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Der Sohn des Wolfs

Jack London: Der Sohn des Wolfs - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Sohn des Wolfs
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft Berlin
yearo.J.
firstpub1927
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170929
projectidd37d578e
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Die Weisheit der Reise

Sitka Charley hatte das Unmögliche erreicht. Andere Indianer mögen vielleicht ebensoviel von der Weisheit der Reise gekannt haben, er allein aber kannte die Weisheit des weißen Mannes, die Ehre und das Gesetz der Reise. Aber das hatte er nicht an einem einzigen Tage gelernt. Die Eingeborenen sind schwer zu belehren, und es gehören viele Einzelheiten und viele Wiederholungen dazu, bis sie zum Verständnis gelangt sind. Sitka Charley hatte von Kindheit an mit den weißen Männern verkehrt, und als er selbst ein Mann wurde, hatte er sein Schicksal an das ihre geknüpft und sich ein für allemal von seinem eigenen Volke losgesagt. Und obwohl er sich vor ihnen beugte, ja, ihre Macht fast verehrte und über sie grübelte, mußte er doch auch jetzt noch ihren geheimen Lebensquell, die Ehre und das Gesetz erraten. Und erst, nachdem die Jahre Zeugnis auf Zeugnis gehäuft hatten, verstand er sie. Obgleich er ein Fremder war, verstand er die weißen Männer besser als sie sich selbst; er war ein Indianer und hatte das Unmögliche erreicht.

Und hieraus war eine gewisse Verachtung für sein eigenes Volk entstanden – eine Verachtung, die er aus Gewohnheit verhehlte, die aber jetzt in einem Strom von Flüchen und Schimpfworten in vielen Sprachen über die Köpfe Kah-Chuctes und Gowhees losbrach. Sie krochen vor ihm wie knurrende Wolfshunde, zu feige, um auf ihn loszugehen, zu wolfsartig, um nicht die Zähne zu fletschen. Sie waren nicht schön. Das war Sitka Charley übrigens auch nicht. Das Fleisch hatte nicht für ihre Gesichter gereicht; ihre vorstehenden Backenknochen waren von schrecklichen Narben gefurcht, die in der starken Kälte abwechselnd aufrissen und zufroren, während in ihren Augen eine von Verzweiflung und Hunger genährte Flamme unheimlich brannte. Auf Männer, über denen nicht Ehre und Gesetz waltet, kann man sich in einer solchen Lage nicht verlassen. Das wußte Sitka Charley, und deshalb hatte er sie vor zehn Tagen gezwungen, ihre Büchsen nebst der übrigen Lagerausrüstung zurückzulassen. Nur er und Kapitän Eppingwell hatten die ihren behalten.

»Los, macht Feuer an«, kommandierte er, indem er die kostbare Streichholzschachtel sowie die dazu gehörenden Streifen trockener Birkenrinde hervorzog.

Die beiden Indianer machten sich verdrossen daran, trockene Zweige und Reisig zu sammeln. Sie waren schwach und blieben oft, schwindlig vom Bücken, stehen oder wankten stöhnend zur Feuerstätte zurück, während ihre Knie wie Kastagnetten gegeneinanderschlugen. Jedesmal, wenn sie zurückkamen, ruhten sie sich einen Augenblick aus, als wären sie krank und todmüde. Zeitweise drückten ihre Augen den geduldigen Stoizismus des stummen Duldens aus; dann wieder schienen sie sich in wilden Schreien Luft machen zu wollen: »Ich, ich, ich will leben!« – dem Grundton alles Lebens.

Ein leichter Wind wehte von Süden, biß in ihren Körper und trieb ihnen die Kälte in Gestalt von Feuernadeln durch Pelz und Fleisch bis ins Mark. Sobald das Feuer lustig brannte und einen feuchten Kreis rings im Schnee auftaute, zwang Sitka Charley daher seine widerwilligen Genossen, mit ihm eine Schutzwand zu errichten. Es war eine recht primitive Angelegenheit – eine Decke wurde in einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Grad an der Windseite vor dem Feuer aufgehängt, dadurch wurde der eisige Wind abgehalten und die Wärme auf die vor der Decke Zusammengekauerten zurückgeworfen. Dann wurde eine Schicht grüner Zweige auf dem Schnee ausgebreitet, damit ihre Körper nicht mit ihm in Berührung gerieten. Als das getan war, machten Kah-Chucte und Gowhee sich daran, ihre Füße zu pflegen. Die gefrorenen Mokassins waren arg mitgenommen. Das scharfe Eis auf dem Flusse hatte sie zerschnitten. Ihre Siwash-Socken befanden sich in derselben Verfassung, und als sie aufgetaut und ausgezogen waren, erzählten die weißen, toten Zehen in ihren verschiedenen Abstufungen des Erfrierens ihre einfache Geschichte von der Reise.

