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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Das Bankett

In einem gewaltigen, durch breite Fenster von zwei Seiten erleuchteten Saale standen zwischen Säulen, die mit reichen Ornamenten und Malereien verziert waren, in drei Reihen lange Tafeln. In jeder einzigen Reihe waren wiederum zehn lange Tische und an jedem Tisch zwanzig Gedecke. Für den Zaren, den Zarewitsch und die ihnen am nächsten stehenden Günstlinge waren am oberen Ende des Saales besondere Tafeln gerichtet. Um die Tische herum standen lange, mit Kissen aus Sammet und Brokat belegte Bänke. Vor dem Platze des Zaren aber befand sich ein hoher, kunstvoll geschnitzter Sessel, der mit Perlen und Diamanten eingelegt war.

Mit feierlichen Schritten trat die glänzende Schar der Höflinge in den Saal und nahm auf den Bänken Platz. Auf den Tafeln standen einstweilen außer den Gedecken und den Pfeffer- und Salzbehältern und Essigflaschen nur Platten mit kaltem, in Fastenöl bereitetem Fleisch, Salzgurken, Pflaumen und flache Holzschüsseln mit saurer Milch.

Die Opritschniks hatten ihre Plätze eingenommen, ohne indes die vor ihnen stehenden Speisen vor dem Erscheinen des Zaren zu berühren.

Bald traten Tischaufseher je zwei und zwei in den Saal und stellten sich hinter dem Platz des Zaren auf; hinter ihnen erschienen der Haushofmeister und der Obermundschenk.

Endlich tönten Trompetenklänge und alle Glocken des Palastes begannen zu läuten. Gemessenen Schrittes trat Zar Iwan Wassiljewitsch in den Saal. Als Sserebrjanyi den Zaren erkannte, sah er, daß tatsächlich eine grauenvolle Veränderung mit Iwan Wassiljewitsch vorgegangen sein mußte. Die regelmäßig geschnittenen Züge waren auch jetzt noch schön, aber das ganze Antlitz war schärfer und härter geworden, die Adlernase trat stärker hervor, in den Augen glühte unheimliches Feuer. Tiefe Falten hatten sich in seine Züge eingegraben, und im Gegensatz zu früher bedeckte nur noch wenig spärliches Haar Haupt und Kinn, so daß man diesen Mann, der erst fünfunddreißig Jahre zählte, für weit älter gehalten hätte.

Beim Erscheinen des Zaren hatten sich alle Anwesenden erhoben und tief verneigt.

Der Zar schritt langsam zwischen den langen Tischreihen hindurch, blieb vor seinem Platze stehen, verneigte sich ebenfalls nach allen Seiten und ließ einen prüfenden Blick über alle Versammelten gleiten. Dann verlas er mit lauter, deutlicher Stimme ein langes Tischgebet, schlug feierlich das Kreuzeszeichen, segnete die Mahlzeit ein und ließ sich endlich auf seinen Sessel nieder.

Jetzt stellten sich Lakaien in goldbestickten Kaftans aus leuchtend violettem Sammet vor dem Platze des Zaren auf, verneigten sich bis zur Hüfte und entfernten sich, um die Speisen zu holen. Bald erschienen sie wieder, auf goldenen Schüsseln dreihundert gebratene Schwäne tragend.

Sserebrjanyi saß nicht weit von der Tafel des Zaren entfernt mit den Semschtschina-Bojaren zusammen, die alle nicht zur Opritschnina gehörten, aber heute wegen ihres hohen Ranges für wert befunden worden waren, außer den dreihundert Opritschniks, die Iwans gewöhnliche Tischgesellschaft bildeten, an der Tafel des Zaren teilzunehmen.

Einige von ihnen waren Sserebrjanyi noch aus der Zeit vor seinem litauischen Feldzuge bekannt. Er wandte sich an seinen Nachbarn, einen Bojaren, den er von früher her kannte.

