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Gutenberg > Carl Sternheim >

Der Snob

Carl Sternheim: Der Snob - Kapitel 3
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authorCarl Sternheim
booktitleDie Hose. Der Snob. Zwei Stücke
titleDer Snob
publisherFischer Bücherei GmbH
year1970
firstpub1914
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Der zweite Aufzug

Salon bei Christian Maske

Erster Auftritt

Graf Er muß nach Worten des Dieners sofort zurück sein.

Marianne Wir kamen zehn Minuten vor der festgesetzten Zeit. – Da ist der Corot.

Graf Der den Vorwand für unseren Besuch gibt.

Marianne Ein schönes Bild. Glück, mit solchen Dingen leben zu dürfen.

Graf Es kann dir werden.

Marianne Als seine Frau? Ist es Ernst, Vater?

Graf Ernst, Marianne. Beschäftigt uns beide nicht seit Wochen der Gedanke, ohne daß wir ihn erörtern? Des Mannes Auftreten ward letzthin so dringend ...

Marianne Liebt er mich?

Graf Wollen wir nicht anders fragen? Nähmst du ihn auch, besäße er seine Reichtümer nicht, die uns aus einer Reihe schwieriger Umstände retten?

Marianne Auf diese Frage kann ich nicht antworten. Als du ihn die ersten Male brachtest, wußte ich kaum, wer er war; nichts von seiner Situation. Mein Gefühl entschied frei. Ich empfinde, wie jedes Ding, auf das er seinen Willen wirft, sich mit dem Glück, aus dem heraus man sich einer Naturkraft beugt, schließlich hingeben muß.

Graf Tiens!

Marianne Ja, Väterchen, hier liegt Entscheidung für Marianne.

Graf Ich hatte vorausgesetzt, du würdest Widerstände in dir zu besiegen haben.

Marianne Sie sind noch sämtlich unbesiegt. Wir kamen uns nicht nah, unser Gespräch verließ die Konvention niemals, doch fühlte ich, trat er zu mir, und meine Person richtete sich angegriffen hoch, wie er, just er, mich völlig niederwerfen konnte.

Graf Mich juckt's mit ihm.

Marianne Warum? Ist dir ein Zug von ihm bekannt, der nicht korrekt war?

Graf Nein.

Marianne Lebt er nach unseren Gesetzen?

Graf Durchaus. Doch gerade dagegen sträubt sich letzten Endes mein Sinn. Ich beobachte ihn seit zwei Jahren, und was mich anfangs rührte, entsetzt mich jetzt beinah. Folgt wirklich dieser Bürgerliche seiner Natur, lebt er unser Leben, wodurch unterscheiden wir uns von ihm? Du weißt, ich halte Adel für ein Produkt der Züchtung im Hinblick auf Werte, die ihr Wesen in der Zeit haben, also nicht in einer Generation zu erringen sind. Wie der Herzog von Devonshire, von einem Heraufkömmling um die Pracht der Rasenflächen in seinen Gärten beneidet, und wegen der Pflege um Rat gefragt, zur Antwort gab, man müsse, um solche zu erhalten, nichts tun, als den Rasen frühmorgens ein paar Jahrhunderte lang tüchtig bürsten. Voilà. Ich habe in meinem Leben Sonderliches zustande zu bringen nie versucht, war nur ein Adliger mit Bewußtsein angeborener Besonderheiten. Offenbart dieser Mann, es bedarf keiner Vorfahren, gewisse unschätzbare Güter zu besitzen, bin ich in meiner Bedeutung vor mir selbst geleugnet.

Marianne Kann von einem außerordentlichen Verstand Summe des uns Eigentümlichen nicht erfaßt, mit Eindringlichkeit der Arbeit an sich selbst langsame Veredelung durch Generationen nicht eingeholt werden?

Graf Besitz, welcher Art er auch sei, wird ersessen. Fehlt ihm dieses Merkmal, ist er erborgt, und es kommt der Augenblick, wo ungünstige Beleuchtung, irgendein Mißgeschick die Vorspiegelung aufdeckt. Den Moment erwarte ich bei diesem Mann.

Marianne Mithin stehst auch du in sein Leben verstrickt.

Graf Doch nicht, um mich von ihm besiegen zu lassen, sondern um an ihm die klaffende Wunde zu entdecken, die ihn hinwirft. Ja, selbst, um sie ihm bei Gelegenheit beizubringen.

Marianne So könnte es das Schicksal fügen, ich stünde gegen dich.

Graf Das verhüte Gott!

