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Der Sohn des Gaucho

Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Tag der Vergeltung

Drei Tage später schwammen zwischen den Inseln, die nördlich der Stadt Santa Fé im Parana liegen, eine große Anzahl Barquillas und Lanchas auf dem Strom, bis an die Grenze der Tragfähigkeit mit Soldaten und Pferden belastet. Die dunkle Nacht hüllte die Flottille in einen dichten Schleier. Das erste, mit den besten Tiradores besetzte Fahrzeug befehligte Sancho Pereira, neben dem Juan Perez, Aurelio und der Cura standen. Letzterer hatte darauf bestanden, mitzuziehen, um Verwundete zu pflegen oder Sterbenden die letzten Tröstungen zu spenden. Die anderen Schiffe hatten Befehl, dem ersten in Kiellinie zu folgen.

Der erfahrene Schiffer fand in der Dunkelheit die Mündung des Baches, der allein eine Landung von Pferden gestattete. Juan ging an Land und spähte umher. Vom Feind war nichts zu gewahren. Darauf wurde die Landung unverzüglich mit möglichster Geräuschlosigkeit bewerkstelligt, unter dem Schutz der vorausgesandten Tiradores, die Juan führte. Bald schon waren hundert Reiter und fünfhundert Scharfschützen marschbereit. Aurelio, in der Uniform eines Lancero-Offiziers, führte die Reiter, denen der Cura auf einem Maultier folgte. So traten sie den Weg nach Süden an. Die Schiffer hatten Befehl, langsam den Parana hinabzufahren, möglichst in Höhe der marschierenden Truppe, und in der Nähe der Bucht, an der das Castillo Bellavista lag, weiterer Befehle zu harren, Sancho Pereira, genannt Pati, führte die Flottille.

Die Truppen mochten etwa eine Stunde marschiert sein, als sie Gewehrschüsse hörten. Um ein Gehöft biegend, sahen sie vor sich ein brennendes Haus, in dessen Umgebung gefochten wurde. Die Tiradores bildeten eine Schützenlinie und gingen, auf den Flügeln von Reitern gesichert, vor. Juan Perez war schon weit voraus.

Er sah das Haus; es wurde von zum Teil abgesessenen Lanceros angegriffen; aus dem Haus heraus wurde geschossen. Juan zählte nur etwa fünfzig Soldaten.

»Drauf, Männer!« schrie ein weiter zurück haltender Reiter ihnen in gellendem Ton zu, »schneidet den Unitariern die Hälse ab. Sie verraten uns sonst an den Halunken d'Urquiza.« Juan erkannte an der Stimme Agostino de Salis. Er gab den Seinen das Zeichen zum Angriff. Während er noch da stand, bevor die Soldaten heran waren, sah er an einem Fenster des Hauses ein bebrilltes Gesicht auftauchen; er erkannte zu seiner Verblüffung Don Estevan. »Kommt nur heran, feiges Gesindel!« schrie der Bakkalaureus und schien der auf ihn gerichteten Schüsse gar nicht zu achten. »Komm nur selber heran, verruchter Bursche! Ich hab dich noch nicht vergessen!«

Agostino stieß einen Wutschrei aus und feuerte seine Pistole auf das Fenster ab.

»Komm her, elender Mordgeselle!« rief der Gelehrte, »daß ich dich dahin sende, wohin du gehörst!« Und er schob eine alte Muskete zum Fenster hinaus. Doch bevor er sie noch entlud, erdröhnte der Boden unter zahllosen Pferdehufen, Kommandos ertönten, Reiter jagten heran, und gleichzeitig krachten die Büchsen der Tiradores, die zum Teil, um schneller zur Stelle zu sein, hinter den Lanceros aufgesessen waren.

»Viva d'Urquiza! Viva Argentinia!« klang es durch die Nacht.

Eine furchtbare Panik brach unter Agostinos Lanceros aus. Was nicht tot oder verwundet unter den Schüssen der Tiradores zusammengebrochen war, sprang auf die Pferde, allen voran Agostino de Salis.

