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Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Der silberne Fürst - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorAlexej K. Tolstoi
titleDer silberne Fürst
publisherC. Dressler Verlag
illustratorWilhelm M. Busch (1908 - 1987)
yearo.J.
translatorWulfhild von Hartmann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160419
projectid78c9c2be
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Eines Russen Heldentod

Voller Ungeduld harrte Sserebrjanyi anderthalb Werst vom Tatarenlager entfernt auf das vereinbarte Zeichen.

»Fürst«, sagte endlich Maxim, der inzwischen nicht von Nikitas Seite gewichen war, »wir haben nicht mehr allzuviel Zeit vor uns, bis der Kampf beginnt; wenn die Sonne aufgeht, wird mancher von uns vielleicht nicht mehr sein, und da möchte ich dich gerne vorher um etwas bitten.«

»Um was denn, Maxim Grigorjitsch?«

»Ja, es ist an sich nicht schwer, aber ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Ich wage es nicht recht ...«

»Sprich nur, Maxim Grigorjitsch! Wenn es in meiner Macht steht ...«

»Ja, siehst du, Fürst, ich will dir ehrlich alles erzählen. Ich bin heimlich aus der Sloboda entflohen gegen den Willen des Vaters, ohne Wissen der Mutter. Ich hielt es nicht länger unter den Opritschniks aus. Es hatte mich ein solcher Abscheu vor all dem erfaßt, was ich da sah, daß ich am liebsten ins Wasser gegangen wäre. Nun bin ich der einzige Sohn; hab' nie einen Bruder gehabt. Im Oktober bin ich neunzehn Jahre alt geworden, und du kannst es mir glauben, Bojar, noch nie ist mir bisher ein Mensch begegnet, mit dem ich mich aussprechen konnte. Ich lebte unter ihnen allen ganz für mich, sie waren mir alle fremd, ich hatte keinen einzigen Freund. Denkt dort doch jeder nur immer daran, wie er dem anderen schaden könnte, um selbst zu Ehren zu gelangen! Vergeht doch kein Tag ohne Folter oder Hinrichtung. Fortwährend beten sie in der Kirche und morden dennoch schlimmer als die Räuber. Wenn sie sich nur immer mehr Reichtum und Land verschaffen können, mag Rußland ihretwegen ruhig zugrunde gehen! Alle reden sie dem Zaren nach dem Munde und umschmeicheln ihn, nur um emporzukommen. Als ich dich dann sah, Fürst, da wurde mir so froh ums Herz, als hätte ich endlich einen lieben Freund gefunden. Noch wußte ich nicht, wer du warst, aber ich hatte dich schon ins Herz geschlossen. War doch der Blick deiner Augen schon ein ganz anderer, und deine Stimme klang nicht so, wie ich es bei ihnen allen gewohnt war. Auch Godunoff ist besser als die anderen, aber doch nicht so wie du. So sah ich dich, als du wehrlos dem Bären gegenüberstandest; als dann Baßmanoff nach der Vergiftung jenes alten Bojaren auch dir einen Becher Wein reichte; als man dich zum Henkersblock führte; als du heute mit den Räubern sprachst – und jedesmal hat es mich so unwiderstehlich zu dir hingezogen, daß ich dir hätte um den Hals fallen können! Sei mir nicht böse wegen meiner törichten Rede«, fuhr Maxim gesenkten Hauptes fort, »ich will dir meine Freundschaft nicht aufdrängen, ich weiß wohl, wer du bist, und wer ich bin, aber ich vermag meine Worte nicht länger zurückzuhalten, sie entfahren mir wider Willen, weil mein Herz so voll ist.«

»Maxim Grigorjitsch!« erwiderte Sserebrjanyi, ihm kräftig die Hand drückend, »auch du bist mir lieb wie ein Bruder.«

»Hab' Dank, Fürst, hab' Dank! Wenn es so ist, so laß mich aussprechen, was ich auf dem Herzen habe. Ich sehe, du verachtest mich nicht; so vergönne es mir denn, Fürst, daß wir jetzt vor der Schlacht nach altchristlichem Brauch Brüderschaft miteinander schließen. Das war es, um was ich dich bitten wollte. Sei mir nicht böse deswegen! Wüßte ich genau, daß wir beide noch ein langes Leben vor uns hätten, wahrlich, ich würde es nicht wagen, dich darum zu bitten, aber so ...«

