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Der Sohn des Wolfs

Jack London: Der Sohn des Wolfs - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Sohn des Wolfs
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft Berlin
yearo.J.
firstpub1927
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170929
projectidd37d578e
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Auf der Rast

»Rein damit!«

»Aber sag' mal, Kid, wird das nicht ein bißchen zu stark? Whisky und Schnaps ist schon schlimm genug; und dann noch Kognak und Pfeffersauce hinein und –«

»Rein damit. Wer macht diesen Punsch, wie?«

Und Malemute Kid lächelte wohlwollend durch den Dampf. »Wenn du so lange in diesem Lande gewesen wärst wie ich, mein Sohn, und von Kaninchenfährten und Lachsbäuchen gelebt hättest, würdest du wissen, daß nur einmal im Jahre Weihnachten ist. Und Weihnachten ohne Punsch hieße einen Schacht graben, ohne ihn abzuteufen.«

»Laß dir nicht reinschwatzen«, sagte der Große Jim Belden zustimmend. Er war von seiner Grube bei Mazy May gekommen, um Weihnachten zu feiern, und hatte, wie alle wußten, die letzten Monate ausschließlich von Renntierfleisch gelebt. »Ihr habt doch nicht vergessen, wie wir die Tanana anführten, was?«

»Nee, weiß Gott. Jungens, das würde eure Herzen erfreut haben, wenn ihr gesehen hättet, wie der ganze Stamm besoffen war – und alles nur durch eine prachtvolle Mischung von Zucker und Sauerteig. Das war vor deiner Zeit«, sagte Malemute Kid und wandte sich an Louis Savoy, einen jungen Goldgräber, der erst vor zwei Jahren gekommen war. »Damals gab es keine weiße Frau im Lande, und Mason wollte gern heiraten. Der Vater von Ruth war Häuptling der Tanana und erhob, wie der ganze Stamm, Einwände. War mächtig starrköpfig. Na, ich opferte mein letztes Pfund Zucker; es war das feinste Stück Arbeit, das ich je geleistet habe. Ihr hättet nur die Jagd den Fluß hinunter und quer über die Landenge sehen sollen.«

»Aber die Squaw?« forschte Louis Savoy, der große Französisch-Kanadier. Er hatte letzten Winter in Forty-Mile von dem tollen Streich gehört.

Da berichtete Malemute Kid, der der geborene Erzähler war, die ungeschminkte Wahrheit über diesen Brautraub des Nordlands. Mehr als einer dieser rauhen Abenteurer fühlte, wie sich ihm das Herz zusammenschnürte, und sehnte sich unbestimmt nach den sonnigen Weiten der Heimat, wo das Leben mehr versprach als unfruchtbaren Kampf gegen Kälte und Tod.

»Wir erreichten den Yukon gerade beim ersten Eisbruch,« schloß er, »und der Stamm war nur eine Meile hinter uns. Aber das war unsere Rettung, denn beim zweiten Eisbruch öffnete sich das Wasser zwischen uns und ihnen, und als sie nach Nuklukyeto kamen, war die ganze Station zu ihrem Empfang vorbereitet. Und was die Trauung betrifft, so frag' nur Vater Roubeau hier; er hat die Zeremonie ausgeführt.«

Der Jesuit nahm die Pfeife aus dem Munde, konnte aber seine Befriedigung nur durch ein väterliches Lächeln zu erkennen geben, während Protestanten und Katholiken kräftig applaudierten.

»Donnerwetter!« rief Louis Savoy, den die romantische Geschichte sehr zu fesseln schien. »La petite Squaw; mon Mason brave. Donnerwetter!«

Als dann die ersten Zinnbecher mit Punsch die Runde machten, sprang der stets durstige Bettles auf und stimmte sein Lieblingslied von der Sassafraswurzel an, und der bacchantische Chor brüllte den Refrain.

