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Der Sohn des Gaucho

Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Die Flucht

Auf einem Stromarm des Parana, weit nördlich von Santa Fé, schaukelte sich die Lancha Sancho Pereiras im leichten Wind. Don Juan, der aus dem Klostergefängnis befreite Aurelio und der treue Bootsmann, dessen Haar schon wieder in goldenem Glanze erstrahlte, saßen darin. Der Gefängnisschließer war auf eigenen Wunsch schon am Ufer von Entre Rios an Land gesetzt worden. Juan hatte dem Mann, der glücklich war, den schrecklichen Pflichten seines Amtes entronnen zu sein, eine größere Summe Geldes aufgenötigt, damit er die Möglichkeit habe, sich einen neuen Lebensunterhalt zu suchen.

Pati, der sich, wie nicht verschwiegen werden kann, jahrelang dem Schmuggel hingegeben hatte, kannte den Strom, seine Tücken und seine vielfältigen Schlupfwinkel wie seine Tasche. Er hatte jeder Verfolgung zu spotten gewußt. Die Lancha war reichlich mit Nahrungsmitteln versehen, so daß die Flüchtlinge nicht nötig hatten, das Ufer anzulaufen; auch Waffen, Munition und Reitzeug befanden sich an Bord.

Sie waren, in der verschwiegenen Nacht den Parana hinaufsegelnd, sehr vom Wind begünstigt gewesen und weiter nach Norden gelangt, als sie erwarten konnten.

Pati lehnte am Steuer, Juan und Aurelio saßen in seiner Nähe, beide ziemlich mißmutig und niedergeschlagen, denn der lange Aufenthalt auf dem Wasser behagte ihnen gar nicht.

»Was fangen wir nun an, Don Juan?« fragte der Feuerkopf, »wenn wir noch lange den Parana hinaufsegeln, landen wir in Paraguay.«

Der Gaucho machte ein finsteres Gesicht. »Ich weiß«, sagte er nach einer Weile, »wir müssen an Land, und das bald. Ich denke auch, wir sind mittlerweile weit genug von Santa Fé entfernt.«

»Sucht Brasilien auf«, meinte Pati, »dort werdet Ihr zunächst Ruhe finden.«

»Es geht mir nicht um Ruhe«, entgegnete der Gaucho. »Brasilien und Uruguay sind Feinde Argentiniens. Ich will nicht dorthin flüchten. Ich will im Lande bleiben, aber fern den Wirren des Bürgerkrieges. Am liebsten ginge ich nach San Jago. Dort habe ich Freunde, und dort werden wir auch Frieden finden, bis der Sturm vorüber ist.«

»Es ist nichts dagegen zu sagen«, versetzte Pati, »nur, wenn wir nach San Jago wollen, müssen wir das Gebiet von Santa Fé passieren.«

Juan nickte düster vor sich hin. »Ich weiß«, sagte er, »und es macht mir Sorgen. Ich bin mir klar darüber, daß man uns überall auflauert.«

»Und warum gehen wir nicht zu General d'Urquiza, Vater?« schaltete Aurelio sich ein. »Er ist unser Freund und wird uns gewiß schützen, soweit er die Macht dazu hat.«

Juan Perez schüttelte den Kopf. »Es geht nicht, mein Junge«, entgegnete er. »Ich kann nicht gegen Don Manuel kämpfen, obgleich ich ihn verabscheue, ich kann nicht zu seinem Todfeind übergehen. Möchtest du deine Lanze gegen die Gauchos richten?«

»Gewiß nicht, Vater! Welcher Gedanke! Ich bin ja selbst ein Gaucho!«

»Nun, die Gauchos stellen Rosas Reiterei.« Er schwieg eine Weile verbissen und sagte dann: »Trotzdem müssen wir an Land gehen, wenn wir uns nicht zu weit entfernen und möglicherweise auf fremdem Gebiet landen wollen. Was meinst du, Pati?«

»Meinetwegen können wir jederzeit an Land gehen«, versetzte der Feuerkopf. »Haben wir nicht lange genug in der Pampa gelebt? Und nun sollten wir uns fürchten, unter Führung eines so hervorragenden Rastreadors durch das Land zu streifen?«

Juan lächelte. »Leider bist du wieder der alte Feuerkopf geworden, mein alter Companero«, sagte er. »Reiten wir drei zusammen, fallen wir sofort und überall auf und haben sogleich die Lanceros auf den Fersen. Nun, und daß wir uns trennen, wirst du nicht wünschen.«

»Nein«, sagte Pati, »nein Don Juan, trennen wollen wir uns nicht. Aber fürchtest du wirklich, daß Rosas noch so weit im Norden Soldaten unterhält?«

»Ohne Zweifel«, entgegnete Juan sofort. »Soldados und Celadores. Rosas ist selbst ein erfahrener Soldat und weiß ganz genau, welch gefährlicher Gegner ihm in d'Urquiza erwachsen ist. Er wird seine Reiter so weit nach Norden vorschieben, wie irgend möglich.«

Die Lancha trieb, während sie so miteinander berieten, zwischen den verstreuten Inseln dahin, die den Parana einengten, bevor er nach Osten abzweigt.

»Lege die Lancha hier irgendwo fest«, sagte Don Juan. »Ich will im Kanu nach dem rechten Ufer hinüber und mich dort ein bißchen umschauen.«

Pati ließ das Fahrzeug geschickt in einen der Kanäle gleiten, die abseits der Strömung lagen. Bald fand er eine geeignete Stelle, wo es sicher und neugierigen Augen entzogen, liegen konnte. Er zog die Segel ein, verankerte das Boot und machte sich bereit, zusammen mit Juan an Land zu gehen. Aurelio blieb nur ungern zurück, doch waren die beiden Männer viel zu besorgt um ihn und um das Gelingen der Flucht, als daß sie sich ohne zwingende Notwendigkeit zusammen mit ihm auf unsicherem Boden gezeigt hätten.

Geh hier auf der Insel an Land, Aurelio«, sagte Juan, »es ist besser so. Wir sind bald zurück.« Seufzend nahm der Junge seine Doppelbüchse auf und betrat das palmengeschmückte kleine Eiland. Pati, der seine wollene Mütze tief über die Ohren gezogen hatte, um seinen leuchtenden Haarschmuck zu verdecken, und Juan ruderten im Kanu davon.

