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Der Sohn des Wolfs

Jack London: Der Sohn des Wolfs - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleDer Sohn des Wolfs
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft Berlin
yearo.J.
firstpub1927
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170929
projectidd37d578e
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Die Männer von Forty-Mile

Als der Große Jim Belden die scheinbar unschuldige Behauptung aufstellte, daß Grützeis der reine Witz sei, ließ er sich kaum träumen, wohin das führen sollte. Das tat Lon McFane auch nicht, als er versicherte, daß Grundeis ein noch größerer Witz sei, und ebensowenig Bettles, als er diese Behauptung sofort bestritt und erklärte, daß Grundeis überhaupt nur ein Märchen sei.

»Und das willst du mir erzählen,« rief Lon, »wo wir so viele Jahre hier im Lande gewesen sind! Und dabei haben wir jeden Tag in den vielen Jahren aus ein und demselben Topf gegessen!«

»Aber es ist wider die Vernunft«, wandte Bettles ein. »Sieh, Wasser ist doch wärmer als Eis –«

»Wenn man einbricht, merkt man den Unterschied nicht sonderlich.«

»Aber es ist doch wärmer, weil es nicht gefroren ist. Und da sagst du, daß es auf dem Grunde gefriert.«

»Nur das Grundeis, David, nur das Grundeis. Seid ihr nie abgefahren in einem Wasser, das klar wie Glas war, und dann sprudelte auf einmal, wie eine Wolke vor die Sonne, Grundeis auf, unaufhörlich, bis der Fluß von einem Ufer zum andern wie nach dem ersten Schneefall bedeckt war?«

»Ach ja! Mehr als einmal, wenn ich gerade ein Nickerchen am Steuerruder machte. Aber das kam immer aus dem nächsten Seitenkanal und sprudelte nicht die Spur.«

»Aber ich habe nicht geschlafen.«

»Nee. Aber du mußt doch Vernunft annehmen. Das muß doch jeder einsehen.«

Bettles wandte sich an den Kreis, der um den Ofen saß, aber Lon McFane gab den Kampf noch nicht auf.

»Vernunft hin und Vernunft her. Es ist wahr, was ich euch erzähle. Im vorigen Herbst haben Sitka Charley und ich selbst es gesehen, als wir die Stromschnellen heruntertrieben. Ihr wißt, vor Fort Reliance. Und es war richtiges Herbstwetter – mit Sonnenflecken auf den goldenen Lärchen und den bebenden Eschen und Lichtgefunkel auf den Wellen und weit in der Ferne der Winter und der blaue Dunst des Nordlandes, die Hand in Hand gewandert kamen. Das ist immer so, und dann kommen die Eisränder an den Flüssen, und der Rückweg wird dick von Eis – und es kracht und funkelt in der Luft, man fühlt es in seinem Blut und saugt bei jedem Atemzug neues Leben ein. Dann wird die Welt klein, und man möchte weit in die Ferne schweifen.

»Aber ich bin wohl selbst etwas weit abgeschweift. Was ich sagen wollte: Wie wir so paddeln, ohne daß ich nur die Spur von Eis in den Schnellen sehe, hebt Sitka Charley seine Paddel und ruft: ›Lon McFane! Sieh dort! Ich hatte wohl schon davon gehört, aber nie geglaubt, daß ich es je zu sehen kriegen sollte.‹ Sitka Charley, wißt ihr, ist ebensowenig wie ich in diesem Lande geboren, und es war auch für ihn neu. So trieben wir denn, den Kopf über den Bootsrand, dahin, und guckten in das glitzernde Wasser, ganz wie damals, als ich bei den Perlenfischern war und auf die Korallenriffe guckte, die wie Gärten unter dem Wasser wuchsen. Da saß es, das Grundeis, hing an jedem Felsen und hob sich wie weiße Korallen.