Malemute Kids furchtbares Gebräu tat seine Wirkung; die Männer aus den Lagern und den weiten Einöden tauten unter seiner Wärme auf, und Scherz, Gelächter, Gesang und Erzählungen aus einer entschwundenen Zeit gingen reihum. Männer, die das Schicksal aus einem Dutzend Länder zusammengewürfelt hatte, tranken sich zu. Der Engländer Prince hielt eine Rede auf »Uncle Sam, das frühreife Kind der Neuen Welt«; der Yankee Bettles trank auf das Wohl der Königin (»Gott segne sie!«), und Louis Savoy stieß mit dem deutschen Händler Meyers auf Elsaß-Lothringen an. Dann erhob sich Malemute Kid, den Becher in der Hand und blickte auf das fettige Papierfenster, das mit einer drei Zoll dicken Eisschicht bedeckt war.

»Es lebe der Mann, der heute nacht auf der Fahrt ist! Möge sein Proviant reichen, mögen seine Hunde frisch bleiben und seine Streichhölzer nie naß werden!«

*

Sie hörten das wohlbekannte Knallen der Hundepeitsche, das Heulen der Hunde und das Schurren eines Schlittens, der vor der Hütte anhielt. Die Unterhaltung hörte auf, man wartete, was da kommen sollte.

»Das ist einer von den Alten. Er sorgt zuerst für seine Hunde und dann erst für sich«, flüsterte Malemute Kid, während sie auf das Schnappen der Kiefer und das wolfsartige Knurren und Heulen hörten. Der Fremde trieb offenbar ihre Hunde zurück, während er die seinen fütterte.

Dann ertönte das erwartete Klopfen, scharf und zuversichtlich, und der Fremde trat ein. Vom Licht geblendet, zögerte er einen Augenblick in der Tür und gab ihnen Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er war eine seltsame, malerische Gestalt in seiner Polartracht aus Wolle und Pelz. Er maß sechs Fuß und zwei oder drei Zoll, und seiner Größe entsprachen Schulterbreite und Brustweite. Sein glattrasiertes Gesicht war durch die Kälte rosig gefärbt, die langen Wimpern waren weiß von Reif, und die Ohrenklappen sowie der Nackenschutz der großen Wolfsfellmütze hingen lose herab, so daß er, wie er aus der Nacht draußen hereintrat, dem Frostkönig selbst glich. Um seine Mackinaw-Jacke war ein perlengestickter Gürtel geschnallt, in dem zwei große Coltrevolver und ein Jagdmesser steckten, und außer der unvermeidlichen Hundepeitsche trug er eine rauchlose Büchse von schwerstem Kaliber und neustem Modell. Als er nähertrat, sahen sie, daß er sehr angegriffen war, wenn sein Gang auch fest und elastisch war.

Ein verlegenes Schweigen herrschte, aber sein herzliches »Fröhliche Weihnachten, Leute!« brachte die andern gleich wieder in Stimmung, und im nächsten Augenblick schüttelten Malemute Kid und er sich die Hände. Obwohl sie sich noch nie getroffen hatten, kannten sie sich doch vom Hörensagen. Man hieß ihn herzlich willkommen und setzte ihm einen Becher Punsch vor, ehe er Gelegenheit hatte, etwas zu erzählen.

»Wie lange ist es her, daß ein Korbschlitten mit drei Mann und acht Hunden hier vorbeigekommen ist?« fragte er.

»Wohl zwei Tage. Bist du hinter ihnen her?«

»Ja, es ist mein Gespann. Laufen mir gerade vor der Nase davon, die Spitzbuben. Zwei Tage habe ich schon eingeholt – aber jetzt habe ich sie wohl bald.«

»Na, und dann wirst du wohl Funken aus ihnen schlagen?« fragte Belden, um das Gespräch in Gang zu halten, denn Malemute Kid hatte schon die Kaffeekanne hingestellt und war eifrig dabei, Speck und Elchfleisch zu braten.

Der Fremde schlug bedeutungsvoll auf seine Revolver.

