus sind? Ist es dahin gekommen, daß die braven Deutschen, die ihre eigene Freiheit so verzweifelt gegen die Eroberer der Welt verteidigten und den römischen Heeren Trotz boten, gleich elenden Negern verkauft werden und ihr Blut im Interesse der Tyrannen zu verspritzen suchen? Ist es dahin gekommen, daß unter Euch Menschenhandel getrieben, Eure Städte entvölkert und Eure Lande ausgesaugt werden, um übermütige Lords in der Verwüstung einer anderen Hemisphäre zu unterstützen? Wollt Ihr die blinde Verstocktheit Eurer Herren noch länger teilen? Ihr, wackere Soldaten! Die treuen und festen Stützen ihrer Macht – jener Macht, die ihnen nur zum Schutz ihrer Untertanen anvertraut wurde! Ihr seid verkauft– und für welchen Zweck? Gerechter Himmel! Wie Vieh in fremden Schiffen zusammengepfercht, werdet Ihr übers Meer geführt! Ihr trotzt den Klippen und Stürmen, um gegen Leute zu kämpfen, die Euch nicht gekränkt haben, die eine gerechte Sache verfechten und die Euch das herrlichste Beispiel geben! Ach, warum ahmt Ihr sie nicht nach, diese mutigen Männer, anstatt daß Ihr sie zu verderben sucht? Sie brechen ihre Ketten, sie kämpfen für die Wahrung ihrer natürlichen Rechte, für die Sicherung ihrer Freiheit. Sie reichen Euch die Hand entgegen; sie sind Eure Brüder; die Natur hat sie dazu gemacht, und gesellige Bande haben diesen heiligen Titel bestätigt. Mehr als die Hälfte dieses Volkes besteht aus Euren Landsleuten, Freunden und Verwandten. Sie sind bis ans Ende der Erde geflohen, um der Tyrannei zu entgehen, und die Tyrannei verfolgt sie bis dahin. Unterdrücker, die ebenso habgierig wie undankbar sind, haben Ketten für sie geschmiedet, und die hochsinnigen Amerikaner haben Waffen aus diesen Ketten geschmiedet, zum Widerstand gegen die Unterdrücker. Die neue Welt steht daher im Begriff, Euch zu den Ungeheuern zu zählen, die sie aus Geld- und Blutdurst verheert haben! Deutsche, die Ihr Euch immer durch Biederkeit auszeichnet, schreckt Ihr nicht zurück vor einem solchen Vorwurf?

Muß man zu diesen Beweggründen, die auf alle Männer so überzeugend wirken, auch noch jene fügen, die das Interesse von Sklaven ebenso nahe berühren wie das freier Bürger? Wißt Ihr denn auch, welch ein Volk Ihr anzugreifen im Begriff seid? Wißt Ihr wohl, welche Kraft im Fanatismus für die Freiheit ruht? Es ist dies der einzige Fanatismus, den man nicht hassen kann, sondern achten muß – und doch ist er der mächtigste unter allen Arten von Fanatismus. Ihr kennt ihn nicht, blinde Menschen, die Ihr vor dem gehässigsten Despotismus kriecht, der Euch zum Verbrechen treibt und Euch doch noch frei dünkt; Ihr kennt ihn nicht, Ihr, die die Laune der Habgier eines Despoten gegen Leute bewaffnen kann, die sich um das ganze Menschengeschlecht verdient machen, weil sie dessen Sache verfechten und ihm ein Asyl bereiten.

O ihr Söldlinge und Tyrannenknechte! Entnervte Europäer! Ihr geht zum Streit gegen Männer, die stärker, tüchtiger, kühner und rascher sind als Ihr möglicherweise sein könnt! Sie sind von großartigen Interessen beseelt – Euch leitet nur schmutziger Gewinn; sie verteidigen ihr Eigentum und kämpfen für ihren häuslichen Herd – Ihr verlaßt Euren Herd und kämpft nicht für Euch selbst. Sie führen Krieg im Schoß ihres Vaterlands, unter einem gewohnten Klima, unterstützt von allen Hilfsmitteln, die die Heimat bietet, und zwar gegen eine Bande, die der Ozean ausgespien hat, nachdem er sie zur Niederlage reif gemacht hat. Die mächtigsten und heiligsten Beweggründe entflammen ihren Mut und leiten ihre Schritte zum Sieg. Führer, die Euch verachten, während sie Euch benützen, werden der unwiderstehlichen Beredsamkeit der Freiheit, des Bedürfnisses und der Notwendigkeit nur leeren Wortkram entgegenzusetzen haben. Endlich, um das Ganze in ein Wort zusammenzufassen, ist die Sache der Amerikaner gerecht, während Himmel und Erde diejenigen verdammen, die zu unterstützen Ihr Euch nicht schämt.

