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Der Sohn des Wolfs

Jack London: Der Sohn des Wolfs - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Sohn des Wolfs
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft Berlin
yearo.J.
firstpub1927
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170929
projectidd37d578e
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Das Weib eines Königs

Als das Nordland noch sehr jung war, dachte sowohl der einzelne wie die Gesamtheit sehr einfach über Recht und Gerechtigkeit. Wenn die Abenteurer aus dem Süden müde wurden, sich selbst ihr Essen zu kochen, allein am Herde zu sitzen und über ihre traurige Einsamkeit zu grübeln, beschlossen sie aus Mangel an etwas Besserem den verlangten Preis zu bezahlen und sich Frauen unter den Eingeborenen zu nehmen. Für die Frauen war das ein Vorgeschmack des Paradieses, denn man muß gestehen, daß die weißen Abenteurer zärtlicher zu ihnen waren und sie weit besser behandelten, als indianische Männer es getan hätten. Natürlich waren die weißen Männer selbst auch zufrieden, und die Indianer im übrigen auch. Nachdem sie ihre Töchter und Schwestern für baumwollene Decken und alte Gewehre verkauft und ihre warmen Felle für dünnen Kattun und schlechten Whisky verschachert hatten, starben die Söhne des Schmutzes prompt und heiter an galoppierender Schwindsucht und andern schnell wirkenden Krankheiten, die untrennbar mit dem Segen einer überlegenen Zivilisation verknüpft sind.

In diesen Zeiten arktischer Einfachheit geschah es, daß Cal Galbraith, der das Land durchreiste, am Lower krank wurde. Es war eine angenehme Abwechslung im Leben der guten Schwestern vom Heiligen Kreuz, die ihm Unterkunft und Pflege gewährten; aber sie ließen sich nicht träumen, welch heißes Elixier sie ihm in die Adern gossen, wenn ihre weichen Hände ihn berührten und sie freundlich um ihn geschäftig waren. Cal Galbraith wurde von unruhigen, seltsamen Gedanken erfüllt, die ihn ganz in Anspruch nahmen, bis seine Augen auf Madeline, die Missionsmagd, fielen. Er ließ sich jedoch nichts merken, sondern wartete geduldig seine Zeit ab. Mit dem kommenden Frühling wuchsen seine Kräfte, und als die Sonne wieder in einem großen goldenen Bogen über den Himmel ging und das Land von Freude und Leben erfüllt wurde, brach er auf, obwohl sein Körper noch schwach war.

Madeline, die Missionsmagd, war eine Waise. Ihr weißer Vater hatte eines Tages das Unglück gehabt, im Schnee einem alten Grislybären zu begegnen, es war schnell mit ihm zu Ende gewesen. Dann hatte ihre indianische Mutter, die jetzt keinen Mann mehr hatte, der für den Wintervorrat sorgen konnte, den verzweifelten Versuch gemacht, sich mit fünfzig Pfund Mehl und halb soviel Speck bis zur nächsten Lachszeit durchzuschlagen. So kam es, daß die kleine Chook-ra bei den guten Schwestern blieb und von nun an bei einem andern Namen genannt wurde.

Aber Madeline stand nicht ganz allein in der Welt; ihr nächster Verwandter war ein verkommener Onkel, der seine Gesundheit mit riesigen Mengen vom Whisky des weißen Mannes ruinierte. Er kämpfte täglich, um sich auf dem Pfade der Nüchternheit zu halten, aber leider fanden seine Füße immer wieder den kürzeren Weg zum Grabe. Wenn er nüchtern war, litt er unerträgliche Qualen. Ein Gewissen hatte er nicht. An diesen alten Herumtreiber wandte sich Cal Galbraith, und bei der folgenden Unterhaltung wurden viele Worte und viel Tabak verbraucht. Auch Versprechungen wurden gemacht; und schließlich nahm der alte Heide einige Pfund getrockneten Lachs und sein Birkenrindenkanu und paddelte nach der Mission vom Heiligen Kreuz.

Die Welt wird nie erfahren, welche Versprechungen er machte, und welche Lügen er erzählte – die Schwestern schwatzen nicht; als er aber zurückkehrte, hatte er ein Messingkruzifix auf der Brust und seine Nichte Madeline im Kanu. Am Abend gab es eine große Hochzeit und einen solchen Potlach, daß an den beiden folgenden Tagen niemand im Dorf an Fischfang dachte.

Am Morgen aber schüttelte Madeline den Staub des Lowers von ihren Mokassins und fuhr mit ihrem Manne in einem flachen Boot den Fluß hinauf bis zu einem unter dem Namen Lowerdorf bekannten Platze. Und in den folgenden Jahren war sie ihm eine gute Gattin, die seine Mühsal teilte und ihm sein Essen kochte. Und sie hielt die Zügel straff, bis er lernte, wie ein Pferd zu arbeiten und auf seinen Goldstaub zu achten. Schließlich machte er einen reichen Fund und baute sich ein Haus in Circle City; und er war so glücklich, daß die Leute, die ihn in seinem Hause besuchten, die Köpfe schüttelten und ihn sehr beneideten.

