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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Das Gottesgericht

In Wjasemskijs Abwesenheit war Maljuta mit einer wichtigen Aufgabe betraut worden. Der Zar hatte ihm befohlen, die dem Fürsten Afanaßij nahestehenden Diener inzwischen ergreifen und heftig foltern zu lassen, um dadurch aus ihnen herauszubringen, ob ihr Herr in die Mühle ritt, um Hexenkünste zu treiben, wie oft er schon dort gewesen war und was er gegen den Zaren im Schilde führte. Von den meisten Dienern war nichts zu erfahren; einige aber hielten den Folterqualen nicht stand und sagten all das aus, was Maljuta ihnen in den Mund legte. Sie gaben an, daß der Fürst oft in der Mühle weilte, um den Zaren zu verderben, daß er sogar schon dessen Fußabdrücke ausgegraben und sie im Feuer vernichtet hätte, ja einige behaupteten sogar, daß Wjasemskij es mit dem Fürsten Wolodimir hielte und diesen auf den Thron setzen wollte. Wie plump und unglaubwürdig auch diese Geständnisse waren, sie wurden sorgfältigst von den Schreibern notiert und dem Zaren Wort für Wort vorgelesen. Iwan erteilte Maljuta strengsten Befehl, Wjasemskij bei seiner Rückkehr zu verheimlichen, aus welchem Grunde man seine Diener ergriffen hatte und ihm höchstens zu sagen, daß sie im Verdacht ständen, sich an einem Diebstahl in den Vorratshäusern des Zaren beteiligt zu haben. Ihre Aussagen aber waren so voller Widersprüche, daß Iwan Baßmanoff rufen ließ, der ihm noch einmal wiederholen sollte, was er durch Wjasemskijs Leute in Erfahrung gebracht hatte. Baßmanoff aber war nirgends zu finden. Er war noch den Abend zuvor nach Moskau geritten, und der Zar geriet in großen Zorn, daß er es gewagt hatte, ohne seine Erlaubnis die Sloboda zu verlassen.

»Wer weiß, Herr«, meinte Skuratoff, »aus welchem Grunde er sich so heimlich entfernt hat. Vielleicht macht er mit Wjasemskij gemeinsame Sache und hat ihn nur verdächtigt, um dich um so sicherer verderben zu können!«

Der Zar gebot Maljuta vorläufig strengstes Schweigen zu bewahren und Baßmanoff bei seiner Rückkehr durch keine Miene zu verraten, daß seine Abwesenheit bemerkt worden war.

Inzwischen kam der Tag heran, an dem der Zweikampf ausgefochten werden sollte.

 

Schon vor Sonnenaufgang strömte das Volk zum Roten Platz; alle Fenster waren von Zuschauern dicht besetzt, alle Dächer von Menschen belagert, denn auch in die weitere Umgebung der Sloboda war die Kunde von dem bevorstehenden Gottesgericht gedrungen, und die beiden weitbekannten und berühmten Gegner hatten eine vieltausendköpfige Menschenmenge herbeigelockt; selbst aus Moskau waren Leute der verschiedensten Stände zusammengekommen, um mitanzusehen, wem Gott in diesem aufregenden Kampfe beistehen würde.

»Nun, mein Freundchen«, sagte ein geckenhaft gekleideter Guslaspieler zu seinem Gefährten, einem stämmigen Burschen mit einem gutmütigen, aber dummen Gesicht: »Vorwärts! Versuch' dich bis zur Kette vorzudrängen! Ach, ihr guten Leute, laßt uns doch durch! Wir sind ja extra aus Wladimir hergewandert und wollen dafür doch auch etwas von dem Gottesgericht zu sehen bekommen.«

Aber all seine Bitten waren vergeblich. Die Menge stand so dicht zusammengepreßt, daß es selbst beim besten Willen unmöglich schien, durchzudringen.

»Na, so mach' doch, daß du vorwärts kommst, du alter Holzklotz!« wiederholte der Guslaspieler, seinem Gefährten einen derben Puff in den Rücken versetzend. »Schaffst du es nicht?«

»Laß man, es wird schon gehen«, erwiderte der junge Bursche mit schläfriger Stimme, stemmte seine mächtige Schulter vor und trieb sich so wie ein eiserner Keil durch die Menge vorwärts; die Umstehenden fluchten und schimpften auf die beiden ein, die aber die scheltende Menge nicht im geringsten beachteten und langsam vorwärtskamen.

»Halte dich rechts, mehr nach rechts!« rief der Ältere aus. »Was fällt dir ein, so weit nach links zu drängen, du Dummkopf! Dort auf die Stangen zu mußt du streben!«

Die Stelle, nach der der Guslaspieler wies, war für den Zaren selbst bestimmt. Aus Brettern hatte man eine Tribüne erbaut, die mit purpurrotem Tuch ausgeschlagen war. Darauf stand der Sessel des Zaren, und die schon von weitem sichtbaren Lanzen und Stangen, die sich rundherum erhoben, wurden von den die Tribüne von allen Seiten umgebenden Opritschniks gehalten. Weitere Opritschniks standen längs der Ketten, die den Kampfplatz abgrenzten. Sie wiesen mit ihren Hellebarden die ständig vorwärtsdrängende Menge zurück und wachten strenge darüber, daß keiner über die Ketten hinwegsetzte. Sich Schritt für Schritt mühsam voranarbeitend, waren der Guslaspieler und sein stämmiger Begleiter endlich direkt bis zur Kette vorgedrungen.

