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Der Sohn des Gaucho

Franz Treller: Der Sohn des Gaucho - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Treller
titleDer Sohn des Gaucho
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
year1954
correctorreuters@abc.de
senderChristoph Götz
created20080110
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Die Gefangennahme

Buenos Aires, die Stadt der »guten Lüfte«, ist nach dereinst vom Mutterlande erlassenen Bestimmungen einförmig, in regelmäßigen Vierecken, Cuadras, erbaut; aus der Vogelperspektive gesehen gleicht sie einem Schachbrett. Damals bot das Innere der Stadt nur geringen Reiz. Die mit seltenen Ausnahmen ungepflasterten Straßen waren schmal, die Häuser meist einstöckig und unscheinbar; ihre anmutige Seite war, in der Art römischer und arabischer Bauten, dem Hofraum zugewandt. Diese Hofräume waren selbst im Stadtinnern durch Gartenanlagen verziert, wodurch die Stadt einen ungewöhnlichen Flächenraum einnahm. Schön waren die ausgedehnten Parkanlagen, die sich vom La Plata aus nach dem Stadtkern erstreckten. An den Ufern des Flusses lagen die stattlichsten Bauten, vor allem die Regierungsgebäude. Hier bot sich dem Fremden ein prächtiger, imposanter Anblick, der durch den reich mit Fahrzeugen aller Art belebten Strom, in dessen silbernen Fluten sich die Paläste spiegelten, noch erhöht wurde.

Reizvoll war die nächste Umgebung von Buenos Aires. Größere und kleinere, in duftigem Grün versteckte Häuser schafften der Stadt einen eindrucksvollen Rahmen. Orangen, Feigen, Pfirsiche, Granatäpfel und mit Blüten übersäte Rosensträucher füllten die von Mauern umgebenen Gärten, hier und da von schlanken, hochstämmigen Palmen überragt. Buntfarbige Kolibris umflatterten, Schmetterlingen gleich, Strauch und Baum. In diesen Gärten fanden sich unter Bäumen versteckte, von Wein und Rosen umrankte Häuschen, die zu Rast und Erholung einluden.

In einem dieser anmutigen Häuser im Norden der Stadt und in der Nähe des Stromes weilten in einem Zimmer des Erdgeschosses Don Estevan und Aurelio. Garten und Haus waren Eigentum von Estevans Mutter, Señora Manzano. Schon seit einigen Monaten lebte Aurelio hier als Pensionär. Der junge Mann hatte in seinem Äußeren alles abgestreift, was an den Gaucho erinnerte. Ein eleganter und kleidsamer Sommeranzug samt der dazu gehörigen feinen Wäsche hatten ihn vollkommen verwandelt. Jetzt saß er augenscheinlich mißmutig in einem Sessel und starrte verdrießlich vor sich hin. Sein Gesicht war blaß und hager geworden und der kindliche Ausdruck daraus verschwunden.

Don Estevan, der seinen Zögling schon eine Zeitlang heimlich beobachtet hatte, legte endlich das Buch aus der Hand und sah offen zu ihm auf. »Was denkst du, Don Aurelio?« fragte er.

»Ich denke an die Pampa«, antwortete der Junge. »Ich denke seit Wochen jeden Tag daran und, wahrhaftig, ich halte es nicht lange mehr hier aus. Warum mein Vater nur darauf besteht, mich hier zu vergraben? Freilich, er teilt das Leid ja mit mir, ihm fehlen die Weite und die Freiheit der Pampa sicherlich nicht weniger als mir.«

»Du wirst dir selbst sagen, daß dein Vater die gewichtigsten Gründe hat«, versetzte der Gelehrte, »und wenn er dir diese Gründe nicht mitteilt, so hat er zweifellos auch dafür einen Grund.«

»Ja«, seufzte Aurelio, »er will einen Gelehrten aus mir machen, einen Caballero, ich weiß. Ich bin aber nur ein Gaucho, der in die Pampa gehört.«

»Benutze die Zeit und lerne, Aurelio«, sagte Don Estevan, »was du gelernt hast, bleibt für alle Zeit dein Eigentum.«

»Ich will mich ja nicht sperren«, der Junge warf dem Älteren einen fast hilflosen Blick zu, »ich sehe staunend auf das riesige Wissensgebiet, das vor mir liegt, manchmal fürchte ich mich davor, vor allem aber begreife ich nicht, wozu mir dieses Wissen später einmal nützen soll.«

»Vielleicht dazu«, sagte sehr ernst Don Estevan, »einen klaren Blick in die Verhältnisse unseres Landes zu gewinnen, seine Vergangenheit und Gegenwart kennenzulernen, sie mit der Geschichte anderer Länder zu vergleichen, um, wenn du ein Mann geworden bist, selbst einmal einsichtsvoll in die Geschicke deines Landes eingreifen zu können.«

»Oh, ich wollte, ich könnte das jetzt schon«, rief Aurelio, und seine Augen blitzten, »es wäre hier manches anders in Buenos Aires.«

»Still!« mahnte Don Estevan, »du weißt, jedes laute Wort ist hier gefährlich.«

»Zum Henker mit aller Gefahr und aller Geheimniskrämerei!« grollte der Junge, »sind das freie Männer, die nicht offen ihre Meinung sagen dürfen?«

»Um Gottes willen, leise!« sagte Estevan erschrocken, »du weißt, daß ein unbedachtes Wort hier den Tod bringen kann. Rosas hat seine Celadores überall.«

»Das ist es eben«, seufzte Aurelio. »Wäre ich nur in der Pampa unter freiem Himmel. Ich tauge nicht für die Stadt.«

Irgendwoher ertönte plötzlich und unerwartet leises Wehgeschrei; die jungen Männer horchten auf. Es waren weibliche Stimmen, die da klagten und jammerten.