Marianne Verhüte du's. Von diesem Mann empfange ich die erste volle Empfindung meines Lebens. Noch schwärmt sie ungeklärt, und mit Glück ist Abwehr gemischt. Ein seliges Geheimnis, das sich natürlich entdecken, doch nicht führen lassen will.

Graf Entlarvt er sich aber vor unseren Augen selbst?

Marianne Er wird uns im Gegenteil immer undurchdringlicher und überraschender kommen. Die wenigen Zeichen, die ich von seiner Person habe, geben mir Gewißheit, er ist außerordentlich und steht über unserer Voraussicht.

Graf Marianne!

Marianne So glaube, so fühle ich, Vater. Aber was auch kommen mag, du hast mich eine herrliche Jugend leben lassen. Fünfundzwanzig glückliche Jahre habe ich durch deine Güte gehabt.

Graf Ich war zu nachgiebig.

Marianne Und wirst es ferner sein.

Graf Nur bis an die Grenze des Möglichen.

Marianne eindringlich Liebe steckt die Grenzen weit.

Zweiter Auftritt

Christian im Reitanzug tritt schnell auf Gnädigste Komtesse. Graf. Wenigstens kann ich zu meiner Entschuldigung sagen, der Kolonialminister hielt mich auf, wollte meinen Rat.

Graf Er ist des Lobes voll von Ihnen, will Sie nächstens unserer allergnädigsten Majestät präsentieren.

Christian Zur Entscheidung seiner Frage hätte es Genies bedurft, das ich nicht besitze. Die ungeheure Verantwortung bricht in Dingen, die das Wohl des Staates angehen, die Kraft jeder Meinung, die ihr Bewußtsein nicht in Gott hat.

Graf Magnifique! Was ritten Sie heute ?

Christian Einen Chamantsproß aus der Miß Gorse. – Gefällt Ihnen das Bild, Komtesse?

Marianne Ich habe in solchen Dingen nicht Urteil genug. Doch ergreift es mich.

Christian Es ist kein Meisterwerk Corots; Valeurs und Tonalität aber eigenartig.

Graf Können Sie so etwas bestimmen?

Christian In meinem Leben sah ich zwei- bis dreihundert Bilder des Malers.

Graf Wo nehmen Sie die Zeit her?

Christian Ich nehme sie kaum. Nicht viel mehr als ein Blitz kam von der ersten Leinwand zu mir. Doch zündete er, und ich war für den Rest lebendig. Zu Marianne So geht es mit allen Dingen.

Graf Wir müssen fort. Zu Marianne Für halb zwölf hast du dich zu Friesens angesagt.

Christian zum Grafen Begleiten Sie die Komtesse oder darf ich Sie um ein paar Minuten bitten?

Graf zu Marianne Brauchst du mich?

Marianne Bleib.

Christian zu Marianne Ich bringe Sie zum Wagen.

Marianne und Christian exeunt

Dritter Auftritt

Graf nimmt von einem Tisch ein Buch Gothaer Almanach. Gräfliches Taschenbuch. Er hat sich unterrichtet.

Er blättert und liest

Palen. Westfälischer Uradel, der mit Rütger Palen 1220 urkundlich zuerst erscheint. Augustus Aloysius mit Elisabeth Gräfin von Fürstenbusch, gestorben auf Ernegg sechzehnten Juli 1901. Meine gute Lisbeth. Kinder: Friedrich Mathias, unseres Geschlechtes letzter Sproß, und Marianne Josefa, die nun einen Herrn Maske heiratet.

Vierter Auftritt

Christian tritt auf Die Komtesse hofft vorbeifahrend Sie gegen zwölf Uhr abholen zu können. Graf Augustus von Palen, ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter Marianne.

Graf Da Sie den Antrag so bündig stellen, haben Sie ihn nach jeder Richtung hin reiflich erwogen.

Christian So reiflich, Graf, wie Sie mit Ihrer Tochter die Antwort.

Graf Nicht doch. Ich kenne die Entscheidung der Komtesse nicht unbedingt.

Christian Wie lautet sie bedingt? Verzeihung, erst Ihre eigene Meinung.

Graf Ich selbst bin gegen die Verbindung. Doch wird meine Ansicht nur gehört und bleibt ohne entscheidenden Einfluß. Haben Sie mit meiner Zustimmung gerechnet?

Christian Ich fühlte Ihre starken Widerstände.

Graf Sie bewundernd, mußte ich mich doch fortgesetzt stärker zu Ihnen distanzieren. Die Komtesse dagegen scheint, der Wahrheit die Ehre, einigermaßen von Ihnen emballiert.

Christian Soll ich meine äußeren Umstände näher auseinandersetzen?