»Halt! Wohin kriecht ihr?« schrie einer der Opritschniks, im Begriff, sie mit seiner Hellebarde zurückzustoßen. Der junge Bursche sperrte nur erstaunt den Mund auf, ohne ein Wort zu verlieren und wandte sich fragend nach seinem Begleiter um, der mit beiden Händen sein flaches Hütchen aus gefilzter Lämmerwolle, das mit einem goldenen Band umwunden und mit einer Pfauenfeder geschmückt war, abgesetzt hatte und sich dann zweimal vor dem Opritschnik fast bis zur Erde verneigte und sprach:

»Gestattet, ehrenwerte Herren, daß auch wir Guslaspieler uns das Gottesgericht ansehen dürfen. Wir sind deshalb extra aus Wladimir hergewandert. Ach, gestattet uns doch, hier stehnzubleiben, ehrenwerte Herren.«

Und halb flehend, halb verschmitzt dem Opritschnik zulächelnd, zeigte er unter dem schwarzen Bart zwei Reihen blendend weißer Zähne.

»Nun, meinetwegen«, sagte der Opritschnik, »zurück könnt ihr ja jetzt doch nicht mehr, bleibt dann aber gefälligst hier stehen; ich sage euch, macht keinen einzigen Schritt weiter, sonst seid ihr eure Köpfe los!«

Innerhalb des abgesteckten Platzes schritten die Zeugen und Anwälte beider Parteien auf und nieder. Auch ein Bojar, ein Okoljnitschij und zwei Schreiber, die beauftragt waren, darüber zu wachen, daß alle Regeln des Zweikampfes genau eingehalten wurden, befanden sich dort. Einer der Schreiber hatte das Gesetzbuch des Wladimir Gußeff, das schon zur Zeit des Großfürsten Iwan Wassiljewitsch des Dritten zusammengestellt worden war, vor sich aufgeschlagen und besprach mit seinem Kollegen alle Möglichkeiten, die sich beim Zweikampf ergeben konnten. »Wenn aber die beiden Gegner«, las er, mit dem Finger eine Stelle in dem Buche verfolgend, »aufeinander zureiten und sich ohne Kampf versöhnen sollten, so ...«, als er plötzlich durch lautes Rufen der Menschenmenge unterbrochen wurde.

»Der Zar kommt! Der Zar kommt!« klang es aufgeregt von allen Seiten, und im Nu hatten sich alle Köpfe ehrfürchtig entblößt.

Von einem großen Gefolge von Opritschniks begleitet, ritt Zar Iwan zum Kampfplatz heran, stieg vom Pferde, ging dann langsam die Stufen zu seiner Tribüne empor, grüßte das Volk und ließ sich auf seinen Sessel nieder, als gälte es, einem interessanten und unterhaltenden Schauspiel beizuwohnen. Hinter ihm und um ihn herum stellten sich die Höflinge auf.

In diesem Augenblick ertönte in sämtlichen Kirchen der Sloboda Glockengeläut, und von zwei entgegengesetzten Richtungen ritten Wjasemskij und Morosoff in die Schranken, beide in voller Schlachtrüstung. Morosoff trug einen Panzer, der schuppenartig aus einzelnen goldüberzogenen Stahlplatten zusammengesetzt war. Den Kopf bedeckte ein hoher Helm aus geschwärztem Silber. Unter diesem fiel über die Schultern ein Schutznetz herab, das über der Brust kreuzweise übereinandergeschlagen und durch silberne Spangen zusammengehalten war. An der Hüfte hing über einem buntschillernden Gürtel ein breiter Säbel herab, dessen Knauf, Scheide und Zwinge ebenfalls aus Silber waren. An seiner rechten Seite hing mit der Spitze nach unten ein kurzer vergoldeter Spieß, das Zeichen der Bojarenwürde, das in vergangenen Tagen den alten russischen Bojaren als unzertrennlicher Gefährte in seinen ruhmreichen Schlachten begleitet hatte, wegen seiner Schwere aber kaum mehr Verwendung fand. Morosoff ritt einen kräftig gebauten Rappen, dessen Rücken eine Panzerdecke aus silbernen Schuppen, die mit karmoisinrotem Sammet unterlegt waren, bedeckte. Von dem kunstvoll geschmiedeten Stirnband fielen seitwärts ebenfalls karmoisinrote, mit Silberfäden durchwirkte Quasten herab. Als Zaum und Zügel dienten silberne Ketten, die aus fein ziselierten Gliedern verschiedener Größe zusammengefügt waren. Die zottigen Beine, die durch silberne Kniestücke geschützt waren, hoch aufhebend, schritt das Roß gemessen einher, den Hals tief gesenkt. Als Druschina Andrejewitsch es dicht vor seinem Gegner anhielt, schüttelte es unwillig die dichte Mähne, die fast bis zur Erde fiel, kaute an seinem Zaum und begann ungeduldig mit den Hufen in den Sand zu schlagen, wobei es bei jedem Schlag die glänzenden Stollen seiner breiten Hufeisen zeigte. Das stattliche Tier schien für seinen imposanten Reiter wie geschaffen.