»Es kommt dort aus dem Garten«, sagte Aurelio und deutete durch das Fenster nach rechts hinaus, »ich will nachsehen, was das zu bedeuten hat.«

»Bleib! Bleib um Gottes willen hier!« mahnte Don Estevan, doch Aurelio war weit davon entfernt, zu hören; er war schon aus der Tür. Der Gelehrte folgte ihm zögernd. Beide durchschritten den umfangreichen Garten und gingen zwischen Agaven und Rosenbüschen bis zu der Mauer, die das Besitztum zum Nachbargrundstück hin abgrenzte.

An der Mauer zogen sich Weinspaliere hin. Aurelio kletterte behende hinauf und blickte mit der instinktiven Vorsicht des Pampasbewohners in den Nachbargarten hinüber. In etwa hundert Schritt Entfernung sah er vor dem kleinen, säulengeschmückten Haus mehrere wenig vertrauenerweckende Männer, die sich fluchend bemühten, einen älteren, gebundenen Mann aus den ihn umschlingenden Armen einer Frau und eines jungen Mädchens zu lösen. Aurelio wußte, daß der Gebundene Señor Ramirez war, ein vornehmer Argentinier, der hier abgeschieden mit Frau und Tochter lebte.

»Ich lasse euch peitschen, verdammte Weiber!« rief einer der Männer, »elendes Unitariergesindel!« Dabei versetzte er der Señora einen Stoß, daß sie zurücktaumelte.

»Misericordia, misericordia por todos Santos!« jammerte das Mädchen, den Vater noch fester umschlingend.

Bleich, zitternd vor Zorn und mit funkelnden Augen sah Aurelio zu der Gruppe hinüber. Estevan, der neben ihm stand, flüsterte: »Ruhig, Aurelio, um alles in der Welt bleib ruhig, das sind Leute von Rosas Geheimpolizei.«

»Soll ich ruhig zusehen, wenn sie Señor Ramirez ermorden?« knirschte der Junge. Und schon machte er Anstalten, über die Mauer zu springen, als eine starke Hand ihn zurück und von der Mauer herabzog. Aurelio sah in das ernste Gesicht von Juan Perez.

»Komm!« sagte Juan scharf und wandte sich dem Hause zu. Aurelio, noch bleich vor Aufregung über das, was er gesehen, folgte schweigend, aber er zitterte an allen Gliedern. Hinter ihnen ging Don Estevan, glücklich, daß der Junge gehindert worden war, eine Unbesonnenheit zu begehen, die unheilvolle Folgen haben mußte. Schweigend betraten die drei die Studierstube des Bakkalaureus.

»Was war das, Don Estevan?« fragte Juan Perez, der noch wie in der Pampa den Poncho trug, aber die Chiripa und die rohen Botas durch die Kleidung ersetzt hatte, die von den Landleuten in der Nähe der Stadt getragen wurde.

Don Estevan erstattete Bericht.

»Ist es nicht furchtbar, Vater?« fragte Aurelio. »Sollte ich ruhig zusehen, wie vor meinen Augen schreiendes Unrecht geschah?«

Juan Perez' Gesicht blieb unbewegt. »Woher willst du wissen, ob Unrecht war, was da geschah?« sagte er. »In dieser Stadt gilt nur ein Wille, der Don Manuels. Es wäre Vermessenheit und Torheit, sich dagegen aufzulehnen. Willst du dein, willst du mein Leben durch eine unbedachte Handlung aufs Spiel setzen?«

Aurelio senkte den Kopf. »Es ist schrecklich, Vater«, sagte er leise, »nimm mich fort aus der Stadt, ich kann hier nicht mehr atmen.«

»Ein Weilchen mußt du dich noch gedulden, mein Junge«, sagte der Gaucho ruhig, »es wird der Tag kommen, wo du wieder atmen kannst.«

»Aber was hält uns hier? Warum verbergen wir uns? Was haben wir zu fürchten, wenn wir die Stadt verlassen?« Die großen offenen Augen sahen vertrauensvoll, aber wie in ratloser Frage zu dem Gaucho auf.

»Du wirst es zeitig genug erfahren«, antwortete der. »Glaube mir, es ist besser für dich, wenn du es jetzt noch nicht weißt. Schon daß wir dem General d'Urquiza – um Gottes willen, sprich den Namen nie aus – zur Flucht verhalfen, würde uns nach Santos Lugares bringen, wenn unsere Anwesenheit bekannt wäre. Und dennoch sind wir hier sicherer als in der Pampa. Wir müssen uns gedulden, bis die Zeit kommt, wo wir unser Haupt wieder offen erheben können.«

Traurig sah Aurelio vor sich nieder.

»Geh, sattle dein und Don Estevans Pferd«, sagte Juan Perez. »Reitet ein wenig ins Freie, es wird Euch die Zeit vertreiben.«

Aurelio ging hinaus, um die Pferde zu satteln. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, da zog Don Juan einen Brief hervor und reichte ihn Don Estevan hin. »Lest mir vor, was da geschrieben steht«, sagte er, »für mich ist das eine zu schwierige Aufgabe.« Der junge Mann öffnete den Brief und las laut:

»Teuerster Don Juan!

