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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Baßmanoff

Die Tataren waren geschlagen; viele hatten sich gefangen gegeben, andere waren entflohen. Für Maxim wurde ein Grab gegraben, in das er mit allen kriegerischen Ehren gebettet wurde. Inzwischen hatte Baßmanoff am Ufer des Flüßchens sein persisches Zelt aufschlagen lassen, und sein Hausmeister, einer der Hauptleute seiner Abteilung, meldete Sserebrjanyi, daß der Bojar ihm seinen Gruß entbieten und ihn bitten lasse, sein einfaches Mahl nicht zu verschmähen.

Bereits frisiert und parfümiert ruhte Baßmanoff auf seidenen Polstern und betrachtete sich in einem Spiegel, den ein knieender junger Knappe ihm vorhielt.

Als Sserebrjanyi eintrat, begrüßte ihn Baßmanoff durch ein leichtes Neigen des Kopfes, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Bist du verwundet, Fjodor Alexeitsch?« fragte Sserebrjanyi, ohne sich etwas Böses dabei zu denken.

»Nein, das bin ich nicht«, erwiderte Baßmanoff, der Sserebrjanyis Worte für Spott hielt. »Nein, verwundet bin ich nicht, ich habe mich nur etwas überanstrengt; mein Gesicht brennt so schrecklich. Was meinst du, Fürst, ob das bald vorübergeht?«

Sserebrjanyi wußte nicht, was er dazu sagen sollte.

»Es ist jammerschade«, fuhr Baßmanoff mit geziert schnarrender Stimme fort, »heute kommen wir sogar um ein Bad. Bis zu meinem Landgut sind es noch ganze dreißig Werst, aber morgen, Fürst, hoffe ich dich besser aufnehmen zu können als jetzt, dann sollst du auch den Reigen meiner Dorfjugend bewundern, ich sage dir – alle in der Blüte ihrer Jahre, die Burschen kaum über zwanzig!«

»Hab' Dank, Bojar, aber ich will so schnell wie möglich in die Sloboda zurück«, erwiderte Sserebrjanyi trocken.

»In die Sloboda? Du bist doch mit knapper Not dem Kerker entflohen?«

»Ich bin nicht entflohen, Fjodor Alexeitsch, sondern man hat mich mit Gewalt herausgeschleppt! Von selbst wäre ich nie gegangen, da ich dem Zaren mein Wort gegeben hatte. Jetzt will ich mich ihm wieder ausliefern.«

»Du mußt wohl große Sehnsucht nach dem Galgen haben! Nun, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich jedenfalls weiß noch nicht, ob ich zurückkehren soll.«

»Weshalb denn nicht, Fjodor Alexeitsch?«

»Ja«, meinte Baßmanoff verdrießlich, »da dient man dem Zaren nach besten Kräften, ist ihm mit Leib und Seele ergeben, und er setzt einem dann irgend so einen Godunoff vor die Nase.«

»Aber ich denke doch, daß du beim Zaren in hoher Gunst stehst?«

»Schöne Gunst das! Bis jetzt hat er mich noch nicht einmal zum Okoljnitschij befördert. Und bin ich ihm nicht zu Willen wie ein Sklave? Godunoff, der dient ihm nicht so treu wie ich. Er sieht sich immer ängstlich vor, damit er die Semskij nicht vor den Kopf stößt. ›He, Boris‹, sagt der Zar, ›geh in den Kerker und sieh zu, was du in der Folter aus dem und dem Bojaren herausbringst!‹ – ›Gewiß, Herr, wie du bestimmst! Nur fürchte ich, daß er mich überlistet, ich habe so wenig Erfahrung in diesen Dingen. Laß zur Sicherheit doch lieber Grigorij Lukjanyitsch mit mir gehen.‹ ›He, Boris, jener Bojar dort scheint mir wenig zu trinken; bring' ihm hier diesen Becher, – verstehst du?‹ – ‹Ich verstehe, Herr, aber er hegt Mißtrauen gegen mich. Es ist, glaub' ich, besser, wenn du Fedjka Baßmanoff schickst!‹ Und Fedjka führt nicht erst lange Reden, sondern geht, wohin man ihn schickt.‹ Weißt du noch, wie ich dir neulich von Iwan Wassiljewitsch den Becher brachte? Bei Gott, ich dachte bestimmt, daß der Wein vergiftet war, bei Gott, das glaubte ich wirklich.«

Sserebrjanyi lachte auf.

