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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Unter dem Zauberbann

Am folgenden Tage begab sich Wjasemskij nach Moskau. In jedem anderen Falle würde er sich in Aussicht auf einen Zweikampf ruhigen Herzens auf seine Kraft und Gewandtheit verlassen haben; hier aber ging es um die geliebte Jelena, und außerdem war es ein ungewöhnlicher Zweikampf, dessen Ausgang vom Gottesurteil abhing; er aber war sich seines Unrechts bewußt, und wie verächtlich ihm auch Morosoff in jedem anderen Falle als Gegner erschienen wäre, so fürchtete er doch den göttlichen Zorn und wurde von qualvollen Vorstellungen gepeinigt, daß ihm womöglich während des Kampfes die Hände erstarren könnten. Diese Befürchtung war um so stärker, als seine eben geheilten Wunden ihm oft heftige Schmerzen bereiteten und er von Zeit zu Zeit an Schwäche- und Ohnmachtsanfällen litt. So wollte er wenigstens nichts versäumen, was ihm den Sieg sichern könnte, und hatte beschlossen, sich von dem zauberkundigen Müller irgendein Kraut zu verschaffen, das seine Schwerthiebe unwiderstehlich machen sollte.

Gefoltert von den widersprechendsten Gedanken und Vorstellungen, ritt Wjasemskij durch den tiefen Wald seinem Ziele zu.

Bald vernahm er das Rauschen des Mühlrades. Je mehr er sich aber der Mühle näherte, desto deutlicher unterschied sein Ohr neben dem Rauschen auch noch menschliche Stimmen. Er hielt sein Roß an, stieg ab, band die Zügel des Pferdes an einem Haselstrauch fest und schlich sich zu Fuß zur Mühle heran. Direkt am Rande des kleinen Mühlengrundstücks stand ein reich gesatteltes und kostbar geschirrtes Pferd. Der Müller sprach mit einem stattlichen Manne, dessen Gesicht Wjasemskij nicht erkennen konnte, weil ihm der Fremde, der gerade im Begriffe schien, sich in den Sattel zu schwingen, den Rücken kehrte.

»Du wirst schon zufrieden sein, Bojar«, hörte er den Müller sagen, »wirklich, du sollst mit mir zufrieden sein. Die Gunst des Zaren wirst du neu erringen, und der Blitz möge mich zerschmettern, wenn nicht Wjasemskij und deine anderen Nebenbuhler elende zugrunde gehen! Sei ganz ruhig, gegen das Gentianellkraut kommt keiner an!«

»Gut«, sagte der Angeredete und warf sich in den Sattel. »Aber alter Teufel, vergiß nicht unsere Abmachung; wenn ich keinen Erfolg habe, knüpfe ich dich auf wie einen elenden Köter.«

Die Stimme kam Wjasemskij bekannt vor, aber das Rad klapperte so laut, daß er im Zweifel blieb, wer der Besucher sein mochte.

»Weshalb solltest du denn keinen Erfolg haben, Väterchen, weshalb denn nicht?« fuhr der Müller mit einer tiefen Verbeugung fort. »Nur lege das Amulett nie ab, und wenn du mit dem Zaren sprichst, so blicke ihm fest und zuversichtlich in die Augen, Väterchen, zeige ja keine Angst. Rede ihm allerhand krauses und lustiges Zeug vor, dann möcht' ich verflucht sein, wenn du nicht wieder bei ihm zu Ansehen und Ehren gelangst!«

Der Reiter wandte sein Roß und trabte an Wjasemskij vorüber, ohne ihn jedoch zu gewahren. Afanaßij aber erkannte jetzt Baßmanoff. Sein Herz klopfte schneller. Er hatte zuerst gar nicht auf die Worte des Müllers geachtet, war aber dann stutzig geworden, als er seinen Namen nennen hörte und daraufhin in dem Unbekannten einen neuen unerwarteten Nebenbuhler vermutete. Der Müller hatte zuerst Baßmanoff mit den Augen verfolgt und sich dann ans Zählen der Goldstücke gemacht, die ihm Baßmanoff zugeworfen hatte. Er schmunzelte vergnügt vor sich hin und ließ die Goldstücke liebkosend aus einer Hand in die andere gleiten, als er plötzlich eine schwere Hand auf seiner Schulter fühlte. Er fuhr entsetzt hoch, als seine Augen den schwarzen, zornfunkelnden Augen Wjasemskijs begegneten.

