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Gutenberg > Carl Sternheim >

Der Snob

Carl Sternheim: Der Snob - Kapitel 2
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authorCarl Sternheim
booktitleDie Hose. Der Snob. Zwei Stücke
titleDer Snob
publisherFischer Bücherei GmbH
year1970
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der erste Aufzug

Möbliertes Zimmer Christian Maskes

Erster Auftritt

Christian erbricht einen Brief Das ist grotesk! An der Tür Komm heraus, Sybil.

Sybil tritt auf Was gibt's Wichtiges?

Christian Mein Vater im sechzigsten Jahr hat sich einen Bastard geleistet. In der Klemme verlangt er »Verauslagung der durch geburtshilfliche Praktiken ihm entstandenen Verpflichtungen« von mir. Was sagst du?

Sybil Nichts, als ich möchte durch dich in gleicher Lage wie jene Frau durch deinen Erzeuger sein.

Christian Laß die Albernheiten. Es ist himmelschreiend und wird von mir aus ein unerwartetes Gegenspiel haben. Ferner – ich habe auch mit dir zu reden.

Sybil Ich muß heim.

Christian Der gestrige Tag war in meinem Leben ein Abschnitt. Vier Jahre, die du mit mir lebst, sahst du mich von Tag zu Tag meinem Ziel näher kommen.

Sybil Du hast wie ein Neger gearbeitet.

Christian Die unter meiner Mitwirkung gegründeten afrikanischen Minen prosperieren, es ist kein Zweifel, der gestern in der Sitzung des Aufsichtsrats gemachte Vorschlag, mich zum Generaldirektor der Gesellschaft zu ernennen, wird von den Aktionären akzeptiert.

Sybil Welcher Erfolg!

Christian Ich besitze heimlich ein Fünftel der Aktien, die ich kaufte, als sie niemand mochte. Was ich, nunmehr im Sattel, an Möglichkeiten des Vermögens und sozialer Stellung für mich voraussehe, ist glänzend.

Sybil Wer wies zuerst auf deine kaufmännischen Talente, machte dem traurigen Studium der Philologie ein Ende?

Christian Du hobst mich aus tiefstem Elend, lehrtest mich Kleider anständig tragen, gabst mir, soweit es in deiner Macht stand, Umgangsformen.

Sybil Was warst du für eine Erscheinung in zu kurzen Hosen und ausgefransten Ärmeln!

Christian Gabst dich selbst und Geld bisweilen.

Sybil Entscheidendes zuletzt – mich selbst. Lebenssache.

Christian Ganz klar möchte ich einmal vor uns beide hinstellen, wie tief ich dir verpflichtet bin; an so entscheidendem Tag zurückblicken ...

Sybil Laß das.

Christian Voll Dankbarkeit, um mich alsdann zu vergleichen und es für immer zu vergessen.

Sybil Das wäre bequem.

Christian Ich trete in kein neues Viertel meines Lebens, ohne daß aus dem vergangenen die Schuld bezahlt ist. In dieses Buch habe ich nach bestem Wissen und Gewissen aufgezeichnet, was du an Aufwendungen für mich geleistet. Dazu wurde die Summe fünfprozentig von mir verzinst.

Sybil Christian!

Christian Möglichkeiten, die du durch den Umgang mit mir versäumtest, sind ins Auge gefaßt, und ich kam auf eine Summe von vierundzwanzigtausend Mark, die ich dir schulde, und die du heut überwiesen erhältst.

Sybil nach einer Pause Mit Empfindlichkeiten zu kommen ...

Christian Die du selbst in entscheidenden Dingen mir aberzogen, mit eisernem Besen aus mir herausgekehrt hast. Heut ist Abrechnung. Kein Fehler in der Addition und im Kalkül! Unsere Beziehungen im Vergangenen sind durch meine wirtschaftliche Gebundenheit in ihrem langen Charakter erklärt. Für die Zukunft hätte ich solche Begründung vor mir selbst nicht mehr. Den nötigen Glauben an die Wirklichkeit meiner neuen Stellung zu haben, muß sich mit ihr alles um mich entsprechend ändern. Entweder du ziehst diesen Schluß der Vernunft ...

Sybil Er heißt?

Christian Wie sage ich es? Einfach mehr Distanz in Zukunft. Die genannte Summe und eine monatliche Apanage zwischen uns gesetzt, sorgt dafür.

Sybil Ich bin in Empfindungen zerrissen.