»Wer ist jener Jüngling, der dem Zaren zur Rechten sitzt, jener mit dem bleichen und mürrischen Gesicht?«

»Das ist der Zarewitsch Iwan Iwanowitsch«, erwiderte der Bojar und fügte dann, sich vorsichtig nach allen Seiten umblickend, leiser hinzu: »Gott möge uns gnädig sein! Er ist nicht nach dem Großvater, sondern nach dem Vater geschlagen, und trotz seiner großen Jugend ist sein Herz schon hart und verstockt. Seine Regierung wird uns wohl kaum zum Segen gereichen.«

»Und wer ist jener schwarzäugige junge Mann mit dem freundlichen Gesicht dort unten am Tafelende? Die Züge kommen mir bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen, wo ich ihn schon gesehen habe.«

»Du wirst ihn wohl vor fünf Jahren unter den Leibwächtern des Zaren gesehen haben, seitdem aber ist er hoch gestiegen und wird noch immer höher steigen. Es ist Boris Fjodorowitsch Godunoff, der besonders bevorzugte Berater des Zaren. Siehst du«, fuhr der Bojar mit gedämpfter Stimme fort, »da neben ihm jenen breitschultrigen rothaarigen Menschen, der keinen eines Blickes würdigt und mit finstrer Miene in seinem Schwan herumstochert? Weißt du, wer das ist? Es ist Grigorij Skutaroff Bjelskij mit dem Beinamen Maljuta. Er ist Freund, Vertrauter und Scharfrichter des Zaren. Hier im Kloster aber bekleidet er das Amt eines Pater Sakristan. Es scheint, daß der Zar ohne ihn keinen Schritt tut; Boris Godunoff allein sticht ihn noch aus. Und siehst du dort den Jüngling, der wie ein zartes Mädchen aussieht und dem Zaren gerade Wein einschenkt? Es ist Fjodor Alexejewitsch Baßmanoff.«

»Jener dort?« fragte Sserebrjanyi, der in dem eben Beschriebenen den jungen Opritschnik wiedererkannte, der ihm schon auf dem Hofe durch sein weibisches Benehmen aufgefallen war und dessen böser Scherz ihm fast das Leben gekostet hatte.

»Ja, den meine ich. Der Zar kann ohne ihn gar nicht leben. Wenn er jedoch eine ernste Sache zu beraten hat, so wendet er sich aber nicht an ihn, sondern immer an Boris.«

»Ja«, sagte Sserebrjanyi, Godunoff aufmerksam betrachtend, »jetzt kann ich mich auch auf ihn besinnen. Diente er nicht damals bei den Bogenschützen des Zaren?«

»Ja, Fürst! Nur war das kein rechtes Amt für ihn, weil es nicht genug Gelegenheit zu bieten schien, sich auszuzeichnen. Eines Tages gelang ihm das aber doch. Damals war gerade der Gesandte des Tatarenchans Dewlet-Mursa hier, der als ein trefflicher Bogenschütze galt. Er machte sich einen Spaß daraus, nach einer Tatarenmütze zu zielen, die etwa hundert Schritt vom Zelt des Zaren auf einer Stange befestigt war. Das trug sich nach Tische zu, als schon so mancher Becher gekreist war. Da stand Iwan Wassiljewitsch auf und sprach: ›Bringt mir meinen Bogen, ich werde nicht schlechter als der Tatar zielen.‹ Dieser aber freute sich und sprach: ›Ja, Väterchen Zar, laß uns wetten! Ich setze hundert Pferde und du?‹ ›Ich wette mit dir um die gute Stadt Rjasanj!‹ sagte der Zar und wiederholte, daß man ihm seinen Bogen bringen sollte. Boris stürzte sich sofort eilends in den Sattel, holte Köcher und Bogen und kam damit angetrabt. Das Roß aber bäumt sich plötzlich auf, geht mit ihm durch und stürzt darauf mit dem Reiter zu Boden. Nach einer Viertelstunde kommt Boris zum Zaren zurück: der Köcher ist zerbrochen, die Sehne zerrissen, der Bogen gespalten, die Pfeile in alle Winde zerstreut; Boris selbst mit zerschlagenem Kopf. Er wirft sich dem Zaren zu Füßen: ›Vergib mir, erhabener Zar! Ich konnte das Roß nicht bändigen und habe deines Bogens nicht geachtet!‹ Der Zar aber war inzwischen nüchterner geworden. ›Nun‹, sagte er, ›dann sollst du von heute an nicht mehr meine Pfeile betreuen; mit einem fremden Bogen aber werde ich nicht schießen.‹ Seit jenem Tage ist Boris gestiegen. Niemals drängt er sich vor und ist doch immer zur Stelle, nie widerspricht er dem Zaren und geht dabei doch seinen eigenen Weg; in keine blutige Angelegenheit ist er verwickelt, an keiner Hinrichtung beteiligt. Um ihn herum spritzt unaufhörlich Blut; er aber steht makellos und rein dazwischen, wie ein unschuldiges Kind; ja nicht einmal zur Opritschnina gehört er!«