»Was hatte Baßmanoff hier bei dir zu schaffen, Hexenmeister?« herrschte ihn Wjasemskij an.

»V – – Vä – – Väterchen!« stotterte der Müller, dessen Knie wankten, »ach, Väterchen Afanaßij Iwanowitsch, wie geht es denn deiner Gnaden?«

»Rede!« schrie Wjasemskij, ihn bei der Kehle packend und ihn zum Mühlrad schleifend. »Sprich, was habt ihr von mir gesagt?«

Er hielt den zitternden Alten ganz dicht an das Rad heran.

»Ach, du mein Bester«, stöhnte der Müller, »ich will deiner Gnaden ja alles erzählen, alles werd' ich sagen, Väterchen, aber bring' mich nicht um!«

»Was wollte Baßmanoff hier bei dir?«

»Eine Wurzel, ein Kräutlein wollte er haben. Ich wußte ja ganz genau, daß du alles mitanhören konntest, deshalb hab' ich so laut gesprochen, daß du merken solltest, daß Baßmanoff deiner Gnaden nach dem Leben trachtet!«

Wjasemskij zog ihn wieder vom Räderwerk fort.

»Nun sage, was hatte Baßmanoff vor?« fragte der Fürst in etwas sanfterem Tone. Der Müller war inzwischen wieder vollständig zu sich gekommen.

»Ja, siehst du«, sagte er, bemüht, seinem Gesicht einen möglichst ehrlichen und vertrauenerweckenden Ausdruck zu geben, »Baßmanoff meinte, der Zar wäre seiner überdrüssig geworden, du aber stündest höher in seiner Gunst, und daß überhaupt nur du, Boris Godunoff und Maljuta Skutaroff Gnade vor seinen Augen fänden. Und dann quälte er mich, daß ich ihm ein Kraut geben sollte, durch das er wieder des Zaren Gunst erringen und die anderen sich den Haß des Zaren zuziehen und dann von ihm geächtet werden würden. Was sollte ich mit ihm anfangen? Er setzte mir das Messer an die Kehle, da half keine Widerrede. Nun, ich gab ihm schließlich ein Würzelchen, aber weißt du, es taugt nicht allzuviel. Schlechtes Zeug hab' ich ihm zugesteckt, nur damit er mich am Leben ließ. Es sollte mir auch einfallen, ihm ein gutes Kraut zu geben, damit er dich beim Zaren aussticht!«

»Ach, hol' ihn der Teufel!« versetzte Wjasemskij gleichgültig. »Was mache ich mir schon viel daraus, ob der Zar ihn liebt oder nicht. Nicht deswegen bin ich hergekommen. Sag', Alter, hast du irgend etwas über die Bojarinja ausgekundschaftet?«

»Nein, mein Bester, nicht das geringste. Ich habe auch schon deinen Spähern gesagt, daß ich nichts erfahren konnte. Und wie hab' ich mich da für deine Gnaden angestrengt, sieben Nächte lang hab' ich unentwegt unter das Rad geschaut. Ich sah die Bojarinja im Walde und mit ihr einen Greis; sie selbst kummervoll, und der Alte versuchte sie immer zu trösten, weiter war aber nichts zu erkennen; das Wasser trübte sich dann, so daß ich sonst nichts sehen konnte.«

»Mit einem Greis? Das war wohl Morosoff, ihr Mann?«

»Nein, das kann nicht sein. Morosoff ist kräftiger gebaut, und dann trägt er auch ein anderes Gewand. Dieser hatte einen einfachen Rock an, kein Bojarenkleid, es muß wohl ein gemeiner Mann gewesen sein.«

Wjasemskij überlegte.