»Aber Maxim Grigorjitsch«, unterbrach ihn Sserebrjanyi, »weshalb könntest du nicht mein Bruder sein? Wohl ist mein Geschlecht älter und angesehener als das deine, aber darauf kommt es hier nicht an. Vor den Tataren, auf dem blutigen Schlachtfelde, wo wir allein vor Gott und nicht vor den Menschen Rechenschaft abzulegen haben, sind wir alle gleich. Ja, laß uns Brüderschaft schließen, Maxim Grigorjitsch!«

Der Fürst nahm das Kreuz, das er an einer goldenen Kette auf der Brust trug, und reichte es Maxim. Dieser nahm gleichfalls sein einfaches kupfernes Kreuz, das er an einer Seidenschnur trug, küßte es innig und bekreuzigte sich.

»Nimm es, Nikita Romanyitsch! Mit diesem Kreuz hat mich die Mutter gesegnet, als wir noch arm waren und noch nicht bei Iwan Wassiljewitsch in Ehren standen. Achte es, es ist das Teuerste, was ich besitze!«

Dann schlugen beide nochmals das Kreuzeszeichen, tauschten die Kreuze aus und umarmten sich. Maxims Augen leuchteten.

»Jetzt bist du mein Bruder, Nikita Romanyitsch«, sagte er strahlend. »Was auch immer kommen möge, ich weiche nicht von deiner Seite. Wer dein Freund ist, soll auch der meine sein, dein Feind ist auch mein Feind. Was du liebst, soll auch mir teuer sein, was dich erzürnt, soll auch meinen Zorn erregen. Jetzt wird mir auch das Sterben leichter und das Leben weniger bitter sein; ich weiß, daß ich für dich leben und sterben kann.«

»Maxim«, sagte Sserebrjanyi bewegt, »Gott sieht es, auch ich bin dir als meinem lieben Bruder von ganzem Herzen zugetan, auch ich möchte mich nicht von dir trennen bis an mein Ende!«

»Hab' Dank, Nikita Romanyitsch! So laß uns denn zusammen wirken, wenn es Gottes Wille ist; wenn wir am Leben bleiben, wollen wir gemeinsam überlegen, wie wir am besten der Heimat dienen können. Es kann ja nicht sein, daß das heilige Rußland dem Verderben geweiht ist, und daß man dem Zaren nicht anders dienen kann als nur in der Opritschnina!«

Maxim hatte mit Leidenschaft gesprochen. Plötzlich hielt er inne und ergriff Sserebrjanyis Hand. Ein markerschütternder Schrei ertönte in der Ferne. Die Luft schien zu erzittern, der Erdboden zu erbeben; verwirrte Schreie, undeutliches Getöse drangen vom Lager der Tataren herüber, und einige Pferde mit hochgesträubten Mähnen jagten an Sserebrjanyi und Maxim vorbei.

»Jetzt ist es soweit!« rief Sserebrjanyi aus, sich mit gezücktem Schwert in den Sattel werfend.

»Nun, Burschen, paßt auf! Nicht alle zu dicht auf einen Haufen, und zerstreut euch auch wieder nicht zu sehr, jeder stehe seinen Mann! Mit Gott, vorwärts! Mir nach!«

Die Räuber sprangen auf.

»Es ist Zeit! Es ist soweit!« erscholl es leise von allen Seiten.

»Hört genau auf den Fürsten!«

Und die ganze Schar folgte Sserebrjanyi zum Hügel, der bisher die feindlichen Lagerfeuer vor ihnen verborgen hatte. Ein neues unerwartetes Schauspiel fesselte ihren Blick. In der unendlich weiten Steppe züngelte rechts vom Tatarenlager plötzlich zuerst hie und da ein Flämmchen empor, das sich dann zu größeren Flammen hochleckte, bis sich alle zu einer breiten Feuergarbe vereinten, die sich mit rasender Geschwindigkeit direkt zum Lager hinfraß.

»Bravo, Perstenj!« riefen die Räuber freudig aus. »Seht doch, er hat die Steppe in Brand gesteckt! Und genau in der Richtung des Windes! Ha, das Feuer muß ihnen gleich auf den Leib kriechen!«

In wenigen Minuten hatte sich die ganze Steppe rechts des Lagers in ein Feuermeer verwandelt, dessen wilde Wogen schon die äußersten Kibitkas erfaßten und das ganze Lager, das einem aufgeschreckten Ameisenhaufen glich, grell beleuchteten. Um sich vor dem Feuer zu retten, rannten die Tataren in heilloser Verwirrung den Räubern direkt in die Arme.