Christian Du weißt, ich habe nach deinen Lehrsätzen recht. Nur schmerzt es, sie auf dich angewendet zu sehen. Ich trete in öffentliches Leben. Nirgends ein Fehler im Kalkül.

Sybil Die Welt gestattet dir zwar eine bezahlte...

Christian hält ihr den Mund zu Und so weiter.

Sybil Bin ich in deinem Leben der einzige Punkt, der für die Zukunft bedenklich ist? Gibt es nichts, das dich entscheidender in deinem Trieb, bürgerliches Ansehn zu gewinnen, stören könnte als ich in bisheriger Stellung zu dir?

Christian Du weißt es.

Sybil Willst du folgerichtig handeln...

Christian Ich mache kein Hehl daraus. Was ich selbst bin, Erscheinung und Gedankenwelt, dafür bürge ich der Welt. Aber meine Eltern, dir ist es bekannt, sind Leute aus dem Volk.

Sybil Tauchst du also jetzt in Welt auf ...

Christian Laß mich meine Gedanken selbständig denken. Du weißt, ich kann's; Leute aus dem Volk. Meine gute Mutter besonders.

Sybil Sie konnten dir gesellschaftlich Primitivstes nicht beibringen.

Christian Der Weg, den ich mache, ist durch meine Geburt ein besonders ungewöhnlicher. Daß es falsch wäre, durch Hervorzerren der Erzeuger den Abgrund zwischen Herkommen und errungener Stellung offenbar zu erhalten, liegt auf der Hand. Es wäre mehr als töricht-geschmacklos.

Sybil Und da du heut nur guten Geschmack anbetest...

Christian Ironien auf dem schlechten Gewissen deiner eigenen Vergangenheit wirken nicht. Was weiß jemand von deinen Eltern? Du hast sie einfach unterschlagen, still gemordet. Vielleicht saß dein Vater im Zuchthaus? Hieß er wirklich Hull?

Er lacht Du hättest doch den Reiz, von dem du lebst. Er hatte in jedem Fall Eigenschaften, da der Glanz solcher Tochter von ihm ausging.

Du unterbrachst mich mit Zwischenrede. Die Differenz zwischen Herkunft und Heute ist erläutert. Doch kommt hinzu: das Bewußtsein, überhaupt zu verdanken, sei es das Leben, ist in meiner Rüstung ein schwacher Punkt. Wie alles in meiner Welt aus mir entstand, wie ich nur auf mich beziehe, für mich hoffe und fürchte, muß ich frei sein von Rücksicht auf jedermann, um zu marschieren. Und so fürchte ich Vater und Mutter.

Sybil Was willst du tun? Ihnen eine Summe bieten, daß sie fortbleiben?

Christian Mein Vater ist nicht schüchtern; hier verlangt er sie selbst.

Sybil Du hast gelernt mit Geld umgehen.

Christian Ich habe allerhand gelernt.

Sybil Und da du konsequent bist, muß, wer dich liebt, zwar schweren Herzens zustimmen.

Christian Die gleiche Einsicht hoffe ich von den Eltern. Wir sind einig?

Sybil Ich erlebe die Änderung gerade: dich aus gewisser Entfernung mit einer Spur Unterwürfigkeit sehen.

Christian Dinge gewinnen nicht an Wahrheit, spricht man sie aus; wenn man sie tut.

Sybil Doch an Klarheit.

Christian Kluger Kopf.

Sybil Ich liebe dich, Christian. Du bist der Fehler in der Rechnung meines Lebens. Ich gäbe die vierundzwanzigtausend für deinen Besitz jetzt.

Christian So verdienst du in Not und Elend zu sterben. Da nimm den Kuß umsonst. – Du hast mir die Krawatte verschoben.

Sybil Sie saß schon vorher infam.

Christian So viel ich von dir lernte, das allein faßte ich nicht: den tadellosen Sitz der Krawatte. Zeig ihn mir zum hundertsten Mal.

Sybil bindet die Krawatte um den Hals einer großen Vase. Zuerst einfaches Schlingen des Knotens. Zweitens Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehen des anderen drittens.

Christian Steht rechts ein Stück vor.

Sybil Man schneidet's mit der Schere fort.

Christian Kostet jedes Binden eine Krawatte.

Sybil Und bringt ein: Die Anerkennung der Verstehenden.

Christian Worauf es überall ankommt.