»Sage einmal, Bojar«, fragte Sserebrjanyi mit Eifer, »wer ist jener große, schlanke Mann mit den schwarzen Augen und dem blonden Haar? Er gießt einen Becher nach dem andern die Kehle hinunter, und noch dazu was für Becher. Jetzt ist er schon beim vierten angelangt. Er kann wohl einen tüchtigen Schluck vertragen, nur scheint ihn der Wein nicht in frohe Stimmung zu versetzen. Sieh, wie finster er die Brauen hochgezogen hat, und seine Augen scheinen wütende Blitze zu schießen. Ist er nicht recht bei Sinnen? Schau' doch, wie er das Tischtuch mit seinem Messer bearbeitet!«

»Ich glaube, du müßtest ihn eigentlich kennen, er ist einer von den Unsrigen. Allerdings ist er nicht wiederzuerkennen seit der Zeit, da er dem Bojarentum zur ewigen Schmach unter die Opritschniks gegangen ist. Es ist Fürst Afanaßij Iwanowitsch Wjasemskij. Er ist tollkühner als alle anderen zusammen, aber seitdem die Liebe ihn gepackt hat, ist er nicht mehr er selbst. Er sieht und hört nicht, was um ihn herum vorgeht und redet nur immer vor sich hin, wie ein Wahnsinniger. Vor dem Zaren aber führt er oft so merkwürdige Reden, daß man es mit der Angst bekommt.«

Der Bojar beugte sich näher zu Sserebrjanyi herüber, um ihm mehr von Wjasemskij zu erzählen, als ein Tischaufseher herantrat, eine Schüssel mit Braten vor den Fürsten hinstellte und sprach:

»Nikita! Unser erhabener Herr geruht, dir eine Schüssel von seiner Tafel zu senden!«

Der Fürst erhob sich und verneigte sich, der Sitte entsprechend, tief vor dem Zaren. Darauf standen alle diejenigen, die mit dem Fürsten an einem Tische saßen, ebenfalls auf, um ihn zur Gunstbezeugung des Zaren zu beglückwünschen. Sserebrjanyi dankte jedem durch eine besondere Verneigung.

Inzwischen war der Tischaufseher zur Tafel des Zaren zurückgekehrt und sprach: »Erhabener Zar! Nikita hat die Schüssel empfangen und läßt dir seinen untertänigsten Dank entbieten!«

Als die Schwäne verzehrt waren, verließen die Diener wieder je zwei zu zwei den Saal und kehrten mit dreihundert gebratenen Pfauen zurück, deren Schweife fächerartig über den Rand der Schüsseln ausgebreitet waren. Nach den Pfauen folgten längliche Fischpiroggen und Hühnerpasteten, mit Fleisch und Käse gefüllte Piroggen, die verschiedensten Arten von Eierspeisen und Gebäck. Während die Gäste speisten, schritten Diener hin und her und schenkten verschiedene Sorten Met ein, der aus Kirschen, Wacholder und Faulbeeren bereitet war. Andere wieder reichten Romaneja und fremde Weine, so Rheinwein und Muskateller. Tischaufseher schritten zwischen den Tafelreihen auf und nieder, um den Dienern Anweisungen zu erteilen und alles genau zu überwachen.