Während sie zwischen den dichtbewaldeten Inseln dahinglitten, um nach dem großen Stromarm zu gelangen, bemerkte Pati über einem Schilfsaum ein hochragendes Segel; augenblicklich ließ er das Kanu ins Schilf gleiten. Bald darauf vernahmen sie Stimmen und erkannten nach kurzer Zeit zwei Kriegsboote, die, die blauweiße Kriegsflagge Argentiniens zeigend, stromauf gingen. Die Boote waren stark bemannt und mit leichtem Geschütz bestückt.

»Gut, daß sie die Lancha nicht gesehen haben«, flüsterte Pati.

»Du siehst, wie weit Rosas Arm nach Norden reicht«, sagte Juan.

Sie ließen die Boote vorübergleiten und setzten nach einiger Zeit ihre Fahrt fort. Aus dem Inselgewirr heraustretend, sahen sie jenseits des breiten Stromarmes das einsam daliegende hochragende Ufer. Sie kreuzten den Strom und ruderten langsam am Ufer hinauf, bis sie einen Zufluß fanden, in den sie ihr Boot hineintrieben. Auch dessen Ufer waren hoch.

Als der Waldsaum dünner wurde, stieg Juan das Ufer hinauf und hielt landeinwärts Umschau. Er erblickte in einiger Entfernung die umfangreichen Gebäudeanlagen einer Estancia, von Maisfeldern und Pfirsichhainen umgeben. Weiter oberhalb sah er Boote liegen. Nach Norden zu erblickte er in geringer Entfernung den Turm einer Kirche, der die niedrigen Dächer einer kleinen Stadt überragte.

»Toscas oder Ocampo«, sagte er, zu Pati gewandt. »Es ist im Grunde gleichgültig; von beiden Städten führen Straßen ins Land. Jetzt geht es darum, gute Pferde zu beschaffen, dann können wir reiten.«

»Sollte es auf der Estancia dort nicht zugerittene Pferde geben?«

»Sicher. Fraglich ist nur, ob sie verdächtigen Leuten welche verkaufen. Und verdächtige Leute sind wir ja nun einmal. Auch liegen vermutlich Lanceros in der Stadt dort.«

Plötzlich vernahmen sie schnellen Hufschlag. Nach rechts hinblickend, sahen sie ein Pferd in raschestem Galopp um die Waldecke biegen. Eine jugendliche Reiterin saß darauf, und es war augenscheinlich, daß sie die Gewalt über das Tier verloren hatte. Alle Vorsicht vergessend, griff Juan nach dem Lasso und warf ihn dem rasenden Renner in eben dem Augenblick über den Hals, als die Reiterin herabsinken wollte. Das Pferd stand sofort, als es den Lasso fühlte, und Juans Arm bewahrte das Mädchen vor einem unsanften Sturz.

Er hatte sie eben vorsichtig auf ihre Füße gestellt, als ein älterer Mann dahergejagt kam, in dessen Gesicht Schrecken und Angst standen. »Allen Heiligen sei Dank!« rief er, vom Pferde springend und auf die Gruppe zueilend. Die junge Dame hatte ihre Geistesgegenwart schon zurückgewonnen. »Danke dem Señor da, sagte sie, »er kam eben zur rechten Zeit.«

Der Herr, seinem Äußeren nach ein vornehmer Caballero, richtete seine Augen auf Juan und den inzwischen herangekommenen Pati; ein nachdenklicher Ausdruck erschien in seinem Gesicht. Doch streckte er Juan gleich darauf mit herzlicher Gebärde die Hand entgegen. »Ich danke Euch, Señor«, sagte er, »Ihr habt meine Tochter vor Unheil bewahrt. Was kann ich für Euch tun?«

»Ihr seid mir selbstverständlich nichts schuldig«, entgegnete Juan, »der kleine Dienst, den ich der Señorita erweisen konnte, ist wahrhaftig nicht der Rede wert. Wenn Ihr uns indessen gleichwohl einen Dienst erweisen wolltet, so würden wir Euch bitten, uns zwei Pferde und ein Maultier zu verkaufen.«

Der nachdenkliche Ausdruck war noch immer in des Mannes Gesicht. Er fragte: »Ihr seid fremd hier in der Gegend?«

»Ja, wir sind fremd hier und haben durch einen unglücklichen Zufall unsere Reittiere verloren.«

»Kommt einen Augenblick beiseite«, sagte der Mann, und zu seiner Tochter gewandt: »Entschuldige mich für eine Minute, mein Kind.« Er nahm Juan am Arm und führte ihn einige Schritte abseits.

»Ihr seid ein Gaucho?« fragte er leise.

Juan sah ihn an. Das Gesicht des alten Mannes war offen und frei. Etwas wie Besorgnis schien darin ausgedrückt.

»Ja, Señor«, sagte Juan, »ich bin ein Gaucho.«

»Und Ihr braucht drei Pferde? Wo ist Euer dritter Mann? Ist es ein Jüngling mit achtzehn Jahren?«

Verdammt! dachte Juan. Aber es ist ja ganz klar, dachte er. Er sah dem Mann ruhig ins Gesicht. Dort stand nichts als offene Lauterkeit. »Wir scheinen hier bereits signalisiert«, sagte Juan; er lächelte etwas verzerrt.

»Ja, Mann«, sagte der Caballero mit ruhigem Ernst In der Stimme. »Schweigt still«, sagte er, »ich will weiter nichts von Euch wissen. Ich werde Euch die verlangten Tiere geben. Ich bin der Alkalde des hiesigen Bezirks. Und ich will Euch sagen, daß mir drei gefährliche Staatsverbrecher gemeldet sind, deren Signalement verzweifelt auf Euch paßt. Ich rate Euch deshalb: Hütet Euch vor den Soldados Seiner Excellenza. Man könnte auf den Gedanken kommen, Euch für das gesuchte Kleeblatt zu halten; es ist naheliegend.«

Juan Perez' Gesicht war unbewegt. »Das dort ist Toscas?« fragte er und wies in die Richtung der Stadt.