Sybil tiefer Knicks Ergebene Dienerin, Herr Generaldirektor.

Christian Keinen Scherz.

Sybil Ich habe ganz begriffen.

Sybil exit

Zweiter Auftritt

Christian Angenehme Person alles in allem. Am Schreibtisch Doch nun den Verstand zusammengenommen.

Er schreibt

»Verehrter Graf Palen, die Einladung zum 26. d. Monats nehme ich mit ergebenem Dank an.« Ergebener Dank? Wollen sehen. »Empfehlungen an die Komtesse.« Zu familiär. Teils zu ergeben, teils zu vertraut. Vor allem darf er nicht merken, wie gern ich komme. Das Papier ist falsch. Besser Bogen mit Firmenkopf: Sekretariat der Monambominen. »Sehr verehrter Graf von Palen.« Wie das eingeschobene »von« distanziert! Die Sache muß als erste schriftliche Äußerung meinerseits in diesen Kreis hinein tadellos korrekt und doch bedeutend sein. Wie schreibt er selbst? »Lieber Herr Maske, wollen Sie am 26. mit uns zu Abend essen, en tout petit comité? Der Ihre.« Auf schlichtem billigen Papier. Das hat den Ton freundschaftlich oberflächlicher Vertrautheit. »Abend essen« ist himmlisch! Bleiben wir um einen Grad förmlicher, aber so, daß immerhin – ich möchte eine lateinische Vokabel einstreuen, die den Tenor männlich macht.

Wie wird man mit vier, fünf Silben solchen Gehirnen einen Augenblick wichtig? Das ist eine Preisfrage, aber sie muß gelöst werden. Einen Fünfsilber mit viel Vokalen und rollendem Takt für den Anfang.

Er geht durchs Zimmer

Dúm da da dúm da. Unaufgefórdert. Die zweite Silbe ist für mein Ohr länger als die erste. Falscher Takt. – Pränumerándo – das ist's im Ton, gibt aber natürlich keinen Sinn. Dum da da dum da. Ich muß es finden.

Dritter Auftritt

Theobald Maske tritt auf Da bin ich selbst. Mutter wartet unten.

Christian Vater!

Theobald Das Malheur geschah gegen meinen Willen. Mir sind Knalleffekte zuwider. Aber bei Frauenzimmern stets das gleiche Unmaß. Jetzt soll man der Sache ins Auge sehen.

Christian Seit deiner Pensionierung gibst du jedes Jahr eine Überraschung.

Theobald Ich hätte aus meinem Geleise nicht heraus sollen. Du hast mich zu früh zum Nichtstun gebracht. Die Kräfte sind nicht lahm und gehen nach allen Seiten in Mannigfaltigkeit auseinander. Ich muß mit ihr erst einen Modus finden.

Christian Ich rufe vor allem Mutter herauf.

Theobald Wir haben erst unsere Angelegenheit.

Christian Die ordnen wir mit allem andern, ohne daß sonst jemand versteht.

Theobald Wie?

Christian In unseren Gesprächen wird eine Summe genannt werden.

Theobald Inwiefern? Was gibt's?

Christian Eine Summe sage ich, ein vielfacher Tausender. Du darfst, werden wir beide während der Auseinandersetzung sonst einig, stillschweigend tausend Mark für deine Verlegenheit hinzurechnen.

Theobald Du hast Bedingungen?

Christian Ich stelle Bedingungen.

Theobald Da bin ich neugierig.

Christian am Fenster Dort steht sie.

Er winkt

Sie hat gesehen, kommt. – Aber das unmögliche Kostüm! Du sagtest vorhin zu Anfang ein Wort, das mir auffiel.

Theobald In welchem Zusammenhang?

Christian Es hatte einen anderen Rhythmus; aber schallte doch. Erinnere mich später, gleich ...

Theobald Tausend Mark?

Christian Wenn wir sonst ins reine kommen.

Exit

Theobald Da bleibe ich gespannt.

Vierter Auftritt

Christian und Luise Maske treten auf

Theobald Setz deinen Hut gerade, Luise. Der steht in die Stirn wie ein Studentenstürmer. Wir wollen hierher in die Großstadt ziehen, ich werde mich mit ihr in irgendeiner Beziehung einlassen und mich inwendig lebendig erhalten.

Luise Es ist so eine Idee von Vater.

Christian Zu einer Zeit, da meine angestrengte Aufmerksamkeit dem Ziel gilt, das ich vorhabe, könnte ich für euch keinen freien Augenblick aufbringen.