»Aber das Beste sollte noch kommen. Gerade, als wir die Schnellen hinter uns hatten, wurde das Wasser plötzlich milchweiß, so, wie wenn die Eschen im Frühling ausschlagen, oder wenn es pladdert. Das Grundeis kam hoch. Rechts und links, so weit man sehen konnte, war das Wasser voll davon. Wie Grütze war es, es hing sich an die Rinde vom Kanu und klebte wie Leim an den Paddeln. Viele Male vorher und nachher bin ich über die Stromschnellen gefahren, aber nie habe ich das wieder gesehen. Das sieht man nur einmal im Leben.«

»Sicher«, antwortete Bettles trocken. »Meinst du, du könntest mir das einreden? Ich glaube eher, daß die Lichtflecken in deinen Augen und das Sprühen und Funkeln in der Luft von deiner eigenen Zunge kam.«

»Ich sah es mit eigenen Augen, und wenn Sitka Charley hier wäre, würde er es bestätigen.«

»Aber eine Tatsache ist unumstößlich, und man kommt nicht um sie herum. Es ist wider die Natur der Dinge, daß das Wasser ganz unten zuerst gefrieren sollte.«

»Aber mit meinen eigenen Augen –«

»Reg' dich nur nicht darüber auf«, sagte Bettles zu Lon, dessen hitziges keltisches Blut der Zorn in Wallung zu bringen drohte.

»Du glaubst mir also nicht?«

»Wenn du es durchaus wissen willst: Nein. Ich glaube in erster Reihe an die Natur und an die Tatsachen.«

»Willst du sagen, daß ich lüge?« fragte Lon drohend. »Du brauchst ja nur deine Siwash-Frau zu fragen. Laß sie entscheiden, ob ich die Wahrheit spreche.«

Bettles flammte in Wut auf. Der Irländer hatte ihn unwissentlich beleidigt, denn seine Frau war die Halbbluttochter eines russischen Pelzhändlers. Er hatte sie in der griechischen Mission von Nulato, tausend Meilen den Yukon abwärts, geheiratet, und sie war daher von viel höherer Kaste als die gewöhnliche Siwash-Frau, die Eingeborene. Das war indessen eine Nordlandsfinesse, für die nur ein Nordlandsabenteurer Verständnis hatte.

»Meinetwegen kannst du es gern so verstehen«, sagte er nachdrücklich und überlegen.

Im nächsten Augenblick hatte Lon McFane ihn zu Boden gestreckt, der Kreis fuhr auseinander, und ein Dutzend Männer legten sich dazwischen. Bettles kam wieder auf die Beine und wischte sich das Blut vom Munde.

»Es ist nicht das erstemal, daß man sich prügelt, und du darfst nicht glauben, daß ich es dir nicht heimzahle.«

»Nie im Leben werde ich einem Menschen erlauben, mich der Lüge zu beschuldigen«, lautete die höfliche Antwort. »Und es müßte schon merkwürdig zugehen, wenn ich mich weigerte, dir bei Abtragung deiner Schulden behilflich zu sein; du darfst selbst die Art und Weise wählen.«

»Hast du noch den 38-55?«

Lon nickte.

»Schaff' dir lieber ein schwereres Kaliber an. Meiner macht Löcher von Walnußgröße.«

»Nur keine Angst. Meine Kugeln wittern sich zurecht, die haben feine Nasen, und wenn sie auf der andern Seite herauskommen, haben sie sich so breit gemacht wie Pfannkuchen. Und wann habe ich das Vergnügen, dich zu treffen? Das Wasserloch dürfte eine geeignete Stelle sein.«

»Nicht schlecht. Sei in einer Stunde da, du wirst nicht zu warten haben.«

Beide Männer zogen sich die Fausthandschuhe an und gingen, taub für die Einwendungen ihrer Kameraden. Der Anlaß war so geringfügig, aber bei solchen Männern können Geringfügigkeiten, wenn sie auf heftige Leidenschaften und starre Köpfe stoßen, leicht anschwellen und groß werden. Dazu waren die Leute von Forty Mile, die den langen arktischen Winter hindurch eingesperrt waren, durch zuviel Nahrung und erzwungenen Müßiggang cholerisch und reizbar geworden wie die Bienen im Herbst, wenn die Stöcke von Honig überfließen.

