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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Die Hinrichtung

Nach der Abreise der litauischen Gesandten, die damals gerade in Moskau weilten, ordnete Zar Iwan Wassiljewitsch an, daß an all den Unglücklichen, die in der letzten Zeit in den Kerker geworfen und durch unmenschliche Foltern der ihnen zur Last gelegten Verbrechen angeblich überführt worden waren, gemeinsam an ein und demselben Tage öffentlich vor allem Volke zu Moskau ein furchtbares Strafgericht vollstreckt werden sollte.

Schon am Vorabend der Hinrichtung waren die Bewohner Moskaus Zeugen schrecklicher Vorbereitungen.

Auf dem großen, im Zentrum des Kitai-Gorod gelegenen Platze waren zahlreiche Galgen errichtet. Um sie herum standen auf Gerüsten die Schafotte. Etwas weiterhin hing an einem Querbalken zwischen Pfählen ein riesiger Eisenkessel. An der anderen Seite der Gerüste war ein einzelner Pfahl aufgerichtet, an dem schwere Ketten hingen; um ihn herum wurde gerade ein Scheiterhaufen aufgeschichtet. Zahlreiche andere unbekannte Werkzeuge und Geräte, die zu den entsetzlichsten Vorstellungen und Mutmaßungen Anlaß gaben, waren hie und da zwischen den Galgen aufgestellt.

Nach und nach zerstreuten sich alle Kaufleute und Händler, die ahnungslos wie sonst zum Markte gezogen waren, um ihre Waren feilzubieten, und der weite Platz mit den angrenzenden Straßen war bald wie ausgestorben.

Die Bewohner schlossen sich in ihre Häuser ein und wagten nur in ängstlichem Flüsterton über das bevorstehende Ereignis zu sprechen. Die Gerüchte von den fürchterlichen Vorbereitungen hatten sich bald in der ganzen Stadt herumgesprochen, und lähmendes Entsetzen legte sich auch auf die Bewohner der entfernteren Straßen. Die Läden wurden furchtsam geschlossen; keiner wagte es, sich auf der Straße zu zeigen, und nur von Zeit zu Zeit sprengten Reiter durch die menschenleeren Gassen, die Befehle vom Zaren überbringen sollten, der in seinem Lieblingsschloß in Arbat Ebenso wie Kitai-Gorod ein Stadtteil von Moskau. weilte. Im Kitai-Gorod selbst vernahm man außer dem Klopfen und Hämmern der Zimmerleute und den Stimmen der die Arbeit überwachenden Opritschniks keinen einzigen Laut.

Als die Nacht hereinbrach, verstummten auch diese Klänge, und als endlich der Mond hinter den Zinnen des Kitai-Gorod emporstieg, beleuchtete er einen öden, weiten Platz, von dem das wirre Durcheinander von Stangen und Pfählen, Balken und Galgen gespenstisch gen Himmel ragte.

Aus den Fenstern der Stadt drang nicht ein einziger Lichtschein hinaus; alle Läden waren dicht verschlossen, nur hie und da verbreiteten die Öllämpchen, die vor den Heiligenbildern außen an den Kirchen glimmten, einen matten Schimmer. Aber in ganz Moskau schloß in dieser Nacht kein Mensch ein Auge; betend harrte das verängstigte Volk des Morgengrauens.

Endlich brach der Schreckenstag an, und schon begannen Krähen und Dohlen, das nahe Blut witternd, krächzend über dem Platze zu kreisen oder sich als lange schwarze Striche auf die Kirchenkreuze, die Dachfirste und die Holzschnitzereien auf den Dächern, ja selbst auf den Galgen niederzulassen.

Bald wurde dieses eintönige Krächzen durch die fernen Klänge der Schellentrommeln und Tamburine unterbrochen, die immer näher und näher kamen. Endlich gewahrte man einen Trupp berittener Opritschniks, je fünf Mann in einer Reihe. Voran ritten die Paukenschläger, um das Volk auseinanderzutreiben und dem Zaren die Bahn freizumachen; aber vergeblich schüttelten sie die Tamburine und rührten die Trommeln; nirgends war eine lebende Seele zu erblicken.

Hinter den Opritschniks näherte sich Zar Iwan Wassiljewitsch dem Platze, hoch zu Roß, in prächtigem Gewand, seinen Köcher am Sattel, einen vergoldeten Pfeil auf dem Rücken.

Die Schabracke seines Rosses glitzerte von Edelsteinen; von dem Halse seines Rappen hing ein Hundekopf herab.

