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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Aufbruch zur Sloboda

Kaum begann sich der Morgen zu röten, als Perstenj seine Leute zum Aufbruch weckte.

»Burschen«, sagte er zu den Räubern, als sie sich um ihn und Sserebrjanyi geschart hatten, »es ist Zeit, daß wir Abschied voneinander nehmen. Lebt wohl, Kinder! Ich gehe an die Wolga zurück. Tragt es mir nicht nach, wenn ich euch einmal zu fest angepackt habe.« Und Perstenj verbeugte sich bis zum Gürtel vor den Räubern.

»Ataman«, schrien alle wie aus einem Munde, »verlaß uns doch nicht! Was sollen wir ohne dich anfangen?«

»Folget dem Fürsten, Kinder! Durch eure gestrige Tat habt ihr eure Sünden wieder gutgemacht; ihr könnt wieder zu dem zurückkehren, was ihr früher wart, und außerdem wird euch der Fürst nicht im Stich lassen.«

»Ihr wackeren Burschen«, sprach Sserebrjanyi, »ich hab' dem Zaren mein Wort gegeben, daß ich mich seinem Willen nie entziehen würde. Ihr wißt, daß ich gewaltsam aus dem Kerker geholt worden bin. Jetzt aber will ich mein Wort wieder einlösen und dem Zaren meinen Kopf zurücktragen. Wollt ihr mir folgen?«

»Ja, wird er uns denn verzeihen?« fragten die Räuber.

»Das steht in Gottes Hand; ich will euch nichts vortäuschen. Vielleicht begnadigt er uns, vielleicht aber auch nicht. Überlegt euch's gut; besprecht alles miteinander und sagt mir dann, wer mit mir gehen und wer zurückbleiben will.«

Die Räuber blickten einander unschlüssig an, traten beiseite und fingen in halblautem Tone an sich zu beraten. Nach einiger Zeit kamen sie zu Sserebrjanyi zurück.

»Wir wollen dir folgen, wenn auch unser Ataman mitgeht!«

»Nein, Kinder«, antwortete Perstenj bestimmt, »das müßt ihr nicht von mir verlangen, – denn selbst wenn ihr nicht mit dem Fürsten geht, so haben wir trotzdem nicht den gleichen Weg. Ich habe mich lange genug hier herumgetrieben; es ist Zeit, in die Heimat zurückzukehren. Außerdem haben wir uns doch auch ein wenig überworfen, und ihr wißt, wie vorsichtig man auch einen gerissenen Strick wieder zusammenknüpft, der Knoten bleibt eben doch immer! Geht mit dem Fürsten, Burschen, oder wählt euch einen anderen Ataman!«

Die Räuber beratschlagten abermals und trennten sich nach kurzer Unterredung in zwei Gruppen. Der größere Teil scharte sich um Sserebrjanyi.

»Führe uns!« sagten sie. »Mit uns geschehe, was mit dir geschieht!«

»Und die anderen?« fragte Nikita Romanowitsch.

»Die anderen haben Chlopko zu ihrem Ataman gewählt; wir aber wollen nicht unter ihm arbeiten.«

»Und du willst auf keinen Fall mit uns gehen?« fragte Sserebrjanyi den früheren Räuberanführer.

»Nein, Fürst! Mit mir ist das etwas anderes. Mir würde der Zar auch jetzt nicht verzeihen; meine Sünden sind noch anderer Art als eure. Und außerdem zieht es mich zu Jermak zurück; schon so manches Jahr hab' ich ihn nicht mehr gesehen. Leb' wohl, Fürst! Behalte mich in nicht allzu schlechtem Andenken!«

Sserebrjanyi drückte Perstenj warm die Hand und umarmte ihn herzlich.

»Leb' wohl, Ataman!« sagte er. »Schade um dich, daß du zu gleichem Handwerk an die Wolga zurückkehrst. Du bist wirklich zu etwas Besserem, Größerem geboren!«

»Wer weiß, Fürst –«, meinte Perstenj, und seine entschlossenen Züge nahmen einen seltsam weichen Ausdruck an, »Gott ist barmherzig, vielleicht bleibe ich auch nicht immer, was ich bisher war ...«

Die Räuber machten sich zum Aufbruch bereit.

Als die Sonne aufging, war sowohl Baßmanoffs Zelt als auch sein ganzer Trupp vom Ufer des Flusses verschwunden. Fjodor Baßmanoff hatte sich noch vor Morgengrauen auf den Weg gemacht, um als erster dem Zaren über den Sieg berichten zu können.

Als Perstenj von seinen bisherigen Gefährten Abschied nahm, sah er Mitjka neben sich stehen.

»Nun, laß auch dir's gut gehen, mein braver Junge«, sagte er in heiterem Tone, »wahrlich, du hast gestern für viere geschuftet; der Zar wird dir die wohlverdiente Vergebung nicht vorenthalten.«

Aber Mitjka stand unschlüssig da und kratzte sich den Nacken. Endlich faßte er sich und sagte schwerfällig:

»Ataman, hör' Ataman!«

»Was denn?«

»Ich mag nicht in die Sloboda ziehen!«

»Wohin willst du denn?«

»Na, mit dir!«

»Das geht ja nicht, ich will ja nach der Wolga!«

»Nun, dann will ich auch nach der Wolga!«

»Weshalb magst du denn nicht dem Fürsten folgen?«

Mitjka setzte einen Fuß vor und blickte verlegen auf seinen Schuh herunter.

