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Der Sohn des Bärenjägers

Karl May: Der Sohn des Bärenjägers - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleDer Sohn des Bärenjägers
isbn3-251-20210-3
senderhille@abc.de
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Im »Yuavh-Kai«

Da, wo die südöstliche Ecke von Neu-Mexiko in das Gebiet von Texas hereinstößt, befindet sich einer der gefährlichsten Winkel des fernen Westens. Dort berühren sich die Streifgebiete der Komantschen und Apatschen, ein Umstand, welcher die immerwährende Unsicherheit der Gegend zur natürlichen Folge hat.

Es kann zwischen diesen beiden Völkerschaften, so lange sie überhaupt noch bestehen, niemals zu einem aufrichtigen, dauernden Frieden kommen. Der gegenseitige Haß ist zu tief eingewurzelt, und selbst in Zeiten, in denen der Tomahawk des Krieges tief vergraben liegt, glimmt das verderbliche Feuer unter der Asche fort und kann bei der geringsten Veranlassung von neuem zu blutigem Rot aufflammen.

Diese stets nur auf kurze Zeit ruhende Feindschaft fordert die meisten Opfer natürlich da, wo die beiden Gebiete aneinander stoßen oder vielmehr ineinander laufen. Die Grenze bildet weder eine gerade Linie noch ist sie überhaupt fest bestimmt; darum kommen gegenseitige Anschuldigungen wegen Grenzverletzung außerordentlich häufig vor, und dann gehen gewöhnlich, um einen Ausdruck des Fürsten von Bismarck anzuwenden, »die Flinten ganz von selber los«.

»The shears« nennt der Westmann diese gefährlichen Gegenden, eine Bezeichnung, welche sehr zutreffend ist. Die Grenzlinien sind beweglich; sie öffnen und schließen sich wie Scherenklingen, und derjenige, welcher zwischen sie gerät, kann sich seines Glückes rühmen, wenn er heiler Haut entkommt. Der Weiße, welcher sich dort sehen läßt" ist entweder ein kühner oder ein sehr unvorsichtiger Mann; in beiden Fällen kreist, der »Geier des Todes« beständig über seinem Haupte. –

Da, wo der von den Teufelsbergen kommende Togahfluß in den Rio Pekos mündet, bildete zur betreffenden Zeit der letztere die Grenze zwischen dem Gebiete der Komantschen und Apatschen. Westlich von ihm steigt das Terrain zur Sierra Guadelupe, Sierra Pilaros und Sierra del Diablo empor, während im Osten von ihm die Staked Plains liegen – die berüchtigte Llano estakata.

Aber die Llano beginnt nicht sofort an seinem Ufer; sie ist vielmehr durch eine Bergkette von ihm getrennt, welche entweder als einfacher Höhenzug, oft aber auch in mehrfachen Zügen mit ihm nach Südosten streicht. Diese Züge schließen Längsthäler ein, welche meist ein sehr tristes Aussehen haben und von engen, schluchtartigen Querthälern durchschnitten werden, die sich nach der Llano öffnen.

Die Nähe des Flusses hat da, wo die Bodenverhältnisse es gestatten, eine zuweilen sogar üppige Vegetation zur Folge. Das Wort Wüste ist, gerade wie bei der Gobi und Sahara, so auch hier nicht im strengsten Sinne des Wortes zu nehmen. Da, wo der westliche Rand der Llano estakata sich zu den erwähnten Bergen erhebt, kommen verschiedene kleine Wasserläufe von den letzteren herab, welche zwar meist im Sande versiegen, aber auf ihrem Wege doch so viel Feuchtigkeit verbreiten und den angrenzenden Boden so durchtränken, daß an ihren Ufern Sträucher und sogar Bäume recht gut zu existieren vermögen. Diese grünen Stellen ragen gleich Halbinseln oder Landzungen in das Sandmeer der Llano hinein und bilden zwischen sich breitere oder schmälere, tiefere oder seichtere Busen, in denen Gras und Kräuter Nahrung finden.

Es geht sogar die Sage, daß es in der Mitte der Llano eine starke Quelle köstlichen Trinkwassers gebe, welches tief aus dem Erdinnern emporsteige und eine kleine, seeartige Fläche bilde, deren Ufer mit schattengebendem Baum- und Buschwerke eingefaßt sei. Alte Jäger hatten davon gesprochen, die Quelle und den See aber niemals selbst gesehen! Gelehrte Leute, welche davon gehört hatten, waren der Ansicht gewesen, daß das Vorhandensein von Wasser mitten in der Llano keineswegs als eine hydrographische Unmöglichkeit zu bezeichnen sei.

Am Ufer des Togahflüßchens saßen vier Männer, deren Aussehen nicht eben sehr vertrauenerweckend war. Ihre wirren, struppigen Kopf- und Barthaare hatten lange Zeit der Pflege entbehrt; ihre Anzüge befanden sich in einem Zustande, welchen jeder Flickschneider für unverbesserlich erklärt hätte, und ihre braunen Hände und vom Wetter gegerbten Gesichter schienen monatelang mit keinem Tropfen Wasser in Berührung gekommen zu sein. Desto besser aber waren sie bewaffnet, denn jeder von ihnen hatte einen Hinterlader neben sich liegen und neben dem Messer zwei Revolver im Gürtel stecken.

Drei von ihnen waren ganz gewiß Yankees. Ihre langen, hageren Gestalten, ihre nach vorn gebeugten, schmalbrüstigen Oberkörper und ihre scharfgeschnittenen Gesichtszüge bewiesen das. Aber welcher Nationalität der vierte angehöre, das war schwerer zu bestimmen.

Dieser Mann hatte eine untersetzte, breitschulterige Figur, außerordentlich große, breite Hände und ein ebenso in die Breite gehendes Gesicht mit sehr großen, weit abstehenden Ohren. Wer nur einen kurzen, oberflächlichen Blick in sein Gesicht warf, der konnte ihn leicht für einen Neger halten, denn sein Gesicht war schwarz oder vielmehr körnig blauschwarz, aber nur bis in die Gegend der Augen. Er pflegte den Hut so tief hereinzuziehen; sobald er ihn aber in den Nacken schob, konnte man sehen, daß die Gesichtshaut bis über die Nasenwurzel herab weiß war. Der Mann war jedenfalls durch explodierendes Pulver verbrannt worden.

Trotz der dadurch hervorgebrachten Entstellung seiner Züge hatte das Gesicht nichts geradezu Abstoßendes. Wer ihn genauer betrachtete, kam gewiß zu der Überzeugung, einen »guten Kerl« vor sich zu haben.

Ganz ebenso war es mit den drei anderen. Wer sie in ihrem jetzigen Aufzuge in einer zivilisierten Gegend hätte sitzen sehen, der wäre ihnen gewiß weit ausgewichen, bei näherer Bekanntschaft aber mußte diese Scheu verschwinden.

Die vier Pferde weideten im Grase, welches reichlich zwischen den grünen Büschen stand. Man sah es ihnen an, daß sie sehr strapaziert worden waren. Das Sattel- und Zaumzeug war alt und an vielen Stellen nur notdürftig ausgebessert.

Ihre Herren hatten gegessen. Den in der Nähe zerstreuten Knochen nach war anzunehmen, daß sie sich ein Racoon an dem kleinen Feuer gebraten hatten, dessen Reste nur noch leise glimmten. Während sie sich nun unterhielten, unterließen sie es nicht, die Gegend öfters mit scharfen Blicken abzusuchen. Sie befanden sich eben in den »Shears«, wo die größte Aufmerksamkeit geboten ist.

»Nun wird es Zeit, uns zu entscheiden«, sagte derjenige Yankee, welcher der älteste von ihnen zu sein schien. »Reiten wir durch die Llano, so kommen wir eher ans Ziel, laufen aber mancherlei Gefahr und haben an diesem alten 'Coon hier für Tage hinaus unser letztes Fleisch gegessen. Reiten wir aber am Rio Pekos hinab, so brauchen wir weder Hunger noch Durst zu leiden, machen aber einen Umweg von beinahe einer Woche. Was ist deine Meinung, Blount?«

Blount, welcher neben ihm saß, strich sich nachdenklich den Bart und antwortete dann:

»Wenn ich alles genau abwäge, so möchte ich vorschlagen, daß wir durch die Llano reiten, und ich denke, du wirst mir recht geben, Porter.«

»So laß uns deine Gründe hören!«

»Eine Woche ist eine lange Zeit, welche ich nicht gern versäumen möchte. Am Rio Pekos hinab haben wir die Apatschen und Komantschen zu fürchten, in den Plains aber die Llanogeier; das hebt sich gegenseitig. Wir haben nicht nötig, die ganze Breite der Plains zu durchmessen. Halten wir uns nach Südost, etwa gegen den Rio Contscho hin, so kommen wir auf die Karawanenstraße, welche von Fort Mason nach Fort Leaton führt, und haben weder eine schlimme Begegnung noch Hunger oder Durst zu fürchten. Das ist meine Meinung. Was sagst du dazu, Falser?«

»Ich stimme dir bei,« antwortete Falser, der dritte Yankee.

»Ich bin überhaupt der Ansicht, daß die Estakata nicht halb so gefährlich ist, wie sie zu sein scheint. Wer sie einmal durchquert hat, der schildert, um sich nur recht rühmen zu können, die Gefahren in einer Weise, als ob sie die reine Hölle sei. Ich bin mit Vergnügen bereit, sie kennen zu lernen.«

»Eben weil du sie noch nicht kennst!« meinte Porter, der erste Yankee.

»Hast etwa du schon ihre Bekanntschaft gemacht?«

»Nein; aber ich hörte Leute, an deren Wahrheitsliebe nicht zu zweifeln ist, in einer Weise von ihr reden, daß mich ein Schauer überlief. Jetzt, da wir uns an ihrer Grenze befinden, sehe ich erst ein, welches Wagnis wir unternehmen wollen. Keiner von uns kennt die Llano. Wenn wir uns verirren, wenn uns das Wasser ausgeht, wenn – – –«

»Wenn, wenn und abermals wenn!« unterbrach ihn Blount. »Wer so viele Wenns zu sagen hat, der mag überhaupt nichts unternehmen. Du bist doch sonst ein mutiger Kerl; fürchtest du dich etwa jetzt?«

»Fürchten? Fällt mir nicht ein! Zwischen Vorsicht und Furcht ist ein ungeheurer Unterschied, und ich glaube nicht, daß ihr mich jemals ängstlich gesehen habt. Wir sind vier Personen. Dem, was die Mehrheit beschließt, muß Folge geleistet werden. Bevor man einen Beschluß faßt, muß man überlegen. Das habe ich gewollt, und das ist doch kein Grund, mich zu fragen, ob ich mich fürchte. Zwei haben ihre Meinung abgegeben; sie sind entschlossen, durch die Llano zu gehen. Jetzt sage du, Ben New-Moon, ob du dich ihnen anschließen willst oder nicht!«

Diese Aufforderung war an den Mann mit dem Pulvergesicht gerichtet. Er legte die Hand salutierend an die Hutkrämpe, gerade wie ein Soldat, welcher vor seinem Offiziere steht und antwortete:

»Zu Befehl, Master Porter! Ich reite überall mit hin, selbst wenn's ins Teufels Küche wäre.«

»Das ist nichts gesagt. Ich will eine bestimmte Antwort. Den Rio Pekos hinab oder durch die Llano?«

»Dann bitte, durch die Llano, wenn's Euch beliebt. Ich möchte diese alte Sandgrube doch gar zu gern kennen lernen.«

»Sandgrube? Täusche dich nicht, alter Mondonkel! Bildest du dir etwa ein, hüben hineinspringen und dann gleich drüben wieder heraussteigen zu können? Das Ding ist etwas größer, als du es dir vorzustellen scheinst. Du kannst vier oder auch fünf Tage lang reiten, bevor du dieses Sandfaß hinter dir hast. Und gerade wenn wir den südlichen Teil desselben durchschneiden, ist es sehr wahrscheinlich, daß wir auf Indianer treffen.«

»Mögen sie kommen! Ich habe noch nie einem Roten etwas zuleide gethan und brauche diese Leute also nicht zu fürchten. Und würden sie sich feindselig gegen uns verhalten, nun, so haben wir unsere guten Waffen. Vier kräftige Kerls, welche so viel Pulver gerochen haben wie wir, nehmen es gut und gern mit zwanzig und auch noch mehr Indianern auf.«

»Das ist sehr richtig. Was aber das Pulverriechen betrifft, so bist du uns um eine ganze Pferdelänge voraus. Es muß ja ein ganzes Pulverfaß vor deinem Gesichte explodiert sein!«

»Beinahe ist es so.«

»Wie ging das zu? Du hast es uns noch nicht erzählt. Ist eine Heimlichkeit dabei?«

»Gar nicht; aber ich habe keine Veranlassung, mich über die Sache zu freuen; darum spreche ich nicht von ihr. Es ging mir damals hart an das Leben. Wenigstens war es auf das Licht meiner Augen abgesehen, und wenn mein alter Freund, der Juggle-Fred, nicht gewesen wäre, so wäre ich jetzt geblendet oder gar tot.«

»Wie? Du kennst den Fred? Habe viel und oft über diesen Mann gehört.«

»Wir waren gute Kameraden und haben manchen Koup miteinander ausgeführt, bei welchem es anderen Leuten angst und bange geworden wäre. Möchte ihn gern einmal wiedersehen! Er scheint aber verschollen zu sein. Wer weiß, in welcher Prärie seine Gebeine bleichen. Habe ihm sehr viel zu verdanken von damals, als er den Plan des Stealing-Fox zu nichte machte.«

»Stealing-Fox?« fragte Porter überrascht. »Also bist du auch mit diesem berüchtigten Spitzbuben zusammengetroffen?«

»Leider! Lernte ihn sogar genauer kennen, als mir lieb sein konnte. Der Kerl hieß Henry Fox, wenigstens nannte er sich so. Ob dies sein wirklicher Name war, weiß ich nicht, denn es ist zu vermuten, daß er sich verschiedener Namen bedient hat. Wo er auftauchte, war kein Mensch seines Pferdes, seiner Biberfallen, überhaupt seines Eigentums sicher, und niemals gelang es, ihm das Handwerk zu legen, denn er entwickelte eine Schlauheit, welche geradezu ihresgleichen suchte. Er verschwand stets so schnell, wie er gekommen war. Sollte ich ihm einmal begegnen, so würde ich augenblicklich mit ihm abrechnen. Eine Kugel wäre ihm sicher, denn ich habe- – -horcht!«

Er unterbrach seine Rede, richtete sich halb auf und horchte nach der Seite, nach flußaufwärts hin. Die in der Nähe befindlichen Pferde spitzten die Ohren. Man hörte Huftritte nahen.