Aber das Nordland begann sich zu entwickeln, und die Anfänge eines Gesellschaftslebens zeigten sich. Bisher hatte das Südland nur seine Söhne geschickt; jetzt spie es eine neue Schar aus, und diesmal waren es Töchter; nicht Schwestern und Gattinnen, aber doch Frauen, die den Männern neue Dinge in die Köpfe setzten und den Ton in der ihnen eigenen Art und Weise hoben. Die Squaws versammelten sich nicht mehr zum Tanz, ihr lautes Lachen lief nicht mehr durch die Reihen beim guten alten Virginia Reel, und sie sangen nicht mehr den lustigen »Dan Tucker«. Mit dem ihnen angeborenen Stoizismus ergaben sie sich in ihr Schicksal und sahen von ihren Hütten aus klaglos ihre Herrschaft in die Hände ihrer weißen Schwestern übergehen.

Und wieder kam eine Einwanderung aus dem fruchtbaren Südlande über die Berge. Diesmal waren es Frauen, die die Macht im Lande bekamen. Ihr Wort war Gesetz; ihr Gesetz war eisern. Sie sahen mit zornigen Blicken auf die indianischen Frauen, während die andern, zuerst eingewanderten Frauen stiller wurden und demütig wanderten. Es gab Feiglinge, die über den Pakt, den sie mit den Töchtern des Landes geschlossen hatten, erröteten, Menschen, die plötzlich ihre dunkelhäutigen Kinder verabscheuten. Aber es gab auch andere – Männer –, die ihrem ersten Schwur treu blieben und stolz auf sie waren. Als es Brauch wurde, daß die Leute sich von ihren eingeborenen Frauen scheiden ließen, erwies Cal Galbraith sich als Mann; aber dafür bekam er auch die Verachtung derer zu fühlen, die zuletzt gekommen waren und am wenigsten von den Dingen verstanden, die aber jetzt die Macht im Lande hatten.

Eines Tages kamen Gerüchte, daß im Oberlande, weit hinter Circle City, Gold gefunden war. Hundeschlitten brachten die Neuigkeit nach Salt Water, kostbare Schiffe trugen die Beute über den Stillen Ozean, Drähte und Kabel sangen die Nachricht, und die Welt hörte zum erstenmal vom Klondike und von Yukon.

Cal Galbraith hatte die ganzen Jahre still für sich gelebt. Er war Madeline ein guter Gatte gewesen, und sie hatte ihn gesegnet. Jetzt aber überkam ihn gleichsam ein Gefühl des Unbefriedigtseins, eine unklare Sehnsucht nach Menschen seiner eigenen Rasse, nach dem Leben, von dem er ausgeschlossen war – eine nicht ungewöhnliche Sehnsucht, die Männer zuweilen fühlen, eine Sehnsucht, sich frei zu machen und das Leben von neuem zu versuchen. Dazu kamen den Fluß herab wilde Gerüchte über das wunderbare Dorado, glühende Beschreibungen dieser Stadt aus Blechhäusern und Zelten und wunderbare Geschichten von Glücksfällen der Chechaquas, die jetzt das ganze Land überschwemmten. Circle City war tot. Die Welt war den Fluß hinaufgezogen und dort zu einer neuen und sehr merkwürdigen Welt geworden.

Cal Galbraith, der fern von den Ereignissen saß, wurde von Unruhe und von der Lust gepackt, mit eigenen Augen zu sehen. Und im Frühling ließ er sich eines Tages eine große Menge Goldstaub auf der Goldwage der Kompanie abwiegen und einen Wechsel auf Dawson ausstellen. Er beauftragte Dixon mit der Aufsicht über seine Mine, küßte Madeline zum Abschied, versprach, wiederzukommen, ehe das erste Eis sich auf dem Yukon zeigte, und fuhr dann mit dem Dampfer den Fluß hinauf.

Madeline wartete – wartete die drei hellen Monate. Sie versorgte die Hunde, beschäftigte sich viel mit dem kleinen Cal, sah den Sommer schwinden und die Sonne ihre lange Reise nach Süden antreten. Und sie betete viel, wie sie es bei den Schwestern vom Heiligen Kreuz gelernt hatte. Der Herbst kam und damit das erste Eis auf dem Yukon. Die Könige von Circle City kehrten zu ihrer Winterarbeit in den Minen zurück. Wer aber nicht kam, war Cal Galbraith. Tom Dixon mußte indessen einen Brief bekommen haben, denn seine Leute begannen Brennholz für sie einzufahren. Die Kompanie mußte ebenfalls einen Brief erhalten haben, denn die Hundeschlitten der Kompanie kamen angefahren mit dem Besten, was an Vorräten zu haben war, füllten Madelines Speisekammer, und ihr wurde mitgeteilt, daß sie unbegrenzten Kredit hätte.

Zu allen Zeiten sind die Männer stets die hauptsächlichen Urheber vom Kummer der Frauen gewesen. Diesmal hielten die Männer ihren Mund über das, was sie von einem der Ihren, der sich in der Ferne befand, wußten, obwohl sie im stillen erbost auf ihn waren; aber die Frauen wetteiferten in dieser Beziehung nicht mit ihnen. Und durch sie erfuhr Madeline denn ohne unnötigen Aufschub, was man Merkwürdiges über Cal Galbraith und unter anderm auch über eine gewisse griechische Tänzerin erzählte, die mit den Männern spielte wie Kinder mit Seifenblasen. Nun war Madeline Indianerin, und zudem hatte sie keine Freunde, an die sie sich um Rat wenden konnte. Sie betete und schmiedete Pläne, und da sie nicht lange brauchte, um ihre Entschlüsse zu fassen, und sie auch sofort auszuführen pflegte, schirrte sie noch in derselben Nacht die Hunde an, zurrte den kleinen Cal gut auf dem Schlitten fest und fuhr in aller Stille fort.

