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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Russische Gastfreundschaft

Morosoff hatte den Fürsten schon als Knaben gekannt, aber nun seit längerer Zeit aus den Augen verloren. Als Sserebrjanyi nach Litauen auszog, war Morosoff Wojewode in irgend einer entfernten Stadt, so daß sie sich seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen hatten. Sserebrjanyi hätte ihn aber auch jetzt auf den ersten Blick wiedererkannt, denn der Bojar Morosoff gehörte zu den Menschen, die sich wenig verändern und deren Züge sich dem Menschen tief einprägen.

»Willkommen, Fürst! Herzlich willkommen, teurer Gast! Solch einen Besuch sendet einem Gott nicht alle Tage!« rief Morosoff erfreut aus, als er Sserebrjanyi in den geräumigen Saal führte. Lange Eichenbänke standen an den Seiten, vor dem mächtigen Ofen eine Kachelofenbank; an den Wänden hingen wertvolle Waffen; goldenes und silbernes Gerät war auf breiten Wandbrettern verteilt.

»Nochmals von Herzen willkommen in meinem Hause, Fürst! Ich besinne mich noch genau auf dich, als du noch ein Knabe warst. Ein keckes Bürschchen schon damals, das muß ich sagen! Wenn ihr als Kinder Krieg spieltet, wehe dem, der gerade dein Gegner war! Du stießest auf ihn zu wie ein lichter Falke; und wenn dein junges Blut sich dann erhitzte, tapptest du auf deine Feinde los wie ein junger Bär – verzeih den Ausdruck, Nikita Romanowitsch – und hiebst bald rechts bald links um dich, daß es eine Freude war! Na, und es ist ja auch ein wackerer Bursche aus dir geworden, ich habe deine Taten in Litauen genug rühmen hören. Du hast ihnen ordentlich den Garaus gemacht, unseren verfluchten Feinden, genau so wie du früher die Spielkameraden verprügelt hast!«

Und vergnügt schmunzelte Morosoff, den Gast wohlwollend betrachtend.

»Und weißt du noch, Nikituschka«, fuhr er weiter fort, indem er seine Hand auf des Fürsten Schulter legte, »weißt du noch, wie du bei keinem Spiel Betrug und Falschheit vertragen konntest! Ob du dich nun gerade mit den Rangen herumbalgtest oder ihr einen anderen Strauß miteinander auszufechten hattet, eher ließest du dich zur Erde werfen, als daß du einem ein Bein gestellt oder sonst etwas gegen die Verabredung getan hättest!«

Dem Fürsten waren die gutgemeinten Lobreden des Alten äußerst unangenehm.

»Bojar«, sagte er, »hier ist ein Brief vom Fürsten Pronskij an dich!«

»Danke dir, Fürst, ich kann ihn nachher lesen; es eilt ja nicht – jetzt laß mich dich erst etwas bewirten! Aber wo ist denn Jelena Dmitrijewna? Hallo! Ist dort jemand? Sagt doch meiner Frau, wir hätten einen teuren Gast im Hause, Fürst Nikita Romanowitsch Sserebrjanyi, sie möchte gleich kommen, um ihm aufzuwarten!«

Leise trat Jelena herein, ein Tablett in der Hand, auf dem mehrere Becher standen, gefüllt mit verschiedenen Weinen. Die Bojarinja verneigte sich tief vor Sserebrjanyi, als wenn sie ihn zum erstenmal erblickte. Sie war bleich wie der Tod.

»Fürst«, sprach Morosoff, »das ist die Frau des Hauses, Jelena Dmitrijewna. Liebe und ehre sie! Bist du uns doch wie ein lieber Verwandter, Nikita Romanowitsch. Dein Vater und ich, wir waren Brüder, und so darf dir auch meine Frau keine Fremde sein!

Begrüße den Bojaren, Jelena! So! Und nun bewirte ihn!

Laß dir's recht gut schmecken bei uns, Fürst, verschmähe nicht unser Salz und Brot! Wir geben dir von Herzen gerne, womit wir auftischen können. Hier ist Romaneja Ein süßer Aufguß von Franzbranntwein., dort Ungarwein, dann hier Himbeermet, den die Hausfrau selbst bereitet hat!«

Morosoff verneigte sich tief vor dem Gast, der beider Gruß ehrfurchtsvoll erwiderte und darauf den Becher leerte.