Die vier Männer sprangen auf und nahmen ihre Gewehre schußbereit in die Hände.

»Sollten es Rote sein?« flüsterte Blount.

»Nein, es sind Weiße, und zwar nur zwei,« antwortete Ben New-Moon, welcher hinter dem Busche, welcher ihn deckte, nach den Nahenden hervorlugte. »Mexikanisch gekleidet. Sie halten an und betrachten unsere Fährte, welcher sie bis hierher gefolgt zu sein scheinen.«

Porter trat zu ihm, um die beiden auch zu sehen. Sie hielten auf ihren Pferden, weit herabgebeugt, um die Spuren im Grase zu betrachten. Ihre Kleidung und Ausrüstung war diejenige der Mexikaner: weite Schlitzhosen, bunte Westen, kurze, weite, mit Silberschnüren verzierte Jacken, flatternde, rote Halstücher, ebensolche Schärpen, aus denen die Griffe der Messer und Pistolen hervorblickten, breitkrämpige Sombreros und, last not least, ungeheure Sporen an den Fersen.

Ihre Pferde befanden sich, wie es schien, in einem vortrefflichen Zustande, was an diesem Orte wohl befremden konnte.

»Die sind nicht zu fürchten,« sagte Porter leise. »Mexikanische Caballeros, welche wir gern willkommen heißen können.«

Er trat hinter dem Busche hervor und rief den beiden zu:

»Hier sind diejenigen, welche ihr sucht, Mesch'schurs. Hoffentlich hängt ihr nicht in schlimmer Absicht an unserer Fährte!«

Die Mexikaner erschraken sichtlich, als sie sich so plötzlich angeredet hörten und die lange Gestalt des Yankee erblickten. Sie rissen schnell die Gewehre von den Sattelknöpfen, an denen sie gehangen hatten.

»Laßt das sein!« riet Porter. »Wir sind ehrliche Leute, von denen ihr nichts zu fürchten habt.«

»Wie viele Personen?« fragte der eine.

»Vier. Eure Gewehre würden euch also nichts nützen, falls wir Lust hätten, euch feindlich zu empfangen. Kommt also getrost herbei!«

Sie wechselten einige leise Worte miteinander und trieben dann ihre Pferde langsam herzu. Erst als sie die anderen drei Yankees betrachtet und den Ort mißtrauisch gemustert hatten, stiegen sie ab.

»Ihr seid verteufelt vorsichtig, Mesch'schurs,« meinte Porter. »Sehen wir aus wie Räuber?«

»Nun,« antwortete der eine lachend, »viel Staat macht ihr mit euren Anzügen nicht. Und was eure Pferde betrifft, so sind dieselben wohl schwerlich für eine Zirkusvorstellung geeignet. Caramba, seht ihr herabgekommen aus, Sennores!«

»Könnt Ihr es in dieser Gegend anders verlangen? Man hat bis zur nächsten Ansiedelung fast eine Woche zu reiten. Wenn man sich so lange unterwegs befindet wie wir, so ist man freilich nicht in der geeigneten Verfassung, der Frau Präsidentin in Washington eine Staatsvisite zu machen. Wenn ihr uns trotzdem die Hände reichen wollt, so sollt ihr uns willkommen sein.«

»Eine Begegnung mit ehrlichen Leuten ist immer angenehm, zumal in dieser gefährlichen Gegend. Wir schlagen also gern ein. Erlaubt aber, euch unsere Namen zu nennen. Wir sind Brüder und heißen Kortejo. Nennt mich Karlos und meinen Bruder Emilio!«

Die Yankees nannten ihre Namen auch und gaben den Angekommenen ihre Hände. Porter erkundigte sich weiter:

»Wir kommen aus dem alten Kalifornien herüber und wollen nach Austin, Sennores. Vielleicht dürfen wir erfahren, welche Angelegenheit euch so nahe an die Llano treibt?«

»Wir wollen uns ihr nicht nur nähern, sondern wir müssen sie durchreiten. Wir sind in einer Estanzia nahe bei San Diego als Oberhirten angestellt und wurden vom Estanziero beauftragt, drüben in Neu-Braunfels Gelder einzukassieren. Eine gefährliche Sache, nicht wahr? Darum reiten wir zu zweien.«

»Gefährlich wird es erst auf dem Rückwege, wo ihr das Geld bei euch habt. Es ist immer eine heikle Aufgabe, anderer Leute Geld durch die Llano zu schleppen. Das, was wir uns in Kalifornien gespart haben und jetzt bei uns tragen, ist unser Eigentum. Wir haben also keine Verantwortlichkeit zu tragen und sind besser daran als ihr. Trotzdem muß man euren Mut bewundern. Wir sind vier Personen und haben es uns doch überlegt, ob es nicht geratener sei, einen Umweg zu machen. Ihr wollt euch zu zweien über die Plains wagen. Das ist kühn!«

»Nicht allzusehr, Sennor,« antwortete Karlos. »Kennt Ihr die Llano genau?«

»Keiner von uns hat sie gesehen.«

»Das ist freilich etwas anderes. Wer sie nicht kennt, der mag von ihr lassen. Wir beide aber haben sie bereits wohl über zwanzigmal durchritten und sind also so vertraut mit ihr, daß von einer Gefahr eigentlich nicht die Rede sein kann.«

Ah, steht es so! Hm! Nach Neu-Braunfels wollt ihr? Das liegt ja fast genau in unserer Richtung! Also könnten wir uns euch anschließen, wenn ihr nichts dagegen hättet.«

Als er vorhin unvorsichtigerweise das Geld erwähnte, welches er und seine Gefährten mit sich führten, hatten die beiden Mexikaner einen schnellen Blick miteinander gewechselt. jetzt antwortete Karlos fast allzuschnell:

»Wir haben nicht das mindeste dagegen. Ihr seid uns im Gegenteile sehr willkommen, denn je zahlreicher wir sind, desto besser sind wir Gefahren gegenüber gewappnet.«

»Dann gut, Sennor! Wir reiten mit, und ihr werdet es nicht bereuen, uns hier getroffen zu haben. Wie aber steht es da nun mit eurem heutigen Tagesritte?«

»Wir wollten noch bis zum Rio Pekos hinab, vielleicht gar bis zum Anfange des Yuavh-Kai.«

»Was ist das?«

»Das Wort ist aus der Sprache der Yutahs und Komantschen und bedeutet so viel wie »singendes Thal«. Man erzählt, daß sich in diesem Thale nächtlicherweile oft überirdische, ganz unbegreifliche und unerklärliche Stimmen hören lassen. Wir beide aber haben, obgleich wir oft durch dasselbe geritten sind, noch nie etwas davon vernommen. Ihr hattet euch hier wohl schon zur Abendrast gelagert?«

»Nein. Das würde ja die unverzeihlichste Zeitverschwendung sein. Auch wir wollten den Pecos erreichen und vielleicht dem Laufe desselben folgen, um die Llano zu umgehen. Da wir aber euch getroffen haben und ihr uns mitnehmen wollt, so werden wir also quer durch die Wüste gehen. Meint ihr, daß wir da auf Indianer treffen werden?«

»Schwerlich. Ein solches Zusammentreffen haben wir hier mehr zu fürchten als in den Plains. Da wir bisher keinen Roten sahen, so haben wir auch für später keine dergleichen Begegnung zu erwarten. Die Kerls schwärmen jetzt nicht, da zwischen den beiden Völkerschaften erst kürzlich die Kriegsbeile vergraben wurden.«

»Das hört man gern. Aber wie steht es mit den sogenannten Llanogeiern? Diese sollen weit gefährlicher als sogar die Indianer sein.«

»Pah! Das laßt euch ja nicht weiß machen! Ihr wißt nun, wie oft wir in der Llano waren, aber es ist uns noch nie geglückt, einen dieser Geier zu sehen, welche nur in der Phantasie dummer und furchtsamer Menschen leben.«

»Aber der sogenannte Geist der Llano estakata?«

»Ist auch ein Hirngespinst, welches seinesgleichen sucht. Kindermärchen! Die Llano ist eine Sandstrecke wie jede andere auch. Es gibt da viel Sand und kein Wasser. Der Boden ist so unfruchtbar, daß nicht einmal Gespenster auf demselben wachsen. Und was den Wassermangel betrifft, so ist demselben sehr leicht abzuhelfen, denn es gibt Kaktuspflanzen genug, welche einen ganz trinkbaren Saft absondern. Es ist also gar keine Veranlassung vorhanden, sich vor den Plains zu fürchten.«

»Habe mir das Gegenteil sagen lassen; aber da ihr die Gegend kennt, so glaube ich natürlich euren Worten. Wenn ihr euch nicht etwa ein Weilchen hier niederlassen wollt, so sind wir bereit, gleich aufzubrechen.«

»Am besten ist's, wir reiten weiter. Hoffentlich halten eure Pferde es aus?«

»Sie sind weit besser, als sie aussehen; ihretwegen brauchen wir gar nicht zu säumen.«

Das Aussehen der beiden Mexikaner war allerdings nicht geeignet, Mißtrauen zu erwecken, dennoch aber mußte es als eine Unvorsichtigkeit bezeichnet werden, daß die Yankees sich so schnell und ohne alle Prüfung entschlossen, mit ihnen zu reiten. Nur einer von den Vieren schien nicht ganz vertrauensselig zu sein, nämlich Ben New-Moon.

Er hatte diesen Beinamen erhalten, weil sein schwarzes, rundes Gesicht an dasjenige des treuen Trabanten unserer Erde erinnerte. Vielleicht war er erfahrener und auch scharfsinniger als seine drei Gefährten. Er ritt, als die Reiter sich nun flußabwärts in Bewegung gesetzt hatten, hinter den anderen her und hielt seinen Blick beobachtend auf die Mexikaner gerichtet. Einen offenbaren Grund, ihnen zu mißtrauen, fand er nicht; aber ein instinktives Gefühl sagte ihm, daß ihnen gegenüber Vorsicht doch am Platze sei.

So ging es am rechten Ufer des Toyah hinab. Von der Nähe der Llano estakata war nichts zu spüren. Gras, Sträucher und Bäume gab es genug; ja, gegen Abend traten die Bäume sogar so eng zusammen, daß sie einen Wald badeten, durch welchen der Fluß seine Wasser in den Rio Pekos sandte.

Der Toyah führte viel erdige und sandige Bestandteile mit sich, welche er in der Weise in den Rio Pecos, der jetzt nicht viel Wasser besaß, abgelagert hatte, daß sich eine Barre quer und schief abwärts über den letzteren zog. Diese Barre wurde nur an wenigen schmalen Stellen, welche dem Wasser den Abfluß gestatteten, unterbrochen. Sie bildete eine Furt, auf welcher man den Übergang unschwer bewerkstelligen konnte, da nur die erwähnten schmalen Stellen zu überschwimmen waren.

Es war noch nicht spät am Nachmittage, und so wurde beschlossen, den Übergang noch heute zu bewerkstelligen und dann das Nachtlager drüben im Yuavh-Kai aufzuschlagen. Die Pferde schwammen ausgezeichnet, und so kamen die Männer wohlbehalten, wenn auch mit durchnäßten Beinkleidern hinüber. Von da aus wurde nach Norden geritten und die Stelle berührt, an welcher die Texaspacificbahn jetzt über den Rio Pecos geht. Dann hielt die kleine Gesellschaft auf einen Höhenstrich zu, dessen Fuß mit grünem Gebüsch bestanden war, während die Kuppen nackt und kahl erschienen.

Dort öffnete sich eine enge Schlucht, in welcher ein schmales, seichtes Wasser floß. Die beiden Mexikaner lenkten hinein und sagten den anderen, daß dies das »singende Thal« sei, welches weiter aufwärts bedeutend breiter werde.

Dieses Thal war sehr tief eingeschnitten. Es stieg nicht steil an und das Wasser hatte wenig Fall. Der Boden war grasig, doch zu beiden Seiten hatten sich Beifußarten am Felsen angesiedelt, ein sicheres Zeichen, daß man sich einer pflanzenfeindlichen Region nähere. Später traten die Seitenwände des Thales weiter zurück; die Sohle war mit lockerem Geröll bedeckt, und nur in unmittelbarer Nähe des Wassers gab es einen spärlichen, dünnen Rasen.

»Wäre es nicht besser gewesen, unten im Thale des Pecos zu übernachten?« fragte Ben. »Dort hatten wir Futter für die Pferde und auch dürres Holz und Gezweig zu einem Feuer. Hier in der Schlucht aber scheint es davon desto weniger zu geben, je weiter wir hineinkommen.«

»Wartet es nur ab, Sennor!« antwortete Carlos Cortejo. »Weiter oben gibt es eine Stelle, welche sich so vortrefflich zum Lagern eignet, daß Ihr es uns dank wissen werdet, Euch dorthin geführt zu haben. In einer Viertelstunde sind wir dort.«

Nach der angegebenen Zeit wurde das Thal plötzlich breiter und bildete einen beinahe kreisrunden Kessel, welcher einen Durchmesser von vielleicht tausend Fuß hatte. Er war von steilen Felswänden umschlossen, welche keinen Ausgang offen zu lassen schienen. Bald aber sahen die Yankees, daß es gerade ihnen gegenüber eine schmale, tiefe Ritze gab, durch welche man wohl weiter gelangen konnte.

