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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Nächtliche Hexenkünste

Der Mond ging auf, die Sterne glänzten hell am Himmel. Die halbverfallene Mühle und das unermüdlich rauschende Mühlrad waren in silbernes Licht getaucht.

Plötzlich ertönte in der Stille der Nacht Pferdegetrappel, und bald rief eine befehlerische Stimme ganz dicht vor der Mühle: »Heda, Hexenmeister!«

Der neue Ankömmling schien nicht gewohnt, lange zu warten, denn als er nicht sofort Antwort erhielt, schrie er um so lauter:

»Heda, alter Hexenmeister! Komm augenblicklich heraus, oder ich schlag' dir den Schädel ein!«

»Leiser, Fürst, um Gottes willen leiser, Väterchen«, hörte man darauf den Müller antworten. »Wir sind heut' nicht allein hier, es sind Durchreisende über Nacht abgestiegen, ich komme schon, laß mich nur erst noch schnell die Truhe schließen!«

»Ich werde dir zeigen, erst noch lange die Truhe zu schließen, du alter Teufelsbesen! Wußtest du etwa nicht, daß ich heute kommen wollte! Wie konntest du dich unterstehen, Gäste aufzunehmen. Schaffe sie auf der Stelle fort von hier!«

»Väterchen, um Gottes willen, schrei' doch nicht so laut, du verdirbst uns ja sonst alles. Ich hab' dir doch schon gesagt, unser Handwerk haßt den Lärm, und die Reisenden kann ich doch nicht einfach wegjagen. Außerdem stören sie uns ja gar nicht, sie schlafen ja, wenn du, mein Gebieter, sie nicht gerade aufgeweckt hast!«

»Nun, nun, schon gut, Alter! Aber höre, daß du mich hier nicht zum Narren hältst, dann wäre es dir wahrlich besser, du wärest erst gar nicht auf die Welt gekommen. Solche Todesqualen, wie sie dir blühen würden, hat überhaupt noch niemand ersonnen und ergrübelt!«

»Um Gottes willen, Väterchen, was soll ich armer Greis anfangen! Was ich sehe, will ich dir ja schon alles sagen, was aber nachher daraus wird, das steht allein in Gottes Hand. Und wenn deine Gnaden sowieso die Absicht hat, mich zu verderben, so fange ich besser erst gar nicht an!«

»Nun, nun Alter, so schlimm war's nicht gemeint, ich habe ja nur gescherzt«, antwortete der Fremde in milderem Tone und band darauf sein Pferd an einen Baum. Er war von hohem Wuchs und schien noch jung zu sein. Das Mondlicht spielte auf den kostbaren Metallknöpfen seines Rockes; goldene Quasten fielen bis auf die Schultern herab.

»Nun, Fürst«, sagte der Müller, »hast du die Worte auch gelernt?«

»Ja, die Worte habe ich gelernt, und das Schwalbenherz trage ich immer am Halse.«

»Nun, und hat auch das noch nicht geholfen?«

»Nein«, erwiderte der Fürst verdrießlich, »nicht das geringste. Vor ein paar Tagen sah ich sie im Garten. Kaum hatte sie mich erkannt, da erbleichte sie, wandte sich ab und eilte ins Haus.«

»Erzürne nicht, Fürst, schlage nicht ein unschuldiges Haupt ab, aber erlaube, daß ich ein Wörtchen sage.«

»So rede!« rief der Fürst und stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf.

»Höre, Väterchen, ob sie am Ende einen anderen liebt?«

»Einen anderen? Wen denn? Doch nicht etwa ihren Mann, den Greis?«

»Nun, und wenn«, fuhr der Müller zaghaft fort, »und wenn sie nun nicht ihren Mann liebt? ...«

»Ach, du listiger Fuchs!« rief der Fürst aus, »wie kommt dir nur das in den Kopf? Ja, wenn ich nur wüßte, wer es sein könnte! Ich würde ihnen ja beiden mit eigener Hand das Herz aus dem Leibe reißen!«

Der Müller wankte entsetzt zurück.