Der Yukon war noch offen; aber es kam immer mehr Eis, und mit jedem Tage wurde die Fahrrinne schmaler. Keiner, der es nicht selbst versucht hat, kann sich vorstellen, was sie auf diesen hundert Meilen erduldete, die sie am Ufer entlang auf dem Eise fuhr, welche Arbeit und Mühsal es war, die zweihundert Meilen Packeis zu überwinden, nachdem der Fluß endgültig zugefroren war. Aber Madeline war Indianerin, sie schaffte es, und eines Nachts klopfte es an Malemute Kids Tür. Er schirrte ein Gespann äußerst verkommener und verhungerter Hunde ab, hob einen kleinen Burschen, dem es sehr gut ging, vom Schlitten, legte ihn in sein Bett und wandte dann seine Aufmerksamkeit einer von der Reise tödlich ermatteten Frau zu. Er zog ihr die steifgefrorenen Mokassins von den Füßen, hörte zu, was sie erzählte, und stach ihr die Spitze seines Messers in die Füße, um zu sehen, wie weit sie erfroren waren.

Trotz seines barschen Wesens war Malemute Kid im Grunde so weichherzig, daß der bissigste Wolfshund Vertrauen zu ihm faßte und das härteste Herz sich ihm anvertraute. Nicht, daß er sich darum bemüht hätte. Die Herzen öffneten sich ihm von selbst wie die Blumen der Sonne. Man sagte, daß selbst der Priester, Vater Roubeau, ihm gebeichtet hätte, und Männer und Frauen des Nordlandes klopften an seine Tür – eine Tür, die stets offen stand.

In Madelines Augen war er unfehlbar. Sie kannte ihn seit der Zeit, als sie zum erstenmal mit den Stammesgenossen ihres Vaters in Berührung getreten war. Und in ihrer halb barbarischen Vorstellung war Malemute Kid ein Mann, in dem alle Weisheit der Zeit gipfelte, und für den selbst die Zukunft nicht verschleiert war.

Es gab falsche Ideale im Lande. Die öffentliche Meinung von Dawson urteilte jetzt in vielen Dingen anders, als sie früher getan. Die schnelle Entwicklung des Nordlandes hatte vieles mit sich gebracht, das nicht gut war. Malemute Kid wußte das, und er wußte genau, was für ein Mensch Cal Galbraith war. Aber er wußte auch, daß ein übereiltes Wort viel Unheil anrichten konnte, und er wollte dem Mann gern eine tüchtige Lehre erteilen und ihn dazu bringen, daß er sich schämte. Am folgenden Abend wurde Stanley Prince, der junge Mineningenieur, zur Beratung hinzugezogen, und ebenso Jack Harrington mit seiner Geige. In derselben Nacht spannte Bettles, der aus alter Zeit Malemute Kids Schuldner war, die Hunde vor den Schlitten und fuhr ungesehen in der Dunkelheit nach dem Stuart.

 

»Also: eins – zwei – drei, eins – zwei – drei. Und nun der andere Fuß! Nein, – so!« Prince machte die Schritte, als führe er einen Kotillon an.

»Noch einmal: eins – zwei – drei, ein – zwei – drei. Der andere Fuß! Jetzt ging es besser. Versuchen Sie es noch einmal. Sehen Sie nicht auf Ihre Füße. Eins – zwei – drei, eins – zwei – drei. Kürzere Schritte! Sie hängen jetzt nicht an der Schlittenstange. Versuchen Sie 's noch einmal. So! Das war gut. Eins – zwei – drei, eins – zwei – drei!«

Immer wieder tanzten Prince und Madeline in einem ewigen Walzer. Tisch und Stühle waren an die Wand gerückt, um Platz zu schaffen. Malemute Kid hockte, das Kinn auf die Knie gestützt, auf dem Bett und sah mit großem Interesse zu. Jack Harrington saß neben ihm, kratzte die Geige und folgte den Tanzenden mit den Blicken.

Es war eine merkwürdige Situation, in der sich die drei Männer mit dieser Frau befanden. Am rührendsten war vielleicht die rein geschäftsmäßige Art und Weise, wie sie die Sache anfaßten. Kein Boxer trainiert ernster für einen bevorstehenden Kampf, kein Wolfshund legt sich kräftiger ins Geschirr, als Madeline tat. Aber es war auch ein ausgezeichnetes Material, mit dem sie arbeiteten, denn im Gegensatz zu andern Frauen ihrer Rasse hatte Madeline nie schwere Lasten auf langen Reisen zu tragen brauchen. Dazu war sie prachtvoll gewachsen, geschmeidig wie eine Weidengerte und von einer Anmut, die sie nur noch nicht zur Entfaltung gebracht hatte. Diese Anmut war es eben, die die Männer aus ihr herausarbeiten wollten.

»Das Schlimme ist eben, daß sie ganz falsch tanzen gelernt hat«, sagte Prince zu den beiden auf dem Bett, als er seine atemlose Schülerin auf den Tisch gesetzt hatte. »Gelehrig ist sie schon; aber es wäre besser gewesen, wenn sie nie einen Tanzschritt gelernt hätte. Nur etwas verstehe ich nicht, Kid.« Prince ahmte eine eigentümliche Schulter- und Kopfbewegung nach, die Madeline beim Gehen zu machen pflegte.