Deutsche, wer hat Euch diese Kampfwut, diese barbarische Mordlust, diese abscheuliche Hingebung an die Tyrannei eingeflößt? ... Nein, ich will Euch nicht mit den fanatischen Spaniern vergleichen, die aus Lust an der Zerstörung zerstörten, die sich in Blut badeten, als die erschöpfte Natur ihre unersättliche Habgier einer wilderen Leidenschaft Platz zu machen zwang. Edlere Gefühle und leichter zu entschuldigende Irrtümer mißleiten Euch. Diese Treue gegen Eure Fürsten, die schon Eure Vorfahren auszeichnete; diese Gewohnheit zu gehorchen, ohne zu bedenken, daß es Pflichten gebe, die heiliger sind als der Gehorsam und allen übrigen vorangehen; diese Leichtgläubigkeit, die Euch der Leitung einiger unüberlegter und ehrgeiziger Männer folgen heißt – das sind Eure Fehler; aber sie werden zu Verbrechen, wenn Ihr nicht am Rande des Abgrunds innehaltet. Schon sind sich Eure Landsleute, die Euch vorangegangen sind, ihrer Blindheit bewußt, und die Wohltaten dieses Volkes, das sie noch vor kurzer Zeit abschlachten halfen und das sie jetzt, wo es nicht mehr das Schwert des Henkers in ihren Händen sieht, wie Brüder behandelt, erschweren ihre Gewissensbisse und vervielfältigen ihre Reue.

Zieht Nutzen aus ihrem Beispiel, Soldaten! Denkt an Eure Ehre, denkt an Eure Rechte! Habt Ihr nicht denselben Anspruch darauf wie Eure Fürsten? Ja, ohne Zweifel, aber diese Wahrheit ist noch nicht genug ausgesprochen. Menschen stehen höher als Fürsten, die größtenteils dieses Namens nicht würdig sind. Überlaßt es ehrlosen Hofschranzen und Gotteslästerern, die königlichen Vorrechte und deren Unbeschränktheit zu preisen, und vergeßt nicht, daß alle nicht für einen gemacht wurden; daß es eine höhere Macht gibt als fürstliche Macht; daß der, der ein Verbrechen zu begehen befiehlt, keinen Gehorsam verdient, und daß mithin Euer Gewissen der höchste unter Euren Herrschern ist. Fragt dieses Gewissen, und es wird Euch sagen, daß Ihr Euer Blut nur für das eigene Vaterland vergießen sollt; daß es abscheulich ist, einige tausend Meilen weit zu gehen, um Leute niederzumetzeln, die kein anderes Verhältnis zu Euch kennen als ein solches, das ihnen Euer Wohlwollen sichern sollte.

Das Mutterland gibt vor, einen gerechten Krieg zu führen, während es sich selbst erschöpft, um seine Kinder zu verderben. Es verlangt seine Rechte und will diese nur mit dem Donner der Schlacht besprechen. Aber habt Ihr diese Rechte – mögen sie nun wohl begründet sein oder nicht – geprüft? Steht es Euch zu, in dieser Streitsache zu Gericht zu sitzen? Steht es Euch zu, das Urteil zu fällen oder es zu vollstrecken? Und worauf laufen diese leeren Ansprüche, die so zweifelhaft sind und soviel bestritten wurden, am Ende hinaus? Der Mensch hat überall, in der ganzen Welt, ein Recht auf Glückseligkeit. Dies ist das höchste Gesetz, dies ist der beste Rechtsanspruch. Kolonisten ziehen nicht hinaus und bebauen wilde Gegenden, vermehren die Macht und vergrößern den Ruhm des Mutterlandes, um von diesem unterdrückt zu werden. Und wenn sie unterdrückt werden, so haben sie ein Recht, das Joch abzuschütteln, denn das Joch wurde nicht für den Menschen gemacht.

