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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Aug' in Auge

Es war eine Woche nach der Niederlage der Tataren. Im Schlafgemach des Zaren stand Fjodor Baßmanoff, der soeben aus Rjasanj zurückgekehrt war, und berichtete Iwan über den Sieg. Der Zar schien ihm aufmerksam zu lauschen, während er die Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten ließ und den Brillantring, der seinen Zeigefinger schmückte, eindringlich musterte. Aber als Baßmanoff seinen Bericht beendet hatte und mit einer prahlerischen Geste meinte: »Nun, Zar, du siehst, wir haben uns wahrhaftig nicht geschont, um deiner Gnaden zu dienen«, hob Iwan den Blick und lächelte.

»Wir haben uns wahrhaftig nicht geschont«, fuhr Baßmanoff mit einschmeichelnder Stimme fort, »so versäume denn auch du nicht, deinen treuen Diener zu belohnen!«

»Und wonach sehnt sich dein Herz, Fedja?« fragte Iwan mit anscheinend huldvoller Miene.

»Nun, laß mich zum Okoljnitschij befördern, damit die Leute meiner fürderhin nicht mehr zu spotten wagen.«

Iwan sah ihn durchdringend an.

»Und womit soll ich Sserebrjanyi belohnen?« fragte er plötzlich.

»Den von dir Geächteten?« erwiderte Baßmanoff, seine Bestürzung darüber, daß der Zar schon von anderer Seite über die Schlacht unterrichtet zu sein schien, unter der Maske der ihm eigenen Dreistigkeit verbergend, »nun, womit denn anders als mit dem Galgen? Ist er doch aus dem Kerker entflohen und hätte uns mit seinen Wegelagerern fast alles verdorben! Wenn er die Tataren nicht zu früh aufgescheucht hätte, wären sie uns samt und sonders ins Netz gegangen wie die Wachteln!«

»So, so. Und ich dachte nun wieder, daß die Tataren dich sonst überlistet hätten, weißt du, wie damals. Besinnst du dich? Das ist dir ja weiter nichts Neues, sondern etwas Altbekanntes!«

»Ja, etwas Altbekanntes ist es, daß man um deinetwillen so viel ausstehen muß«, fuhr Baßmanoff mit kecker Miene fort, »aber das wäre etwas ganz Neues, daß du dich dankbar erweist. Wahrlich weder Godunoff noch Maljuta noch Wjasemskij dienen dir so treu wie ich, und für sie ist dir keine Belohnung zu hoch.«

»Wie könnten sie mir auch dienen wie du! Es ist unmöglich, deine Tanzkünste zu übertreffen!«

»Herr«, erwiderte Baßmanoff, jegliche Geduld verlierend, »wenn ich dir zuwider bin, so entlaß mich lieber ganz!«

Baßmanoff rechnete bestimmt damit, daß Iwan ihn zurückhalten würde; aber gerade seine längere Abwesenheit aus der Sloboda hatte, statt Iwans Zuneigung zu ihm neu zu beleben, ihn seinem früheren Liebling immer mehr entfremdet, während die anderen Günstlinge, unter ihnen besonders Maljuta, den Baßmanoffs hochfahrendes Wesen oft verletzt hatte, die Zeit seiner Abwesenheit geschickt dazu benutzt hatten, ihm die Gunst des Zaren gänzlich zu entziehen.

»Nun, dann muß es wohl sein«, meinte Iwan Wassiljewitsch mit erheucheltem Bedauern, »wenn ich, einsame Waise, mich auch ohne dich langweilen und die Staatsgeschäfte womöglich dadurch in Unordnung geraten werden, – nun, was hilft es, so werde ich mich eben mit meinem schwachen Verstande behelfen müssen. So gehe denn, wohin du Lust hast, Fedja; ich will dich nicht mit Gewalt zurückhalten.«

Baßmanoff war außerstande, seine Wut länger zu unterdrücken. Durch seine früheren Beziehungen zu Iwan verwöhnt, ließ er ihr freien Lauf.