Sitka Charley überließ sie ihrer Fußpflege und schritt denselben Weg, den er gekommen war, zurück. Auch er sehnte sich danach, am Feuer zu sitzen und für seinen verkommenen Körper zu sorgen, aber die Ehre und das Gesetz der Reise verboten es ihm. Mühselig arbeitete er sich über den gefrorenen Fluß hinüber. Jeder Schritt mußte erzwungen werden, jeder Muskel empörte sich. An verschiedenen Stellen, die erst kürzlich zugefroren waren, mußte er mit Aufbietung aller seiner Kräfte über den morschen, unter ihm schaukelnden Boden eilen. Hier war der Tod leicht und schnell; aber er bekämpfte die Versuchung, seinem Leben ein Ende zu machen.

Seine zunehmende Angst schwand, als er zwei Indianer um eine Biegung des Flusses kommen sah. Sie wankten und stöhnten wie Männer unter schweren Lasten, und doch wogen die Packen auf ihren Schultern nur wenige Pfund. Er forschte sie eifrig aus, und ihre Antworten schienen ihn zu beruhigen. Er eilte weiter. Dann kamen zwei weiße Männer, die eine Frau stützten. Auch sie gingen wie trunken, und ihre Körper zitterten vor Ermattung. Aber die Frau stützte sich nur leicht auf sie und wollte offenbar durch eigene Kraft vorwärtskommen. Bei ihrem Anblick huschte ein Freudenschimmer über Sitka Charleys Gesicht. Er verehrte Frau Eppingwell. Er hatte viele weiße Frauen gesehen, aber sie war die erste, die die Reise mit ihm machte. Als Kapitän Eppingwell ihm das Wagnis vorschlug und ihm anbot, in seine Dienste zu treten, hatte er ernst den Kopf geschüttelt; denn es war ein unbekannter Weg durch die trostlosen Wüsten des Nordlandes, und er wußte, daß es eine der Reisen werden würde, die die menschliche Seele auf die äußerste Probe stellen. Als er aber erfuhr, daß der Kapitän seine Gattin mitnehmen wollte, schlug er es rundweg ab, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Wäre es noch eine Frau seiner eigenen Rasse gewesen, so hätte er sich nichts daraus gemacht. Aber diese Frauen aus dem Südlande, nein, nein, die waren zu weich, zu zart für ein solches Unternehmen.

Sitka Charley kannte indessen nicht Frauen dieser Art. Vor fünf Minuten hätte er sich nicht träumen lassen, daß er die Leitung der Expedition übernehmen würde; als sie aber mit ihrem wundersamen Lächeln und ihrem klaren reinen Englisch kam und die Sache ohne Umschweife mit ihm erörterte, hatte er sofort eingewilligt. Hätte sich in ihren Augen ein Anflehen um Mitleid gezeigt, hätte ihre Stimme gezittert, hätte sie sich auf ihre weiblichen Rechte berufen – er wäre augenblicklich kalt und hart wie Stahl geworden. Aber ihre tiefen forschenden Augen, ihre klare Stimme, ihr völliger Freimut und die Art, wie sie ihn ohne weiteres als ihresgleichen behandelte, hatte ihm seine Kaltblütigkeit geraubt. Er fühlte, daß er es hier mit einer neuen Art von Weib zu tun hatte, und ehe sie viele Tagereisen Genossen gewesen, hatte er verstanden, warum die Söhne solcher Frauen Land und Meer beherrschten, und warum die Söhne von Frauen seiner eigenen Rasse ihnen nicht widerstehen konnten. Weich und zart! Tag auf Tag beobachtete er sie, ermattet, abgezehrt, unüberwindlich, wie sie war, immer wieder klangen ihm die Worte vor den Ohren: Weich und zart! Er wußte, daß ihre Füße für ebene Pfade und sonnige Länder geschaffen waren, daß sie nicht die Schmerzen des mokassinbekleideten Nordens, nicht die Küsse von den kalten Lippen des Frostes kannten, und er sah sie und wunderte sich, wie leicht sie durch den mühseligen Tag glitten.