Und wer sagte Euch, daß die Engländer das Ächtungsurteil, das über die Amerikaner gesprochen wurde, unterzeichnet haben? Wackere Deutsche! Schmäht nicht durch einen solchen Verdacht eine Nation, die große Männer und vortreffliche Gesetze hervorgebracht, die das heilige Feuer der Freiheit so lange in ihrem Busen genährt hat und deshalb Achtung und Rücksicht verdient. Ach, auf den Britischen Inseln wie überall in der Welt wiegelt eine kleine Zahl ehrgeiziger Menschen das Volk auf und führt allgemeines Unglück herbei. Die Engländer wurden unglücklicherweise in einen Krieg mit ihren Brüdern verwickelt, weil auch unter ihnen der Despotismus seit einigen Jahren mit Erfolg die Freiheit bekämpfte. Schmeichelt Euch nicht mit dem Gedanken, daß Ihr die Sache der Engländer verteidigt. Ihr kämpft nur für die Vergrößerung der Macht gewisser Minister, die sie verächten und verabscheuen.

Wollt Ihr die wahren Beweggründe kennenlernen, die Euch die Waffen in die Hand gaben? Eider Luxus und übermäßige Verschwendung haben die Finanzen der Fürsten, die Euch beherrschen, zugrunde gerichtet. Ihre Hilfsquellen sind erschöpft, und das Vertrauen ihrer Nachbarn haben sie zu oft getäuscht, als daß sie sich von neuem an sie wenden könnten. Um es wiederzugewinnen, müßten sie auf jene verschwenderischen Ausgaben und auf die tollen Genüsse verzichten, deren Befriedigung ihre wichtigste Beschäftigung ist. Dazu können sie sich nicht entschließen, das wollen sie nicht tun. England braucht Soldaten und Geld und kauft beides zu teuren Preisen. Eure Fürsten beuten dieses augenblickliche Bedürfnis mit der größten Gier aus; sie heben Truppen aus, verkaufen sie und liefern sie ab. Das ist die Bestimmung Eurer Armee, dies das Ziel, dem Ihr entgegengeht. Euer Blut ist der Preis der Verderbtheit und der Spielball des Ehrgeizes. Das Geld, das der Schacher mit Eurem Leben einträgt, wird zur Bezahlung schändlicher Schulden verwendet oder zur Kontrahierung neuer benützt werden. Ein gieriger Wucherer, eine verächtliche Mätresse oder ein gemeiner Komödiant wird die Guineen in die Tasche schieben, die gegen Euer Leben eingetauscht wurden.

O Ihr blinden Verschwender, die Ihr mit Menschenleben spielt und die Früchte ihrer Arbeit und ihres Schweißes vergeudet – späte Reue und nagende Gewissensbisse werden Eure Henker sein; aber diese können das Volk nicht trösten, das Ihr unter Eure Füße tretet. Ihr werdet Eure Arbeiter und deren Ernten, Eure Soldaten und Untertanen vermissen; Ihr werdet weinen über das Unheil, dessen Urheber Ihr gewesen seid und das Euch selbst wie Euer ganzes Volk erdrücken wird. Ein furchtbarer Nachbar lacht über Eure Blindheit und bereitet sich vor, daraus Nutzen zu ziehen. Er schmiedet bereits die Ketten, in die er Euch schlagen wird; Ihr werdet unter der Last seines Jochs seufzen, und Euer Gewissen, das dann gerechter sein wird als Euer fühlloses Herz, wird die rächende Furie des Übels sein, das Ihr getan habt.