Da klang es abermals: »Viva d'Urquiza!« und von der anderen Seite jagte Aurelio mit dem Rest der Reiter heran. »Gebt euch gefangen«, rief Aurelio, »oder ihr werdet erschossen!«

Die Lassos seiner Reiter flogen; Agostino stürzte zur Erde, andere folgten, und gleich darauf war die Mehrzahl der Feinde gefangen. Nur wenigen glückte der Sprung in die Dunkelheit.

»Aurelio!« rief es aus dem Haus, und heraus stürzte, in größerer Aufregung, als sie der Kampf hervorgerufen hatte, Don Estevan und eilte auf den Jüngling zu.

Der beugte sich vom Pferde herunter und ergriff die Hand des Gelehrten mit beiden Händen. »Don Estevan!« rief er, »Ihr hier?«

»Die Unmenschen wollten mich und meine Mutter verbrennen«, keuchte Estevan. »Oh, welch ein Glück, daß du da bist!« Er lief, völlig kopflos, gleich wieder fort und führte seine alte, an allen Gliedern zitternde Mutter ins Freie. Er habe hier seit einiger Zeit bei einer befreundeten Familie Zuflucht vor den Verfolgungen des Gobernadors gefunden, rief er Aurelio zu. Zu weiteren Ausführungen kam er nicht; eine starke, von Süden herankommende Reiterschar wurde gemeldet. Aurelio zog sich mit seinen Reitern zunächst hinter die brennenden Gebäude zurück; die Tiradores gingen hinter Hecken und Zäunen in Stellung. Die gebundenen Gefangenen, unter ihnen Agostino, waren beiseitegeführt worden.

Kaum erschienen die Reiter, an ihrer Spitze Francisco de Salis, im Schein des Feuers, als unter gellendem »Viva d'Urquiza!« die Tiradores eine Salve von furchtbarer Wirkung abfeuerten.

»Los Unitarios! Los enemigos!« schrien die Reiter und jagten in regelloser Flucht zurück.

»Ihnen nach, Aurelio«, sagte Juan, »dein Oheim ist darunter, ich habe ihn erkannt. Suche ihn von Süden her abzuschneiden und dränge ihn nach Bellavista hinein; dort werden wir ihn fangen.« Sekunden später jagte Aurelio bereits an der Spitze seiner Reiter den Flüchtigen nach. Die Scharfschützen rückten am Waldsaum des Parana entlang auf Bellavista nach. Juan schloß sich den restlichen Reitern an und folgte Aurelio.

Der größte Teil der Fliehenden, die in wilder Hast Santa Fé zu erreichen suchten, jagte an Bellavista vorbei; nur wenige waren abgeschnitten und nach der Estancia gedrängt worden oder hatten, was bei der Dunkelheit schwer zu unterscheiden war, deren Schutz freiwillig gesucht. Schnell entschlossen ließ Aurelio das Haus seiner Väter umstellen und bemächtigte sich vor allem der im Fluß liegenden Kähne. Bald darauf traf Juan mit seiner Schar ein, und nach einiger Zeit langten auch die Tiradores an und gingen unverzüglich in Stellung.

Nach Süden vorgeschobene Feldwachen sicherten vor einem Überfall von Santa Fé aus, dessen Lichter man in der Ferne erglänzen sah. Die in der Nähe des Schlosses gelegenen Wirtschafts- und Arbeiterhäuser wurden durchsucht, ohne daß man auf dort versteckte Feinde stieß. Einige der geängstigten Dienstleute sagten aus, ein starker Reitertrupp sei gekommen und habe sich in das Schloß geworfen. Ob Don Francisco dabeigewesen, hatten sie der Dunkelheit wegen nicht feststellen können.

Mehrere aus den Fenstern des Schlosses abgefeuerte Schüsse ließen bald erkennen, daß man dort an Verteidigung dachte. Da es nutzlos gewesen wäre, das ausgedehnte Gebäude während der Nacht anzugreifen, beschloß man, den Morgen abzuwarten. Feuer anzuzünden war wegen der Nähe des Feindes verboten worden.

