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Der Sohn des Gaucho

Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Der Verfolgte

Der Deutsche, oder wie er bei seinen Freunden hieß, der Estrangero, hielt, nachdem er hochherzig und kurzentschlossen dem verfolgten General José d'Urquiza zur Flucht verholten hatte, das Maultier an einer von Unterholz freien Stelle an. »Ich denke, Señor«, sagte er, »wir bleiben hier über Nacht. Es nützt nichts, den Weg in der Pampa fortzusetzen, denn wir müssen den Fluß wieder kreuzen, wenn wir mein Asyl, das auch das Eure werden soll, in den Felsen des Cordobagebirges erreichen wollen. Drüben sind Eure Verfolger. Wir müssen die bewaldeten Flußufer auch auf unserem weiteren Marsch als Deckung behalten.«

»Ganz, wie Ihr meint, Señor«, entgegnete Don José, »ich bin wie ein hilfloses Kind Eurer Großmut und Einsicht überliefert.« D'Urquiza stieg ab und ließ sich auf einem umgefallenen Stamm nieder; unter den Bäumen herrschte bereits tiefe Dämmerung.

»Ich verlasse Euch einen Augenblick«, sagte der Deutsche, »ich will einen Blick über den Fluß werfen und nach Euren Feinden ausschauen.«

»Geht, Señor.« Der Gehetzte schloß die Augen vor Müdigkeit. Der Estrangero aber nahm sein Gewehr und pirschte sich zwischen den Bäumen nach dem Flusse hin. Im Begriff, einen am Ufer stehenden Baum zu erklettern, gewahrte er jenseits bereits den Trupp der Verfolger, der langsam stromauf ritt. Durch sein Glas sah er deutlich die verdrossene Miene des Anführers. »Das reinste Galgengesicht!« murmelte er. Ein grimmiges Lächeln spielte um seine Lippen. Sie wollen uns den Weg nach den Bergen abschneiden, dachte er. Nun, versucht's nur, Burschen, hütet euch aber vor meiner Büchse. Eigentlich geht mich das alles gar nichts an, dachte er, zurückgehend. Warum mische ich mich in die Angelegenheit anderer Leute? Was geht mich der fremde Mann an? Trotzdem! redete eine andere Stimme in ihm dagegen, ich mußte eingreifen, durfte es nicht geschehen lassen. Er ist, gleichgültig aus welchem Grunde, ein Unglücklicher. Juan Perez konnte ihm nicht helfen; er muß den Diktator fürchten. Ich lache seiner!

Es war völlig dunkel, als er wieder bei d'Urquiza anlangte. »Zunächst ist keine Gefahr, Señor«, sagte er. »Ruht unbesorgt. Ich werde Feuer machen und Euch Mate bereiten.« Er suchte Holz zusammen und entfachte mit Hilfe dürrer Zweige schnell eine wärmende Flamme. Dann sattelte er das Maultier ab, das geduldig stehen geblieben war, und band es mit dem Lasso, der an seinem Sattel hing, an einen Baum, zu dessen Füßen es reichliches Futter fand. Er öffnete seinen Mantelsack und reichte d'Urquiza den Rest eines Kaninchenbratens. Bald konnte er ihm auch einen Becher Tee geben, der dem Ermatteten sichtlich wohl tat.

Er ließ sich nun gleichfalls nieder und betrachtete beim flackernden Schein des Feuers das bleiche Gesicht des Generals. Es war dies ein edles, geistvolles Antlitz; die fein geschwungene Adlernase und der dunkle Lippenbart verliehen ihm etwas Kühnes und Vornehmes zugleich. Die Kleidung des Argentiniers verriet, wiewohl sie ziemlich mitgenommen war, den Mann von Rang und Stand.

»Ihr seid Ausländer, Señor?« fragte der General, nachdem er sich gestärkt hatte.