»Und wo«, fuhr Baßmanoff mit steigender Dreistigkeit fort, »wo sollte er auch einen schöneren Diener hernehmen, als ich es bin? Hast du schon je solche Augenbrauen gesehen wie die meinen? Gleichen sie nicht dem weichen Zobel? Und die Locken erst! Fühl' doch einmal, Fürst, streiche einmal darüber, wie Seide, wahrlich, weich wie Seide.«

Unverhohlener Abscheu war in Sserebrjanyis Zügen zu lesen. Baßmanoff mochte es wohl bemerkt haben, denn, wie um seinen Gast besonders zu reizen, fuhr er fort:

»Und sieh doch meine Hände, Fürst! Sind sie nicht sammetweich und zart wie die eines Mägdleins? Heute allerdings sind sie ein wenig schwielig geworden. Das ist so meine Art, daß ich nicht Maß halten kann.«

»In der Tat, Maß halten kannst du nicht!« platzte Sserebrjanyi heraus, der nicht länger seine Entrüstung zurückzuhalten vermochte. »Jedenfalls, wenn das alles wahr ist, was man dir nachsagt ...«

»Und was sagt man mir denn nach?« fiel ihm Baßmanoff ins Wort, listig mit den Augen zwinkernd.

»Es würde schon genügen, was du selbst erzählst; aber man sagt ja auch von dir, daß du, Gott sei's geklagt, in Weiberkleidern vor dem Zaren tanzt!«

»Nun, und was wäre dabei«, sagte Baßmanoff mit gleichgültig-sorgloser Miene, »wenn ich das wirklich täte?«

»Dann leb' wohl!« rief Sserebrjanyi unwillig aus. »Ich würde mich schämen, nicht nur mit dir an einem Tisch zu essen, sondern dir überhaupt nur ins Antlitz zu blicken!«

»So einer also bist du!« schrie Baßmanoff, und seine erkünstelte Gleichgültigkeit war plötzlich verschwunden; seine Augen funkelten, und er vergaß ganz, in schnarrendem Tone wie bisher zu sprechen. »Aha! Endlich hast du es gesagt! Ich weiß wohl, wie ihr alle über mich denkt! Ich aber könnte auf euch alle pfeifen!«

»Leb' wohl!« sagte Sserebrjanyi, der kaum seine Empörung zurückzuhalten vermochte, und schob den Vorhang des Zeltes beiseite, um hinauszugehen.

»Höre!« rief Baßmanoff, ihn am Kaftan zurückziehend, »wenn ein anderer mich mit einem Blick zu messen gewagt hätte, wie du es eben getan, weiß Gott, es ginge ihm nicht ungestraft durch. Aber mit dir will ich mich nicht überwerfen, dazu hast du den Tataren heute allzu gut zugesetzt.«

»Ja, und auch du hast ihnen nicht schlechter als ich mitgespielt«, erwiderte Sserebrjanyi gutmütig, am Eingang des Zeltes stehenbleibend. »Was gebärdest du dich denn jetzt plötzlich wieder wie ein Weib?«

Baßmanoffs Züge nahmen wieder jenen sorglos-gleichgültigen Ausdruck an.

»Nun, nun, Fürst, nicht gleich so entrüstet! Ich bin nicht immer so gewesen, aber du weißt selbst, in der Sloboda, da gewöhnt man sich wohl oder übel so manches an.«

»Es ist eine Schmach, Fjodor Alexeitsch! Wenn man dich hoch zu Roß mit gezücktem Schwert dahinstürmen sieht, dann lacht einem das Herz im Leibe. Was soll denn jetzt dieses weibische Getue! Laß dir die Haare abschneiden, wie es Gott vorschreibt, mache eine Wallfahrt nach Kijeff oder nach Ssolowka und kehre als vernünftiger Christenmensch nach Moskau zurück!«

»Nun, nun, Nikita Romanyitsch, gerate nicht gleich so in Zorn. Komm, setze dich und speise erst mit mir! Ich bin gar nicht solch ein Schuft, wie du denkst. Es ist wirklich nicht alles wahr, was man sich von mir erzählt. Aus Ärger habe ich mich oft selbst schlechter gemacht, als ich bin.«

Sserebrjanyi atmete erleichtert auf.