Luise Dann freilich – ich dachte es schon.

Theobald Wir sind letzthin gewöhnt, du kümmerst dich wenig um uns. Was ist das für ein Ziel?

Christian Ich habe Aussicht, Generaldirektor der Gesellschaft zu werden, für die ich arbeite.

Luise General!

Theobald herrscht sie an Direktor!

Christian Soll ich es zu Außergewöhnlichem bringen, müßt ihr Rücksicht nehmen, und diese Rücksicht fordert vor allem ...

Theobald Erlaube ... Wir haben uns zwanzig Jahre lang krumm gelegt, gaben dir eine Bildung, die sich sehen lassen kann. Oft unterblieb ein Sonntagsbraten. Denn wir liebten dich affenartig.

Luise leise zu sich Generaldirektor.

Christian Dúm da da...

Theobald Wir duckten uns, daß du in bessere Welt kommen konntest. Darüber sind wir zu Jahren gekommen, und heut steht es so: wollen wir noch etwas von dir haben, müssen wir uns beeilen.

Christian Ich will gleich einen groben Irrtum beseitigen: seit meinem sechzehnten Jahr ist mir kein einziges Opfer deinerseits für mich bekannt.

Theobald Das ist stark!

Luise Vater!

Christian Ich habe dich von jeher in Erinnerung, wie du im Haus vier Fünftel des Platzes einnahmst, jeder Gedanke um dich kreiste. Schon auf dem Gymnasium erhielt ich mich durch Stundengeben, mein Studium und ferneres Leben bezahlte ich selbst.

Wer einen siebzehnjährigen Sohn zwang, das Mittagsmahl in Gegenwart des Vaters stehend einzunehmen ...

Theobald Affenartig liebte ich dich. Du warst ein leckerer Kerl. Ist's wahr, Mutter?

Luise zeigt So klein.

Christian Du hast, stets mit dir beschäftigt, mein Leben bis zum heutigen Tag nicht angeschaut. In letzter Zeit mag dir eine deutlich ins Auge springende Veränderung, meine breitere Lebensführung aufgefallen sein.

Theobald Das ist langweilig. Kurz – was soll sein?

Christian Ihr trefft mich an einem Tag, an dem ich vergangenes Leben bilanziere. Da nehme ich keinen falschen Posten auf.

Luise Was meint er?

Theobald Wirst schon hören.

Christian entnimmt ein Buch einem Geldschrank Was an Aufwendungen wirklich für mich geleistet ist, habe ich nach bestem Erinnern in dieses Buch aufgezeichnet. Dazu wurde die Summe mit fünf vom Hundert verzinst.

Theobald Du willst eine Abrechnung?

Christian Ja.

Theobald setzt sich Laß sehen.

Er setzt die Brille auf

Luise Was meinst du?

Christian Es kommt schon, Mutter.

Theobald liest Unterhalt vom ersten bis sechzehnten Jahr – pro anno sechshundert Mark. Sechshundert Mark einschließlich Doktor und Apotheker ist mager.

Christian Ich war nicht krank.

Theobald Masern und Stockschnupfen fallen mir aus dem Kopf ein. Ich sehe deine ewige Rotznase vor mir. Wir wandten Kamillenspülungen an.

Luise Eines Morgens hattest du vierzig Grad Fieber, ich fühlte mein Herz nicht mehr.

Christian Die eingesetzte Summe reicht aus.

Luise Kreisrunde rote Flecken auf dem ganzen Leibchen.

Theobald Sechzehn mal sechshundert ist neuntausendsechshundert Mark. Sieh mal an. »An einmaligen Zuwendungen.« Wie willst du dich sämtlicher Zuwendungen durch sechzehn Jahre erinnern? Die sind Legion. Der Posten ist von vornherein dubios.

Christian Du findest von meiner Seite euch besonders in letzter Zeit Gegebenes nicht gegenvermerkt.

Theobald Das wäre noch schöner.

Christian zu sich Ich gäbe etwas für das Wort.

Er starrt in den Brief auf dem Schreibtisch

Luise schüchtern zu ihm Und einmal das Geschwür am Hals.

Christian Richtig, Mütterchen.

Theobald Ein halbes Dutzend Hemden vom Hemdentuch nebst Kragen, zwei Paar Stiefel, als ich zur Universität ging – fünfzig Mark. Ein goldener Ring – da hört sich alles auf! Hat die Frau dem Burschen doch den Ring gesteckt. Und ich kehrte damals das Unterste zuoberst, ihn wiederzufinden.