§§§

Jelena hatte den Blick noch nicht ein einziges Mal zu Sserebrjanyi erhoben. Ihre langen Wimpern waren gesenkt. Sie bebte an allen Gliedern, so daß die Becher auf dem Tablett, das sie dem Gast reichte, gegeneinander klirrten.

»Was ist dir?« flüsterte Morosoff besorgt Jelena zu. »Du bist doch nicht etwa krank? Dein Gesicht ist ja weiß wie Schnee. Ist am Ende wieder Wjasemskij am Gartenzaun vorbeigeritten? Ja wirklich, es scheint so, daß dich der Ruchlose wieder erschreckt hat! Gräm' dich nicht deswegen, mein liebes Kind, du kannst ja nichts dafür! Geh aber lieber nicht ohne mich in den Garten. Und nun beruhige dich, mein liebes Herz, ich lasse dich schon von keinem beleidigen. Lach' doch wieder und sei vergnügt, damit dir der Gast nichts anmerkt!

»Verzeih, Nikita Romanowitsch, ich habe nur eben mit meiner Frau besprochen, was sie für dich zum Essen bestellen soll. Du hast gewiß noch nicht zu Mittag gespeist, Fürst?«

»Hab' Dank, Bojar, ich habe bereits gegessen!«

»Das tut nichts, Nikita Romanyitsch, dann ißt du eben noch einmal! Geh, Jelena, und ordne alles an! Und du, Bojar, iß, was uns Gott gegeben hat und kränke nicht einen in Ungnade gefallenen Greis. Schon so habe ich Kummer genug!«

Und Morosoff wies auf seine langen weißen Haare, die ungepflegt und ungeschoren über die hohe Stirn herabfielen.

»Ich sehe, Bojar, ich mag meinen Augen nicht trauen, du in Ungnade beim Zaren? Weswegen denn? – Verzeih die unbescheidene Frage!«

Morosoff seufzte tief auf.

»Weil ich an der guten Sitte festhalte, die Bojarenehre wahre und vor des Zaren neuen Günstlingen keine Bücklinge mache!«

Mit finsterer Miene berichtete er von seinem Rangstreit mit Godunoff und beklagte sich bitter über die Ungerechtigkeit des Zaren.

»Vieles, vieles hat sich in Moskau geändert, Fürst, seit der Zar die Opritschnina eingeführt hat!«

»Ja, Bojar, was ist denn eigentlich diese Opritschnina? Ich bin bereits Opritschniks begegnet, aber ich werde nicht klug daraus!«

»Ach, Nikita Romanyitsch, wir müssen wohl Gott den Herrn schwer erzürnt haben, daß er des Zaren lichte Augen getrübt hat. Seitdem ruchlose Verleumder Silvester und Adascheff Einflußreiche Staatsmänner, die in den ersten Regierungsjahren Iwans des Schrecklichen in hohem Ansehen gestanden hatten. des Verrats beschuldigten und der Zar sie von sich stieß, sind die guten Zeiten dahin. Iwan Wassiljewitsch begann Verdacht gegen uns zu hegen, sprach von Verrat und Verschwörungen, die keinem einzigen von uns je in den Sinn gekommen sind. Seine neuen Günstlinge aber freuten sich darüber und fingen an, ihm noch mehr von den Bojaren zuzuflüstern, der eine aus Bosheit, der andere, um sich in die Gunst des Zaren einzuschmeicheln. Er aber hatte für all ihre schamlosen Lügen ein offenes Ohr. Jeder, der sich irgend eines persönlichen Feindes entledigen wollte, brauchte ihn nur beim Zaren zu verleumden, als wenn er schlecht von Iwan gesprochen hätte oder es gar mit dem Tartarenchan oder mit dem Polenkönig hielte. Und die Schamlosen küßten auf ihre Lügen das Kreuz, ohne Gottes Strafgericht zu fürchten und fälschten Briefe und Unterschriften. Viele, viele wurden in den Kerker geworfen, Nikita Romanyitsch, und unschuldig schrecklichen Folterqualen ausgesetzt. Ja, grauenvolle Zeiten sind über uns hereingebrochen; Entsetzen hat alle vor dem Zaren erfaßt. Und nach den Foltern kamen die Hinrichtungen. Wer aber waren die Opfer? – Doch, Fürst, du wirst wahrscheinlich schon von allem gehört haben?«