»Wann bist du von Dawson aufgebrochen?«

»Um zwölf.«

»Gestern abend natürlich.«

»Heute mittag.«

Ein überraschtes Murmeln ging durch den Kreis, und das mit gutem Grunde, denn es war jetzt gerade Mitternacht, und in zwölf Stunden siebzig Meilen rauhen Flußeises war etwas fast Unerhörtes.

Das Gespräch kam jetzt auf allgemeinere Dinge, und zwar wie immer, auf Kindheitserinnerungen. Während der Fremde die einfache Kost aß, forschte Malemute Kid aufmerksam in seinen Zügen. Er kam schnell zu dem Ergebnis, daß sie hübsch, offen und ehrlich waren, und daß sie ihm gefielen. Der Mann war noch jung, aber Gefahren und Mühsal hatten seine Züge streng gemacht. Obwohl seine blauen Augen freundlich blickten, wenn er mit jemand sprach, und milde, wenn er schwieg, konnte man sich den harten Stahlglanz vorstellen, der sich in ihnen zeigen mußte, wenn es galt, zu handeln, und namentlich, wenn es galt, es mit einer Übermacht aufzunehmen. Die schweren Kinnladen und das viereckige Kinn deuteten auf Eigensinn und Unbezwinglichkeit. Aber trotz allem, was die Natur des Löwen kennzeichnete, zeugten eine gewisse Milde und eine leise Andeutung von Weiblichem von einer weichen Natur.

»Ja, so wurde ich also mit meiner Alten zusammengespleißt«, sagte Belden, indem er den spannenden Bericht von seiner Freierfahrt schloß. »›Hier sind wir, Papa‹, sagte sie. ›Ich will euch gehängt sehen‹, sagte er und wandte sich dann zu mir: ›Jim, mach', daß du wegkommst mit deinen Lumpen. Ich will vor dem Mittagessen ein tüchtiges Stück von den vierzig Morgen gepflügt haben.‹ Und dann wandte er sich zu ihr. ›Und du, Sal, mach', daß du an deine Töpfe kommst.‹ Und dann schnaufte er und gab ihr einen Kuß. Und ihr könnt mir glauben, daß ich froh war – aber das merkte er mir an und rief: ›Also los, Jim!‹ Und ich machte, daß ich hinauskam.«

»Warten Kinder auf dich?« fragte der Fremde.

»Nein, Sal starb, ehe eins kam. Deshalb bin ich hier.«

Belden zündete sich nachdenklich die Pfeife an, die gar nicht ausgegangen war. Dann erhellten sich seine Züge, und er fragte:

»Und du, Fremder – verheiratet?«

Statt zu antworten, öffnete der Mann seine Uhr, löste sie von dem Riemen, der ihm als Uhrkette diente, und reichte sie dem andern. Belden trat an die Tranlampe, betrachtete kritisch das Uhrgehäuse, stieß leise einen bewundernden Fluch aus und reichte die Uhr Louis Savoy. Mit zahlreichen »Donnerwettern!« reichte dieser die Uhr schließlich Prince, und man sah, daß dessen Hände zitterten, und daß seine Augen einen seltsam sanften Ausdruck annahmen. Und so ging sie von einer rauhen Hand in die andere – diese kolorierte Photographie einer Frau, von eben der lieblichen Art, wie solche Männer sie sich in ihrer Phantasie denken, mit einem Kind an der Brust. Die das Wunder noch nicht gesehen hatten, waren wild von Neugier; die es gesehen, schweigsam und nachdenklich. Sie konnten dem Hunger, dem Schrecken des Skorbuts, einem plötzlichen Tode zu Wasser und zu Lande ins Auge sehen, aber das kolorierte Bild einer unbekannten Frau mit ihrem Kinde machte sie alle zu Frauen und Kindern.