»Hexenmeister!« fuhr der Fürst mit etwas milderer Stimme fort, »so hilf mir doch! Die Liebe hat mich umgarnt, die listige Schlange! Was habe ich nicht schon alles dagegen versucht. Ganze Nächte vor den Heiligenbildern gekniet! Aber die Ruhe habe ich mir nicht erbetet. Da hab' ich das Beten Beten sein lassen und fing an, vom Morgen bis zum Abend rastlos durch Wälder und Felder zu jagen, manch ein gutes Roß hab' ich dabei zuschanden geritten, aber die Ruhe hab' ich mir doch nicht erjagt. Dann fing ich an, nachts zu zechen und zu prassen, krügeweise starkes Bier die Kehle hinunterzugießen: die Qualen aber hab' ich damit nicht hinuntergespült und auch im Rausch die Ruhe nicht gefunden. Da hab' ich mit allem, allem gebrochen und bin Opritschnik geworden, begann an der Tafel des Zaren zu zechen mit jenen Verbrechern, den Grjasnoi und den Baßmanoff. Ärger als sie habe ich's getrieben, Dörfer und Burgen hab' ich in Brand gesteckt, Frauen und Mädchen geschändet oder mit eigner Hand ermordet, aber selbst mit ihrem Blut hab' ich meine Qualen nicht wegschwemmen können. Es fürchten mich die Opritschniks, es zittert vor mir die Semschtschina, es schätzt mich der Zar wegen meiner Verwegenheit, es verflucht mich das ganze russische Volk. Der Name des Fürsten Afanaßij Wjasemskij hat einen ebenso schrecklichen Klang bekommen wie der des Maljuta Skuratoff. So weit hat Liebe mich gebracht ... Meine Seele hab' ich verspielt, – was schadet es aber auch, schrecklicher als hier kann es auch im tiefsten Abgrund der Hölle nicht sein! Nun, Alter, was starrst du mich so entgeistert an? Denkst du vielleicht, ich sei verstört? Nein, Alter, nein, Afanaßij Iwanowitsch ist nicht verstört! Stark ist sein Hirn und stark sein Leib! Um so schrecklicher seine Qual, weil sie ihn nicht zu zerbrechen vermag!«

Der Müller hatte am ganzen Leibe zitternd zugehört. Er fürchtete des Fürsten heißblütigen Sinn und bangte für sein armes Leben.

»Was schweigst du, Alter? Hast du denn keinen Trank und keine Wurzel, mit der ich ihre Liebe erringen könnte? Nenne mir deine zauberkräftigen Kräuter! Nun, so rede endlich, Hexenmeister!«

»Ach, Väterchen, Fürst Afanaßij Iwanowitsch! Was soll ich dir sagen? Es gibt ja mancherlei Kräuter. Da ist zum Beispiel die wilde Eberwurzel, die zur Zeit der Petrifasten gesammelt werden muß. Reibst du damit die Sehne ein, so tust du nie einen Fehlschuß. Dann gibt es weiter das Tirlitschkraut, das wächst nur auf dem Kahlen Berge bei Kijeff. Wer das immer bei sich trägt, den wird nie der Zorn des Zaren treffen. Dann hat man den Purpurweiderich, wenn du aus seiner Wurzel ein Kreuz schnitzt und es um den Hals trägst, so werden dich alle Menschen fürchten wie das Feuer!«

Wjasemskij lachte bitter auf.

»Die Menschen fürchten mich schon ohnehin genug. Dazu bedarf es deines Purpurweiderichs nicht. Nenne mir andere Kräuter!«

»Dann hat man noch die Alraunwurzel, die wächst im Sumpf und bringt Geschenke. Dann gibt es den Sumpfrittersporn. Wenn du auf die Bärenjagd gehst, mußt du davon einen Sud trinken, und kein Bär kann dir etwas anhaben. Dann gibt es weiter das Rhabarberkraut, wenn du es mit der Wurzel ausgräbst, dann stöhnt und seufzt es wie ein Mensch, und wenn du es bei dir trägst, so wirst du nie im Wasser ertrinken.«

»Und weißt du sonst keine Kräuter?«

»Aber gewiß doch, Väterchen, gewiß! Da gibt es zum Beispiel noch das Farnkraut. Wem es gelingt, seine Blüte zu pflücken, der wird Herr über alle Schätze. Dann kenne ich noch das Johanniskraut. Wer das zu finden weiß, der kann auf jeder ersten besten Mähre den edelsten Renner schlagen.«

»Aber ein Kraut, das Liebe erregt, kennst du nicht?«

Der Müller schwieg verlegen.

»Ein solches kenne ich wirklich nicht, Väterchen, ach, zürne mir nicht, ein solches kenne ich beim besten Willen nicht!«

»Und eins, das hilft, die Liebe zu überwinden?«

»Auch ein solches ist mir nicht bekannt, Väterchen; aber es gibt doch noch das gelbe Springkraut, wenn du damit ein Schloß oder eine Eisentür berührst, so springt sie in Stücke!«

»Scher' dich zum Teufel mit deinen Kräutern!« fluchte Wjasemskij und richtete seinen finsteren Blick drohend auf den Müller.

Dieser schlug die Augen nieder und schwieg.

»Alter!« schrie der Fremde plötzlich, den Müller am Halse packend, »verschaff' mir das Weib! Verschaff' es mir auf der Stelle, hörst du, Verfluchter!«

Und er schüttelte den Müller so heftig, daß dieser glaubte, sein letztes Stündlein habe geschlagen.

Plötzlich aber ließ Wjasemskij sein Opfer wieder los und warf sich dem Müller zu Füßen.