»Einiges wohl, Bojar, aber meist nur durch unsichere Gerüchte! Es dauert lange, bis derartige Nachrichten nach Litauen kommen. Im übrigen ist es schließlich des Zaren gutes Recht, Übeltäter zu strafen!«

»Wer wollte das bestreiten? Ist er doch dafür Zar, daß er über Tod und Leben verfügen kann. Nur dies ist schmerzlich, daß nicht Übeltäter hingerichtet werden, sondern die treuesten Diener des Zaren: so Adascheff, der Bruder des Alexejeff, mit seinem minderjährigen Sohne, die drei Satins, Iwan Schichkin mit Frau und Kindern und viel andere Unschuldige mehr!«

Schmerzliche Entrüstung furchte sich in Sserebrjanyis Züge.

»Bojar, sicher trägt an all dem nicht der Zar selbst die Schuld, sondern seine heimtückischen Ratgeber!«

»Ach, Fürst, es ist bitter, es auszusprechen und schon der Gedanke daran schrecklich – nicht allein auf die Verdächtigungen seiner bösen Schmeichler hin hat der Zar unschuldiges Blut vergossen. Da hat er zum Beispiel einen neuen Mundschenk Baßmanoff. Dieser beklagte sich eines Tages beim Zaren, daß ihm der Fürst Obolenskij Offtschin ein böses Wort gegeben habe. Was tut der Zar? Nach der Tafel stößt er dem Fürsten mit eigener Hand das Messer in die Brust!«

»Bojar!« rief Sserebrjanyi, erregt von seinem Platze aufspringend aus, »wenn du es nicht wärst, der mir das gesagt hat, wahrlich, ich würde ihn einen schändlichen Verleumder nennen, ja, selbst Hand an ihn legen!«

»Ach, Nikita Romanowitsch, zu alt bin ich zur Lüge! Und wie könnte ich auch meinen eigenen Herrn verleumden?«

»Verzeih, Bojar, aber wie soll ich mir diese grauenvolle Veränderung erklären? Sie müssen den Zaren ganz umschmeichelt, ganz umgarnt haben!«

»So muß es wohl gekommen sein! Aber setze dich und höre weiter! Ein andermal begann Iwan Wassiljewitsch – es ist furchtbar, es auszusprechen – im Rausche mit seinen Günstlingen in Masken zu tanzen. Unter ihnen war auch der Bojar Fürst Michailo Repnin. Er fing an vor Kummer über das unwürdige Schauspiel bitterlich zu weinen. Der Zar aber zwang auch ihn, eine Maske anzulegen. ›Nein!‹ rief Repnin aus, ›ich kann nicht meine Bojarenehre besudeln!‹ und zerstampfte die Maske mit den Füßen. Fünf Tage darauf wurde er auf des Zaren Geheiß im Gotteshause ermordet!«

»O, Bojar! Gott sucht uns fürchterlich heim!«

»Ja, Fürst! Sein unbegreiflicher Wille geschehe! Aber höre weiter! Der Hinrichtungen war kein Ende. Tag für Tag floß in Strömen das Blut in den öffentlichen Richtstätten, in den Kerkern, ja selbst in den Klöstern. Tag für Tag wurden die Knechte der Bojaren ergriffen, und ihnen unter furchtbaren Folterqualen falsche Geständnisse abgepreßt. In der Todesangst verleumdeten viele ihre Herren; diejenigen aber, die das Heil ihrer Seelen retten und ihre Bojaren verteidigen wollten, wurden dem qualvollsten Tode preisgegeben. Viele, viele Gerechte haben sich die Märtyrerkrone erworben, Nikita Romanowitsch! Von Zeit zu Zeit aber schien der Zar in sich zu gehen, begann zu beichten und zu beten und sich selbst in tiefer Reue einen Totschläger und Menschenschlächter zu nennen. Dann stiftete er den Klöstern reiche Spenden und ordnete Totenmessen für die unschuldig Ermordeten an. So büßte Iwan Wassiljewitsch seine Taten.