»Auf, Burschen!« rief Sserebrjanyi mit durchdringender Kommandostimme.

»Treibt sie zum Wasser hin! Jagt sie ins Feuer zurück!«

Ein erleichterter Aufschrei aus vielen, vielen Kehlen war die Antwort. Alle stürzten sich auf die Tataren, und ein heißes Ringen entbrannte ...

 

Als die Sonne aufging, dauerte die blutige Schlacht noch immer an, obgleich schon die ganze weite Ebene mit erschlagenen Tataren bedeckt war. Auf der einen Seite vom Feuer, auf der anderen von Sserebrjanyis Leuten bedrängt, waren die Tataren nicht zur Besinnung gekommen. Einige versuchten sich nach den morastigen Ufern des Flüßchens durchzuschlagen, wo viele ertranken; wieder andere verbrannten im Feuer oder erstickten im Qualm. Aufgescheuchte Tabuns jagten in ihrer Todesangst direkt auf das Lager zu, rannten die Zelte ein und brachten die Tataren so in Verwirrung, daß sie gegenseitig aufeinander einhieben und sich niedermetzelten in der Annahme, Feinde vor sich zu haben. Ein Teil hatte sich durch das Feuer hindurchgerettet und war in Unordnung durch die Steppe geflüchtet. Einer anderen Abteilung, die der Tatarenfürst, der Mursa Schichmatt-Schirinskij nur mit äußerster Anstrengung zusammenhielt, war es gelungen, den schmalen Fluß zu durchschwimmen und am anderen Ufer Aufstellung zu nehmen. Tausende von Pfeilen schwirrten von dort zu den sieghaften Russen herüber. Die Räuber, die keine weittragenden Waffen besaßen, gerieten nun ihrerseits durch den dichten Pfeilregen in Verwirrung und waren schon drauf und dran, zurückzuweichen. Vergebens versuchte Sserebrjanyi sie mit Bitten und Drohungen zurückzuhalten. Schon begannen Gruppen von Tataren unter dem Schutze ihres Pfeilregens über den Fluß zurückzuschwimmen und drohten Sserebrjanyis Leuten in den Rücken zu fallen, als Perstenj plötzlich neben dem Fürsten auftauchte. Sein dunkles Gesicht glühte; sein Hemd war zerrissen, sein Dolch troff von Blut.

»Seht, Brüder! Haltet aus!« rief er den Räubern zu. »Blickt dort hinüber! Dort naht ja schon Hilfe!«

In der Tat tauchte am gegenüberliegenden Ufer ein Trupp Krieger in Schlachtordnung auf. Ihre Lanzen und Hellebarden erglänzten hell in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne.

»Ach, das sind ja auch Tataren!« meinte ein Räuber.

»Bist wohl selbst einer!« versetzte Perstenj unwillig. »So bewegt sich wohl gerade eine Tatarenhorde vorwärts! Und seit wann ziehen diese Teufelssöhne denn zu Fuß in den Kampf? Und siehst du nicht jenen dort auf dem Grauschimmel? Trägt der etwa eine Tatarenrüstung?«

»Wahrhaftig, es sind Rechtgläubige, es sind Russen!« frohlockten die Räuber. »Haltet aus, Brüder, Christenmenschen kommen zu Hilfe!«

»Siehst du, Fürst«, rief Perstenj freudig aus, »jetzt zielt das Heidenpack schon nicht mehr so scharf. Sie haben wohl gemerkt, was los ist. Sowie jene Schar drüben sie angreift, zeige ich dir eine Furt, durch die wir über den Fluß setzen können, um ihnen dann in die Flanke zu fallen.«

Der neue Trupp kam näher, so daß man schon Kleidung und Bewaffnung erkennen konnte, die fast ebenso verschiedenartig war, wie die der Räuber. Hoch über ihren Köpfen ragten größtenteils Dreschflegel, Sensen und Spieße empor. Es schien so, als wenn es in aller Eile aufgebotene und bewaffnete Bauern waren, denn nur die vorderen Kriegsleute trugen gleichfarbige Kaftans und glänzende Lanzen und Hellebarden. Auch an die hundert Reiter waren unter ihnen, alle einheitlich gekleidet. An ihrer Spitze ritt ein schlanker junger Mann. Er meisterte geschickt sein Roß von silbergrauer Farbe, das bald wild aufbäumte, bald gleichmäßig einherstolzierte und dem Kampf voller Ungeduld entgegenwieherte.