Diese Zeilen sende ich durch einen zuverlässigen Mann nach der Stadt, um sie für Euch bei Señor Fungal niederzulegen. Er überbringt zugleich die Summe von neunhundertvierzig Pesos, die ich aus dem Verkauf Eurer Tiere gelöst habe, in guten Unzen.

Vom Rio Quinto habe ich Euch leider nichts Gutes zu berichten. Ich machte mit etwa dreißig Companeros – denn allein wollte ich mein Gesicht dort nicht zeigen – einen Ritt nach Süden und suchte zuerst Eure Nachbarn auf. Wir wurden als Kampfgenossen in der Puelchenschlacht freudig begrüßt und gut aufgenommen, doch machte sich alsbald Mißtrauen gegen uns geltend, da Gerüchte an den Rio Quinto gedrungen waren, man sei in Cordoba feindlich gegen Don Manuel gesinnt. Ich wußte diesen Verdacht zu zerstreuen.

Dann erkundigte ich mich vorsichtig nach Euch und Aurelio, was ja schließlich nahelag. Zu meinem Leidwesen erfuhr ich, daß Euer Eigentum auf Befehl des Diktators konfisziert worden sei. Ihr ständet im Verdacht des Hochverrates, hättet einem Hochverräter zur Flucht verholfen und Euch durch Eure Flucht noch weiter verdächtig gemacht.

Einige Tage nach Eurer Abreise traf ein Kommando Lanceros ein, mit dem schriftlichen Befehl des Präsidenten, Euch, Aurelio und Sancho zu verhaften und Euer Eigentum für den Staat in Besitz zu nehmen.

Eure Nachbarn, das muß ich zu ihrer Ehre sagen, machten energische Versuche, Eure und Eures Sohnes Rechte zu wahren, wichen aber zurück, sobald sie den schriftlichen Befehl des Diktators zu Gesicht bekamen. Es ist trotzdem keiner da, der Eurer nicht mit Liebe und Anhänglichkeit gedenkt. Ich besuchte Eure Estancia, auf der sich einige Lanceros niedergelassen hatten, die häufig Streifzüge nach der Grenze von Cordoba hin unternehmen. Merkwürdigerweise wollten diese Leute in mir einen Aleman erkennen, der einen General, einen "verwünschten Unitarier", vor den Soldados der Regierung mit Waffengewalt geschützt haben soll. Sie beharrten so fest auf dieser Ansicht, daß sie mich verhaften wollten und dieses Vorhaben erst aufgaben, als meine Gefährten und ich die Hähne unserer Büchsen spannten. Euch und Aurelio vermutet man, wie Eure Nachbarn aussagten, in Cordoba. Offensichtlich legt man großen Wert darauf, Euch gefangenzunehmen. Unser würdiger Freund, Ihr wißt, wen ich meine, befindet sich noch hier, und es geht ihm gut, auch scheint sein Geschäft sich gut anzulassen. Mit den besten Wünschen für Euer und Aurelios Wohlergehen und vielen Grüßen an Don Sancho bin ich Euer

Enrique.

Habt Ihr Gelegenheit, mir Mitteilungen zu machen, so treffen sie mich in Cordoba beim Gobernador.«

»Ja, so ist das nun«, sagte Don Juan, nachdem Estevan den Brief hatte sinken lassen. Ein dunkler Schatten erschien auf seinem Gesicht, doch hatte der kraftvolle Mann sich gut in der Gewalt. »Kein Wort vom Inhalt dieses Briefes zu Aurelio«, sagte er, »ich will ihn noch nicht mit diesen Dingen belasten.«

»Ich werde schweigen, Señor«, sagte der junge Gelehrte ernst, »aber ich muß Euch sagen, ich habe Sorge um den Jungen.«

»Ich habe größere«, versetzte der Gaucho kurz. »Und noch eins, Don Estevan. Ich kann den Jungen nicht einsperren, und doch wäre es geboten. Ich habe Angst, ihn aus dem Hause zu lassen. Ich beschwöre Euch deshalb: Seid vorsichtig bei Euren Ausritten, vermeidet jeden Anflug einer Gefahr, jede Möglichkeit einer unliebsamen Begegnung.«

»Was in meinen Kräften steht, werde ich gewiß tun«, versprach der Gelehrte.

Aurelio kam fertig zum Ausritt zurück und meldete, daß die Pferde bereitständen. »Reitest du mit uns, Vater?« fragte er. »Nein, mein Junge, ich will Pati am Fluß aufsuchen.« »Ist es dir recht, wenn wir dich begleiten? Ich habe den guten Pati zwei Tage nicht gesehen.«

»So kommt.«

Juan ging hinaus, und die beiden folgten ihm. Vor der Gartenpforte stiegen sie auf die Pferde. Zwischen Gärten, Mauern und Agavenhecken ritten sie langsam dem La Plata zu und dann ein Stück an dessen Ufer entlang. Juan Perez war schwer bedrückt. Zwar hatte er sich damals gleich gesagt, daß sein Verhalten bei der Flucht d'Urquizas und seine Behandlung der Lanceros ihn auf die Liste der Staatsfeinde bringen würden, doch hatte er im stillen immer noch gehofft, daß die Entlegenheit seiner Estancia sie vor der Konfiskation bewahren werde. Da bin ich nun gegen die Puelchen angetreten, dachte er bitter, habe dazu mitgeholfen, die Grenze vor endlosem Unglück zu bewahren; nun bin ich ein Heimatloser und habe auf die Dauer wahrscheinlich nicht einmal mehr die Möglichkeit, den Jungen vor dem Zugriff seiner Verfolger zu schützen.