Neben Iwan ritt der Zarewitsch und hinter ihm, wieder je drei in einer Reihe, die nächsten Höflinge. Ihnen folgten die dreihundert Verurteilten. In Ketten geschmiedet, von der Folter gänzlich entkräftet, schleppten sie sich, von den hinterherhetzenden Opritschniks immer wieder angetrieben, nur mühsam vorwärts. Ein glänzender Reitertrupp beschloß den Zug.

Als dieser in Kitai-Gorod einzog und die ganze Schar um die Galgen herum Aufstellung genommen hatte, ließ Iwan seinen Blick über den weiten Platz schweifen und gewahrte zu seinem Erstaunen, daß sich auch kein einziger Neugieriger eingefunden hatte, um dem Schauspiel beizuwohnen.

»Treibt das Volk zusammen!« rief er den Opritschniks zu. »Es braucht sich keiner zu fürchten. Verbreitet es unter allen Bewohnern von Moskau, daß der Zar nur seine Verräter hinrichten läßt, den Unschuldigen aber Gnade verheißt!«

Bald füllte sich der weite Platz mit Menschen, die Läden wurden wieder geöffnet, und an den Fenstern erschienen verstörte, schreckensbleiche Gesichter. Inzwischen flammte der unter dem Kessel angefachte Scheiterhaufen empor, und die Henker bestiegen die Gerüste.

Iwan befahl aus der Zahl der Verurteilten einige vorzuführen, denen weniger schwere Verbrechen zur Last gelegt wurden.

»Ihr Männer«, sprach er mit lauter, weithin vernehmlicher Stimme, damit auch alle Versammelten ihn verstehen konnten, »durch eure freundschaftlichen Beziehungen zu den Verrätern habt ihr die gleiche Strafe verdient wie sie; aber aus lauter Güte meines Herzens und aus Mitleid mit eurem verlorenen Seelenheil will ich euch verzeihen und schenke euch das Leben, auf daß ihr durch Reue und Buße eure Sünden wieder gutmachen und für mich Unwürdigen beten könnt!«

Auf einen Wink des Zaren wurden die Begnadigten abgeführt.

»Bewohner von Moskau«, fuhr Iwan fort, »ihr werdet heute Zeugen von Hinrichtungen und Foltern sein; aber wisset, daß ich nur die Schuldigen strafe, die das Reich an meine Feinde verraten wollten. Weinend überantworte ich ihre Leiber den Folterqualen wie ein gerechter Richter, den Gott der Herr über euch gesetzt hat, auf daß er das Volk gerecht führe. Und es soll kein Unrecht in meinem Urteil sein; gleich Abraham, der selbst des eigenen Sohnes nicht schonte, will auch ich diejenigen zum Opfer bringen, die mir einst nahestanden. Ihr Blut aber möge über das Haupt meiner Feinde kommen!«

Daraufhin wurde aus den Reihen der nicht begnadigten Verurteilten als erster der Bojar Druschina Andrejewitsch Morosoff vorgeführt. Iwan hatte ihm ursprünglich in seinem ersten rasenden Zorn die grauenvollsten Todesqualen zugedacht, aber dank der unerklärlichen Unbeständigkeit seines Wesens, vielleicht aber auch infolge der großen Beliebtheit, deren sich Morosoff in ganz Moskau erfreut hatte, noch am Tage zuvor seinen Plan geändert und ihn zu einer weniger grausamen Todesart verurteilt.

Am Gerüst stehend, rollte der Hauptschriftführer des Zaren nun ein langes Pergament auf und las mit lauter Stimme:

»Ehemaliger Bojar Druschina! Du hast dich gerühmt, den Staat zu erschüttern, den Chan der Krim und den litauischen König Sigismund ins Land zu locken und noch viel anderes Leid auf Rußland herabzubeschwören. Du hast weiter mit bösen und sündigen Worten ihn selbst, ja ihn, den Zaren und Großfürsten von ganz Rußland verleumdet, um seine guten und treuen Diener zum Aufruhr zu reizen. Du hast Folterqualen verdient, weit schlimmer als der Tod, aber unser erhabener Zar hat eingedenk deines vergangenen Kriegsruhmes in der Güte seines Herzens beschlossen, dir ohne Folterqualen, getrennt von den anderen, einen schnellen Tod durch Enthauptung zu bereiten, ja, dein Erbe nicht einmal als sein Eigentum zu erklären.«