Graf Ich kenne Ihre Laufbahn aus eigener Anschauung, alle überraschenden Erfolge finanzieller und gesellschaftlicher Art. Von Ihrer Zukunft bin ich überzeugt.

Christian Gab mein Charakter Grund zu Bedenken?

Graf Er gab keine Angriffsfläche.

Christian Darf ich fragen?

Graf Ganz offen: Standesvorurteile.

Christian Danke. Das muß sein. Eben diese innerliche Abgeschlossenheit ist eine Eigenschaft Ihrer Kreise, die ich verehre. Nur gegen meine Person gerichtet, hätte es mich stärker berührt.

Graf Aber Sie können nicht Verehrer eines Prinzips und zugleich Angreifer desselben sein.

Christian Ich liebe Ihre Tochter.

Graf Sie heirateten sie auch, wäre sie nicht Gräfin Palen?

Christian Das weiß ich nicht; sie ist als Reiz unteilbar.

Graf Mit der Voraussetzung, die Komtesse nähme Ihren Antrag an.

Christian macht eine unwillkürliche Bewegung, die seine Erschütterung verrät.

Graf Bis eben meinte ich, Sie zu kennen. Jetzt, da die Möglichkeit auftaucht, Sie uns näher attachiert zu finden, sehe ich, wie fremd Sie noch blieben.

Christian Man hat unsereinem gegenüber nicht die Mittel, sich aus einem Buch über den Stall, aus dem er kommt, zu belehren. Tappt gegen dunkle Sache.

Graf Wirklich läßt, mit geringen Ausnahmen, der bürgerliche Name seinen Träger anonym. Unaufgezeichnet ist er ungemerkt und in seinen Handlungen unbeaufsichtigt. Wir, die in dieses Buch verzeichnet sind, handeln unter den Augen unserer Sippen das Leben ab, und Verzicht auf Wollüste eines freien Lebens in namenloser Masse gibt uns ein Recht, unsere Verdienste bemerkt und belohnt zu sehen.

Christian Ohne Frage. Doch müßte dem Mann, der den nicht zu beugenden Willen hat, die Konsequenzen solcher Anschauungen zu tragen, Eintritt in die Gemeinschaft frei sein.

Graf Unbeugsamkeit beweist erst die Zeit an Geschlechtern.

Christian Die Disposition ist auch aus bürgerlichen Vorfahren zu erkennen.

Graf Ihre Eltern, Voreltern?

Christian Beamte. Durch das Bewußtsein, dem Staat zu dienen, vorbereitet. Kleine Beamte nur – mein Vater ...

Graf Die schlichte Abstammung offenbart persönliches Verdienst um so bedeutender, wie uns der allerhöchste Herr erst kürzlich wieder belehrte. Der Fall unseres Postministers, der aus ähnlichem Milieu wie Sie stammt, ist der einleuchtendste.

Christian laut lachend Überhaupt beginnt das ärmlich, aber reinlich gekleidete Elternpaar allenthalben aufzukommen.

Graf In der Tat. Wir kennen nun unsere Ansichten. Entscheidung hängt von uns nicht ab – warten wir. Ich muß aber noch hinzufügen: meine Tochter bringt keine Mitgift in die Ehe. Sie wurden reich, wir verloren bis auf Reste unser Vermögen und schränken uns ein, meinem Sohn den Zuschuß zu gewähren, den das Regiment verlangt.

Christian verneigt sich Darüber ist kein Wort zu verlieren.

Der Diener tritt auf Der Wagen der Komtesse.

Graf Ich übermittele Ihnen die Entscheidung.

exit

Fünfter Auftritt

Christian Jetzt hätte ich es sagen können: Sie leben in Zürich. Vorbereitet und durch das Geständnis seiner Mittellosigkeit in Verlegenheit, hätte er es geschluckt, und sie waren offiziell präsentiert. Nun heißt es, die neue Gelegenheit abpassen; aber ich fühle, sie ist völlig in meiner Gewalt. Warum dann warten? Hierher müssen sie. Sofort! Und ist der Augenblick gekommen – persönlich sie vorstellen. Mediam in figuram jedermann. Wollen doch sehen! Wie die Alten sich freuen werden!

Er schreibt und liest

Kommt mit dem nächsten Zug. Erwartet euch hier freudigste Überraschung.

Er läutet

Vor dem Wagen, mit dem ich sie am Bahnhof hole, bis zum eigenen Bad an ihren Zimmern muß ihnen alles ein großes Staunen sein.

Diener tritt auf

Christian Das Telegramm sofort abtragen.

Diener

exit.