Sserebrjanyi gegenüber saß ein alter Bojar, gegen den der Zar, wie man sich zuraunte, einen Zorn gefaßt hatte. Zum Erstaunen aller brachte ihm der Obermundschenk, Fjodor Baßmanoff, einen Becher Weines.

»Wassilij!« sagte Baßmanoff. »Unser erhabener Herr geruht, dir diesen Becher zu senden!«

Der Greis erhob sich, verneigte sich tief vor dem Zaren und leerte den Becher, während Baßmanoff zum Platze des Zaren zurückkehrte und sprach:

»Wassilij hat den Becher geleert und läßt dir seinen untertänigsten Dank entbieten!«

Am Tische des alten Bojaren hatten sich alle erhoben, um ihn zu der Ehre zu beglückwünschen; vergeblich aber harrten sie seines Gegengrußes. Der Bojar stand regungslos; sein Atem ging schwer; er zitterte an allen Gliedern. Plötzlich füllten sich seine Augen mit Blut, sein Gesicht wurde blau, und er stürzte zu Boden.

»Der Bojar scheint betrunken zu sein!« sagte Iwan Wassiljewitsch kalt. »Man trage ihn hinaus!«

Ein Raunen ging durch die langen Reihen, die Bojaren sahen sich schweigend an und senkten dann scheu den Blick, ohne zu wagen, ein Wort zu sprechen. Sserebrjanyi zuckte zusammen. Noch vor kurzer Zeit hatte er an die Grausamkeiten des Zaren nicht glauben wollen, nun mußte er selbst Zeuge seiner fürchterlichen Rache sein.

›Vielleicht harrt meiner das gleiche Los!‹ dachte er bei sich.

Inzwischen hatte man den alten Bojaren hinausgetragen, und das Gelage nahm seinen Fortgang, als wäre nichts geschehen. Guslas ertönten, Glocken läuteten, die Höflinge unterhielten sich mit lauter Stimme. Die Diener, die zuerst in Sammetgewänder gekleidet waren, tauchten jetzt in Dolmans, leichten Sommergewändern aus Brokat, wieder auf. Zuerst stellten sie jetzt verschiedene Sülzen und Gallerte auf die Tafeln, dann Kraniche auf gewürzten Kräutern, gesalzene Hähne mit Ingwer, Hühner, von denen die Knochen bereits entfernt waren, und Enten mit Gurken. Dann trugen sie die verschiedensten Brühen herbei und dreierlei Fischsuppen, solche mit weißem, mit schwarzem Hühnerfleisch oder mit Safran zubereitet.

Nach der Fischsuppe wurden Haselhühner mit Pflaumen, Gänsebraten mit Hirsebrei und Birkhühner mit Safran gereicht.

Hierauf trat eine kurze Pause im Mahle ein, während der den Gästen Johannisbeermet, Alikante, feuriger Cypernwein und Malavir eingeschenkt wurde.

Die Unterhaltung wurde mit der Zeit immer lebhafter, das Lachen lauter; die Gemüter erhitzten sich. Sserebrjanyi betrachtete die einzelnen Gesichter der Opritschniks genauer und erblickte an einem entfernteren Tische den jungen Opritschnik, der ihn noch vor wenigen Stunden aus den Tatzen des Bären gerettet hatte. Er fragte seine Nachbarn nach ihm, aber keiner schien ihn zu kennen. Der junge Opritschnik saß, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf in die Hände vergraben, tief in Gedanken versunken da, ohne an der allgemeinen Festfreude teilzunehmen. Sserebrjanyi wollte sich gerade bei einem vorbeikommenden Diener nach ihm erkundigen, als er eine Stimme hinter sich hörte:

»Nikita! Unser erhabener Herr geruht, dir diesen Becher zu senden!«

Sserebrjanyi zuckte unwillkürlich zusammen. Hinter ihm stand mit höhnischem Lächeln Fjodor Baßmanoff und reichte ihm den Becher. Ohne einen Augenblick zu zaudern, verneigte sich Sserebrjanyi tief vor dem Zaren und leerte den Becher mit einem Zuge.