Er wohnte nicht mit Aurelio zusammen; sie hatten sich gleich nach ihrer Ankunft in Buenos Aires bemüht, jede Spur zu verwischen und durch die Art ihrer Wohnung und Beschäftigung jede Verdachtsmöglichkeit von vornherein auszuschalten. Während Aurelio bei Don Estevans Mutter untergebracht worden war, hatte Juan selbst sich in der Nähe als Pferdehändler niedergelassen, in einer Berufstätigkeit also, die oft von Gauchos ausgeübt wurde und keinen Verdacht erregen konnte. Pati war zu seinem ursprünglichen Gewerbe zurückgekehrt und führte eine Barquilla auf dem La Plata als Frachtfahrzeug. Er trieb dieses Geschäft freilich nur zum Schein, doch gab es ihm Gelegenheit, weite Fahrten zu unternehmen und zwanglos im ganzen Hafengebiet zu verkehren. Eine schnellsegelnde Lancha hatte er mit Juans Geld angekauft; das Fahrzeug lag stets segelfertig an einer unverdächtigen Stelle. Sowohl Juan Perez als Pati getrauten sich nur selten und unter Beachtung größtmöglicher Vorsicht nach Aurelios Behausung. Doch war bisher alles gut gegangen; Rosas suchte seine Opfer unter den Gebildeten und Reichen, die allein er zu fürchten hatte, nicht unter dem Volk.

Die Reiter kamen an einer Reihe von Hütten vorbei, die in der Hauptsache von Negern bewohnt wurden, die im Hafen arbeiteten. In einer kleinen Bucht lagen Patis Fahrzeuge verankert, und an deren Ufer stand die kleine, aus Lehmziegeln erbaute Hütte, die er bewohnte. Er selbst saß auf einer Bank neben deren Eingang. Niemand hätte in dem dort sitzenden Manne mehr den ehemaligen Schiffer vom La Plata mit dem auffallenden Haarschmuck erkannt. Zudem waren ohnehin nur noch wenige seiner ehemaligen Bekannten am Leben und in Buenos Aires tätig. Die unaufhörlichen Bürgerkriege und die zur See geführten Kämpfe gegen Uruguay und England hatten unter der Hafenbevölkerung aufgeräumt. Und Pati selbst lebte so zurückgezogen, wie es sein nachlässig geübter Beruf als Barkenführer irgend erlaubte.

Jetzt strahlte er, der Gute, da er Don Juan und Aurelio kommen sah. Zum Glück war niemand in der Nähe, so daß er keinen Grund hatte, seine Freude zu verbergen. »Was Neues, Don Juan?« fragte er.

»Nicht viel«, entgegnete Juan einsilbig.

»Hier im Hafen gehen allerlei Gerüchte um«, sagte Pati. »In Entre Rios sollen Unruhen ausgebrochen sein. Die Leute sollen dort die roten Bänder der Föderation abgerissen und fortgeworfen haben.«

Juan horchte auf. »So?« sagte er ein wenig abwesend. »Nun, davon mußt du mir mehr erzählen. Aurelio und Don Estevan wollen einen Spazierritt unternehmen und sind nur vorbeigekommen, um dir guten Tag zu sagen.«

Die beiden verabschiedeten sich denn auch bald und ritten davon, während Juan und Pati sich auf Patis Barke begaben, um ungestört und unbelauscht miteinander reden zu können.

Aurelio und Estevan ritten durch das Hafengebiet, vorbei an Schifferhütten und Lagerhäusern. Sie betrachteten interessiert das bunte Leben und Treiben. Der einem gewaltigen Meeresarm gleichende Strom war von zahlreichen Segelbooten, Barquillas und Lanchas belebt. Hafenarbeiter, größtenteils Neger, waren mit der Ladung und Löschung von Frachtgütern beschäftigt; sie trugen ausnahmslos die Cinta, das rote Abzeichen der föderalistischen Bewegung. Die Farben Blau und Grün schienen aus der Kleidung verbannt; es waren dies die Farben der Unitarier. Sie ritten an der mächtigen Uferbatterie Septiembro vorüber; auch deren Bedienungsmannschaft, die müßig herumstand, bestand zum größten Teil aus Schwarzen. Immer dichter wurde das Hafengewühl. Aurelio, dessen Gedanken noch immer bei dem verhafteten Nachbarn und den weinenden Frauen weilten, bog in eine enge Gasse, die Calle de Pilar, ein, die zur Plaza San Martin führte, um dem Gewühl und Gedränge zu entkommen; sehr bald schon wurde die Gegend stiller und ruhiger. Alle Leute, Reiter und Fußgänger, schienen es eilig zu haben; kaum einer hob auf der Straße den Kopf. Die unscheinbare Außenseite der niedrigen Häuser mit den durchweg vergitterten Fenstern verstärkte den Eindruck der Trostlosigkeit, der über der Stadt lag.