»Ein Glück für sie, daß sie in der Mission erzogen ist«, antwortete Malemute Kid. »Das Gepäck, weißt du – der Kopfriemen. Andern Indianerinnen geht es schlechter, sie hat seit ihrer Verheiratung keine Lasten mehr getragen. Freilich hat sie viel mit ihrem Manne durchgemacht. Sie waren bei der Hungersnot in Forty Mile.«

»Aber können wir das wegkriegen?«

»Weiß nicht. Vielleicht könnten weite Spaziergänge mit ihren Lehrern helfen. Irgendwie wird es schon werden, nicht wahr, Madeline?«

Sie nickte zuversichtlich. Wenn Malemute Kid, der alles wußte, es sagte, nun ja, dann war es auch wahr. Mehr war darüber nicht zu sagen.

Sie war zu ihnen getreten voller Eifer, wieder anzufangen. Harrington besichtigte sie ganz wie ein Rennpferd, um ihre Chancen zu berechnen.

Das Ergebnis schien ihn nicht zu enttäuschen, denn er fragte mit plötzlichem Interesse: »Was kriegte dein alter Schlingel von Onkel für dich?«

»Eine Büchse, eine Decke, zwanzig Flaschen Whisky. Die Büchse war entzwei.« Sie sagte das mit einem Ausdruck tiefer Verachtung, als ob die geringe Einschätzung ihres Wertes sie unangenehm berührte.

Sie sprach ein gutes Englisch mit vielen besonderen Ausdrücken ihres Mannes; aber man spürte noch einen leichten indianischen Akzent, die Neigung aller Indianer zu merkwürdigen Gaumenlauten. Auch dieses Fehlers hatten ihre Führer sich angenommen, und zwar mit nicht geringem Erfolg. In der nächsten Pause entdeckte Prince ein neues Hindernis.

»Ich sage dir, Kid, wir machen es ganz falsch. Ganz falsch. Sie lernt es nicht in Mokassins. Steck' ihre Füße in Ballschuhe, und dann laß sie auf einem gebohnerten Fußboden los – dann wirst du sehen!«

Madeline hob einen Fuß und betrachtete zweifelnd ihre unförmigen Mokassins. Letzten Winter hatte sie mit dieser Fußbekleidung viele Nächte in Circle City sowie in Forty Mile getanzt, ohne daß es sie gehindert hätte. Jetzt aber – nun ja, wenn etwas nicht stimmte, mußte Malemute Kid es wissen.

Und Malemute Kid wußte es, und er hatte ein gutes Auge für Maße. So nahm er denn Mütze und Fäustlinge und ging den Flügel hinunter, um Frau Eppingwell einen Besuch abzustatten. Deren Mann, Clove Eppingwell, spielte als Beamter des ausgedehnten Gouvernements eine große Rolle im öffentlichen Leben. Ihren kleinen, feinen Fuß hatte Kid eines Abends auf dem großen Gouvernementsball bemerkt, und da er wußte, daß sie nicht weniger liebenswürdig als schön war, so wurde es ihm leicht, sie um einen kleinen Dienst zu bitten. Als er zurückkehrte, zog Madeline sich einen Augenblick in das Hinterzimmer zurück. Als sie wieder eintrat, war Prince wie erschlagen.

»Donnerwetter!« stöhnte er. »Wer hätte das gedacht! Die kleine Hexe! Meine Schwester –«

»Ist ein englisches Mädchen«, fiel Malemute Kid ein, »mit einem englischen Fuß. Dies Mädel gehört einer Rasse mit kleinen Füßen an. Die Mokassins hatten sie gerade so breit gemacht, wie gut ist, während sie ihr anderseits, als sie klein war, nicht vom Laufen mit den Hunden verdorben wurden.« Aber diese Erklärung dämpfte Princes Bewunderung durchaus nicht. Der geschäftliche Instinkt Harringtons regte sich in ihm, und als er den reizend geformten Fuß und den feinen Knöchel sah, mußte er an die schäbige Bezahlung, »eine Büchse, eine Decke, zwanzig Flaschen Whisky« denken.

Madeline war das Weib eines Königs. Eines Königs, dessen Schätze ihm jederzeit Dutzende moderner Zierpüppchen kaufen konnten; und doch hatte sie nie im Leben etwas anderes an den Füßen getragen als rotgegerbtes Elchleder. Im ersten Augenblick sah sie erschrocken auf die dünnen Satinschuhe; aber bald verstand sie die Bewunderung in den Augen der Männer zu deuten. Ihr Gesicht errötete vor Stolz. Einen Augenblick war sie von ihrer eigenen weiblichen Anmut berauscht, dann murmelte sie mit noch größerer Verachtung: »Und eine Büchse, die entzwei war!«

Der Tanzunterricht nahm seinen Fortgang. Täglich machte Malemute Kid mit ihr weite Spaziergänge, die der Aufgabe gewidmet waren, ihre Haltung und ihren Gang zu verbessern und sie zu lehren, kleine Schritte zu machen. Sie liefen nicht Gefahr, erkannt zu werden, denn Cal Galbraith und die wenigen andern von den »Alten« waren in der Menge, die neu ins Land strömte, wie verschwunden. Außerdem ist die Kälte im Nordland schneidend, und die wenig abgehärteten Frauen aus dem Süden pflegten Leinwandmasken vor den Gesichtern zu tragen, um ihre Wangen gegen die Kälte zu schützen. So, wie die Frauen gekleidet gingen, ganz in Parkas aus Eichhörnchenfellen eingepackt und mit verhüllten Gesichtern, hätte eine Mutter an ihrer Tochter vorbeigehen können, ohne sie zu erkennen.