Aurelio war vom Pferde gestiegen und umschritt in tiefer Erregung die Stätte, an der er das Licht der Welt erblickt hatte. An der Bucht stand er still. Dort lag schattenhaft das Haus, dem seine Mutter einst, ihn auf dem Arm haltend, in Todesnot entflohen war. Juan und Pati hatten ihm die Einzelheiten der Schreckensnacht wieder und wieder erzählen müssen. Er sah im Geiste das Schloß brennen, sah die weiße Frauengestalt verzweiflungsvoll auf das Wasser zueilen, hörte den Schuß des Mörders, den Todesschrei der Mutter; das Herz zog sich ihm zusammen. »Der Tag der Abrechnung ist da!« murmelte er vor sich hin.

Einem Wolfe gleich, der die Herde umkreist, ritt Juan um das Schloß, jeden Ausgang, jedes Gebüsch ins Auge fassend und Reiter und Scharfschützen immer wieder zu größter Wachsamkeit mahnend.

Das Schloß selbst lag still und dunkel da. Die mählich erbleichenden Sterne kündeten an, daß der Morgen nahte. Umso schärfer wurde die Aufmerksamkeit des Gaucho, sagte er sich doch, daß Francisco de Salis mit hoher Wahrscheinlichkeit versuchen werde, über den Parana zu entfliehen. Nun, das würde ihm nicht einfach werden; der Weg nach dem Strom war verlegt und stand unter sorgfältiger Bewachung.

Der Morgen dämmerte schon, als sich die großen Torflügel des Schlosses plötzlich öffneten und eine aus etwa zwanzig Reitern bestehende Schar, ihre Pferde spornend, herausgestürzt kam, um den verzweifelten Versuch eines Durchbruchs zu wagen. Die Belagerer waren in der Tat überrascht; es entstand eine leichte Verwirrung, bis die ersten Schüsse fielen. Nur ein einziger Mann verlor keinen Augenblick die Besinnung: Juan Perez. Alle seine Gedanken galten dem Gobernador, und dessen hohe Gestalt hatte er unter den Reitern nicht zu erblicken vermocht. Ohne der Flüchtenden zu achten, gab er seinem Pferd die Sporen und galoppierte um den nördlichen Flügel herum, nach der dem Fluß zugekehrten Hausfront, die im Augenblick von niemand beachtet wurde. Er bemerkte eine Bewegung in den Büschen, und, den Lasso wurfbereit, jagte er der Stelle zu. Schattenhaft gewahrte er die Gestalt eines Mannes im Gesträuch: »Halt!« donnerte er.

Ein Pistolenschuß war die Antwort; die Kugel zischte an seinem Ohr vorbei. Er sank über dem Pferdehals zusammen, als sei er getroffen. Da löste sich die Gestalt aus den Büschen, um über einen Pfad dem nahen Wald zuzuspringen. Ein Sprung des Pferdes, der Lasso flog, und zu Füßen des Gauchos lag Francisco de Salis, fest von der Wurfschlinge umschnürt. Juan Perez sprang aus dem Sattel.

Hochaufgerichtet stand er vor dem Gobernador. Der Lärm auf der anderen Seite des Schlosses hatte sich gelegt; der Kampf schien beendet.

»Ich versprach dir einst, dein Haupt tief zu legen, Francisco de Salis«, sagte Juan. »Du siehst, ich halte Wort.«

Der Gestürzte hatte nur einen Blick finsteren Hasses für ihn.

Aurelio kam vom Schloß her herangejagt, einige Soldaten hinter sich. Der Durchbruchsversuch der Lanceros, nur unternommen, um dem Gobernador Gelegenheit zur Flucht zu verschaffen, war mißglückt. Einige Reiter waren getötet worden, der Rest gefangen.

»Da liegt er«, sagte Juan Perez, und wies auf das Bündel an der Erde. »Da liegt der Mörder deiner Mutter!«

Aurelio zitterte; er starrte auf den Mann an der Erde. »Gott ist gerecht!« murmelte er.