Das änderte sich auch nicht wesentlich, als die Reiter die Plaza erreichten. Die ausnahmslos mit der Cinta und daneben noch hier und da mit roten Schleifen geschmückten Menschen machten einen scheuen, gehetzten Eindruck. An allen Straßenecken, auf großen Plakaten, auf den Theaterzetteln las man die Worte: Mueran los salvajes Unitarios. Priester, die des Weges kamen, trugen ein Schild von Pappe auf der Brust, auf dem der Spruch in roten Buchstaben zu lesen war. Staunend gewahrten die Reiter zahlreiche Arbeiter, die damit beschäftigt waren, Häuser weiß anzustreichen und mit einem blutroten Streifen zu versehen. Sie vollzogen den neuesten Befehl des Diktators, nach dem in Kürze jedes Haus in diesem Farbenschmuck prangen sollte.

Als sie über die mit Bäumen und Ziergewächsen bestandene Plaza ritten, sagte Aurelio aus seinen Gedanken heraus: ,,Wo Señor Ramirez jetzt wohl weilen und wie es ihm ergehen mag?«

»Sprich nicht davon«, raunte Don Estevan, »wir können es nicht ändern.«

»Aber was mag der alte Herr verbrochen haben, daß man ihn gebunden fortschleppte?«

»Frage nicht, Aurelio. Es ist vom Übel, solche Fragen zu stellen.«

Aurelio hielt sein Pferd an. »Don Estevan«, sagte er, »habt Ihr mich nicht gelehrt, daß Ungerechtigkeit und rohe Gewalt das Schlimmste auf Erden seien?«

»Schweig! Reite weiter!« zischte Estevan, sich hastig umblickend, »wir wollen das zu Hause erörtern, hier ist nicht der Ort dafür.«

»Wunderbar, wie alles sich dem Diktat eines blutdürstigen Tyrannen beugt!« sagte Aurelio bitter und gab seinem Pferd die Zügel frei.

»Laß uns nach Hause reiten«, gebot Don Estevan, »du bist nicht in einer Stimmung, die sich für die Öffentlichkeit eignet. Denke daran, was dir dein Vater gesagt hat.«

Aurelio schwieg; sein Gesicht war finster verschlossen; sie ritten weiter. Gleich darauf begegneten sie einem Trupp Lanceros, die einige Gefangene gebunden in ihrer Mitte führten. Die Soldaten sangen den Resbalos, ein munteres Lied; sie schienen sich über die Art ihrer Tätigkeit keine Gedanken zu machen. »Bleib um Gottes willen ruhig«, raunte Don Estevan, dem Aurelios Gesichtsausdruck Sorge bereitete. »Ich bestehe darauf, daß wir jetzt unverzüglich nach Hause reiten.«

Aurelio nickte. »Es ist gut«, sagte er. Sie bogen in eine schmale Straße ein, die sie passieren mußten, um zu ihrem Ziel zu gelangen, da kam ihnen ein Reiter entgegen, dessen elegante Kleidung besser in die Champs Elysées zu Paris gepaßt hätte, als nach Buenos Aires. Die Straße war breit genug, um allen drei Reitern Raum zum Vorüberreiten zu bieten. Der Elegante forderte indessen mit einer gebieterischen Handbewegung, daß man ihm Platz mache. Aurelio sah in das blasse, abgelebte Gesicht eines noch jungen Mannes, und der tückische Ausdruck darin gefiel ihm so wenig wie der hochmütige Befehl. Er zuckte deshalb nur die Achseln und ritt in der bisherigen Richtung weiter.

»Willst du ausweichen, du picaro, wenn Agostino de Salis kommt!« schrie der Reiter mit vor Wut kreischender Stimme.

»Ich denke, links neben mir ist Platz genug für Euch, Señor«, entgegnete Aurelio kalt.

»Gib Raum, sage ich!« brüllte der andere, »oder meine Reitpeitsche lehrt dich Respekt!«

»Aus dem Weg, Señor!« sagte Aurelio, der sich nur noch mühsam beherrschte.

»Was wagst du da, Schurke!« schrie de Salis, »bist du wahnsinnig?« Und er hob die schwere Reitpeitsche, um Aurelio einen Schlag zu versetzen. Mit einem blitzschnellen Griff hatte er ihm das Instrument entrissen, Sekunden später sauste es über die Schulter des eleganten Reiters nieder. »So, Señor«, knirschte Aurelio, »das mag Euch für die Zukunft mehr Höflichkeit lehren.« Und er schickte sich an, weiterzureiten.

Der andere war aschfahl im Gesicht; die aufschäumende Wut ließ ihn nur unartikulierte Laute hervorbringen. Er riß sein Pferd herum, daß es quer vor Aurelio und Estevan zu stehen kam und schrie: »Halt, Unitariergesindel! Das sollt ihr büßen. Einen de Salis schlagen! Das kostet euch den Kopf!«

In diesem Augenblick kam ein kleiner Reitertrupp aus einer Querstraße heraus und in vollem Galopp auf die Gruppe zugesprengt. Der Geschlagene schrie und fluchte unausgesetzt; ja, er schäumte nahezu vor Wut. An einigen Fenstern zeigten sich ängstliche Gesichter, die gleich wieder verschwanden.

»Zurück, Don Estevan!« raunte Aurelio, »reitet, was Ihr könnt, ich komme nach. Reitet! Reitet sofort, oder Ihr bringt mich ins Verderben!«

Der schreckensbleiche Bakkalaureus wußte, daß er für den Fall einer Flucht mit seinem alten Pferd und seiner geringen Reitkunst nur ein Hindernis für den verwegenen Steppenreiter bilden würde; er wandte deshalb sein Roß und galoppierte davon, um in einer der Seitenstraßen angstvoll der weiteren Entwicklung der Dinge zu warten.