Der Unterricht machte reißende Fortschritte. War es zuerst nur langsam gegangen, so ging es von dem Augenblick an, als Madeline die weißen Satinschuhe angezogen und dadurch zum Bewußtsein ihrer Weiblichkeit gekommen war, ungeheuer schnell. In diesem Augenblick wurde ihr Stolz, die Tochter eines weißen Vaters zu sein, geboren und vermehrte ihr bisheriges natürliches Selbstgefühl. Bisher hatte sie sich für eine Frau von fremder Rasse, von niedrigerer Kaste angesehen, die von der Gnade ihres Herrn lebte. Ihr Mann war ihr wie ein Gott erschienen, der sie zu sich erhoben hatte, ohne ein Verdienst von ihrer Seite. Aber nie, selbst nicht, als der kleine Cal geboren wurde, hatte sie vergessen, daß sie nicht seinem Volke angehörte. Wie er ein Gott war, so waren die Frauen seines Volkes Göttinnen. Vielleicht hätte sie Vergleiche zwischen sich und ihnen gezogen; nie aber hätte sie sich ihnen gleichgestellt. Möglicherweise hätte eine nähere Bekanntschaft ihrer Bewunderung Abbruch getan. Zuletzt hätte sie indessen doch diese rastlosen weißen Männer verstanden und richtig beurteilt. Bewußte Analyse war allerdings etwas, das über ihren Verstand ging. Aber ihr weiblicher Scharfsinn sagte ihr, was in solchen Dingen richtig war. An dem Abend, als sie die Satinschuhe anzog, hatte sie in den Augen der drei Freunde offene unverstellte Bewunderung gesehen, und zum erstenmal hatte sie sich andern Frauen gleichgefühlt. Es war nur ein Fuß, ein Knöchel, aber es lag in der Natur der Sache, daß es nicht bei diesem Vergleich allein bleiben konnte. Sie erkannte, daß sie auf gleicher Stufe mit ihnen stand, und damit verschwand die Göttlichkeit ihrer weißen Schwestern. Alles in allem waren die wohl auch nur Frauen, und warum sollte sie sich nicht auf dieselbe Höhe wie sie erheben. Sie sah klar, was ihr fehlte, und aus diesem Bewußtsein ihrer Schwäche sproß ihre Stärke. Und mit solchem Eifer arbeitete sie, daß ihre drei Freunde oft bis tief in die Nacht über dieses ewige Mysterium der Frau sprachen.

So näherte man sich dem Bußtage. Mit unregelmäßigen Zwischenräumen schickte Bettles vom Stuart, um sich nach dem Wohlergehen des kleinen Cal zu erkundigen. Es war bald die Zeit, da sie wieder daheim erwartet wurden. Mehr als ein Besucher, der draußen Tanzmusik und die Schritte Tanzender gehört hatte, fand, wenn er eintrat, nur Harrington, der die Geige strich, und die beiden andern, die den Takt schlugen und mit großem Lärm die Ausführung irgendeines Tanzschrittes erörterten. Madeline war nie zu sehen; sie flüchtete stets ins Hinterzimmer.

An einem solchen Abend kam auch Cal Galbraith. Es waren gerade gute Nachrichten vom Stuart gekommen, und Madeline hatte sich selbst übertroffen – nicht nur in ihrer Haltung und Anmut, sondern auch in weiblicher Koketterie. Es hatte ein kleines Scharmützel gegeben, aus dem sie mit Glanz hervorgegangen war, und dann hatte sie sie, hingerissen von dem Rausch des Augenblicks und dem Gefühl ihrer eigenen Macht, mit dem erstaunlichsten Erfolg herumkommandiert, gequält, ihnen geschmeichelt und sie protegiert. Instinktiv, unfreiwillig hatten sie sich gebeugt: nicht vor ihrer Schönheit, ihrer Größe oder ihrem Witz, sondern vor diesem Unbestimmbaren der Frau, dem der Mann sich beugt, obwohl er nicht sagen kann, was es ist. Es war, als zitterte die Luft drinnen von Freude, als sie und Prince im letzten Tanz dieses Abends herumwirbelten. Harringtons Geige ertönte unbeschreiblich klangvoll, während Malemute Kid ganz verlassen mit dem Besen dasaß und sich im Takte der Musik wiegte.

In diesem Augenblick wurde kräftig an die Tür geklopft, und gleichzeitig sahen sie, wie die Klinke herabgedrückt wurde. Es war indessen nicht das erstemal, daß dies geschah. Harrington ließ sich nicht aus dem Takt bringen, Madeline schoß durch die offene Tür in die Hinterstube, der Besen unters Bett, und als Cal Galbraith und Louis Savoy die Köpfe hereinsteckten, sahen sie Malemute Kid und Prince miteinander einen wilden Schottischen durch die Stube tanzen.

Im allgemeinen kann man sagen, daß Indianerinnen nicht so leicht ohnmächtig werden; aber Madeline war einer Ohnmacht so nahe wie nur je in ihrem Leben. Eine Stunde lang lag sie zusammengekauert auf dem Boden und lauschte auf das laute Sprechen der Männer, das wie ferner Donner rollte. Wie bekannte Töne einer Kindheitsmelodie strömte jede Betonung, jede Eigenart in der Stimme ihres Mannes auf sie ein, jagte ihr das Blut zum Herzen und ließ ihre Knie zittern, daß sie schließlich in halber Ohnmacht an der Tür lehnte. Als ihr Mann sich verabschiedete, konnte sie kaum noch hören oder sehen.