Christian Mutter soll auch ihre Schlummerrolle ins Bett haben. Wenn sie vorm Einschlafen überdenkt, was sie und ich von meiner Zukunft geträumt, und wie es noch viel besser gekommen ist, muß sie ein erfülltes Leben spüren. Sie werden sich schnell anpassen. Die schlimmsten Unarten sind bald abgewöhnt, und Schneider und Putzmacherin tun das letzte.

Sechster Auftritt

Sybil tritt auf

Christian Kind, ich bin froh. Weißt du, wer kommt?

Sybil Die Eltern.

Christian Wer sagt dir das?

Sybil Notwendigkeit. Zwei Jahr, seit ihrem Abschied, zappelst du am Haken deiner Sehnsucht. Ich wußte, an wen du beim Einschlafen dachtest. Warum, wenn du von großen Gewinsten sprachst, dein Auge hochzuckte. Durch die räumliche Trennung hast du dich auf deine Art völlig in die beiden alten Menschen verrannt. Schließlich brachtest du nichts mehr vor, ohne gleichnishaft einen von ihnen zu erwähnen.

Christian Ich entbehrte sie schwer.

Sybil Am Ende hattest du dir die Überzeugung beigebracht.

Christian Mutter und ich waren stets eine Seele. Sie kannte sich gar nicht außer mir. Wie ein kleiner König stand ich zu ihr. Meine große Zukunft bejahte sie im voraus. Wir brauchten uns in dem Gedanken nur anzusehen und lachten. Vater war wie die Begleitung im Kontrabaß dazu.

Sybil Hast du nicht dasselbe Vertrauen unbedingt bei mir gefunden?

Christian Doch wolltest du Dank. Hier aber war ein Mensch stets unbedankt, stets durch mich glücklich.

Sybil Dafür betrug sich dein Vater während dieser Zeit schamlos gegen dich. In der Überzeugung, dich durch sein Erscheinen schrecken zu können, hat er ein über das andere Mal von dir die Summen erpreßt, die er brauchte.

Christian Insgesamt nicht viel mehr als ein paar Tausender.

Sybil Hätte er eine Vorstellung von deiner geänderten Lebensführung, er wäre anders ins Zeug gegangen. Er würde sich, sähe er Wirklichkeit, gütlich tun.

Christian Er soll's. Nichts anderes wünsche ich. Das ist das Dämonische an diesen Geschlechtern, deren Wurzeln noch auf dem Erdboden laufen, die Gesamtheit fühlt nicht einheitlich, atmet und bewegt sich nicht mit einem Ruck von einem Zentrum aus. Es praßt der eine, wo der andre darbt. Ist aber der Gedanke lebendig, von einem Stamm entsprossen, mit ihm durch feinste Adern verbunden, ist unser Wohl von seiner Gesundheit abhängig, freut uns jedes Glück, das ihn in irgendeinem Ast trifft.

Sybil Der Gedanke ist schrecklich altertümlich, nicht aus unserer Zeit heraus.

Christian Darfst du das behaupten, Mädchen? Weißt du mehr von den Erschütterungen der Epoche als ich? Weil du dich an Phrasen der Sozialdemokratie berauschst, die dir mit dem Recht, das noch der Jämmerlichste hat, die Ohren vollbläst.

Sybil Ich sehe Wirklichkeit. Millionen, die den Hunger zu stillen über den, der Weg zum Brot sperrt, müssen.

Christian Kämpfe ums Dasein. Die habe ich auch durchgemacht und dabei ganz anders als Myriaden Boden in mir aufgerissen; von Trieben geschnellt, flog ich durch den Brei der Bequemen, weil ich wußte, jenseits fängt erst das Leben an. Du sahst ja, wie ich ankam, Fetzen mir vom Leib riß und das flatternde Band am Hals zu fester Krawatte knüpfte. Mich allmählich zur Form erzog, der der höhere Mensch im Zusammenleben bedarf.

Sybil Nie ruht der Kampf. Auf jeder nächsten Stufe, auf der höchsten, steht der Stärkere, der Todfeind, den du besiegst, oder er vernichtet dich.

Christian Das ist proletarisch gedacht. Generationen hast du noch zu laufen, bis dir die Wahrheit schwant.

Sybil Und dabei war ich es, die ihn lehrte...

Christian Den Fisch nicht mit dem Messer zu fressen, daß ich nicht in den Zähnen stocherte! Über all den äußeren Kram bist du nicht hinweggekommen. Dein Anzug ist der Anzug der Frau von Welt. Aber in welcher inneren Notwendigkeit bist du ihr inzwischen angenähert?

Sybil Das war nicht mein Ziel.

Christian Ressentiment.