Mit finsterem Trotz erwartete Aurelio, der schon Don Estevans wegen nicht fliehen wollte, sein Tier zwischen die Schenkel nehmend, das Herankommen der Reiter; dabei faßte er heimlich nach dem langen Gauchomesser, das er nach alter Gewohnheit auch jetzt noch unter dem Rock trug.

Auf ihn zu jagte ein hochgewachsener Mann, dem ein Offizier der Lanceros und einige Peons folgten.

»Was gibt es, Agostino?« rief der Hochgewachsene schon von weitem mit dröhnender Stimme.

»Dieser Bub, dieser picaro, dieser verdammte Unitarier hat mich geschlagen!« schrie der junge de Salis, »faßt ihn, bindet ihn! Nach Santos Lugares mit ihm!«

»Was wagtest du, Elender?« rief der große Reiter mit zornflammendem Gesicht.

In diesem Augenblick glitt Aurelio, durch eine ungestüme Bewegung veranlaßt, der Hut vom Kopf; der Reiter sah sein von dunklen Locken umwalltes Gesicht vor sich, dessen blitzende Augen drohend auf ihn gerichtet waren. Totenbleich riß der Reiter sein Pferd zurück, wie geistesabwesend auf Aurelio starrend. »Fernando!« stammelte er. Gleichzeitig stieß auch der hinter ihm reitende Lugarteniente einen Überraschungsruf aus.

»Faßt ihn!« rief Agostino heiser und griff nach Aurelios Arm.

Da fuhr dessen Rechte hoch, die Finger erfaßten die Kehle des eleganten Reiters, und wie ein Ball flog der aus dem Sattel auf die Erde. Aurelio riß das Messer, gab seinem Pferde die Sporen und brach, es steigen lassend, zwischen den erstaunten und erschrockenen Reitern durch, und dies mit so unwiderstehlicher Kraft und Geschwindigkeit, daß er bereits um die nächste Ecke verschwunden war, bevor die anderen auch nur zur Besinnung kamen und die Peons den laut stöhnenden Don Agostino aufheben und in den Sattel setzen konnten.

Don Estevan hatte alle diese Vorgänge von einer Straßenecke aus mit angesehen; er ritt nun ruhig in der entgegengesetzten Richtung davon.

»Nombre de Dios!« stöhnte Francisco de Salis, »was war das?«

»Habt Ihr ihn erkannt?« zischte neben ihm Gomez, der Lancero-Offizier. »Ist das eine Ähnlichkeit?«

Der Gobernador fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als müsse er die verwirrten Gedanken ordnen. Das Entsetzen stand noch in seinem Gesicht, er vermochte nichts zu sagen.

»Ohne Zweifel der gesuchte Gaucho«, sagte Gomez. »Und auch sonst zweifeln Excellenza nun nicht mehr?« setzte er hinzu.

»Wo ist der Schurke?« brüllte Agostino, der mittlerweile wieder zur Besinnung gekommen war. »Ihm nach!« rief er. »Hundert Pesos, wer ihn fängt! Nach Santos Lugares mit ihm! Er soll zollweise sterben!«

»Es wird geboten sein, ihm nachzusetzen, Excellenza«, flüsterte Gomez.

Der Gobernador sah ihn an, als verstände er nicht gleich. Dann schien er zu begreifen. »Ja, setzt ihm nach, setzt ihm nach«, stammelte er. Gomez winkte zwei Peons zu sich heran, und er sprengte mit ihnen in der von Aurelio eingeschlagenen Richtung davon.

Francisco de Salis wandte sich seinem vor Wut schäumenden und sinnlose Drohungen und Flüche ausstoßenden Sohn zu; ein Schatten flog über sein verstörtes Gesicht. »Reite zurück zur Posada«, sagte er kurz, »ich kann dich in diesem Zustand nicht mit zu Don Manuel nehmen.«

Mit einem grimmigen Fluch ritt Agostino von dannen, während sein Vater, von zwei Peons gefolgt, seinen Weg nach dem Regierungspalast fortsetzte.

Aurelio war kaum dem Gesichtskreis der Reiter, die er so unsanft zur Seite gedrängt hatte, entschwunden, als ihm auch Ruhe und Besinnung zurückkehrten. Er setzte seinen an einer Schnur baumelnden Hut wieder auf und erwog, auf welche Weise er am besten den Folgen dieser unliebsamen Begegnung zu entgehen vermöchte. Er sagte sich selbst, daß dieses Zusammentreffen üble Folgen nach sich ziehen konnte. Er hatte den Namen de Salis verstanden und war überzeugt, den Gobernador von Santa Fé vor sich gehabt zu haben, von dem sein Vater bereits Böses erfahren hatte und noch Böseres erwartete. Er hatte offenbar den Sohn des Mannes gezüchtigt, der nach Manuel de Rosas der mächtigste im Lande war. Das konnte Unheil nicht nur über ihn, sondern auch über den Vater bringen.

Er war, um etwaige Verfolger von seiner Spur abzubringen, um mehrere Straßenecken der Cuadras gebogen, kannte aber Buenos Aires zu wenig, um seinen Weg ohne weiteres finden zu können. Er wohnte im Norden der Stadt, und wo Norden lag, zeigte ihm ein Blick auf die Sonne. Die lange Straße Rivadavia, die Buenos Aires in zwei Teile schnitt, kannte er; wenn er ihr folgte, kam er an die westliche Peripherie der Stadt und konnte von dort aus seinen weiteren Weg finden. Nach dem Ufer des La Plata getraute er sich nicht; er fürchtete, dort mehr als in den Straßen aufzufallen.