Es gab kein Gesetz im Lande. Die berittene Polizei war eine Utopie. Jedermann rächte selbst eine ihm zugefügte Beleidigung und bestimmte die Strafe nach eigenem Ermessen. Selten war ein gemeinsames Vorgehen nötig gewesen, und nie war in der einförmigen Geschichte des Lagers das achte Gebot verletzt worden.

Der Große Jim Belden berief stehenden Fußes eine Versammlung ein. Der Grindige Mackenzie wurde zum Vorsitzenden erwählt und ein Bote fortgeschickt, um Vater Roubeaus Dienste zu erbitten. Ihre Stellung war etwas eigentümlich, und das wußten sie. Mit dem Recht des Stärkeren konnten sie sich dazwischenlegen und das Duell verhindern; wenn aber auch ein solches Auftreten ihren Wünschen entsprochen hätte, so widersprach es doch strikte ihren Anschauungen. Ihre rohgezimmerte, etwas unmoderne Ethik erkannte das persönliche Recht eines jeden an, Schlag mit Schlag zu vergelten, aber sie konnten den Gedanken nicht ertragen, daß zwei Kameraden wie Bettles und McFane sich auf Leben und Tod schlagen sollten. Zwar war, wer nicht kämpfte, wenn er herausgefordert wurde, in ihren Augen ein Feigling, als es jetzt aber Ernst wurde, war ihnen die Geschichte doch ein bißchen zu bunt.

Ein Schurren von Mokassins, laute Rufe und gleich darauf ein Revolverschuß unterbrachen die Diskussion. Dann wurde die Sturmtür aufgerissen, Malemute Kid trat, einen rauchenden Colt in der Hand, ein und sagte heiter blinzelnd:

»Den hab' ich getroffen.« Er schob eine frische Patrone in die Trommel und fügte hinzu: »Deinen Hund, Mack.«

»Gelbmaul?« fragte Mackenzie.

»Nein, den Schlappohrigen.«

»Teufel auch! Mit dem war doch nichts.«

»Komm raus und sieh selber.«

»Es wird wohl stimmen. Er ist natürlich auch angesteckt. Gelbmaul kam heute morgen zurück, biß ihn und hätte mich dabei fast zum Witwer gemacht. Er ging auf Zarinska los, aber sie schlug ihm den Rock um die Ohren und entwischte ihm durch einen tüchtigen Lauf im Schnee. Da rannte er wieder in den Wald. Ich hoffe, er kommt nicht wieder. Hast du selbst welche verloren?«

»Einen – den besten vom Gespann – Shookum. Lief heute morgen Amok. Kam aber nicht weit. Rannte in Sitka Charleys Gespann hinein und wurde vollkommen zerfetzt. Und jetzt sind zwei von seinen Hunden gebissen und toll geworden, so daß Shookum schließlich kriegte, was er wollte. Die Hunde werden knapp zum Frühling, wenn wir nicht etwas tun.«

»Die Männer werden auch knapp.«

»Wieso? Was ist denn nun wieder los?«

»Ach, Bettles und Lon McFane sind sich in die Haare geraten, und in ein paar Minuten werden sie die Geschichte am Wasserloch ausmachen.«

Der Fall wurde wiederum berichtet, und Malemute Kid, der gewohnt war, daß seine Kameraden ihm gehorchten, übernahm es, die Sache in Ordnung zu bringen. Er erklärte seinen Plan, und sie versprachen, ihm unbedingt zu folgen.