»Ja, Señor, es ist Toscas.«

»Liegen Soldados dort?«

»Augenblicklich nicht. Aber sie durchstreifen das Land.«

Juan lächelte: »Wir werden ihnen auszuweichen wissen.«

Der andere lächelte zurück. »Hoffentlich«, sagte er. »Habt Ihr Reitzeug?«

»Ja.«

»Waffen?«

»Ja.«

»Heute nach Sonnenuntergang werden zwei meiner besten Pferde und ein starkes Maultier hier zur Stelle sein.«

»Dank, Señor. Wir werden die Tiere in gutem Gelde bezahlen.«

Der Caballero machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Ich werde nichts nehmen«, sagte er. »Es ist wenig, was ich Euch für das Leben meiner Tochter gebe. Könnt Ihr das Haus Antonio Garcias sonst noch brauchen, es ist Euer Eigentum. Doch möchte ich zunächst nichts davon verlauten lassen, daß ich Euch Pferde gegeben habe. Böswillige Menschen möchten sagen, ich hätte Hochverrätern Vorschub geleistet. Ich bin nicht sehr gut bei Seiner Excellenza angeschrieben.«

»Von uns wird niemand erfahren, wie wir Euch verpflichtet sind, Señor.«

»Nun, es wird der Tag kommen, da alle Irrtümer sich aufklären«, sagte Don Antonio abschließend. »Dann wird auch der Verdacht hinfällig werden, ich könnte Feinden meines Vaterlandes Hilfe gewähren. Feinde, sage ich; ich glaube nicht, daß Ihr es seid.«

»Gott schütze Argentinien, Señor. Ich bin ein treuer Sohn meines Landes.«

»Reitet mit Gott, Mann, und entschlüpft Euren Feinden. Die Pferde werden mit dem Maultier rechtzeitig zur Stelle sein.« Er reichte Juan die Hand. »Ihr könnt jederzeit auf mich rechnen«, sagte er.

Sie gingen zu Pati und der Señorita zurück. Juan nahm seinen Lasso an sich. Noch einmal reichte ihm das junge Mädchen die Hand und sagte ihm einen herzlichen Dank. »Gott und die Heiligen mögen Euch schützen, Señor!« setzte sie hinzu.

Juan zog seinen breitrandigen Hut und bot der Señorita die Hand zum Aufsteigen. Don Antonio lüftete noch einmal grüßend den Hut und ritt mit seiner Tochter davon.

Die beiden Zurückbleibenden sahen ihnen einen Augenblick nach und wandten sich dann wieder dem Ufer zu.

»Gibt er uns Pferde?« fragte Pati.

»Ja, heute abend. Es ist schlimm, mein Lieber. Unser Steckbrief scheint an jeder Mauer zu kleben, aber es gibt in Argentinien schon eine ganze Menge Leute, die keine Lust mehr haben, Rosas Steckbriefe zu beachten. Gleichviel«, setzte er kurz hinzu, »wir rudern jetzt zur Lancha zurück. Heute abend reiten wir.«

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit landete das Kanu wieder, nunmehr mit drei Insassen, an dem Uferweg, der zu Señor Garcias Besitzung führte. Sie nahmen Sättel, Zaumzeug, Waffen, Decken und Mundvorrat heraus und gingen an Land. An der Stelle, wo der Zwischenfall mit dem jungen Mädchen passiert war, warteten sie. Es dauerte eine Zeitlang; erst als die Dunkelheit völlig hereingebrochen war, erschien ein Peon mit einem Maultier und zwei Pferden. Juan rief ihn an; schweigend übergab der Mann ihnen die Tiere. Juan sah, daß sowohl das Maultier als die Pferde von auserlesener Rasse waren. Rasch wurden sie gesattelt.

»Sagt Eurem Señor meinen Dank, amigo.« Juan reichte dem Peon die Hand. »Haben wir nach Westen zu einen Flußlauf vor uns?«

»Ja, Señor, den Rio Amores, doch er ist um diese Zeit seicht.«

»Habt Ihr Lanceros gesehen?«

»Gott sei Dank, nein.« Der Mann hob warnend die Hand. »Aber hütet Euch vor ihnen«, sagte er, »sie durchstreifen das Land und suchen Unitarier.«

»Ihr scheint kein Freund der bestehenden Ordnung?« lächelte Juan.

»Schweigt, Señores«, sagte der Mann, »In diesem Land ist es das beste, zu schweigen.«

»Das ist wahr. Adios, amigo!«

»Adios, Señores!«

Sie schlugen die Richtung nach Westen ein und orientierten sich am Stand der Sterne. Sie legten eine gute Wegstrecke zurück und erreichten das Ufer des Rio Amores bald nach Mitternacht. Dort machten sie halt, um sich und den Tieren Ruhe zu gönnen. Nach Tagesanbruch erhob sich Juan, bestieg einen der Bäume am Flußufer und hielt Umschau. Sie waren längst in der Pampa, die hier im Norden weniger eintönig ist als im Süden. Haine von Ombusbäumen brachten Abwechslung in das Bild. Die Gebäude einiger Estancias waren in weiterem Umkreis sichtbar, dazwischen friedlich weidende Rinder- und Pferdeherden. Menschen waren nirgends zu erblicken.

Juan stieg vom Baum herab. Er beschloß, den Ritt zu wagen. Es lag ihm daran, die Provincia Santa Fé baldmöglichst zu verlassen und die Provincia San Jago del Estero zu erreichen, in deren Hauptstadt er Freunde und einstweilige Sicherheit zu finden hoffte. Es würde schwierig werden, wußte er. Pati mit seinem schweren Gewicht auf dem Maultier bildete ein ernsthaftes Hindernis für eine etwa notwendig werdende schnelle Flucht. Aber es gab keine Wahl.

Sie aßen ein wenig, kreuzten mit leichter Mühe den seichten Fluß und setzten ihren Ritt nach Westen fort, die zerstreut und in weiter Entfernung voneinander liegenden Estancias in weitem Bogen umreitend.

Fünf Stunden ritten sie ununterbrochen durch die Pampa, bis sie in der Nähe einiger Ombusbäume an einem Wasserrinnsal Halt machten, um die Pferde zu tränken und verschnaufen zu lassen. In etwa einer Legua Entfernung waren die Gebäude einer Estancia sichtbar. Als Juan, dessen Aufmerksamkeit nicht einen Augenblick nachließ, während der Mahlzeit den Horizont überblickte, gewahrte er über der Estancia eine außerordentlich starke Rauchentwicklung. Er sprang auf und glaubte in der Nähe der Gebäude Menschen umherrennen zu sehen. Gleich darauf kam ein einzelner Reiter herangesprengt. Er hielt gerade auf den Ruheplatz zu.