»Hab' Dank, Zar« sagte er, »hab' Dank für deine Gastfreundschaft. Und auch dafür, daß du deinen treuen Diener fortjagst wie einen elenden Köter. Ich werde mich in ganz Rußland«, fügte er unvorsichtig hinzu, »deiner Gunstbezeugungen rühmen. Mögen denn andere dir dienen, wie dir Fedora gedient! Manch eine Sünde hab' ich in deinen Diensten auf mich geladen, von einer aber weiß ich mich rein: von dem Verbrechen der Hexerei.«

Der Zar hatte bisher mit spöttischem Lächeln zugehört, aber bei den letzten Worten wurden seine Züge starr.

»Hexerei?« fragte er mit Erstaunen, das nahe daran war, in zornige Wut überzugehen. »Wer hat denn hier mit Hexenkünsten zu tun?«

»Nun, und wenn nur dein Wjasemskij«, antwortete Baßmanoff, des Zaren Blick ruhig aushaltend. »Ja«, fuhr er fort, ohne sich durch Iwans drohenden Ausdruck verwirren zu lassen, »dir allein scheint es unbekannt zu sein, daß er sich, wenn er in Moskau weilt, des Nachts in den Wald begibt, zu einer Mühle, um dort Zauberkünste zu treiben. Und was sollte er davon haben, sich mit diesen Dingen einzulassen, wenn er nicht deiner Gnaden nach dem Leben trachtete!«

»Woher weißt du das?« fragte der Zar, Baßmanoff durchdringend anblickend.

»Ich habe es ja selbst erst gestern von seinen Leuten erfahren«, sagte Baßmanoff hastig, »hätte ich früher etwas davon gewußt, ich würde dich sofort davon unterrichtet haben.«

Der Zar dachte nach.

»Geh!« sagte er nach kurzem Schweigen. »Ich will dieser Sache auf den Grund gehen; du aber warte mit deiner Abreise aus der Sloboda, bis ich's dir gestatte!«

Baßmanoff entfernte sich, zufrieden, daß es ihm gelungen war, in dem mißtrauischen Herzen des Zaren Argwohn geweckt zu haben gegen einen seiner Hauptgegner, aber doch äußerst beunruhigt über Iwans eisige Gleichgültigkeit ihm gegenüber.

Bald darauf verließ der Zar sein Schlafgemach, begab sich in den Empfangssaal, ließ sich dort auf einen Sessel nieder und nahm, umgeben von einer großen Schar von Opritschniks, nacheinander die Bojaren an, die aus Moskau und anderen Städten mit Gesuchen und Berichten gekommen waren; nachdem Iwan jedem Anweisungen erteilt, sich mit vielen ausführlich über die Nöte des Reiches, die Beziehungen zu den auswärtigen Staaten unterhalten und die Maßnahmen, die gegen ein weiteres Vordringen der Tataren getroffen werden sollten, erörtert hatte, fragte er, ob sonst noch jemand um eine Audienz ersuche.

»Der Bojar Druschina Andrejewitsch Morosoff«, antwortete der Knappe, »läßt deiner Gnaden seinen untertänigsten Gruß entbieten und bittet, vor deinen lichten Augen erscheinen zu dürfen.«

»Morosoff?« sagte Iwan, »ist der denn nicht beim Brande umgekommen? Also lebt er noch, der alte Köter! Nun, ich hatte ihn von der Acht befreit; so will ich ihm auch Eintritt gewähren.«

Der Knappe ging hinaus, und bald teilte sich die Schar der Höflinge. Druschina Andrejewitsch trat, gestützt von zwei Freunden, in den Saal und ließ sich vor dem Zaren auf die Knie nieder. Sein Antlitz war bleich, sein stattlicher Körper zusammengesunken. Auf der Stirn sah man eine breite Narbe, die Wjasemskijs Schwert geschlagen hatte. Seine tiefliegenden Augen aber drückten die frühere Willenskraft aus, und die zusammengezogenen Brauen trugen nach wie vor den Stempel unbeugsamer, hartnäckiger Entschlossenheit. Ganz im Widerspruch zu der Sitte des Hofes trug er ein Trauergewand.