»So hab' doch Mitleid mit mir!« schluchzte er. »Heile mich! Ich will dich ja reich beschenken, ich will dich mit Gold überschütten, ja, ich will ewig dein Sklave sein. Hab' doch Erbarmen mit mir, Alter!«

Der Müller ängstigte sich nur um so mehr.

»Um Gottes willen, Fürst, Bojar, so komm doch zu dir, ich bin es doch, ich, Dawidoff, der Müller!«

»Ich stehe nicht eher auf, als bis du mich geheilt hast!«

»Fürst, Fürst«, sagte der Müller mit geheimnisvoll zitternder Stimme, »die Stunde ist gekommen. Steh rasch auf. Die Zeit ist kostbar. Jetzt ist es ganz dunkel um mich, ich sehe dich nicht mehr, ich weiß nicht, wo du bist. Schnell, schnell ans Werk!«

Der Fürst stand auf.

»Beginne, ich bin bereit!«

Beide versanken in tiefes Schweigen. Alles um sie her war totenstill. Allein das vom Mondlicht erhellte Mühlrad rauschte; irgendwo im weiten Rohr schrie eine Wachtel, von Zeit zu Zeit heulte eine Eule tief im Walde.

Beide waren an die Mühle herangetreten.

»Blick unter das Mühlrad, Fürst! Ich will inzwischen meine Sprüche sagen!«

Der Greis kauerte nieder und begann, noch vor Angst und Aufregung schwer nach Atem ringend, ein paar Worte zu flüstern. Der Fürst blickte unter das Rad. So vergingen einige Minuten.

»Was siehst du, Fürst?«

»Mir ist, als sähe ich Edelsteine glitzern und Goldstücke funkeln.«

»Du wirst reich sein, Bojar, reicher als alle anderen in Rußland.«

Wjasemskij seufzte tief auf.

»Weiter, Fürst, was siehst du noch?«

»Mir ist, als wenn Schwerter gegeneinander klirrten, und zwischen ihnen sehe ich goldenes Geschmeide.«

»Du wirst Erfolg haben im Waffenhandwerk, Bojar, und Glück im Dienste des Zaren! Erzähle, Fürst, was siehst du weiter!«

»Nun ist es ganz dunkel geworden, das Wasser hat sich getrübt. Aber jetzt, jetzt beginnt es sich zu röten, und nun ist es ganz purpurrot wie Blut. Was bedeutet das?«

Der Müller schwieg.

»Alter! Rede, was bedeutet das?«

»Laß es genug sein, Fürst, es ist nicht gut, zu lange hineinzublicken. Komm, laß uns jetzt gehen!«

»O sieh nur, jetzt ziehen sich rote Fäden lang wie blutige Adern, und nun ist es wieder, als wenn Zangen sich öffneten und schlössen, öffneten und schlössen, und dann ...«

»Komm, komm, Fürst, laß es genug sein!«

»Warte«, sagte Wjasemskij, den Müller heftig fortstoßend. »Sieh, jetzt ist es, als wenn eine Zahnsäge hin- und herginge, hin- und herginge ... und unter ihr spritzt Blut hervor.«

Der Müller versuchte abermals, den Fürsten mit sich fortzuziehen.

»So bleibe doch, Alter, mir ist schlecht; es tut mir in allen Gliedern weh, o, so weh!«

Dann prallte er entsetzt zurück. Es schien, er hatte endlich seine fürchterliche Vision begriffen.

Lange verharrten beide in Schweigen.

»Nur eins möchte ich noch wissen! Ob sie einen andern liebt?« meinte Wjasemskij endlich.

»Hast du irgend einen Gegenstand von ihr bei dir?«

»Ja, das da hab' ich an der Gartenpforte gefunden«, sagte der Fürst, ein blaues Band hervorziehend.

»Wirf es unter das Rad!«

Der Müller zog darauf ein irdenes Fläschchen hervor. »Trinke«, sprach er, indem er dem Fürsten das Fläschchen reichte.

Dieser tat einen Schluck. Da fing es sich ihm im Kopfe zu drehen an, und es wurde ihm dunkel vor den Augen.

»Blicke jetzt hin, ob du irgend etwas siehst!«

»Sie, sie sehe ich!«

»Allein?«

»Nein, nicht allein, ein blonder junger Mann im roten Kaftan ist bei ihr. Nur sein Gesicht kann ich nicht erkennen. Halt! Jetzt nähern sie sich, mehr, immer mehr, und nun küssen sie sich! Verflucht seist du, Hexenmeister! Verflucht! Verflucht!«

Hastig warf der Fürst dem Müller eine Handvoll Goldmünzen hin, riß die Zügel seines Pferdes vom Baum und jagte atemlos in den Wald hinein.

Allmählich erstarben die Hufklänge in der Ferne, und nur noch das Mühlrad fuhr fort, in der Totenstille der Nacht zu rauschen und sich unermüdlich zu drehen.

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