»Wie ihr seht,« lauteten seine letzten Worte, »nehmen wir ihnen nicht ihr Recht, sich zu schlagen, aber ich glaube doch, daß sie es nicht tun werden, wenn ihnen meine Absicht aufgeht. Das Leben ist ein Spiel, und Menschen sind die Spieler. Sie setzen ihren ganzen Besitz auf eine Chance gegen tausend. Nehmt ihnen aber diese Chance, und – sie spielen nicht mehr.«

Er wandte sich zu den Männern, die die Aufsicht über die Vorräte hatten. »Mann, miß uns drei Faden von deinem besten halbzölligen Manilaseil ab.«

»Wir wollen den Männern von Forty-Mile eine Lehre erteilen, die sie nie vergessen werden«, prophezeite er. Dann wickelte er das Seil um den Arm und folgte seinen Kameraden zur Tür hinaus, gerade rechtzeitig, um die Hauptpersonen zu treffen.

»Was plagte ihn der Teufel, meine Frau hineinzumischen?« donnerte Bettles einen Freund an, der den Versuch machte, ihn zu beruhigen. »Was hatte das mit der Sache zu tun?« schloß er nachdrücklich. »Was hatte das mit der Sache zu tun?« wiederholte er immer wieder, während er auf und ab wanderte und auf Lon McFane wartete.

Und Lon McFane: mit glühendem Gesicht und ungeheurer Zungenfertigkeit trotzte er der Kirche direkt ins Gesicht. »Lieber lasse ich mich in feurigen Decken auf ein Bett von glühenden Kohlen legen, Vater,« schrie er, »als daß es heißen soll, Lon McFane hätte eine Lüge eingesteckt, ohne zu mucksen. Ich bitte auch nicht um einen Segen. Wohl hab' ich ein wildes Leben geführt, aber das Herz saß stets auf dem rechten Fleck.«

»Aber es ist gar nicht dein Herz, Lon,« unterbrach Vater Roubeau ihn, »es ist dein Stolz, der dich dazu bringt, einen Mitmenschen zu töten.«

»Ihr seid Franzose«, antwortete Lon. Und indem er sich zum Gehen wandte, sagte er: »Wenn das Glück gegen mich ist, lesen Sie wohl eine Messe für mich?«

Aber der Priester lächelte, schnallte sich die Mokassins fester und ging auf den weißen schweigenden Fluß hinaus. Ein festgetretener, sechzehn Zoll breiter Pfad führte zum Wasserloch. Zu beiden Seiten lag tiefer Schnee. Die Männer gingen im Gänsemarsch und in tiefstem Schweigen, und der schwarzröckige Priester verlieh allem ein feierliches Begräbnisgepräge. Für die Verhältnisse von Forty-Mile war es ein warmer Wintertag – einer der Tage, an denen sich der Himmel bleischwer tiefer auf die Erde senkt und das Quecksilber die ungewohnte Höhe von 20 Grad Fahrenheit unter Null erreicht. Aber die Wärme war nicht angenehm. Die Luft war dick, und die Wolken hingen unbeweglich herab und prophezeiten finster baldigen Schnee. Die Erde lag wohlverwahrt im Winterschlaf und dachte nicht ans Erwachen.

Als sie das Wasserloch erreicht hatten, rief Bettles, der während der stummen Wanderung offenbar den ganzen Streit noch einmal überdacht hatte, ein letztes: »Was hatte das mit der Sache zu tun?«, während Lon McFane in seinem finstern Schweigen verharrte.

Die Wut drohte ihn zu ersticken, und er konnte kein Wort herausbringen. Und doch, wenn sie einen Augenblick nicht an die ihnen zugefügte Kränkung dachten, konnten sie nicht umhin, sich über ihre Kameraden zu wundern. Sie hatten Widerstand erwartet, und diese stumme Nachgiebigkeit verletzte sie. Sie meinten, Besseres von den Männern verdient zu haben, die ihnen so nahegestanden, ein dunkles Gefühl von Unrecht überkam sie, und sie empörten sich bei dem Gedanken, daß so viele ihrer Brüder auszogen, um zu sehen, wie sie sich niederschossen, ohne auch nur mit einem Wort zu protestieren, als handelte es sich um ein Fest. Es war, als sei ihr Wert in den Augen der Mitwelt gesunken. Die Vorbereitungen verwirrten sie.