Immer fiel ein Lächeln, ein ermutigendes Wort selbst für den elendsten Träger ab. Je finsterer der Weg wurde, desto härter und kräftiger schien sie zu werden, und als Kah-Chucte und Gowhee, die damit geprahlt hatten, Weg und Steg wie ein Kind die Fellballen im Wigwam zu kennen, als die beiden gestanden, daß sie nicht wüßten, wo sie wären, da war sie es, die zu den Flüchen der Männer Worte der Verzeihung sprach. Sie hatte ihnen vorgesungen in jener Nacht, bis sie die Müdigkeit weichen fühlten und bereit waren, mit neuer Hoffnung der Zukunft entgegenzugehen. Und als die Lebensmittel auf die Neige gingen und jede Ration unter scharfer Kontrolle ausgeteilt wurde, hatte sie sich gegen die Verschwörung ihres Mannes und Sitka Charleys empört und einen Anteil gefordert, der weder größer noch kleiner als der der andern war. Sitka Charley war stolz darauf, daß er diese Frau kannte. Sein Leben hatte größeren Reichtum, größere Fülle erhalten, als sie hineintrat. Bisher war er sein eigener Gesetzgeber gewesen, war weder rechts noch links auf den Wink eines Menschen gegangen; er hatte sich nach seinen eigenen Vorschriften gebildet und war zum Manne geworden, ohne sich um eine andere als die eigene Meinung zu kümmern. Zum erstenmal fühlte er, wie etwas von draußen das Beste in ihm anrief. Ein anerkennender Blick aus diesen forschenden Augen, ein dankbares Wort der klaren Stimme, nur ein schwaches Kräuseln ihrer Lippen zu diesem wundersamen Lächeln, und er wanderte viele Stunden in Gesellschaft der Götter. Es erweckte in ihm auf eine neue Art das Gefühl, ein Mann zu sein. Zum erstenmal genoß er bewußt seine Führereigenschaften, und er und sie fachten immer wieder den sinkenden Mut der Genossen an.

*

Die Gesichter der zwei Männer und der Frau leuchteten auf, als sie ihn sahen, denn schließlich war er doch der Stab, auf den sie sich stützten. Aber Sitka Charley verbarg mit seiner gewöhnlichen Strenge unterschiedlos Befriedigung und Mißfallen hinter einem steinernen Gesicht, fragte sie, wie es ginge, erzählte ihnen, wie weit es noch bis zum Lagerfeuer war, und schritt weiter. Dann stieß er auf einen einzelnen Indianer, der ohne Gepäck, mit zusammengebissenen Lippen und mit starren Augen, angehinkt kam, gequält von Schmerzen in einem Fuße, in dem das Leben einen hoffnungslosen Kampf mit dem Tode kämpfte. Man hatte jede Rücksicht auf ihn genommen, aber in der äußersten Not müssen die Schwachen und Unglücklichen zugrunde gehen, und Sitka Charley hielt die Tage des Mannes für gezählt. Er konnte sich kaum noch aufrecht halten, und Sitka Charley ermutigte ihn durch einige rauh-freundliche Worte. Dann kamen noch zwei Indianer, denen er die Aufgabe erteilt hatte, Joe, dem dritten Weißen in der Gesellschaft, zu helfen. Sie hatten ihn verlassen. Mit einem Blick sah Sitka Charley, daß sie sprungbereit waren, und wußte, daß sie jetzt endlich seine Herrschaft abgeschüttelt hatten. Es überraschte ihn deshalb auch nicht, als er die Jagdmesser funkeln sah, die sie aus der Scheide zogen bei seinem Befehl, umzukehren und den Verlassenen zu holen. Es war ein kläglicher Anblick, wie diese drei kraftlosen Männer in der gewaltigen Wüste ihr bißchen Kraft zusammennahmen. Die Zwei fuhren vor dem wütenden Schlag des Dritten mit der Büchse zurück und kehrten dann wie geprügelte Hunde zur Koppel zurück. Zwei Stunden später erreichten sie, von Sitka Charley angetrieben, mit dem taumelnden Joe das Feuer, wo die übrigen Mitglieder der Expedition sich im Schutz der Decke zusammengekauert hatten.