Nicht lange aber währte die Reue. Höre, Fürst! Eines Morgens wache ich auf und sehe vom Fenster aus in den Straßen Moskaus ein großes Menschengedränge. Das Volk wogt auf und ab, die einen strömen zum Kremlj, die andern fluten von dort zurück. Alle flüstern entsetzt vor sich hin: ›Der Zar geht von uns, und niemand weiß wohin!‹

Ein kalter Schauder läuft mir den Rücken herab. Ich besteige eilig ein Roß; aus allen Straßen drängen die Bojaren zum Kremlj, der eine zu Pferde, der andere zu Fuß, wie das gemeine Volk, keiner hat Zeit, an seine Bojarenwürde zu denken. Wir dringen auch bis zum Iwerskoje Tor vor und sehen, daß von dort Kriegsmannen hervorsprengen. Das Volk weicht vor ihnen zurück; den Kriegsleuten aber folgt ein Schlitten, darin der Zar mit der Zariza und dem Zarewitsch; hinter dem Schlitten des Zaren noch viele, viele andere Schlitten, mit Gepäck und dem ganzen Schatz und Hausrat des Zaren beladen, hinter den Schlitten zu Fuß Beamte und Edelleute, Gerichtsschreiber und Krieger und noch viel andere Leute verschiedensten Ranges. Wir wollten bis zu dem Schlitten vordringen, um uns dem Zaren zu Füßen zu stürzen, die Kriegsleute aber ließen uns nicht hindurch. Der Zar hätte es nicht gestattet!

So setzte sich der Zug längs der Moskwa in Bewegung und ließ bald die kummervolle Stadt hinter sich.

Da kehrten wir in unsere Häuser zurück und warteten lange, ob sich der Zar nicht besinnen und zurückkehren würde. Es vergingen Tage, es verging eine ganze Woche, da erhielt endlich der Metropolit Der höchste geistliche Würdenträger in Rußland. von Moskau vom Zaren einen Brief etwa folgenden Inhalts: ›Aus großer Betrübnis Meines Herzens und um nicht länger die falschen Taten Meiner Untertanen mitansehen zu müssen, habe Ich Mein Reich verlassen und werde ziehen, wohin Gott der Herr Mir den Weg weist.‹

Als diese Nachricht bekannt wurde, begann ein großes Jammern und Wehklagen in ganz Moskau. ›Unser Väterchen Zar hat uns verlassen! Wer soll jetzt über uns herrschen? Wohl war Iwan Wassiljewitsch schrecklich, aber Gott hatte ihn über uns gesetzt, und es war sein heiliger Wille, daß wir heimgesucht wurden, um unsere mannigfachen Sünden zu sühnen!‹ Wir Bojaren faßten darauf in einer ernsten Beratung den Beschluß, uns zum Zaren zu begeben, ihm unsere Köpfe auszuliefern und ihn auf den Knien anzuflehen, doch zurückzukehren. Wir hatten in Erfahrung gebracht, daß Iwan Wassiljewitsch in der Alexandrowa Sloboda wohnte, einem Flecken, der etwa achtzig Werst von Moskau entfernt liegt. Nachdem wir heiße Gebete zu Gott gesandt hatten, machten wir uns auf den Weg. Als wir die Sloboda vor uns liegen sahen, fielen wir noch einmal nieder zu inbrünstigem Gebet; eine große Angst bemächtigte sich unser aller; nicht für unsere Köpfe zitterten wir, sondern wir fürchteten, daß der Zar uns nicht vor seine lichten Augen lassen würde. Zu unserer großen Freude aber gewährte er uns Einlaß. Als wir eintraten, Fürst, war Iwan Wassiljewitsch kaum wiederzuerkennen! Ja, es schien gar nicht mehr dasselbe Gesicht zu sein! Wo war sein Haupthaar, wo sein Bart? Was war in ihm vorgegangen? Lange sprach er mit uns, beschuldigte uns unerhörten Verrates, zählte uns Missetaten auf, von denen keiner von uns nur etwas ahnte, und sprach dann endlich: ›Wohlan denn, Ich will die Regierung Meiner Reiche wieder an mich nehmen, allein auf die Bitte Meiner gottesfürchtigen Bischöfe hin und auch das nur unter einer Bedingung.‹

Darauf reichte er uns die Hand zum Kusse und entließ uns.«

»Und was war das für eine Bedingung?« fragte Sserebrjanyi.