Und Ihr, betrogene, erniedrigte und verkaufte Völker, Ihr solltet über Eure Irrtümer erröten! Laßt den Schleier von Euren Augen fallen und flieht den Boden, der vom Despotismus befleckt ist. Durchkreuzt das Meer, flieht nach Amerika; aber umarmt Eure Brüder, verteidigt dieses edle Volk gegen die übermütige Raubsucht seiner Verfolger, teilt sein Glück und vermehrt seine Stärke! Helft ihm durch Euren Fleiß und eignet Euch seine Reichtümer an, indem Ihr sie vergrößert; dies ist der Zweck der Gesellschaft, dies die Pflicht des Menschen, den die Natur dazu bestimmt hat, seinen Nächsten zu lieben anstatt abzuschlachten. Lernt von den Amerikanern die Kunst, frei und glücklich zu sein, die Kunst, gesellschaftliche Einrichtungen zum Vorteil jedes Mitglieds der Gesellschaft zu verwenden. Vergeßt in den geräumigen Zufluchtsstätten, die sie der duldenden Menschheit öffnen, die Betörung, deren Teilnehmer und Opfer Ihr wart. Begreift, was wahre Größe, wahrer Ruhm und wahres Glück sind. Mögen europäische Völker Euch beneiden und die Mäßigung der Bürger der Neuen Welt segnen, die darauf verzichten werden, sie für ihre Verbrechen zu bestrafen und ihre entvölkerten Gebiete zu erobern, die von tyrannischen Unterdrückern beherrscht und von den Tränen elender Sklaven befeuchtet werden.«

Der Landgraf von Hessen, nicht zufrieden mit dem Aufkauf der Mirabeauschen Schrift, suchte diese sogar durch eine Antwort zu widerlegen, die den Titel führte: »Vernünftiger Rat an die Hessen«, und sich selbstredend auf die feudalen Legitimitätslehren stützte. Mirabeau entgegnete ihm aber in einer »Erwiderung auf den vernünftigen Rat«, worin er, durch die Beweisführung des Gegners genötigt, mehr auf die leitenden Grundsätze eingeht. »Wenn die Gewalt«, sagt er dort, »willkürlich und unterdrückend wird; wenn sie das Eigentum angreift, zu dessen Schutz sie eingesetzt ist; wenn sie den Vertrag bricht, der ihr ihre Rechte sicherte und beschränkte, dann wird der Widerstand Pflicht und kann nicht Empörung heißen. Wenn das nicht wahr ist, dann sind die Holländer samt und sonders Verbrecher und Empörer. Wer sich bemüht, seine Freiheit wiederzuerlangen, und für diese kämpft, der übt ein gesetzliches Recht aus; die Empörung dagegen ist eine durchaus gesetzliche Handlung. Das Verbrechen gegen die Freiheit der Völker ist die größte Untat.«

Gegen diese und ähnliche Ausführungen ließ der Landgraf durch seinen Minister Schlieffen Artikel in die holländischen Zeitungen rücken, die damals die gelesensten – weil einzig zensurfreien – waren.

Auf Seiten Mirabeaus kämpfte noch der bekannte Abt Raynal, gegen den sich bald die ganze Wut des Angriffs richtete, weil seine historischen Arbeiten ihm einen weiteren Leserkreis sicherten und er damals der Bekanntere von beiden war.

»Es ist schlimm«, sagt Schlieffen in einer 1782 französisch geschriebenen Antwort gegen den »Declamateur« Raynal die füglich als Muster der hessischen »wahren Philosophie« gelten kann, Schlieffen a. a. O., S. 142-146, Nr. 138. »es ist schlimm, daß die Menschen sich untereinander erwürgen, aber sie haben es von Nimrod an getan bis auf Louis XVI.; es ist schlimm, daß sie zuweilen sich, ja ihre Untertanen wegen fremden Streites vermieten, aber es ist immer so gewesen von den Griechen an bis auf die Schweizer. Die 10 000 Griechen unter Xenophon waren dem jungen Cyrus wegen der Bezahlung gefolgt. Xantippus, der Besieger des Regulus, war ein lakedämonischer Söldling in Karthago. Warum also unsere Zeitgenossen für ein Vergehen verantwortlich machen, das zu allen Zeiten dasselbe war und in der menschlichen Natur zu liegen scheint?

Im Mittelalter war die Gewohnheit, sich zu vermieten, allgemein, namentlich bei den Deutschen; daher ist auch der heutige hessische Subsidienvertrag vielleicht der zehnte seit Anfang des Jahrhunderts. Ende vorigen Jahrhunderts schickte Venedig die Hessen nach Griechenland gegen die Türken; sie belagerten Athen und brachten ihrem Herrn für seine Museen Altertümer von dort mit. Der Landgraf tritt also nur in die Fußstapfen seiner Vorgänger; aber diese verminderten die Steuern nicht, bauten nicht, erwiesen dem Land keine Wohltaten. Sein Volk liebt ihn wie einen segenspendenden Vater; seine Stände errichten ihm schon bei Lebzeiten eine Statue. Und diesen Fürsten wagt ein Abbé Raynal, der ihn gar nicht kennt, geizig, geldgierig zu nennen!