»Ein paar Worte, Kameraden, ehe wir schlafen«, sagte Sitka Charley, als sie ihre knappen Rationen ungesäuerten Brotes verzehrt hatten. Er sprach mit den Indianern in ihrer eigenen Sprache, nachdem er den Weißen bereits die Mitteilung gemacht hatte. »Ein paar Worte, Kameraden, zu eurem eigenen Besten, damit ihr vielleicht am Leben bleiben könnt. Ich will euch das Gesetz lehren. Wer es bricht, dessen Tod komme über sein eigenes Haupt. Wir haben die Hügel des Schweigens passiert und werden bald dem Hauptlauf des Stuart folgen. Es kann ein Schlaf, es können mehrere, es können auch viele sein. Aber einmal werden wir zu den Männern am Yukon kommen, die Lebensmittel im Überfluß haben. Es ist am besten, wenn wir das Gesetz halten. Heute haben Kah-Chucte und Gowhee, denen ich befahl, den Weg zu bahnen, vergessen, daß sie Männer sind; sie sind wie ängstliche Kinder davongelaufen. Nun ja, sie vergaßen; so laßt auch uns vergessen. Aber von jetzt an müssen sie daran denken. Tun sie es nicht« – er berührte wie zufällig die Büchse und fuhr barsch fort: »Morgen sollen sie das Mehl tragen und dafür sorgen, daß der weiße Mann Joe nicht zurückbleibt. Das Mehl ist abgemessen. Sollte morgen abend auch nur eine Unze fehlen – ihr versteht mich? Auch andere haben heute vergessen. ›Elchkopf‹ und ›Drei-Lachse‹ haben den weißen Mann Joe im Schnee liegenlassen. Das darf nicht wieder geschehen. Bei Tagesanbruch sollen sie vorangehen und den Weg bahnen. Nun habt ihr das Gesetz gehört. Seht, daß ihr es nicht brecht.«

*

Es überstieg Sitka Charleys Kraft, die Karawane zusammenzuhalten. Von »Elchkopf« und »Drei-Lachse«, die die Vorhut bildeten und den Weg bahnten, bis zu Kah-Chucte, Gowhee und Joe war es eine Meile. Jeder stolperte vorwärts, fiel nieder oder ruhte sich aus, wie es ihm paßte. Der Marsch war ein Vorwärtskommen mit einer Reihe unregelmäßiger Halte. Jeder benutzte die letzten Reste seiner Kräfte, um sich weiterzuschleppen, bis er nicht mehr konnte. Aber wie durch ein Wunder war immer noch ein kleiner Rest übrig. Jedesmal, wenn ein Mann fiel, hatte er die feste Überzeugung, daß er sich nicht mehr erheben könnte; und doch erhob er sich, erhob sich immer wieder. Der Körper unterlag, aber der Wille siegte; jeder Sieg aber war eine Tragödie. Der Indianer mit dem erfrorenen Fuß, der sich nicht mehr aufrecht halten konnte, kroch jetzt auf Händen und Knien. Er ruhte sich selten aus, denn er wußte, was das hieß. Selbst Frau Eppingwells Lippen waren in einem verzerrten Lächeln erstarrt, und ihre Augen standen offen, ohne etwas zu sehen. Oft blieb sie stehen und drückte, atemlos und schwindlig, die Hand gegen das Herz.

Joe, der weiße Mann, litt nicht mehr. Er bettelte nicht mehr, daß man ihn liegen ließe, bat nicht mehr, sterben zu dürfen; er war ruhig und froh in einem schmerzlosen Wahnsinn. Kah-Chucte und Gowhee schleppten ihn brutal mit, blickten ihn wütend an und schlugen ihn. Für sie war dies der Gipfel der Ungerechtigkeit. Ihre Herzen waren voller Haß und nur durch die Furcht gezähmt. Warum mußten sie ihre Kräfte mit seiner Schwäche belasten? Es zu tun, bedeutete den Tod; es nicht zu tun – sie erinnerten sich Sitka Charleys Gesetz und seiner Büchse.