»So ist es also nicht wahr«, fragte er hastig, »daß du in Weiberkleidern getanzt hast?«

»Ach, du immer mit deinen Weiberkleidern! Zieh' ich sie denn zu meinem Vergnügen an? Du weißt doch selbst, wie es in der Sloboda zugeht. Meinst du, ich eigne mich besonders zum Heiligen? Nun, in der Sloboda, da muß ich schon dem Zaren zuliebe die Fasten genau einhalten. Noch keine Frühmesse habe ich verschlafen, jeden Mittwoch und jeden Sonnabend verrichte ich meine Gebetsübungen. Ein Wunder, daß ich mir noch nicht die Stirne wundgestoßen habe. Wenn du wochenlang im Chorhemd herumlaufen müßtest, würdest du vielleicht auch zur Abwechslung ganz gerne einmal einen Weiberrock anziehen!«

»Eher würde ich meinen Kopf zum Henker tragen!«

»Tatsächlich?« versetzte Baßmanoff spöttisch und fuhr mit einem bösen Seitenblick auf den Fürsten in vertraulichem Tone fort:

»Meinst du etwa, es sei mir angenehm, daß man mich, nur, um dem Zaren zu schmeicheln, schon nicht mehr Fjodor, sondern Fedora nennt. Neulich kam ich an der Dorogomilowskaja Sloboda vorbei, da zeigten die Männer mit Fingern auf mich, und einer aus der Menge schrie: ›Seht, da reitet des Zaren Fedora!‹ Ich wollte mich auf sie stürzen, aber schon waren sie in alle Winde zerstoben! Ich kam zum Zaren und beklagte mich bitter. ›Nun, nun‹, meinte der Zar, ›nimm dir aus meinen Vorratskammern vierzig Zobelfelle und laß dir einen Seelenwärmer daraus machen.‹ – ›Herr, was soll ich damit? Godunoff würdest du keinen Seelenwärmer anbieten, und warum bin ich schlechter als er?‹ – ›Ja, womit soll ich dich denn sonst trösten, Fedja?‹ – ›Tröste mich damit, daß du mich zu einem Okoljnitschij machst, damit die Leute mir nicht mehr ins Gesicht zu spotten wagen.‹ – ›Nein‹, sagte er, ›zum Okoljnitschij kann ich dich nicht machen. Du bist doch nun einmal mein Spaßmacher. Godunoff ist mein Berater und weil die Leute von Dorogomiloff dich Fedora geschimpft haben, so lasse ich das ganze Dorf zu meinem Eigentum erklären.‹

Ja, solch ein Leben hat der Spaßmacher des Zaren! Seitdem wir Moskau den Rücken gekehrt haben, ist nichts mehr los am Hofe des Zaren. Was soll das dauernde Fasten und Beten! Aus Langeweile habe ich schon um Urlaub gebeten, um auf meinem Landgut einige Zeit zu verbringen, aber das ist mir auch schon wieder über, man kann doch nicht ewig Hasen und Rebhühner knallen! Da hab' ich mich richtig gefreut, als ich von dem neuen Vordringen der Tataren hörte. Weiß Gott, die haben wir aber auch tüchtig zusammengehauen. Und eine stattliche Zahl von Gefangenen können wir in Moskau vorführen! Ach ja, die Gefangenen hatte ich im Augenblick ganz vergessen. Kannst du mit dem Bogen schießen, Fürst?«

»Wieso?«

»Ach, ich meine nur so; nach dem Essen könnten wir in etwa zweihundert Schritt Entfernung einen Tataren anbinden lassen und dann wollen wir einmal sehen, wer ihn zuerst ins Herz trifft. Alle Schüsse, die nicht direkt ins Herz gehen, gelten nicht als Treffer. Krepiert er uns, dann lassen wir eben einen anderen anbinden.«

Nikitas Gesicht verfinsterte sich.

»Nein«, sagte er, »auf Gefesselte schieße ich nicht!«

»Nun, dann lassen wir ihn eben frei herumlaufen und sehen, wer ihn dann zuerst trifft.«

»Auch das tue ich nicht und würde es auch bei dir nicht dulden. Hier ist Gott sei Dank nicht die Alexandrowa Sloboda!«