Hier in diesem Kessel entsprang der Bach. Die Stelle, an welcher der Quell aus der Erde trat, lag tiefer als die Umgebung, und darum bildete das Wasser einen kleinen Weiher, welcher von einer dichten Hecke von Gesträuch eingefaßt wurde. Jenseits dieses Teiches, ganz in der Nähe des Felsenhintergrundes erblickte man eine fremdartige Pflanzengruppe. Dort standen zwei bis drei Meter hohe Gebilde, welche riesigen Kandelabern glichen; einige derselben waren sogar noch einmal so hoch. Sie schienen weder Zweige noch Blätter zu haben, und ihre gerade emporgerichteten Arme trugen zahlreiche feigenartige Knollen. Das war eine Ansiedelung des Säulenkaktus, dessen feigenähnliche Früchte gegessen werden können. Emilio Cortejo deutete dorthin und sagte:

»Dort pflücken wir unser Abendmahl, und am Weiher gibt es genug Gras und grüne Blätter für unsere Pferde. Ich denke, ihr werdet zufrieden sein. Kommt, Sennores!«

Er setzte sein Pferd in Trab und ritt auf das Wasser zu; die anderen folgten ihm. Sie befanden sich ungefähr noch sechs Pferdelängen von den Büschen, da tönte ihnen ein lautes »Halt« entgegen. Natürlich hielten sie ihre Pferde an.

»Wer da?« fragte Porter, indem er ebenso wie die anderen, doch ohne jemand zu sehen, nach der Stelle des Gebüsches blickte, von welcher aus der Ruf erklungen war.

»Weiße Jäger,« lautete die Antwort.

»Wer seid ihr?«

»Reisende.«

»Woher kommt ihr?«

»Aus Kalifornien.«

»Wohin wollt ihr?«

»Hinüber ins Texas, nach Austin.«

»Über die Llano?«

»Ja.«

»Einige von euch haben ehrliche Gesichter, die anderen nicht. Doch wollen wir es mit euch versuchen, Meschschurs.«

Die Büsche teilten sich. Zwei Gewehrläufe waren zu sehen, und dann traten die beiden hervor, welchen die Gewehre gehörten. Der eine war ein vollbärtiger, breitschulteriger Mann und der andere ein blonder, bartloser Jüngling, welcher wohl noch nicht zwanzig Jahre zählte. Sie waren ganz in Leder gekleidet und trugen breitkrämpige Biberhüte auf den Köpfen.

»All devils!« sagte Porter. »Wie viel Truppen habt Ihr denn da am Wasser liegen?«

»Keine, Sir.«

»So seid Ihr allein?«

»Ja.«

»Und wagt es, sechs gut bewaffneten Männern mit angeschlagenen Gewehren entgegenzutreten?«

»Pah!« antwortete der ältere. »Wir haben Doppelläufe. Vier von euch hätten wir mit den Gewehren aus dem Sattel genommen, und für die beiden letzten hätten die Revolver ausgereicht. Wir sahen euch kommen. Einige eurer Gesichter sind ganz leidlich. Darum lassen wir euch herein. Käme es auf uns an, so müßten die anderen umkehren.«

»Bedenkt Ihr nicht, daß dies eine Beleidigung ist?«

»Aufrichtig ist's, beleidigen will ich nicht. Übrigens habe ich diejenigen, welche mir nicht gefallen, nicht bezeichnet. Haltet also Frieden und kommt an das Wasser.«

Die sechs Reiter thaten das und stiegen am Ufer des Weihers ab. Dort weideten die Pferde der zwei Fremden, denn es gab da einen saftigen Rasen. Eine Stelle, an welcher Asche lag, deutete an, daß hier ein Feuer gebrannt habe. Dort ließen sich die beiden nieder, welche einander so ähnlich sahen, daß man in ihnen Vater und Sohn vermuten mußte.

Sie sahen nicht aus, als ob sie Neulinge im fernen Westen seien. Der Vater machte den Eindruck eines erfahrenen, mutigen Jägers, und auf dem jugendlichen Gesichte seines Sohnes lag ein so ruhiger, bedachtsamer Ernst, daß man gleich vermutete, er sei trotz der geringen Zahl seiner Jahre bereits in einer guten Schule gewesen.

Sie wurden von den anderen halb neugierig, halb mißtrauisch gemustert. Dann setzten sich diese zu ihnen hin und zogen ihren Proviant hervor, welcher aus gedörrtem Fleische bestand. Dieses muß man dort, wo von einer ergiebigen Jagd keine Rede ist, stets bei sich führen.

»Wollt Ihr uns wohl sagen, Sir, wie lange Ihr Euch schon hier befindet?« fragte Porter, welcher die Führung des Wortes übernahm.

»Seit gestern Abend«, antwortete der ältere Jäger.

»Schon! Das hat ja den Anschein, als ob ihr lange hier verweilen wolltet.«

»Ist auch der Fall.«

»Aber, Sir, diese Gegend ist gefährlich. Sie ist zum Aufschlagen eines Wigwams nicht geeignet.«

»Aber sie gefällt uns und liegt uns recht, Master. Wir haben droben in den Bergen ein Stelldichein. Diejenigen, welche wir erwarten, kommen über die Llano und durch dieses Thal. Da wir zu früh eingetroffen waren, so wurde uns die Zeit zu lang, und wir ritten unseren Freunden bis hierher entgegen.«

»Wann werden diese kommen?«

»In zwei oder drei Tagen.«

»Wenn ihr so lange warten wollt, so könnt ihr sehr leicht die Bekanntschaft der Apachen und Komantschen machen!«

»Thut nichts. Wir leben mit ihnen in Frieden.«

»Wir auch. Aber den Roten ist ja niemals zu trauen. Sie kommen stets in hellen Haufen, und wenn man nur zu zweien ist wie ihr, so ist eine solche Begegnung sehr gefährlich.«

»Mag sein, macht uns aber keine Sorge. Wir haben einen bei uns, welcher eine ganze Schar Indianer aufwiegt.«

»So seid ihr also nicht allein, sondern zu dreien! Wo ist der Mann?«

»Er ritt fort, um zu rekognoszieren, wird aber bald wiederkommen.«

»Er soll so viel wert sein wie eine ganze Schar Indsmen, sagt Ihr? Da müßte er ein ganz außerordentlicher Jäger sein, etwa wie Old Shatterhand. Kennt ihr den?«

»Ja, doch ist er es nicht.«

»Wer denn?«

»Werdet es sehen, wenn er kommt. Er mag sich euch selbst vorstellen. Mein Name ist Baumann, und dieser junge Westläufer ist Martin, mein Sohn.«

»Danke, Sir! da ihr uns eure Namen nennt, sollt ihr auch die unserigen erfahren. Ich heiße Porter; Blount und Falser sind diese beiden, und das dunkle Mondgesicht hier wird natürlich Ben New-Moon genannt. Die übrigen zwei Masters trafen heute Mittag auf uns. Sie kommen von einer Estancia aus der Gegend von San Diego und Cobledo und wollen über die Llano, um Gelder einzukassieren für ihren Herrn, dessen Ober-Vaqueros sie sind. Sie heißen Carlos und Emilio Cortejo.«

So oft er einen Namen nannte, deutete er auf den Träger desselben, welchen Baumann dann genau betrachtete. Am längsten blieb der Blick des Jägers auf den beiden Mexikanern haften. Seine Brauen zogen sich zusammen und sein Bart zuckte leise um den Mund. Carlos mochte das bemerken und sich darüber ärgern, denn er sagte:

»Nun ihr unsere Namen wißt, möchte ich Euch fragen, Sennor Baumann, wer diejenigen sind, deren Gesichter Euch so wenig gefallen?«

»Das brauche ich wohl nicht zu sagen, da die Betreffenden es ohnedies sehr bald bemerken werden. Also in der Gegend von San Diego und Cobledo liegt eure Estancia? Darf man erfahren, wie sie heißt?«

»Es ist die Estancia del Cuchillo.«

»Und der Besitzer?«

»Heißt Sennor – – Sennor Montano.«

Er hielt, bevor er den Namen nannte, inne, als ob er sich auf denselben besinnen müsse. Das mußte auffallen. Ein Angestellter muß doch wissen, wie sein Prinzipal heißt. Baumann fragte, ohne sein Mißtrauen jetzt schon in Worten auszudrücken, weiter:

»Und ihr seid die obersten Vaqueros oder Peons von Sennor Montano?«

»Ja.«

»Hat er noch weitere solche Oberbeamte?«

»Nein. Wir sind die einzigen.«

»Nun«, meinte der Jäger jetzt, »so will ich euch eure vorige Frage beantworten, indem ich euch aufrichtig sage, daß ihr beide es seid, deren Gesichter mir nicht gefallen.«

Die beiden Mexikaner legten ihre Hände sofort an ihre Messer.

»Sennor, das ist eine direkte Beleidigung. Vorhin war sie nur indirekt; da konnten wir sie mit Schweigen übersehen!«

»Ihr werdet sie auch jetzt ertragen müssen. Ich bin gewöhnt, einem jeden zu sagen, was ich von ihm denke, und es fällt mir nicht ein, mit euch eine Ausnahme zu machen.«

»Nun, was denkt ihr denn von uns?«

Baumann zog seinen Revolver aus dem Gürtel, als ob er mit demselben nur spielen wolle, und antwortete, indem sein Sohn auch zu dem seinen griff:

»Ich denke, daß ihr Lügner seid, wenigstens Lügner, wenn nicht noch mehr.«

Da sprangen die beiden Mexikaner auf und rissen ihre Messer aus dem Gürtel.

»Das widerruft auf der Stelle, Sennor, sonst zwingen wir Euch dazu!« gebot Carlos.

Baumann blieb ruhig liegen, richtete aber den Lauf der kleinen und doch so gefährlichen Schießwaffe auf den Sprecher und sagte:

»Tretet mir nicht etwa einen Schritt näher, Master Cortejo! Meine Kugel würde Euch treffen und diejenige meines Sohnes Euern Bruder. Sobald ihr etwa nach euren Pistolen greift oder sonst eine verdächtige Bewegung macht, werdet ihr ohne Sang und Klang aus dieser Welt befördert. Ich heiße Baumann, der Name wird Euch unbekannt sein. Die Sioux nennen mich Mato-poka, die Komantschen Vila-yalo, die Apachen Schosch-insisk, die spanisch sprechenden Jäger El cazador del oso, und die englisch Redenden Bear-hunter, was alles ganz dasselbe bedeutet, nämlich »der Bärenjäger«. Vielleicht erinnert Ihr Euch jetzt, einmal etwas von mir gehört zu haben?«

»Wie! Was? Der »Bärenjäger« seid Ihr, Sir?« rief Ben New-Moon. »Ich meine nämlich den Deutschen, welcher droben in der Nähe der schwarzen Berge einen Store hatte und nebenbei den Grizzlys das Leben so sauer machte?«

»Ja, der bin ich, Sir.«

»Dann habe ich freilich viel von Euch gehört. Wart Ihr nicht von den Sioux gefangen genommen und hinauf in den Nationalpark geschleppt worden?«

»Das passierte mir allerdings; aber Old Shatterhand und Winnetou haben mich wieder geholt. Mein Sohn hier war bei ihnen.«

»Das hat man mir erzählt. Es soll das eine der bedeutendsten Thaten Old Shatterhands gewesen sein. Wenn Ihr dieser Mann seid, so freut es mich außerordentlich, Euch getroffen zu haben, und ich hoffe, daß die kleine Differenz zwischen Euch und diesen Sennores sich ausgleichen lassen wird. Vielleicht nehmt Ihr Euer Wort zurück?«

»Das Wort Lügner? Nein.«

»Aber könnt ihr es beweisen?«

»Ja. Ich pflege nie etwas zu behaupten, was ich nicht beweisen kann. Ein Estanciero schickt nicht gerade seine beiden Oberknechte in die Llano; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Einen von ihnen braucht er stets auf der Estancia. Soll der andere wirklich Geld kassieren, so gibt er ihm einen oder wahrscheinlich mehrere Vaqueros mit. Überdies haben wir uns gerade jetzt zwei Monate lang in der Gegend zwischen EI Paso und Albuquerque aufgehalten. Wir sind in jeder Estancia und Hacienda eingekehrt, haben aber gerade bei San Diego und Cobledo weder eine Estancia del Cuchillo noch einen Estanciero Namens Montano gefunden.«

»So seid Ihr an unserer Besitzung vorüber geritten«, erklärte Emilio.

»Das glaube ich nicht. Und selbst wenn es so wäre, würde ich von derselben und ihrem Herrn gehört haben. Steckt eure Messer ein und setzt euch ruhig nieder! Ich lasse mir nicht drohen. Ich will euch nicht von meinem Lager treiben, da ihr mit Männern gekommen seid, welche ich für ehrliche Leute halte. Wie ihr euch betragt, so werdet ihr behandelt. Am Rande der Llano kann man nicht vorsichtig genug sein, und jedermann weiß, daß man die Weißen viel mehr zu fürchten hat als die Roten.«

»Haltet Ihr uns vielleicht für Llanogeier?«

»Diese Frage werde ich euch beantworten, wenn wir uns trennen; dann habe ich euch kennen gelernt, während sich mein Urteil jetzt nur auf Vermutungen stützen kann. Seid ihr wirklich brave Leute, was ich allerdings gern wünschen möchte, so werden wir gewiß als Freunde scheiden.«

Die beiden Mexikaner blickten einander fragend an. Zur Förderung ihrer geheimen Absichten war es geraten, sich versöhnlich zu zeigen. Darum sagte Carlos:

»Diese Eure letzten Worte machen das Vorhergehende wieder gut. Da wir ehrliche Leute sind, so können wir uns mit der Überzeugung beruhigen, daß Ihr sehr bald einsehen werdet, wie unrecht Ihr uns beurteilt habt.«

Er setzte sich wieder nieder und sein Bruder that dasselbe. Baumann schickte seinen Sohn, den vielbesprochenen »Sohn des Bärenjägers«, nach der Kaktusgruppe, um Früchte dieser Pflanzen zu holen, welche zum Nachtisch gegessen werden sollten.