»Was gibt es da?« fragte Pati, der Juans Gesichtsausdruck aus langer Erfahrung zu deuten wußte.

»Ich fürchte, der Puma ist im Schafstall«, sagte der Gaucho. Auch Pati und Aurelio erhoben sich nun und sahen durch die Zweige der Bäume nach der rauchenden Estancia aus. Auch sie sahen nun den Reiter, der schnell näher kam.

Der Rauch wurde stärker; plötzlich schlugen lodernde Flammen zum Himmel auf; kein Zweifel, die Estancia brannte. Und nun gewahrten sie auch zwei mit Lanzen ausgerüstete Reiter, die hinter dem einzelnen herzujagen schienen. Bisher waren sie durch einen Hain den Blicken entzogen gewesen.

»Demonio, Soldados!« flüsterte Juan.

Pati fuhr auf: »Soldados?«

»Still«, zischte Juan, »laß uns abwarten. »Die Lanceros Seiner Excellenza sind offenbar damit beschäftigt, ein Unitariernest auszuplündern. Hole die Pferde, Aurelio, und sieh nach den Waffen.«

Der Junge war schnell mit den Tieren zur Stelle; er prüfte das Zündhütchen seiner Büchse, und auch Pati machte seinen Karabiner schußfertig.

»Zwischen die Bäume«, raunte Juan. »Vielleicht braust das Unwetter vorüber.« Wie der Blitz waren Menschen und Pferde dem Auge entrückt.

Der Verfolgte kam dem kleinen Gehölz immer näher; man sah, daß er sein Pferd zu äußerster Eile anspornte, aber die nachsetzenden Lanceros gewannen schnell Raum.

»Soll ich auf die Soldados schießen, wenn sie näherkommen?« fragte Aurelio.

»Nein, Junge. Wir können dem Mann nicht helfen. Nur im Fall äußerster eigener Not wird geschossen.«

Ganz plötzlich änderte der Reiter die Richtung und wandte sich in einem Winkel nach Norden. Ein einziger Blick zeigte Juan, daß von Süden eine stattliche Reiterschar nahte, deren bewimpelte Lanzen sie ebenfalls als Lanceros kennzeichneten. Die verfolgenden Reiter sausten in ziemlich weiter Entfernung an dem Gehölz vorbei, das Juan und seine Begleiter verbarg. Gleich darauf erreichten sie den Verfolgten. Die Beobachter sahen ihn unter den Lanzen der Soldaten zusammenbrechen. Aurelio barg zusammenschauernd den Kopf in den Händen, Juan unterdrückte einen Fluch. »Wir müssen die Nacht abwarten, bis wir weiterreiten können«, sagte er. »Ein Gutes hat dieses Zusammentreffen: wir wissen nun wenigstens, wo der Feind steht.«

»Fürchtest du nicht, daß sie unsere Spur annehmen, Vater?« fragte Aurelio.

»Nein. Sie werden diesen Spuren hier in der Nähe der großen Estancia keine Bedeutung beimessen, auch wird man uns schwerlich im Innern des Landes vermuten.«

Sie warteten geduldig, bis die Sonne sank. Die Estancia schien niedergebrannt zu sein. Als es völlig dunkel war, bestiegen sie die Tiere und ritten nach Westen. Sie beschrieben einen Bogen um die Brandstätte. Schwacher Feuerschein, der entweder von noch glimmenden Balken oder von Wachtfeuern herrührte, bezeichnete die Stelle, die sie vermeiden wollten. Und doch schien es geraten, sich zu überzeugen, ob und wie viele Lanceros dort noch lagerten.

Sie ritten wieder etwas näher an den schwachen Feuerschein heran und vermochten bald zu erkennen, daß vor einigen vom Brand verschonten Schuppen in der Tat Soldados lagen, die ihre Abendmahlzeit an lodernden Flammen rösteten.

Juan ließ halten, übergab sein Pferd Aurelio und ging vorsichtig auf das Feuer zu. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß Wachen nicht ausgestellt waren, warf er sich zur Erde nieder und bewegte sich kriechend auf die Soldatengruppe zu, die sich lärmend unterhielt. Auf seinem Wege stieß er mehrmals auf Leichen Erschlagener, die im Grase lagen. Hinter einem deckenden Busch ließ er sich nieder und begann die Soldados zu zählen. Dreiundzwanzig zählte er, die um mehrere Feuer verteilt auf der Erde saßen und lagen. Er fing hier und da einen der Sätze auf, die dort gesprochen wurden.

»Drei Regimenter Lanceros ziehen von Süden heran«, hörte er, »die werden wohl genügen, um den Señor d'Urquiza bis über die Anden zu werfen.«

»Hoffentlich kommen wir nach Cordoba«, sagte ein anderer, »da gibt's andere Beute als in den elenden Estancias hier.«

Interessant! dachte Don Juan und lauschte eifrig.

»Wo ist denn Spinola mit seinen Leuten hingeritten?« hörte er.

»Nordwärts.«

»Und wir?«

»Wir sollen, wie der Teniente sagt, nach Westen, um uns nach den Leuten von Cordoba umzusehen.«

Das ist gut zu wissen, dachte Juan; seine ganze Aufmerksamkeit war ungeteilt den Feuern zugewandt. Darüber vergaß er der Vorsicht, die ihn sonst niemals verließ.

Er erschrak bis ans Herz, als er plötzlich einen derben Fußtritt erhielt. Eine rauhe Stimme hinter ihm sagte: »Caracho! Was treibst du hier?«

Er war im gleichen Augenblick hoch; er verlor kein Wort, hob die Hand mit dem Messer und stieß zu. Der Mann brach mit einem Aufschrei zusammen. Vorher aber hatte Juan in dem schwachen Licht sein Gesicht gesehen. Es war der Offizier, der ihn und Aurelio am Rio Quinto verhaften wollte.