Iwan musterte Morosoff eine Weile, ohne ein Wort zu sagen.

»Druschina Andrejewitsch«, sprach er endlich in feierlichem, aber mildem Tone, »ich habe die Acht von dir genommen, – was soll dann dieses Trauerkleid?«

»Herr«, antwortete Morosoff, ohne sich zu erheben, »es steht dem nicht an, in Samt und Brokat zu gehen, dem deine Opritschniks Haus und Hof in Asche gelegt und das Weib entführt haben. Erhabener Zar«, fuhr er mit fester Stimme fort, »ich führe Klage vor deinem Angesicht wider deinen Diener Afonjka Wjasemskij.«

»Stehe auf«, sagte der Zar, »und trage alles der Reihe nach vor! Wenn einer der Meinen dich beleidigt hat, so soll es ihm nicht durchgehen, stände er meinem Herzen auch noch so nahe.«

»Erhabener Zar«, fuhr Morosoff, noch immer kniend fort, »laß Afonjka rufen! Möge er mir vor deinem Antlitz Rede und Antwort stehen!«

»Es sei«, sprach der Zar nach kurzer Überlegung. »Deine Bitte ist gerechtfertigt. Der Angeklagte muß wissen, wessen ihn der Kläger beschuldigt. Man rufe Wjasemskij! Und Ihr«, sagte er zu Morosoffs Freunden, die sich in ehrfurchtsvoller Entfernung hielten, »helft eurem Bojaren jetzt auf und führt ihn zu jener Bank dort; mag er ausruhen, bis der Angeklagte erscheint!«

Seit dem Überfall auf Morosoffs Haus waren mehr als zwei Monate verstrichen. Wjasemskij, der inzwischen von seinen Wunden genesen war, lebte nach wie vor in der Sloboda, war aber noch finsterer als sonst, da er nichts über Jelenas Verbleiben, nach der er in alle Himmelsrichtungen Boten entsandt hatte, in Erfahrung bringen konnte. Er erschien selten bei Hofe, entschuldigte sich durch Schwäche, nahm auch nicht an den Gelagen teil, und vielen schien es, als wenn sich die ersten Zeichen des Irrsinns bereits bei ihm bemerkbar machten. Iwan mißfiel sein Fernbleiben von den gemeinsamen Andachten und Festfreuden, aber er wußte um die erfolglose Entführung der Bojarinja, schrieb Wjasemskijs seltsames Verhalten den Qualen der Liebe zu und übte deshalb Nachsicht mit ihm. Allein nach Baßmanoffs Andeutung erschien ihm Wjasemskijs Wesen mit einem Mal verdächtig. Morosoffs Klage bildete einen günstigen Vorwand, durch die Gegenüberstellung beider der Sache auf den Grund zu gehen; so empfing er Morosoff huldvoller, als seine Höflinge es erwartet hatten. Bald erschien Wjasemskij. Sein Äußeres hatte sich auffallend verändert. Er schien um Jahre gealtert, seine Gesichtszüge waren schärfer geworden, und sein ganzes Leben schien sich in seine unruhigen, feurigen Augen zurückgezogen zu haben.

»Tritt näher, Afonja«, sagte der Zar. »Und auch du, Druschina, komm her! Sprich, worin besteht deine Klage? Rede offen, und erzähle alles genau, wie es sich zugetragen hat!«

Druschina Andrejewitsch näherte sich dem Zaren. Er stand ganz dicht neben Wjasemskij, würdigte ihn aber keines einzigen Blickes und begann ausführlich über alle Einzelheiten des Überfalls zu berichten.

»Hat sich das alles wirklich so zugetragen?« fragte der Zar zu Wjasemskij gewandt.

»Ja, so war es«, antwortete Wjasemskij, erstaunt über die Frage des Zaren, dem längst alles genau bekannt war. Iwans Miene verfinsterte sich.