»Ja, Señor, ich bin Deutscher.«

»Ich bin Euch mein Leben schuldig«, sagte Don José. »Die Gauchos dort drüben würden es schwerlich gewagt haben, dem Diktator eines seiner Opfer zu entziehen.«

»Sie hätten es wohl nicht gekonnt«, entgegnete der Deutsche, »aber Juan Perez ist ein aufrechter und ehrlicher Mann.«

D'Urquiza machte eine müde Bewegung mit der Hand. »Doch, wie alle Gauchos, ein Sklave de Rosas.« Er schien nachzusinnen. Nach einem Weilchen wandte er den Kopf und fragte: »Wer war der junge Mann an der Seite des Gauchos?«

»Sein Sohn.«

»Seltsam!« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Wie der Zufall manchmal spielt«, fuhr er fort. »Der Jüngling hatte eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit einem längst verstorbenen Jugendfreund von mir. Ich wußte im ersten Augenblick nicht, was ich denken sollte.« Der Deutsche schwieg.

»Ihr seid in der Gegend ansässig?« fragte der General nach einer Weile. »Wie nenne ich Euch?«

»Ansässig?« Der Befragte lächelte; es war sehr viel Bitterkeit in diesem Lächeln. »Ihr könnt es meinetwegen so nennen«, sagte er, »Ihr werdet mein Heim ja zu sehen bekommen. Und mein Name? Was ist ein Name? Hier gelten Namen nicht viel. Meine wenigen Freunde nennen mich den Estrangero oder den Jaguartöter.«

»Ganz hübsche Ehrennamen, Señor«, lächelte d'Urquiza. »Denkt übrigens nicht, daß ich mich in Euer Vertrauen drängen will. Nur, Ihr legt offenbar Wert darauf, verborgen zu leben, und da drängt sich mir von selbst eine Frage auf: Verfolgt Euch der Tyrann in Buenos Aires?«

Der Estrangero schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er, »der Ehre kann ich mich nicht rühmen, dafür bin ich denn doch zu unbedeutend. Außerdem habe ich mich hier niemals politisch betätigt.«

»Um so mehr weiß ich Eure Hilfe zu schätzen«, versicherte der General. »Ich, Señor«, brach es gleich darauf in bitterer Selbstanklage aus ihm heraus, »ich gehöre zu den Feiglingen, die den Tyrannen an der Spitze des Staates bis heute geduldet haben. Es ist nur gerecht, wenn ich nun wie ein Wolf von ihm gehetzt werde.« Auf den fragenden Blick des andern hin fuhr er fort: »Der Name d'Urquiza ist alt und zählt zu den ersten im Lande. Ich diente in der Armee und habe in mancher blutigen Schlacht für mein Land gekämpft. Als Rosas von seiner besoldeten Meute zum zweiten Male an die Spitze des Staates berufen wurde, schied ich aus dem Heer aus und zog mich auf meine Güter in Santa Fé zurück. Hier habe ich fern von aller Politik gelebt, bis dem gegenwärtigen Herrn dieser Provinz, dem Señor de Salis, mein sich mehrendes Eigentum zu gefallen begann. Eine Anklage auf Hochverrat, noch dazu gegen einen vermögenden Mann, ist gleichbedeutend mit Verurteilung, Verschwinden im Kerker, Hinrichtung und Konfiskation seines Vermögens. Sie wurde erhoben. Francisco de Salis wollte mein Gut, und also wurde ich des Hochverrates angeklagt. Ein Freund, den ich bei der Regierung in Santa Fé hatte, unterrichtete mich davon. Ich erkannte die Größe der Gefahr, rettete Weib und Kind über den Parana, wo sie, wie ich hoffe, in Sicherheit sind, und geriet dann selbst in die Hände der Häscher, denen ich mit Gefahr meines Lebens entrann und in die Pampa flüchtete, wo Ihr mich, fast zu Tode gehetzt, den Verfolgern entrissen habt. Aber« – und ein Zug eiserner Entschlossenheit zeigte sich in d'Urquizas Gesicht – »habe ich gefehlt, indem ich die Henker meines Volkes teilnahmslos gewähren ließ, so will ich diesen Fehler, soweit ich vermag, wieder gutmachen: fortan ist mein Leben dem Kampf gegen die Schurken geweiht, die das Vaterland verwüsten.«

Er schwieg und starrte finster vor sich hin. Der Deutsche schwieg eine Weile, dann sagte er: »In Eurem Volk, General, wohnt ein gesunder Sinn, ich zweifle nicht, es wird sich seiner Bedrücker zu entledigen wissen.«

»Gott möge es geben, und ich will dazu helfen«, sagte d'Urquiza. Bald darauf schlummerte er ein. Der Deutsche schob ihm den Sattel seines Maultieres unter den Kopf und umhüllte ihn mit einer Decke. Er selbst wickelte sich in seinen Poncho und sah nachdenklich ins Feuer. »Das nennen sie hierzulande Freiheit!« murmelte er, »wahrhaftig, bei den Tieren des Waldes herrscht mehr Gerechtigkeit!« Er saß noch lange, bis auch er schließlich die Ruhe suchte. Das Feuer brannte nieder, und die Schatten der Nacht senkten sich auf die beiden Schläfer.