Aber was geht dieser Krieg, heißt es, deutsche Fürsten an? Für Anhalt und Waldeck mag das der Fall sein; aber der Landgraf und Prinz von Hessen sowie der Herzog von Braunschweig sind mit dem englischen Königshaus nahe verwandt; ihre Nachkommen können eines Tages den englischen Thron besteigen.

Die Entfernung und das Klima schaden nichts. England, Frankreich und Spanien führen dort auch Krieg; die Hessen sind jetzt sechs Jahre dort und haben verhältnismäßig nicht viele Leute verloren. Aber schadet diese Entvölkerung dem Land nicht? Sie würde es vielleicht in einem großen Land tun; in einem kleinen Staat dagegen ist das Verhältnis ein anderes, solange hier Hände genug für den Landbau und die Industrie vorhanden sind. Die Hessen würden – wie die Schweizer – auch sonst ins Ausland wandern und somit dem Staat ohne Vorteil verlorengehen. Mißbräuche beim Einstellen ins Militär mögen wohl hie und da vorkommen, allein das sind Ausnahmen. Wenn man den ›Deklamatoren‹ glauben wollte, so warteten diese uniformierten Sklaven, die von barbarischen Herren zur Unterdrückung der Freiheit der Neuen Welt verkauft sind, nur auf die erste günstige Gelegenheit, um ihre Ketten abzuschütteln. Aber die drei bei Trenton gefangenen hessischen Bataillone liefern den Beweis des Gegenteils; nur wenige von ihnen haben sich unter den Amerikanern niedergelassen.

In den Augen dieser Zwitterphilosophen gilt diese Gleichgültigkeit der deutschen Soldaten gegen die Reize einer Gottheit, die ihnen so schön gemalt wird, als der tiefste Grad der Erniedrigung der menschlichen Vortrefflichkeit. In den Augen des unterrichteten Mannes dagegen ist es nur eine verschiedene Anschauungsweise; denn der Hesse sieht ohne Zweifel, daß der Amerikaner nicht freier ist als er selbst; daß ein vom Kongreß angestellter Oberst ein ebenso roher Vorgesetzter ist wie der vom Landgrafen ernannte, und daß ein Richter von Germantown nicht besser ist als ein Amtmann von Kassel oder Ziegenhain.

Es handelt sich vor allem um die individuelle Freiheit; sie ist überall prekär und Veränderungen unterworfen – wie die Gesundheit. Das Individuum ist in Amsterdam, Paris und Genf ebenso frei, unterdrückt und beengt. Aber hüten wir uns, diese kostbare Freiheit mit der Sirene zu verwechseln, die ihre Maske bloß trägt, um die Unglücklichen zu täuschen, die ihre verräterische Stimme verführt, mit der gerühmten politischen Freiheit mancher Staaten, die der persönlichen Freiheit häufig so schroff gegenübersteht wie der härteste Despotismus. Die Jahrbücher der Geschichte zeigen, daß die republikanischen Regierungen ebenso tyrannisch und grausam sind wie die monarchischen. Der aufgeklärte Bürger weiß, woran er sich zu halten hat; aber der unwissende Enthusiast, der Schwachkopf, der nicht nachdenken kann, läßt sich leicht vom Bild dieser falschen Freiheitsgöttin verfuhren. Es ist Zeit, daß die wahre Philosophie uns gegen die traurigen Verführungen ihrer Bastardschwester schütze.«