Aller Blicke waren voll atemloser Spannung auf ihn gerichtet. Er selbst war auf den sicheren Tod gefaßt und wunderte sich nur, daß er noch immer nichts von den Wirkungen des tödlichen Giftes verspürte; statt des Schüttelfrostes und qualvollen Erstarrens fühlte er nur, wie eine wohlige Wärme seine Adern durchströmte, die die unwillkürliche Blässe aus seinem Gesicht vertrieb. Es war kein Zweifel mehr, das Getränk, das ihm der Zar hatte reichen lassen, war unverfälschter edelster Cypernwein. Nun war es Sserebrjanyi klar, daß ihm der Zar entweder seine Schuld verziehen hatte oder aber von der Kränkung, die er seinen Opritschniks in Medwedewka angetan, noch nichts erfahren hatte.

Schon länger als vier Stunden hatte bis jetzt das Mahl gedauert, und doch war erst die Hälfte der Speisen verzehrt. An diesem Tage hatten sich die Köche des Zaren selbst übertroffen. Noch nie waren ihnen die Zitronenkaljas, Eine Art russischer Fischsuppe. die Nierenbraten und die Karausche mit Hammelfleisch so vortrefflich geraten. Besonderes Erstaunen erregten riesenhafte Fische, die im Weißen Meer gefangen und aus dem Kloster Ssolowetz nach der Sloboda geschickt worden waren. Man hatte sie lebend in riesigen Tonnen herbeigeschafft; der Transport hatte mehrere Wochen gedauert. Diese Fische fanden auf den ungeheuren goldenen und silbernen Platten, die von mehreren Lakaien getragen werden mußten, kaum Platz. Sie waren so kunstvoll angerichtet, daß sie wie Hähne mit ausgebreiteten Flügeln oder wie fliegende Schlangen mit weitaufgesperrten Mäulern aussahen. Besonders schmackhaft waren auch die Hasen mit Nudeln, und soviel die Gäste auch schon verzehrt hatten, sie ließen sich doch weder die Wachteln mit Knoblauchsauce noch die Lerchen mit Zwiebeln und Safran entgehen.

Endlich aber wurden auf ein Zeichen der Tafelaufseher Salz-, Pfeffer- und Essigbehälter und alle Fleisch- und Fischgerichte von den Tischen geräumt. Die Diener verließen wieder je zwei zu zwei den Saal und kamen in neuen Kostümen wieder.

Sie hatten die Brokatdolmans mit noch kostbareren Sommerkontuschen aus weißem Seidensammet vertauscht, die mit Silber bestickt und mit Zobelstreifen eingefaßt waren. In diesem Anzug trugen sie einen riesigen Zuckerguß, der den Moskauer Kremlj darstellte und seine fünf Pud Ein Pud entspricht ungefähr 32 Pfund. wiegen mochte, in den Saal und setzten ihn auf die Tafel des Zaren. Besonders kunstvoll waren die Türme und Zinnen, auf denen sogar eine fein ausgeführte Reiterei nicht fehlte. Ähnliche Kremlj, nur etwas kleiner und etwa drei Pud schwer, standen auch auf allen anderen Tischen. Nach den Zuckerkremlj trugen sie an die hundert vergoldete und bemalte Bäume herein, an denen statt der Früchte Honig- und Pfefferkuchen und allerlei anderes süßes Backwerk hing. Zu gleicher Zeit erschienen auf den Tischen Löwen, Adler und andere Vögel aus Zuckerguß. Zwischen diesen häuften sich Berge von Äpfeln, Beeren und Walnüssen; aber die Früchte fanden kaum mehr Zuspruch, denn alle Gäste waren vollauf gesättigt. Einige sprachen wohl noch immer fleißig der Romaneja zu, aber mehr aus Gewohnheit als aus Durst; andere waren eingeschlafen, das Haupt auf den Ellenbogen gestützt, viele lagen betrunken unter den Bänken; alle ohne Ausnahme hatten die Gürtel abgenommen und die Kaftans aufgeknöpft.