»Ich habe den Kleinen nie gesehen – es ist ein Junge, schrieb sie, und zwei Jahre alt«, sagte der Fremde, als er den Schatz zurückerhielt. Einen Augenblick betrachtete er das Bild zögernd, dann schloß er die Kapsel schnell und wandte sich ab, aber nicht schnell genug, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen.

Malemute Kid führte ihn zu einer Koje und hieß ihn sich niederlegen.

»Wecke mich Punkt vier. Vergiß es ja nicht«, lauteten seine letzten Worte, und einen Augenblick später atmete er tief im Schlaf der Erschöpfung.

»Donnerwetter, das ist ein Kerl«, meinte Prince. »Drei Stunden Schlaf nach fünfundsiebzig Meilen, und dann wieder los auf die Spur. Wer ist er, Kid?«

»Jack Westondale. Ist seit drei Jahren hier und hat noch nichts gewonnen, außer dem Ruf, daß er wie ein Pferd arbeitet, sonst hat er nur ein Pech nach dem andern gehabt. Ich kenne ihn nicht selbst, aber Sitka Charley hat mir von ihm erzählt.«

»Es muß hart sein, daß ein Mann mit einer so reizenden Frau seine besten Jahre in diesem gottverlassenen Loch verbringen soll, wo ein Jahr so viel ist wie zwei anderswo in der Welt.«

»Sein Fehler ist, daß er einfach ein zu toller Draufgänger und dabei zu eigensinnig ist. Zweimal hat er alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren.«

Die Unterhaltung wurde durch den lärmenden Bettles unterbrochen, denn die elegische Stimmung begann zu schwinden. Und bald vergaß man die einförmigen Jahre mit der einfachen Kost und der ewigen Mühsal und überließ sich einer lauten Heiterkeit. Nur Malemute Kid schien nicht mitgerissen zu werden. Immer wieder sah er ängstlich auf seine Uhr. Schließlich nahm er Fausthandschuhe und Biberfellmütze, verließ den Raum und begann in der Vorratskammer zu rumoren.

Er konnte auch die festgesetzte Zeit nicht abwarten, sondern weckte seinen Gast eine Viertelstunde zu früh. Der junge Riese war ganz steif geworden, und er mußte ihn kräftig reiben, um ihn auf die Füße zu bringen. Dann wankte der Mann mit Mühe aus der Hütte, wo er seine Hunde angeschirrt und alles zum Aufbruch bereit fand. Die Gesellschaft wünschte ihm einen guten baldigen Erfolg, Vater Roubeau gab ihm einen schnellen Segen, und dann gingen die andern wieder in die Hütte: kein Wunder, denn es ist nicht angenehm, sich einer Kälte von vierundsiebzig Grad Fahrenheit unter Null mit unbeschützten Händen und Ohren auszusetzen.

Malemute Kid brachte ihn bis zur Hauptschlittenbahn, schüttelte ihm herzlich die Hand und gab ihm gute Ratschläge.

»Du wirst hundert Pfund Lachsrogen auf dem Schlitten finden«, sagte er. »Für die Hunde ist das ebensoviel wie hundertfünfzig Pfund Fisch, und in Pelly bekommst du kein Hundefutter, wie du vielleicht dachtest.« Der Fremde fuhr zusammen, seine Augen funkelten, aber er unterbrach ihn nicht. »Du kriegst nicht ein Gramm Nahrung für dich oder die Hunde, ehe du Five Fingers erreichst, und das sind gut zweihundert Meilen. Achte auf das offene Wasser auf dem Thirty-Mile-Fluß. Und nimm den Richtweg über den Le-Barge-See.«

»Woher weißt du es? Die Nachricht kann mir doch noch nicht zuvorgekommen sein.«

»Ich weiß nichts und will auch nichts wissen. Aber das Gespann, dem du nachjagst, hat dir nie gehört. Sitka Charley hat es letztes Frühjahr verkauft. Aber er sagte einmal, daß du dich mit mir messen könntest, und ich glaube ihm. Dein Gesicht gefällt mir. Und – also, zum Kuckuck, sieh, daß du ans Salzwasser kommst und zu deiner Frau und –«

Hier zog Kid sich den Handschuh ab und reichte ihm seinen Geldbeutel.