Auf einen Wink Juans wurde der Gefangene von einigen Soldaten aufgehoben und auf eine Bank gesetzt. Eine Anzahl Lanceros und Tiradores sammelte sich um die Gruppe. Der junge Gaucho trat vor den Gefangenen hin und suchte seinen Blick zu fassen. »Kennst du mich, Don Francisco?« fragte er.

De Salis hob den Kopf; seine Augen flackerten. Der Blick, der Aurelio streifte, war leer und ausdruckslos. Seine Lippen murmelten etwas, das niemand verstand.

»Vor wenigen Monaten wolltest du mich erschießen lassen«, sagte Aurelio, »erinnerst du dich? Damals schien mein Anblick dich an etwas zu erinnern, ich sah es dir an. Heute stehe ich vor dir, an der Stelle, wo du vor 18 Jahren meine Mutter ermordetest.«

Ein Zucken lief über das Gesicht des Mannes, ein völlig zerstörtes Gesicht, das kaum noch Menschliches hatte; er krümmte sich wie unter einem Schlag, aber er brachte kein Wort über die Lippen.

»Seht her«, sagte Aurelio zu den Umstehenden, »so sieht ein Mann aus, der seines Bruders Weib erschlug. Hier in Juan Perez und in Sancho Pereira stehen die Zeugen jener Tat. Hier geschah es, und hier soll er sterben!«

Wieder zuckte der Mann auf der Bank zusammen; die letzte Spur von Farbe wich aus seinem Gesicht; er biß sich die Lippen blutig.

»An den Galgen mit dem Schurken!« rief eine Stimme aus der Gruppe der Soldaten heraus.

In diesem Augenblick öffnete sich der Kreis, und ein Priester trat heraus vor die Bank mit dem Gefangenen. »Die Rache ist mein, spricht der Herr!« sagte eine ruhige, klangvolle Stimme. Francisco de Salis hörte sie; er sah abermals auf, sein Blick gewahrte den Cura; er sah über dem Priestergewand neben Aurelio dessen Ebenbild. Etwas Glotzendes kam in seine Augen, ein grotesk wirkender Zug, von Schrecken, Entsetzen und Neugier gemischt, trat in sein Gesicht.

»Ja, stiere nur«, sagte Juan Perez, »es ist der andere Bruder, es ist Carlos de Salis, und es ist nicht dein Verdienst, daß er noch lebt!«

Der Mann auf der Bank stieß einen Schrei aus, er sprang auf, seine Haare sträubten sich. Eiserne Fäuste zwangen ihn auf den Sitz zurück.

»Was willst du tun, Aurelio?« fragte der Cura.

»Den Mörder unserer Mutter richten. Er soll sterben.«

»Du wirst das nicht tun, Aurelio.« Die Stimme des Priesters klang ernst und entschlossen. »Dein ist das Richteramt nicht. Unser ist es nicht. Bezwinge den Dämon in deiner Brust. Ein Leben lang würdest du bereuen, die Hand gegen diesen Mann erhoben zu haben. Denke an unsere Mutter und frage dich, ob sie dein Tun billigen würde. Überlasse diesen von Gott gezeichneten Mann dem, dessen Amt es ist, die Lebenden und die Toten zu richten!«

Es war totenstill über diesen Worten geworden. Der Cura legte den Arm um die Schulter des Bruders. »Er ist schon gerichtet«, sagte er leise. »Der, für den er einstmals die Mordtat beging, lebt nicht mehr. Agostino wurde in der Nacht den ihn bewachenden Lanceros entrissen und getötet. Ich kam zu spät, es zu verhindern.«

Der Cura hatte die wenigen Worte fast geflüstert, aber der Gefangene mußte sie gehört haben. Eine Spur von Leben kam in das aschgraue, zerfallene Gesicht zurück. »Agostino«, lallte er, »Agostino!« Er sah das Antlitz des Cura, das stille, verschlossene; er sah die düsteren Gesichter der umstehenden Männer. Plötzlich schlug er die Hände vor das Gesicht; ein trockenes Heulen entrang sich seiner Kehle.