Der Zar selbst hatte fast nichts zu sich genommen, sich aber lebhaft mit seiner Umgebung unterhalten und gescherzt. Sein Gesicht hatte während des ganzen Mahles den gleichen Ausdruck beibehalten. Dasselbe konnte man von Godunoff sagen. Boris Fjodorowitsch hatte weder ein gutes Gericht an sich vorbeigehen lassen, noch hatte er den edlen Wein verschmäht; er schien heiterer Stimmung zu sein und unterhielt den Zaren durch seine geistvollen Gespräche; nicht ein einziges Mal aber vergaß er sich. Seine Züge zeigten auch jetzt genau wie zu Anfang des Mahles ein Gemisch von Scharfsinn, Selbstbeherrschung und Sicherheit. Er ließ einen flüchtigen Blick über die Schar der betrunkenen Höflinge schweifen, und ein verächtliches Lächeln zuckte um seine Lippen.

Der Zarewitsch Iwan hatte wenig gegessen, aber um so mehr getrunken. Er pflegte meist schweigend dazusitzen und aufmerksam den Worten der anderen zu lauschen, um plötzlich dem Sprechenden durch eine beleidigende Äußerung ins Wort zu fallen.

Besonders hatte er es auf Maljuta Skuratoff abgesehen, obgleich dieser nicht der Mensch zu sein schien, der eine Beleidigung ohne weiteres einsteckte. Skuratoffs Äußeres mußte selbst dem Furchtlosesten Grauen einflößen. Seine Stirn war niedrig und gedrungen, das Haupthaar fast über den Augenbrauen angewachsen. Backen und Kieferknochen waren unverhältnismäßig stark entwickelt; der Schädel erweiterte sich zum Nacken zu ohne Übergang zu einem breiten Kessel; Hinter den Ohren saßen so starke Höcker, daß diese sich kaum dagegen hervorhoben; die Augen von unbestimmbarer Farbe sahen keinen direkt an, jedem aber, der ihrem trüben Flackern begegnete, ging ihr Blick durch Mark und Bein.

Es schien, als wenn kein einziges edles Gefühl und kein Gedanke, der sich aus dem Bereiche tierischer Instinkte erhob, in diesem engen, von einer dicken Schädeldecke und einem dichten Haarschopf umgebenen Hirn Platz finden konnte. In seinen Zügen lag etwas Erbarmungsloses. Und tatsächlich hatte sich Maljuta auch von allen Menschen abgeschlossen und lebte mitten unter den anderen Höflingen des Zaren ganz für sich, war jeder Freundschaft, jeglichen vertraulichen Beziehungen abgeneigt, ja hatte aufgehört, ein Mensch zu sein und sich zum Hunde des Zaren herabgewürdigt, bereit, ohne Unterschied jeden zu zerfleischen, auf den ihn Iwan zu hetzen beliebte.

Der einzige menschliche Zug in Maljutas Wesen war seine Liebe zu seinem Sohne, dem jungen Maxim; aber auch dieses Gefühl war mehr die Liebe eines wilden Tieres zu seinem Jungen, eine unbewußte Liebe, die indessen der Aufopferung fähig war. Diese Liebe verdoppelte Maljutas Ehrgeiz. Selbst von niedriger Herkunft, ward er von Neid verzehrt beim Anblick all des vornehmen Glanzes, der ihn umgab und er wollte wenigstens seiner Nachkommenschaft den ersehnten Emporstieg sichern.

