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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Ein Wiedersehen

Schon mehrere Tage lang war Sserebrjanyi mit seiner Truppe gezogen. In einem Flecken, in dem die Räuber übernachten wollten und von dem aus der Weg zum Frauenkloster abzweigte, verließ er seine Leute, um allein Micheitsch entgegenzureiten, der ihm versprochen hatte, Jelenas Antwort zu übermitteln. Die ganze Nacht hindurch war er so unentwegt geritten, als er kurz nach Sonnenaufgang an einer Kreuzung des Weges Micheitsch an einem bereits halb niedergebrannten Feuer sitzen sah. Seine beiden Pferde weideten vollständig gesattelt in der Nähe. Als Micheitsch das Geklapper der Pferdehufe hörte, sprang er schnell auf die Beine.

»Ach, du bist es, Väterchen Nikita Romanyitsch«, rief er, seinen Herrn erkennend, aus. »Reite nicht weiter, Väterchen, kehre lieber gleich um, dort kannst du nichts mehr ändern!«

»Was ist geschehen?« fragte Sserebrjanyi, dem das Herz stillstehen wollte.

»Ach, alles ist aus, Väterchen, Gott hat uns kein Glück beschieden!«

Sserebrjanyi sprang vom Pferde.

»So sprich doch, was ist mit der Bojarinja geschehen!«

Der Alte schwieg.

»So rede doch, was ist mit Jelena geschehen?« fragte Sserebrjanyi erregt.

»Eine Jelena Dmitrijewna gibt es nicht mehr, Väterchen«, versetzte Micheitsch traurig, »es gibt nur noch eine Schwester Jewdokia.«

Micheitsch blickte seinen Herrn ehrlich bekümmert an.

»Erzähle alles!« sagte Sserebrjanyi hart, sich mit aller Gewalt zusammenreißend. »Schone mich nicht, sage, wann ist die Bojarinja Nonne geworden?«

»Als sie die Nachricht von Druschina Andrejewitsch' Hinrichtung erhielt, Väterchen. Als der Zar das Namensverzeichnis der Hingerichteten, für deren Seelenruhe im Kloster gebetet werden sollte, hingeschickt hatte, einen einzigen Tag vor meiner Ankunft.«

»Hast du sie gesehen?«

»Ja, Väterchen! Nur einen Augenblick. Zuerst wollte sie mich nicht empfangen.«

»Und was läßt sie mir sagen?« brachte Sserebrjanyi gequält hervor.

»Daß du für sie beten mögest, Väterchen!«

»Weiter nichts?«

»Weiter nichts, Väterchen!«

»Micheitsch«, sprach der Fürst nach kurzem Schweigen, »begleite mich ins Kloster, ich will von ihr Abschied nehmen!«

Der Alte wiegte bedenklich sein weißes Haupt, führte ihm aber eins seiner Pferde vor.

»Nimm dieses hier«, sprach er seufzend, »deins ist ganz zuschanden geritten!«

In tiefem Schweigen schlugen sie den Weg zum Kloster ein, der ohne Unterbrechung durch tiefen Wald führte. Bald hörte man ein leises Rauschen, und sie gewahrten einen kleinen Bach, der sich zwischen dichtem Schilf seinen Weg bahnte.

»Erkennst du diesen Ort wieder?« fragte Micheitsch betrübt.

Sserebrjanyi hob den Kopf und erblickte dicht vor sich eine frische Brandstätte. Hie und da war die Erde aufgewühlt, und die verkohlten Überreste eines Gebäudes sowie ein zerbrochenes Rad zeugten davon, daß hier einst eine Mühle gestanden hatte.

»Als sie den alten Hexenmeister gefangen nahmen, haben sie auch seinen Schlupfwinkel hier durchstöbert, weil sie einen Schatz vergraben glaubten.«

Sserebrjanyi warf einen gleichgültigen Blick auf die Brandstätte, und beide setzten schweigend ihren Weg weiter fort.

Nach einigen Stunden Wegs begann sich der Wald allmählich zu lichten, endlich schimmerten durch das dichte Grün hindurch weiße Umfassungsmauern, und bald lag in einer sauber gehaltenen Waldlichtung das Kloster vor ihnen. Die Reiter stiegen ab und klopften an die Eingangspforte.