Größere Aufmerksamkeit als diese Zeitungsartikel und Abhandlungen erregte jedoch der kleine Pamphletkrieg, der von den französischen Feinden Englands und der deutschen Fürsten von Holland aus geführt wurde und sich die Aufgabe stellte, die Amerikaner immer wieder siegen zu lassen oder die Fürsten in den Augen des gebildeten Europa lächerlich und verächtlich zu machen. Selbst Franklin schöpfte in seinen Briefen in die Heimat oft, ohne es nur zu wissen, aus dieser keineswegs reinen Quelle, wenn er z. B. als neueste erfreuliche Tatsache die im vorigen Kapitel erwähnte Anekdote meldet, daß Friedrich der Große von den Minden passierenden Hessen den Viehzoll erhoben habe, weil sie ja als Vieh verkauft seien, wie er denn auch allen Ernstes glaubte, daß der Markgraf von Ansbach in Holland vom Pöbel verfolgt und verhöhnt worden sei. Die englischen Oppositionszeitungen machten sich ein besonderes Geschäft daraus, diese vom Parteiinteresse erfundenen Anekdoten weiterzuverbreiten, und natürlich fanden sie in der damaligen amerikanischen Presse stets ihr getreues Echo.

Unter diesen zahllosen Tendenzlügen hat besonders ein Brief unverdientes Aufsehen gemacht und sich bis auf den heutigen Tag erhalten, den der Graf Schaumburg, Prinz von Hessen-Kassel, am 8. Februar 1777 aus Rom an den Oberbefehlshaber der hessischen Truppen in Amerika, von Hohendorff, geschrieben haben soll; er hat der kritik- und gedankenlosen Geschichtsschreibung so viel Kopfzerbrechen verursacht, daß die Frage über seine Echtheit der Gegenstand verschiedener Artikel und Ausführungen geworden ist. Dieser Brief scheint zuerst durch Löhers mehr patriotisches als kritisches Werk über die Geschichte der Deutschen in Amerika in der Heimat bekannt geworden zu sein. Er lautet:

»Baron Hohendorff! Ich erhielt zu Rom bei meiner Zurückkunft aus Neapel Ihren Brief vom 27. Dez. v. J. Ich ersah daraus mit unaussprechlichem Vergnügen, welchen Mut meine Truppen entfalteten, und Sie können sich meine Freude denken, als ich las, daß von 1950 Hessen, die im Gefechte waren, nur 300 entflohen. Da wären dann gerade 1650 erschlagen, und ich kann nicht genug Ihrer Klugheit anempfehlen, eine genaue Liste an meinen Bevollmächtigten in London zu senden. Diese Vorsicht würde um so mehr nötig sein, als die dem englischen Minister zugesendete Liste aufweist, daß nur 1455 gefallen seien. Auf diesem Wege sollte ich 160 050 fl. verlieren. Nach der Rechnung des Lords von der Schatzkammer würde ich bloß 483 450 fl. bekommen statt 643 000 fl. Sie sehen wohl ein, daß ich in meiner Forderung durch einen Rechnungsfehler gekränkt werden soll, und Sie werden sich daher die äußerste Mühe geben, zu beweisen, daß Ihre Liste genau ist und seine unrichtig. Der britische Hof wendet ein, daß da 100 verwundet seien, für welche sie nicht den Preis von toten Leuten zu bezahlen brauchten ... Erinnern Sie daran, daß von den 300 Lakedämoniern, welche den Paß bei Thermopylä verteidigten, nicht einer zurückkam. Ich wäre glücklich, wenn ich dasselbe von meinen braven Hessen sagen könnte. Sagen Sie Major Mindorf, daß ich außerordentlich unzufrieden bin mit seinem Benehmen, weil er die 300 Mann gerettet habe, welche von Trenton entflohen. Während des ganzen Feldzugs sind nicht 10 von seinen Leuten gefallen.«

Wenn nur einer der Abschreiber sich die Mühe gegeben hätte, den hessen-kasselschen Truppenlieferungsvertrag vom 31. Januar 1776 nachzulesen, so würde er sofort den schlagendsten Beweis für die Unechtheit des obigen Briefes gefunden haben. Der Landgraf von Hessen hatte es nämlich, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen haben, für vorteilhafter gehalten, den englischen Vorschlag, sich die Gefallenen und Toten bar vergüten zu lassen, nicht anzunehmen, weil er ohne Kontrolle sein wollte und weil er dadurch, daß er die nicht mehr vorhandenen Soldaten auf der Präsenzliste noch eine Zeitlang fortführte, mehr Geld in seine Tasche spielen konnte. Abgesehen von diesem im Wesen der Sache hegenden Grund sind die äußeren Unwahrscheinlichkeiten nicht minder groß. Einmal gab es keinen Grafen von Schaumburg, Prinzen von Hessen-Kassel; dann aber gab es weder einen Herrn von Hohendorff noch einen Major Mindendorf; schließlich aber war es zu jener Zeit unmöglich, daß ein Brief vom 27. Dezember schon am 8. Februar in Rom sein konnte. In England selbst traf die Hiobspost von der Niederlage bei Trenton erst gegen Mitte Februar ein – eine direktere Verbindung mit Europa existierte damals aber nicht.