Morosoff, der schon das Gerüst bestiegen hatte, bekreuzigte sich. »Ich fühle mich unschuldig vor Gott und dem Zaren!« erwiderte er mit ruhiger Stimme. »So befehle ich denn meine Seele unserm Herrn Jesus Christus, und den Zaren bitte ich um eine letzte Gnade: er möge alles, was ich an irdischen Gütern zurücklasse, in drei Teile teilen, den ersten bestimme ich der heiligen Kirche, die für die Ruhe meiner Seele beten möge, den zweiten den Armen, den dritten meinen treuen Dienern. Meiner Witwe verzeihe ich und gebe sie frei, zu heiraten, wen sie mag.«

Nach diesen Worten bekreuzigte sich Morosoff nochmals und legte sein Haupt auf den Henkersblock.

Ein dumpfer Schlag ertönte, Druschinas Haupt fiel, und sein edles Blut färbte purpurn die Bretter des Gerüstes.

Nach ihm führten die Opritschniks zur allgemeinen Verwunderung, von den Höflingen des Zaren den Fürsten Wjasemskij und den Mundschenk Fjodor Baßmanoff vor.

»Bewohner der Stadt Moskau«, sprach Iwan, auf die Verurteilten weisend, »sehet hier diese Verräter! Ihres heiligen Eides vergessend, haben diese Männer ohne Furcht vor dem Jüngsten Gericht euer Eigentum geraubt und geplündert, ja, das Volk, das sie verteidigen und schützen sollten, niedergemetzelt! So mögen sie jetzt den Lohn empfangen, der ihnen gebührt!«

Wjasemskij und Baßmanoff waren, da sie das Vertrauen des Zaren mißbraucht hatten, zu schrecklichen Martern verdammt. Der Schriftführer las auch ihnen die Anklage vor, die sie beschuldigte, verbrecherische Beziehungen zu den grimmigsten Feinden des Reiches unterhalten und das Volk im Namen Iwans bedrückt, ja selbst durch schwarze Hexenkünste einen Anschlag auf Gesundheit und Leben ihres Herrn und Zaren gemacht zu haben.

Als die Henker Fjodor Baßmanoff gegriffen und zum Gerüst geführt hatten, wandte sich dieser an die in atemloser Spannung verharrende Menge und sprach mit lauter Stimme:

»Rechtgläubiges Volk! Vor meinem Tode will ich alle meine Sünden bekennen. Ja, ich will, daß alles Volk meine letzte Beichte vernimmt! Hört, ihr Rechtgläubigen! ...«

Aber Maljuta, der hinter ihm stand, ließ ihn nicht weiter fortfahren. Mit einem wuchtigen Hieb seines Schwertes schlug er ihm in dem Augenblick das Haupt herunter, als er sich anschicken wollte, seine Beichte zu beginnen. Sein blutiger Leichnam fiel auf das Gerüst nieder, und das Haupt rollte, mit den kostbaren Ohrgehängen klirrend, dem Rosse des Zaren zwischen die Füße, das wiehernd aufbäumte und mit scheuen Augen auf das blutige Haupt zu seinen Füßen blickte. So hatte sich Baßmanoff durch eine letzte Dreistigkeit den seiner harrenden Todesqualen entzogen. Wjasemskij dagegen war nicht so glücklich. Er wurde gleichzeitig mit dem Räuber Korschun auf das Foltergerüst geführt, wo er grauenvollen Qualen ausgesetzt wurde. Zu gleicher Zeit wurde der alte Müller zum Scheiterhaufen geschleppt und an den Pfahl gekettet.

Wjasemskij, der durch die lange Folter vollkommen erschöpft war, vermochte sich kaum aufrecht zu halten. Weder Furcht noch Reue war in seinen Zügen zu lesen. Als er den angeschmiedeten Müller und um ihn herum den Qualm und die züngelnden Flammen sah, mußte er an die letzten Worte des Hexenmeisters denken, als er das Schwert des Fürsten besprochen und dann in den Wasserkübel geschaut hatte. Er erinnerte sich auch wieder deutlich seiner Gesichte, als er das erstemal beim Müller unter das Mühlrad geblickt, um seine Zukunft zu entschleiern; wie er damals gesehen hatte, daß das Wasser sich purpurrot färbte, die Zähne der Säge hin- und hergingen und eiserne Zangen sich öffneten und schlossen, öffneten und schlossen ...