Wjasemskij hatte eine viel leichtere Rüstung gewählt. Da ihm seine kaum vernarbten Wunden noch viel zu schaffen machten, hatte er sich entschlossen, keinen festen Panzer anzulegen, sondern hatte der schwerfälligen Rüstung ein geschmeidiges Panzerhemd vorgezogen, dessen Kragen, Ärmel und Saum von Edelsteinen erglänzten. Statt des hohen Helmes trug der Fürst eine niedrige Jerichonka, deren Rand mit Gold eingelegt war, während sich auf der oberen Wölbung ein Büschel aus feinstem Golddraht befand, der außerdem noch ganz und gar mit funkelnden Saphiren und Rubinen geschmückt war. Am Gürtel, der mit zahlreichen Glöckchen und Schellen besetzt war, hing ein ganz mit Edelsteinen eingelegtes krummes Schwert, dasselbe, das der Hexenmüller besprochen hatte und auf das sich Wjasemskij jetzt fest verließ. An dem Sattel aus violettem Sammet, der mit rundköpfigen silbernen Nägeln und mit ebensolchen geschmiedeten Klammern ausgeschlagen war, hing ein Beil aus damasziertem Stahl an einem golddurchwirkten Gürtel, dessen Heft ebenfalls mit violettem Sammet abgefüttert war. Unter dem prächtigen Saum des Panzerhemdes blickte ein Untergewand aus weißer goldbestickter Seide hervor, das teilweise über die feuerroten Beinkleider herabfiel, die in hohen grünen Saffianstiefeln steckten. Afanaßijs Roß, ein fuchsroter Bergargamak, war vom Kopf bis zum Schweif mit klirrenden Ketten aus getriebenen Glöckchen behängt. Statt einer Panzerdecke aber fiel ein Panterfell über seinen Rücken herab. Auf den brünnierten Stirnriemen funkelten große goldgefaßte Saphire. Die schlanken schwarzen Hufe des Gebirgsrenners waren nicht beschlagen, sondern an jedem Fuß befand sich unterhalb der Fessel ein silbernes Glöckchen. Schon die ganze Zeit lang erscholl das helle Wiehern des Tieres. Jetzt aber hob es den Kopf, blähte die Nüstern und trabte leichten Schrittes, kaum den Erdboden berührend, Morosoffs Roß entgegen. Als aber der Fürst die klingenden Zügel fester anzog, warf es sich unwillig zur Seite und wäre über die Kette hinweggesetzt, wenn nicht der geübte Reiter es mit aller Kraft wieder auf seinen Platz zurückgeführt hätte. Das Tier bäumte auf, setzte sich auf die Hinterbeine und hätte sich überschlagen, wenn nicht der Fürst sich mit aller Macht vornübergebeugt und ihm die scharfen Sporen in die Seiten gedrückt hätte. Der Argamak tat einen Sprung, um dann wie angewurzelt stehenzubleiben. Nicht ein einziges Haar seiner schwarzen Mähne bewegte sich. Mit blutunterlaufenen Augen blickte er scheu zur Seite, und auf seinem goldschimmernden Fell traten die angeschwollenen Adern wie ein dichtes Netz hervor.

Als Wjasemskij glänzend und waffenklirrend, vor Edelsteinen funkelnd, in die Schranken ritt, wußte sich der Guslaspieler vor Entzücken gar nicht zu lassen.

»Welch ein prachtvolles Tier!« rief er aus, von einem Fuß auf den andern tretend und sich vor Bewunderung an den Kopf fassend. »Ach, ist das ein Roß! Noch nie habe ich ein so schönes Pferd gesehen, und ich bin doch weiß Gott weit herumgekommen in meinem Leben. Ein Jammer«, fügte er dann leiser hinzu, »daß uns dieser Reiter nicht so wie er da ist, damals am Teufelssumpf in die Quere gekommen ist!«

Der Guslaspieler wollte sich gerade an seinen Gefährten wenden, hielt aber plötzlich inne, als die Stimmen der Herolde erklangen.

»Rechtgläubiges Volk!« riefen sie an verschiedenen Stellen des abgegrenzten Platzes zugleich, »es beginnt der entscheidende Kampf zwischen dem Diener des Zaren Fürst Afanaßij Iwanowitsch Wjasemskij und dem Bojaren Druschina Andrejewitsch Morosoff. Die Gegner klagen sich an der Beschimpfung ihrer Ehre, der unlauteren Kampfesart und Verwundung und der Entführung der Bojarinja Morosoff. Rechtgläubiges Volk! Bete zur heiligen Dreifaltigkeit, auf daß sie dem Gerechten unter ihnen den Sieg verleihen möge!«

Es wurde totenstill unter der Menschenmenge; alle Anwesenden bekreuzigten sich voller Inbrunst, und der Bojar, der den Kampf zu überwachen hatte, trat zum Zaren heran und sprach, sich tief vor Iwan verneigend:

»Erhabener Zar! Befiehlst du, daß der Kampf beginne?«

»Beginnt!« sprach Iwan ruhig.