Der Tag graute kaum, als der Estrangero den Schlaf abschüttelte und aufsprang, ohne den noch tief im Erschöpfungsschlaf liegenden General zunächst zu stören. Er ging zum Waldsaum hinüber und überblickte von dort aus prüfend den westlichen Teil der Pampa. Von einem Baum aus beobachtete er alsdann den Osten und die blauen Berge von Cordoba. Doch gewahrte er nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen hindeutete. Er ging zurück, entzündete von neuem ein Feuer und bereitete Mate. Der General öffnete die Augen und schaute anfangs erstaunt, dann aber im vollen Bewußtsein seiner Lage um sich. »Gibt es Neues, amigo?« fragte er, sich aufrichtend.

»Nichts, Señor, von Euren Verfolgern ist weit und breit nichts zu sehen.«

»Mil gracias, santissima madre!« sagte der Argentinier leise und erhob sich. Er streckte die Arme. »Ich habe tief und fest geschlafen und fühle mich wie neugeboren«, versicherte er.

»Desto besser«, sagte der Deutsche, »wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Nehmt einen Becher Mate und versucht diesen Rest eines Bratens, den ich mir in der Pampa verschaffte.« D'Urquiza nahm beides dankend entgegen und frühstückte mit augenscheinlich gutem Appetit. »Was beginnen wir nun, Don – –?« fragte er. »Ach, nennt mir doch einen Namen, irgendeinen, damit ich Euch nicht immer mit Aleman oder Estrangero anreden muß.«

»Wenn es denn sein muß«, lachte der Deutsche, »nennt mich also Enrique, wenn Ihr wollt. Mein Vorname lautet im Deutschen Erich; das ist der spanischen Zunge nicht geläufig.«

»Ausgezeichnet. Also was beginnen wir, Don Enrique?«

»Wir ziehen so rasch wie möglich am Rio Quinto nach Nordwesten hinauf; ehe er sich dann nach Osten wendet, müssen wir versuchen, die Pampa zu kreuzen, um das Gebirge zu gewinnen. Dort könnt Ihr aller Verfolgung spotten.«

»Adelante!« D'Urquiza erhob sich. »Doch ich wollte, ich hätte ein Pferd; wir Argentinier sind das Gehen nicht gewöhnt.«

»Um so mehr wir Deutschen«, lachte der andere. »Ihr nehmt wieder das Maultier, Don José; im Wald müssen wir ohnehin Schritt reiten, und weiter oben können wir leicht ein Pferd haben, wenn Ihr den Lasso zu gebrauchen versteht; ich habe es leider nicht weit in dieser Kunst gebracht.«

»Nun, ein Pferd hoffe ich mir damit fangen zu können«, sagte der General. »Ich will lieber auf einem nackten Gaul reiten als zu Fuß gehen, und der Lasso ist Zügel genug.«

»Gut, so wollen wir aufbrechen.«

Der Deutsche sattelte das gut ausgeruhte Maultier, das der Flüchtling bestieg, und schritt, die Doppelbüchse schulternd, in nördlicher Richtung durch den hochstämmigen Wald, dessen Unterholz wenig Schwierigkeiten bereitete. Der Waldstreifen, in dessen Schatten sie sich bewegten, war von unterschiedlicher Breite, zog sich aber an diesem Ufer des Quinto fast ununterbrochen dahin, während jenseits die Pampa streckenweit nur durch einen Schilfsaum vom Flusse getrennt war.

Sie hatten wiederholt kleine Wasserläufe zu kreuzen, was indessen ohne sonderliche Schwierigkeiten vor sich ging. Mehrere Male trafen sie auch auf Rehe, von der zierlichen Art, die in Argentinien heimisch ist, doch wagte der Deutsche nicht zu schießen, um die Feinde nicht aufmerksam zu machen, für den Fall, daß diese die Verfolgung wirklich fortsetzen sollten, was er fast bezweifelte.