Eine Wolke von Pfeilen schwirrte dem Führer und seiner Schar entgegen. Inzwischen war Nikita mit den Seinen über den Fluß gesetzt und hatte sich auf die Feinde gestürzt, auf die nun gleichzeitig die Neueingetroffenen von der anderen Seite eindrangen. Schon eine Stunde lang tobte erneut die Schlacht.

Sserebrjanyi war für einen Augenblick zum Fluß geritten, um sein erschöpftes Roß zu tränken und den Sattelgurt fester zu schnallen. Maxim bemerkte ihn und trabte auf ihn zu.

»Nun, Nikita Romanyitsch«, rief er freudig aus, »Gott läßt das heilige Rußland nicht verderben! Du sollst sehen, wie wir jetzt mit ihnen fertig werden!«

»Ja«, erwiderte Sserebrjanyi, »dank jenem Bojaren dort, der uns zu Hilfe gekommen ist. Sieh doch, wie er bald nach rechts, bald nach links um sich haut! Wer mag das nur sein? Er kommt mir so bekannt vor?«

»So hast du ihn gar nicht erkannt, Nikita Romanyitsch?«

»Kennst du ihn denn?«

»Wie sollte ich ihn nicht kennen! Gott sei's geklagt – viele Sünden hat er durch den heutigen Tag abzubüßen. Du kennst ihn auch, Nikita Romanyitsch! Es ist ja Fedjka Baßmanoff!«

»Baßmanoff? Tatsächlich!«

»Ja, er ist's. Aber man kann ihn heute kaum wiedererkennen. Wie oft – es ist schmachvoll, allein daran zu denken – habe ich ihn im Weiber-Ssarafan herumtänzeln sehen; aber jetzt hat es ihn gepackt! Hat Bauern und Dienstmannen aufgeboten und führt sie nun gegen die Tataren. Es muß sich wohl endlich das russische Bojarenblut in ihm geregt haben. Woher er nur plötzlich diese Riesenkräfte hat? Wie sollte man aber auch nicht anders werden«, fuhr Maxim mit Leidenschaft fort, »wenn man einen solchen Tag erleben darf! – Glaube mir, Nikita Romanyitsch, ich kenne mich selbst nicht wieder. Als ich aus der Sloboda fortging, hatte ich das bestimmte Gefühl, daß ich nicht lange mehr leben würde. Es zog mich in den Kampf gegen die Ungläubigen, aber nicht nur, um sie zu besiegen – dazu, dachte ich, wären genug bessere Männer als ich da – sondern um auf dem Schlachtfelde mein Leben beschließen zu dürfen. Jetzt aber möchte ich leben. Ja, Nikita Romanyitsch, wenn der Wind den Schlachtenlärm fortträgt, dann hört man, wie die Lerchen hoch droben jubeln. So jubelt auch alles in mir! Und eine Kraft und eine Lebenslust verspüre ich, daß mir ein ganzes Menschenleben noch zu kurz erscheint. Und was ist mir alles durch den Kopf gegangen, seit die Sonne heute aufging. So klar und deutlich ist mir's geworden, wieviel Nutzen man noch der Heimat bringen kann. Jetzt vergibt mir vielleicht der Zar. Es kann nicht sein, daß er mir nicht verzeiht! Vielleicht gewinnt er mich sogar lieb. Mit dir, mein lieber Bruder, laß mich denken und wirken, wie es Adascheff und Silvester taten. Ich will dir später alles erzählen, was ich mir überlegt habe. Jetzt aber leb' wohl, Nikita Romanyitsch! Es ist Zeit, ins Gefecht zurückzureiten. Baßmanoff scheint gerade umringt, und wenn es auch kein guter Mensch ist, so muß man ihn doch heraushauen!«

Sserebrjanyi maß Maxim mit fast väterlich besorgten Blicken.