Darauf traten der Bojar, der Okoljnitschij, die Zeugen und Anwälte beider Parteien zur Seite. Der Bojar gab ein erstes Zeichen. Die Gegner zogen ihre Waffen. Auf ein zweites Zeichen sollten sie aufeinander zusprengen, aber zum Erstaunen aller begann Wjasemskij im Sattel zu wanken und ließ plötzlich die Zügel aus der Hand gleiten. Er wäre zu Boden gestürzt, wenn nicht ein Anwalt und ein Schreiber herbeigeeilt wären, um ihm vom Pferde zu helfen. Die ebenfalls zu Hilfe kommenden Reitknechte faßten sein Roß beim Zügel.

»Führt es fort!« sagte Wjasemskij, mit trüben Augen umherblickend. »Ich werde zu Fuß weiterkämpfen.«

Als Morosoff sah, daß sein Gegner vom Pferde gestiegen war, schwang auch er sich aus dem Sattel und ließ sein Roß ebenfalls von einem Reitknecht fortführen.

Ein Waffendiener reichte ihm einen großen Lederschild mit Kupferplatten, der schon für den Fall des Fußkampfes bereit gehalten war. Wjasemskij wurde ein brünierter goldeingelegter Stahlschild mit goldenen Quasten gebracht. Aber Afanaßij war nicht imstande, seinen Arm in den Schild zu stecken. Seine Knie wankten, wenn man ihm nicht erneut zu Hilfe geeilt wäre.

»Was fehlt dir nur, Fürst?« riefen wie aus einem Munde sein Reitknecht und ein Zeuge. »Nimm dich zusammen! Wenn du jetzt das Feld räumst, so bedeutet das deine Niederlage!«

»Nehmt mir die Rüstung ab«, flüsterte Wjasemskij, mühsam nach Atem ringend. »Das Kraut erstickt mich noch.«

Er warf den Helm zu Boden, riß den Kragen seines Panzerhemdes auf und holte das an einer Seidenschnur hängende, in einen Seidenbeutel eingenähte Amulett, das um seinen Hals hing, hervor. »Verflucht seist du, Hexenmeister!« schrie er, den Beutel weit von sich schleudernd. »Verflucht, verflucht! Du hast mich betrogen.«

Druschina Andrejewitsch trat mit entblößtem Schwert auf Wjasemskij zu.

»Ergib dich, du Hund!« rief er, zornig sein Schwert hebend. »Gestehe deine Ruchlosigkeit ein!«

Die Sachwalter und Knappen warfen sich zwischen den Fürsten und Morosoff.

»Nein«, schrie Wjasemskij, und in seinem trüben Blick flammte die frühere Wut auf, »du frohlockst zu früh! Du hast mich vernichtet, du alter Rabe, hast vielleicht dein Schwert vorher in geweihtes Wasser getaucht. Ich aber werde einen anderen Kämpfer für mich stellen, und dann wollen wir einmal sehen, wer von uns beiden den Sieg davonträgt.«

Unter den Verteidigern beider Parteien entspann sich ein heftiger Wortwechsel. Die einen behaupteten, daß das Gottesurteil als bereits zu Morosoffs Gunsten ausgefallen betrachtet werden müsse, die anderen, daß der Kampf bis jetzt noch gar nicht gerechnet werden könne, weil überhaupt noch kein Ringen stattgefunden hatte. Dem Zaren war Wjasemskijs Erregtheit nicht entgangen, und er hatte sofort den von Afanaßij fortgeschleuderten Gegenstand aufheben und sich bringen lassen. Er musterte ihn einen Augenblick lang mit neugierigen und mißtrauischen Blicken und rief dann Maljuta zu sich heran.

»Bewahr' das da gut auf, bis ich dich danach frage«, raunte er ihm leise zu. »Jetzt aber«, fuhr er mit lauter Stimme fort, »möge Wjasemskij vor mich treten!«

»Nun, Afonja«, sprach er mit bösem Lächeln, »du scheinst dem alten Morosoff nicht gewachsen zu sein?«

»Herr«, antwortete der Fürst, dessen Antlitz totenbleich war, »mein Gegner muß mich behext haben. Und zudem habe ich seit meiner Verwundung heute das erste Mal wieder die Rüstung angelegt. Meine Wunden sind dadurch wieder aufgebrochen. Sieh doch, wie das Blut unter dem Panzerhemd hervordringt! Gestatte, Herr, daß der Herold einen Stellvertreter für mich herbeiruft!«

Wjasemskijs Verlangen war gegen alle Regeln des Zweikampfs. Wer nicht selbst kämpfen wollte, mußte dieses vorher erklären. War er erst einmal in die Schranken getreten, so durfte er nicht einen anderen Kämpfer stellen. Der Zar aber hatte auf jeden Fall Morosoffs Verderben beschlossen, und so ging er auf Wjasemskijs Bitte ein.

»So laß die Herolde ausrufen, ob ein Stärkerer für dich eintreten will! Findet sich aber niemand, nun, so steht Morosoff gerechtfertigt da, und du wirst dem Henker überliefert!«

Von seinen Dienern gestützt, entfernte sich Wjasemskij, und bald eilten die Herolde an den Schranken entlang und riefen mit lauter Stimme: »Bewohner der Sloboda! Bewohner Moskaus oder anderer Städte! Wer ist bereit, sich mit dem Bojaren Morosoff zu messen? Tretet hervor, ihr Kämpfer, springt für den Fürsten Wjasemskij ein!«

Aber alles blieb totenstill, nicht eine einzige Stimme ließ sich vernehmen.