Sybil Und du, weil du dich zu dem Entschluß verstiegst, deine Eltern zurückzuholen ...

Christian Die ich liebe.

Sybil Da es in der Welt plötzlich Beispiele schlichter Erzeuger gibt.

Christian Vergöttere!

Sybil lacht Weil es schick wird. Nie würde ein liebender Sohn dulden ...

Christian Kein Wort mehr!

Sybil Daß deine neuen Kreise sich an der famosen Strohkapotte deiner Mutter, an deines Vaters Schmierstiefeln berauschen. Deine erste Tat, die sie vor Entwürdigung und dich vor Demütigung schützte, war zarteste Rücksicht für sie und klug dazu, wie dein Erfolg lehrt.

Christian Ich erwarb Geld und muß nicht mehr vor den Nöten des Lebens flüchten. Endlich darf ich verweilen und die irdischen Güter betrachten. Der erste Luxus, den der reiche Mann treibt, ist seine Familie.

Sybil Dein Vater, deine Mutter sind nicht Luxusgegenstände. Liebst du sie wirklich, treibe den Kult im Kämmerlein. Doch opfere sie nicht der Eitelkeit, daß bei dir alles sein muß, wie der gute Ton es vorschreibt. Du willst die Gräfin heiraten. Tu's. Aber gibt ihr mit deinen Eltern kein Gleichnis, aus dem sie dich beurteilen kann. Bleib ihr fremd und geheimnisvoll. Du hast so viel, was keiner außer dir besitzt, du mußt nicht auch noch Eltern haben.

Christian Närrisch bin ich mit dem Gedanken. Meine gesamte Ziffernmacht, allen Einfluß strenge ich bis zum äußersten an, meinem Vater Geltung zu verschaffen. Keine Widerworte! Ich will! Das sind Dinge, für die in dir jede Voraussetzung fehlt, da von deiner Geburt an alles Zufall in dir war.

Sybil Du möchtest eine Kluft zwischen uns aufreißen.

Christian Sie ist seit langem da. Im Handeln und Denken. Wir sind Fremde. Geh!

Sybil Wirklich so fremd, Junge? Du warst doch der, der Zwanzigmarkstücke von mir nahm?

Christian Du träumst. Ich bin der, der dich bezahlte, und der dich in diesem Augenblick ablohnt. Spar alle Worte.

Sybil Ein einziges – mein Leben dafür –, das dich kennzeichnete und ausdrückte, wie niedrig ich dich empfinde.

Christian Finde es zu Haus. Entstellst du mich mit Verdächtigungen wie den eben geäußerten vor dir selbst, zerstörst du dir das Andenken deiner großen Leidenschaft. Doch bleibt das deine Sache. Wagst du sie vor anderen, drohen dir unnachsichtlich die Gerichte.

Sybil steht ihm gegenüber, starrt ihn an und stürzt hinaus.

Siebenter Auftritt

Christian Endlich. Diese Brücke abgebrochen zu Ufern, die man nicht mehr sah. Versuche eines Embryos des Menschtums, dich mit Redensarten deiner Natur und notwendigen Schlüssen abspenstig zu machen. Er hat ein Florett zur Hand genommen und macht Fechtübungen

Aber da dir die Kulöre deines Temperaments genau bekannt sind, werde nicht blaß vor dir selbst, mach ein Bild, eine saftige Figur aus dir und denk nicht an die Unterschrift, die die Zuschauer geben. Da es wiederholt geläutet, geht er öffnen Wer ist das? Nach einem Augenblick hört man draußen seinen Aufschrei

Achter Auftritt

Treten auf Theobald Maske in Trauer und Christian

Theobald nach einer Pause, während der Christian, gegen die Tür gelehnt, schluchzend steht Am Schicksal ist nicht zu deuten. Jetzt soll man der Sache ins Auge sehn. Wäre es nicht wie der Blitz gekommen, hätte ich dich vorbereitet. Aber sie war immer für das Überraschende und hat es noch mit dem Tod so gehalten.

Christian Wir müssen sie überführen und hier mit gebührendem Pomp...

Theobald Auch das ist seit gestern vorbei.

Christian Nicht einmal dazu riefst du mich!

Theobald Warum sollte ich dir Umstände machen? Und noch dazu wußte ich nicht, ob's dir hier in den Kram paßte. Beerdigung ist immerhin eine offizielle Angelegenheit. Die Sekunde, in der ihr während der ganzen windschnellen Katastrophe schwante, um was es sich für sie handelte, hauchte sie auch: Daß nur Christian nichts davon erfährt. Also ganz in ihrem Sinn. Friert dich?

Christian exit

Theobald Es hat doch Eindruck auf ihn gemacht. Sieh mal an.