Dieser Brief ist nichts als eine amerikanische Verballhornung eines französischen Pamphlets, das offenbar aus den Mirabeauschen Kreisen hervorgegangen ist und im Anhang nachgelesen werden mag; Siehe Anhang sub XXIX. er erschien in den vierziger Jahren zur Blütezeit der nativistischen Bewegung als ein ›Campagnepaper‹ gegen die Fremden, besonders uns Deutsche, und Herr Löher, scheint es, hat ihn auf Treu und Glauben als echt angenommen und aus einer Zeitung aus St. Louis abgeschrieben.

Übrigens ist nichts ungerechter und unwahrer als die weinerliche Sentimentalität, mit der kleinstaatliche deutsche Offiziere für den Landgrafen von Hessen gerade wegen dieses Briefes in die Schranken getreten sind – als ob ein deutscher Fürst einer so zynischen Offenheit gar nicht fähig gewesen wäre. Siehe ›Neue [Darmstädter] Militär-Zeitung‹, 3. Jg. 1858, Nr. 14 ff. Zu welchem Zweck stiehlt er denn tausend und aber tausend Unglückliche, als um Geld aus ihnen herauszuschlagen? Wozu bittet der Herzog von Braunschweig den englischen Minister, die bei Saratoga geschlagenen Braunschweiger ja nicht in die Heimat zurückzuschicken? Aus keinem anderen Grunde, als um sich durch die wahre Schilderung, die die Zurückgekehrten voraussichtlich über ihren Leiden in Amerika machen würden, die Fortsetzung des gewinnreichen Geschäfts nicht zu verderben.

Warum reist der Markgraf von Ansbach so eilig aus der Residenz ab, daß er sogar seine Uhr auf dem Tisch liegen läßt und nicht einmal ein frisches Hemd mitnimmt, ja warum begleitet er im rauhen Winter seine Truppen bis Holland? Einfach, weil er eine neue Meuterei und den Verlust seiner Subsidien befürchtet und weil er nicht beabsichtigt, einen in Aussicht stehenden reichen Gewinn fahren zu lassen. Die sittliche Entrüstung über den Verfasser dieses »monströsen« Briefes ist also gar nicht am Platz, dagegen ist sie den Fürsten gegenüber, die Anlaß zu seiner Erfindung gegeben haben, vollkommen gerechtfertigt. Der Pamphletist hat nichts weiter getan, als die logischen Folgerungen aus den fürstlichen Prämissen gezogen. Wer in Fleisch und Blut handelt, will natürlich auch seine Ware bezahlt haben; je mehr er erhält, desto besser! Das ist ein einfaches Rechenexempel. Aufstellungen und Berechnungen, die den Gegenstand des fraglichen Briefes bilden, wurden von den bei der Seelenverkäuferei beteiligten Fürsten fast täglich beim englischen Ministerium eingereicht; sie stritten sich jahrein, jahraus mit diesem um Pfennige, Groschen und Taler herum, und einem einzigen Toten wurde lediglich aus finanziellen Gründen mehr Aufmerksamkeit erwiesen als fünfzig Lebendigen. Der Pamphletist hat also nichts getan als den gegebenen Fall in seinen haarsträubenden Konsequenzen ausgeführt und dadurch das Treiben der deutschen Fürsten in seiner ganzen Verächtlichkeit gezeigt.