»Alter«, sagte er plötzlich, »kannst du Schwerter besprechen?«

»Weshalb nicht, Väterchen! Aber zu welchem Zwecke?«

»Ja, ich werde auf offenem Felde kämpfen und muß, koste es, was es wolle, den Gegner besiegen, verstehst du!«

»Verstehe, Väterchen, verstehe! Wie soll ich das nicht begreifen. Gestatte, daß ich Wasser schöpfe, um deine Widersacher zu erkennen.«

»Mach', wie du denkst!« erwiderte Wjasemskij und ließ sich nachdenklich auf einen alten Baumstumpf nieder.

Der Müller schleppte aus der Kammer einen Kübel herbei, schöpfte ihn direkt am Rad voll Wasser und stellte ihn neben den Fürsten.

»Ei, ei«, sagte er, sich über den Kübel beugend und regungslos hineinstarrend, »ich sehe deinen Gegner, Väterchen; aber wie seltsam: er ist ja alt, sehr alt! Jetzt erblicke ich auch dich, Väterchen! Wie ihr aufeinander zureitet!«

»Nun«, sagte Wjasemskij, der sich vergeblich bemühte, auch etwas in dem Wasser zu sehen.

»Die Engel Gottes stehen auf Seiten des Alten«, fuhr der Müller mit geheimnisvoller Stimme fort, als wäre er selbst verwundert über das, was er sah. »Die himmlischen Mächte treten für ihn ein; es wird schwer halten, dein Schwert zu besprechen.«

»Steht mir denn niemand bei?« fragte Wjasemskij mit unwillkürlichem Grauen.

Der Müller sah noch schärfer ins Wasser; seine Augen wurden ganz starr. Es schien, als wenn er, der zuerst Wjasemskij etwas vorerzählen wollte, nun wirklich durch ein schreckliches Gesicht mit Entsetzen erfüllt wurde. »Auch du hast Verteidiger«, flüsterte er, »jetzt aber trübt sich das Wasser – ich kann nichts mehr erkennen.«

Er hob den Kopf, und Wjasemskij sah, daß ihm dicke Schweißtropfen über die Stirne rannen. »Auch du hast Verteidiger, Väterchen«, flüsterte er, zitternd vor Angst. »Es wird möglich sein, deine Waffe zu besprechen.«

»Hier!« sagte der Fürst, sein mächtiges Schwert aus der Scheide ziehend, »da hast du es, besprich das Schwert!«

Der Müller holte tief Atem, scharrte mit den Händen ein kleines Loch in die Erde, steckte den Schwertknauf hinein, richtete die Scheide senkrecht mit der Spitze nach oben und trat die Erde ringsherum mit den Füßen fest, so daß das Schwert aufrecht stand. Dann begann er rundherum zu schreiten und halblaut vor sich hinzumurmeln:

»Die Sonne ging auf über dem Meer von Chwalin und der Mond über der steinernen Stadt; in jener steinernen Stadt aber gebar mich meine Mutter, und als ich das Licht der Welt erblickte, sagte sie: ›Sei du, mein geliebtes Kind, gefeit gegen Pfeil und Schwert, gegen Krieger und Feinde!‹ Und somit umgürtete mich die Mutter mit dem Schwerte aus bestem Stahl. Und du, mein wuchtig Schwert, drehe und wende dich, gleichwie in der Mühle die Mühlsteine sich drehen und wenden; zerbrich und zerschneide Stahl, Eisen und Kupfer, alles Fleisch und Gebein; die feindlichen Hiebe aber mögen von dir abprallen wie der Stein auf der Oberfläche des Wassers, so daß weder eine Schramme noch ein Kratzer auf dir zu sehen ist. Ich bespreche deinen Diener Afanaßij. Halte dein Wort, mein Spruch ist zu Ende.«

Er zog das Schwert aus der Scheide, wischte den Knauf sorgfältig mit seinem Rockschoß sauber und reichte es dem Fürsten.