Der Gedanke, daß Maxim in den Augen des Volkes immer niedriger dastehen würde, als jene hochmütigen Bojaren, die er zu Dutzenden vom Leben zum Tode beförderte, konnte ihn zur Raserei bringen. So versuchte er unermüdlich, wenigstens mit Hilfe des Geldes die Ehren zu erringen, die ihm seiner Geburt nach versagt waren, und er gab sich mit doppeltem Eifer und mit doppelter Wollust seinem furchtbaren Berufe hin. Abgesehen von all diesen Erwägungen war ihm aber auch das Blutvergießen ein Bedürfnis und ein schauerlicher Genuß. Viele Menschen hatte er mit eigener Hand umgebracht, und die Chroniken berichten, daß er oft nach der Hinrichtung die Leichen eigenhändig zerstückelt und die blutigen Fetzen den umherstreifenden Hunden zum Fraße hingeworfen hätte.

Heute hatte ein besonderer Fall dem Zarewitsch Veranlassung gegeben, sich über Maljuta lustig zu machen. Schon lange hatte dieser, von Neid und Ehrgeiz gepeinigt, danach gestrebt, den Bojarentitel zu erwerben; der Zar aber, der zuweilen auf lang eingebürgerte Sitten Rücksicht nahm, wollte nicht den allerhöchsten Stand durch Aufnahme eines Günstlings von so niedriger Herkunft entwürdigen. Er hatte bisher alle Gesuche und Bitten Maljutas beharrlich zurückgewiesen. Skuratoff aber wollte sich nochmals dem Zaren in Erinnerung bringen. Gerade an diesem Tage war er, als Iwan sein Schlafgemach verlassen hatte, dem Zaren wieder zu Füßen gefallen, hatte ihm erneut all seine Verdienste aufgezählt und ihn abermals um den Bojarenhut gebeten. Iwan hatte seinen Ausführungen geduldig zugehört, ihn dann aber laut ausgelacht und einen Hund gescholten. Diesen Mißerfolg hielt ihm der Zarewitsch nun vor allen anderen vor.

Maljuta ließ schweigend alles über sich ergehen, war aber auffallend bleich geworden.

Mit Verdruß bemerkte der Zar die Spannung zwischen Maljuta und seinem Sohne. Um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, wandte er sich an Wjasemskij.

»Nun, mein lieber Afanaßij«, sprach er halb freundlich teilnahmsvoll, halb ironisch, »noch immer der gleiche Liebeskummer? Ich kenne ja meinen guten Opritschnik gar nicht mehr wieder. Plagt sie dich so, die Liebe, die falsche Schlange?«

»Wjasemskij ist gar kein richtiger Opritschnik«, bemerkte der Zarewitsch. »Er seufzt ja wie ein schönes Mägdlein. Ja, Väterchen Zar, du solltest ihm lieber einen Weiber-Ssarafan anziehen und den Bart scheren lassen, wie deinem Fedjka Baßmanoff oder ihn zur Gusla singen lassen. Wahrlich, die Gusla scheint mir besser zu ihm zu passen als das Schwert!«

»Zarewitsch!« brauste Wjasemskij auf, »wenn du nur fünf Jährlein mehr zähltest und nicht der Sohn meines erhabenen Herren wärst, wahrlich, für diese Kränkung würde ich dich auf der Stelle auf den Troitzka-Platz in Moskau herausfordern, um festzustellen, wer von uns beiden das Schwert schwingen und wer zur Gusla singen sollte!«

»Afojka!« sagte der Zar strenge, »vergiß nicht, vor wem du hier sprichst!«

»Wenn ich schuldig vor deinen Augen befunden werde, Zar Iwan Wassiljewitsch«, erwiderte Wjasemskij keck, »so laß mir doch ruhig den Kopf abschlagen, aber ich lasse mich auch nicht vom Zarewitsch beleidigen!«