Christian Er war Mutters Eigentum und ihr Geleit ins Leben.

Theobald Mit hundert Mark ist er bezahlt.

Luise Trägst du ihn noch?

Christian zeigt ihn am Finger Obwohl er täglich enger wird.

Theobald Immerhin eine tolle Angelegenheit und echt Luise. Endsumme rund elftausend. Samt Zinsen elftausendachthundert Mark.

Christian mit Betonung Elftausendachthundert.

Räuspert sich

Theobald Verstehe; die du zahlen willst?

Christian Die ich dir schulde.

Theobald Du willst dich dieser Schuld entledigen?

Christian Ich werde bezahlen.

Luise seine Hand in den Händen Man kann ihn weiter machen.

Theobald Sieh einmal an! Das nenne ich nobel, lieber, guter Junge. Apart, wie du die Geschichte behandelst.

Er umarmt ihn

Es liegt etwas Forsches darin, und wir wissen das durchaus zu würdigen. Man wäre also auf vollkommene Weise einig.

Christian Du sprachst die Absicht aus, deinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Das will ich nicht.

Theobald Machst du mir Vorschriften?

Christian Ich erweise dir mit der Auszahlung des Gelds eine Gefälligkeit und erwarte eine andere von dir.

Theobald Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt.

Luise Der Junge muß doch Gründe haben.

Theobald Das Weib bringt mich um den Verstand! Es ist in ihrer Gegenwart kein vernünftiges Wort möglich.

Christian geleitet Luise zur Tür Willst du dir ansehen, wie ich sonst wohne und schlafe, Mutter?

Luise leise Bleib ruhig. Es geschieht alles, wie du willst.

Exit

Christian Euer Hiersein würde, wie gesagt, Kräfte brechen, die ich insgesamt brauche.

Theobald Ist es Bedingung für die elftausendachthundert und so weiter?

Christian Voraussetzung.

Theobald Da heißt es einfach überlegen: wo liegt schließlich unser Vorteil? Denn Affenliebe beiseite, man muß in gesicherten Bezirken leben. Was wirft die Summe für eine Rente?

Christian Sechshundert Mark in Industriepapieren.

Theobald Bist du von Gott verlassen! Mein Geld bekommt die Sparkasse.

Christian Rund fünfhundert.

Theobald Das ist nicht üppig. Elftausend läßt sich an. Fünfhundert ist für die Katze, und dafür soll ich meine Freizügigkeit hergeben, das einzige Gut des bescheidenen Manns? Darüber mußt du ruhig nachdenken, Gründe und Gegengründe erwägen. Nein – verspräche ich dir wirklich auf Manneswort, wir bleiben, wo wir sind ...

Christian Das will ich nicht.

Theobald Das willst du nicht; dies nicht und jenes nicht? Um alles in der Welt, was soll hier vor sich gehen?

Christian Dein heutiger Überfall beweist, ich wäre auch in Zukunft vor euren Besuchen nicht sicher.

Theobald Überfall – das ist ja!

Christian Im erörterten Sinne gemeint. Mein Leben steht vor vollkommener Wendung. Ich muß, für die nächste Zeit vor allem, von verwandtschaftlichen Rücksichten frei sein.

Theobald Das ist in der Weltgeschichte beispiellos! Und wir, die sich deinetwegen die Butter vom Brot sparten, Opfer auf Opfer häuften trotz deiner Einrede? Sind denn Eltern ohne Opfer denkbar? Bedeutet nicht jeder Atemzug einer so kleinen Range Schmälerung irgendeines Genusses der Alten? Stört sie nicht im Schlaf, am Mittagstisch, in jeder Bequemlichkeit? Hat sie doch immer einen Defekt, den man mit Ärger und Kosten ausbessern muß. Bald bläst sie vorn, bald hinten nicht. Dazu eine Reihe alberner Feste, um die man sich inkommodiert. Zu Christian, der schweigend in einem Lehnstuhl sitzt, laut Schöne Kindesliebe das! Schlägt mit geballter Faust auf einen Tisch Schöne Kindesliebe!

Luise steckt den Kopf durch die Tür und macht, von Theobald ungesehen, beruhigende Zeichen. Ich sorge schon.