»Das will ich dir gleich erzählen, Bojar. Höre! Es vergingen drei Wochen, da kehrte Iwan Wassiljewitsch nach Moskau zurück. Eitel Freude herrschte in der ganzen Stadt, ja, noch größer war der Jubel als sonst am lichten Ostertage! Bald rief er uns und die Geistlichkeit zu einer Duma Staatsrat. zusammen und gab folgende Erklärung ab:

›Ich übernehme die Regierung nur, um die Übeltäter hinzurichten, die Verräter in die Acht zu tun und über ihr Leben und Eigentum zu entscheiden; aber es sollen Mich fürderhin weder der Metropolit noch die Bojaren mit langweiligen Gnadengesuchen belästigen. Ich selbst will Mir eine besondere Leibwache errichten und Mir zu meinem persönlichen Gebrauche einige Städte und Flecken und in Moskau selbst einige Straßen wählen. Diese Städte, Flecken und Straßen aber will Ich Opritschnina nennen, alles andere aber ist Semschtschina; den Bojaren, dem Metropoliten und allen Behörden des Reiches aber verbiete ich, sich in Meine Hausordnung zu mischen. Nur unter dieser Bedingung nehme Ich die Regierung wieder an!‹

Und von diesem Tage an begann der Zar neue Emporkömmlinge um sich zu scharen, alle niederer Herkunft. Auf das heilige Kreuz mußten sie einen Eid ablegen, daß sie nie mit den Bojaren gemeinsame Sache machen würden. Alles Gut, Häuser und Äcker, die Iwan zu seinem persönlichen Gebrauch genommen hatte, verteilte er unter sie; die alten Besitzer aber, zwölftausend an der Zahl, ließ er wie eine Herde Vieh aus ihrem Eigentum verjagen. Es ist wirklich so, Nikita Romanyitsch! Habe ich es doch mit eigenen Augen mitansehen müssen! Und will und kann es immer noch nicht glauben. Und nun zerstampfen diese blutdürstigen Horden mit ihren Besen und Hundeköpfen das heilige Rußland. Das Recht treten sie mit Füßen und fegen nicht den Verrat aus, sondern die Ehre, zerfleischen nicht die Feinde des Zaren, sondern seine treuesten Diener, und kein Gericht und keine Strafe ahndet ihre Verbrechen!«

»Ja, aber weshalb seid ihr denn auf diese fürchterlichen Bedingungen eingegangen?« fragte Sserebrjanyi.

»Wo denkst du hin, Bojar, kann man denn dem Zaren Vorschriften machen? Ist er nicht von Gott selbst eingesetzt!«

»Gewiß, Bojar, aber er hat euch doch selbst gefragt. Weshalb habt ihr damals nicht gesagt, daß ihr mit den Opritschniks nichts zu tun haben wolltet?«

»Und wenn er dann wieder von uns gegangen wäre? Was hätten wir ohne Zaren angefangen, und was hätte das Volk dazu gesagt?«

Sserebrjanyi wurde nachdenklich.

»Ja!« sagte er nach kurzem Schweigen, »ohne Herrscher konntet ihr nicht bleiben. Nur, weshalb redet ihr jetzt nicht? Weshalb sagt ihr ihm nicht, daß die Opritschnina das ganze Land zugrunde richtet. Weshalb seht ihr all das mit an und schweigt?«