»Was, du willst mir etwas verbieten?« brauste Baßmanoff auf, und seine Augen begannen wieder zornig zu funkeln. Ebenso plötzlich aber änderte er sein Verhalten und meinte vergnügt: »Ach, Fürst, merkst du denn noch immer nicht, daß ich Spaß mache? Die Sache mit dem Weiberrock vorhin hast du auch ernst genommen. Schon eine halbe Stunde scherze ich mit dir, und du nimmst alles für bare Münze. Du kannst es mir glauben, mir ist das Leben in der Sloboda noch mehr zuwider als dir. Denkst du etwa, ich krieche Leuten, wie Grasnoi, Wjasemskij oder Maljuta nach? Weiß Gott, sie sind mir ein Dorn im Auge. Höre, Fürst«, fuhr er mit einschmeichelnder Stimme fort, »laß mich zuerst in die Sloboda zurückkehren, ich will beim Zaren ein gutes Wort für dich einlegen, damit er dir vergibt, und wenn du erst wieder in seiner Gunst stehst, dann kannst du auch mir einen kleinen Gefallen erweisen. Es genügt, wenn du ihm hier etwas von Wjasemskij, dort etwas von Maljuta und auch von den anderen Höflingen zuraunst. Ich kann dir auch ganz genau sagen, was du dem Zaren von jedem zuflüstern mußt, nur ist es besser, wenn er es nicht direkt von mir, sondern erst auf Umwegen erfährt. Ich werde dich schon lehren, und du wirst es mir danken!«

»Fjodor Alexeitsch«, erwiderte Sserebrjanyi, bemüht, seine Empörung wenigstens etwas zu meistern und den ihn aufmerksam bewirtenden Gastgeber nicht allzusehr zu verletzen. »Fjodor Alexeitsch, das, was du da vorhast, ist ... wie soll ich's nur nennen? Das ist ...«

»Was?« fragte Baßmanoff hastig.

»Das ist eine Niedertracht!« fuhr es Sserebrjanyi heraus.

»Niedertracht?« wiederholte Baßmanoff, seine Wut unter der Miene des Erstaunens verbergend, »du scheinst zu vergessen, von wem ich sprach. Hältst du vielleicht zu Wjasemskij oder Maljuta?«

»Gottes Blitze mögen sie und die ganze Opritschnina zerschmettern!« versetzte Sserebrjanyi. »Der Zar soll mir nur Gelegenheit geben, zu sprechen; ich will in ihrem Beisein offen alles sagen, was ich von ihnen denke und weiß. Aber ich will ihm von keinem heimlich etwas zuflüstern, und weil du es mir so anempfohlen hast, Fjodor Alexeitsch, erst recht nicht!«

Ein giftiger Blick blitzte unter Baßmanoffs halbgesenkten Augenlidern hervor.

»So willst du also nicht, daß wir uns beide in die Gunst des Zaren teilen?«

»Nein!« antwortete Sserebrjanyi.

Baßmanoff ließ das Haupt sinken und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf, den er trübselig hin- und herbewegte.

»Ach, ach, ich arme Waise!« jammerte er, als wollte er im nächsten Augenblick in Tränen ausbrechen, »ich kummervolle, gottverlassene Waise! Seit der Zar seine Gunst von mir gewandt hat, ist jeder nur darauf bedacht, mich zu kränken. Ach, was ist das für ein Dasein! Ich bin es überdrüssig, dieses Hundeleben weiterzuführen. Ich will meinen Gürtel an einen Balken binden und meinen unglückseligen Kopf in die Schlinge stecken.«

Sserebrjanyi musterte mit erstaunten Blicken Baßmanoff, der weiter jammerte und stöhnte wie ein altes Weib und nur hie und da den Fürsten verstohlen von der Seite anblinzelte.

»Pfui!« sagte endlich Sserebrjanyi im Begriff, das Zelt zu verlassen. Baßmanoff hielt ihn wieder am Rockschoß zurück.

»Heda«, schrie er, »die Sänger!«

Sogleich traten einige Leute ein, die wahrscheinlich schon draußen des Rufes geharrt hatten. Sie versperrten Sserebrjanyi den Weg.

»Ach, ihr lieben Leute«, begann Baßmanoff mit der gleichen weinerlichen Stimme, »singt mir ein Lied, aber ein recht, recht trauriges, schwermütiges, so daß mir das Herz bricht und die lebensmüde Seele sich vom Körper trennen kann.«

Die Sänger stimmten ein langes Klagelied an, bei dem Baßmanoff sich unaufhörlich hin- und herwiegte und vor sich hinmurmelte:

»Noch trauriger, noch viel, viel schwermütiger! Ihr singt eurem armen Herrn das allerletzte Lied! So! Ja, so ist es schön! Ach, löst sich die Seele noch immer nicht aus dem Leibe? Oder sollte ihre Stunde doch noch nicht gekommen sein? Sollte es mir bestimmt sein, noch länger mein kummervolles Dasein zu fristen? Nun, wenn dem so ist, dann muß ich weiter leben, dann will ich auch weiterleben! Ein Tanzlied!« brüllte er plötzlich ohne jeden Übergang, und die Sänger, die anscheinend an derartigen Stimmungswechsel bei ihrem Herrn gewöhnt waren, stimmten sofort ein wildes Tanzlied an.