Theobald Wie? Da Christian still bleibt, wirft er sich entfernt von ihm in einen Stuhl und sagt ruhig Hätte ich das gewußt, im ersten Bad wärst du ersäuft.

Pause

Theobald Und sind doch mehr als hundert Kilometer von dir entfernt. Das ist die vielgerühmte Kindesliebe. Ja, ja. Er lacht auf Ha! Und praktisch? Wie denkst du dir praktisch die Angelegenheit? Kommen wir auch in gewohnten Verhältnissen mit meiner Pension und den fünfhundert zur Not aus, kein Mensch wird uns zumuten, Unbequemlichkeiten der Übersiedlung, Schwierigkeiten neuer Wohnsitzgründung ohne Äquivalent auf uns zu nehmen.

Christian Das wird kein Mensch euch zumuten.

Theobald Ohne bedeutendes Äquivalent. Wer will es leisten?

Christian Unter Umständen ich.

Theobald Sieh mal an.

Christian Wir haben eine ganze Reihe durch landschaftliche Reize und ökonomische Vorteile ausgezeichnete Städte auch in Europa, ziehst du nicht von vornherein Amerika vor.

Theobald Was?!

Christian Gut, gut.

Er hat einen großen Atlas und einen Baedeker zur Hand genommen.

Es käme zum Beispiel Brüssel in Frage.

Liest aus dem Buch

Brüssel, des Königreichs Belgien Hauptstadt, mit achthunderttausend Einwohnern. Die Stadt liegt in fruchtbarer Gegend an den Ufern der Senne, eines Nebenflusses der Schelde. Die Oberstadt mit Staatsgebäuden ist Sitz der Aristokratie und der vornehmen Gesellschaft.

Theobald, der bequem sitzt und andächtig zuhört Nicht übel, zeig das Buch.

Er liest vor

»Und der vornehmen Gesellschaft. Sprache und Sitte französisch.« Und du glaubst, ein Deutscher von Schrot und Korn läßt sich dazu herbei, welsche Sitten anzunehmen? Basta!

Christian Wohin ich in allererster Linie dachte, ist Zürich. Ein völlig idealer Aufenthalt, ein kleines Paradies in jeder Hinsicht. Und die Sprache ist Deutsch.

Theobald Laß etwas davon hören.

Christian liest aus einem anderen Band vor Mit annähernd zweihunderttausend Einwohnern ist Zürich die bedeutendste Stadt der Schweiz am Züricher See und der immergrünen Limmat.

Theobald Immergrün sagt man sonst vom Tannenbaum.

Christian An der Westseite fließet die im Frühjahr reißende Sihl.

Theobald Die ist schon überflüssig, Wasser wär's genug. Bedauerlich, daß ich nicht schwimmen kann.

Christian liest Die Lage der Stadt ist herrlich am kristallklaren See, dessen sanft ansteigende Ufer mit hohen Häusern, Obst- und Weingärten besät sind.

Theobald Niedlich.

Christian liest Im Hintergrund die schneebedeckten Alpen, ganz links grüßt der gewaltige Rücken des Glärnisch. Er zeigt im Atlas Hier das Weiße!

Theobald Teufel!

Christian liest Die Küche ist gut. Bevölkerung derb und bieder.

Theobald Sozusagen.

Christian Dazu Ausflüge in die hinreißende Umgebung.

Theobald Das reine Kanaan.

Christian Luzern und Interlaken, ja das gesamte Alpenland wird dir unmittelbar erreichbar, gewissermaßen Eigentum. Ahnst du, was ein Alpenglühen bedeutet?

Theobald Was weiter?

Christian Ein Naturschauspiel von fulminanter Großartigkeit, ein Nonpareille. In Zürich könnte ich mit der Bedingung, ihr überlaßt mich die nächsten Jahre durchaus mir selbst, deine Bezüge zu einer ausreichenden Rente aufrunden.

Theobald nach einer Pause Ich habe rein menschliche Bedenken.

Christian Unterlaß alle Anmerkungen.

Theobald Man soll sich aussprechen.

Christian Das Leben eines Menschen meiner Art setzt sich aus Fakten zusammen. Mit Gesprächen hältst du mich auf. Hinter diesem wartet ein anderes Wichtiges.

Theobald Sechzig Jahr bin ich heute, deine Mutter fast ebenso alt. Wir haben im Leben nicht viel Gutes gehabt, bleiben auch nicht mehr lange in dieser Welt mit dir beisammen.