Als er diese Ansicht äußerte, sagte der General: »Der blutdürstige Gomez, den de Salis mir nachgeschickt hat, ein Verbrecher, der unzählige Morde auf dem Gewissen hat, bleibt gewiß auf der Jagd, solange ihm auch nur einige Aussicht winkt, mich zu fangen. Er weiß gut, daß wir mit dem Maultier nicht weit kommen werden und daß viel Raum zwischen uns und bewohnten Stätten liegt, die mir Zuflucht gewähren könnten. Seid versichert, er kehrt erst nach Osten um, wenn er jegliche Hoffnung aufgeben muß, mich als Gefangenen mitzuführen oder zu erschlagen.«

»Nun, im Notfall muß meine Büchse sprechen«, sagte der Deutsche, »ich bin entschlossen, von ihr Gebrauch zu machen.«

Die Sonne stand schon tief, als sie an eine offene, nur von Gras bedeckte Stelle kamen, die sie überqueren mußten, um wieder den Schutz des Waldes zu gewinnen. Auch das linke Ufer des Quinto war hier baumlos. Sie hielten unter den letzten Bäumen an. Der Deutsche gewahrte nichts Beunruhigendes. Zwar schlug er d'Urquiza vor, die Nacht abzuwarten und dann in ihrem Schutz in die Pampa zu reiten, aber die letzten Ausläufer der Höhen von Cordoba lagen bereits so verlockend vor ihnen, und der Verfolgte sehnte sich nach einiger Sicherheit in den pfadlosen Bergen und ihren Schlupfwinkeln, so daß er darum bat, den Weg fortzusetzen. Sein Begleiter sah nach den Zündhütchen seiner Waffe, fühlte nach den Patronen, die er sich selbst bereitet hatte, und sagte: »Wohlan denn, Don José! Lauern die Burschen hier, dann müssen wir uns eben wehren.«

Sie hatten nicht tausend Schritt im Grase zurückgelegt, als der Deutsche, der aufmerksam den Boden betrachtete, plötzlich Pferdespuren entdeckte. Er ließ d'Urquiza halten und ging weiter. Dreimal kreuzte er eine solche Spur, die stets parallel mit der anderen lief. Er erkannte sofort, daß es nicht freiweidende Pferde sein konnten, die hier ihre Hufe dem Boden eingedrückt hatten, sondern daß die Verfolger, oder ein Teil von ihnen, auf dieser Seite des Quinto sein mußten. Er richtete abermals das Glas auf die Umgebung, doch war nirgendwo etwas Verdächtiges zu gewahren. Sie setzten darauf ihren Weg in rascher Gangart fort, so schnell, als der Deutsche mit dem Maultier Schritt halten konnte.

Plötzlich erschienen jenseits des Flusses drei Reiter, die bisher der Waldsaum verdeckt hatte; zwei von ihnen trugen Lanzen. Ihr Jubelgeschrei deutete an, daß die Flüchtlinge entdeckt waren. Dem Geschrei folgten auch gleich darauf einige Schüsse aus den Karabinern, die aber wohl nur Signale sein sollten, dann sprengten die Reiter an das jenseitige Flußufer heran.

D'Urquizas Züge wurden hart. »Jetzt gilt's also«, sagte er leise. »Es ist entsetzlich, daß ich Euch in solche Lage bringen muß, Señor.«

»Schwatzt jetzt nicht«, antwortete der Deutsche und spannte, langsam weitergehend, den Hahn seiner Büchse.

»Lebend bekommen sie mich nicht«, knirschte der General.

»Ich will den Burschen zeigen, mit wem sie es zu tun haben«, sagte der Deutsche. »Ihre Karabiner fürchte ich nicht. Erstens tragen sie nicht weit, und zweitens kenne ich die Schießkünste dieser Leute. Ich will auch einstweilen noch ihr Leben schonen, aber sie sollen wissen, womit sie zu rechnen haben.«

Die Verfolger hatten sich inzwischen bis auf zweihundert Schritt genähert. Sie machten Miene, den Fluß zu überschreiten, als der Deutsche die Büchse hob. Ein Feuerstrahl, ein Knall, und das vorderste der Pferde stürzte, durch den Kopf getroffen, zu Boden, seinen Reiter vornüber ins Wasser schleudernd. Das erregte drüben anscheinend Entsetzen. Die noch sichtbaren Reiter sprangen eilends ab und deckten sich gegen so gefährliche Schüsse hinter ihren Pferden. In dieser Stellung warfen sie ihrem Gefährten den Lasso zu, um ihn dem Strom zu entreißen.