Einige Minuten mochten sie so gewartet haben, als endlich Schlüsselklappern ertönte.

»Gelobt sei Jesus Christus!« sprach Micheitsch mit gedämpfter Stimme.

»In Ewigkeit, Amen!« antwortete die Schwester Pförtnerin, indem sie die Tür aufschloß. »Was ist euer Begehr?«

»Wir möchten gerne die Schwester Jewdokia sprechen«, sagte Micheitsch möglichst leise, um durch das Aussprechen dieses Namens nicht seinen Herrn erneut zu verwunden.

Die Nonne maß die beiden Einlaßbegehrenden mit ängstlichen, scheuen Blicken.

»Du brauchst dich vor uns nicht zu fürchten, ehrwürdige Schwester«, fuhr Micheitsch fort. »Berichte der Äbtissin, daß Fürst Nikita Romanowitsch Sserebrjanyi sie sprechen wolle.«

Die Nonne musterte Nikita noch einmal mit einem besorgten Blick, wich dann entsetzt zurück und schlug vor ihnen die Pforte zu.

Die beiden hörten, wie ihre Schritte sich eilig entfernten und ihre Stimme zitternd murmelte: »Jesus Christus, hab' Erbarmen mit uns!«

›Was soll das nur heißen?‹ dachte Micheitsch bei sich, ›weshalb fürchtet sie sich so vor meinem Herrn?‹

Er ließ seinen Blick über Sserebrjanyi gleiten und begriff jetzt auch, daß dessen Kleidung und Rüstung, die ganz mit Staub bedeckt und von Dornen zerrissen war, und sein verzerrtes Antlitz die Nonne so erschreckt haben mochten. Nach kurzer Zeit hörte man wieder, daß sich der Pforte leise Schritte näherten.

»Zürnet uns nicht, ihr lieben Herren«, sagte eine unsichere Stimme hinter der Pforte, »die Äbtissin kann euch jetzt unmöglich empfangen, kommt lieber morgen gleich nach der Frühmesse!«

»Ich kann aber nicht so lange warten!« rief Sserebrjanyi aus und stieß mit dem Fuße so heftig gegen die Pforte, daß sie aus den Angeln flog. Er trat in den Klosterhof.

Vor ihm stand die zitternde Äbtissin, fast ebenso bleich und verstört wie er selbst.

»Im Namen Jesu Christi, unseres Herrn und Erlösers!« beschwor sie ihn mit zitternder Stimme, »gehe nicht weiter, ich weiß, was dich herführt. Aber Gott der Herr straft den Sünder, und das unschuldig vergossene Blut wird auf dein eigenes Haupt zurückkommen.«

»Ehrwürdige Mutter«, erwiderte Sserebrjanyi, dem das Entsetzen der Äbtissin unbegreiflich schien, der aber selbst viel zu erregt war, um sich über irgend etwas zu wundern, »führe mich doch zur Schwester Jewdokia, laß mich sie einen Augenblick sehen; ich will ihr nur Lebewohl sagen.«

»Lebewohl sagen?« wiederholte die Äbtissin, »willst du ihr auch wirklich nur Lebewohl sagen? – Du bist mit Gewalt hier eingedrungen, du nennst dich Fürst, aber Gott allein weiß, wer du wirklich bist und weshalb du herkamst. Mir ist es wohlbekannt, daß die Opritschniks jetzt auch in den heiligen Klöstern herumziehen, um die Frauen und Kinder derjenigen zu töten, die man kürzlich in Moskau hingerichtet hat. Schwester Jewdokia aber ist die Witwe eines jener Unglücklichen!«

»Ich bin kein Opritschnik!« rief Sserebrjanyi aus. »Ich hätte selbst gern mein Leben für den Bojaren Morosoff hingegeben. Führe mich zur Bojarinja, ehrwürdige Mutter, o führe mich doch zu ihr!«

In Sserebrjanyis kummervollen Zügen lag so viel Offenheit und Ehrlichkeit, daß die Äbtissin sich allmählich beruhigte und ihn mit Teilnahme betrachtete.