»Komm«, sagte Aurelio, wider Willen erschüttert, und nahm des Bruders Arm. »Komm. Du hast recht. Wir wollen ihn dem höheren Richter überlassen.«

Sie gingen davon, die anderen folgten ihnen, der Gobernador blieb allein zurück, ganz allein in der Stille des Parkes. Von fern wieherten Pferde, Kommandos ertönten, der Tag begann zu erwachen. Der Mann löste die Hände vom Gesicht, sah sich mit Blicken um, in denen der Irrsinn glänzte. »Die Frau«, lallte er, »die weiße Frau! Nein! Nein! Nein!« Er riß ruckartig die Arme hoch und stürzte durch das Gebüsch auf das Wasser zu. Die dunklen Fluten verschluckten ihn; er tauchte nicht wieder auf.

Im Schloß erfuhren die Söhne Don Fernandos dann, was sich zugetragen hatte. Soldaten hatten von fern beobachtet, wie der Gobernador sich in die Fluten gestürzt hatte und in ihnen versunken war. Der Freitod des Mannes, der ihnen die Mutter getötet, ihr Erbe beraubt und sie selbst mit Verfolgung und Tod bedroht hatte, erschütterte sie. Der Cura faltete die Hände zum Gebet.

Mit dem Aufgang des jungen Tages strömten von allen Seiten die Menschen herbei, um die Soldaten d'Urquizas als Befreier zu begrüßen. Sie vernahmen staunend das Ende des Gobernadors und jubelten auf, als sie erfuhren, daß sich die verschollenen Söhne Don Fernandos bei den Truppen befänden und im Schloß weilten. Von Santa Fé traf die Nachricht ein, daß die Truppen Rosas die Stadt geräumt hätten und in wilder Panik geflüchtet seien, als sie von der Landung d'Urquizas und von der Niederlage des Gobernadors de Salis hörten. Don Estevan traf mit seiner Mutter auf Bellavista ein, zur Freude der beiden Brüder, die ihn herzlich willkommen hießen und aufforderten, sich bei ihnen niederzulassen.

Die Erhebung in der Provinz nahm von Tag zu Tag an Stärke zu. Um Aurelio de Salis sammelte sich eine große Schar Freiwilliger, die ihm, dem Sohn eines allgemein beliebten und geachteten Mannes, willig in den Kampf gegen die Tyrannei folgten. Carlos und Pati blieben auf Bellavista in Gesellschaft Don Estevans zurück, der glücklich war, nach den Aufregungen der letzten Monate ein ruhiges Asyl gefunden zu haben. Aurelio führte die Freiwilligen von Santa Fé, und Juan folgte ihm, so sehr er auch ein feindliches Zusammentreffen mit den Gauchos fürchtete.

Am 3. Februar 1852 standen sich die kämpfenden Heere bei Monte Caseros, in der Nähe von Buenos Aires, zur Schlacht geordnet, gegenüber. Aurelio hatte den General d'Urquiza gebeten, nicht gegen Gauchos kämpfen zu müssen, stellte sich aber für Melderitte zur Verfügung. Juan, der den Untergang des Diktators wünschte und mit tiefem Schmerz die Gauchos auf dessen Seite sah, hielt bei dem Stab des Generals, der seinen Gefechtsstand auf einer Erhebung eingenommen hatte.

Erich Stormar, der seine Deutschen kommandierte, hatte eben seine letzten Befehle von d'Urquiza empfangen. Bei Aurelio vorbeireitend, rief er diesem zu: »Wünsch mir Glück, mein Junge. Bei mir geht's heute noch um eine besondere Entscheidung.«

Um neun Uhr begann auf beiden Seiten das Geschützfeuer; langsam rückten die Tiradores vor. Die Armee Rosas war stärker als die d'Urquizas, der kaum über dreißigtausend Mann verfügte. Auf der Gegenseite kämpften allein fünftausend Gauchos.