Er hätte besser zustoßen sollen. Der Mann schrie. »Feinde! Verräter!« brüllte er; die Lanceros an den Feuern sprangen auf und griffen zu den Karabinern. Sie rannten wild durcheinander, denn sie sahen einstweilen nicht, wo ein Feind zu suchen wäre. Sie knallten mit ihren Karabinern sinnlos herum. Der Lugarteniente kam blutend hinter dem Busch hervorgewankt. »Demonio!« ächzte er, »der und jener soll mich holen, wenn das nicht der Gaucho vom Rio Quinto war!«

»Aufsetzen! Ausschwärmen! Dreitausend Pesos für den Bandido!« rief eine scharfe Kommandostimme. Im Nu saßen die Reiter im Sattel und jagten nach verschiedenen Richtungen in die Nacht hinein. Nur einige blieben zurück und bekümmerten sich um den verwundeten Teniente.

Aurelio war, als er die Schüsse hörte und die Lanceros aufsitzen sah, in Sorge um den Vater näher an die Brandstätte herangeritten. Ein leiser Eulenschrei belehrte ihn darüber, wo er Juan Perez zu suchen habe. Der Gegenruf, den Aurelio ausstieß, sagte dem Gaucho, wo der Junge mit den Pferden hielt. Als sich einige der herumjagenden Reiter dem Standort Aurelios näherten, feuerte der seine Büchse ab. Der Schuß brachte die Lanceros zu eiligem Rückzug. Überdies sahen sie das Sinnlose der Bemühung ein, die Gesuchten im Dunkeln finden zu wollen und dabei gegen unsichtbare, mit Büchsen bewaffnete Feinde zu kämpfen.

Juan hatte sein Pferd bald erreicht; sie nahmen wieder den Ritt nach Westen auf, während die Lanceros sich um das Feuer sammelten. »Morgen früh sind sie auf unserer Spur«, sagte der Gaucho, »und ich bin schuld daran. Gott verzeih's mir! Sie wissen nun, wen sie vor sich haben. Jetzt gilt es, soweit wie möglich nach Westen zu kommen. Vor Tagesanbruch können sie nicht aufbrechen.«

Sie schlugen einen scharfen Galopp an; die Pferde waren diesen Boden gewöhnt; sie griffen munter aus. An die zwei Stunden lang jagten sie durch die Pampa. Dann stellte Juan unangenehm überrascht fest, daß der Boden sumpfig zu werden begann. Sie ritten langsamer und vorsichtiger, aber das Erdreich wurde immer weicher; die Hufe der Tiere sanken ein.

Juan stieg ab und prüfte sorgfältig den Boden. »Caracho! Ein Salzsumpf«, sagte er; seine Stimme klang besorgt.

»Können wir ihn nicht umreiten?« fragte Aurelio.

»Ich war noch nicht hier oben«, sagte Juan, »aber ich weiß, daß es hier Salzsümpfe gibt, die sich viele Leguas weit ausdehnen. Ich dachte nicht, daß wir sie so weit südlich treffen würden.«

»Und wenn wir den Sumpf im Süden umgingen?«

»Im Süden stehen zahlreiche Truppen; ich habe das vorhin an den Feuern erlauscht. Die Capitanos kennen die unwegsamen Sümpfe natürlich und sperren die passierbaren Stellen. Nein«, sagte er, »wir können den Sumpf nicht im Süden umreiten, wir müssen nach Norden. Alerta! Adelante, amigos! Mir nach.«

Er ritt zurück, bis er wieder festen Boden unter den Hufen spürte, dann ließ er die Tiere ausgreifen, von Zeit zu Zeit absteigend und den Erdboden prüfend. Noch immer war der Untergrund salzig. Sie ließen die Pferde einmal verschnaufen und ritten dann, bis der erste helle Schein im Osten sichtbar wurde. Im Dämmerlicht des Morgens sah Juan sich um und wählte ein kleines Gehölz aus Mimosen aus, um darin ein Versteck zu suchen.

»Wir haben eine Spur hinterlassen, der sogar ein Stadtbewohner zu folgen vermöchte«, sagte er. »Außerdem wissen die Lanceros, daß wir den Sumpf im Westen haben. Hoffentlich sind unsere Pferde ausgeruht, wenn sie kommen, denn dann heißt es ausreißen. Vermögen wir nicht mehr zu fliehen, müssen wir fechten. Doch jetzt laßt uns ruhen. Leg dich nieder, mein Junge. Vor vier, fünf Stunden können sie nicht hier sein; vorerst ist keine Gefahr.« Er schlug den Poncho um und legte sich zu kurzem Schlaf nieder. Die Pferde und das Maultier hatten sie so an die Lassos gebunden, daß sie weiden konnten. Aurelio folgte dem Beispiel seines Vaters, und auch Pati legte sich nieder.

Pati und Aurelio schliefen kaum, als Juan sich schon wieder leise erhob. Die Sonne stand bereits am wolkenlosen Himmel. Er erkletterte einen hohen Nogal und sah aufmerksam in die Weite. Die Pampa lag in friedlicher Stille. Im Westen erstreckte sich, kaum erkennbar, der Salzsumpf. Nach Süden und Osten war der Ausblick durch Gehölze eingeengt, reichte aber immerhin weit genug, um zu erkennen, daß keine Feinde in Sicht waren. Lange und mit besonderer Aufmerksamkeit schaute der Gaucho nach Norden aus. »Sollte das der Wald sein?« murmelte er. »Aber nein, wir können doch noch nicht soweit nach Norden gekommen sein. Auch müßte dann dort der Saladillo fließen, und von einem Fluß ist keine Spur zu gewahren. Es können nur kleine Gehölze sein; der Wald ist noch weit.

Er stieg wieder herab, setzte sich in der Nähe Aurelios nieder und zündete sich eine Zigarette an. Als er meinte, daß die Sonne hoch genug gestiegen sei, weckte er die Schläfer. Rasch sattelten sie und stiegen auf. Ein Mundvoll Maisbrot diente als eiliges Frühstück. Ohne die Tiere, die sich bisher prächtig bewährt hatten, zu überanstrengen, galoppierten sie so nahe am Sumpf, wie der Boden es irgend gestattete, nach Nordwesten.