Christian kommt zurück, einen schwarzen Anzug über dem Arm. Er kleidet sich während des Folgenden, teilweise hinter einem Wandschirm, um. Du darfst jetzt ruhig berichten.

Theobald Das ist gleich getan. Sie saß auf ihrer Bank, trank Kaffee, wie sie das so machte, immer das Stück Zucker auf der Zunge. Sie hätte Hitze, sagt sie, und sank hin.

Christian schluchzt beherrscht Keine Krankheit vorher, kein Leid?

Theobald Nichts.

Christian Wie lebte sie letzter Tage? War sie froh?

Theobald Man hatte immer den gleichen Eindruck: es ist eben Luise.

Christian Wie standest du zu ihr nach jenem Malheur?

Theobald Ich habe das nie übertrieben; ihr blieb alles, mit Seltenheit und Regelmäßigkeit geführt, verborgen.

Christian Du hast damals nicht mit jenem Weib gebrochen?

Theobald Sie war mir zu phantastisch dazu. Ich schob es besser auf die lange Bank. So blieb es, nicht aufgebauscht, unwichtig und lief ins Gleichmaß der Dinge. Durch mich hatte deine Mutter letzthin ruhige Tage.

Christian Ich werde mit dem Architekten, einem Bildhauer wegen des würdigen Grabmals gleich mich ins Vernehmen setzen. Niemandem kann ich anvertrauen, wie ich an ihr gehangen. Vielleicht findet der Künstler den Ausdruck dafür.

Theobald Vielleicht.

Pause, während der Christian noch Zeichen seines Schmerzes gibt und sein Trauerkleid vollendet.

Christian Welch trostlose Verkettung der Umstände. Heute hättest du bei dir zu Haus das Telegramm gefunden, das euch zu glücklichsten Eröffnungen herrief.

Theobald Du hast uns telegraphiert?

Christian Ich erwartete euch mit Ungeduld.

Theobald Was ist hier Wichtiges vorgefallen?

Christian Kamst du einige Stunden später, du hättest deinen Sohn verlobt gefunden.

Theobald Schau! Ist das Mädchen hübsch?

Christian Es ist – Gräfin.

Theobald Christian! Wo hast du den Mut her?

Christian Gehört Mut dazu?

Theobald Jeder aus seiner Haut; denke ich aber, du steckst ein wenig in meiner – da hast du einen tollen Satz gemacht.

Christian Über uns fort, Vater.

Theobald Es ist unheimlich. Und jene?

Christian Das ist alles, was du mir dazu sagst?

Theobald Aus meiner Natur ist es wie ein Knalleffekt!

Christian In ganz natürlicher Entwicklung logische Folge.

Theobald Ein subalterner Beamter ich, deine Mutter Schneiderstochter – es hat etwas von einer Gewalttat an sich. Und der Vater Graf, die ganze Verwandtschaft – Junge, du bist verrückt!

Christian Was heißt der Unsinn?

Theobald Das ist doch toller als alle Komödien der Welt. Da machst du einen ja lächerlich. Kennst du denn gar keine Rücksichten mehr? Einen Grafen habe ich überhaupt noch nie bei Leibe gesehen. Kann man denn nicht zu dir kommen, ohne daß du das Unterste zuoberst kehrst? Ich sage doch! Ein Subalterner in Pension.

Christian Das ist Larifari.

Theobald Ein Unglück ist es! Wie wagst du eigentlich, mir das anzutun? Mit Fingern müssen die Leute auf mich zeigen.

Christian betreten Aber ...

Theobald Die Seyfferts! Schon deine Mutter war eine überspannte Person. Ich werde närrisch. Habe ich mich doch nicht so, als du damals die Sperenzien mit uns machtest, über den Tod meiner Frau habe ich mich nicht so aufgeregt.

Christian Aber Vater ...

Theobald immer erregter Die Maus mit der Giraffe willst du verkuppeln, Seiltänzerstücke machen, ins Anormalische steigst du ja! Deine Mutter stirbt mir mit sechzig Jahren, ich bin sie gewöhnt, mir war's ein Schlag, aber schließlich flüchtet man in die Natur der Sache. Maskes aber, hier dieser gewisse, allenthalben genau bekannte Theobald und eine ganze Grafenfamilie! Es ist um den Verstand zu verlieren. Christian hat in Resignation das Florett genommen.