»Wann gedenkst du nach Circle City zu gehen?« fragte Malemute Kid schlicht.

»Hab' noch nicht drüber nachgedacht«, erwiderte er. »Glaube nicht, ehe das Eis bricht.«

»Und Madeline?«

Cal errötete bei der Frage und schlug schnell die Augen nieder. Malemute Kid würde ihn verachtet haben, hätte er den Mann nicht so gut gekannt. Jetzt wandte sich sein Zorn gegen die Frauen und Töchter, die ins Land gekommen waren und, nicht zufrieden damit, den Platz der eingeborenen Frauen eingenommen zu haben, auch die Gedanken der Männer verunreinigt und Schande über sie gebracht hatten.

»Ich denke, daß es ihr gut geht«, antwortete der König von Circle City hastig in einem Ton, als wolle er sich verteidigen. »Tom Dixon ist mein Verwalter und sorgt, daß ihr nichts abgeht.«

Malemute Kid legte ihm die Hand auf den Arm und brachte ihn plötzlich zum Schweigen. Sie waren hinausgegangen. Über ihnen strahlte das Nordlicht gleich einer launischen Schönheit in den wunderbarsten Farben. Zu ihren Füßen lag die schlafende Stadt. Weit in der Ferne hörten sie das Bellen eines einsamen Hundes. Der König begann wieder zu sprechen; aber Malemute Kid drückte ihm die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Der Lärm verstärkte sich. Einer nach dem andern begannen die Hunde zu heulen, bis ein vielstimmiger Chor die Nacht erfüllte. Wer zum erstenmal diesen Höllengesang hört, dem ist es, als vernehme er das erste und größte Geheimnis des Nordlandes. Wer es oft gehört hat, dem klingt es wie feierliches Glockenläuten über toter Hoffnung, vergeudeten Kräften. Denn es liegen darin das Geheimnis vom Erbe des Nordlandes, die Klagen gefolterter Seelen, die Leiden zahlloser Geschlechter – es ist die Messe für die verirrten Seelen der Welt.

Cal Galbraith zitterte leicht, als das Gebell in einem halberstickten Schluchzen erstarb. Kid las seine Gedanken wie in einem offenen Buch und wanderte mit ihm zurück durch all die schweren Tage der Not und Krankheit; stets war Madeline geduldig an seiner Seite gewesen, hatte Gefahren und Leiden mit ihm geteilt, nie zweifelnd, nie klagend. Vor seinem inneren Auge sah er Dutzende von strengen, unerbittlichen Bildern, und die Vergangenheit legte ihm ihre Hand aufs Herz. Es war ein kritischer Augenblick. Malemute Kid fühlte sich versucht, seinen letzten Trumpf auszuspielen; die Lehre war aber noch nicht hart genug, und er hielt sich zurück. Einen Augenblick später hatten sie sich die Hände gedrückt. Der König schritt den Hügel hinunter, und man hörte nur das Knirschen des Schnees unter seinen perlengestickten Mokassins.

Die niedergeschlagene Madeline war eine ganz andere als das heitere Geschöpfchen, dessen Macht vor einer Stunde so ansteckend gewesen, dessen heiße Wangen und strahlende Augen ihre Lehrer alles hatten vergessen lassen. Schwach und kraftlos saß sie auf dem Stuhl, ganz wie Prince und Harrington sie hingesetzt hatten. Malemute Kid stutzte. Das ging nicht gut. Wenn der Augenblick kam, da sie ihrem Mann begegnete, mußte sie mit der Überlegenheit einer Königin auftreten können. Es war durchaus notwendig, daß es mit der ganzen Routine einer weißen Frau geschah, sonst wurde der Sieg kein Sieg. Das sagte er ihr streng, ohne seine Worte zu mildern, und weihte sie in die Schwächen seines eigenen Geschlechts ein, bis sie verstand, welche Toren die Männer im Grunde waren, und warum der Wille ihrer Frauen ihnen Gesetz war.

Wenige Tage vor dem Bußtag stattete Malemute Kid Frau Eppingwell einen Besuch ab. Sie durchsuchte sofort ihre ganze Garderobe, machte einen längeren Abstecher in die Manufakturwarenabteilung der P. C. Kompanie und begleitete dann Malemute Kid heim, um Madeline kennenzulernen. Nun folgte eine Zeit, wie die Hütte sie noch nie gesehen hatte, und die Folgen von all dem Zuschneiden, Anprobieren, Nähen und Schneidern und vielen andern merkwürdigen, bisher unbekannten Dingen war, daß die drei männlichen Verschworenen den größten Teil der Zeit in der Verbannung leben mußten. Dann öffnete die »Oper« ihnen freundlich ihre Pforten, und oft steckten sie die Köpfe zusammen und tranken mit so seltsamen Reden, daß Leute, die sonst nichts zu tun hatten, unbekannte Flüsse mit unberechenbaren Reichtümern ahnten, und daß verschiedene Chechaquas und schließlieh auch einer von den Alten ihre Reiseausrüstung hinter dem Schanktisch verstauten, um ihnen sofort folgen zu können.