Christian Spürst du nicht, dieser Ton ist machtvolleren Dingen gegenüber eindruckslos? Kommt schon die Stunde, wo wir, einzelnes erläuternd, bequem davon reden können. Jetzt geht's Schlag auf Schlag. Zweitausendvierhundert Franken kommen von mir aus jährlich zu deinen Einkünften; in drei Wochen seid ihr übersiedelt. Hurtig, Vater, mir brennt's in den Eingeweiden. Der Kampf um die sichtbare Stelle im Leben ist gewaltig, der Menschen unzählige. Wo ich einen Fußbreit auslasse, drängt eine Legion den Schritt ein.

Theobald Ich bin ganz paff. Habe nie so eine Kreatur gesehen. Wie soll ich über all diese Novitäten ins reine kommen, wann einsehen, wo für mich der höhere Sinn sich zeigt?

Christian Hier, jetzt. Fünf Minuten gebe ich dir.

Theobald So folge ich dir unentschieden und werde wie ein Begossener und Halbbetrunkener sein.

Christian Vertrau!

Theobald Wo soll für mich der höhere Sinn stecken?

Christian Später. Abgemacht, Vater?

Theobald Donner und Doria! Meine ganze Welt ist durcheinander.

Christian Zweitausendvierhundert, das sind neunzehnhundert Mark.

Theobald Und fünfhundert – macht mit dem Meinen annähernd fünftausendsechshundert.

Christian Siebentausend Franken. An der Tür Mutter!

Theobald An der Limmat? Ich bin starr.

Christian reicht ihm Atlas und Reisebücher Informier dich.

Luise tritt auf, leise zu Christian Ich sorge schon, daß alles geschieht. Dies Tuch auf deinem Nachttisch, solche Wäsche, Spitze und Batist – ach Christel, sei vorsichtig mit Frauen. Verführung zum Genuß, ich weiß, jedem kommt's einmal. Aber hat man Kinder und wird Generaldirektor und kann stolz vor Gott sagen: meine Mutter war makellos!

Theobald fassungslos Unter Tirolern!

Luise Das ist auch etwas. Ein herrlicher Lohn.

Christian Gewiß, Mutter.

Umarmt sie

Luise im Hinausgehen Mein Christel.

Luise, Theobald, Christian exeunt

Fünfter Auftritt

Christian kommt schnell zurück Einmal hatte ich das Wort beinahe.

Er sieht in den Brief

Er sagte es im Zusammenhang mit seiner zu frühen Pensionierung, und daß jetzt seine Kräfte schweiften – wohin? In – Mannigfaltigkeit! Das ist es!

Er schreibt

»Mannigfaltigkeit der Geschäfte, verehrter Graf Palen, verhindert mich leider, Ihre liebenswürdige Einladung anzunehmen.« So ist es eine Absage geworden, doch wer weiß, wozu sie gut ist.

Es hat geläutet

Exit

Sechster Auftritt

Christian und Graf Palen treten gleich darauf auf

Graf Ich komme, die angeschnittene Frage Ihrer Ernennung persönlich noch einmal mit Ihnen durchzusprechen. Der Aufsichtsrat muß, ehe er sie den Aktionären gültig anbietet, bis ins letzte wissen, wessen sich die Gesellschaft von Ihnen zu versehen hat. Als Feind geschäftlicher Auseinandersetzungen bat ich Baron Rohrschach, den Besuch zu übernehmen, doch fand man es schicklicher, ich ordne die Sache, da meine Beziehungen zu Ihnen vertrautere sind.

Christian Danke, Graf.

Graf Die Monambominen sind die Unternehmung einer kleinen Gruppe von Menschen, die denselben Überzeugungen leben. Haben nun auch Geschäfte und gesellschaftliche Anschauung nicht ohne weiteres einen Zusammenhang, ist doch einzusehen, man will einen Mann an der Spitze seiner Geschäfte, der der ganzen Lebensauffassung nach zu uns gehört.

Christian verbeugt sich

Graf Wir glauben nun, in Ihnen den gefunden zu haben, der mit Tüchtigkeit die seltenere Gabe vereinigt, ein Empfinden für die durch Kult errungenen Werte des feineren Geschmacks zu besitzen, das insbesondere da am Platz ist, wo brutale Wahrheit der Zahlen ein bedeutendes Gegengewicht fordert.