Während man dieselben genoß, wurde es Nacht, und die Männer brannten ein Feuer an. Material dazu war genug vorhanden.

Außer dem Übergange des Tages in die Nacht war noch eine andere Veränderung vorgegangen. Der Thalkessel war durch die hohen Felsenwände von der Ebene abgeschlossen. Die Luftströmungen, welche draußen ihre volle Macht entfalten konnten, fanden auf drei Seiten den Zugang verschlossen. Nur von der vierten Seite, von welcher die Yankees und Mexikaner gekommen waren, konnte eine atmosphärische Strömung in den Kessel treten, was aber nur dann möglich war, wenn der Wind ganz genau aus dieser Richtung blies und stark genug war, sich nicht im unteren Teile des Thales zu verfangen.

Nun gab sich jetzt seit Eintritt der abendlichen Dunkelheit eine Luftbewegung kund, welche aus der erwähnten Richtung kam. Sie stieg natürlich an den Felswänden empor und nur ein verschwindend kleiner Teil konnte durch die enge Spalte Abzug finden, welche die Neuangekommenen heute bemerkt hatten und die in der That gegen die Llano hin den Ausgang aus dem Thale bildete. Diese Luftströmung kam nicht stoßweise, sondern sie war gleichmäßig; sie wurde deutlich empfunden und wirkte doch nicht bewegend auf die Flamme des Feuers ein. Sie veranlaßte keinen hörbaren Ton, am allerwenigsten das Pfeifen und Heulen des Sturmes, und dennoch wurde sie vom Ohre vernommen. Dabei atmeten die Lungen ganz anders als vorher, ob schwerer oder leichter, das war eigentümlicherweise nicht zu sagen.

Die Kaktusfeigen waren alle geworden und Martin Baumann ging, um neue zu holen. Kaum hatte er die Sträucher hinter sich, so hörten die anderen seine Stimme:

»Was ist das? Kommt einmal her, Mesch-schurs! So etwas habe ich noch nie gesehen!«

Sie folgten seiner Aufforderung. Als sie zwischen dem Wasser und dem Gebüsch hindurch waren, bot sich ihnen ein höchst überraschender Anblick dar. Der ganze Thalkessel lag in tiefem Dunkel, denn der Schein des Feuers, weiches nur klein war, drang nicht durch die Büsche; aber dort, wo die Kaktus standen, sah man zahlreiche Flammenbüschel, welche in eigentümlich bleichem, farblosem Lichte erglänzten. Jeder dieser Pflanzenkandelaber trug mehrere solcher Büschel; jeder Leuchterarm schien ein solches Flämmchen auf seiner Spitze zu haben. Es war eine wunderbare, fast geisterhafte Erscheinung.

»Was mag das sein?« fragte Porter.

»Ich habe es nie gesehen!« antwortete Falser. »Man möchte sich beinahe fürchten.«

Da ließ sich hinter ihnen eine tiefe, klare Stimme hören, hinter ihnen, innerhalb der Sträucher, also am Feuer, wo sie soeben gewesen waren und wo außer ihnen sich doch kein Mensch befinden konnte:

»Das ist Ko-härstesele-yato, die Flämmchen des großen Geistes, welche er anbrennt, wenn er seine Kinder warnen will.«

»Cáspita! Wer ist da hinter uns?« rief Emilio Cortejo erschrocken. »Befinden wir uns etwa in einem Hinterhalte?«

»Nein,« antwortete der Bärenjäger. »Es ist mein Gefährte, den wir erwarteten. Er ist, wie das so in seiner Weise liegt, angekommen, ohne daß er es uns merken ließ.«

Sie wendeten sich zurück. Und richtig, da hielt gerade neben dem Feuer ein Reiter. Wie hatte er, noch dazu zu Pferde, in das Innere des Gebüschkreises kommen können, ohne gehört zu werden? Er saß auf einem prachtvollen Rappen, welcher auf indianische Weise aufgeschirrt und gesattelt war. Indianisch war auch der Anzug des Mannes, indianisch sein Gesicht, welches keine Spur von Bart zeigte. Dafür aber hing ihm eine Fülle langen, schwarzen Haares weit über den Rücken herab; in der Hand hielt er eine zweiläufige Büchse, deren Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren.

Die Yankees und Mexikaner ließen Ausrufe des Erstaunens, der Bewunderung hören.

»Wer ist das?« fragte Porter. »Ein Indianer! Sind noch andere hier?«

»Nein, er ist allein,« antwortete Baumann. »Es ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.«

»Winnetou, Winnetou!« ertönte es aus aller Munde.

Er stieg vom Pferde ohne auf die bewundernd auf ihn gerichteten Blicke zu achten, trat aus dem Gebüsche hinaus, deutete auf die Flämmchen und sagte:

»Weil die Bleichgesichter sich in diesem abgeschlossenen Thale befanden, haben sie nicht bemerkt, was außerhalb desselben vorgegangen ist. Damit sie es erfahren, sendet der große Manitou ihnen dieses feurige Totem. Winnetou weiß nicht, ob sie es lesen können.«

»Was ist denn geschehen?« fragte Blount.

»Der 'ntch-kha-n'gul ist über die Llano gegangen. Winnetou sah den schwarzen Leib desselben im Norden. Wehe denen, welche ihm begegnet sind; der Tod hat sie gefressen!«

»Ein Tornado, ein Hurricane?« fragte der Bärenjäger. »Hat mein roter Bruder den Lauf desselben genau beachtet?«

»Winnetou berechnet den Lauf des kleinen Käfers, den er erblickt. Wie sollte er vergessen, sich um die Richtung des großen Sturmes zu bekümmern!«

»Welche Richtung war es?«

»Gerade im Osten von hier erhob sich die Llano in die Luft, so daß es dort finster wurde wie mitten in der Nacht. Die Sonne umarmte die Finsternis mit Strahlen roten Blutes. Die Nacht rückte schnell nach Nordosten vor, wo Winnetou sie dann verschwinden sah.«

»So ging der Tornado gerade von Süd nach Nord?«

»Mein Bruder sagt es.«

»God bless my soul! Er wird doch nicht unsere Freunde getroffen haben!«

»Winnetous Ahnungen sind schwarz wie das Angesicht des Sturmes. Unsere Freunde sind klug und erfahren, und Old Shatterhand kennt die Bedeutung jedes Lufthauches; aber der 'ntch-kha-n'gul kommt plötzlich und sendet keinen Boten voraus, welcher ihn verkündet. Kein Pferd ist schnell genug, ihm zu entgehen. Old Shatterhand muß ungefähr heute die Llano erreicht haben, und die Hufe seines Rosses haben den Sand derselben gerade in der Gegend berührt, nach welcher der Geier des Windes flog. Vielleicht liegt er mit seinen Genossen unter den Wogen des Sandes begraben.«

»Das wäre schrecklich! Wir müssen fort. Wir müssen hin, und zwar augenblicklich! Steigen wir schnell zu Pferde!«

Winnetou machte eine abwehrende Handbewegung.

»Mein Bruder mag sich nicht übereilen,« sagte er. »Hat Old Shatterhand sich mitten im Pfade des Sturmes befunden, so ist er tot, und unsere Hilfe kommt zu spät. Befand er sich aber zur Seite dieses Pfades, so blieb er unverletzt, und es droht ihm nur die Gefahr des Verirrens, da der Sturm das Angesicht der Llano so verändert, daß ihr Antlitz; ein ganz anderes wird. Wir müssen ihm entgegen, aber nicht jetzt bei Nacht, denn auch uns blickt die Llano mit anderen Augen an, und nur das Tageslicht darf unser Führer sein. Wer einen Verirrten finden will, muß darauf achten, sich nicht selbst zu verirren. Darum mögen meine Brüder sich wieder an das Feuer setzen. Das erste Licht des Morgens wird unseren Aufbruch sehen.«

Er streckte sich am Feuer nieder, und die anderen thaten ebenso. Sie ließen dabei unwillkürlich einen Abstand zwischen sich und ihm, eine Folge der Ehrerbietung für den berühmten Häuptling. Diese letztere war auch der Grund, daß sie sich eine Zeitlang schweigend verhielten. Endlich aber siegte bei Ben New-Moon das Verlangen, etwas über die erwarteten Gefährten des Apachen zu vernehmen. Er wendete sich an Baumann:

»Wie ich höre, ist es gar Old Shatterhand, mit dem Ihr zusammentreffen wollt, Sir?«

»Ja, er ist es, aber nicht allein. Es wollten noch andere mit ihm kommen.«

»Wer sind diese Leute?«

»Der dicke Jemmy und der lange Davy, deren Namen Ihr

vielleicht bereits gehört habt.«

»Natürlich kenne ich die beiden famosen Westmänner, wenn auch nur aus den Erzählungen und Berichten anderer. Sind sie es allein, welche Old Shatterhand begleiten?«

»Nein. Es befinden sich noch zwei bei ihnen, welche Ihr vielleicht auch kennt, da Ihr von Old Shatterhands Zug nach dem Nationalpark gehört habt, nämlich Hobble-Frank und der Neger Bob. Frank wollte nicht mit uns, sondern mit Old Shatterhand reiten, um von ihm zu lernen, und Bob schloß sich ihm an. Das ist der Grund, weshalb sich beide nicht bei mir befinden. Es steht zu erwarten, daß auch noch andere die Gelegenheit benutzt haben, unter Führung des berühmten Jägers durch die Llano zu reiten. Vielleicht hat er eine ansehnliche Gesellschaft beisammen, und das beruhigt mich. Je größer der Trupp ist, desto eher und leichter kann einer dem anderen in der Gefahr, welche so ein Tornado mit sich bringt, Hilfe leisten.«

»Schade, jammerschade, daß wir sechs schon morgen früh unseren Weg fortsetzen! Ich hätte diese Eure Freunde so gern gesehen und kennen gelernt!«

»Das ist nicht gut möglich, da Ihr hinüber nach Austin wollt. Übrigens brechen ja auch wir mit dem frühesten Morgen auf. Aber sagt mir doch einmal, Sir, wie Ihr zu Eurem schwarzen Gesicht und infolgedessen zu Eurem Namen gekommen seid!«

»Beides habe ich einem der größten Schurken zu verdanken, den es im fernen Westen gegeben hat und vielleicht noch gibt, nämlich dem Stealing-Fox.«

»Diesem? Ah! Habe lange Zeit nichts von dem Kerl gehört. Möchte ihm einmal begegnen!«

»Habt auch Ihr schon mit ihm zu schaffen gehabt?«

»Er mit mir. Er stahl meine Kasse und hat mich um alle meine damaligen Ersparnisse gebracht. Damals nannte er sich Weller; aber ich konnte aus Verschiedenem, was ich später hörte, schließen, daß es der berüchtigte Stealing-Fox gewesen sei. Ich konnte nie auf seine Fährte kommen, habe aber erst kürzlich drüben im Neu-Mexikanischen gehört, daß er noch leben soll. Er hat sich Tobias Preisegott Burton genannt und unter der Maske eines frommen Missionars der Mormonen eine Reisegesellschaft in die Llano locken wollen. Einer dieser Leute hat ihn aber erkannt und zur Rede gestellt, worauf er schleunigst verschwunden ist.«

»'s death! Wäre ich dabei gewesen! Er wäre mir nicht verschwunden; ich hätte ihm ein regelrechtes Eisenbahntunnel durch den Kopf geschossen! Fast hätte ich Lust, mich länger hier zu verweilen, da er sich in dieser Gegend befinden soll. Möchte gar zu gern Abrechnung mit ihm halten!«

»War es denn auf Euer Leben abgesehen?«

»Auf mein Leben und mein Eigentum. Das war nämlich droben am Timpa-Fork in Colorado. Ich kam aus Arizona herüber, wo ich als Goldgräber an den Limestone-Springs ein ziemlich gutes Geschäft gemacht hatte, und trug ein hübsches Päckchen Banknoten bei mir, in welche ich den Goldstaub und die Nuggets umgewechselt hatte. Unterwegs stieß ein Fallensteller zu mir, welcher gerade so wie ich nach Fort Abrey wollte, welches am Arkansas liegt. Das Aussehen und Auftreten dieses Mannes war sehr vertrauenerweckend, und da man niemals gern so ganz allein durch den wilden Westen reitet, so war mir seine Gesellschaft sehr willkommen.«

»Ihr sagtet es ihm wohl, daß Ihr Geld bei Euch hättet?«

»Fiel mir gar nicht ein; aber er mochte es erraten haben, denn ich ertappte ihn einmal des Nachts dabei, daß er leise meine Taschen untersuchte, wobei ich glücklicherweise erwachte. Er machte die Ausrede, ich hätte im Schlafe so gestöhnt, daß er auf den Gedanken gekommen sei, mir den Rock aufzuknöpfen, damit ich leichter atmen könne. Natürlich glaubte ich ihm nicht und war von nun an außerordentlich auf meiner Hut. Was das heißt, könnt Ihr Euch denken!«