Juan, der immer einige hundert Schritt voraus war, erreichte soeben das Ende eines kleinen Gehölzes und schaute prüfend nach rechts, als er sein Pferd mit einem Ruck zurückriß. Er sah, ein Trupp Lanceros ritt gemächlich durch das hohe Gras. Mit der Lanze winkte er Aurelio und Sancho heran. »Da«, sagte er lakonisch, nach Osten deutend: »Soldados!«

»Unsere Verfolger?« fragte Aurelio.

»Nein. Es sind andere.«

»So daß wir uns also zwischen zwei Feuern befänden«, sagte Pati.

Vor ihnen, nach Norden hin, erstreckte sich weit und offen die Pampa, deren Horizont von einem dunklen Streifen eingefaßt war. Sobald sie weiterritten und das Gehölz zu ihrer Rechten sie nicht mehr deckte, mußten sie von den Lanceros erblickt werden. Daß die Soldaten von der Estancia seit dem Tagesanbruch auf ihrer Spur jagten, war zweifellos. Zu ihrer Linken hatten sie noch immer den unpassierbaren Sumpf.

»Wollen abwarten, was geschieht«, sagte Juan achselzuckend, »es ist sonst nichts zu tun.« Er stieg vom Pferd und schlich durch die Büsche am Rande des Gehölzes entlang. Die Lanceros hatten Rast gemacht und waren im Begriff, Feuer anzuzünden. Sie waren knapp eine halbe Legua entfernt.

Zurückkehrend und in den Sattel steigend sagte Juan: »In das Gehölz gehen und den Angriff abwarten ist sicherer Untergang. Hier warten, bis die Lanceros von Süden kommen und wir eingekreist werden, ist gleichbedeutend damit, uns zu Tode hetzen zu lassen. Es bleibt nichts übrig, als eiligst nach Norden zu jagen.«

»Laßt mich hier«, sagte Sancho Pereira, »ich kann weder reiten wie ihr noch läuft mein Maultier so schnell wie eure Pferde; ich bin ein Hindernis für euch. Reitet in Gottes Namen und rettet euch. Vielleicht kann ich allein mich verborgen halten.«

»Was meinst du, Aurelio«, wandte Don Juan sich an den Jungen, »sollen wir unseren Feuerkopf hierlassen?«

»Du meinst das ja nicht im Ernst«, antwortete der Junge, »und ernsthaft könnte man auch nicht darüber reden. Ich jedenfalls könnte mich hinfort nicht mehr unter Menschen sehen lassen.«

»Da hörst du es, Rotkopf«, sagte der Gaucho, und in seinen Augen blitzte es auf, »und nun laß diese Sprüche. Kommt es soweit, werden wir unser Leben so teuer wie möglich verkaufen.«

Vom bodenschlagenden Lärm ferner Hufschläge wurden ihre Köpfe herumgerissen. Sie sahen, von Süden her kam es heran. Das waren die von der Estancia. Sie waren viel früher da, als Juan angenommen hatte. Mit der Bodengestaltung vertraut und wissend, daß im Norden und Süden Soldaten die Pampa durchstreiften, hatten sie darauf verzichtet, der Spur der Flüchtlinge zu folgen, sondern hatten direkt den Weg nach dem Nordende des Salzsumpfes eingeschlagen und die Strecke auf diese Weise erheblich verkürzt.

»Adelante!« rief Juan, »jetzt geht es ums Leben! Pati, zwischen uns beide!«

Sie nahmen alle drei die Gewehre zur Hand und ritten in die frei vor ihnen liegende Pampa hinaus. Sie waren kaum an dem Gehölz vorbei, als sie auch von den noch lagernden Lanceros gesehen wurden. Ein halbes Dutzend der Männer schwangen sich in den Sattel und sprengten auf die Flüchtlinge zu, die den Lauf ihrer Tiere indessen nicht beschleunigten. Das Maultier hielt wacker mit den Pferden Schritt. Die Lanceros stießen in einem Winkel nach vorn vor; sie mußten in kürzester Zeit mit den Verfolgten zusammenstoßen, wenn die nicht schneller als bisher ritten. Juan warf einen Blick hinter sich; die Feinde dort waren zwar noch weit entfernt, hatten aber bereits erkennbar Raum gewonnen. Dennoch beschleunigte der kaltblütige Gaucho die Bewegung nicht, er wußte, sie würden die Kraft ihrer Tiere noch brauchen müssen. Vorläufig hatten sie es nur mit sechs Gegnern zu tun. »Mach dich zum Schießen fertig, Aurelio«, sagte er. Der Junge spannte die Hähne seiner Doppelbüchse. Näher und näher kamen die Verfolger, sie schwangen die Lanzen und bereiteten sich zum Angriff vor.

»Alto ahi!« kommandierte der Gaucho; sie hielten. Aurelio hob die Büchse und schoß. Ein Lancero stürzte. Und auch der zweite Schuß des Jungen hob einen Mann aus dem Sattel. Da rissen die anderen die Pferde herum und jagten davon.

»Lade, Aurelio«, sagte Don Juan.

Sie sahen, auch die anderen Lanceros sprangen nach dem blutig abgewiesenen Angriff nun auf ihre Pferde. Und die Feinde von Süden her näherten sich schnell.

»Adelante!« rief Juan. Sie sprengten davon. In ihren Ohren gellte das wilde Geschrei der bereits triumphierenden Verfolger, die von beiden Selten näher kamen. »Jetzt!« schrie Juan und gab seinem Tier die Sporen. Die Pferde griffen aus und begannen ihre Kraft zu entfalten. Noch hielt sich das Maultier zwischen ihnen, aber genau genommen war das Ende abzusehen. Juan löste die Bolas und machte sie wurfbereit. Als er sie eben ums Haupt schwingen wollte, sah er die Verfolger stutzen, aber nur einen Augenblick, dann jagten sie weiter. Und kamen näher. Das Maultier blieb langsam zurück.