»Nein, das brauche ich nicht«, und die Tränen gefroren auf seinen Wangen, als er krampfhaft Malemute Kids Hand preßte.

»Schone die Hunde nicht. Sobald einer zurückbleibt, schneide ihn los und kaufe dir einen neuen, was du auch dafür geben mußt. Du kriegst welche in Five Fingers, Little Salmon und in Hootalinqua. Und nimm dich vor nassen Füßen in acht«, war sein letzter Rat. »Mach' bei jeder Rast ein Feuer und wechsle die Strümpfe.«

*

Keine fünfzehn Minuten später verkündete Schellengeläut die Ankunft neuer Gäste. Die Tür öffnete sich, und ein Mann von der berittenen Polizei des Nordwest-Territoriums trat, von zwei halbblütigen Hundeführern gefolgt, ein. Wie Westondale waren auch sie schwer bewaffnet und schienen erschöpft zu sein. Die Mischlinge waren die Fahrt gewohnt, und sie hielten sich noch gut; der junge Polizist aber war arg mitgenommen. Die Hartnäckigkeit seiner Rasse hielt ihn jedoch aufrecht.

»Wann ist Westondale gefahren?« fragte er. »Er hat hier doch Aufenthalt gemacht, nicht wahr?« Es war eine überflüssige Frage, denn die Fährte antwortete nur zu deutlich.

Malemute Kid hatte Belden einen Blick zugeworfen, der verstand den Wink und antwortete ausweichend: »Das ist schon eine ganze Weile her.«

»Hör', Mann, raus jetzt mit der Wahrheit«, sagte der Polizist warnend.

»Du möchtest ihn wohl gern fassen. Hat er in Dawson zu viel Radau gemacht?«

»Er hat Harry McFarland vierzigtausend geraubt und sich einen Scheck auf Seattle gekauft; und wer kann die Auszahlung verhindern, wenn wir ihn nicht einholen? Wann ist er weitergefahren?«

Nicht ein Blick verriet die allgemeine Spannung, denn Malemute Kid hatte das Beispiel gegeben, und der junge Polizist begegnete deshalb überall nur unbeweglichen Gesichtern.

Er trat rasch auf Prince zu und richtete seine Frage an ihn; aber obgleich der Kanadier ein peinliches Gefühl hatte, als er das ernste offene Gesicht seines Landsmannes sah, erzählte er doch nur etwas ganz Unwesentliches vom Zustand der Wege.

Da fragte er Vater Roubeau, und der konnte nicht lügen. »Vor einer Viertelstunde«, antwortete der Priester. »Aber er und seine Hunde haben sich vier Stunden ausgeruht.«

»Fünfzehn Minuten Vorsprung und ausgeruht! Herrgott!« Der arme Bursche wankte halb bewußtlos vor Erschöpfung und Enttäuschung zurück und murmelte etwas von einer zehnstündigen Fahrt von Dawson, und daß die Hunde nicht weiter könnten.

Malemute Kid zwang ihn, einen Becher Punsch zu trinken. Dann wandte sich der junge Mann zur Tür und befahl den Hundeführern, ihm zu folgen. Aber die Wärme und die Aussicht auf Ruhe war zu verlockend, und sie erhoben kräftige Einwände. Kid verstand ihr französisches Patois und folgte gespannt ihrer Unterhaltung.

Sie schworen, daß die Hunde nicht weiter könnten, daß Siwash und Babette erschossen werden müßten, ehe sie die erste Meile hinter sich hätten, daß es mit den andern kaum besser ginge, und daß es für alle Teile das beste wäre, sich auszuruhen.

»Leih mir fünf Hunde!« bat der Polizist Malemute Kid.

Aber Kid schüttelte den Kopf.