Christian verbeugt sich

Graf Sie haben sich mir gegenüber des öfteren in Fragen des Lebens in einem Sinn geäußert, der durchaus mit der Meinung unserer Kreise übereinstimmt, an Schärfe dieselbe fast übertrifft. Ich würde mit dem Wortschatz der liberalen Partei ihn als aristokratisch-reaktionär bezeichnen,

er lacht

und zwar, was mich am stärksten berührte, die Eindringlichkeit Ihres Vortrags schien auf Herzenssache zu deuten. Bitte?

Christian Es ist so.

Graf Merkwürdig. Gibt zu Überlegungen Anlaß. Ich bin durchdrungen. Sie stammen aus einem ausgezeichneten Haus. Ihre Erziehung ist vollendet sogar in dem Sinn, daß Sie erkannten, auf der Basis gewisser selbstverständlicher Besonderheiten, die wir errangen, ist das unauffällig Uniforme das Korrekte. Man sieht's an Gesten, aber auch am Sitz einer Krawatte. Kurz und gut, was uns noch fehlt, ist irgendeine von Ihnen gegebene Versicherung, die Niederlegung in einen verpflichtenden Satz, den wir den Beteiligten als Ihr Bekenntnis vorstellen können.

Christian Ich verstehe.

Graf Bei einem Rohrschach bedeutet das Prädikat »Baron« gar nichts anderes als diesen Satz, vorausgesetzt, der Mann ist kein Deklassierter. Gewisse Garantien nach gewissen Richtungen. Bei Bürgerlichen können markante Taten von Vorfahren bedingungsweise Gewähr leisten.

Christian Wovon in meinem Fall keine Rede ist.

Graf Welches Urteil durchaus keinen Tadel einschließt. Auch in zu hohem bürgerlichen Ansehen gelangten Familien begnügt man sich mit diesem alle Mitglieder einschließenden Gut. Es reicht hin, Sie finden aus der in Ihnen von Voreltern aufgespeicherten gesellschaftlichen Überlegenheit das packende Wort. Ich habe nicht das Vergnügen, Ihren Herrn Vater, Ihre Eltern, kurz ...

Christian Tot. Alles tot.

Graf Und mit Genugtuung darf ich sagen, Sie genügen als Repräsentant. Ich sehe Sie ergriffen?

Christian Ich bin's, Graf, in dem Augenblick, da ich aussprechen darf, was mein Herz seit der Jugend bewegt, da ich es sagen soll: nie habe ich andere Sehnsucht gehabt, als zu sein wie jene, die auch äußerlich sichtbar in einem Adelsdiplom den Adel der Taten ihrer Ahnen tragen, an ihrer Seite, von ihnen als Helfer angenommen, die Grundsätze zur Geltung bringen zu dürfen, deren geschichtliche Vertreter sie sind. Es steht mir nicht zu, aufzuzählen, welche Opfer ich diesem Ziel schon gebracht, doch bin ich bereit, Ihnen in die Hand zu schwören, mein irdisches Leben ist ihm einzig geweiht.

Graf Sie sind ein prächtiger Kerl, aus einem Guß. In diesem Augenblick haben Sie mich überzeugt. Ich danke. Glaube für Ihre Ernennung bürgen zu können. Darf ich rauchen? Meiner Einladung zum Freitag werden Sie folgen?

Christian Das heißt...

Graf Wie denn?

Christian Also dann – trotz Mannigfaltigkeit meiner Geschäfte.

Graf Glaub's, daß Sie arbeiten. In meiner Tochter Marianne finden Sie einen Menschen, der an seinem Charakter wie dem Ihren Gefallen hat.

Christian Von den bedeutenden Gaben der Komtesse hörte ich mehrfach sprechen.

Graf Enchanté, lieber Maske.

Christian Nehmen Sie meinen Dank, Herr Graf.

Graf Herr Graf? Also auch Sinn für die Nuance.

Christian Auf dem Boden der Voraussetzung sonstiger Uniformität.

Graf Geistreich und sehr charmant, lieber Freund.

Exit

Christian, der ihn bis zur Tür begleitet, kehrt zurück, sieht flüchtig in den Spiegel und beginnt dann, an einer Vase eine Krawatte zu binden Erstens einfacher Knoten. Unterlegen des einen Endes als Masche. Durchziehn des anderen. Und nun die Schere.

Er schneidet

Was dich ärgert – dein linkes Auge, wirf es fort. Diese Krawatte sitzt tadellos. Das ist erreicht.

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