»Tretet hervor, ihr wackeren Kämpfer, springt ein für Wjasemskij!« schrien die Herolde. »Tretet in die Schranken! Wer Morosoff niederzwingt, dem wird der Fürst all seinen Landbesitz schenken, und ist es ein gemeiner Mann, so soll er all sein Geld haben.«

Auch jetzt blieb alles still, denn jeder wußte, daß Morosoffs Sache heilig war, und der Zar wollte schon trotz seines Hasses Druschina als den Gerechtfertigten erklären, als plötzlich laute Rufe ertönten.

»Es kommt ein Kämpfer! Seht, es hat sich einer gefunden!«

In die Schranken trat Mattwej Chomjak.

»Goida! Goida«, schrie er, wild mit dem Schwerte um sich fuchtelnd, »komm heran, Bojar, ich trete für Wjasemskij ein!«

Als Morosoff, der noch immer mit entblößtem Schwert regungslos dagestanden hatte, Chomjak gewahrte, wandte er sich voller Entrüstung an den Aufseher des Kampfes.

»Mit einem Söldling werde ich mich nicht messen!« sprach er mit stolzer Stimme. »Es ziemt sich wahrlich nicht für den Bojaren Morosoff, sich mit dem Reitknecht des Grischka Skuratoff zu schlagen.«

Entschlossen steckte er das Schwert in die Scheide und näherte sich dem Zaren.

»Erhabener Zar«; sprach er, »du hast meinem Gegner gestattet, sich durch einen anderen Kämpfer vertreten zu lassen; so gestatte auch mir, einen anderen Streiter zu stellen, oder bestimme, daß der Zweikampf auf einen anderen Tag verschoben wird.«

Wie sehr auch Iwan Wassiljewitsch daran gelegen war, Morosoff ins Verderben zu stürzen, die Bitte des Alten war nur allzu gerecht, und der Zar wollte sich nicht die Blöße geben, beim Gottesgericht parteiisch oder ungerecht zu erscheinen.

»So suche dir einen Vertreter!« rief er unwillig aus. »Wenn du aber keinen findest, schlage dich selbst oder bekenne dein Unrecht und laß dir den Kopf abhauen!«

Inzwischen schritt Chomjak an der Kette entlang, schwenkte sein Schwert und machte sich über die Zuschauer lustig.

»Ei seht doch«, höhnte er, »wieviel alte Raben sich heute hier eingefunden haben; ein weißer Falke aber ist nicht unter ihnen zu finden. Will denn kein einziger von euch es wagen, den Kampf mit mir aufzunehmen und unseren Zaren ein bißchen zu unterhalten? Es scheint, daß euch vom ewigen Korndreschen die Arme lahm geworden sind, oder ihr liegt gar zu viel auf dem Ofen herum, meine Lieben. Da sind euch die Glieder wohl eingerostet!«

»Du verdammter Teufel«, murmelte der Guslaspieler ingrimmig vor sich hin, »ich wollte dir's schon heimzahlen, wenn ich nur mein gutes Schwert bei mir hätte. Sieh«, fuhr er fort, seinem Begleiter einen ordentlichen Puff versetzend, »erkennst du den Kerl wieder?«

Der Bursche aber schien seiner Worte gar nicht geachtet zu haben. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er Chomjak regungslos an.

»Nun«, fuhr dieser fort, »es scheinen sich keine Liebhaber zu finden. Hallo, ihr Ritter von der Elle, ihr alten Kalatschenbäcker! Ihr Webersleute und was ihr sonst noch seid, hat denn keiner von euch Lust bekommen?«

»Ich!« schrie plötzlich der Bursche, die Kette mit beiden Händen ergreifend und sie mit einer solchen Wucht über den Kopf streifend, daß er fast die Eichenpfähle, an denen sie befestigt war, mit ausgerissen hätte. So befand er sich mit einem Male innerhalb der Schranken, selbst sichtlich verblüfft über seine Kühnheit. Mit riesengroßen Augen und noch immer weitaufgerissenem Mund starrte er bald Chomjak, bald die Opritschniks, bald sogar den Zaren selbst an.

»Wer bist du?« fragte der Bojar, der die Aufsicht über den Kampf hatte.

»Na, ich heiße doch Mitjka«, versetzte der Bursche gleichgültig, als fände er die Frage sehr überflüssig.

»Hab' Dank, wackerer Bursche, hab' Dank, daß du für die gerechte Sache eintreten willst«, rief ihm Morosoff zu. »Wenn du deinen Gegner besiegst, so werde ich mit der Belohnung nicht kargen. Noch ist mir ja nicht alles geraubt. Dank Gottes Güte habe ich noch etwas übrig behalten, um mich einem so tapferen Burschen erkenntlich zu zeigen.«

Chomjak hatte Mitjka wohl am Teufelssumpf gesehen, als dieser mit einem wuchtigen Keulenhieb sein Pferd zu Boden gestreckt und dann in der Annahme, sich auf den Reiter zu stürzen, seinen eigenen Kameraden unter sich begraben hatte. Aber in dem allgemeinen Handgemenge war sein Gesicht Chomjak nicht besonders aufgefallen, so daß er ihn jetzt nicht wiedererkannte.