»Hast du Angst vor den Opritschniks?« fragte Perstenj spöttisch.

Mitjka kratzte sich wieder bald den Nacken, bald die Seite oder den Rücken, ohne zu antworten.

»Hast du etwa noch nicht genug von der Sorte gesehen?« fuhr Perstenj fort, »sie haben dich doch bisher nicht aufgefressen, wie?«

»Die Braut verschleppt!« erwiderte Mitjka mit sichtlichem Widerwillen. Perstenj lachte.

»Sieh, wie nachtragend du bist! Magst dich nicht mit ihnen anbiedern. Nun, dann geh doch mit Chlopko!«

»Das will ich auch nicht«, sagte Mitjka bestimmt, »ich will mit dir an die Wolga.«

»Ja, ich geh' nicht direkt an die Wolga.«

»Nun, dann geh' ich auch nicht direkt dorthin.«

»Ach, da werde einer diese Klette los! Nun, dann sage ich dir, daß ich zuerst auch in die Sloboda will.«

»Warum?« fragte Mitjka und starrte den Ataman mit großen Augen an.

»Warum? Warum?« wiederholte Perstenj, der allmählich die Geduld verlor, »nun, weil ich im vorigen Jahre dort Nüsse geknackt und die Schalen habe liegen lassen.«

Mitjka blickte ihn erst verwundert an, verzog aber sogleich seinen Mund zu einem solchen Lächeln, daß er bis an die Ohren reichte und sich um die Augen strahlenförmige Fältchen legten. Er bemühte sich, seinem Gesicht einen ganz listigen Ausdruck zu verleihen, als wollte er sagen: ›Mich, Brüderchen, kann man so leicht nicht an der Nase herumführen.‹ Allein, er behielt für sich, was er dachte, und wiederholte nur grinsend:

»Nun, dann geh' ich auch dahin mit!«

»Was soll ich mit ihm anfangen«, sagte Perstenj achselzuckend. »Ich soll ihn anscheinend nicht loswerden! Nun denn meinetwegen, komm mit, aber brumm' nachher nicht, wenn man dich aufbaumelt.«

»Nun, wenn schon«, antwortete Mitjka gleichgültig.

»Recht so, mein Bursche! So etwas hör' ich gern. Nun verabschiede dich schnell von deinen Kameraden, und dann auf den Weg gemacht!«

Mitjkas verschlafenes Gesicht bewegte sich auch jetzt nicht. Er begann aber sogleich täppisch auf seine Gefährten loszugehn und jeden, ob er wollte oder nicht, den einen gutwillig, den andern mit Gewalt, dreimal vernehmlich abzuschmatzen, wobei er den einen an der Schulter, den andern am Kopf zu fassen kriegte.

»Ataman«, sagte Sserebrjanyi, »so haben wir nicht den gleichen Weg?«

»Nein, Bojar! Da, wo ich mich durchwinde, kommst du zu Pferde unmöglich weiter. Ich werde wohl früher in der Sloboda sein als du und hoffe, vor deiner Ankunft bereits wieder fort zu sein. Ich habe nur einiges dort zu erledigen.«

Sserebrjanyi erriet, daß Perstenj vielleicht irgend etwas in der Nähe der Sloboda versteckt oder vergraben haben mochte und drang nicht weiter in ihn.

Bald setzten sich beide Abteilungen in verschiedenen Richtungen in Bewegung. Die größere folgte Sserebrjanyi am grünen Ufer des Flüßchens entlang, an dem noch deutlich die Spuren des gestrigen Kampfes sichtbar waren, und hinterher schlich Bujan, den Kopf und den Schwanz traurig gesenkt. Oft sprang er an Sserebrjanyi hoch, winselte kläglich und drehte sich immer wieder nach einem frischen Hügel um, bis endlich dichtes Schilf ihn seinen Blicken entzog. Die kleinere Gruppe folgte Chlopko. Perstenj schlug wieder eine andere Richtung ein und hinter ihm trottete, sich nicht allzusehr beeilend und von einer Seite nach der anderen schwankend, Mitjka einher.

Und die weite Steppe lag wieder in solcher Stille da, daß man sich kaum vorstellen konnte, daß ihr Frieden je durch Waffenlärm gestört worden war. Nur hie und da irrte noch ein herrenloses Tatarenpferd umher, und bei der Feuersbrunst im Stich gelassene Sachen und Geräte lagen wirr durcheinander. Am blumenbedeckten Ufer des Flusses jubelten die Lerchen hoch droben in den blauen Lüften, und die Rohrhühner ließen im hohen Schilf ihre Lockrufe ertönen, während die kleinen Vögel zwitschernd von Rohr zu Rohr flatterten oder sich, aus voller Kehle schmetternd, auf die Schäfte der Pfeile niederließen, die während der Schlacht in der Erde stecken geblieben waren und jetzt zwischen den Sumpfblumen auf der grünen Wiese standen, als wären auch sie Pflanzen, die diesem Erdboden entsprossen waren.

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