»Ich gebe dir einen Scheck über fünftausend auf Kapitän Constantine – hier sind meine Papiere – ich habe Vollmacht, nach Gutdünken zu ziehen.«

Dieselbe stumme Weigerung.

»Dann requiriere ich sie im Namen der Königin.«

Kid lächelte ungläubig, indem er einen Blick auf sein wohlversehenes Arsenal warf, und der Engländer, der seine Ohnmacht einsah, wandte sich zum Gehen. Als die Hundeführer aber immer noch Einwände erhoben, fuhr er wütend auf sie los und schalt sie Weiber und Köter. Das dunkle Gesicht des älteren Mischlings wurde blutrot vor Zorn, er richtete sich auf und schwor, aushalten zu wollen, bis ihm die Haut in Fetzen von den Füßen hinge; und dann würde es ihm ein besonderes Vergnügen machen, den Anführer in den Schnee zu werfen.

Der junge Polizist ging mit Aufgebot seiner ganzen Energie, ohne zu wanken, zur Tür und schützte eine Kraft vor, die er gar nicht besaß. Aber alle sahen es und wußten diese stolze Anspannung zu schätzen. Er konnte jedoch nicht ganz verbergen, daß sein Gesicht vor Schmerz zuckte. Reifbedeckt lagen die Hunde zusammengerollt im Schnee, und es war fast unmöglich, sie auf die Beine zu bekommen. Die armen Tiere heulten unter den Peitschenhieben. Die Führer waren wütend und blutdürstig, sie konnten den Schlitten auch erst in Gang bekommen, als Babette, der Leithund, abgeschnitten war.

»Ein dreckiger Schurke und Lügner!« »Der Blitz soll ihn treffen!« »Ein Dieb!« »Schlimmer als ein Indianer!« Es war klar, daß sie zornig waren – erstens über die Art und Weise, wie sie hinters Licht geführt worden waren, zweitens im Namen der verletzten Moral des Nordlandes, wo Ehrlichkeit die höchste Tugend des Mannes ist. »Und wir haben dem Banditen noch geholfen, als wir schon wußten, was er getan hat.« Alle Augen richteten sich anklagend auf Malemute Kid, der sich aus der Ecke erhob, wo er es Babette bequem gemacht hatte, und schweigend den Rest des Punsches in die Becher schenkte.

»Es ist eine kalte Nacht, Jungens – eine bitterkalte Nacht«, begann er, etwas abweichend, seine Verteidigung. »Ihr habt alle schon Schlittenreisen gemacht und wißt, was das heißt. Tritt keinen Hund, wenn er fertig ist. Ihr habt nur die eine Seite der Sache gesehen. Ein ehrlicherer Mann als Jack Westondale hat nie aus demselben Napf wie ihr oder ich gegessen. Voriges Jahr im Frühling gab er seine ganzen Ersparnisse, vierzigtausend, Joe Castrell, damit er Land von der Regierung für ihn kaufte. Heute wäre er Millionär gewesen. Aber was tut Joe Castrell, während Westondale in Circle City blieb, um einen skorbutkranken Freund zu pflegen? Geht zu McFarland und verspielt das Ganze. Am nächsten Tage lag er tot im Schnee. Und der arme Jack hatte gedacht, im Winter heimzureisen, zu seiner Frau und dem Jungen, den er noch nie gesehen hatte! Denkt daran, er nahm genau, was sein Kompagnon verlor – vierzigtausend. Na, jetzt ist er weg, und was wollt ihr nun dabei machen?«

Kid blickte sich im Kreise um, sah, daß der Zorn sich legte, und hob seinen Becher. »Und nun wollen wir anstoßen auf den Mann, der auf der Fahrt ist. Möge sein Proviant reichen, mögen seine Hunde frisch bleiben und seine Streichhölzer nie naß werden. Gott sei mit ihm, gebe ihm Glück und –«

»Nieder mit der berittenen Polizei!« rief Bettles, und sie stießen mit vollen Bechern an.

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