Das Gefecht zog sich zwei Stunden hin, ohne daß es einem der Gegner gelungen wäre, einen Vorteil über den anderen zu erkämpfen. Ein Gewaltstoß Rosas gegen den linken Flügel d'Urquizas war durch die vortrefflich geführte Artillerie des Generals abgewiesen worden. Die Entscheidung der Schlacht mußte durch die Reiterei herbeigeführt werden.

Als jetzt Rosas die Gauchos auf seinem linken Flügel sammelte, sandte d'Urquiza Aurelio an den weiter zurück haltenden Oberst Stormar mit dem Befehl, einzugreifen.

Staunend sah Aurelio, wie die Schwadronen der Alemans sich auf die Trompetensignale hin wie ein Fächer ausbreiteten und in Gefechtsformation vorrückten. Kein Laut außer dem Klirren der Waffen, den Signalhörnern, dem Stampfen der Pferde und den knappen Kommandorufen ward vernehmbar. Aurelio jagte zu d'Urquiza zurück, und ein heimliches Bangen befiel ihn, als er von dem erhöhten Platz aus die Übermacht der Gauchos erkannte, denen Stormar nur dreitausend Reiter entgegenzusetzen hatte.

In zwei Treffen gegliedert, rückten die Alemans vor. Starke Reserveschwadronen folgten ihnen. Die Gauchos setzten sich, einer finsteren Wolke gleich, in Bewegung. Trompetensignale erklangen, die Alemans griffen an, Oberst Stormar voran, die Lugartenientes vor ihren Zügen.

Rascher ritten die Gauchos, rascher die Alemans. Der allgemeine Kampf ruhte beinahe, alle Aufmerksamkeit war auf die Reiter gerichtet; bei ihnen lag die Entscheidung des Tages. Aurelio und auch Juan zitterten vor Erregung. Auf beiden Seiten fochten Freunde.

»Wie will Don Enrique diesen Angriff überstehen?« fragte leise der Gaucho.

Achttausend Reiter sprengten in vollem Rosseslauf mit eingelegten Lanzen aufeinander los, die Erde bebte unter dem stampfenden Schlag der unzähligen Hufe; das wilde Geschrei der Gauchos wurde jetzt von dem donnernden Hurra! der Alemans übertönt.

Furchtbar war der Zusammenstoß.

Wildes Geschrei – Durcheinander – Staubwolken erhoben sich, von den silbernen Blitzen der Säbel durchzuckt, die die Alemans führten. Jetzt griffen die Reserveschwadronen ein; einen Augenblick schien das Chaos zu herrschen, dann hallte über das Schlachtfeld das dröhnende Jubelgeschrei der deutschen Reiter.

Der Wind fegte den Staub hinweg, und vor den Augen von Freund und Feind jagte, was von den Gauchos nicht am Boden lag, in regelloser Flucht davon; die Alemans stießen nach. Sie hatten im ersten Anprall die berühmte Gauchoreiterei über den Haufen geritten.

»Victor! Victor!« schrien die Scharen d'Urquizas bei diesem Anblick; der Ruf pflanzte sich über das Schlachtfeld fort. D'Urquiza befahl den allgemeinen Angriff und zog seine letzten Reserven heran.

Juan Perez, der Gaucho, hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen; seine Schultern zuckten wie im Krampf. Er hatte die bisher unbesiegten Pampasreiter, die Gefährten seiner Jugend, unterliegen sehen.

Die Schlacht war entschieden. Rosas Armee floh, allen voran der Diktator, der vor der Wut des Volkes Schutz auf einem vor Buenos Aires ankernden englischen Kriegsschiff suchte.

Aurelio de Salis fand Erich Stormar auf dem Schlachtfeld schwerverwundet in den Armen Arno Thormäls, dem er das Leben gerettet hatte. »Verzeihst du nun, Arno?« hörte er ihn mit schwacher Stimme fragen.

»Ja«, sagte der andere, »ja, Erich. Es ist alles vergessen. Gott erhalte dich am Leben!«

Manuel de Rosas, der Tyrann, der so lange einem Dämon gleich über dem Lande gewütet hatte, war endlich vertrieben. Unter der Präsidentschaft José d'Urquizas begann eine neue, glücklichere Zeit für Argentinien.

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