Der Deutsche lud ruhig und unerschüttert den abgeschossenen Lauf. »Por le nombre de dios! Das nenne ich schießen!« rief der General. Er hatte kaum ausgesprochen, da jagten zu ihrer Linken drei Reiter hinter den Bäumen hervor, die gleich den vorigen einen Freudenschrei ausstießen, als sie die gesuchten Opfer vor sich sahen. In vollem Galopp, die langen Lanzen schwingend, kamen sie heran.

»Das wird ernst«, äußerte der Deutsche, »sie kommen auf mich zu, und ich kann sie nicht schonen, wenn ich uns retten will.«

Die Herannahenden schienen keine Ahnung von der Gefahr zu haben, der sie entgegengingen; sie deckten sich nicht einmal hinter dem Hals ihrer Pferde. Mit derselben ruhigen Bewegung wie vorher hob Don Enrique die schwere Waffe. Er schoß, und augenblicklich war einer der Sättel leer. Zu Tode erschrocken, verhielten die Begleiter des Gestürzten ihre Pferde. Nie hätten sie sich träumen lassen, daß eine Büchse auf solche Entfernung hin mit so tödlicher Sicherheit gebraucht werden könnte. Während sie zaudernd hielten, lud der Schütze, der nicht ohne äußerste Not beide Läufe zugleich abfeuern wollte, das Gewehr.

Da schrie der Mann, der ins Wasser geschleudert worden war – es war dies der Anführer der Lanceros – in zornigem Ton etwas herüber. Die beiden Reiter machten Anstalten, aufs neue heranzusprengen; als sich aber die todbringende Waffe auf sie richtete, rissen sie ihre Pferde herum und jagten in einer Eile davon, die dem Deutschen ein Schmunzeln abnötigte. »So, nun will ich die anderen ein bißchen erschrecken«, sagte er. Kühn schritt er mit erhobener Büchse auf das Ufer zu, aber der gebadete Alguacil sprang mit einer bewundernswerten Schnelligkeit hinter einem der sich in den Sattel werfenden Reiter auf, und wie die andern beiden beeilte er sich, aus dem Bereich dieser Waffe zu kommen. Erst in weiter Entfernung hielten sie und schauten zurück.

»Nombre de dios! Ihr seid ein Krieger, Aleman!« sagte bewundernd der General, »wahrhaftig, das nenne ich kaltes Blut und Schützenkunst!«

»Wir wollen uns nun wieder in den Schutz der Bäume begeben, Don José«, sagte statt einer Antwort der Deutsche. »Obgleich ich glaube, daß die Kerle sich hüten werden, mir wieder auf Schußweite nahe zu kommen. Vorher will ich mich aber überzeugen, ob der Bursche dort tot ist und Euch, wenn möglich, ein Pferd verschaffen.«

Er ging nach der Stelle hinüber, wo der zweite Lancero gefallen war; das Pferd stand ruhig neben seinem Reiter, der Mann war offenkundig tot. Die Kugel war ihm in die Stirn gedrungen. Das Pferd blieb ruhig stehen, als der fremde Mann näher kam, denn Enrique hatte die Vorsicht gebraucht, den Lasso mitzunehmen; die zugerittenen Tiere fürchten ihn außerordentlich und machen keinen Versuch, ihm zu entrinnen. Er ergriff das Pferd am Zügel und führte es zu Don José, der es sogleich bestieg.

In kurzer Frist erreichten sie den Wald. Durch das Glas überzeugte sich der Deutsche, daß die Verfolger den Fluß gekreuzt hatten, denn er erblickte fünf Reiter, von denen zwei auf einem Pferd saßen, die sich nach Osten zu entfernten. Nach ungestörter Nachtruhe und ohne weiteres Abenteuer erreichten sie am anderen Tag die Felsenberge von Cordoba und die seltsame Behausung des Deutschen.

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