»Rücken gegen Rücken, David. Fünfzig oder hundert Schritt?«

»Fünfzig«, lautete die blutdürstige Antwort, mürrisch, aber fest.

Aber der Irländer warf einen schnellen Blick auf das neue Hanfseil, das Malemute Kid sich nachlässig um den Arm geschlungen hatte, und er schöpfte Verdacht.

»Was wollt ihr mit dem Seil?«

»Los!« Malemute Kid sah auf die Uhr. »Ich habe ein Brot im Ofen und möchte nicht, daß es verbrennt. Außerdem kriege ich kalte Füße.«

Auch die übrigen legten auf verschiedene, ebenso ausdrucksvolle Art und Weise ihre Ungeduld an den Tag.

»Aber das Seil, Kid? Es ist funkelnagelneu, das Brot ist wohl nicht so schwer, daß du es damit herausziehen willst?«

Bei diesen Worten wandte Bettles sich um. Vater Roubeau, dem die Komik der Situation aufging, verbarg ein Lächeln hinter dem Handschuh.

»Nein, Lon, das Seil ist für einen Mann bestimmt.« Malemute Kid konnte gelegentlich sehr deutlich werden.

»Welchen Mann?« Bettles bekam eine Ahnung, daß die Sache ihn persönlich anging.

»Für den andern.«

»Ja, für wen denn?«

»Nun hör mal zu, Lon – und du auch, Bettles! Wir haben eure Angelegenheit besprochen und sind zu einem Entschluß gelangt. Wir wissen, daß wir kein Recht haben, uns hineinzumischen –«

»Nee, das fehlte auch noch!«

»Und wir denken auch gar nicht daran. Aber soviel können wir tun – wir werden dafür sorgen, daß dies das einzige Duell in der Geschichte von Forty-Mile sein wird, und wir werden für jeden Chechaqua, der den Yukon herunterkommt, ein Exempel statuieren. Der Mann, der lebendig davonkommt, wird am nächsten Baum aufgehängt. So, nun könnt ihr anfangen.«

»Geh los, David – fünfzig Fuß, kehrt, und dann losknallen, bis einer von uns die Nase in die Luft streckt. Das werden sie schon bleibenlassen, das wagen sie nicht, es ist richtiger Yankeebluff.«

Mit vergnügtem Grinsen begann er zu gehen, aber Malemute Kid hielt ihn an.

»Lon! Wie lange kennst du mich?«

»Manchen lieben Tag.«

»Und du, Bettles?«

»Nächstes Jahr, im Juni, wenn das Hochwasser kommt, fünf Jahre.«

»Habt ihr in all der Zeit je gehört, daß ich mein Wort gebrochen hätte?«

Beide Männer schüttelten den Kopf und bemühten sich, den Sinn seiner Worte zu erfassen.

»Schön, und wie schätzt ihr ein Versprechen ein, das ich euch jetzt gebe?«

»Wie meine Seligkeit«, meinte Bettles.

»Ja, darauf kann man ruhig seinen Anteil am Himmel setzen«, räumte Lon McFane bereitwillig ein.

»Also hört! Ich, Malemute Kid, gebe euch mein Wort – und ihr wißt, was das heißt –, daß der Mann, der nicht totgeschossen wird, zehn Minuten nach dem Duell am Baume hängt.« Er trat zurück, wie Pilatus getan haben mochte, als er sich die Hände gewaschen hatte.