»Schneller!« schrie Baßmanoff, ergriff selbst zwei silberne Becher und ließ sie im Takt gegeneinander klirren.

»Schneller, meine Falken! Schneller, ihr Teufelskerle! Ich will euch singen lehren, ihr Halunken!«

Jetzt endlich erkannte Nikita jenen Draufgänger wieder, der sich am Morgen in das Gemetzel stürzte, wo es am heißesten war.

»Ja, so ist's gut! So gefällst du mir besser!« rief der Fürst aus, ihm beifällig zunickend.

Baßmanoff blickte ihn lachend an.

»Du warst schon wieder auf meine Scherze hereingefallen, Fürst. Hast du wirklich das Geflenne für Ernst genommen? Ach, Nikita Romanyitsch, wahrhaftig, dich kann man leicht überlisten. Jetzt komm aber, laß uns auf unsere Bekanntschaft trinken!«

Die übersprudelnde, sorglose Lustigkeit steckte Sserebrjanyi an. Er nahm den Becher aus Baßmanoffs Hand.

»Wer soll aus dir schlau werden, Fjodor Alexeitsch! Mir ist noch nie ein Mensch wie du begegnet! Aber Gott hat uns auf dem Schlachtfelde zusammengeführt, und daher trinke ich auf deine Gesundheit.«

Und er leerte den Becher bis zum Grunde.

»So ist es recht, Fürst, Gott sieht es, wie sehr ich dich in mein Herz geschlossen habe! Und nun noch einen Becher auf den Untergang aller Tataren, die noch auf Rußlands Boden stehen!«

Sserebrjanyi konnte einen guten Schluck vertragen, aber nach dem zweiten Becher begannen sich seine Gedanken zu verwirren. War der Wein besonders berauschend oder hatte ihm Baßmanoff etwas beigemischt? Nikita fühlte, daß sich vor seinen Augen alles drehte und er nur noch wie aus weiter Ferne das tolle Singen und Pfeifen und Taktschlagen hörte. Als er wieder zu sich kam, dauerte das Singen noch immer an, aber er stand nicht mehr, sondern war halb auf die persischen Kissen niedergesunken, und Baßmanoff bemühte sich, ihm mit Hilfe eines Knappen ein Gewand überzustreifen.

»Zieh doch deinen Mantel an, Bojar!« sagte er, »es fängt draußen an frisch zu werden.«

Die Sänger hatten gerade ihr Lied beendet und erholten sich einen Augenblick. Vor Nikitas Augen tanzte alles, und seine Gedanken waren nicht klar, so daß er fast bereit war, das Gewand anzuziehen, in der Annahme, daß es sein Mantel war, als plötzlich inmitten der allgemeinen Stille ein langgezogenes, klägliches Heulen ertönte.

»Was ist das?« fragte Baßmanoff zornig.

»Ach, auf Skuratoffs Grab heult ein Köter!« antwortete der Knappe, der aus dem Zelt geblickt hatte.

»Gebt mir Pfeil und Bogen her! Ich will dem Köter das Heulen schon beibringen, wenn wir uns mit unserem Gast amüsieren.«

Beim Namen Skuratoffs war Sserebrjanyi mit einem Male wieder nüchtern geworden.

»Warte, Fjodor Alexeitsch! Laß das!« rief er auffahrend; »das ist Maxims Bujan; rühr' ihn nicht an, er ruft mich zum Grabe meines Bruders; schon allzu lange habe ich hier verweilt; leb' wohl, es ist Zeit für mich, aufzubrechen!«

»Aber zieh doch erst den Mantel an, Fürst!«

»Er paßt mir nicht«, sagte Sserebrjanyi, das Weibergewand erkennend, das ihm Baßmanoff hinhielt. »Trage du es selbst, wie du es bisher getragen hast!« Und ohne eine Antwort abzuwarten, spie der Bojar verächtlich aus und verließ das Zelt.

Flüche, Schimpfworte, Gotteslästerungen tönten hinter ihm drein, er aber achtete ihrer nicht, sondern trat zu Maxims Grab heran und entbot seinem toten Bruder einen letzten Gruß. Dann gesellte er sich, begleitet von Bujan, zu den Räubern, die sich unter Perstenjs Aufsicht um die lodernden Feuer gelagert hatten.

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