»Wie konntest du das wagen?« fuhr er mit einem strengen Blick auf Wjasemskij fort, »glaubst du etwa, ich gestatte meinen Opritschniks, zu plündern und zu sengen?«

»Du weißt, Zar«, versetzte Wjasemskij in noch größerer Verblüffung, »daß das Haus nicht auf meinen Befehl geplündert und niedergebrannt worden ist, und daß ich die Bojarinja raubte – nun, das geschah doch mit deinem Einverständnis!«

»Mit meinem Einverständnis?« wiederholte der Zar gedehnt, jedes einzelne Wort besonders betonend. »Wann hätte ich dir so etwas gestattet?«

Wjasemskij begriff, daß es vergeblich sein würde, sich auf die Anspielung zu berufen, die der Zar während des Mahles gemacht hatte. Er entschloß sich daher, ein anderes Mittel zu versuchen.

»Zar«, sprach er, »ja, ich bin schuldig vor deinem Angesicht. Du hattest mir nicht gestattet, die Bojarinja zu rauben, sondern mich gen Moskau entboten, um dem Bojaren Morosoff mitzuteilen, daß du ihn von der Acht befreien wolltest. Er aber hegt seit langem einen grimmigen Haß gegen mich, weil ich um sein Weib geworben habe, bevor er sie heimführte. Kaum hatte ich sein Haus betreten, da hatte er auch schon im Einverständnis mit Nikita Sserebrjanyi unseren Tod beschlossen. Nach dem Gastmahle überfielen sie uns verräterisch, wir aber verteidigten uns, und die Bojarinja, die die Wut ihres Gatten kannte, fürchtete sich bei ihm zu bleiben und flehte mich an, sie mitzunehmen. Sie ist mir ganz freiwillig gefolgt, und seit ich mit meinen Wunden bewußtlos im Walde zusammenbrach, ist sie verschollen. Sicherlich hat der Bojar sie längst gefunden und hält sie irgendwo hinter Schloß und Riegel oder hat sie ganz zum Schweigen gebracht. Nicht ihm steht es zu, mich der Verletzung seiner Ehre zu zeihen, erhabener Zar, sondern ich selbst führe Klage wider Morosoff, weil er und Sserebrjanyi mich in seinem eigenen Hause überfallen haben.«

Diese Wendung kam dem Zaren unerwartet. Daß Wjasemskij seinen Feind fälschlich verleumdete, lag auf der Hand, aber dennoch entschloß sich Iwan, diese Lüge vorläufig noch nicht zu entlarven. Morosoff blickte jetzt zum erstenmal seinen Gegner an.

»Du lügst, du nichtswürdiger Hund!« sagte er, ihn mit einem Blick voll unsagbarer Verachtung von Kopf bis zu Füßen messend. »Jedes einzige Wort ist eine schamlose, gemeine Lüge. Ich aber bin bereit, auf die Wahrheit meiner Worte das Kreuz zu küssen. Erhabener Herr, befiel ihm, dem Ruchlosen, mein Weib herauszugeben, mit dem ich nach christlichem Gesetz getraut bin!«

Iwan blickte Wjasemskij an.

»Was hast du hierauf zu erwidern?« fragte er, äußerlich die Gelassenheit des unparteiischen Richters wahrend.

»Ich habe dir gesagt, Zar, daß ich die Bojarinja auf ihre eigene Bitte hin entführt habe, aber meine Leute fanden mich später bewußtlos, fast verblutet im Walde, und weder von der Bojarinja noch von meinem Roß war eine Spur zu finden. Man trug mich dann zu einem heilkundigen Müller; er hat mir das Blut besprochen, weiter weiß ich nichts.«

Wjasemskij ahnte nicht, daß er beim Erwähnen des Müllers Iwans eben erweckten Argwohn bestärkte und Baßmanoffs Anschwärzungen bestätigte; aber der Zar ließ es sich nicht im geringsten anmerken, daß er diesem Umstand besondere Bedeutung beimaß.