»Rettet euch! Rettet euch!« rief Pati, »nehmt keine Rücksicht auf mich!«

»Adelante! Adelante!« war Juans einzige Antwort. Er selbst aber riß, einer plötzlichen Eingebung folgend, sein Pferd herum und sprengte, die Bolas schwingend auf die von rechts herankommenden Reiter los. Augenblicklich teilten die sich in zwei Gruppen, wodurch ihre Vorwärtsbewegung sich verlangsamte. Einige hielten und machten sich fertig zu schießen. Die Vordersten wichen vor dem tollkühn heranstürmenden Reiter zurück. Pati und Aurelio hatten auf diese Weise erheblichen Vorsprung erlangt. Dies erkennend, wandte Juan plötzlich das Pferd und jagte ihnen nach. Schüsse pfiffen an ihm vorbei. Die durch die Attacke überlisteten Lanceros setzten die Verfolgung mit gesteigerter Wut fort, hatten aber viel Raum verloren.

Dennoch kamen sie den Verfolgern bald wieder näher, und auch die von Süden herankommenden Reiter waren nicht mehr weit. Das Maultier verlangsamte zusehends seinen Schritt; es war erschöpft und sein Reiter zu schwer.

»Flieht! Um Himmels willen, flieht doch!« rief Pati mit letzter Lungenkraft. Noch einmal setzte er dem völlig abgehetzten Tier die Sporen ein; da brach es unter ihm zusammen.

Juan und Aurelio hielten. Pati stand über dem gestürzten Tier; er war nicht herabgeschleudert worden. »Juan«, flehte er, »rette Aurelio, den Jungen!«

»Ja«, sagte Juan, »nun hilft es nichts mehr, er muß gerettet werden. Aber vorher schießen wir noch.« Alle drei griffen zu den Büchsen.

Da – was war das? Begab sich ein Wunder? Die beiden Abteilungen der Lanceros verhielten sich ruckhaft, machten plötzlich kehrt und jagten in wildem Galopp nach Süden davon. Die drei Flüchtlinge wandten sich um – und erstarrten.

Wie aus dem Boden gewachsen, jagte von Westen her eine Reiterschar heran, über hundert Mann stark wohl, wilde, abenteuerliche Gesellen. Von langen Lanzen wogten Straußenfedern; langes, schwarzes Haar umflatterte dunkle, verwegene Gesichter.

»Chacoindianer! Nun sei uns der Himmel gnädig!« stammelte Juan. »Das ist das Ende!«

Pati und Aurelio sahen entsetzt auf die vorüberbrausende wilde Jagd. Aber die Indianer schienen die Flüchtlinge gar nicht zu sehen; sie folgten den uniformierten Lanzenreitern, die, wie vom Teufel gehetzt, über die Pampa jagten. Keiner der drei fand ein Wort. Minuten vergingen nur, da waren Verfolger und Verfolgte bereits ihren Blicken entzogen; sie waren allein in der grenzenlosen Weite.

Plötzlich kam in ihrem Rücken ein Tosen heran, eine Art Fauchen; schlagartig verdunkelte sich der Himmel. Ein gewaltiger Windstoß riß sie fast zu Boden. Im Süden und Osten wurde es Nacht; ein dunkler Mantel, von unsichtbarer Hand über die Erde geworfen, hatte Chacoindianer und Lanceros verschlungen.

»Der Pampero!« sagte Juan Perez tonlos, »nun auch noch der Pampero!« Er sprang vom Pferd, und Aurelio folgte ihm. Sie warfen sich hin und zwangen auch die Tiere, sich niederzulegen.

Ein fahles Licht hüllte alles ringsum in ein bleiernes Grau. Hoch über ihnen raste ein dunkles Ungeheuer dahin; plötzlich umgab sie schwarze Nacht. Schwefeldunst machte sich bemerkbar. Und dann öffnete das Ungeheuer seinen Rachen und spie einen Feuerstrom aus; für Sekunden flammten Himmel und Erde in blendend rotem Licht. Ein Gebrüll folgte dem zuckenden Feuerstrahl, als ob tausend Kanonen gleichzeitig ihre ehernen Schlünde aufrissen. Ein Brausen erhob sich, als ob alle bösen Geister der Hölle losgelassen wären. Mit der Schnelligkeit des beflügelten Königs der Felsengebirge jagte der Südsturm heran. Scharen von Vögeln, tote und lebende, fegte er vor sich her; die Erde bebte konvulsivisch. Staub und Sand, meilenweit hergeführt, durchwirbelte die Luft, machte das Atmen zur Qual. Schwarze undurchdringliche Nacht herrschte ringsum, dann und wann nur von einem rotglühenden Feuerstrahl durchbrochen, dem ohrenbetäubendes Brüllen folgte. Mit immer steigender Kraft jagte der Sturm über die Erde; die Männer konnten weder hören noch sehen; das entsetzliche Brausen verschlang jeden anderen Laut. Sie krallten die Hände in das Gras, um nicht vom Sturm fortgeschleudert zu werden. Lange, grauenvolle Minuten vergingen, und jede einzelne schien eine Ewigkeit zu währen. Dann öffnete der Himmel seine Schleusen, und Wasserströme stürzten herab; es war, als sei die Sintflut da, das Ende der Welt. In zolldicken Strahlen strömte der Regen; es war kein Regen mehr; ganze Meere schienen sich über die Pampa ergießen zu wollen. Die Ebene verwandelte sich in einen endlosen See.

Aber damit war auch das Schlimmste vorbei. Schon wurde es im Süden heller, langsam wich die undurchdringliche Nacht; das schwarze Ungeheuer am Himmel jagte in rasender Eile nordostwärts, der Wolkenbruch ließ nach, wurde schwächer und versiegte endlich. Das Tageslicht kehrte zurück; schnell, wie er gekommen, war der Pampero vorübergebraust.

Die Flüchtlinge hoben die Köpfe. Sie atmeten frei; die Luft war balsamisch, von köstlicher Frische, Die Sonne erschien und überzog die Pampa mit einer Flut goldenen Lichtes. Aber wie sah die Erde aus! Wohin war das helle und dunkle Grün, wohin die hundertfältige Blütenpracht? Schmutziges Grau und Braun starrte ihnen entgegen; der Regen hatte die unendlichen Staubmassen, die der Pampero mit sich geführt, in Schlamm verwandelt, der nun jedes Blatt, jeden Grashalm bedeckte.

Die drei sahen sich an, als seien sie aus dem Abgrund der Hölle zurückgekehrt; in ihren Augen stand das Grauen; sie schüttelten sich. Sie wrangen die Ponchos aus und suchten das Wasser aus den Kleidern zu drücken. Sie vermochten lange Zeit nicht zu sprechen. Die Tiere zitterten am ganzen Leibe.