»Gewiß! Man befindet sich mit einem Spitzbuben ganz allein in der Wildnis. Man will und muß doch schlafen, und soll doch alle Aufmerksamkeit darauf richten, nicht zu Schaden zu kommen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Ein Messerstich, eine Kugel –- und Leben und Eigentum sind weg!«

»Was das betrifft, so konnte ich ruhig sein. Ich hatte den Kerl bald durchschaut. Er war im Grunde genommen ein Feigling. Stehlen und betrügen, ja; aber Blut zu vergießen, da fehlte ihm der Mut. Am Timpa-Fork machten wir Kamp. Es war ein heißer Tag, aber der Wind wehte stark und machte die Hitze erträglich. Ich rauche leidenschaftlich und hatte mir die Pfeife neu gestopft, wißt Ihr, eine kurze Pfeife mit einem sehr großen Veinedkopf, welcher einen Viertelbeutel Tabak faßte. Ich hatte einen so großen Kopf gewählt, um nicht immer stopfen zu müssen. Als ich anbrennen wollte, sagte der Mann, er habe die Stimme eines Turkey im Gebüsche gehört. Ich legte sofort die Pfeife weg, griff zum Gewehr und machte mich davon, um den Vogel vielleicht vor den Schuß zu bringen. Aber ich fand keine Spur von ihm, traf aber dafür ein Opossum, welches ich schoß. Als ich mit demselben zurückkam, war wohl eine halbe Stunde vergangen. Der Kerl machte sich gleich daran, das Tier aufzubrechen und abzuhäuten; ich aber griff nach meiner Pfeife, um den Tabak in Brand zu stecken. Das wollte mir wegen des Windes nicht gelingen. Ich legte mich also lang nieder, mit dem Gesichte gegen die Erde, zog den Hut gegen die Windseite vor und schlug Feuer auf den Schwamm. Diesmal gelang es. Ich drückte den Schwamm auf den Tabak, that einige Züge und – – ein Zischen, ein Knall, Feuer schlug mir ins Gesicht und um den Kopf. Zu gleicher Zeit packte mich der Kerl von hinten im Genick, drückte mir den Kopf nieder und fuhr mir mit der anderen Hand unter die Brust und in die Tasche. Ich war so erschrocken, daß es ihm gelang, mir das Pocketbook zu entreißen. Aber ich erwischte seinen Arm und hielt denselben fest. Ich war stärker als er, aber für den Augenblick geblendet. Er hielt das Buch fest; ich erfaßte es auch; er zog hin und ich her; es zerriß, denn es war aufgegangen; wir kamen auseinander; er hatte die eine Hälfte und ich die andere. Da sprang ich auf und zog das Messer. Glücklicherweise hatte ich die Augen, als der Feuerstrahl mir ins Gesicht zuckte, für einen Moment geschlossen gehabt, sonst wäre ich sofort erblindet. Die Lider waren aber doch verletzt. Ich konnte sie nur ganz wenig öffnen; das genügte aber, den Kerl zu sehen. Ich drang mit dem Messer auf ihn ein. Das gab ihm den Mut, sein Gewehr vom Boden aufzuraffen und auf mich anzulegen.

Ein stechender Schmerz zog mir die Augen zu; ich war verloren; der Schuß fiel, oder vielmehr ein Schuß fiel, aber zu meinem Erstaunen wurde ich nicht getroffen. Ich wischte mir die Augen, riß sie mit Anstrengung auf –- ich sah den Kerl nicht; aber von jenseits des Wassers drüben ertönte eine Stimme, welche ein gebieterisches »Halt, Mörder!« rief. Darauf hörte ich den Hufschlag eines sich schnell entfernenden Pferdes. Der Halunke war zu seinem Pferde gesprungen, um mit der halben Brieftasche, in welcher sich auch ziemlich die Hälfte meines Geldes befand, zu entfliehen.«

»Sonderbar!« sagte Baumann. »Er ist also gestört worden?«

»Ja. Ein sehr bekannter Westläufer, der Juggle-Fred, hatte sich in der Nähe befunden und, als ich das Opossum erlegte, meinen Schuß gehört. Er war jenseits des Flüßchens dem Schalle nachgegangen und hatte uns gerade in dem Augenblicke gesehen, als der Halunke auf mich anlegte. Er schoß auf denselben und traf ihn in den Arm, infolgedessen der Spitzbube die Büchse fallen ließ und nach seinem Pferde rannte, um schleunigst fortzujagen. Der Juggle-Fred hohe sein Pferd und kam zu mir herüber. Sein rechtzeitiges Erscheinen hat mir das Leben gerettet. Von einer Verfolgung des Diebes konnte keine Rede sein, denn ich konnte nicht fort und Fred durfte mich nicht verlassen, denn mein Gesicht mußte Tag und Nacht mit Wasser gekühlt werden. Über eine Woche kampierten wir dort am Timpa-Fork. Ich hatte große Schmerzen auszustehen und eine bedeutende Summe verloren, war aber froh, das Augenlicht gerettet zu sehen.«

»Wie nannte sich denn der Mensch gegen Euch?«

»Weller. Aber als wir dann nach Fort Abrey kamen und ihn genau beschrieben, erfuhr ich, daß dies ein falscher Name sei. Es war der Stealing-Fox gewesen.«

»So hat er während Eurer Abwesenheit den Pfeifenkopf mit Pulver gefüllt?«

»Ja, und nur oben darauf, um mich zu täuschen, ein wenig Tabak gethan. Um Zeit dazu zu bekommen, machte er mir weiß, einen Turkey gehört zu haben. Er wußte, daß ich sofort nach demselben suchen werde, da ich ein besserer Jäger war als er. Er war ein langer, hagerer Mensch und hatte Gesichtszüge, die ich nie vergessen werde. Ich weiß, daß ich ihn sofort erkennen werde, falls ich ihm begegnen sollte.«

Die beiden Mexikaner waren dieser Unterhaltung mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Sie hatten sich oft bedeutungsvoll angesehen, unbemerkt, wie sie meinten; aber es gab einen, der sie genau beobachtet hatte – Winnetou.

Scheinbar den Blick nach einer ganz anderen Richtung gewendet, hatte er sie doch keine Minute lang aus den Augen gelassen. Er sah ihre Blicke und erkannte infolge seines ausgebildeten Scharfsinnes aus denselben, daß sie zu demjenigen, von welchem die Rede war, in irgend einer Beziehung stehen müßten.

Und Winnetou wurde seinerseits wieder von Baumann, dem Bärenjäger, beobachtet. Dieser kannte seinen roten Freund, welcher ganz plötzlich und unerwartet zu Pferde am Feuer hinter ihnen gehalten hatte. Wie das zugegangen sei, das konnte Baumann sich leicht erklären. Der Apache war von seinem Rekognoszierungsritte zurückgekehrt und hatte seiner Gewohnheit gemäß das Pferd in einiger Entfernung stehen lassen, um sich heranzuschleichen. Wahrscheinlich hatte er sogar aus irgend einem Umstande geschlossen, daß sich jetzt Fremde hier befanden, und war infolgedessen heimlich herangekommen, um dieselben zu betrachten, bevor er sich von ihnen sehen ließ. Als er sie genügend beobachtet hatte, um sich ein Bild von ihrem Charakter machen zu können, hatte er sich leise entfernt, um nun zu Pferde zurückzukehren und zu thun, als ob er noch nichts von ihnen wisse. Während sie alle nach der einen Seite gegangen waren, um die Flämmchen zu sehen, wobei sie natürlich ein solches Geräusch gemacht hatten, daß die Tritte seines Pferdes von ihnen nicht gehört wurden, war er von der entgegengesetzten Seite her zum Lagerplatz gekommen.

Nun saß er da, die Augen scheinbar gleichgültig auf die schimmernde Wasserfläche des Weihers gerichtet; aber Baumann sah deutlich, daß von Zeit zu Zeit unter seinen langen, dichten Wimpern ein scharfer Blick auf die Mexikaner schoß. Der Apache mißtraute ihnen. Das war gewiß.

Der Sohn des Bärenjägers hatte vorhin Kaktusfeigen holen wollen, war aber aus Erstaunen über die wunderbaren Lichtbüschel nicht auf diesem Vorsatze stehen geblieben. Das war den Mexikanern lieb. Sie strebten danach, heimlich einige Worte miteinander sprechen zu können. Das war nur dann möglich, wenn sie sich vom Feuer entfernten. Darum stand Emilio Cortejo jetzt auf und sagte:

»Wir wollten noch Kaktusfrüchte haben; sie sind aber nicht geholt worden. Gehst du mit, Carlos? Wollen sehen, ob wir welche finden.«

»Natürlich gehe ich mit,« antwortete der Gefragte, indem er sich schnell erhob. »Komm!«

Baumann wollte Einspruch erheben. Er erriet, daß die beiden nur die Absicht verfolgten, sich heimlich zu verständigen. Das wollte er vereiteln. Schon schwebte das Wort auf seinen Lippen; da sah er eine gebieterische Handbewegung des Apachen, welche ihm zu schweigen befahl.

Die Brüder entfernten sich. Kaum hatten die Büsche sich hinter ihnen geschlossen, so sagte Winnetou leise:

»Diese weißen Männer haben keine ehrlichen Augen, und ihre Gedanken trachten nach Bösem; aber Winnetou wird erfahren, was sie wollen.«

Er huschte nach der entgegengesetzten Seite durch die Büsche.

»Traut auch dieser ihnen nicht?« fragte Porter. »Ich wette, daß es ehrliche Leute sind!«

»Du würdest die Wette wahrscheinlich verlieren,« antwortete Ben New-Moon. »Sie haben mir gleich vom ersten Augenblicke an nicht gefallen.«

»Darauf gebe ich nichts. Mißtrauen darf man einem Menschen nur erst dann, wenn man Beweise hat, daß er es verdient.«

»Diese zwei Männer verdienen es,« erklärte der Bärenjäger. »Kein Estanciero schickt seine zwei Oberknechte zugleich fort. Und betrachtet ihre Pferde, Sir! Sehen sie so aus, als ob sie einen Marsch von San Diego aus bis hierher hinter sich hätten. Das sind, wenn ich richtig schätze, wenigstens dreihundert englische Meilen. Pferde, welche eine solche Strecke durch eine fast ganz wilde Gegend zurückgelegt haben, sehen ganz anders aus. Ich vermute sehr, daß diese Tiere gar nicht weit von hier ihr eigentliches, ständiges Unterkommen haben, und möchte tausend Dollar setzen, daß diese beiden Kerls nichts sind als Zubringer für die Geier der Llano estakata.«

»Storm of thunder and Lightning!« rief Porter. »Meint Ihr das wirklich, Sir?«

»Ja, das meine ich.«

»Da wären wir freilich in eine ganz vortreffliche Gesellschaft geraten! Diese Leute sollen uns durch die Llano führen.«

»Davon seht um Gotteswillen ab! Es würde ganz gewiß zu eurem Verderben sein. Glaubt es mir! Ich bin ein alter Bärenfex und habe gelernt, in den Gesichtern der Leute zu lesen.«

»Nun, ein Greenhorn bin ich auch nicht! Ich werde in demselben Alter stehen als Ihr und habe mich seit meiner Bubenzeit stets nur in der Prairie umhergetrieben. Doch ist es ja möglich, daß diese Männer unser Vertrauen nicht verdienen.«

Da ließ sich auch einmal die Stimme Martin Baumanns hören, welcher in Anbetracht seiner Jugend sich schweigsam verhalten hatte:

»Sie verdienen es wirklich nicht, Master Porter. Ich bin bereit, es ihnen ins Gesicht zu sagen.«

»So? Welchen Grund habt denn Ihr, so schlimm von ihnen zu denken, junger Mann?«

»Habt Ihr denn nicht die Blicke bemerkt, welche sie sich zuwarfen, als von dem Stealing-Fox erzählt wurde?«

»Nein. Ich habe auf die Erzählung gehört, aber nicht auf diese Leute gesehen.«

»Man soll im Westen nicht nur hören, sondern auch sehen, denn es ist – – –«

»Good lack!« unterbrach ihn Porter. »Wollt Ihr mir altem Burschen etwa gute Lehren erteilen?«

»Nein, Sir! Ich wollte nur von mir, nicht aber von Euch sagen, daß ich während der Erzählung nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen offen gehabt habe. Da mein Vater mißtrauisch gegen sie war, habe ich sie scharf beobachtet. Das konnte ich leicht und unbemerkt thun, weil sie so einem jungen, unerfahrenen Kerl, wie ich doch bin, nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Ich sah da Bücke, welche sie sich gegenseitig zuwarfen, aus denen zu schließen ist, daß sie den Stealing-Fox wohl kennen.«

»Meint Ihr? Hm! Dieser Fuchs soll sich jetzt hier aufhalten, um Leute in die Llano zu locken; diese Kerls sollen ihn kennen; daraus könnte man sich freilich einen Reim machen, wenn er auch nicht allzu schön klingen würde. Mir scheint, es sind Dinge im Anzuge, welche uns höchst fatal werden können. Die gespenstigen Flammen dort auf den Kaktussen sind mir auch nicht recht geheuer. Ich bin nicht abergläubisch; aber solche Erscheinungen kommen nicht von ungefähr; sie haben stets etwas zu bedeuten.«

»Natürlich haben sie etwas zu bedeuten«, meinte der Bärenjäger lächelnd.