»Hörst du«, sagte er zu Wjasemskij, »der Bojar Druschina ist bereit, auf seine Aussage das Kreuz zu küssen. Womit gedenkst du dich vor ihm zu rechtfertigen?«

»Ich kann es nicht verhindern, daß der Bojar mich verleumdet«, erwiderte Wjasemskij, entschlossen, seine Verteidigung bis zum äußersten fortzuführen. »Ich aber halte meine Klage trotzdem aufrecht und bin bereit, zum Zeichen der Wahrheit ebenfalls das Kreuz zu küssen.«

Unter den Anwesenden lief ein dumpfes Gemurmel um; alle Opritschniks wußten genau, wie sich der Überfall zugetragen hatte. Nicht jeder von ihnen hätte es gewagt, einen falschen Eid zu leisten. Selbst Iwan war über diese Schamlosigkeit Wjasemskijs verblüfft; es war ihm aber im gleichen Moment klar, daß er auf diese Weise den verhaßten Morosoff vernichten, gleichzeitig aber den Anschein strengster Unparteilichkeit wahren konnte.

»Brüder«, sagte er zu den Anwesenden, »ich rufe euch an als Zeugen, daß ich versucht habe, die Wahrheit zu ergründen. Es ist nicht meine Art, ein Urteil zu fällen, ohne dem Angeklagten Gelegenheit zur Rechtfertigung zu geben. Aber in ein und derselben Sache können unmöglich beide Teile auf ihre entgegengesetzten Aussagen das Kreuz küssen. Einer von ihnen muß einen Meineid schwören. Ich aber will als guter Hirte meine Schafe verhindern, daß sie ihre Seele verderben. So soll das heilige Gottesgericht zwischen beiden entscheiden. Heute in zehn Tagen mögen sie hier in der Sloboda auf dem Roten Platz zusammentreffen, gefolgt von ihren Dienern und Anwälten. Wem Gott der Herr den Sieg verleiht, der soll auch vor meinem Angesicht als gereinigt dastehen; der aber, der im Kampfe unterliegt, soll, selbst wenn er am Leben bleibt, dem Tode durch Henkershand verfallen sein!«

Iwans Beschluß machte einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden. Nach der Meinung vieler kam er für Morosoff einem Todesurteil gleich. War es doch kaum denkbar, daß der alte Bojar gegen den jungen und kräftigen Wjasemskij aufkommen konnte. Alle erwarteten, daß er entweder den Zweikampf ganz ablehnen oder doch wenigstens den Zaren bitten würde, sich durch einen angenommenen Kämpfer vertreten zu lassen. Morosoff aber verneigte sich tief vor dem Zaren und sprach mit fester und ruhiger Stimme:

»Dein Wille geschehe, erhabener Zar! Zwar bin ich alt und gebrechlich und hab' schon lange keine Rüstung mehr angelegt, aber beim Gottesgericht entscheidet ja nicht die Kraft des Körpers, sondern das Recht trägt den Sieg davon. Ich vertraue auf die Hilfe des allmächtigen Gottes, der mich nicht verlassen und vor deinem Antlitz und vor aller Welt das Unrecht meines Widersachers bezeugen wird.«

Als Wjasemskij des Zaren Beschluß vernahm, wollte er zuerst aufjubeln, und seine Augen glänzten hoffnungsfreudig, aber Morosoffs feste Zuversicht machte ihn stutzig. So unterdrückte er seine augenblickliche Verwirrung, verneigte sich ebenfalls vor dem Zaren und sprach: »Dein Wille geschehe, erhabener Zar!«

»So geht denn«, sprach Iwan, »sucht euch Fürsprecher und findet euch heute in zehn Tagen nach Sonnenaufgang auf dem Roten Platz ein, und wehe demjenigen, der die Probe nicht besteht!«

Er warf einen letzten unergründlichen Blick auf beide, erhob sich dann und entfernte sich in seine inneren Gemächer, während Morosoff in Begleitung seiner Freunde voller Würde den Saal verließ, ohne der ihn neugierig umringenden Opritschniks zu achten.

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