»Nein, Afonja«, sagte Iwan Wassiljewitsch, der Wjasemskij schon manchen ähnlichen Ausfall um seiner Unerschrockenheit willen verziehen hatte, »erst sollst du noch deinem Zaren treue Dienste leisten. Ich will dir lieber ein Märchen erzählen, das mir letzte Nacht der blinde Filjka vorgetragen hat. Höre: In der berühmten und schönen Stadt Rostoff lebte einst ein edler Jüngling mit Namen Aljoscha Popowitsch, der sich sterblich in eine junge Fürstin verliebt hatte, deren Namen ich leider vergessen habe. Zu seinem großen Kummer aber war die Angebetete verheiratet, und zwar mit dem alten Tugarin Smijewitsch, und was auch Aljoscha Popowitsch versuchte, immer und immer wieder wurde er abgewiesen. ›Ich kann dich nicht lieben, braver Jüngling, ich liebe allein meinen Mann, meinen lieben alten Smijewitsch.‹ ›Gut‹, dachte Aljoscha, ›du wirst mich schon noch lieben lernen, mein weißer Schwan!‹ Er nahm sich ein paar tüchtige Gesellen, drang mit ihnen in das Schloß des alten Smijewitsch ein und entführte das junge Weib. Das aber sprach: ›Wohl dir, du edler Jüngling! Wahrlich, du verstehst recht zu lieben; mit der Waffe hast du dich meiner würdig erwiesen, dafür liebe ich dich jetzt mehr als mein Leben, mehr als das Licht des Tages, mehr als meinen verwünschten alten Smijewitsch!‹ – Nun, Afonja?« fragte der Zar, Wjasemskij durchdringend ansehend, »wie gefällt dir das Märchen des blinden Filjka?«

Wjasemskij hatte die Worte des Zaren begierig verschlungen. Sie waren in seine wunde Seele gefallen wie glühende Funken auf lockeres Stroh; die Leidenschaft loderte mit neuer Wucht in ihm auf; seine Augen brannten.

»Afanaßij«, fuhr der Zar fort, »ich begebe mich dieser Tage auf die Wallfahrt ins Kloster Susdalj, reite du inzwischen nach Moskau zum Bojaren Andrejewitsch Morosoff, erkundige dich nach seiner Gesundheit und bestelle, daß ich dich geschickt hätte, um ihn von der Acht zu befreien. Und«, fügte er mit bedeutungsvollem Blick hinzu, »nimm auch ein gut Teil Opritschniks mit, damit du der Sache mehr Ansehen verleihst!«

Endlich erhob sich Iwan. Unter den Höflingen entstand sofort eine Bewegung wie in einem Bienenstock, der durch irgend eine Störung in Aufregung geraten ist. Wer seiner Sinne noch einigermaßen mächtig war, stand ebenfalls auf und trat zum Zaren heran, um sich die gebackenen Pflaumen geben zu lassen, die er eigenhändig auszuteilen pflegte.

In diesem Augenblick drängte sich durch die Menschenmenge ein Opritschnik, der nicht an dem Mahle teilgenommen hatte, ging auf Maljuta zu und flüsterte ihm hastig etwas ins Ohr.

»Erhabener Herr!« rief dieser darauf zornbebend aus: »Etwas ganz Unerhörtes ist geschehen: Verrat wider deine erhabene Person! Vor einigen Tagen schickte ich eine Abteilung Opritschniks in die Umgebung Moskaus, die erkunden sollte, wie die Bewohner deine Befehle befolgen; dabei sind sie plötzlich von einem unbekannten Bojaren überfallen worden, der viele getötet und meinen Reitknecht übel zugerichtet hat. Er selbst steht, schwer verwundet, vor der Tür. Befiehlst du, daß ich ihn rufen lasse?«

Iwan ließ einen schnellen prüfenden Blick über die Versammelten gleiten. Dann nahmen seine Züge den Ausdruck einer eigentümlichen Befriedigung an und er sagte mit gelassener Stimme:

»Ja, laß ihn rufen!«

Sofort wich die Menge auseinander, und Mattwej Chomjak trat mit verbundenem Kopf in den Saal.

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