Theobald ganz außer sich Willst du mich morden? Besser bleibe ich ein normaler Beamter hier auf dem Platz, als daß ich der allgemeinen Belustigung zum Opfer falle. Hast du denn aus der Jugend keine Erinnerung mehr? An unsere Stübchen und den Kanarienvogel; nicht wie wir über den Graben schlurften, und du an unserer Seite den Herrn Kanzleirat ehrfürchtig grüßen mußtest? Was aber kann ein Kanzleirat gegen einen Grafen.

Christian ängstlich Hör doch zu ...

Theobald Und wer sind wir erst auf der Stufenleiter? Daß ich nicht närrisch werde!

Christian Mir ist deine furchtbare Aufregung unverständlich.

Theobald Und die Folgen? Ist dir von unmittelbaren, verhängnisvollen Folgen nichts eingefallen, die jedes Kind sieht? Als du uns beide alte Leute in die Fremde schicktest, schäumte ich vor Wut; allmählich aber sah ich mit Luisens Hilfe eine zwar grausame Vernunft darin, den höheren Sinn des Handels für dich, wenn auch nicht für mich. Und da du es sonst an nichts fehlen, den anderen Teil leben ließest, kam ich zur Ruh. Er springt auf Und jetzt wagst du solchen ...

Christian Ich unterbreche dich. Sogar ehe an diese Heirat zu denken war, überwältigte mich ein Begehren, das vom Augenblick unserer Trennung an in mir immer stärker geworden ist. Von nun an dachte ich mit euch, da es anders beschlossen ist, mit dir sehr innig gemeinschaftlich zu leben. Ich wollte dich bitten, deinen Wohnsitz überhaupt hierher zu verlegen.

Theobald fällt in einen Stuhl Das ist klassisch!

Christian Du ...

Theobald Nicht dein Ernst?

Christian Völlig. Ich konnte diesen Grad der Abneigung deinerseits nicht voraussehen.

Theobald Dein Ernst?!

Christian Ich begreife nicht.

Theobald auf ihn zu Wie?

Christian weicht unwillkürlich zurück Begreife nicht ...

Theobald Immer noch nicht?

Christian Das heißt, verstehe wohl, was du meinst. Halte aber dein Bedenken für übertrieben ... teilweise.

Theobald Übertrieben?

Christian Andererseits ...

Theobald Übertrieben?!

Christian eingeschüchtert Natürlich andererseits – wenn wirklich – natürlich. Mein Gott, müßte man eben auf seinen Lieblingswunsch verzichten – schweren Herzens. Auf deiner Teilnahme an der Hochzeit bestehe ich aber unter allen Umständen.

Theobald Darauf noch die Antwort: Entweder du machst diesen Vorschlag unbefangen nur so hin, dann bemerke ich: deinen Vater als Clown bei diesem Witz mitwirken sehn zu wollen, ist Unsittlichkeit. Mit einer Gräfin am Arm in meiner Aufmachung durch die Kirche Spießruten zu laufen, später als Mann aus dem Volk lächerlich bei Tisch zu sitzen ...

Christian Vater!

Theobald Danke. Oder du willst an mir niedrige Rache dafür nehmen, daß ich dich in deiner Jugend meine väterliche Gewalt fühlen ließ, indem du jetzt vor aller Welt mein Selbstgefühl demütigst; vielleicht aber soll diese Einladung gar ein Pflaster für Mutters Tod sein. Nein, Christian, um Gottes willen nicht! Tu für mich, was du bisher getan, und ich bin zufrieden, und willst du mehr, so überlege noch einmal gründlich, was du vorhast. In jedem Fall aber mußt du mich als bestimmte Größe in deinem Lebensplan einstellen: einer, der mit solchen Sachen nichts zu tun hat, dich aber unter keinen Umständen, nicht im geringsten molestiert. Darum bin ich vorhin die Hintertreppe heraufgekommen.

Und nun will ich mir nur noch etwas Garderobe kaufen.

Christian Mein Schneider, meine Lieferanten selbstverständlich ...

Theobald Die sind auf unsereinen nicht eingerichtet. Ich habe andere Quellen. Und abends reise ich heim.

Er nimmt Hut und Stock

Christian ängstlich Ein paar Tage solltest du wenigstens bleiben.

Theobald Ich sollte nicht! Laß doch den Firlefanz. Warum sprichst du überhaupt nicht in dem alten vernünftigen Ton mit mir? Ungesehen verschwinde ich auf dem Wege, auf dem ich kam, brauchst mich nicht zu bringen. In der nächsten besten Kneipe esse ich etwas. Und kommst du mal vorbei, ihr Grab zu sehen, soll's mich freuen. Bist, von diesem Unsinn abgesehen, sonst ein guter Kerl; läßt einen leben.

Neunter Auftritt

Diener tritt auf Graf Palen!