Eine Gefahr war an ihnen vorübergegangen; sie wußten, daß noch tausendfältige Gefahr ihrer wartete. Von den menschlichen Feinden war weit und breit nichts zu sehen, weder von den roten noch von den weißen. Sicherlich lagen sie jetzt ebenso irgendwo an der Erde, vom Pampero erfaßt. Sie hockten und warteten; die warme Sonne tat ihren völlig erschöpften Körpern gut. Nichts rührte sich weit und breit.

»Es hat keinen Zweck«, sagte Juan schließlich, »laßt uns aufbrechen und unser Glück versuchen.«

Sie erhoben sich und ließen auch die Tiere aufstehen. Es zeigte sich, daß das Maultier neue Kräfte gewonnen hatte; es ließ sich sogar seinen gewichtigen Reiter gefallen. »Die Gewehre sind vorläufig unbrauchbar«, sagte Aurelio, »das ist das Schlimmste.«

»Es ist einmal so«, sagte Juan, »wir müssen jedenfalls weiter. Wir wollen versuchen, die Sümpfe im Norden zu umgehen. Die Abiponen südlich des Saladillo; das bedeutet nichts Gutes. Erreichen sie uns, ist jeder Widerstand sinnlos, dann sind wir verloren.«

»Aber sie ließen uns unbehelligt«, sagte Aurelio. »Sie haben uns sicher gesehen, schienen es aber nur auf die Lanceros abgesehen zu haben.«

»Sie haben uns natürlich gesehen«, versetzte Juan, »wer weiß, wie lange sie schon im Grase gelegen und uns und unsere Verfolger beobachtet haben. Sie haben sich zunächst gegen die Soldados gewandt, da wir ihnen, wie sie meinten, ohnehin nicht entgehen konnten. Sie werden bald genug unsere Spur haben.«

»Sind sie denn den Weißen so feindlich?«

»Unbedingt. Sie vertilgen jeden, der ihnen in den Weg kommt. Wiederholt sind sie mit starken Kräften aus den Wäldern hervorgebrochen und haben bis zum Parana hin alle Estancias zerstört und weder Mann, noch Frau, noch Kind am Leben gelassen. Man hat verschiedentlich versucht, gegen sie vorzugehen, aber keiner, der den Chaco betrat, hat ihn lebend wieder verlassen. Die von den Provincias ausgesandten Truppen sind bisher von den Wilden stets mit blutigen Köpfen unter furchtbaren Verlusten wieder heimgeschickt worden. Einer unserer Capitanos, der den Chaco und die Abiponen kannte, sagte mir schon vor acht Jahren, daß es mindestens zehntausend Mann regulärer Truppen bedürfe, um diese bisher nie besiegten Wilden zu unterwerfen. Die Abiponen sind die wehrhaftesten und zugleich die grausamsten Stämme dieses Landes. Zwischen den Soldados und uns werden sie gewiß wenig Unterschied machen. Ich bin entsetzt, sie so weit südlich zu sehen. Es liegt der Gedanke nahe, daß sie einen großen Kriegszug bis nach Santa Fé hinein vorhaben.«

Die Regenfluten waren, während die Flüchtlinge nach Nordwesten ritten, durch den Boden und die Sonne aufgesogen worden; der Weg wurde gangbarer für die Tiere. Der düstere Wald im Norden rückte immer näher. Einmal sagte der Gaucho: »Ich werde irre an mir selbst. Sollten wir so weit nach Norden getrieben worden sein, daß wir den Südrand des Chaco vor uns haben?«

Sie erreichten einen wenig umfangreichen Hain und ritten an ihm entlang. »Nun, beim Himmel«, sagte Juan, die Bäume und Pflanzen betrachtend, »Quebrachos, Mimosen und dort Kandelaberkakteen; wir sind dem Chaco nahe.«

Die zerstreuten Haine mit gleicher Vegetation wurden dichter, der Salzsumpf zu ihrer Linken schien festerem Boden gewichen zu sein. Juan wollte eben eine westliche Richtung einschlagen, als er, mit gewohnter Vorsicht um ein Gehölz herumlugend, indianische Reiter vor sich sah.

Sie hielten und betrachteten den starken Indianertrupp, der ohne sonderliche Eile nach Süden ritt. »Der ganze Chaco scheint seine Krieger ausgespien zu haben«, sagte Juan.

Als die Indianer verschwunden waren, setzten sie ihren Weg in nördlicher Richtung fort. Das Auftauchen der Abiponen im Westen hatte Juan bedenklich gemacht. Der Baumwuchs wurde immer dichter; die Pampa begann ihren Charakter zu verlieren. Plötzlich vernahmen sie das Rauschen eines Flusses. Juan ritt voraus und hielt bald am Ufer eines breiten, über Felsgeröll rasch nach Osten dahinströmenden Wasserlaufes. Als Pati und Aurelio herankamen, sagte er, auf den Fluß weisend: »Das ist der Saladillo. Wir sind im Gran Chaco.«

»Was tun?« fragte Pati.

»Wir müssen den Fluß kreuzen, um unsere Spuren zu verwischen, und dann unseren Weg nach Formosa suchen. Nach Westen kommen wir nicht mehr durch.«

Der Saladillo war hier seicht; der Pampero war mit seinen Regenströmen weiter südlich vorübergezogen, das Flußbett war mit Geröll gefüllt, aber für die Tiere noch eben passierbar.

»Ins Wasser«, sagte Juan und ritt in den Fluß. Pati und Aurelio folgten.

Sie ritten langsam und mühsam stromauf. Als der Gaucho rechts die Mündung eines Baches erblickte, lenkte er da hinein; auf schlammigem Grund folgten sie ihm eine Strecke lang.

Bei einer dichten Gruppe von Nogals und Yatapalmen, deren Unterholz Myrtazeen und Farnkräuter bildeten, hielt er an. »Hier bleiben wir«, sagte er. »Wir haben für das, was kommen kann, Ruhe und Stärkung nötig. Unsere Spur dürfte verwischt sein, wenn die Indianer nicht dicht hinter uns waren.« Sie ritten an Land, sattelten ab und gaben den Tieren an den Lassos freie Weide.

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