Ob Don Estevan unbelästigt davongekommen war? Er hoffte es und glaubte nicht, sich sehr um ihn sorgen zu müssen. Der junge Gelehrte kannte die Stadt genau, war klug und, wenn es darauf ankam, auch entschlossen. Er war sich über die Gefährlichkeit der Situation im klaren und würde erforderlichenfalls wohl unterzutauchen verstehen.

Nach einigem Suchen fand er die Calle Rivadavia, die von Reitern, Lasttieren und Fuhrwerken sehr belebt war. Er ritt sie in westlicher Richtung entlang, scharf und aufmerksam um sich blickend und jeden Augenblick zur Flucht bereit. Nach einiger Zeit bog er nach Norden ein, denn er sagte sich, daß ein einzelner Reiter am äußeren Stadtrand leichter auffallen mußte als im Straßengewirr. Die rechtwinklige Anlage der Straßen erleichterte es ihm, die Richtung beizubehalten.

Er gewahrte freilich nicht den Mann, der ihn aus dem vergitterten Fenster einer Pulperia herankommen und vorbeireiten sah und dem die Augen bei diesem Anblick vor Staunen fast aus den Höhlen traten. Er sah nicht, daß bald darauf zwei Peons aus der Tür der Schenke auf die Straße traten, sich auf die draußen angebundenen Pferde schwangen, und ihm nachritten. Der Mann selbst trat kurz darauf gleichfalls heraus; es war der Lugarteniente, den Juan Perez samt seinen Lanceros unlängst entwaffnet und von seiner Estancia gejagt hatte. Er bestieg gleichfalls ein Pferd und ritt hinter seinen Peons her.

Der mit dem Instinkt des Pampasbewohners begabte Aurelio ließ keine Vorsicht außer Acht; immer wieder sah er sich mißtrauisch nach allen Seiten um. Aber die einzeln reitenden Peons konnten ihm unmöglich auffallen, sie waren eine durchaus gewöhnliche Erscheinung im Straßenbild der Stadt. Daß überall an den Ecken der Cuadras heimliche Wächter standen, wußte der arglose Jüngling nicht. Er war überzeugt, nicht verfolgt und erkannt zu sein, als er nach einigen Links- und Rechtswendungen schließlich in den mit Agaven, Säulenkaktus und Mauern eingefaßten Weg einbog, an dem seine Wohnung lag.

Er weilte noch nicht lange in seinem Zimmer, als auch Don Estevan eintraf. Der junge Doktor war von dem Zusammentreffen auf das Höchste beunruhigt. Er hatte gleich Aurelio den Namen de Salis verstanden und wußte, daß Juan Perez und Aurelio diese Familie zu fürchten hatten. Er erzählte kurz, welchen Rückweg er genommen hatte. Am Hafen war er bemüht gewesen, Don Juan und Pati zu treffen, hatte aber die Barquilla verlassen und des Bootsmanns Wohnung leer gefunden. »Das ist ein böses Unglück«, sagte er, »ich will dir keine Vorwürfe machen, du konntest wahrscheinlich nicht anders handeln; kein Mensch kann aus seiner Natur heraus, aber was beginnen wir nun?«

»Sie müssen ja erst wissen, wen sie vor sich hatten und wo sie ihn finden sollen«, versetzte Aurelio. »Beides dürfte ihnen schwerfallen. Ich habe manchen Haken geschlagen, bin zudem in der Stadt nicht bekannt; wie sollen sie mir auf die Spur kommen?«

»Täusche dich nicht«, sagte der Doktor bekümmert, »die Celadores des Diktators sind den Bluthunden gleich. Oh, du ahnst nicht, wie groß die Gefahr ist. Don Juan und Sancho müssen noch heute von dem Vorfall erfahren. Der geringste Verdacht reicht hin, dich nach Santos Lugares und vor die Musketen der Tiradores zu bringen. Menschenleben spielen hier keine Rolle.«

»Nun«, sagte Aurelio, »ganz so leicht wird das nicht sein. Ich bin kein wehrloser alter Mann wie Señor Ramirez. Aber Ihr habt recht, Don Estevan: mein Vater und Sancho müssen unterrichtet werden. Einstweilen ängstigt Euch jedenfalls nicht; meiner Spur ist keiner gefolgt, und wenn doch, hat er sie jedenfalls bald verloren.«

»Ich gehe sofort zu Señor Perez hinüber«, versetzte der Bakkalaureus, »du selbst bleibst hier. Halte dich jedenfalls verborgen und flieh beim ersten Anschein von Gefahr durch die Kaktushecken.« Er nahm seinen Hut und ging, vorsichtig umherspähend, zwischen den Gärten entlang. Zu seinem Leidwesen traf er den Gaucho nicht an und kehrte deshalb sogleich auf allerlei Umwegen zurück. Eines Peons, der ihm in der Nähe seiner Wohnung begegnete, achtete er nicht.

Der Tag verging, ohne daß sich irgend etwas ereignet hätte. Don Juan war nicht erschienen, und Aurelio suchte schließlich sein nach dem Garten hin gelegenes Schlafzimmer auf. Bevor Don Estevan sich zur Ruhe begab, sah er sich im Garten und in der Umgebung des Hauses sorgfältig um, vermochte aber nichts Verdächtiges festzustellen. Etwas beruhigter begab er sich schließlich in sein im oberen Stock gelegenes Schlafzimmer. Bald herrschten ringsum Schweigen und Finsternis.