Eine tiefe Stille trat ein unter den Männern von Forty-Mile. Der Himmel senkte sich noch tiefer herab und entsandte einen Schwarm von Frostkristallen, kleine geometrische Wunder, luftig wie ein Hauch, und doch bestimmt, zu bleiben, bis die zurückkehrende Sonne die Hälfte ihrer nordischen Reise zurückgelegt hatte. Beide Männer waren stets bereit gewesen, jeder aufflackernden Hoffnung mit einem Fluch oder einem Scherz auf den Lippen und mit einem unerschütterlichen Glauben an den Gott des Zufalls im Grund ihrer Seele zu folgen. Aber jetzt war diese barmherzige Gottheit ganz aus dem Spiel gesetzt. Sie forschten in den Zügen Malemute Kids, aber er war wie eine Sphinx, und es gab keine Deutung. Wie die Minuten schweigend verrannen, fühlten sie, daß es jetzt an ihnen war, etwas zu sagen. Schließlich wurde das Schweigen von dem Geheul eines Wolfshundes in der Richtung von Forty-Mile gebrochen. Der unheimliche Ton schwoll mit dem ganzen Pathos eines brechenden Herzens und erstarb dann in einem langgezogenen Seufzer.

»Verflucht noch mal!« Bettles schlug den Kragen seiner Mackinawjacke hoch und starrte hilflos um sich.

»Das ist ein hübsches Spiel, was ihr euch da ausgedacht habt!« rief Lon McFane. »Den ganzen Verdienst kriegt die Firma, und der Verkäufer nicht einen Deut. Der Teufel selbst würde auf den Kontrakt nicht eingehen – und ich will verdammt sein, wenn ich's tue.«

Man hörte halbersticktes Lachen und sah versteckte lustige Blicke unter reifbedeckten Brauen, als die Männer das eisglatte Ufer hinaufkletterten und den Weg zum Posthaus zurückwanderten. Aber das langgezogene Geheul war näher gekommen und erklang drohender. Eine Frau schrie hinter der Ecke. Man hörte Rufe: »Er kommt!« Dann stürzte ein Indianerknabe zwischen sie. Er wurde von einem halben Dutzend vor Angst wahnsinniger Hunde verfolgt, es galt das Leben. Und hinterher kam Gelbmaul, eine graue Erscheinung mit gesträubtem Haar. Alle flohen. Der Indianerjunge war gestolpert und hingefallen. Bettles blieb gerade so lange stehen, um ihn an seiner Pelzjacke zu packen, und stürzte dann zu einem Stapel Brennholz, auf dem bereits mehrere seiner Kameraden Zuflucht gesucht hatten. Gelbmaul, der hinter den Hunden hergewesen war, kam jetzt in vollem Lauf zurück. Der verfolgte Hund, dem nichts fehlte, der aber vor Angst wahnsinnig war, warf Bettles um und schoß die Straße hinauf. Malemute Kid sandte aufs Geratewohl eine Kugel hinter Gelbmaul her. Der tolle Hund schlug einen Saltomortale, fiel auf den Rücken und legte mit einem einzigen Sprung die Hälfte der Entfernung zurück, die ihn noch von Bettles trennte.

Aber der Hund erreichte sein Ziel nicht. Lon McFane sprang vom Brennholzstapel herunter und packte das Tier im Sprunge. Sie rollten zu Boden, und Lon hielt den Hund mit einem Griff an der Kehle auf Armeslänge von sich ab, halb geblendet von dem stinkenden Schaum, der ihm ins Gesicht spritzte. Da entschied Bettles, kaltblütig den rechten Augenblick abwartend, den Kampf mit dem Revolver.

»Das war ehrliches Spiel, Kid,« bemerkte Lon, indem er sich erhob und den Schnee aus dem Ärmel schüttelte, »mit anständigem Verdienst für den Verkäufer.«

Am Abend, während Lon McFane die Verzeihung der Kirche in Vater Roubeaus Hütte suchte, sprachen Malemute Kid und der Grindige Mackenzie lange vertraut miteinander.

»Aber hättest du es wirklich getan,« fragte Mackenzie immer wieder, »wenn sie sich duelliert hätten?«

»Habe ich je mein Wort gebrochen?«

»Nein, aber davon reden wir nicht. Antworte mir auf meine Frage. Hättest du es getan?«

Malemute Kid richtete sich auf. »Mack, das habe ich mich selbst die ganze Zeit gefragt, und –«

»Nun?«

»Noch habe ich die Antwort nicht gefunden.«

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