»So habe ich dich fälschlich beschuldigt«, sagte sie leise, »aber Christus und der heiligen Mutter Gottes sei gedankt, daß ich mich täuschte. Gott sei Dank, daß du kein Opritschnik bist! Die Schwester Pförtnerin hat mich gewarnt, und so dachte ich Zeit zu gewinnen, um inzwischen Schwester Jewdokia zu verbergen. Sind es doch jetzt schwere Zeiten, Herr. Selbst in den Klöstern und heiligen Kirchen sind die Geächteten ihres Lebens nicht sicher. Gott sei gedankt, daß meine Befürchtungen falsch waren. Wenn du aber ein Freund oder Verwandter des Bojaren Morosoff bist, so will ich dich zu Schwester Jewdokia führen. Folge mir, Bojar!«

Die Äbtissin führte den Fürsten durch den Garten zu einer ganz für sich liegenden Klosterzelle inmitten wilder Heckenrosen und Geißblattsträucher. Dort am Eingang der Zelle saß Jelena in schwarzem Gewande tief verschleiert auf einer Bank. Durch die dichten Ahornbäume fielen die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne auf sie nieder und vergoldeten die bereits welken Blätter hoch über ihr. Der Sommer ging seinem Ende zu. Die letzten Heckenrosen fielen matt zur Erde. Jelenas schwarzes Gewand war ganz mit ihren blaßroten Blüten bedeckt; traurig folgten ihre Blicke dem Fallen der welken Blätter, als sie die herannahenden Schritte aus ihrem tiefen Sinnen aufschreckten. Sie hob den Kopf, gewahrte die Äbtissin und erhob sich sofort, um ihr entgegenzugehen. Dann erst erblickte sie neben der ehrwürdigen Mutter Sserebrjanyi, stieß einen angstvollen Schrei aus, preßte die Hand gegen das Herz und sank auf die Bank zurück.

»Du brauchst nicht zu erschrecken, mein liebes Kind«, sprach ihr die Äbtissin freundlich zu, »es ist ja ein dir bekannter Bojar, ein guter Freund deines seligen Mannes, der sich von dir verabschieden möchte.«

Jelena war unfähig, auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Sie zitterte am ganzen Körper und blickte den Fürsten wie verstört an.

»So also«, sprach endlich Sserebrjanyi, »so müssen wir uns wiedersehen ...«

»Anders durften wir uns nicht wiedersehen!« hauchte Jelena kaum hörbar.

»Weshalb hast du nicht auf mich gewartet, Jelena Dmitrijewna?«

»Wenn ich auf dich gewartet hätte, so würde ich vielleicht nicht mehr Kraft genug besessen haben, dir zu entsagen, und du hättest vielleicht auch nicht von mir gelassen. Schon so habe ich genug Schuld auf mich geladen, Nikita Romanyitsch.«

Wieder versanken beide in tiefes Schweigen. Sserebrjanyis Herz klopfte zum Zerspringen.

»Jelena Dmitrijewna! Ich komme, um auf ewig Abschied von dir zu nehmen, ja, auf ewig, Jelena Dmitrijewna, laß mich zum letztenmal dein Antlitz schauen! Leb' wohl, leb' wohl auf immer! Möge uns Gott die Kraft verleihen, zu vergessen, wie glücklich wir hätten sein können!«

»Nein, Nikita Romanyitsch«, sprach sie mit trauriger, aber fester Stimme, »uns durfte kein Glück beschieden sein; das Blut des Druschina Andrejewitsch hätte immer zwischen uns und unserem Glücke gestanden. Und wer ist jetzt überhaupt glücklich?«

»Ja, wer ist jetzt glücklich zu nennen?« wiederholte Sserebrjanyi. »Gott hat seine schützende Hand vom heiligen Rußland gezogen. Warum durfte ich nicht auf dem Schlachtfelde meinen Kopf auf einen Tatarensäbel legen? Weshalb hat der Zar mir nicht den Tod vergönnt, als ich ihm meinen schuldigen Kopf anbot? Was soll ich noch auf dieser Welt?«

»Trage dein Kreuz, Nikita Romanyitsch, so wie ich das meine trage. Dein Los ist das leichtere; du kannst wenigstens das Vaterland beschützen, ich aber kann nur für dich beten und meine Schuld bereuen!«