»Habe ich etwa geschwiegen?« antwortete Morosoff mit Würde. »Noch nie habe ich meine Ansichten verheimlicht, gerade deshalb hat mich ja des Zaren Ungnade getroffen! Ja, würde mich der Zar nur zu sich rufen, ich wollte wahrlich nicht schweigen, aber er läßt mich ja nicht vor sein Antlitz treten. Von uns dringt kein einziger mehr bis zu ihm vor. Sieh doch, mit was für Menschen er sich umgeben hat! Welche von den alten Bojarengeschlechtern stehen ihm denn jetzt noch nahe? Ich wüßte kein einziges! Alles sind es Leute niederer Herkunft, deren Väter nicht einmal wert waren, unseren Vorfahren als Knechte zu dienen! Nimm die ersten besten: die beiden Baßmanoff, Vater und Sohn, – es ist schwer zu sagen, welcher der schlimmere von beiden ist. Maljuta Skuratoff – halb Schlächter, halb reißendes Tier, ewig mit Blut besudelt. Waßjka Grjasnoi – der vor keiner auch noch so entehrenden Gemeinheit zurückschreckt, Boris Godunoff – er würde Vater und Mutter verkaufen und noch die eigenen Kinder dazu geben, um in der Gunst des Zaren höher zu steigen. Mit einer höflichen Verbeugung stößt er dir lächelnd das Messer in die Brust! Nur einer von ihnen ist aus altem Geschlecht: Fürst Afanaßij Wjasemskij. Sich und uns alle hat der Schändliche auf ewig entehrt! Aber sprechen wir nicht von ihm!«

Morosoff machte eine abwehrende Handbewegung.

Auch Sserebrjanyi war nachdenklich geworden. Er grübelte über die schreckliche Veränderung nach, die mit Iwan vorgegangen war, und vergaß für kurze Zeit die eigentümliche Lage, in die ihn das Schicksal Morosoff gegenüber gebracht hatte.

Mittlerweile hatten die Diener die Tafel gedeckt. Ohne sich durch irgendwelche Ausreden beirren zu lassen, nötigte Druschina Andrejewitsch seinen Gast, von den verschiedensten Gerichten zu kosten: von allerlei kalten Vorspeisen, Braten, Buttergebackenem, Brühen, Fischpasteten, Piroggen, gebackenem Schinken mit Knoblauch und Zwiebeln. Als dann auch noch die verschiedensten Getränke gereicht wurden, schenkte Morosoff dem Gast und sich selbst einen großen Becher köstlichsten Malvasiers ein, erhob sich, strich sich seine langen Haare aus der Stirn und sprach, den Becher hebend:

»Auf die Gesundheit unseres erhabenen Herren, des Zaren Iwan Wassiljewitsch!«

»Gott der Herr möge seinen Geist erleuchten und ihm die Augen öffnen!« antwortete Sserebrjanyi, indem er den Becher bis zum Grunde leerte. Beide schlugen inbrünstig ein Kreuzeszeichen.

Noch manches erzählte Morosoff über die Angelegenheiten des Reiches. Er erzählte von dem Überfall der Krim-Tataren auf die Stadt Rjasanj, erkundigte sich eingehend nach allen Einzelheiten des litauischen Feldzuges und sprach sich voll schärfster Entrüstung über den Fürsten Kurbskij aus, der zum Polenkönig übergegangen war.

Sserebrjanyi antwortete ausführlich auf alle Fragen und berichtete endlich von seinem Zusammenstoß mit den Opritschniks in dem Dorfe Medwedewka, über seinen Streit mit ihnen in Moskau und über die Begegnung mit dem Jurodiwyi, ohne dessen dunkel rätselhafte Worte zu erwähnen.

Morosoff hatte ihm aufmerksam zugehört.

»Das ist schlimm, sehr schlimm! Daß sie das Dorf plünderten, ist übrigens nicht weiter erstaunlich; es gehört nämlich mir, und jegliches Besitztum eines Geächteten ist jedem straflos preisgegeben. Das ist so üblich bei ihnen! Was sie fortschleppen können, nehmen sie, was sie aber nicht mitführen können, legen sie einfach in Asche und metzeln die Viehherden nieder. Das sind so ihre besonderen Liebhabereien! –

Den Jurodiwyi übrigens kenne ich auch. Es ist wirklich ein Mann Gottes. Nicht dich allein hat er auf den ersten Blick richtig beim Namen genannt. Er sieht den Menschen tief ins Herz hinein. Selbst der Zar fürchtet sich vor ihm. Wie oft hat er schon Iwan Wassiljewitsch die Wahrheit ins Gesicht gesagt! Hätten wir nur mehr solcher heiligen Männer, vielleicht gäbe es dann auch keine Opritschnina mehr. Übrigens, Fürst, wann willst du dich beim Zaren zurückmelden?«