»Mit welcher Waffe willst du kämpfen?« fragte der Aufseher, den Burschen mit belustigter Miene betrachtend, der weder eine Rüstung anhatte noch sonst irgend eine Waffe bei sich führte.

»Womit ich mich schlagen will?« wiederholte Mitjka, sich umwendend, um mit den Augen den Guslaspieler zu suchen und sich bei ihm Rat zu holen. Aber wie sehr er sich auch die Augen ausguckte, der Guslaspieler war nirgends zu entdecken.

»Nimm dir ein Schwert, lege eine Rüstung an, und dann auf in den Kampf!«

Mitjka blickte sich abermals sichtlich verlegen und ratlos nach allen Seiten um. Den Zaren ergötzte sein komisches Gebaren außerordentlich.

»Gebt ihm doch Waffen!« sagte er lachend. »Wir wollen einmal sehen, ob er sich überhaupt ordentlich schlagen kann.«

Nun wurde Mitjka eine vollständige Rüstung gebracht, aber wie sehr er sich auch abmühte, er kam und kam mit seinen mächtigen Fäusten nicht in die Ärmel des Panzerhemdes hinein, und der Helm war für seinen dicken Schädel so klein, daß er nur ganz oben auf seinem Scheitel schwebte. In diesem seltsamen Aufzug wandte sich Mitjka, gänzlich aus der Fassung gebracht, bald nach rechts, bald nach links um, weil er noch immer hoffte, den Guslaspieler zu erblicken, um ihn zu fragen, was er nun anfangen sollte. Der Zar beobachtete ihn belustigt und brach endlich in schallendes Lachen aus, in das zuerst die Opritschniks und bald alle Umstehenden einfielen.

»Was reißt ihr die Mäuler so weit auf?« brummte Mitjka verdrießlich. »Ich werde doch wohl auch ohne eure Eisenhemden und Kapuzen mit dem Kerl da fertig werden.«

Er wies mit dem Finger auf Chomjak und begann sich mit vieler Mühe wieder aus dem Panzerhemd herauszuwinden. Von neuem brach alles in herzhaftes Lachen aus.

»Womit in aller Welt willst du dich nun schlagen?« fragte der Bojar abermals.

Mitjka kratzte sich verlegen den Nacken.

»Einen festen Knüttel habt ihr wohl nicht da?« fragte er, sich mit traniger Stimme an die Opritschniks wendend.

»So ein Schafskopf«, schrien diese, »wo kommst du denn her? Bildest du dir ein, daß wir uns wie ihr Bauernkerle mit Knütteln verdreschen?«

Aber Iwan Wassiljewitsch hatte noch immer seinen Spaß an dem plumpen Burschen und ließ daher nicht zu, daß er fortgejagt wurde.

»So gebt ihm doch einen Knüttel, er mag sich schlagen, wie er es gewohnt ist.«

»Zar«, rief Chomjak entrüstet aus, »laß doch nicht zu, daß dieser Tölpel deinen treuen Diener beleidigt. Ich diene doch deiner Gnaden in allen Ehren in der Opritschnina und habe mich mein Lebtag noch nicht mit Knütteln geschlagen.«

»Nun, dann kannst du ja auch ruhig mit dem Schwerte kämpfen, der Bursche da aber soll sich auf seine Weise schlagen. Wir wollen doch sehen, wie der Bauerntölpel den Bojaren Morosoff verteidigt!«

Es wurden einige Knüttel gebracht, Mitjka nahm einen nach dem anderen in die Hand, betrachtete sie prüfend von allen Seiten und wandte sich dann, nachdem er alle durchgemustert hatte, direkt an den Zaren.

»Habt ihr denn nicht ein bißchen kräftigere da?« brachte er langsam hervor, den Zaren fragend ansehend.

»So bringt ihm doch in Gottes Namen eine Deichsel!« sagte der Zar, der sich schon im voraus auf das neue Schauspiel freute.

Bald kam Mitjka tatsächlich an, eine riesige Deichsel in den Händen balancierend, die die Opritschniks soeben aus einem auf dem Markt stehenden Wagen genommen hatten.

»Nun, paßt dir die?« fragte der Zar.

»Weshalb nicht, die könnte schon gehen«, meinte Mitjka.

Er faßte die Deichsel an einem Ende und fuchtelte zur Probe so heftig damit in der Luft herum, daß sich ein starker Luftzug bemerkbar machte und der Staub aufflog wie bei einem Wirbelwind.

»Nun seht doch bloß den Teufel an!« murmelten die Opritschniks, sich erstaunt anblickend.

Der Zar wandte sich nun an Chomjak.

»So, nun nimm den Kampf mit ihm auf!« sprach er mit gebieterischer Stimme und fügte spöttisch hinzu: »Ich möchte doch sehen, wie du dich einem solchen Bauernknüttel gegenüber benimmst.«

Mitjka hatte sich inzwischen die Ärmel aufgestreift, sich in die Hände gespuckt, und mit einem grimmen Blick auf Chomjak die Deichsel gepackt und schwang sie nun hoch empor. All seine vorherige Hilflosigkeit war mit einmal verschwunden.