»Welches Vaterland? Wo ist denn meine Heimat?« rief Sserebrjanyi schmerzlich aus. »Vor wem soll ich sie schützen? Nicht nur die Tataren, sondern der Zar selbst richtet Rußland zugrunde! Meine Seele ist wirr von all diesem, Jelena Dmitrijewna! Du allein hieltest mich aufrecht, jetzt aber ist alles um mich dunkel. Ich sehe nicht mehr, wo das Recht ist, wo die Lüge! Oft, ach oft ist mir Kurbskij in den Sinn gekommen, Jelena Dmitrijewna, und ich zwang immer und immer wieder jenen schwarzen Gedanken nieder – weil mein Leben noch ein Ziel hatte; jetzt aber hat es keinen Sinn mehr ... meine Kraft ist gebrochen ... mein Verstand will mir stille stehn ...«

»Gott der Herr erleuchte deine arme Seele, Nikita Romanyitsch! Könntest du, weil das Lebensglück dir entglitten, ein Feind des Zaren und deines geliebten Vaterlandes werden? Denke daran, wie du bisher gehandelt hast, Nikita Romanyitsch – werde dir nicht selbst untreu! Ja, trage dein Kreuz! Geh, wohin der Zar dich sendet; dein Gewissen ist rein, kämpfe gegen die Feinde der heiligen Muttererde! Ich aber will bis zur letzten Stunde nicht aufhören, für uns beide zu beten!«

»Leb' wohl, Jelena, leb' wohl, meine liebe Schwester«, rief Sserebrjanyi, auf sie zueilend.

Ruhigen Auges begegnete sie seinem gramvollen Blick, umarmte ihn wie einen Bruder und küßte ihn ohne jegliche Scheu oder Verlegenheit.

»Leb' wohl«, wiederholte sie, senkte den Schleier und entfernte sich eilig in ihre Zelle.

Schon läuteten die Vesperglocken, Sserebrjanyi aber stand noch immer regungslos auf derselben Stelle und starrte nach der Richtung, in der Jelena seinen Blicken entschwunden war. Er hörte nicht, daß die Äbtissin zu ihm sprach, er fühlte es kaum, daß sie ihn sanft bei der Hand nahm und die Klosterpforte hinter ihm schloß. Mechanisch schwang er sich in den Sattel und ritt schweigend mit Micheitsch durch den tiefen Wald. Die Klosterglocken weckten ihn endlich aus seiner Betäubung. Jetzt erst begriff er die ganze Schwere dessen, was er zu tragen hatte. Sein Herz wollte sich bei diesen friedlichen Klängen zusammenkrampfen und doch mußte er ihnen begierig lauschen, als riefen sie ihm Jelenas letztes Lebewohl zu, und als die klaren Töne zu einem fernen, unbestimmten Geräusch wurden und schließlich ganz in der Abendluft verhallten, kam es ihm vor, als wenn alles, woran sein Herz gehangen, aus seinem Leben herausgerissen wäre und ihn von allen Seiten nur kalte, hoffnungslose Verlassenheit umwehte.

 

Am folgenden Tage setzte Nikita Romanowitsch mit seiner Truppe seinen Weg fort, der immer tiefer ins Dickicht führte, um schließlich, von wenigen Lichtungen und Waldwiesen unterbrochen, in die unendlichen Wälder von Briansk überzugehen.

Gesenkten Hauptes ritt Sserebrjanyi so einher durch einen Wald, der ebenso dunkel schien wie seine schwermütigen Gedanken; längst waren ihm die Zügel aus der Hand geglitten. Nur die gleichmäßigen Schritte der Räuber unterbrachen das tiefe Schweigen. Die wilden Bewohner des Waldes, die Eichhörnchen, die Vögel, die alle nicht gewohnt waren, in diesen menschenleeren Gefilden sich vor Eindringlingen zu fürchten, kletterten in die breiten Äste und blickten neugierig herunter; die Buntspechte, die emsig an der Baumrinde klopften, drehten ihre roten Köpfe nach den Menschen dort unten um und fuhren dann weiter fort, geschäftig am trockenen Holz zu hämmern.

Ergriffen von der Erhabenheit der lautlosen Natur, stimmte einer der Räuber leise ein schwermütiges Lied an, nach und nach fielen die anderen ein und bald vereinten sich diese vielen Stimmen zu einem großen Chore, dessen Klänge, durch unzählige Echos wieder zurückgeworfen, fernhin durch den dichten Waldesdom brausten ...

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