»Gleich morgen früh, sobald er sein Schlafgemach verlassen hat!«

»Wo denkst du hin, Fürst, jetzt dunkelt es schon, und du hast an die hundert Werst zurückzulegen!«

»Hundert Werst? Ja, wohnt denn der Zar nicht hier im Kremlj?«

»Ach nein, Fürst, wir müssen Gott wohl schwer erzürnt haben: der Zar hat uns verlassen und ist ganz in die Alexandrowa Sloboda übergesiedelt; dort haust er mit all seinen Günstlingen – Gottes Blitze mögen sie vernichten!«

»Wenn dem so ist, Bojar, dann lebe wohl, dann habe ich keine Zeit mehr zu verlieren. Ich war noch nicht einmal zu Hause. Ich will mich schnell dort etwas umsehen, und mache mich dann morgen in aller Frühe auf den Weg!«

»Geh nicht hin, Fürst!«

»Weshalb nicht?«

»Weil du deinen armen Kopf nicht heil zurückbringen wirst, Fürst!«

»Das liegt in Gottes Hand, Bojar, es kommt schon so wie es soll!«

»Ach höre doch auf mich, Nikita Romanyitsch! Du hattest mich wohl vergessen, aber ich kenne dich noch als Knaben. Dein seliger Vater und ich, wir waren ein Herz und eine Seele. Er ist nun schon lange tot, Gott schenke seiner Seele den Frieden! Du hast nun außer mir keinen Menschen auf der weiten Welt, der dich beraten und warnen könnte. Und dein Schicksal wäre nicht beneidenswert, nein, weiß Gott, das wäre es nicht! Wenn du in die Sloboda kommst, bist du rettungslos verloren, Fürst, hast deinen Kopf verwirkt.«

»Nun, dann steht es mir wohl so in den Sternen geschrieben, Bojar!«

»Ach, Nikituschka, bleib doch bei mir, ich kann dich gut verbergen! Niemand wird nach dir fragen, und meine Leute verraten dich gewiß nicht. Ich will für dich sorgen wie für mein eigen Fleisch und Blut!«

»Unser Leben steht in Gottes Hand, Bojar. Es ziemt sich für uns Menschen nicht, es länger ausdehnen zu wollen, als es Gott gefällig ist! Hab' herzlichen Dank für deine Gastfreundschaft«, fügte der Gast aufstehend hinzu, »und ebenfalls für deine Freundschaft«, – bei diesen Worten wurde er unwillkürlich verwirrt – »aber ich muß aufbrechen, um rechtzeitig in die Sloboda zu kommen.«

»Leb' wohl, Druschina Andreitsch!«

Morosoff blickte den Fürsten mit bekümmerter, sorgenvoller Miene an, in tiefster Seele aber mußte er dem Gast doch recht geben und hätte an seiner Stelle selbst nicht anders gehandelt.

»Gottes Segen möge dich begleiten, Nikita Romanyitsch!« sprach er, sich ebenfalls erhebend und den Fürsten herzlich umarmend, »möge der Herr des Zaren Herz milde gegen dich stimmen! Und solltest du unbeschadet aus der Sloboda heimkehren, wie der Jüngling aus dem feurigen Ofen, dann will ich dich umarmen von ganzem Herzen, aus tiefster Seele, so wie ich es jetzt tue!«

Eingedenk des alten russischen Sprichwortes: den Fußgänger begleite bis zur Schwelle, den Reiter aber bis zu seinem Pferd, trennten sich beide am Hoftor.

Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Als Sserebrjanyi am Gartenzaun vorbeiritt, sah er in der Tiefe des Gartens etwas Weißes aufleuchten. Sein Herz begann heftig zu schlagen. Unwillkürlich hielt er sein Pferd an. Jelena trat an den Zaun.