»Nun los! Ha, magst du nicht?« brüllte er den Gegner an, »ich will dich lehren, Bräute zu rauben!«

Chomjaks Lage war angesichts der ungewohnten Waffe und der Riesenkräfte des Burschen äußerst schwierig. Die Zuschauer aber nahmen sichtlich für Mitjka Partei und begannen sich schon über Chomjak lustig zu machen. Die Verlegenheit des Reitknechts ergötzte den Zaren. Er wartete mit solcher Spannung und so offensichtlichem Genuß auf den bevorstehenden Kampf, als gälte es einer Bärenjagd oder einer belustigenden Vorstellung von Gauklern beizuwohnen.

»Nun beginnt!« sprach er.

Mitjka schwang die Deichsel hoch über seinen Kopf und fing mit einem Satz auf Chomjak an, sie herumzuschwenken. Vergeblich versuchte Chomjak eine Gelegenheit zu erhaschen, um dem Gegner mit dem Schwert beizukommen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nur immer vorsichtig der Deichsel auszuweichen, die riesige Kreise um Mitjka herum beschrieb und ihn für die Schwerthiebe unerreichbar machte. Zur größten Freude der Zuschauer und zur nicht geringen Belustigung des Zaren begann Chomjak, nur auf seine Rettung bedacht, zurückzuweichen. Mitjka aber stürzte ihm mit einem geschickten Sprung hinterdrein und ließ seine Deichsel wieder wie einen mächtigen Wirbelwind um des Gegners Ohren sausen.

»Ich will dir zeigen, Bräute zu rauben!« brüllte er, immer mehr in Wut geratend, bemüht, Chomjak bald an den Beinen, bald am Kopf oder wo es sonst gerade ging, zu treffen. Die Teilnahme der Zuschauer für Mitjka machte sich zuerst in aufmunternden Zurufen und schließlich in lautem Jubel Luft.

»So ist's recht! Bravo! Bravo!« schrie das Volk, im Augenblick des Zaren Gegenwart vergessend. »Gib's ihm! Tüchtig! Ordentlich! Solch ein Teufelskerl! Verhilf Morosoff und seiner gerechten Sache zum Siege!«

Aber Mitjka dachte auch nicht mit einem Gedanken an Morosoff. »Ich will dir zeigen, Bräute zu rauben!« schrie er wieder und immer wieder, Chomjak weiter verfolgend, der sich vor der um ihn herumsausenden Deichsel nach allen Seiten wand. Mehrfach mußten die Opritschniks, die dicht an der Kette standen, sich vorsichtig ducken, um dem gewissen Tode zu entgehen, wenn die ächzende Deichsel über ihre Häupter zuckte. Plötzlich tönte ein dumpfer Krach, und Chomjak flog, in die Seite getroffen, mehrere Schritt weit fort und stürzte mit ausgestreckten Armen zu Boden. Lauter Jubel ertönte. Mitjka stürzte sich atemlos auf den Gegner, um ihn zu erwürgen.

»Nun, nun, genug!« schrien die Opritschniks. Maljuta beugte sich hastig zu Iwan Wassiljewitsch herüber und raunte ihm mit besorgter Miene zu: »Herr, laß jetzt diesen Teufel fortbringen! Chomjak ist der beste Opritschnik, den wir haben.«

»Zieht den Teufel an den Beinen von ihm weg!« rief der Zar. »Schüttet ihm Wasser über den Kopf, damit er sich etwas abkühlt, aber tut ihm ja nichts zuleide!«

Nur mit äußerster Anstrengung und Mühe gelang es den Opritschniks, Mitjka fortzuschleifen; als sie aber Chomjak aufrichten wollten, war er bereits tot.

Als aller Aufmerksamkeit auf Chomjak gerichtet war, stand plötzlich der Guslaspieler neben Mitjka, zupfte ihn heimlich am Rock und flüsterte ihm leise zu:

»Komm, du Dummkopf. Beeile dich, wenn du deinen Schädel heil von hier forttragen willst!«

Und im Nu waren beide in dem dichten Gedränge verschwunden.

Iwan Wassiljewitsch ließ Morosoff rufen. Totenstille herrschte auf dem weiten Platze. Aller Blicke waren voller Spannung auf den Zaren gerichtet; jeder hielt den Atem an.

»Bojar Druschina«, sprach der Zar mit feierlicher Stimme, indem er sich von seinem Platze erhob, »durch den Ausgang des Gottesgerichtes stehst du gerechtfertigt vor mir. Gott der Herr hat durch die Besiegung deines Widersachers dein Recht bezeugt, und so will auch ich dir nicht länger meine Gnade entziehen. Aber verlaß die Sloboda nicht, bevor ich es dir gestattet habe! Hiermit aber«, fügte er mit dumpfer Stimme hinzu, »ist unsere Aufgabe noch nicht erledigt. Das wahre Gericht steht noch bevor. Führt Wjasemskij her!«

Als Afanaßij vor ihn trat, warf der Zar ihm einen langen, unergründlichen Blick zu.

»Afonja«, sprach er endlich, »du weißt, daß ich unerschütterlich an meinem Wort festhalte. Ich hatte beschlossen, daß der von euch, der selbst oder durch einen anderen Kämpfer vertreten den Kampf nicht bestehen würde, dem Tode überantwortet werden soll. Dein Streiter aber ist besiegt worden, Afonja!«

»Wohlan denn«, erwiderte Wjasemskij mit fester Stimme, »so laß mir das Haupt abschlagen!«

Ein seltsames Lächeln spielte um Iwans Mund.