Frau Eppingwell war eine tüchtige Frau, und als sie am Bußtag Madeline ihren Beschützern übergab, war eine Verwandlung mit ihr vorgegangen, daß sie sich beinahe vor ihr fürchteten. Prince legte ihr einen Hudson-Bai-Schal um die Schulter mit einer übertriebenen Ehrerbietung, die echter war, als sie aussah. Malemute Kid, dessen Arm sie genommen hatte, fand es nicht ganz leicht, seine alte Vormundschaft wieder aufzunehmen. Jack Harrington trottete, immer die Liste der Kaufsumme im Kopfe, hinterher und tat auf dem ganzen Wege zur Stadt nicht einmal den Mund auf. Als sie an die Hintertür der Oper kamen, nahmen sie Madeline den Schal von der Schulter und breiteten ihn über den Schnee aus. Sie schlüpfte aus Princes Mokassins und trat in ihre neuen Satinschuhe. Der Maskenball hatte gerade seinen Höhepunkt erreicht. Sie zögerte; aber die Männer öffneten die Tür, führten sie hinein und gingen dann ums Haus herum, um selbst durch die Vordertür einzutreten.

 

»Wo ist Freda?« fragten die Alten, während die Chechaquas ebenso energisch fragten, wer Freda war. Der Ballsaal summte von ihrem Namen. Er war auf aller Lippen. Ergraute Pioniere, Tagelöhner in den Minen, aber stolz auf ihren Altersrang, machten sich vor den Jüngeren wichtig und logen wortreich – es ist das Vorrecht der alten Klondikepioniere, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen – oder warfen ihnen indignierte Blicke wegen ihrer Unwissenheit zu. Es befanden sich vielleicht vierzig Könige des Oberlandes und Unterlandes auf dem Tanzboden, und jeder von ihnen glaubte sich auf der rechten Fährte und hielt unerschrocken Beutel voller Goldstaub auf seinen Favoriten. Dem Mann an der Wage, der die Beutel abzuwiegen hatte, wurde ein zweiter zu Hilfe geschickt, während mehrere von den Spielern, die die Gesetze des Spiels in- und auswendig kannten, Listen über die Kandidaten aufstellten.

Welche Maske war Freda? Immer wieder glaubte man die griechische Tänzerin entdeckt zu haben, aber jede Entdeckung verursachte eine Panik unter den Spielern und veranlaßte nur den wilden Abschluß neuer Wetten unter denen, die ihrer Sache sicher zu sein glaubten. Auch Malemute Kid beteiligte sich an der Jagd; sein Eintritt war von den Anwesenden, die ihn alle wie einer kannten, mit großem Hallo begrüßt worden. Kid hatte ein gutes Auge für die Eigenart einer Bewegung, ein feines Ohr für den Tonfall einer Stimme, und seine Wahl fiel auf ein Wesen, das als strahlendes »Nordlicht« erschienen war. Aber die griechische Tänzerin war selbst für seinen Scharfsinn zu gut verborgen. Der größte Teil der Goldgräber schien auf die »Russische Prinzessin« zu raten, die die Anmutigste im Saale war und daher keine andere sein konnte als Freda Moloof.

Während einer Quadrille erhob sich ein Getöse der Befriedigung. Sie war entdeckt. Auf früheren Bällen hatte Freda beim Finale einige unvergleichliche, ganz originelle Tanzschritte gemacht. Und jetzt hatte die »Russische Prinzessin« genau so getanzt. »Hab' ich's nicht gesagt!« ertönte es im Chor, daß die Decke zitterte. Aber da bemerkte man, daß das »Nordlicht« und noch eine Maske, »Der Geist Polens«, auf ganz die gleiche Weise tanzten; und als jetzt noch die beiden Zwillings-»Regenbogen« und eine »Eiskönigin« ihrem Beispiel folgten, wurde den Männern an der Wage noch einer zu Hilfe geschickt.

Als die Erregung ihren Höhepunkt erreicht hatte, kam Bettles, der eine Reise gemacht hatte, wie ein Schneesturm über sie. Seine bereiften Brauen wurden zu einem Wasserfall, als er herumwirbelte; sein noch gefrorener Schnurrbart schien mit Diamanten besetzt zu sein und warf das Licht in allen Regenbogenfarben zurück, und seine schnellen Füße glitten über Eisstücke, die von seinen Mokassins und seinen wollenen Socken rasselten. Ein Nordlandsball ist eine recht formlose Angelegenheit, bei der die Männer der Flüsse und Fahrten alle Prüderie fahren lassen, wenn sie sie überhaupt je besessen haben; nur in den offiziellen Kreisen werden noch einige Formen gewahrt. Hier machte sich kein Standesunterschied geltend. Millionäre und arme Teufel, Hundetreiber und berittene Polizisten reichten den »Damen der feinen Welt« den Arm, sausten mit ihnen im Kreis herum und machten die seltsamsten Sprünge. Primitiv in ihren Vergnügungen, lärmend und ungeschliffen, wurden sie doch nie plump, sondern waren eher von einer rauhen Ritterlichkeit, die ebenso echt wie die formvollendetste Höflichkeit war.

In seiner Suche nach der griechischen Tänzerin richtete Cal Galbraith es so ein, daß er bei der Quadrille der »Russischen Prinzessin« gegenüberstand, gegen die sich der allgemeine Verdacht gerichtet hatte. Als er aber mit ihr getanzt hatte, war er bereit, all seine Millionen zu wetten, daß sie nicht Freda war, anderseits aber auch, daß sein Arm schon um ihren Arm gelegen hatte. Wann oder wo, konnte er nicht sagen, aber das überraschende Gefühl, einen wohlbekannten Menschen vor sich zu haben, machte einen solchen Eindruck auf ihn, daß er sich vornahm, um jeden Preis herauszubekommen, wer sie war. Malemute Kid hätte ihm helfen können, statt daß er ein paarmal mit der »Prinzessin« tanzte und leise und eindringlich mit ihr sprach. Am unverdrossensten aber machte Jack Harrington der »Russischen Prinzessin« den Hof. Einmal zog er Cal Galbraith beiseite, brachte kühne Vermutungen vor, wer sie sein möchte, und erklärte ihm, daß er sicher gewinnen würde. Das reizte den König von Circle City so, daß er – ein Mann ist ja von Natur nicht monogam – sowohl Madeline wie Freda über dieser neuen Suche vergaß.