»Was denn aber?«

»Daß die Atmosphäre sich in elektrischer Spannung befindet.«

»Elektrisch? Spannung? Das verstehe ich nicht. Das ist mir zu gelehrt. Ich weiß zwar, daß man sich elektrisieren lassen kann; aber Feuer, Flammen, noch dazu auf Kaktuspflanzen? Wollt Ihr das wirklich der Elektricität in die Schuhe schieben?«

»Allerdings, Master Porter.«

»O, die ist jedenfalls höchst unschuldig daran !«

»Ist der Blitz etwa nicht auch eine feurige Erscheinung!«

»Jedenfalls, und was für eine!«

»Nun, die Ursache des Blitzes ist die Elektricität, wie man wohl nicht zu erklären braucht. Was die Flämmchen betrifft, welche wir vorhin sahen, so werden dieselben sehr oft von den Seeleuten an den Masten, Raaen und Stengen der Schiffe bemerkt; man sieht sie an Kirchturmsspitzen, an den Wipfeln der Bäume, an den Spitzen der Blitzableiter. Man nennt diese Lichtbüschel Sankt Elmsfeuer oder auch Kastor und Pollux. Sie entstehen durch ausströmende Elektricität. Ihr habt doch wohl vom Geiste der Llano estakata gehört?«

»Mehr, als mir lieb ist.«

»Hat man Euch auch erzählt, daß des Nachts die Gestalt dieses geheimnisvollen Wesens zuweilen mit feurigen Flammen erscheint?«

»Ja, aber ich glaube es nicht.«

»Das könnt Ihr getrost glauben. Es ist mir einmal droben in Montana passiert, daß ich mich auf einer weiten Ebene befand, und zwar des Nachts. Es wetterleuchtete rundum, kam aber nicht zum wirklichen Gewitter. Da erschienen plötzlich an den Ohrenspitzen meines Pferdes kleine Flämmchen. Ich hielt die Hände empor, und siehe da, an meinen Fingerspitzen zeigten sich ähnliche Flämmchen, wobei ich ein ganz merkwürdiges Gefühl in denselben hatte. Ganz dasselbe ist es mit dem Avenging-Ghost. Wenn er durch die Llano reitet, so bildet sein Körper den höchsten Punkt derselben. Ist es Nacht und ist dabei eine bedeutende elektrische Spannung vorhanden, so zeigt sich das Sankt Elmsfeuer an seinem Körper.«

»Ihr glaubt also wirklich an die Existenz dieses Geistes der Estakata?«

»Ja.«

»Und haltet ihn für einen Menschen?«

»Für was anderes sonst?«

»Hm! Ich habe viel über ihn gehört, aber mir keine Mühe gegeben, darüber nachzudenken. Nun ich aber gegenwärtig die Llano vor mir habe, möchte ich freilich sehr gern wissen, was ich von ihm zu halten habe. Es ist ja sogar möglich, daß er einem während des Rittes erscheint. Was, hat man da zu thun?«

»Wenn er mir begegnete, würde ich ihm die Hand geben und ihn als einen ganz vortrefflichen Kerl behandeln. Es ist nämlich – – –«

Er wurde unterbrochen. Winnetou kehrte zurück. Er kam eilig, aber ganz geräuschlos, wie eine Schlange, herbeigehuscht, setzte sich auf seinen Platz und nahm da eine so unbefangene Miene an, als ob er denselben gar nicht verlassen habe.

Vorhin, während die Mexikaner langsam durch die Dunkelheit nach den Kaktussen schritten, hatte er, sich auf Händen und Füßen am Boden fortbewegend, sich erst eine kleine Strecke von ihnen entfernt und war dann, sich wieder aufrichtend, in eiligem Laufe nach der Pflanzengruppe gerannt. Infolge der Weichheit seiner Mokkassins und der großen Übung, welche er besaß, waren seine Schritte nicht zu hören gewesen. Er kam noch vor den Mexikanern am Ziele an und versteckte sich so zwischen den hohen Pflanzenkandelabern, daß er nicht gesehen werden konnte. Es war überhaupt so dunkel, daß die beiden gezwungen waren, die Kaktusfeigen mit Hilfe des Tastsinnes zu sammeln. Die Flammenbüschel an den Leuchterarmen waren jetzt verschwunden.

Eben als er sich versteckt hatte, kamen die Brüder herbei. Sie sprachen miteinander, und zwar das reinste Amerikaenglisch. Daraus war zu ersehen, daß sie sich zwar für Mexikaner ausgaben, aber keine waren. Winnetou konnte jedes Wort hören. Jedenfalls hatten sie schon unterwegs miteinander verhandelt, denn was sie sich jetzt noch sagten, war die Fortsetzung eines bereits begonnenen Gespräches.

»Diesem sogenannten ›Bärenjäger‹ werde ich seine Beleidigungen ehrlich bezahlen«, sagte Carlos. »Freilich werden wir schwerere Arbeit haben, als wir erst dachten. Das Erscheinen des Apachen gibt der Sache eine ganz andere Wendung.«

»Leider! Denn der läßt sich durch falsch gesteckte Stangen nicht in die Irre führen.«

»Hast du sein Pferd genau betrachtet?«

»Natürlich. Es ist das schönste, was ich bisher sah. Nur Old Shatterhand soll ein ebensolches haben. Wir müssen es unbedingt bekommen!«

»Das versteht sich ganz von selbst. Aber wie?«

»Das klügste ist, wir lassen die Kerls fest einschlafen und machen sie nachher kalt.«

»Denkst du, daß das möglich ist? Wir werden mit Mißtrauen betrachtet, und sie passen also auf. Ich glaube nicht, daß einer von uns beiden die Wache bekommen wird.«

»Da gebe ich dir freilich recht; sie werden sich hüten. Wollen aber dennoch sehen, ob es zu ermöglichen ist. Vorher läßt sich nichts bestimmen. Gelingt es uns, sie sicher zu machen, so dürfen wir nur mit den Messern arbeiten, still und geräuschlos, gerade nach dem Herzen stoßen.«

»Und wenn dieser Plan nicht auszuführen ist?«

»Das wäre dumm! Denke dir, sieben Pferde, dabei dasjenige des Apachen, dazu sämtliche Waffen und alles Geld! Nur wir beide hätten zu teilen. Das wäre ein Koup! Gelingt er aber nicht, so müssen wir die Kameraden zu Hilfe rufen. Im offenen Kampfe zögen wir beide die böseste Niete. Wir suchen irgend einen Vorwand, uns von ihnen zu trennen. Winnetou reitet mit den beiden Bärenjägern Old Shatterhand entgegen und die Yankees werden sich ihnen anschließen, weil sie in uns ihre Führer verloren haben.«

»Wir reiten voran bis zu unserer Murding-Bowl, wo wir sicher einen unserer Posten finden, der die Kameraden herbeiholt. Dann bekommen wir die Kerls ganz sicher, auch Old Shatterhand und alle, welche bei ihm sind. Jetzt aber dürfen wir uns nicht länger verweilen, sonst wird ihr Mißtrauen größer. Mein Hut ist voller Früchte.«

»Der meinige auch.«

»So komm!«

Sie gingen; aber noch vor ihnen huschte Winnetou fort. Jedes Geräusch vermeidend, schlug er einen Bogen, erreichte glücklich das Feuer, setzte sich, wie bereits erwähnt an demselben nieder, und so war der Gedanke, belauscht worden zu sein, geradezu eine Unmöglichkeit für sie. Sie begannen die Kaktusfeigen zu verteilen. Alle nahmen davon, nur Winnetou nicht. Er wies die Früchte mit den Worten zurück:

»Der Häuptling der Apachen genießt nichts, was von der Pflanze des Sumach kommt.«

»Sumach?« fragte Emilio Cortejo verwundert. »Kennt Winnetou denn die Kaktusfeigen nicht?«

»Er kennt alle Pflanzen und deren Früchte.«

»Und doch verwechselt er den Kaktus mit dem Giftsumach, was doch eigentlich ganz unmöglich ist!«

»Winnetou kennt keine Verwechselung. Er gibt diesen Früchten den Namen des Sumach, weil sie giftig sind.«

»Giftig? Warum sollen sie jetzt plötzlich schädlich sein, was sie vorher doch nicht waren?«

»Weil sie sich in Händen befunden haben, welche Unglück und Tod zu spenden pflegen.«

Er sagte diese Worte, welche eine schwere Beleidigung enthielten, so ruhig, als ob es sich um einen ganz gewöhnlichen Ausspruch handle.

»Ascuas!« rief Carlos Cortejo. »Sollen wir uns das gefallen lassen? Ich verlange, daß diese Worte zurückgenommen werden.«

»Winnetou spricht stets nur solche Worte, welche er vorher genau überlegt hat. Er hat noch nie ein Wort bereut und wird auch jetzt keins zurücknehmen.«

»Aber wir sind beleidigt!«

»Pshaw!«

Der Apache machte bei diesen Worten eine wegwerfende Armbewegung. Es lag in dem Worte ebenso wie in der Bewegung eine so ausgesprochene Sorglosigkeit, ein solcher Ausdruck des Selbstbewußtseins, daß die beiden es für geraten hielten, zu schweigen. Selbst wenn der Häuptling sich ganz allein ihnen gegenüber befunden hätte, wären sie nicht geneigt gewesen, sich in einen offenen Kampf mit ihm einzulassen. Hier nun waren noch andere zugegen, die sich jedenfalls auf die Seite des Apachen stellen würden. Aus diesem Grunde meinte Emilio in beruhigendem Tone zu seinem Bruder:

»Sei still! Wozu Uneinigkeit! Die Worte eines Indianers darf man nicht auf die Goldwage legen.«

»Hast recht. Wollen um des Friedens willen annehmen, als ob sie nicht gesprochen worden seien!«

Winnetou sagte nichts dazu. Er legte sich lang in das Gras, schloß die Augen und gab sich den Anschein, als ob er zu schlafen beabsichtige.

Diese kurze Szene hatte, obgleich sie nun beigelegt zu sein schien, einen beunruhigenden Eindruck auf die anderen gemacht. Wenn Winnetou solche Worte sprach, so hatte er sicherlich Böses von den beiden erlauscht. Was hatten sie vor? Er sagte nichts davon. Das war ein Beweis, daß wenigstens für jetzt nichts Feindseliges von ihnen zu erwarten sei. Das bereits vorhandene Mißtrauen hatte sich aber doch vergrößert, und die ganz natürliche Folge davon war, daß niemand die Neigung zeigte, wieder ein Gespräch anzuknüpfen. Es trat ein Schweigen ein, welches ebenso beredt war, als wenn man sich über den Argwohn ausgesprochen hätte.

Der Bärenjäger und sein Sohn folgten dem Beispiele Winnetous, indem sie sich auch niederlegten, und die anderen thaten dann dasselbe.

Nach kurzer Zeit hatte es infolgedessen den Anschein, als ob alle schliefen. Das war aber keineswegs der Fall. Die beiden Mexikaner wurden durch das, was sie planten, abgehalten zu schlafen, und die anderen Weißen blieben infolge ihres Mißtrauens wach.

So verging wohl über eine halbe Stunde.

Die Männer hätten, selbst wenn unter ihnen die Entfremdung nicht eingetreten wäre, doch nicht zu schlafen vermocht. Die Spannung, in welcher sich die Atmosphäre befand, war fühlbar gewachsen. Es ging ein leises, kaum hörbares Knistern durch die Büsche. Es hatte sich ein sanfter Wind erhoben, welcher nach und nach stärker wurde und die Zweige bewegte, so daß sie sich gegenseitig berührten. Es war, als ob dabei kleine, kaum sichtbare Fünkchen an den höchsten Spitzen der Äste übersprängen.

Und jetzt richteten sich plötzlich alle auf, es war ein Ton erklungen, ein ganz eigenartiger Ton, wie von einer Glocke, welche hoch, hoch über ihnen angeschlagen worden sei. Er hielt wohl eine halbe Minute nach, senkte sich, immer mehr anschwellend, auf die Büsche nieder und war dann über dem Wasser verklungen.

»Was war das?« fragte Ben. »Es gibt doch hier keine Kirchen mit Glocken! Wenn ich nicht wüßte, daß – – –«

Er hielt inne. Ein zweiter Ton erklang höher als der erstere. Es war, als ob er aus einer mächtigen Posaune geblasen werde. Er schwoll langsam an, wieder ab und verhauchte in einem Diminuendo, welches selbst ein Posaunenvirtuos nicht fertig gebracht hätte.

»Das ist Yalteh yuavh-kai, die Stimme des singenden Thales,« erklärte der Häuptling der Apachen.

»Das ist's, also das!« sagte der Bärenjäger. »Horch!«

Es ging wie ein leiser Seufzer durch die Luft. Dieser Seufzer wurde zum bestimmten Tone von außerordentlicher Reinheit. Er hatte die Klangfarbe der achtfüßigen Prinzipalpfeife einer Orgel, hielt eine Weile aus, und dann erklang über ihm ein zweiter, sanfterer Ton, welcher noch aushielt, als der erstere nicht mehr zu hören war.

Diese Schallerscheinung war ganz sonderbarer Art. Es konnte einem dabei grauen, und doch war sie von einer Erhabenheit, welche das Gemüt ergriff. Es war, als ob ein unsichtbarer, riesenhafter Bläser sein Instrument probiere, aber freilich ein Instrument, welches in keiner Orchestrologie verzeichnet ist.

Still lauschten die Männer, ob das Phänomen sich wiederholen werde. Und wirklich, es strich ein fühlbarer Luftzug über und durch das Buschwerk und brachte eine ganze Reihe von Tönen getragen, welche sich schnell folgten und in außerordentlicher Reinheit miteinander harmonierten. Sie waren von verschiedener Zeitdauer. Die tieferen hatten eine größere Länge und bildeten mit den höheren, schneller verklingenden eine Harmoniefolge, welche stets aus denselben Tönen der natürlichen Tonleiter bestand, aber in den verschiedensten Umkehrungen des Dreiklanges, Sept- und Nonakkordes.

Es gab nichts, was man mit diesen Klängen in einen Vergleich stellen konnte. Kein bekanntes Instrument konnte Töne von dieser erhabenen Majestät erzeugen, zu denen sich andere gesellten, welche der zartesten Kehle, den sanftesten Lippen zu entstammen schienen.