Graf folgt sofort Marianne wollte zuerst, einem schönen Drang folgend, es Ihnen selbst sagen – sie war sehr glücklich – innig beglückt –

Theobald hat den Versuch gemacht, zu verschwinden.

Graf Bitte mich vorzustellen.

Christian in höchster Verwirrung Mein Vater ... bitte.

Graf Tiens. Eh das –! Nein das – aber sehr angenehm. Graf Palen. Sehr erfreut!

Reicht Theobald beide Hände

Und dachte ich immer – wie kam ich nur darauf? Sah unseren Freund als Waise –

Er lacht

Wahrhaftig! Doch um so angenehmer. Charmant.

Christian Mein Vater, von Zürich kommend, wo er lebt, kündigt mir den Tod meiner Mutter an. So gewinne ich Marianne im rechten Augenblick.

Er sinkt dem Grafen an die Brust

Graf Meine aufrichtige Teilnahme.

Zu Theobald Auch Ihnen, verehrter Herr.

Theobald verbeugt sich Danke, Herr Graf.

Graf Ich kann nichts Besseres raten: eilen Sie zu Ihrer Braut. Inzwischen bleiben die alten Herren beisammen.

Zu Theobald Haben Sie gefrühstückt? Nein? Also auf! Die Frau, eine Braut ersetze ich nicht, doch was ein anständiges Essen vermag ...

Christian Mein Vater wollte gleich zurück.

Graf Aber das muten wir ihm nicht zu.

Theobald Frühstücken sollte man in jedem Fall.

Graf Das ist jetzt mein Ehrenamt. Mit Kondolieren und Glückwünschen verbringen wir die kürzeste Zeit. Ihr Sohn hat Sie lange genug unter Verschluß gehalten; bei einer Flasche Rotspon beschnuppert man sich.

Theobald Beschnuppert – ist gut.

Graf Sagt man nicht so?

Theobald lacht Ich würde beschnuppert sagen, Herr Graf.

Christian bei Theobald, zischt Graf!

Zum Grafen Mein Vater will unbedingt mit dem Mittagszug heim.

Graf energisch Aber lassen Sie doch endlich! Der alte Herr muß vor allem ausgiebig frühstücken. Und alles andere findet sich später. Kommen Sie!

Graf und Theobald exeunt

Zehnter Auftritt

Christian Was war das plötzlich für ein Ton von ihm? Habe ich einen Fehler gemacht?

Am Fenster

Er läßt ihn vor sich in den Wagen steigen? Welch umständliche Höflichkeit. – Ich habe einen Fehler gemacht! Meine Hilflosigkeit, meine Verlegenheit um ihn hat er bemerkt. Bin ich rot, blaß?

Er läuft zum Spiegel

Ich zittre ja wie Espenlaub!

Er springt auf einen Stuhl am Fenster

Er offeriert ihm eine Zigarre. Beide lachen übers ganze Gesicht. Worüber? Über mich? Herrgott, einen furchtbaren Fehler habe ich gemacht! Wollte ich nicht auftrumpfen, habe ich vor fünf Minuten hier nicht geschworen, mich mit ihm brüsten, rühmen zu wollen? Hatte ich doch den einzig richtigen Instinkt.

Und nun wird er es Marianne, wird es der ganzen Familie klatschen, ich wollte meinen Vater verleugnen. Kann er nicht behaupten, ich hätte ihn ehemals totgesagt? Das leugne ich ihm aber brüsk ins Gesicht ab.

Gegenmaßregeln! Schnell! Was?

Er läutet. Diener tritt auf

Setzen Sie die Fremdenzimmer in Bereitschaft. Mein Vater kam an. Dem alten Herrn soignierteste Bedienung.

Diener exit

Christian ihm bis zur Tür nach Halt! Wartet man nicht besser ab, was kommt? Vielleicht bekäme man ihn doch noch ohne allzu großes Aufsehen fort. Nein, nein und endlich nein! Wie ich es heute morgen in mir wußte, wie es sich schon bewiesen hat: mit größter Geste muß ich ihn als Außergewöhnliches darbieten.

Sofort in Szene setzen! Von weither vorbereiten! Und es soll die ganze Familie umfassen.

Wenn es nicht schon eine Katastrophe ist.

Er läuft im Zimmer umher

Was werden sie am Weintisch tun?

Was wird er aus dem Alten herausholen? Wenn er, wenn der andere besoffen ist?

Warum bin ich denn nicht mit von der Partie?!

Außer sich

Um Gottes willen! Ja um Gottes willen!

Er heult auf

Statt meinem schlichten Kindesinstinkt zu folgen. Ich könnte mich ohrfeigen!!

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