Der Müller bemerkte Wjasemskij nicht. Ganz mit sich selbst beschäftigt, murmelte er unaufhörlich vor sich hin und zappelte und zuckte, an seinen Ketten rasselnd, wie ein Irrsinniger hin und her.

»Schikalu! Likalu!« sprach er vor sich hin. »Die Krähen fliegen zusammen zum leckeren Schmause. Das Rad dreht sich, es dreht sich in einem fort! Was hoch war, das ist niedrig geworden! Schagadan! Erhebe dich, Wind meiner Mühle, brause über meine Widersacher dahin. Kulla, Kulla! Blase den Scheiterhaufen auseinander, lösche das Feuer!«

Und tatsächlich erhob sich, wie seinen Beschwörungen gefügig, ein heftiger Windstoß auf dem Platze, aber statt das Feuer niederzuschlagen, fachte er nur das darunter aufgeschüttete Reisig an, und die aus dem trockenen Holz emporschlagende Flamme erfaßte ihr Opfer und entzog es bald ganz den Blicken der Zuschauer.

»Schagadan! Kulla! Kulla!« hörte man noch durch die Rauchwolke die Stimme des Müllers beschwörend murmeln, bis sie endlich ganz im Knistern des brennenden Scheiterhaufens erstarb.

An Korschun war trotz der ausgestandenen Folterqualen und trotz der langen Kerkerhaft äußerlich kaum eine Veränderung zu bemerken. Seine starke Natur hatte allen Foltern widerstanden; sein Gesichtsausdruck aber war weicher geworden, der Blick seiner Augen ruhiger.

Jetzt verlas der Schriftführer auch seine Anklage und die ihm zugedachte Todesart. Korschun bestieg das Foltergerüst, schlug vor allen Kirchentürmen Moskaus, die sein Blick erreichen konnte, ein inbrünstiges Kreuzeszeichen und verneigte sich nach allen vier Richtungen ehrfürchtig vor dem Volke.

»Vergib mir meine Sünden, rechtgläubiges Volk!« rief er und steckte freiwillig seine Hände in die von den Henkern bereitgehaltenen Schlingen, ohne dann noch einen weiteren Laut von sich zu geben.

Dann wandte sich der Schriftführer auf ein Zeichen Iwans an die übrigen Verurteilten und verlas auch ihre Anklagen, die auf Verschwörungen gegen den Zaren, verräterische Unterhandlungen, die Städte Nowgorod und Pskoff dem König der Litauer in die Hände zu spielen und Beziehungen zum türkischen Sultan lauteten. Und nun schickte man sich an, den einen zum Galgen oder zum Kessel, den anderen zu den schrecklichsten Marterwerkzeugen zu führen. Das Volk begann mit lauter Stimme zu beten. »Herr Gott, erbarme dich ihrer! O Herr, nimm schnell ihre armen Seelen zu dir!«

»Betet für uns, ihr Gerechten!« schrien einige der Gemarterten, »gedenket unser, wenn ihr in das Himmelreich eingegangen seid!«

Um diese Worte zu übertönen, riefen die Opritschniks mit lauter Stimme dazwischen: »Goida! Goida! Mögen alle Feinde des Zaren vergehen und verderben!«

In diesem Augenblick geriet die ganze Menschenmenge in Bewegung; aller Köpfe wandten sich nach ein und derselben Richtung, und bald hörte man durcheinander rufen: »Seht, seht, da kommt der Jurodiwyi!«

Beim Anblick dieses Mannes inmitten der Gesichter voller Furcht und Entsetzen, voller Abscheu und Roheit, war die ganze wogende Menschenmenge mit einem Mal totenstill geworden; selbst die Hinrichtungen ruhten für einen Augenblick. Vornübergebeugt, mit den Ketten und Kreuzen klirrend, mit denen seine Brust bedeckt war, zwängte er sich durch die dichte Volksmenge hindurch, die ehrfurchtsvoll vor ihm zurückwich, und trat direkt auf den Zaren zu.

»Iwaschko! Iwaschko!« rief er schon von weitem, an seinem hölzernen Rosenkranz zählend und vor sich hinlächelnd, »Iwaschko, du hast mich ja vergessen! Weshalb läßt du denn nicht den Jurodiwyi hinrichten? Warum ist Waßja schlechter als die anderen?«

»Geh mit Gott!« sagte der Zar, eine Handvoll Goldmünzen aus einem gestickten Beutel ziehend, der an einer goldenen Kette an seinem Gürtel hing. »Da hast du, Waßja, und nun mach', daß du von hier fortkommst. Bete für mich, hörst du!«

Der Jurodiwyi streckte zuerst beide Hände nach dem Geld aus, zog sie dann aber plötzlich so hastig zurück, daß die Goldstücke klirrend zu Boden rollten.