Bald klang es im tiefsten Majestoso, wie aus einer sechzehn- oder gar zweiunddreißigfüßigen Orgelpfeife; darüber hinweg schwebte es hoch, mild und klar wie eine Vox humana oder Äoline, und zwischen diesen beiden wechselten in verschiedener Höhe und ergreifendem Ausdrucke die Stimmen des Kornett, der Posaune, der Gambe, des Akkordion ab. Bald klang es offen und hell, bald in leisem Gedeckt, und doch sind alle diese Kunstbezeichnungen nicht im stande, einen Begriff von der Natur, Farbe und Wirkung dieser Töne zu geben, welche das ganze Thal erfüllten und bald, wie zu einem tiefen, schmalen Strome vereint, hoch über demselben hinfluteten.

Die Lauschenden wagten nicht zu sprechen. Selbst die beiden gewissenlosen Mexikaner fühlten sich gepackt. Sie befanden sich unter der mächtigen Domeskuppel des Himmels, welchen die umstehenden, gerade aufragenden Felsen zu tragen schienen. Von einem unsichtbaren Orgelchore erklangen Töne, jetzt wie Donner-, dann wieder wie Engelsstimmen, hier wie der tiefe, grollende Ruf der Brandung, dort wie Sphärentöne in einer besseren und reineren Welt entstanden. Selbst das roheste Gemüt hätte sich eines heiligen Schauderns nicht zu erwehren vermocht.

Und dazu trat jetzt eine andere Erscheinung, welche nicht mit dem Ohre, sondern mit dem Auge wahrgenommen wurde.

Es war, als ob der Himmel höher, entfernter geworden sei. Die wenigen Sterne, welche an demselben standen, schienen kleiner als sonst zu sein.' An diesem Himmel, da wo er südwärts scheinbar auf dem Felsen ruhte, erschien jetzt plötzlich eine hellgelb strahlende Scheibe von der Größe des Vollmondes. Ihr Umfang war zunächst scharf abgegrenzt. Sie bewegte sich, scheinbar langsam und nicht bogenförmig über den Himmel hin, sondern sie schien aus der Sternenwelt hervorzubrechen und in schnurgerader Richtung und immer größer werdender Geschwindigkeit gerade auf das Thal loszukommen.

je weiter sie sich näherte, desto mehr vergrößerte sie sich und desto deutlicher war zu sehen, daß es nicht eine flache Scheibe, sondern eine volle Kugel war.

Die Umrisse derselben verloren ihre Schärfe; es brachen blitzförmige, zuckende Strahlen hervor, und es bildete sich ein Schweif, welcher bei weitem heller und lebhafter als derjenige eines Kometen leuchtete.

Die Kugel selbst war nicht mehr gelb allein. Sie schien aus flüssigem Feuer zu bestehen, dessen bewegte Glut in allen möglichen Farben funkelte und sprühte. Man sah, daß sie sich um ihre eigene Achse bewegte, oder wenigstens gaben die wirbelnden Farben ihr diesen Anschein. Ihre Schnelligkeit nahm wirklich furchterweckend zu. Dann war es, als ob sie einige Augenblicke lang im Fluge innehalte, gerade hoch über der Mitte des Thales. Dann that es einen Krach, als würden mehrere Kanonen zu gleicher Zeit losgeschossen; die Kugel zerplatzte in unzähliche Stücke, welche im Niederfall ihr Licht verloren; der Schweif war noch einige Sekunden lang zu sehen; in dem kleinen Weiher that es einen Schlag, und das Wasser desselben spritzte hoch auf, als ob etwas Schweres aus mehr als Turmeshöhe hineingeworfen worden sei. Die Männer wurden mit Wasser überspritzt.

Nun war das Firmament wieder dunkel wie vorher; man sah die Sterne wieder wie verschwindend kleine Punkte, doch ein voller, gewaltiger Ton, welcher aus mehreren übereinanderliegenden Oktaven bestand, brauste unisono über die Köpfe der erschrockenen Männer hin.

Nur Winnetou hatte auch jetzt seine gewohnte Ruhe beibehalten; es gab eben kein Ereignis, welches ihm dieselbe rauben konnte.

»Ku-begay, die Feuerkugel,« sagte er. »Der große Manitou hat sie vom Himmel geworfen und auf die Erde geschmettert.«

»Eine Feuerkugel?« fragte Blount. »Ja, es sah wie eine Kugel aus. Aber habt Ihr den Schwanz gesehen? Es war ein Drache; es war der Teufel, der böse Geist, welcher um Mitternacht sein Wesen treibt.«

»Pshaw!« antwortete der Apache, indem er sich von dem abergläubischen Manne abwandte.

»Ja, das war der Drache!« stimmte Porter seinem Gefährten bei. »Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich hörte andere von ihm erzählen. Meine Großmutter hat ihn in die Feueresse des Nachbars fahren sehen, welcher den Teufel hatte und ihm für Geld seine Seele verschrieb.«

»Laßt Euch nicht auslachen, Sir!« sagte der Bärenjäger. »Wir leben doch nicht mehr im dunklen Mittelalter, in welchem man noch an Drachen und Gespenster glaubte, oder in welchem vielmehr den Dummen dieser Glaube beigebracht wurde, damit die Klugen ihre Ernte dabei fänden.«

»Was es damals gegeben hat, gibt es auch jetzt noch! Oder wollt Ihr klüger sein als ich?« fragte Porter scharf.

»Pah! Ich bilde mir auf meine Klugheit gar nichts ein. Früher hielt man alle die Erscheinungen, welche man sich nicht zu erklären vermochte, für Teufelswerk. Jetzt aber ist, gottlob, die Wissenschaft so weit vorgeschritten, daß sie des Beelzebubs und seiner berühmten Großmutter sehr wohl entbehren kann.«

»Ach so! Ihr gehört wohl auch zu diesen Aufgeklärten und sogenannten Gelehrten?«

»Ich bin nicht gelehrt; aber daß eine Feuerkugel kein Teufel ist, das weiß ich doch.«

»Nun, was ist sie denn sonst?«

»Nichts als ein kleiner, brennender, entweder im Entstehen oder im Vergehen begriffener Himmelskörper, welcher auf seiner Bahn der Erde so nahe gekommen ist, daß er von derselben angezogen und auf sie herabgerissen wird.«

»Ein Himmelskörper? Also ein Stern?«

»Ja.«

»Welcher Dummkopf hat Euch das denn weiß gemacht?«

»Einer, dem das Wort Dummkopf in das Gesicht zu werfen Ihr wohl nicht wagen würdet, nämlich Old Shatterhand.«

»Der? Ist das wahr?«

»Jawohl! Wenn wir des Abends am Lagerfeuer saßen, haben wir uns sehr oft über solche scheinbar unerklärliche Dinge und Erscheinungen unterhalten, und er hat für alles eine ganz natürliche Erläuterung gehabt. Wenn Ihr klüger sein wollt, als dieser Mann, so habe ich nichts dagegen. Habt Ihr denn nicht gehört, daß hier etwas in das Wasser gefallen ist?«

»Gehört, gesehen und auch gefühlt. Wir sind ja alle naß geworden.«

»So ist also, wenn Eure Ansicht richtig wäre, der Teufel hier in den Teich gestürzt, und da wir vergessen haben, ihn herauszuziehen, so ist er jedenfalls ertrunken.«

»Der ersäuft natürlich nicht. Er ist gleich hinunter in die Hölle gefahren.«

»So kann er sich dort am Feuer trocknen, nachdem er hier naß geworden ist, damit er sich nicht gar erkältet und einen Schnupfen bekommt. Könnten wir das Wasser entfernen, so würden wir ein Loch im Boden sehen, in welchem der Ärolith steckt, ein Stück des Meteorsteines, aus welchem die Feuerkugel bestanden hat.«

»Ein Stein? Hm! Der hätte uns ja erschlagen können!«

»Allerdings. Es ist ein Glück für uns, daß er ins Wasser fiel.«

»Ich will nicht mit Euch streiten; aber hat Euch Old Shatterhand vielleicht auch die Töne erklärt, welche wir vorhin hörten?«

»Vom Yuavh-kai haben wir nicht gesprochen; aber ich entsinne mich jetzt, daß er von dem bekannten Sackbut-Paß gesprochen hat, welcher droben in den Rattlesnake-Bergen liegt. Wenn der Wind in gerader Richtung durch die so enge, tief eingeschnittene Schlucht bläst, so sind Töne zu hören, welche wie von einer Posaune klingen. Der Hohlweg ist das Instrument und der Wind der Musikant.«

»Windig genug klingt diese Erklärung freilich; aber ich will auch da nicht mit Euch streiten. Glaubt ihr, was Ihr wollt, und ich denke auch, was mir beliebt.«

»Der Bärenjäger hat recht,« sagte Winnetou. »Es gibt viele Thäler, in denen solche Töne klingen, und der Häuptling der Apachen hat auch schon Steine gesehen, welche der Große Geist vom Himmel geworfen hat. Der gute Manitou hat jedem Sterne seine Bahn gegeben, und wenn die Feuerkugel die ihrige verläßt, so muß sie zerschellen. Ich werde versuchen, die Spur des Steines im Wasser zu entdecken.«

Er hatte das mit eigentümlich erhobener Stimme gesprochen. Dann entfernte er sich, indem er am Wasser hinschritt und dann im Dunkel der Nacht verschwand.

Die anderen setzten sich wieder nieder und warteten auf seine Rückkehr. Keiner sprach ein Wort. Nur Martin Baumann flüsterte seinem Vater leise zu:

»Was hat Winnetou? Er sprach so eigentümlich laut, als ob noch jemand außer uns seine Worte hören solle. Daß er nach dem Steine suchen will, war jedenfalls nur eine Finte.«

»Natürlich!« antwortete der Bärenjäger. »Ich wette, es befindet sich irgendwer, der uns belauscht, hier in der Nähe. Wie ich den Apatschen kenne, hat er ihn bemerkt und ist gegangen, sich an ihn zu schleichen und ihn festzunehmen. Warten wir es ab!«

Sie hatten nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Minuten entstand ganz nahe hinter ihnen in den Büschen ein Geräusch, als ob ein Tier durch die Sträucher breche; ein kurzer, ängstlicher Ruf folgte, und dann ertönte die Stimme Winnetous:

»Der Bärenjäger mag hierher kommen. Ein Kundschafter hat uns belauscht.«

Baumann verschwand, dem Rufe schnell folgend, in den Büschen, und wenige Augenblicke später brachten die beiden einen dritten herausgezogen, welcher an seiner Kleidung sogleich als Indianer erkannt wurde.

Welch ein Blick gehörte dazu, in dunkler Nacht einen im Buschwerke verborgenen Lauscher zu entdecken! Und nur einem Manne wie Winnetou konnte es gelingen, ihn zu beschleichen und auch so zu fassen, daß ein Widerstand unmöglich war.

Die drei Personen wurden von den anderen umringt. Der Gefangene war nur mit einem Messer bewaffnet gewesen, welches Winnetou ihm entrissen hatte. Seine Gestalt war klein und schmächtig, sein Gesicht konnte wegen der Dunkelheit nicht deutlich erkannt werden.

Winnetous Augen aber waren an die Nacht gewöhnt; er sah, wen er vor sich hatte.

»Warum. ist mein junger roter Bruder nicht offen zu uns gekommen?« fragte er. »Wir hätten ihn freundlich empfangen.«

Der Gefangene antwortete nicht. Darum fuhr der Apache fort:

»Mein Bruder ist also selbst schuld daran, daß er gefangen genommen worden ist. Aber es soll ihm nichts geschehen. Hier gebe ich ihm sein Messer wieder; er mag zu den Seinigen zurückkehren und ihnen sagen, daß sie uns willkommen sind und bei uns ruhen können.«

»Uff!« rief der Gefangene erstaunt, indem er sein Messer zurücknahm. »Woher weißt du, daß unsere Krieger sich in der Nähe befinden?«

»Winnetou müßte ein kleiner Knabe sein, wenn er sich das nicht sagte.«

»Winnetou, der Häuptling der Apachen!« klang es im Tone höchster Verwunderung. »Und du gibst mir mein Messer zurück? Hältst du mich für einen Apachen?«

»Nein. Mein junger Bruder trägt nicht die Farben des Krieges; aber dennoch vermute ich, daß er ein Sohn der Komantschen ist. Haben deine Krieger den Tomahawk gegen die Apachen ausgegraben?«

»Nein. Die Spitzen der Kriegspfeile sind in die Erde gesteckt; aber es herrscht keine Liebe zwischen euch und uns.«

»Winnetou liebt alle Menschen, ohne nach ihren Namen und ihrer Farbe zu fragen. Er ist bereit, hier ein Feuer anzuzünden und die Pfeife des Friedens mit euch zu rauchen. Er fragt nicht, weshalb deine Brüder in das ›Singende Thal‹ gekommen sind. Sie wissen, daß jeder, welcher dasselbe betritt, hier an diesem Wasser lagert. Darum sind sie abwärts von hier halten geblieben und haben dich ausgesandt, um nachzuforschen, ob sich jemand hier befindet. Ist es so?«

»Ja,« bestätigte der Komantsche.

»Wenn du wieder einmal unter den Büschen liegst, um fremde Krieger zu erkunden, so laß die Lider auf den Augen liegen, denn deine Augen waren es, welche dich mir verraten haben! Wie groß ist die Zahl deiner Brüder?«

»Zweimal zehn.«

»So gehe zu ihnen und sage ihnen, daß Winnetou und acht Bleichgesichter sie erwarten und als Freunde behandeln werden, auch ohne daß sie wissen, in welcher Absicht ihr gekommen seid. Daß ich dich ergriffen habe, kannst du ihnen verschweigen; ich werde es nicht erwähnen.«

»Die Güte des großen Häuptlings erfreut mein Herz. Ich werde nichts verschweigen, sondern die Wahrheit sagen, damit meine Brüder überzeugt seien, daß sie freundlich von euch empfangen werden. Von dem Auge Winnetous entdeckt zu werden, ist keine Schande, aber ich werde des Rates gedenken, den er mir gegeben hat.«

Der ihn umgebende Kreis öffnete sich, und er eilte davon.