»Da hast du's, Väterchen Fürst Afanaßij Iwanyitsch, es wird dir gute Dienste leisten, – wenn nur dein Widersacher sein Schwert nicht mit geweihtem Wasser besprengt hat.«

»Nun, und was dann?«

»Ja, das ist schwierig, Väterchen! Gegen geweihtes Wasser ist das Zaubereisen machtlos. Aber vielleicht kann man sich auch davor etwas schützen. Ich will dir Sumpffingerhut geben, den mußt du im Beutelchen um den Hals tragen, so wird dein Feind seine Augen von dir wenden.«

»So gib mir das Kraut!« sagte Wjasemskij.

Der Alte ging in die Kammer und brachte dem Fürsten einen in ein Läppchen eingenähten Gegenstand.

»Es ist nämlich nicht leicht, dieses Kraut zu finden«, sagte er, als würde es ihm schwer, das Läppchen aus der Hand zu geben.

Der Fürst nahm den eingenähten Gegenstand an sich und warf dem Müller einen Beutel mit Goldstücken hin.

»Gott vergelte es deiner fürstlichen Gnaden!« rief der Alte aus, sich tief verbeugend. »Nun, Väterchen, laß dir noch eins sagen: Betritt von jetzt ab bis zum Tage des Zweikampfes keine Kirche, hör' keine Messe, sonst weicht der Bann von deinem Schwerte!«

Wjasemskij antwortete nichts und war schon im Begriff, zu seinem Pferde zu gehen, als er plötzlich noch einmal stehnblieb.

»Kannst du denn mit Bestimmtheit erkennen, wer von uns beiden am Leben bleibt?«

Der Alte war um eine Antwort verlegen.

»Nun, wer denn anders als du, Väterchen! Weshalb solltest du nicht am Leben bleiben? Ich hab' dir doch schon oft gesagt, daß du nicht durch das Schwert umkommen wirst!«

»Blicke noch einmal ins Wasser, Alter!«

»Was ist denn da weiter zu sehen, Väterchen! Jetzt kann ich nichts mehr erkennen, das Wasser ist ganz trübe geworden.«

»So schöpfe frisches Wasser!« rief Wjasemskij in gebieterischem Tone. Der Müller gehorchte zögernd.

»Nun, was siehst du?« fragte er voller Ungeduld.

Der Alte beugte sich mit sichtlichem Widerwillen über den Kübel.

»Ich vermag weder dich noch deinen Gegner zu erkennen«, sagte er erbleichend, »wohl aber sehe ich einen großen Platz mit unendlich vielen Menschen. Auf hohen Stangen spießen viele, viele Köpfe; an der Seite aber brennt ein Scheiterhaufen lichterloh, und an dem Balken hängen menschliche Gebeine.«

»Wessen Köpfe spießen auf den Stangen?« fragte Wjasemskij, bemüht, ein unwillkürliches Grauen zu unterdrücken.

»Ich kann es nicht sehen, Väterchen! Abermals trübt sich das Wasser, nur die Flammen züngeln noch empor, und die Gebeine hängen am Balken.«

Der Müller hob mühsam den Kopf und schien den Blick nur mit äußerster Anstrengung vom Wasser wenden zu können. Sein Körper wand sich in krampfhaften Zuckungen, der Angstschweiß perlte von seiner Stirn, stöhnend und jammernd schleppte er sich ein Stück weit fort und sank kraftlos zu Boden.

Wjasemskij riß die Zügel seines Pferdes vom Baume, warf sich in den Sattel und ritt, in tiefes Grübeln versunken, nach Moskau zurück.

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