»Au, au! Wie das brennt«, rief er, sich die Finger blasend und sie in der Luft umherschwenkend, »weshalb hast du auch das Geld im Höllenfeuer erhitzt!«

»Geh, Waßja«, wiederholte Iwan ungeduldig, »laß uns in Ruhe! Das ist hier nichts für dich!«

»Doch, doch! Gerade hier bei den Märtyrern wird doch auch ein Plätzchen für Waßja sein. Ach bitte, schenk doch auch mir solch ein Krönlein, wie du sie heute so vielen austeilst!«

»Nun geh doch! So geh doch endlich!« rief Iwan mit wachsendem Zorn.

»Nein, ich gehe nicht!« versetzte der Jurodiwyi hartnäckig, sich an das Halsgeschirr des Zarenrosses klammernd; plötzlich aber lachte er auf und zeigte mit dem Finger auf Iwan. »Seht doch nur, seht doch!« sagte er. »Was hast du denn da an der Stirn? Was ist das nur, Iwaschko? Du hast ja Hörner an der Stirn! Richtige Ziegenhörner sind dir da gewachsen. Und dein Kopf – sieht er nicht aus wie ein Hundekopf?«

Iwans Augen funkelten voller Wut.

»Fort mit dir, du Narr!« schrie er, dem ihm zunächst stehenden Opritschniks die Lanze entreißend. Er wollte sie auf den Jurodiwyi niedersausen lassen. – Ein Aufschrei der Entrüstung ging durch das Volk.

»Rühre ihn nicht an! Um Gottes willen, rühre den Jurodiwyi nicht an! Du bist Herr über unsere Köpfe, aber an dem Jurodiwyi vergreif dich nicht!«

Der aber stand weiter ruhig vor Iwan, halb blöde, halb kindlich-gutmütig lächelnd.

»So durchbohr mich doch, Zar Saul«, sprach er, seine Brust von den vielen Kreuzen und Ketten, die sie bedeckten, entblößend. »Hierhin, ja hierhin, direkt ins Herz! Worin bin ich denn schlechter als jene Gerechten? So schicke doch auch mich ins Himmelreich, oder gönnst du mir's nicht, Zar Saul, Zar Herodes, Zar der Finsternis, weil du selbst nicht dorthin kommen kannst?«

Wieder zitterte die Lanze in Iwans Hand. Noch einen Augenblick, und sie hätte den Jurodiwyi durchbohrt, wenn nicht ein neuer Aufschrei des Volkes die Waffe noch in der Luft zurückgehalten hätte.

Mit äußerster Anstrengung bezwang sich Iwan. Schaum um den Mund, mit funkelnden Augen und drohend erhobener Lanze jagte er mit seinem Pferd mitten in die Schar der Verurteilten hinein, so daß die Funken unter den Hufen des Rosses sprühten, und durchbohrte den ersten besten, der ihm vor die Lanze kam. Als er dann, die bluttriefende Spitze der Lanze nach unten gesenkt, langsam auf seinen Platz zurückritt, hatten die Opritschniks den Jurodiwyi bereits entfernt. Iwan winkte, und die Henker gingen erneut ans Werk.

In des Zaren bleiches Antlitz stieg eine Röte, seine Augen weiteten sich, die blauen Stirnadern schwollen an, die Nüstern blähten sich ...

Als er endlich, gesättigt durch den Anblick der Ströme menschlichen Blutes, sein Roß wandte und, den ganzen Platz noch einmal umreitend, selbst blutbespritzt, umgeben von seinem bluttriefenden Gefolge in die Sloboda zurückkehrte, schlugen die Raben, die noch immer regungslos harrend auf den Kirchenkreuzen und Dachfirsten saßen, einer nach dem anderen krächzend mit den Flügeln und ließen sich auf die zerfetzten Leiber nieder, die an den Galgen hingen ...

Am Tage nach der Hinrichtung aber wurde der Platz des Grauens gereinigt, die Leichen entfernt und in den Graben geworfen, der den Kreml] umgab. Dort errichteten die Bewohner Moskaus in späteren Jahren einige bescheidene Holzkirchen »auf Blut und Totengebeinen«, wie die alten Chroniken berichten.

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