Die Weißen, und zwar besonders die beiden Mexikaner waren der Ansicht, daß es doch gewagt sei, einer Schar von zwanzig Komantschen so ohne weiteres die Annäherung zu gestatten. Der Apache aber erklärte in sehr entschiedenem Tone:

»Winnetou weiß stets, was er thut. Wenn die Krieger der Komantschen nach dem ›Singenden Thale‹ reiten, so kann ihr Ritt nicht einem Kampfe gegen die Apachen gelten. Jenseits dieses Thales liegt das hohe Grab eines ihrer größten Häuptlinge. Sie werden dasselbe besuchen wollen, um den jährlichen Totengesang dort anzustimmen. Wir aber werden ein Feuer anzünden, damit wir ihre Gesichter deutlich sehen. Um ganz sicher zu sein, empfangen wir sie nicht hier, sondern draußen vor dem Gebüsch.«

Das Feuer wurde von neuem angebrannt. Während dies geschah, zog Winnetou den Bärenjäger und dessen Sohn hinaus vor die Sträucher und sagte ihnen leise:

»Die beiden Bleichgesichter sind nicht das, für was sie sich ausgeben. Sie sprechen die Sprache der Yankees und wollen uns hier ermorden. Sie gehören zu den Geiern der Llano estakata. Winnetou vermutet, daß die Komantschen nach der Llano wollen. Die beiden dürfen das nicht wissen. Darum hat er ihnen gesagt, daß jenseits dieses Thales ein Grab sei, was aber nicht wahr ist.«

Er konnte nicht weiter sprechen, weil jetzt auch die anderen kamen, welche ein so großes Feuer angefacht hatten, daß der Schein desselben selbst durch und über die Büsche drang und das vor demselben liegende Terrain zur Genüge erleuchtete. Natürlich hatten sie ihre Waffen bei sich, um sich ihrer zu bedienen, wenn die Komantschen je, den Erwartungen Winnetous entgegen, sich nicht friedlich verhalten sollten.

Bald vernahm man den Hufschlag von Pferden. Die Erwarteten nahten sich. Sie blieben in kurzer Entfernung halten. Ihr Anführer stieg vom Pferde und kam langsam herbeigeschritten. Winnetou ging ihm entgegen und bot ihm die Hand.

»Die Krieger der Komantschen sind uns willkommen,« sagte er. »Winnetou fragt nicht, was sie hier wollen; er weiß, daß sie das Grab ihres Häuptlings besuchen werden, um dann friedlich nach ihren Wigwams zurückzukehren.«

Das hatte er laut gesagt, leise aber fügte er schnell hinzu:

»Mein Bruder mag das bestätigen. Ich spreche dann mit ihm heimlich!«

Infolgedessen antwortete der Komantsche laut:

»Meine Hand drückt mit Freuden diejenige Winnetous, weicher der größte Krieger der Apachen und doch stets ein Häuptling des Friedens ist. Wir sind bereit, das Kalummet mit ihm zu rauchen, denn wir befinden uns nicht auf dem Pfade des Krieges und wollen nur die Medizin des toten Häuptlings verehren.«

»Winnetou glaubt dieser Versicherung seines Bruders und ladet ihn und seine Krieger ein, mit zum Feuer der Friedenspfeife zu kommen.«

Die beiden Häuptlinge hatten sich die Hände gedrückt. Das genügte einstweilen als Beweis, daß die Komantschen nichts Böses beabsichtigten. Ihr Anführer ließ sich von Winnetou zum Feuer führen, und seine Leute folgten nach.

Sie verteilten sich zunächst rings auf dem Grasrande des kleinen Weihers, um ihre Pferde da anzupflocken, daß sie weiden und trinken konnten; dann traten auch sie einzeln zum Feuer.

An demselben ging es nun ziemlich eng zu, da der zwischen den Büschen und dem Wasser liegende freie Saum nicht breit war. Man mußte sich Schulter an Schulter niedersetzen, um einen Kreis zu bilden, innerhalb dessen Winnetou und der Anführer der Komantschen Platz nahmen.

Einer der letzteren hatte sich länger als die anderen mit seinem Pferde beschäftigen müssen; er kam nun auch herbei. Bevor er sich niedersetzte, blickte er im Kreise umher. Als sein Blick die Brüder Cortejo traf, was aber von ihnen nicht bemerkt wurde, zuckte es blitzartig über sein dunkles Gesicht, und er rief:

»Uff ! Aletehlkua ekkvan mava – welche Hunde sitzen da!«

Da der Kreis noch nicht geordnet und jeder noch mit seinem Sitze beschäftigt war, so wurde dieser Ausruf nicht von allen gehört. Der Anführer der Komantschen aber hatte ihn vernommen. Er richtete sich rasch auf und fragte den Mann:

»Hang tuhschtaha-nai – wen siehst du?«

»He-ehlbak, enko-ola uah-tuhvua – sie, die Geier der Llano estakata.«

»He-ehlbak hetetscha enuka – wo sind sie?«

»Mava he-ehlbak kenklah – dort sitzen sie!«

Bei diesen Worten deutete er auf die beiden angeblichen Mexikaner.

Da diese Fragen und Antworten laut und im Tone zorniger Betroffenheit ausgesprochen worden waren, so hatten sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden erregt. Bei den Worten, »enko-ola uah-tuhvua – die Geier der Llano estakata« waren die Komanschen alle wieder aufgesprungen. Sie griffen drohend nach ihren Messern. Die Scene sah gar nicht mehr so friedlich aus wie vorher.

Die Weißen hatten die Worte nicht verstanden, da sie weder des Komantsche- noch des Tonkawah- oder Moquidialektes mächtig waren; da sie aber die drohenden Mienen der Roten sahen, erhoben auch sie sich und griffen zu ihren Waffen.

Nur Winnetou blieb ruhig sitzen. Er sagte in gebietendem Tone:

»Meine Brüder mögen sich nicht erregen. Sehen die roten Männer zwei ihrer Feinde unter uns, so versichere ich, daß wir mit diesen Männern nichts zu schaffen haben. Es soll wegen derselben kein einziger Tropfen Blutes unter uns vergossen werden. Was hat der Krieger der Komantschen gegen sie vorzubringen?«

Er sprach in dem in jener Gegend gebräuchlichen Jargon, welcher aus Spanisch, Englisch und Indianisch zusammengesetzt ist. Der gefragte Komantsche antwortete in derselben Mundart, welche alle verstanden:

»Ich jagte droben am Wasser Tovi-tschuna, welches die Weißen den Fliegenfluß nennen, und sah die Fährte zweier Reiter, welcher ich folgte. Ich sah sie dann unter den Bäumen sitzen und kroch zu ihnen heran, um ihre Worte zu hören. Sie sprachen von der Llano estakata, durch welche in einigen Tagen ein großer Zug weißer Männer kommen werde. Die Geier der Llano wollen sich versammeln, um diesen Zug zu überfallen. Ich hörte aus den Worten der beiden Männer, daß sie zu den Geiern gehören, und fragte meine Seele, ob ich sie töten solle. Die Klugheit gebot mir, sie leben zu lassen, denn nur dadurch war es möglich, zu – –«

Er wollte etwas sagen, wovon Winnetou nicht wünschte, daß die Mexikaner es hören möchten. Darum fiel er dem Sprechenden schnell in die Rede:

»Ich weiß, was mein Bruder weiter sagen will, und habe genug gehört. Hast du die Männer jetzt so genau erkannt, daß kein Irrtum möglich ist?«

»Sie sind es!«

»Was sagen die beiden Bleichgesichter zu dieser Anschuldigung?«

»Daß sie eine ganz dumme Lüge ist,« antwortete Carlos Cortejo. »Wir sind gar nicht am Fliegenflusse gewesen.«

»Sie sind es!« rief der Anführer der Komantschen, »denn wir haben – – –«

»Mein Bruder mag mich sprechen lassen,« unterbrach ihn Winnetou eifrig, um ihn nichts sagen zu lassen, was die beiden nicht erfahren sollten.

Der Komantsche aber ärgerte sich über die Unterbrechung, welche ganz gegen die indianische Rücksicht und Höflichkeit verstieß. Er war nicht klug genug, den Grund derselben zu erkennen, und rief zornig:

»Warum soll ich nicht sprechen? Wer Mörder bei sich hat, ist selbst ein Mörder! Hat der Häuptling der Apachen uns herbeigelockt, um Verrat an uns zu üben?«

. Da legte Winnetou alle seine Waffen von sich, stand auf und sagte:

»Hat mein Bruder jemals gehört, daß Winnetou ein Verräter sei? Das Wort des Apachen ist wie der Fels, auf dem man sicher wohnt. Mein Bruder mag mich begleiten und seine Waffen behalten. Howgh!«

Er verließ den Kreis und schritt langsam durch die Büsche hinaus ins Freie. Der Komantsche besann sich einen Augenblick und folgte ihm sodann, gab aber vorher seinen Leuten einen Wink, welcher sie bedeutete, scharf acht auf die Mexikaner zu haben. Draußen nahm Winnetou ihn beim Arm, führte ihn eine kurze Strecke fort, blieb dann stehen und sagte:

»Mein Bruder hat mich nicht verstanden. Winnetou lagerte bereits hier, als die Weißen kamen. Er beobachtete sie und erfuhr, daß die beiden Männer Geier der Llano sind. Er stimmt also den Kriegern der Komantschen bei. Aber warum sollen diese giftigen Schlangen erfahren, daß sie durchschaut worden sind? Dann müßten wir sie töten, und es ist doch klüger, wenn wir sie einstweilen noch leben lassen! Sie mögen glauben, daß die Komantschen zum Grabe ihres Häuptlings wollen. Mir aber mag mein Bruder sagen, warum er ihnen gefolgt ist.«

Der Komantsche fühlte sich beschämt. Er antwortete:

»Feuerstern, der Häuptling der Komantschen, ritt mit Eisenherz, seinem Sohne, nach Osten zu den Wohnungen der Weißen. Sie kehren durch die Llano zurück und werden sich jetzt in derselben befinden. Sie müssen wohl auf den Zug der Weißen stoßen und also von den Geiern angefallen werden. Darum machten wir uns schnell auf, ihnen entgegenzureiten und sie zu beschützen. Wir konnten nicht wissen, wo die Geier sich versammeln. Damm ließen wir die beiden Bleichgesichter, welche zu ihnen gehören, leben, um durch ihre Fährte zu den Geiern geführt zu werden. Am Toyahflusse vereinigte sich ihre Spur mit derjenigen von vier anderen Weißen, welche wir auch für Geier halten mußten. Jetzt treffen wir auf dich. Was gedenkst du zu thun?«

»Ich werde mit euch reiten, denn auch ich erwarte Freunde, welche durch die Llano kommen und von dem Streiche nichts wissen, welchen die Geier beabsichtigen. Diese letzteren haben ihr Lager in der Murdingbowl. Da ich aber nicht weiß, wo dieser Ort sich befindet, so werde ich die beiden Mexikaner entkommen lassen, damit sie, ohne es zu wissen, meine Führer seien.«

»Wer sind die Männer, welche du erwartest?«

»Old Shatterhand und noch einige Bleichgesichter, welche mit mir zusammentreffen wollen.«

»Old Shatterhand, der berühmte Krieger der Weißen? Wenn du erlaubst, werden wir mit dir reiten.«

»Winnetou erlaubt es nicht nur, sondern er bittet dich sogar darum. Es scheint, daß die stets zerstreute Schar der Geier sich dieses Mal zu einem großen Unternehmen versammelt. Dies muß man benutzen, um sie mit einem einzigen Schlage zu vernichten. Ich denke – – –«

Er hielt inne, denn innerhalb der Büsche erhob sich ein lautes Schreien und Rufen; einige Schüsse krachten, und eiliger Hufschlag war jenseits des Lagerplatzes zu hören.

Die beiden sprangen nach dem letzteren hin. Durch die Büsche dringend, erblickten sie eine überaus belebte Szene. Die Komantschen waren zu ihren Pferden geeilt und standen im Begriff, in höchster Eile fortzureiten. Die Mexikaner waren nicht zu sehen. Ben, Porter, Blount und Falser standen da, als ob sie nicht wüßten, was sie unternehmen sollten. Der Bärenjäger aber war mit seinem Sohne ruhig am Feuer sitzen geblieben und rief Winnetou zu:

»Die Kerls sind fort!«

»Wie war das möglich?« fragte der Apache.

»Sie sprangen so plötzlich fort und auf ihre Pferde, daß sie durch die Büsche waren, ehe man nur nach dem Gewehr langen konnte, um sie niederzuschießen.«

»Das ist recht! Laßt sie fort! Sie reiten in ihr eigenes Verderben und in dasjenige ihrer Genossen. Die Söhne der Komantschen mögen von den Pferden steigen und hier bleiben. Aber beim Tagesgrauen werden sie das ›Singende Thal‹ verlassen, um Jagd zu machen auf die menschlichen Raubtiere der Llano estakata!«

Diese Worte waren so laut gesprochen, daß sie von allen gehört wurden. Doch stiegen die Komantschen erst dann wieder von ihren Pferden, als der Befehl des Apachen von ihrem Anführer wiederholt worden war, welcher ihnen erklärte, weshalb es geraten sei, die Flüchtigen einstweilen entkommen zu lassen. – – –

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