Don Estevan erwachte von einem unbestimmten Geräusch; er wußte nicht, wie lange er geschlafen hatte. Plötzlich vernahm er ein dumpfes Poltern unten im Haus, und gleich darauf Aurelios zornige Stimme. Ein schwerer Körper schien zu Boden zu fallen, Tische und Stühle wurden gerückt. An allen Gliedern zitternd, sprang der Doktor aus dem Bett und warf sich in die Kleider. Die dumpfen, wirren Geräusche unten dauerten an; er glaubte, die ängstliche Stimme seiner Mutter zu hören. Halbbekleidet sprang er die Treppe hinab. Er hörte die Haustür gehen, das Geräusch schwerer, sich entfernender Schritte.

»Mutter! Aurelio!« rief er und betrat den Flur; man trug etwas hinaus, etwas Unförmiges; es war dunkel, er nahm nur Schatten wahr, »Sangrientos!« schrie er und erhielt im gleichen Augenblick einen Schlag an den Kopf, der ihn besinnungslos niederstreckte. Als gleich darauf seine vor Todesangst zitternde Mutter mit einem Licht in der Hand den Flur betrat, sah sie den Sohn leblos liegen. Ihr gellender Schrei rief die alte, halbtaube Magd herbei.

Bleich vor Schreck standen die beiden Frauen vor dem Sohn des Hauses; sie glaubten, einen Toten vor sich zu haben. Da regte sich Don Estevan, griff nach seinem Kopf, richtete sich halb auf und sah verstört um sich.

»Oh, mil gracias santissima madre, no este matado!« rief Señora Manzano und beugte sich zu Don Estevan nieder.

»Mutter!« murmelte der und schrie dann, aufspringend: »Aurelio! Aurelio!« Er riß der Mutter das Licht aus der Hand und stürzte in Aurelios Zimmer. Hier lag alles wüst durcheinander, Stühle und Tische in wildem Gewirr. Das Bett war auseinandergerissen. Estevan leuchtete, nach Blutspuren suchend, den Fußboden ab, fand aber keine.

»Er ist entführt, geraubt, verhaftet«, stammelte der Doktor. »Er ist in der Hand seiner Feinde. Gott sei seiner Seele gnädig! O Mutter, ich muß sofort zu Señor Perez; es muß etwas geschehen.«

Die Frauen weinten und zeterten, die Mutter wollte ihn nicht fortlassen, aber er machte sich mit sanftem Nachdruck frei, warf eilig einen Rock über und stürzte hinaus in die Nacht. »Lösch das Licht«, sagte er, »verschließt die Tür hinter mir.«

Er fand sich, mit den Wegen vertraut, auch in der Dunkelheit zurecht und klopfte gleich darauf an die Tür des Hauses, in dem Juan Perez wohnte. Minuten später stand er dem Gaucho gegenüber. »Aurelio!« rief der, wilde Angst im Blick. »Fort, geraubt!« flüsterte Estevan und erzählte in fliegender Hast, was sich zugetragen hatte.

Juan Perez war ein Mann mit eisernen Nerven, er besaß viel von der Ruhe seiner indianischen Vorfahren, und es lag ihm nicht, über Geschehenes zu klagen. »Erzählt«, sagte er nur, »jede Einzelheit, jede Kleinigkeit.« Der Bakkalaureus beschrieb eingehend die Vorgänge des Nachmittags. Juan ließ sich das Äußere des jungen de Salis eingehend schildern und sagte dann kurzentschlossen: »Ich gehe mit Euch, Don Estevan. Vor Tagesanbruch ist nichts zu unternehmen, nur Don Sancho muß benachrichtigt werden.« Er warf einen Poncho über, ging zu dem Schuppen, in dem die Pferde standen, sattelte sein Tier, schlang sich die Bolas um den Leib, stieg in den Sattel und sagte: »Kommt, Don Estevan.«

In der Nähe von Don Estevans Haus stieg der Gaucho vom Pferd und band es an einen Türpfosten des Nachbargrundstückes. »Geht dicht hinter mir«, raunte er, »wir wollen die Spuren nicht vernichten.« Vor dem Haus angekommen, bat er, wenn möglich auf einem anderen als dem üblichen Weg in Aurelios Zimmer geführt zu werden. Sie betraten den Garten durch eine schmale Öffnung in der Hecke und gingen durch eine Hintertür in das Haus.

Der Gaucho untersuchte das Zimmer Aurelios mit außerordentlicher Gründlichkeit; seinem scharfen Auge entging nichts. Aurelios Kleider, die er gewöhnlich zu tragen pflegte, lagen wie das Bettzeug zerstreut umher.

Er verließ den Raum und schärfte Don Estevan ein, ihn unberührt zu lassen und auch den Raum zwischen Haustür und Gartenpforte vorerst nicht zu betreten. »Ich werde nun Pati aufsuchen«, sagte er dann.

»Ihr werdet bei der Dunkelheit den Weg nicht finden«, sagte Estevan.

Juan zuckte die Achseln. »Habt Ihr nicht lange genug in der Pampa gelebt, um zu wissen, daß ich meinen Weg auch in der Finsternis finde?« sagte er. Er ging auf dem gleichen Wege, auf dem er gekommen war, zu seinem Pferd zurück. Gleich darauf sprengte er in vollem Galopp davon und ließ Señora Manzano und ihren Sohn in einer Aufregung zurück, die jeden Gedanken an Schlaf verscheuchten.

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