In derselben vernichtenden Weise wie Mirabeau und seine politischen Freunde spricht sich auf deutscher Seite Schiller in »Kabale und Liebe« gegen den Soldatenhandel aus. Er hatte wie Mirabeau persönlich – wenn auch nicht so lange Zeit – den Despotismus kennengelernt und zeichnete also nach der Natur. Die grausige Darstellung eines Zustands, in dem der Privilegierte alles wagen konnte, der Unglückliche alles verlieren mußte, bildet den Vorwurf eines Stückes, dessen zweiter Akt ausdrücklich auf die Unglücklichen zurückkommt, die von ihren Fürsten nach Amerika verkauft waren. Es geschieht dies an der Stelle, wo die gutherzige Lady Milford – es ist charakteristisch für die Zeit, daß eine fremde Hure die edelste Person an einem deutschen Hof ist – voll Verachtung und Entsetzen die Diamanten zurückweist, als sie erfährt, daß sie mit dem für die verkauften Soldaten gewonnenen Geld beschafft sind.

»Gestern«, sagt der Kammerdiener, »sind 7000 Landeskinder nach Amerika fort – die zahlen alles; ich habe auch ein paar Söhne darunter.«

»Doch keine gezwungenen?« fragt die Lady.

»O Gott, nein«, fährt der Kammerdiener fort, »lauter Freiwillige! Es traten wohl etliche vorlaute Burschen vor die Front und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe. Aber unser gnädigster Landesfürst ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn aufs Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: ›Juchhe, nach Amerika!‹ Die Herrlichkeit hättet Ihr nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr säugendes Kind am Bajonett zu spießen, und wie man Braut und Bräutigam mit Säbelhieben auseinanderriß und wie Graubärte verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen noch zuletzt die Krücken nachwarfen in die Neue Welt! Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören! – Noch am Stadttor drehten sie sich um und schrien: ›Gott mit Euch, Weib und Kinder! Es lebe unser Landesvater; am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!‹«

Als Modell des hier gezeichneten Landesvaters hat dem Dichter offenbar der Markgraf von Ansbach gedient, dessen Truppen sich beim Ausmarsch empörten, während in Lady Milford eher die Gräfin Franziska Hohenheim, die Mätresse des württembergischen Herzogs, als Lady Craven, die Mätresse des Ansbachers, geschildert zu sein scheint. Es war übrigens ein Glück für den jungen Dichter und für Deutschland, daß infolge der preußischen Schikanen Karl Eugen mit dem englischen Minister nicht handelseinig wurde und daß demnach die württembergischen Truppen zu Hause blieben, denn sonst hätte der junge »Regimentsmedikus« sehr leicht eine »Berufsreise« nach Amerika antreten und die Studien zu seiner Nadowessischen Totenklage an Ort und Stelle machen können.

Wenn Schiller auch die Stimmungen und Gefühle eines großen Teils der gebildeten deutschen Jugend ausspricht, so verhielt sich Deutschland im ganzen doch gleichgültig gegen diese erzwungene Beteiligung seiner Söhne am amerikanischen Krieg. Eine eigentliche politische Überzeugung und selbständige politische Interessen – folglich politische Parteien – gab es vor 1789 in Deutschland nicht. Politische Fragen im heutigen Sinne des Wortes kannten damals selbst die bedeutendsten Geister der Nation kaum. Es ist eine in dieser Beziehung höchst charakteristische Erscheinung, daß unser größter deutscher Dichter, der im ersten Jahr des amerikanischen Krieges seinen Triumpheinzug in Weimar hielt und gerade während desselben seinen Ruhm in Deutschland fest begründete, daß Goethe so wenig von den Ereignissen jenseits des Ozeans berührt wurde, daß er sie höchstens vorübergehend erwähnt. Klopstock und Lessing zeigten ein kaum mehr als oberflächliches Interesse für den amerikanischen Krieg. Nur von Kant wissen wir, daß er aufs lebhafteste Partei für die Vereinigten Staaten gegen England ergriff und daß er durch die ruhige, überlegene Begründung seines Urteils sogar einen bisher leidenschaftlichen Anhänger der königlichen Sache, seinen späteren Freund, den Engländer Green, zu sich herüberzog.

Von den deutschen Soldaten dagegen nahmen die hervorragendsten Zeitgenossen kaum Notiz. Die tonangebenden Klassen in Deutschland betrachteten diesen Soldatenhandel eben einfach als ein fürstliches Hoheitsrecht und fanden es nicht einmal der Mühe wert, ein Wort darüber zu verlieren. Das Volk selbst aber war so gedrückt, arm, unwissend und an blinden Gehorsam gewöhnt, daß es die Willkür seiner Herrscher als eine Fügung des Schicksals geduldig hinnahm.

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