»Weiter nichts als nur das Haupt abschlagen?« fuhr er mit höhnischer Stimme fort, »du glaubst also, daß man sich damit begnügen würde! Das wäre auch sonst wohl möglich, aber es scheint mir, du hast noch weit mehr auf dem Kerbholz. Maljuta, reich mir doch einmal den Beutel her!«

Iwan nahm das von Wjasemskij fortgeschleuderte Amulett aus Maljutas Hand und hielt es an einem Zipfel hoch.

»Was ist das hier?« fragte er, Wjasemskij mit einem furchtbaren Blick durchbohrend.

Der Fürst wollte antworten, aber der Zar ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Du hinterlistiger, gemeiner Sklave du«, stieß er mit wutzitternder Stimme hervor, so daß allen Anwesenden das Blut in den Adern zu erstarren schien, »du verräterischer Sklave du! Ich zog dich an meinen Thron heran, ich erhöhte dich, ich überschüttete dich mit Gnadenbezeugungen, und du? Wie hast du mir's gelohnt? Wie eine falsche Schlange hegtest du heimlich den Gedanken, mich, ja mich, deinen Zaren, ins Verderben zu stürzen! Durch schwarze Hexenkünste wolltest du mich vernichten, darum, nur darum bist du unter die Opritschniks gegangen. Was aber ist die Opritschnina?« fuhr er, sich nach allen Seiten umblickend, mit gehobener Stimme fort, damit ihn alles Volk wohl verstehen konnte. »Gleich dem Herrn des Weinbergs bin ich von Gott über das Volk gesetzt, auf daß auch ich gleich jenem Herrn des Weinbergs treulich darüber wache, daß das mir anvertraute Gut gehegt und gepflegt werde. Meine Bojaren aber und meine Ratgeber wollten mich nicht unterstützen in meiner schweren Aufgabe, sondern trachteten danach, mich zu verderben. Da entzog ich ihnen die Pflege des Weinbergs und legte sie in andere Hände. Das aber sind meine Opritschniks. Die von mir Geladenen sind vom Mahle fortgeblieben, da schickte ich auf die Plätze und Straßen und ließ jeden laden, der da kommen wollte. Und auch das bedeutet meine Opritschnina! Jetzt aber frage ich euch alle: Was verdient der Gast, der zum Mahle kommt und kein festlich Gewand angelegt hat? Wie steht es in der Heiligen Schrift zu lesen? ›Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis draußen. Dort wird Heulen und Zähneklappern sein.‹«

So sprach Iwan. Schweigend hörte das Volk dieser Auslegung der heiligen Schrift zu, ohne an Wjasemskijs Schicksal besonders stark Anteil zu nehmen, aber doch tief erschüttert von dem plötzlichen Fall des mächtigen Günstlings. Kein einziger unter den Opritschniks wagte es, ein Wort zu Wjasemskijs Verteidigung zu sagen. Auf allen Gesichtern lag lähmendes Entsetzen; nur Maljutas Blick war unverändert: nichts als die Bereitwilligkeit, sofort des Zaren Wünsche zu erfüllen, war darin zu lesen, und Baßmanoffs Züge drückten eine boshafte Schadenfreude aus, obgleich er eifrig bemüht schien, diese unter der Maske äußerster Gleichgültigkeit zu verbergen.

Wjasemskij sah ein, daß es zwecklos war, sich zu rechtfertigen. Kannte er doch Iwan lange genug und beschloß bei sich, alle Qualen, die seiner harrten, mutig über sich ergehen zu lassen.

»Führt ihn ab!« sprach der Zar. »Ich bestimme ihm die gleiche Todesart, die ich jenem Banditen zugedacht habe, der sich nachts in mein Schlafgemach eingeschlichen hatte und jetzt der wohlverdienten Strafe harrt. Und der Zauberer, mit dem er gemeinsame Sache gemacht hat, soll ergriffen und ebenfalls in die Sloboda gebracht werden! Dann mag man ihn tüchtig ins Gebet nehmen, wobei wohl noch vieles andere mehr an den Tag kommen wird! Groß ist der Zorn des Fürsten dieser Welt«, fuhr Iwan, den Blick gen Himmel gewandt, fort, »wie ein brüllender Löwe schreitet er einher und sucht mich zu verschlingen und findet selbst unter denen, so ich zu mir gezogen, gefügige Gehilfen. Ich aber baue auf die Barmherzigkeit Gottes, mit dessen gnädigem Beistand ich es nie und nimmer dulden werde, daß schnöder Verrat Wurzel faßt in heiliger russischer Erde.«

Iwan schritt die Stufen der Tribüne herab, schwang sich in den Sattel und begab sich, gefolgt von der lautlosen Schar seiner Höflinge, in den Palast zurück.

Das Volk zerstreute sich schweigend oder machte nur in ängstlichem Flüstertone seinem Herzen Luft über alles, was sich an diesem Tag ereignet hatte, und bald lag der Rote Platz, der noch vor kurzem eine ungeheure Menge versammelt hatte, wieder öde und menschenleer.

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