»Fürst«, flüsterte sie leise, »ich habe vorhin dein Gespräch mit Druschina Andreitsch belauscht – du willst in die Sloboda? Gott steh dir bei, du gehst in den sicheren Tod!«

»Ach, Jelena Dmitrijewna, dann muß es wohl Gottes Wille sein, daß ich durch die Hand des Zaren sterben soll. Nicht zu meiner Freude bin ich in die Heimat zurückgekehrt. Es war mir kein Glück beschieden, denn du warst mir versagt, Jelena Dmitrijewna! Möge sich Gottes Wille an mir vollziehen!«

»Ach, Fürst, sie werden dich schrecklich foltern! Es ist furchtbar, nur daran zu denken. Mein Gott, ist dir denn das Leben so zuwider?«

»Nun, und wenn ich schon den Kopf verliere!« meinte Sserebrjanyi mit einer wegwerfenden Handbewegung.

»Heilige Mutter Gottes, wenn dir schon das Leben so gleichgültig ist, so habe doch Mitleid mit anderen Menschen, habe doch wenigstens Erbarmen mit mir, Nikita Romanyitsch! Denke doch, wie heiß du mich geliebt hast!«

Der Mond war hinter den Wolken hervorgetreten. Jelenas Gesicht, ihre tränennassen Augen, der perlengeschmückte Kokoschnik, ihre funkelnden Ohrgehänge waren eingetaucht in sein Silberlicht. Noch weinte Jelena, aber schon bereit, unter Tränen zu lächeln. Sserebrjanyi las in dem Glanz ihrer Augen eine so starke Liebe, einen so tiefen Kummer, daß er wankend wurde. Sein Glück war für immer verloren. Jelena gehörte einem anderen, und dennoch sprach ihr Herz nur für ihn allein. Weshalb sollte er nicht verweilen, seine Fahrt in die Sloboda ein wenig aufschieben? Hatte nicht Morosoff selbst ihn immer und immer wieder darum gebeten?

So dachte der Fürst; seine Phantasie gaukelte ihm verlockende Bilder vor, aber das Gefühl der Ehre und der Pflicht, das nur einen Augenblick lang geschwiegen hatte, siegte in ihm.

›Nein‹, dachte er, ›es wäre eine Schande und eine Schmach, wenn ich auch nur in Gedanken den besten Freund meines Vaters betrügen wollte. Nur der Ehrlose belohnt die Gastfreundschaft mit schnödem Verrat, nur ein Feigling flieht den Tod!‹

»Ich kann und darf nicht bleiben!« sagte er mit fester Stimme. »Ich will mich nicht vor dem Zaren verbergen, wo so viel bessere Männer als ich ihr Leben lassen müssen! Leb' wohl, Jelena!«

Wie scharfe Messerstiche schnitten diese Worte Jelena ins Herz. Sie sank verzweifelt zu Boden.

»Ach, nimm mich doch auf, heilige Mutter Erde!« stöhnte sie, »ich kann nicht länger leben auf dieser Welt. Ich will Hand an mich legen. Ich überlebe dich nicht, Nikita Romanyitsch. Ich liebe dich stärker, als alles Leben, stärker, als das Licht des Tages. Nie habe ich außer dir einen Mann geliebt, nie werde ich einen anderen lieben können!«

Sserebrjanyi wollte das Herz zerspringen. Er versuchte sie zu trösten, aber sie schluchzte nur immer lauter. Einer von Morosoffs Leuten konnte es hören, den Fürsten erkennen und dem Bojaren alles hintertragen. Um Jelena aus dieser furchtbaren Gefahr zu retten, riß er sich mit aller Gewalt los.

»Leb' wohl, Jelena!« sagte er, »leb' wohl, meine liebe Seele, du Freude meiner glücklichen Tage. Trockne deine Tränen! Gott ist gnädig, vielleicht sehen wir uns wieder!«

Zerrissene Wolken jagten über den Mond. Der Wind schüttelte die Kronen der alten Linden; wie ein milder Regen fielen die duftigen Blüten auf beide nieder. Die alten Zweige wiegten sich hin und her, als wollten sie sagen: Für wen sollen wir blühen, für wen sollen wir grünen? Nutzlos geht der Jüngling in den Tod, und auch die geliebte Frau wird dem Verderben verfallen!

Als Sserebrjanyi Jelena einen letzten Blick zuwarf, gewahrte er hinten in der Tiefe des Gartens eine dunkle Gestalt. War es ihm nur so vorgekommen, war einer der Diener zufällig des Weges gegangen, oder war es am Ende der Bojar Druschina Andrejewitsch selbst?

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