»Nimm dich in acht, Maxim«, mahnte er, »setze dich nicht unnötig aus! Sieh, du blutest ja ohnehin stark.«

»Das muß wohl feindliches Blut sein«, erwiderte Maxim, mit sorgloser Miene sein Hemd betrachtend. »Ich habe nicht einmal eine Schramme! Dein Kreuz hat mich beschützt!«

In diesem Augenblick kroch ein bisher im Schilf verborgener Tatar ans Ufer, spannte seinen Bogen, zielte und schoß seinen Pfeil ab. Der Bogen ächzte, der Pfeil schwirrte klirrend davon und traf Maxim direkt ins Herz. Er wankte im Sattel, klammerte sich an die Mähne seines Pferdes, aber die Kräfte verließen ihn und er stürzte zur Erde, während sein Fuß im Steigbügel stecken blieb. So schleifte ihn das Pferd über das weite Feld hin, und eine rote Blutspur zeichnete seine Bahn.

Die unselige Botschaft aber wird in die Sloboda dringen, Maxims Mutter wird in fassungslosem Schluchzen zusammenbrechen, weil nun keiner mehr da ist, der ihr die alten Augen zudrücken kann. Blutige Tränen wird sie weinen, aber all ihre Tränen werden ihr das geliebte Kind nicht wiedergeben ...

Die unselige Botschaft wird in die Sloboda dringen; Maljuta wird ingrimmig mit den Zähnen knirschen; er wird sich auf die gefangenen Tataren stürzen wie ein wildes Tier, er wird Hunderten den Kopf abschlagen lassen und seinen Schmerz in Blut zu ertränken suchen, aber alles Blut wird ihm das geliebte Kind nicht wiedergeben ...

Sserebrjanyi hat Schlacht und Tataren vergessen; er sieht nicht, wie Baßmanoff die Heiden vor sich hertreibt, wie Perstenj mit den Räubern die Verfolgung der Feinde aufnimmt, er sieht nur, wie das Roß seinen Bruder hinter sich herschleift. Er stürzt sich in den Sattel und jagt hinterdrein, packt das Roß am Zügel, springt vom Pferde und befreit Maxim aus dem Steigbügel.

»Maxim, Maxim«, ruft er, vor dem Sterbenden niederkniend und behutsam seinen Kopf stützend, »lebst du noch, Bruder? Öffne die Augen! Gib mir Antwort!«

Maxim schlug die bereits trüben Augen auf und streckte ihm seine Hand entgegen.

»Leb' wohl, mein lieber Bruder! Ein gemeinsames Wirken war uns nicht beschieden. So erfülle du allein, was uns zu zweit nicht vergönnt war!«

»Maxim«, sagte Sserebrjanyi, mit seinen Lippen das heiße Antlitz des Sterbenden berührend, »hast du mir noch etwas anzuvertrauen?«

»Ja, bringe der Mutter meinen letzten Gruß und sage ihr, daß ich sterbend ihrer gedacht habe.«

»Das will ich tun, gewiß, Maxim«, erwiderte Sserebrjanyi, der nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte.

»Und das Kreuz«, fuhr Maxim fort, »das ich jetzt zuletzt trug, bringe ihr von mir. Und das meine trage zur Erinnerung an deinen Bruder.«

»Mein Bruder«, sagte Sserebrjanyi, »hast du sonst noch etwas auf dem Herzen? Du brauchst dich vor mir nicht zu schämen. Gibt es außer deiner Mutter keinen Menschen, von dem es dir bitter wird zu scheiden?«

»Es wird mir schwer zu scheiden von der geliebten Heimat, von dem heiligen Rußland; ich liebte es ebenso heiß, wie ich meine Mutter liebte, eine andere Leidenschaft aber hab' ich nie gekannt!«

Maxim schloß die Augen; seine Lippen brannten; sein Atem ging hastig. Nach einigen Augenblicken sah er Sserebrjanyi wieder an.

»Bruder«, flüsterte er, »wenn ich etwas Wasser haben könnte!«

Der Fluß war ganz nah. Der Fürst holte im Helm etwas Wasser herbei und reichte es Maxim.

»So, jetzt fühle ich mich leichter. Richte mich etwas auf und hilf mir das Kreuz schlagen!«

Nikita richtete Maxim auf, der mit mattem Blick um sich sah und die fliehenden Tataren erkannte.

»Sagte ich nicht, daß Gott uns beistehen würde, Nikita Romanyitsch!« meinte er lächelnd. »Sieh, wie sie nach allen Seiten auseinanderstieben. Mir aber wird es dunkel vor den Augen. Ach, könnte ich jetzt doch leben!«

Ein Blutstrom quoll aus seinem Munde.

»Herr, nimm meine Seele zu dir!« flüsterte er und sank tot zurück.

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