Als das Tageslicht schwand, fiel Joe immer öfter, und so schwer war er wieder auf die Beine zu bringen, daß sie immer mehr zurückblieben. Zuweilen setzten sie sich alle in den Schnee. So schwach waren die Indianer jetzt. Und doch trugen sie Leben, Kraft und Wärme auf dem Rücken. In den Mehlsäcken war alles, was sie brauchten, um das Leben zu erhalten. Immer wieder mußten sie daran denken, und es war nicht merkwürdig, daß geschah, was geschah. Auf einem mächtigen, umgestürzten Baum mit Tausenden von Zweigen, die darauf warteten, als Brennholz benutzt zu werden, waren sie niedergesunken. In der Nähe war eine Lache auf dem Eise. Kah-Chucte sah auf das Brennholz und sah auf das Wasser, und dasselbe tat Gowhee; dann sahen sich beide an. Es wurde kein Wort gesprochen. Gowhee schlug Feuer, Kah-Chucte füllte einen Zinnbecher mit Wasser und setzte ihn aufs Feuer. Joe schwatzte drauflos in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Sie verrührten Mehl in dem warmen Wasser, bis es zu einem dünnen Teig wurde, und tranken viele Becher davon. Joe boten sie nichts davon an, aber er machte sich auch nichts daraus. Er machte sich aus nichts etwas, nicht einmal aus seinen Mokassins, die angesengt wurden und qualmten.

Feiner Schnee stäubte über sie, sanft, liebkosend, und hüllte sie in sein weiches, weißes Laken. Und doch hätten ihre Füße noch Menschenpfade beschritten, würde das Schicksal nicht die Wolken beiseitegefegt und die Luft gereinigt haben. Nein, zehn Minuten Aufschub hätten Rettung bedeutet. Sitka Charley blickte zurück, sah die Rauchsäule von ihrem Feuer und erriet, was geschehen war. Und er sah nach vorn auf die, die treu waren, und auf Frau Eppingwell.

»Ihr habt also vergessen, daß ihr Männer seid, Kameraden? Schön. Ausgezeichnet. So brauchen wir weniger Mägen zu stopfen.«

Sitka Charley band, während er sprach, den Mehlsack zu, warf ihn sich auf den Rücken und schnallte ihn fest. Er trat Joe, bis die Schmerzen die Glückseligkeit des armen Teufels durchdrangen, und er, schwankend und taumelnd, auf die Füße kam. Dann schleppte er ihn auf den Weg und setzte ihn in Bewegung. Die beiden Indianer versuchten zu entkommen.

»Halt, Gowhee! Und auch du, Kah-Chucte! Hat das Mehl euren Beinen solche Kraft verliehen, daß sie vor dem schnellen Blei davonlaufen können? Denkt nicht daran, dem Gesetz zu entgehen. Zeigt euch ein letztes Mal als Männer und freut euch, daß ihr mit vollem Magen sterben könnt. Kommt, stellt euch Schulter an Schulter an den Baum!«

Die beiden Männer gehorchten, ruhig, furchtlos; denn einen Mann erschreckt nur das Künftige, nicht das Gegenwärtige.

»Du, Gowhee, hast Frau und Kinder und ein Zelt aus Tierfellen in Chippewyan. Wie bestimmst du darüber?«

»Gib ihr, was der Kapitän mir versprochen hat – die Decken, die Perlen, den Tabak, den Kasten, der das merkwürdige Geräusch macht. Sag', daß ich auf der Reise starb, aber sag' nicht, wie.«

»Und du, Kah-Chucte, der weder Frau noch Kinder hat?«

»Ich habe eine Schwester, die Frau des Faktors in Koshim. Er schlägt sie, und sie ist nicht glücklich. Gib ihr, was mir nach der Vereinbarung zukommt, und sag' ihr, sie möge lieber zu ihrem eigenen Volk zurückkehren. Solltest du den Mann treffen und es dir einfallen, so wäre es eine gute Tat, wenn er stürbe. Er schlägt sie, und sie fürchtet sich.«

»Seid ihr es zufrieden, nach dem Gesetz zu sterben?«

»Wir sind es!«

»Dann lebt wohl, meine guten Kameraden. Mögt ihr, ehe der Tag um ist, in warmen Wohnungen und an wohlgefüllten Töpfen sitzen.«

Während er noch sprach, hob er die Büchse und ein vielfaches Echo durchbrach die Stille. Kaum war es verklungen, als andere Büchsen in der Ferne antworteten. Sitka Charley fuhr zusammen. Mehr als ein Schuß hatte geknallt, und doch gab es nur noch eine Büchse in der Gesellschaft. Er sandte den Männern, die so still dalagen, einen hastigen Blick und lächelte höhnisch über die Weisheit der Reise. Dann eilte er fort, den Männern von Yukon entgegen.

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