Es sprach sich bald herum, daß die »Russische Prinzessin« nicht Freda war. Die Spannung wuchs. Dies war ein neues Rätsel. Sie kannten Freda und konnten sie nicht finden; hier aber hatten sie eine gefunden, die sie nicht kannten. Selbst die Frauen konnten sich nicht denken, wer sie sein mochte, und dabei kannten sie doch jede Tänzerin im ganzen Lager. Viele hielten sie für eine Frau aus der Beamtenclique, die einmal ein bißchen über die Stränge schlug. Nicht wenige versicherten, daß sie vor der Demaskierung verschwinden würde. Andre wieder waren ebenso überzeugt, daß sie die Berichterstatterin des »Kansas City Star« war, die für neunzig Dollar die Spalte über sie schreiben wollte. Und die Männer an der Wage arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts.

Um ein Uhr begaben sich alle Paare auf den Tanzboden. Unter Gelächter und Scherzen, wie sorglose Kinder, begannen sie sich zu demaskieren. Immer wieder erklangen Ausrufe des Staunens, als Maske auf Maske fiel. Das strahlende »Nordlicht« war, wie sich zeigte, die große Negerin, die für die Leute wusch und an fünfhundert Dollar monatlich damit verdiente. Die Zwillings-»Regenbogen« hatten Schnurrbärte und wurden als Kompagnons, Minenkönige von Eldorado erkannt. An vorderster Stelle tanzte Cal Galbraith mit dem »Geist Polens«, und ihm gegenüber Jack Harrington mit der »Russischen Prinzessin«. Alle andern hatten sich demaskiert, aber die griechische Tänzerin hatte man noch nicht gefunden. Alle Augen richteten sich auf die Gruppe. Cal Galbraith lüftete auf die allgemeinen Zurufe die Maske seiner Dame. Das wundervolle Gesicht und die strahlenden Augen Fredas leuchteten ihnen entgegen. Der Lärm, der sich erhob, legte sich plötzlich wieder; jeder wollte das Rätsel der »Russischen Tänzerin« lösen. Ihr Gesicht war aber immer noch verborgen, und Jack Harrington rang mit ihr.

Die andern schwebten in höchster Spannung. Er zerknüllte ihr rücksichtslos das prächtige Kleid, und dann – brachen die Zuschauer in Lachen aus. Der Scherz war köstlich. Sie hatten die ganze Nacht mit einer der verachteten Eingeborenen getanzt.

Die aber, die sie kannten, und das waren viele, hörten plötzlich zu lachen auf, und es wurde still im Saal. Cal Galbraith trat zornig mit langen Schritten auf Madeline zu und redete sie in der Chinooksprache an. Sie bewahrte indessen ihre Fassung, bemerkte scheinbar gar nicht, daß sie das Ziel aller Blicke war, und antwortete ihm auf englisch. Sie zeigte weder Furcht noch Zorn, und Malemute Kid lachte im stillen vor Freude über ihren Gleichmut. Der König war überrumpelt und geschlagen; seine einfache Siwashfrau hatte sich ihm überlegen gezeigt.

»Komm!« sagte er dann schließlich. »Komm nach Hause.«

»Du mußt entschuldigen,« antwortete sie, »aber ich habe mich mit Herrn Harrington zum Abendbrot verabredet. Außerdem habe ich noch viele Tänze versprochen.«

Harrington bot ihr den Arm, um sie fortzuführen. Er zeigte nicht die geringste Furcht, dem König den Rücken zu kehren, denn Malemute Kid stand jetzt ganz in der Nähe. Der König von Circle City war wie vor den Kopf geschlagen. Zweimal fuhr seine Hand nach dem Gürtel, und zweimal schickte Malemute Kid sich an, einzuschreiten; Harrington und Madeline aber schritten ruhig zur Tür hinaus in den Speisesaal, wo eingemachte Austern zu fünf Dollar das Gedeck serviert wurden. Ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Menge, dann folgte man ihnen paarweise. Freda maulte und ging mit Cal Galbraith hinein. Aber sie hatte ein gutes Herz und eine scharfe Zunge und verdarb ihm den Appetit an den Austern. Was sie sagte, ist nicht weiter von Bedeutung, aber er wurde abwechselnd rot und blaß und verfluchte sich immer wieder im stillen.

Ein Gewirr von Stimmen erfüllte den Raum, aber plötzlich wurde es still: Cal Galbraith erhob sich und trat an den Tisch seiner Frau. Seit der Demaskierung waren Unsummen auf den Ausfall der Sache gesetzt worden. Was jetzt geschah, wurde von jedem einzelnen mit atemloser Spannung beobachtet. Harringtons blaue Augen waren ruhig, aber unter dem Tischtuch balancierte ein ›Smith and Wesson‹ auf seinen Knien, Madeline sah wie zufällig und scheinbar interesselos auf.

»Darf – darf ich den nächsten Walzer mit dir tanzen?« stotterte der König.

Das Weib des Königs blickte auf ihre Tanzkarte und neigte einwilligend den Kopf.

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